Es war nun kein Zweifel mehr, die goldenen Schätze des Sommers waren
verloren gegangen. Das Korn in den Diemen war verfault.
Wenn Mutter jetzt des Abends im Wirtshaus Herrn Asmussen auf die
Schulter tippte: „Crischan, Crischan,“ sagte er nicht einmal: „Gleich,
gleich;“ er ruckte die Schulter zur Seite und sah in die Karten oder in
seinen Grog. Und einer von den Stammgästen mußte ihn fast jeden Abend
am Arm nach Hause führen.
Und es kam eine Nacht, in der horchte Mutter Stunde um Stunde auf den
tiefen Schlag der Uhr draußen auf der Diele. Aber Herr Asmussen kam
nicht.
Ticke-tack! sagte die Uhr, und Mutter hörte den harten Klang in der
Kammer. Und es war ihr, als schreite die Zeit mit harten Füßen über sie
hin, weiter -- weiter, über Lust und Leid, weiter -- weiter. Und es
war, als müßte sie halten und hemmen, aber es ging weiter, ticke-tack,
mit harten Füßen weiter -- weiter. Da konnte sie es nicht mehr ertragen
im Bett, zog sich hastig an und ging zu Lars hinein.
Lars warf sich im Bette hin und her, und endlich machte er langsam
die Augen weit auf. Da stand wahrhaftig im Mondschein Mutter an seinem
Bett, ganz still, und starrte und starrte Lars ins Gesicht. Und ganz
schlaftrunken sah Lars wieder hinauf, ohne sich zu regen, noch halb im
Traume, aber in großem Verwundern.
Und als sie sich so eine Weile angesehen hatten und draußen mit harten
Tritten die Zeit weiterging, da kam ein Ton. -- -- Mutter fuhr zusammen
und ging zur Tür hinaus, aber Lars war nun völlig wach und setzte sich
im Bette auf. Da kam der Ton wieder -- ein lautes, dröhnendes Klopfen
an der Haustür.
Und dann kam es herauf aus der dunklen, stillen Nacht, ein unheimlicher
Klang um den andern. Es durchzog das stille Haus, und Lars saß zitternd
in seinem Bett und lauschte. Erst war es wie das Scharren von vielen
Füßen, gedämpft, als träten sie leise auf, und ein Flüstern und Raunen,
wie von leisen Männerstimmen, und dann ein Rücken und Poltern und
wieder das Raunen und Scharren.
So ging es eine Weile und wollte nicht verstummen. Lars hätte gerne
geweint vor Angst, aber er wagte es nicht.
Dann klangen die Laute wieder auf der Diele, und dann schlug dumpf
die Haustür, und nur die alte Uhr ging ticke-tack über der Menschen
Lebenswege weiter.
Der Mond schien nicht mehr ins Zimmer. Die Dunkelheit lag über Lars
wie eine erstickende Decke. Aber aus der schwarzen Tiefe kam noch ein
Klang bis zum kleinen lauschenden Jungen. Es währte eine Weile, bis er
ihn unterschied; dann wußte er endlich, was es war. Von nebenan aus der
schrecklichen Nachtstille kam ein Schluchzen, ein herzbrechendes Weinen.
Er wußte selbst nicht, woher ihm der Mut gekommen war; aber auf
einmal lief er draußen über die Diele, und seine kleinen bloßen Füße
klatschten auf die Steinfließen.
Unter der Tür zum Schlafzimmer der Eltern lag ein heller, gelber
Schein. Da schob er sich leise ins Zimmer. Vater lag auf seinem Bett,
den Kopf ein wenig hintenüber, und er sah so sonderbar aus. Mutter
aber kniete auf der Erde und schluchzte und schluchzte. Und auf einmal
packte Lars das Grausen noch ärger als vorhin, und er hastete hinaus
und in sein Bett. Die Decke zog er weit hinauf und lag noch lange mit
weit offenen Augen zitternd da.
* *
*
Es tat den Leuten allen leid. Und Herrn Asmussens Freunde kamen alle
mit ihren Frauen. Und die Frauen setzten sich auf das gute Plüschsofa
und hatten das Taschentuch in der Hand und sagten schöne, tröstliche
und fromme Dinge. Aber Frau Asmussens Gesicht lag immer unter dem
großen Schweigen. Sie sah zur Seite und sagte meist kein Wort. Da
gingen sie wieder und fanden, daß man ihr die niedere Herkunft anmerke.
Auch von den kleinen Leuten kamen manche, die sahen ihr fest in die
Augen und gaben ihr still die Hand. Und manche sagten ihr, daß ihnen
Herr Asmussen da und da geholfen hätte, und daß sie ihn nicht vergessen
würden.
Aber sie konnten es doch alle nicht ändern, daß die fremden Männer
kamen und in Herrn Asmussens Büchern rechneten und durch das Haus
gingen und auf die alten edelgeformten Spiegel und Stühle und auf die
glänzenden neuen Möbel Zettel klebten. Und im Stall und der Scheune
redeten sie breit und laut; und in der Küche saß die Magd am Tisch und
weinte; und der junge Knecht ließ sich von dem alten noch einmal sagen,
wie es zugegangen sei, daß der gute Hof so verschuldet wurde, und daß
für den kleinen Lars, nun da seinen Vater im Rausch der Schlag gerührt
habe, so gut wie gar nichts geblieben sei.
* *
*
Es war an einem windigen Wintertage. Die öde, graue Kälte drängte und
pfiff ums Haus und trachtete schon Besitz zu nehmen von den herrenlosen
Räumen. Mutter hatte Lars bei der Hand genommen und war noch einmal
in jedes Zimmer gegangen. Und es war als atmeten die alten Möbel und
sprächen mit einer leisen singenden Stimme und als strömten sie eine
Wärme aus trotz der frostigen Öde vor den Fenstern.
Dann hatte sie den Mägden und Knechten die Hand gegeben. -- Lars’
Hand war ganz naß, weil Trina so darauf geweint hatte. Und dann fuhr
der Wind in Mutters kümmerliches, schwarzes Kleid und wippte den
Crêpeschleier auf ihrem Hute auf und nieder. Aber Mutters stilles
Gesicht zuckte nicht; es war nur noch schmaler und blasser. Sie hielt
Lars ganz fest und ging zum Wagen. Da packte sie den Jungen warm ein,
und dann setzte sie sich neben ihn. -- Kutscher Maaß schlug mit den
Zügeln und schnalzte mit der Zunge, dann rasselten sie fort.
An der Ecke sah sich Lars noch einmal um. Er wußte ganz genau, daß
es ein Abschied war fürs ganze Leben. Er sah das große Strohdach mit
dem Loch und den Wasserstrahl vom Brunnen mitten im Hof, und es war,
als ginge etwas entzwei in seiner kleinen Brust; aber er sagte kein
einziges Wort, und Mutter hatte sich nicht einmal umgesehen.