Kapitel VI

Es war wieder Sommer, und an Onkel Gusts Hause blühten an der

Gartenseite die Rosen.

So ein Nachhausekommen am Sonnabend, wenn die kleine Bucht im stillen

Abendsonnenschein lag und man das öde Mauergewirr hinter sich wußte,

warf doch einen ganz anderen Schein auf die Dinge. Selbst Tante Jette

schien erträglich, und Mietes Vorzüge waren in ein glänzendes Licht

getreten. In den Jahren, wo andern Mädchen einzelne Gliedmaßen und

Gesichtszüge davonzulaufen scheinen, die dann erst mit achtzehn,

neunzehn Jahren eingeholt werden, war sie immer ein feines, schmuckes,

kleines Mädchen geblieben. Ihr hübsches blondes Haar hing Sonntags

offen über ihren Rücken herunter, und eine blaue Schleife saß an der

Seite. Ihr vornehmes Wesen sagte an so einem Tage jedem, daß sie heute

das gute Kleid trug. Da war freilich wenig mit ihr anzufangen für einen

knapp vierzehnjährigen Quartaner. Aber draußen in der Laube verstanden

sie sich doch recht gut. Dort in der Tischschublade fanden sich Wurst-

und Kuchenstücke, die liebende Fürsorge ihm heimlich aufgehoben hatte.

Wenn sie schon ein wenig alt waren, so sicherte ein Gymnasiastenhunger

doch gnädige Aufnahme. Und während er kauend in dem grünlichen

Blätterdämmern saß, spielte er zuweilen nachlässig mit den feinen,

blonden Haaren. Und der kleine rote Mund neben ihm mit der spitzen,

altklugen Ausdrucksweise war immer in Bewegung, aber der kauende Vetter

war ein guter Zuhörer.

Die lustige Stina, die immer so nett zu ihnen gewesen war, hatte also

auch wieder fortgemußt. Es war doch schrecklich, das war nun schon

das dritte Mädchen, seit er fort war, oder war es die vierte. --

Stina, Jule, Marie, richtig, Emma war da ja noch. -- Und bei dieser

war Mutter richtig toll geworden und hatte sie fast geschüttelt, und

Vater war dann erst recht böse auf Mutter geworden, -- ‚Mama‘ sagte

Miete meistens. -- Und Stina hatte eine Faust gemacht und gesagt, sie

sei man froh, bei so einer geizigen Frau wolle sie gar nicht bleiben.

Aber Vater sei ganz traurig geblieben. Dann warf Miete hastig einen

heimlichen Seitenblick auf den Vetter. Aber der machte ein ganz

unbewegliches, fast böses Gesicht.

„Das ist alles gar nichts für dich,“ sagte er dann in belehrendem Tone

von Swend Michelsen.

Aber Miete lachte hell, daß es vibrierend durch den Garten klang. „Du

Dummer -- ich weiß mehr als du -- bist ja auch nur ein halbes Jahr

älter.“ Dann sah er unbeholfen aus und wußte nicht recht was zu sagen.

An einem sonnigen Sommersonntag war es, daß Lars am Morgen mit beiden

Füßen zugleich aus dem Bett sprang, weil die Sonne so strahlend in sein

Giebelfenster herein schien. Er sah hinaus über Onkels Garten in den

blauen Sommermorgen hinein.

Ringsum hoch, hoch oben zwischen den weißen Cirruswolken und unten

tief unter dem satten, saftstrotzenden Grün war es heut Sonntag. --

Der Sonntag lag blaudämmernd über dem seidenausgespannten kleinen See

und lockte geheimnisvoll in das Wunderdämmern, wo der Wald sich tief

ins Wasser neigte. Und in stillem Sonnenglanze lag er über dem kleinen

Garten und seinen geraden, gelben Wegen. Die alte, grünbewachsene

Urne ragte in feierlicher Ruhe, und der Buchsbaum roch nach Sonne. Am

strahlendsten aber breiteten sich die taufrischen gelben Rosen an der

Laube. Da kleidete sich Lars hastig an. Und als er gefrühstückt hatte,

lief er nach der See hinunter, um seine Schulfreunde vom Frühschiff

abzuholen. -- Als sie wiederkamen, hörten sie Herrn Asmussen in der

Laube sprechen.

