Kapitel V

Ein langgliedriger, sehniger Junge von zwölf Jahren war Lars geworden.

Aber die ernsten, sonderbaren Augen, die so aussahen wie das Meer,

hatte er immer noch.

Die Uhr auf dem alten Hof daheim hatte vielemal getickt, und Lars wußte

kaum, wie die Jahre hingerollt waren.

Viele, viele Fahrten ins Land hinaus zur alten Fischerhütte waren es

gewesen und ein stilles Dulden der kleinen Miete und ihrer Liebe und

ein leiser Widerstand und ein leises Mißtrauen gegen Onkel Gust und ein

offener Krieg mit Tante Jette; und nun sollte wieder ein Neues kommen.

Einer von den geheimnisvollen Herbsttagen war es. Hinter weichen,

wallenden Schleiern lag die Welt, und es ließ sich gut von ihr träumen.

-- Hinter den wunderlichen, ziehenden Gebilden mochte sich das

Wunderland verbergen im goldenen Schein, oder war es eine finstere Öde?

Auf dem Schiff, das nach der Stadt fuhr, saß Lars ganz am Ende der

Bank. Er saß ganz vorn im Schiff und hatte das Wasser dicht vor sich.

Mit beiden Händen hielt er seine Reisetasche auf den Knien fest; und

sein kleiner Koffer stand neben ihm.

Onkel Gust ging hierhin und dahin und fand überall gute Freunde und

trank auch wohl einen Kognak, weil der Morgen frisch war.

Aber Lars sah in den Nebel und träumte.

Das Wasser lag da still und dunkel wie ein Spiegel, und alles Ding war

in eine ernste Heimlichkeit getaucht. Auf einem Pfahl saß eine reglose

Möve. Ihr weißes Bild spiegelte sich im schwarzen Grunde, und leise

glitt das Schiff vorüber.

Braune Segel tauchten aus dem lichten Grau und glitten vorüber. Nun

glänzte es auf von lichten Segeln, ein königliches Geschimmer, und die

schwarze Tiefe leuchtete das Bild zurück, dann war der Schoner im Nebel

verschwunden.

Aber lichter und lichter ward der weiche Schleier. -- Nun bauschte er

sich zu riesigen Gebilden, und dazwischen leuchtete es und gleißte auf

der Flut, wie flüssiges Gold, und spann in Wunderfarben in den Lüften,

wie Gewebe lichter Klarheit.

Und nun glitt es voneinander -- und lachend leuchtete im blauen Äther

blendende Sonne.

Da atmete der stille Junge lang und tief auf. Er hatte die Hände um

die Reisetasche gekrampft, regungslos die Wunder geschaut. Ihm war es,

als gleite so sein Leben durch graue Heimlichkeit hinein in goldene

Zukunft. Die Tränen wollten kommen, aber er schluckte sie männlich

hinunter. „Brav und treu“, hatte Großvater beim Abschied gesagt, und

er hatte ihm die Hand darauf gegeben. Er würde jetzt auf sich selbst

stehen, und er wollte ein Mann sein. Darum hatte er auch beim Abschied

von der Mutter nicht geweint, und sie hatte ihm auch nur still mit der

Hand über die kurzen blonden Haare gestrichen.

Alle Sonnabend sollte er zum Onkel nach Hause kommen, und jeden dritten

Sonntag durfte er die Mutter besuchen. Da war es nicht so schlimm. Und

er fuhr ja in das leuchtende Licht hinein. --

Aus bläulichem Dunst tauchten rings die Ufer. -- Auf weiten Koppeln

stand das rotleuchtende Vieh und blickte verwundert und gelassen in das

erwachende Licht und genoß des warmen Scheins. Und bunte Herbstwälder

ragten in die klare Luft und warfen breite, blaue Schatten auf das

Land. Und aus stillen Strohdachhütten stiegen blaue Rauchsäulen

ruhevoll nach oben.

Mit dem warmen Sonnenschein waren auch manche Bekannte von Herrn

Asmussen an Deck gekommen. In behäbiger Zufriedenheit gingen sie

rauchend auf und ab und ordneten den Gang der Welt im allgemeinen

und den Gang des Geschäftes im besonderen. Und was sie sagten, war

meistenteils dänisch.

Und ihre Frauen setzten sich in der Sonne zusammen und zogen die

Häkelarbeit heraus. Und sie waren sehr bedacht auf ihre Vornehmheit und

achteten aufeinander und sprachen freundlich zusammen und hofften, daß

ihre Aussprache für echtes Kopenhagener galt.

Und der kleine Lars saß still am Ende der Bank mit zornigen Augen und

hörte, wie Onkel Gust von Dänemark sprach und von seiner Fürsorge

für das arme Süderjütland, von dem besseren Geschäftsverkehr und den

billigen Prozenten und der deutschen Mißwirtschaft.

Und Lars hörte in Gedanken die stockend langsame Rede des Großvaters,

wenn er von der schönen Schleswig-Holsteinschen Armee erzählte und der

Zeit, als sie in die Schlacht gezogen waren, wie zum Fest, und dann

wurde Großvaters Rede leiser und stockte noch öfter, und er erzählte

vom Tage bei Idstedt, wie sie die schöne Armee verraten hatten, und

wie sie heimgeschickt wurden ins Elend.

Aber keiner achtete auf den kleinen Jungen mit den zornigen Augen.

* *

*

Er wurde in einer Beamtenfamilie untergebracht.

