Ein langgliedriger, sehniger Junge von zwölf Jahren war Lars geworden.
Aber die ernsten, sonderbaren Augen, die so aussahen wie das Meer,
hatte er immer noch.
Die Uhr auf dem alten Hof daheim hatte vielemal getickt, und Lars wußte
kaum, wie die Jahre hingerollt waren.
Viele, viele Fahrten ins Land hinaus zur alten Fischerhütte waren es
gewesen und ein stilles Dulden der kleinen Miete und ihrer Liebe und
ein leiser Widerstand und ein leises Mißtrauen gegen Onkel Gust und ein
offener Krieg mit Tante Jette; und nun sollte wieder ein Neues kommen.
Einer von den geheimnisvollen Herbsttagen war es. Hinter weichen,
wallenden Schleiern lag die Welt, und es ließ sich gut von ihr träumen.
-- Hinter den wunderlichen, ziehenden Gebilden mochte sich das
Wunderland verbergen im goldenen Schein, oder war es eine finstere Öde?
Auf dem Schiff, das nach der Stadt fuhr, saß Lars ganz am Ende der
Bank. Er saß ganz vorn im Schiff und hatte das Wasser dicht vor sich.
Mit beiden Händen hielt er seine Reisetasche auf den Knien fest; und
sein kleiner Koffer stand neben ihm.
Onkel Gust ging hierhin und dahin und fand überall gute Freunde und
trank auch wohl einen Kognak, weil der Morgen frisch war.
Aber Lars sah in den Nebel und träumte.
Das Wasser lag da still und dunkel wie ein Spiegel, und alles Ding war
in eine ernste Heimlichkeit getaucht. Auf einem Pfahl saß eine reglose
Möve. Ihr weißes Bild spiegelte sich im schwarzen Grunde, und leise
glitt das Schiff vorüber.
Braune Segel tauchten aus dem lichten Grau und glitten vorüber. Nun
glänzte es auf von lichten Segeln, ein königliches Geschimmer, und die
schwarze Tiefe leuchtete das Bild zurück, dann war der Schoner im Nebel
verschwunden.
Aber lichter und lichter ward der weiche Schleier. -- Nun bauschte er
sich zu riesigen Gebilden, und dazwischen leuchtete es und gleißte auf
der Flut, wie flüssiges Gold, und spann in Wunderfarben in den Lüften,
wie Gewebe lichter Klarheit.
Und nun glitt es voneinander -- und lachend leuchtete im blauen Äther
blendende Sonne.
Da atmete der stille Junge lang und tief auf. Er hatte die Hände um
die Reisetasche gekrampft, regungslos die Wunder geschaut. Ihm war es,
als gleite so sein Leben durch graue Heimlichkeit hinein in goldene
Zukunft. Die Tränen wollten kommen, aber er schluckte sie männlich
hinunter. „Brav und treu“, hatte Großvater beim Abschied gesagt, und
er hatte ihm die Hand darauf gegeben. Er würde jetzt auf sich selbst
stehen, und er wollte ein Mann sein. Darum hatte er auch beim Abschied
von der Mutter nicht geweint, und sie hatte ihm auch nur still mit der
Hand über die kurzen blonden Haare gestrichen.
Alle Sonnabend sollte er zum Onkel nach Hause kommen, und jeden dritten
Sonntag durfte er die Mutter besuchen. Da war es nicht so schlimm. Und
er fuhr ja in das leuchtende Licht hinein. --
Aus bläulichem Dunst tauchten rings die Ufer. -- Auf weiten Koppeln
stand das rotleuchtende Vieh und blickte verwundert und gelassen in das
erwachende Licht und genoß des warmen Scheins. Und bunte Herbstwälder
ragten in die klare Luft und warfen breite, blaue Schatten auf das
Land. Und aus stillen Strohdachhütten stiegen blaue Rauchsäulen
ruhevoll nach oben.
Mit dem warmen Sonnenschein waren auch manche Bekannte von Herrn
Asmussen an Deck gekommen. In behäbiger Zufriedenheit gingen sie
rauchend auf und ab und ordneten den Gang der Welt im allgemeinen
und den Gang des Geschäftes im besonderen. Und was sie sagten, war
meistenteils dänisch.
Und ihre Frauen setzten sich in der Sonne zusammen und zogen die
Häkelarbeit heraus. Und sie waren sehr bedacht auf ihre Vornehmheit und
achteten aufeinander und sprachen freundlich zusammen und hofften, daß
ihre Aussprache für echtes Kopenhagener galt.
Und der kleine Lars saß still am Ende der Bank mit zornigen Augen und
hörte, wie Onkel Gust von Dänemark sprach und von seiner Fürsorge
für das arme Süderjütland, von dem besseren Geschäftsverkehr und den
billigen Prozenten und der deutschen Mißwirtschaft.
Und Lars hörte in Gedanken die stockend langsame Rede des Großvaters,
wenn er von der schönen Schleswig-Holsteinschen Armee erzählte und der
Zeit, als sie in die Schlacht gezogen waren, wie zum Fest, und dann
wurde Großvaters Rede leiser und stockte noch öfter, und er erzählte
vom Tage bei Idstedt, wie sie die schöne Armee verraten hatten, und
wie sie heimgeschickt wurden ins Elend.
Aber keiner achtete auf den kleinen Jungen mit den zornigen Augen.
* *
*
Er wurde in einer Beamtenfamilie untergebracht.