Er saß dort fast verborgen hinter dem großen dänischen Zeitungsblatt.

Blaue Rauchwolken quollen gemächlich darüber, und er trommelte langsam

und in kleinen Pausen auf der Tischplatte. Am Tisch stand das neue

Mädchen und räumte den Kaffee fort. Frau Asmussen vertrat heute die

Familie in der Kirche.

Herr Asmussen schmunzelte von Zeit zu Zeit gütig zu dem neuen Mädchen

auf. Und er fragte dies und das, und sie gab Antwort, verlegen und ein

wenig kichernd. Auf dem weißen Tischtuch lag das grünliche Gedämmer,

und goldene Sonnenflecken glitten dazwischen.

Dann fiel das kräftige Tönen heller, starker Kinderstimmen durch

die Luft. Herr Asmussen räusperte sich und hob Zeitung und Zigarre

nachlässig auf. Auf dem gelben Kiesgang traf er Lars mit seinen beiden

Mitschülern und die sonntäglich geputzte Miete.

„Nun wieder Hans und Jakob?“ fragte Herr Asmussen, „warum denn nicht

einmal Swend und Aage?“

„Die waren letzten Sonntag da, Onkel, und Swend will auch gar nicht so

oft, und Tante meint überhaupt, Aage ißt zu viel.“

Miete stieß das neue Mädchen an, und sie kicherten.

„Und dann ist heute Großvaters Sonntag, da gehen wir eben hin.“

„So, so,“ machte Onkel Gust. „Und Miete muß wieder allein bleiben?“

Miete maulte ein wenig, und ihr Vater legte den Arm um ihren Nacken und

streichelte ihre Backe. „Nicht traurig sein, klein Deern.“ Aber Miete

dachte an ihre Locken und rekelte sich aus Vaters Arm heraus.

Die drei Freunde machten, so schnell sie konnten, daß sie aus dem

Garten heraus ins Freie kamen. Leise schwang die Gartenpforte hinter

ihnen her und quietschte ein wenig. -- Bald trabten sie auf dem hellen

Fußsteig über die Koppeln, und das Korn bauschte sich in grünen Wogen

zu beiden Seiten. Hans schwatzte laut und machte große Zeichen in die

Luft und war so eifrig, daß er Lars mit hineinriß. Aber Jakob ging ein

Ende hinterdrein und ließ sich die jungen Ähren durch die Hand gleiten.

Sie waren alle willkommene Gäste unter dem Strohdach, und sie saßen

gedrängt um den braunen Tisch am kleinen breiten Fenster und stippten

schweigend ihre Kartoffeln in die braune Sauce und löffelten ihre

Grütze, als hätten sie nie etwas Besseres geschmeckt. Und Mutter Stina

ging eifrig auf und ab und achtete mit Andacht, ob es ihnen mundete,

und setzte sich endlich in der Küche zu ihrem flüchtigen Mittagsmahl.

Auch diese Stadtkinder hatte schon längst der leise klingende Zauber

dieses heimatwarmen Gehäuses gefangen, und sie hatten sich in die

stille, schlichte Weise hineingepaßt, daß sie mit Großvater redeten,

als wie mit dem Direktor selbst, und Mutter Stina ihre Leiden und

Freuden vertrauten und ihre Sachen zum Stopfen brachten, in unbedingtem

Vertrauen.

Nur einer litt unter ihrem Kommen. Peter Lassen haßte die

Eindringlinge. Mit der ganzen Leidenschaft seiner Jungenseele mißgönnte

er ihnen Lars’ Freundschaft. Jakob war arm und bescheiden. Und weil er

klein und ängstlich war, hatte Peter für ihn nur eine leise Verachtung.