Noch vier Gymnasiasten wohnten dort. Zwei kleine Jungen teilten seine

Stube: Hans Todtsen, der Zapplige -- mit seinem klugen Kopf und seinen

lustigen Einfällen, und der bescheidene, kleine Jakob Lind, der einen

so gerade und freundlich ansehen konnte. Man hatte sie erst vor wenigen

Tagen in der Quinta aufgenommen; auch waren sie jünger als Lars;

aber er hatte doch eine gewisse Hochachtung vor diesen beiden jungen

Städtern.

Auch die beiden andern Jungen, Swend und Aage Michelsen, waren

Stadtkinder, dänischredende Geschwister von der Grenze her. Von ihnen

aber trennte Lars ein weites Meer. Der eine war schon zur Quarta

und der andere sogar schon zur Sekunda hinaufgedrungen. Besonders

der Quartaner ließ es merken, wie weltenhoch er über den drei

Stubennachbarn stand.

Lars nahm die Dinge ernsthaft, und die Aufnahme ins Gymnasium war ihm

ein großer Abschnitt seines jungen Lebens. Wenn ihm auch über dem

Träumen und den Traumfahrten manche Pflichten durch die Finger geronnen

waren, so hatte er im Grunde die Bücher lieb gehabt, und er hatte die

andern rasch eingeholt, wenn er einmal bei der Arbeit war. Obgleich

er in den friedlichen Jahren der Dorfschule manches versäumt hatte,

so bestand er die Aufnahmeprüfung gut. Er war freilich der Älteste in

seiner Klasse.

Wie bei den Wilden in Afrika eine Kunde schneller von Mund zu

Munde fliegt, als wenn der Telegraph sie verbreitet, so wußten die

Gymnasiasten über des Neuen Herkunft Bescheid. Und mehr als die

kühle Nichtachtung der Großen reizte Lars die mitleidige Duldung der

Kleineren. Er war sich oft nicht klar, was ihm so heiß nach dem Kopf

stieg und in die Fäuste fuhr, daß sie den andern nach dem Gesicht

zucken wollten. Aber er wurde nur noch stiller dabei und ging seine

eigenen Wege. -- Und diese Wege führten ihn, so oft er frei war, zur

Stadt hinaus.

Da war sie -- die ihm Heimat, Freund und Spielgefährte war. Und wie in

alten Zeiten lag er im Riedgras und horchte auf ihr Lied, aber es klang

ihm trauriger als damals.

* *

*

Die graue Trübe lastete über den steilen grauen Häusern; und über den

Köpfen der Menschen lag sie wie ein Druck, der die Freude verscheucht.

Aber die Schar der Buben im Schulhof achtete weder der kalten Feuchte

noch der lastenden Wolken. Es war da ein buntwogendes Durcheinander

lauter herrisch-froher Töne und wechselnd beweglicher Bilder. Mitten

im toten Grau des sterbenden Jahres war hier ein Stück selbstherrlich

strotzenden Lebens.

„Du, Jakob,“ sagte Aage, „die alte Braunsche ist verrückt, gibt sie

so ’nem Stift die feine Wurst aufs Brot und mir so’n Zeug. Her damit,

Mensch!“

Aber Jakob riß aus mitsamt der Wurst.

Michelsen II war zu dick zum Laufen, aber er kommandierte: „Lind

aus Quinta soll mir gebracht werden.“

Aus der Quarta und Quinta waren dem Dicken ein paar Jungen

verpflichtet. -- Jakob Lind aus Quinta wurde herangeschleppt.

Von allen Jungen war aber der kleine gute Jakob der, den Lars am

liebsten hatte. Und da geschah es, daß ihm der Zorn diesmal so

übermächtig in die Fäuste fuhr, daß er auf den fetten Quälgeist sprang

wie eine wilde Katze.

Michelsen II war ein Tyrann und wegen seiner Mißgunst unbeliebt.

Es hielten wohl manche zu ihm, die an dem rothaarigen Faulpelz wegen

seines Witzes ihren Spaß hatten, oder die er durch sein großes

Taschengeld gewonnen hatte. Aber da der sehnige, kleine Quintaner auf

ihn einsprang, standen sie alle zur Seite und warteten gespannt.

Blaurot vor Zorn, die roten Borsten gesträubt, warf sich der große

Junge mit dem ganzen Übergewicht seines schweren Körpers gegen den

Kleinen.

Lars wurde zurückgedrängt, aber er machte eine wendige Biegung und

hatte den plumpen Großen untergefaßt. Und es war sonderbar, als die

großen, schweren Fäuste ihm auf Kopf und Rücken zu hageln begannen,

wuchs eine Wut in ihm, die mit jedem Schmerz an Kraft zunahm und

ihm in alle Glieder fuhr, daß sie stahlhart wurden und drückten und

preßten und wieder schlugen und zupackten, daß ihm der Atem keuchend

herausfuhr, und er es doch nicht gewahr wurde.

Da tat der unbeholfene Dicke in seinem Bemühen, Lars an die Mauer zu

drängen, einen Fehltritt. Lars aber packte zu, und keiner konnte sagen,

wie es geschah, aber der Dicke lag am Boden, und Lars’ Fäuste trafen

ihn ins Gesicht.

„Den Fuß hast du gestellt, du hast gemogelt,“ schrie der Dicke von

unten herauf.

Aber Michelsen I, der gleichmütig zugesehn hatte, sagte: „Das

ist nicht wahr.“

Da stand Lars auf, blaß und ohne Atem -- aber von dem Tage an achteten

ihn seine Mitschüler, und der kleine Jakob war sein getreuer Anhänger.

Durch den Nebel: Roman · 第 54 / 90 题