Noch vier Gymnasiasten wohnten dort. Zwei kleine Jungen teilten seine
Stube: Hans Todtsen, der Zapplige -- mit seinem klugen Kopf und seinen
lustigen Einfällen, und der bescheidene, kleine Jakob Lind, der einen
so gerade und freundlich ansehen konnte. Man hatte sie erst vor wenigen
Tagen in der Quinta aufgenommen; auch waren sie jünger als Lars;
aber er hatte doch eine gewisse Hochachtung vor diesen beiden jungen
Städtern.
Auch die beiden andern Jungen, Swend und Aage Michelsen, waren
Stadtkinder, dänischredende Geschwister von der Grenze her. Von ihnen
aber trennte Lars ein weites Meer. Der eine war schon zur Quarta
und der andere sogar schon zur Sekunda hinaufgedrungen. Besonders
der Quartaner ließ es merken, wie weltenhoch er über den drei
Stubennachbarn stand.
Lars nahm die Dinge ernsthaft, und die Aufnahme ins Gymnasium war ihm
ein großer Abschnitt seines jungen Lebens. Wenn ihm auch über dem
Träumen und den Traumfahrten manche Pflichten durch die Finger geronnen
waren, so hatte er im Grunde die Bücher lieb gehabt, und er hatte die
andern rasch eingeholt, wenn er einmal bei der Arbeit war. Obgleich
er in den friedlichen Jahren der Dorfschule manches versäumt hatte,
so bestand er die Aufnahmeprüfung gut. Er war freilich der Älteste in
seiner Klasse.
Wie bei den Wilden in Afrika eine Kunde schneller von Mund zu
Munde fliegt, als wenn der Telegraph sie verbreitet, so wußten die
Gymnasiasten über des Neuen Herkunft Bescheid. Und mehr als die
kühle Nichtachtung der Großen reizte Lars die mitleidige Duldung der
Kleineren. Er war sich oft nicht klar, was ihm so heiß nach dem Kopf
stieg und in die Fäuste fuhr, daß sie den andern nach dem Gesicht
zucken wollten. Aber er wurde nur noch stiller dabei und ging seine
eigenen Wege. -- Und diese Wege führten ihn, so oft er frei war, zur
Stadt hinaus.
Da war sie -- die ihm Heimat, Freund und Spielgefährte war. Und wie in
alten Zeiten lag er im Riedgras und horchte auf ihr Lied, aber es klang
ihm trauriger als damals.
* *
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Die graue Trübe lastete über den steilen grauen Häusern; und über den
Köpfen der Menschen lag sie wie ein Druck, der die Freude verscheucht.
Aber die Schar der Buben im Schulhof achtete weder der kalten Feuchte
noch der lastenden Wolken. Es war da ein buntwogendes Durcheinander
lauter herrisch-froher Töne und wechselnd beweglicher Bilder. Mitten
im toten Grau des sterbenden Jahres war hier ein Stück selbstherrlich
strotzenden Lebens.
„Du, Jakob,“ sagte Aage, „die alte Braunsche ist verrückt, gibt sie
so ’nem Stift die feine Wurst aufs Brot und mir so’n Zeug. Her damit,
Mensch!“
Aber Jakob riß aus mitsamt der Wurst.
Michelsen II war zu dick zum Laufen, aber er kommandierte: „Lind
aus Quinta soll mir gebracht werden.“
Aus der Quarta und Quinta waren dem Dicken ein paar Jungen
verpflichtet. -- Jakob Lind aus Quinta wurde herangeschleppt.
Von allen Jungen war aber der kleine gute Jakob der, den Lars am
liebsten hatte. Und da geschah es, daß ihm der Zorn diesmal so
übermächtig in die Fäuste fuhr, daß er auf den fetten Quälgeist sprang
wie eine wilde Katze.
Michelsen II war ein Tyrann und wegen seiner Mißgunst unbeliebt.
Es hielten wohl manche zu ihm, die an dem rothaarigen Faulpelz wegen
seines Witzes ihren Spaß hatten, oder die er durch sein großes
Taschengeld gewonnen hatte. Aber da der sehnige, kleine Quintaner auf
ihn einsprang, standen sie alle zur Seite und warteten gespannt.
Blaurot vor Zorn, die roten Borsten gesträubt, warf sich der große
Junge mit dem ganzen Übergewicht seines schweren Körpers gegen den
Kleinen.
Lars wurde zurückgedrängt, aber er machte eine wendige Biegung und
hatte den plumpen Großen untergefaßt. Und es war sonderbar, als die
großen, schweren Fäuste ihm auf Kopf und Rücken zu hageln begannen,
wuchs eine Wut in ihm, die mit jedem Schmerz an Kraft zunahm und
ihm in alle Glieder fuhr, daß sie stahlhart wurden und drückten und
preßten und wieder schlugen und zupackten, daß ihm der Atem keuchend
herausfuhr, und er es doch nicht gewahr wurde.
Da tat der unbeholfene Dicke in seinem Bemühen, Lars an die Mauer zu
drängen, einen Fehltritt. Lars aber packte zu, und keiner konnte sagen,
wie es geschah, aber der Dicke lag am Boden, und Lars’ Fäuste trafen
ihn ins Gesicht.
„Den Fuß hast du gestellt, du hast gemogelt,“ schrie der Dicke von
unten herauf.
Aber Michelsen I, der gleichmütig zugesehn hatte, sagte: „Das
ist nicht wahr.“
Da stand Lars auf, blaß und ohne Atem -- aber von dem Tage an achteten
ihn seine Mitschüler, und der kleine Jakob war sein getreuer Anhänger.