Aber Hans mit seiner großartigen, aufgeregten Art war ihm ein Greul.

Nachdem sie gegessen hatten, fragte Lars den Großvater, ob sie das Boot

haben könnten. Nach alter Weise sah er ihm fest in die Augen.

Großvater trat in die Tür und schnüffelte in die Luft. „Ost Süd-Ost

-- wenn er noch mehr umgeht, gibts ander Wetter. Ihr kommt nicht gut

gegen an, aber wenn ihr zurückkommt, paßt man auf; wo die Hölzung

aufhört, kommt es manchmal unversehens, und es ist böiges Wetter

geworden.“ --

Da kletterten sie in Großvaters Boot, und Lars wies ihnen ernsthaft

ihre Plätze an.

Dann saß er mit unbeweglichem Gesicht am Ruder. Ihm war nun wieder

wohl bis in den tiefsten Grund der Seele hinein. Mit großartiger Miene

und zusammengezogenen Brauen hielt Hans die Segelleine. Aber der

kleine Jakob und Peter saßen auf dem Fischkasten. In Peter Lassens

ganzer Haltung stand es überall geschrieben, daß er ganz und gar nicht

beteiligt sein wollte und ihn das Ganze nichts anging. Die Hände hingen

ihm lässig zwischen den Knien, und die Augen sahen scharf über See.

Sprechen wollte er überhaupt nichts, so schwer es ihm wurde.

Es waren große, wuchtige Wolkengebilde aufgequollen und warfen von

Zeit zu Zeit ihre mächtigen Schatten über die See. Die Farben jagten

sich über die weite Fläche. Jetzt tanzte das Boot durch ein unsäglich

tiefes Blau, nun glitt es durch smaragdgrüne Wunder, nun deckte graue

Öde alles Glänzen, um wieder in Leuchtefarben aufzuglühn. Und ringsum

ein jauchzendes Bewegen, ein rastloses Auf- und Niederkämpfen von

zischenden, platschenden weißen Köpfen und durchleuchteten grünen

Tiefen.

Und wie es ihnen bis auf die Haut und bis ans Herz griff, das salz- und

lebenstarke Sausen, vergaßen die vier ihre eigene junge Wichtigkeit mit

Groll und Würde, und das laute, lachende Geschwätz klang hell in den

sausenden Wind.

Nur Lars blieb still am Ruder sitzen und sah in das endlose Gewoge, und

seine Augen schimmerten dunkel und wechselten wie das Meer, und es war

in ihnen ein großes, unbewußtes Strahlen der Freude.

Sie mußten gegenauf kreuzen, und das Boot tauchte durch die Wellen mit

klatschendem Ton. Der Gischt spritzte über Bord und Hans schrie lachend

auf, wenn ihm das Wasser ins Genick schlug. Sie zogen Großvaters Ölrock

heraus und hängten ihn über Hans’ Schultern. Später fuhren sie ein

wenig unter Land an die andere Seite der Bucht, um zu drehen. Dann

faßte sie bald der Wind mit doppelter Gewalt. Es ging eine steife Böe

über die Bucht.

„Wir wollen doch lieber ein Reff einstecken“, sagte Lars.

„Du Bangbüx,“ schrie Hans zurück, „es ist grade schön.“ Peter Lassen

kriegte schon seine zornigen Augen.

„Ich muß doch das Ganze verantworten vor Großvater. Ich sitze am Ruder,

und ich sage: steckt ein Reff ein!“

Peter Lassen stand gehorsam auf. Gegen den am Ruder war keine

Einwendung zu machen. Aber Hans rührte sich nicht. „Du fürcht’st dich

ja man“, klang es herausfordernd. Da schwang sich Peter über die Duchte

und haute Hans eine Ohrfeige. Glühend vor Zorn warf sich Hans auf ihn.

