Kapitel III

Zuerst war es wie ein würgender Schmerz abends, wenn er im Bett lag.

Er drückte dann die Augen fest zu und versuchte zu fühlen, daß er

in seiner Kammer war, daheim auf dem Hof. Er dachte an den tiefen

Schlag der Uhr auf der Diele, und dann war es auf einmal Morgen, und

er stand draußen unter der Kastanie, und Sommertag war es, blauer,

golddurchwirkter Sommertag.

Und die See rauschte. Er lag im Strandgras, und die See rauschte.

Hier rauschte sie nicht so laut. Hier war sie fast überall begrenzt von

hügeligen Ufern. Dafür lag aber Großvaters Haus hart am Strand.

Mit der Zeit kam das furchtbare Würgen und Hungern nach den weißen

Mauern, nach dem plätschernden Wasserstrahl, nach dem warmen

Kuhstallduft und den tausend andern Dingen seltener und seltener, und

es lag über dem allen wie ein dunstig blauer Schleier, bis sie mehr und

mehr verschwammen. Dafür aber nahmen die Dinge um ihn her an Saft und

Farbe zu.

Sie saßen in einem kleinen Hause, aber sie saßen warm und gut, die

beiden Heimatlosen.

Es war still um den kleinen Jungen, denn der alte Fischer Klaas Klaaßen

war ein stiller Mann. Mutter Justina und ihr alter Vater waren aus

einem Holz geschnitten, und sie hatten sich nicht viel zu sagen. Aber

sie hatte sich nicht weiter besonnen und war mit ihrem Kinde zu ihm

gekommen, als sie im Unglück saß.

Klaas Klaaßen hatte keine Worte gemacht. Er war vom Fischen zu Hause

geblieben, obgleich er wußte, daß die Heringe in der Föhrde waren

und das Wetter gut war, und hatte wie verzweifelt in der alten Truhe

gesucht und im Schrank, wo Mutter-selig das Bettzeug aufhob. Und die

guten Tassen hatte er auf den Tisch gestellt und sein Sonntagszeug

angezogen.

Und so saß er schon lange auf dem Lehnstuhl, als sie ankamen.

Dann hatte er bald Lars zwischen seine Knie gestellt und ihm immer mit

der harten, schweren Hand über den hellen Kopf gestrichen.

Lars aber sah ihm fest in die freundlichen Augen, die so aussahen, als

blickten sie von weit -- weit her und hätten dort wunderlich ernste

Dinge gesehn.

Es mochten die guten Augen sein, die immer von Treuhalten reden

wollten, oder war es der Schalk, der irgend wo zwischen den Runzeln

versteckt saß -- aber Lars faßte ein Zutrauen zu seinem Großvater.

* *

*

Seit seine Kinder in die Welt hinaus waren und seine alte Frau ihre

erste große Reise ohne ihn hatte antreten müssen, hatte Klaas Klaaßen

nur einen einzigen Freund. Des Sonntags, wenn er nicht hinausging, und

an langen Winterabenden, da redete er manche Stunde mit ihm. Seine alte

Stina-Marie hatte sich schon weidlich über diesen Freund geärgert, und

damals war er doch noch stiller und kleiner gewesen.

Fischer Klaaßen war immer einer von den Ordentlichen und hatte manchen

Pfennig zurückgelegt. Mutter Stina-Marie aber war geizig mit dem

Geld, denn sie wollte alles für die Kinder zurückgelegt haben. Aber

Klaas Klaaßen war eigensinnig, und wenn er doch nicht trank und nicht

spielte, so wollte er wenigstens seinen Freund haben.

Und so hatte er sich ein Harmonium gekauft.

Er studierte in den Büchern und probierte und probierte wieder, bis er

es endlich heraus hatte. Und nun saß er mit seinen schweren, steifen

Händen und einem versonnenen Gesicht; aber einem Licht in den Augen,

wie ein Jugendschein, Stunde um Stunde, und redete mit seinem Freunde.

Und seit die Alte tot und die Kinder versorgt waren, hatte er sich ein

größeres erstanden. Und nun quoll und brauste es manchmal im Dämmern

aus der Strohdachhütte, daß die Nachbarn die Köpfe schüttelten. Aber

die Töne woben und breiteten sich über den kleinen Garten hin und

weit hinauf in die alten Eschen und bis hinunter an das weite, graue

Wasser. Und die Eschen und die wogende Weite gaben Antwort in tiefem

ernsten Rauschen. Die alte Stina-Marie hatte es nicht recht ertragen

können, dies endlose Brausen und Rauschen, und war manchmal zu ihrer

Schwestertochter hinüber gegangen, die in der Nähe wohnte. Das hatte

Klaas Klaaßen nicht weiter gestört.