„Menschen, seid ihr verrückt?“ schrie Lars, „Jakob, die Leine -- die

Segelleine!“ -- Aber schon war es zu spät, das Segel war losgefahren

und schlug donnernd im Wind, und das Boot tauchte und rollte und

schlingerte, wie ein Wesen, das plötzlich den Verstand verloren hat.

Hans und Peter Lassen waren gleichzeitig auf die Duchte gesprungen und

griffen nach dem unschierigen braunen Ungetüm, das sich mit krachendem

Getöse ihrer jungen Kraft entzog. Hans hatte sich weit hinüber

geworfen, und als seinen Händen die rauhen braunen Falten wieder

entglitten, rutschte sein Fuß auf der nassen Bank.

Das Wasser schlug klatschend auf und spritzte hoch in die Luft.

Eine Sekunde starrten die drei auf die Stelle, wo die grünen Wellen

zusammen geschlagen waren, da hatte Peter Lassen schon seine Jacke

heruntergerissen und zerrte wütend an seinen Stiefeln. -- Nur einen

Augenblick stand er dann auf dem Bootrand, streckte die Arme vor, wie

zum Kopfsprung und starrte in die rauschende grünschwarze Tiefe.

Klatsch klang es -- und das Boot schlug gewaltig nach der andern Seite

zurück. Lars aber hatte Jakob bei den Schultern genommen und ihn beim

Ruder hingestoßen. Er drückte seine Hände darum mit hartem Griff. Dann

war es ihm, als fahre es wieder in ihn, wie damals beim Kampfe mit

Aage, wie eine unsinnige Kraft, die ihm heiß und bebend durch alle

Fibern ging. Er stand auf der Duchte und faßte nach dem Segel. Und die

mageren sehnigen Jungenarme griffen in das wogende, schlagende, braune

Gewühl und zwangen es zusammen und faßten die Leine und knoteten sie

fest. Und dann erst blickte er mit großen wilden Augen in das grüne,

sprühende Gewoge.

Da war es -- da glänzte Peter Lassens Kopf auf der Welle. -- Jetzt

tauchte er wieder herunter und verschwand hinter dem Wasserberg.

Und jetzt war er deutlich zu sehn, er ruderte gewaltig und prustete und

spuckte, und mit der rechten Hand zog er etwas Dunkles mit, das von

Zeit zu Zeit unbeholfen im Wasser patschte. --

Lars konnte später selbst nicht sagen, wie er mit dem kleinen Jakob

das Segel umgelegt hatte und zur Stelle zurückgekreuzt war. Aber auf

einmal hatten sie die zwei an der Steuerbordseite, und Lars lehnte sich

hart über Backbord, weil Peter Lassen so schwer am Bootrand zog und der

kleine Jakob mit dem halben Leibe herüberhing, um ziehen zu helfen.

Als Peter Lassen im Boot stand und sich schüttelte wie ein nasser Hund,

war das einzige Wort, das er fand: „He swimmt as Bli, jämmerliche

Landratte, -- so was von swimmen!“

Aber Hans hockte triefend auf der Duchte und sagte gar nichts und sah

aus, als wüßte er noch nicht recht, wer er sei.

Eine Stunde später lag er in Großvaters Bett. Tief drin in der Wand,

wie ein Strandschwalbennest im Loch, war das Bett hinter bemalten

Schiebetüren. Und zwischen Federbetten ragte nur noch seine Nase

heraus, und selbst die Nase sah beschämt aus. Derweilen hing sein

Anzug in der Küche vor einem gewaltigen Feuer.

Als er aber abends in seinem knitterigen feuchten Zeuge neben Jakob auf

dem Schiff stand, das nach der Stadt fuhr, glich er gar nicht mehr dem

großartigen Hans Todtsen von heute morgen, und Jakob sah neben ihm aus,

als sei er gewachsen. Aber Peter Lassen stand am Strande, haute sich

auf die Knie und lachte.

Durch den Nebel: Roman · 第 55 / 90 题