Aber nun war es anders. Seine Tochter Justina Asmussen hörte dies

ernste Tönen gern. Sie saß dann über ihre Arbeit gebeugt mit ihrem

stillen, schmalen Gesicht und sann in sich hinein.

Lars hatte es gleich gefaßt, wie ein Zauber. Und Großvater sah gütig

zur Seite, wo der kleine Junge neben ihm lehnte mit weit offenen

Augen, und spielte ein Lied, das er kannte, und brummte es leise

vor sich hin; und erst leise und immer lauter und heller fiel die

frische Kinderstimme ein, bis es ihnen endlich zur Gewohnheit wurde,

so zusammen Musik zu machen in dem engen, traulichen Gehäuse vor der

stillen Frau im spärlichen Trauerkleide.

Manchmal nahm Großvater den Jungen mit hinaus aufs Meer. Um ihn wogte

es und wallte, zischte und klatschte, und seine Freunde, die Möven,

waren dicht um ihn her. Er hielt sich mit beiden Händen fest an dem

Brett, auf dem er saß, und staunte hinein in das Auf und Nieder des

grauen Geschiebes. Er wagte kaum zu atmen und sprach kein einzig Wort.

Aber es war eine Luft in ihm und ein jauchzendes Entzücken.

Lars hatte aber noch eine Freude: sein Freund Peter Lassen wohnte seit

einiger Zeit in dem andern Strohdachhause dicht am Strand. Fischer

Lassen war vor kurzem hierhergezogen. Nun gingen die zwei wieder

wie sonst zusammen den weiten Weg in die Schule. Und seit er größer

geworden war, erlaubte Lars dem andern mitunter, am Strande mit ihm

zu spielen. Einem andern hätte Lars das nie gestattet, denn er war am

liebsten für sich mit der See und seinen wunderlichen Gedanken. Aber

Peter Lassen war ein Fischerkind und kannte die See und wußte manches

zu erzählen, denn er war älter als Lars. Und er hatte schon manche

Erlebnisse mit der grauen, wogenden Alten.

Sie hatte ihn wieder mit feinen, unsichtbaren Fingern herangezogen,

die graue, ruhelose See. Ihr brausendes Lied und ihre stille Weite

durchwoben sein Denken und Fühlen, daß er ihr verstrickt ward mit

tausend unsichtbaren Fäden.

Es kamen wenig Menschen ins Fischerhaus.

Dem raschen, unruhigen Peter Lassen mit seinen hübschen, klugen

Blauaugen war es wohl in dem warmen Gehäuse. Dort konnte er lange brav

und still hocken, und Frau Lassen sagte, Mutter Asmussen habe nähere

Bekanntschaft mit ihrem Jungen als sie selbst.

Zwei- oder dreimal war oben vom Flecken Kaufmann Asmussen, Lars’

Vatersbruder, bei ihnen eingekehrt. Er sah dem freundlichen Herrn

Christian ähnlich, nur etwas Würdigeres hatte er. Er sprach väterlich

gütig mit dem kleinen Lars, und seine Stimme hatte einen Klang, als

hole er sie tief aus seinem behäbigen Fett herauf. Und er klopfte ihm

auf den Kopf und fragte nach seinen Schularbeiten und sprach laut, als

ob Lars noch nicht verstehen könne, und mit einem scherzenden Klang.

Lars mochte den Onkel nicht, und als er ihn einmal mit hinaufnahm, um

mit seinem kleinen Mädchen zu spielen, sagte er vor Zorn den ganzen

Nachmittag kein Wort.

* *

*

Es war an einem Sonntagnachmittag. Lars hatte mit Peter Lassen eine

weite Entdeckungsfahrt den Strand hinunter gemacht. Da kam ihm Onkel

Gust in der Haustür entgegen. Er hielt Lars’ Hand fest und klopfte

ihm auf die Backe, sagte ein paar freundliche Worte mit seiner dicken

Stimme und ging dann lachend weiter.

Als Lars in die Stube kam, saß Großvater am Harmonium, aber er spielte

nicht. Er hatte die Hände auf die Knie gestützt und sah still und

steif vor sich hin. Aber Mutter hatte die Hände vor dem Gesicht, und

als Lars an der Tür stehn blieb und sich mit großen verwunderten Augen

umschaute, da sah er, daß ganz, ganz langsam große Tropfen durch

Mutters Finger rannen und ganz, ganz langsam auf das schwarze Kleid

fielen.

Durch den Nebel: Roman · 第 51 / 90 题