Als in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts durch die Ungunst des

Konkurrenzkampfes auf dem Silbermarkt der Bergbau dahinsiechte,

dachte die 1860 begründete Marienberger Silberbergbaugesellschaft

noch einmal daran, dem Lautaer Bergbau auf der Grube Vater Abraham

durch den Neuglücker Stolln wieder aufzuhelfen. Als man sich aber

durch den Einbau einer leistungsfähigen Wassersäulenmaschine in den

Rudolphschacht nicht mehr viel vom Neuglücker Stolln versprach, hörte

man 1872 etwa in der Höhe des Prinzeß-Marien-Turmes mit dem Forttrieb

des Stollens auf, ohne das jahrhundertelang erstrebte Ziel erreicht zu

haben.

Den letzten Versuch, das gesamte Marienberger Gebiet durchgreifend

aufzuschließen und durch einen ganz tiefen Stolln zu lösen, unternahm

die Gewerkschaft »Vater Abraham« mit dem vom Zschopauufer ausgehenden,

schon 1592 erwähnten _Hilfe-Gottes-Stolln_, dessen Mundloch bei etwa

dreihundertachtzig Meter Höhe hinter einem Hause (unter dem ~a~ am

Bahnhof Wolkenstein, Meßtischblatt) in die Felswand führt. (Abb. 6.)

Der Stolln wurde vom Jahre 1900 ab großzügig aufgewältigt und mit

Preßluftbohrmaschinen auf das Kiesholz zu getrieben. Als der Stolln

eintausendvierhundertzweiundzwanzig Meter siebzig Zentimeter Länge

erreicht hatte, also fast bis zum »Himmelreich« gekommen war, erschien

das Gesetz vom 4. Mai 1904, die Aufhebung einer Bergbegnadigung

betreffend, wodurch die Unterstützungsgelder versiegten. Damit war dem

Marienberger Silberbergbau der Totenschein ausgestellt.

Fußnoten:

[1] Paul Roitzsch, Festschrift zur Feier des 400jährigen

Bestehens der Stadt Marienberg, Druck von Neubert und

Mehner, Marienberg 1921.

[2] Der Felberische Zug wurde 1539 fündig.

Der alte Schrank

Nach einer wahren Begebenheit erzählt von _Max Wenzel_, Chemnitz

Wo der Weg über die Höhe führt, lag stolz und stattlich am Bergeshang

das alte Wagnergut und sah behäbig auf die Güter und Hütten des

Dorfes, es blinzelte mit einem schiefen Blick auf die neuzeitlichen

Ziegelwohnbauten und warf den drei Fabrikessen ein paar böse Augen zu.

Mitten im Hof stand eine alte mächtige Linde; und wenn der Abend kam,

da saßen unter ihr die Nachbarn, Freunde und Gevattern, tauschten die

Neuigkeiten des Tages aus, nörgelten, zankten und lamentierten, und

ihr Lachen und Schnattern war weithin zu hören. Und wenn es dunkel

ward, soll auch allerlei leises Liebesgeflüster zu hören gewesen sein.

Sauber war der Hof. Da lag kein unnützes Geröll umher. Das Mauerwerk

war schön geweißt, und die schwarzen Balken des Fachwerks hoben sich

selbstgefällig ab, gerade als wollten sie sagen: »Wir machen die

Schönheit des Hauses erst aus!«

Ja, schön sollte es sein auf dem ganzen Gut, das war der Stolz des

alten Wagnerfried. Was an Schönheitssinn und Schönheitsfreude in einem

schlichten Bauersmann stecken kann, das lag dem Fried im Blute. Seit

seinem Urgroßvater war der Hof im Besitze der Wagners, und alle hatten

an schönem Hausgedinge ihre Freude gehabt. Da gab es keine neumodischen

Vertikos und Regulatoren, da fehlten die unmöglichen Bilder aus der

Lottobude an den Wänden, da stand kein Gestühl umher, das nach und nach

aus einem Abzahlungsbazar der Großstadt eingewandert war. Ein mächtiger

grüner Kachelofen nahm die Ecke ein. Eine schwere Ofenbank mit bunten

Vorhängen, hinter denen sich die zum Trocknen hineingestellten Stiefel

versteckten, zwang förmlich zum Ausruhen. Auf der Bank spann die große

Hauskatze ihre Melodien, und eine mächtige alte Standuhr, mit bunten

Blumen bemalt, zählte den Bauersleuten die Tagesstunden vor. In der

Ecke am Fenster stand der schwarze Tisch mit einer Wachstuchdecke,

und zum Sitzen luden eine Eckbank und einige handfeste Holzstühle mit

breiten Lehnen ein, in die neckisch ein kleines Herz geschnitten war.

Teller und Schüsseln, Gläser und Tassen blitzten aus einem Wandbrett

heraus, das in die Wand hineingemauert war und auf diese Weise wenig

Platz wegnahm. Aber was für eine Pracht stand auf den Wandbrettern

rings um die Stube? Da war zinnernes Gerät, kunstvoll und schmuck,

Kannen, Krüge, Teller und Schüsseln, Lampen und Leuchter, wer es

sah, hatte seine Freude daran! Und was lachte dort von der Wand her?

Ein ganz prachtvoller Schrank, herrlich bemalt, und oben waren zwei

Herzen mit einer Jahreszahl. Der Schrank stammte aus dem Hausrat des

Urgroßvaters, aber man sah ihm sein Alter beileibe nicht an, seine

Blumen glänzten und glühten noch genau so, wie vor einhundertundfünfzig

Jahren. Dieser Schrank war die besondere Freude des alten Wagner.

An Wintersonntagen, wenn Bauernfeiertag war, saß er stundenlang auf

der Ofenbank, blies bläuliche Wolken aus seiner Tabakspfeife und

streichelte mit seinen Augen das alte Erbstück. Da gingen sie alle

an ihm vorbei, die mit denselben Blicken die kunstvollen Blumen und

Ornamente betrachtet hatten, und alle waren aus seinem Geschlechte

gewesen. Und wenn sein einziger Junge, sein Otto, einst an dieser

Stelle sitzen würde, würde er mit denselben Gefühlen den alten Schrank

besehen, und unter denen, die vorbeizögen, würde auch der alte Fried

sein. Der Baum im Hof und der alte Schrank, das war die Familienchronik

des Wagnerschen Geschlechts, aber sie offenbarten ihre Geheimnisse nur

solchen, die helle Augen und ein warmes Herz hatten.

Es war wirklich so, der alte Wagnerfried, mit seiner braven, freilich

etwas zarten Frau und seinem gutgeratenen Jungen, war zu beneiden. Da

er aber bescheiden für sich dahinlebte und das Sprichwort befolgte:

»Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen«, hatte er keinen Feind im

Orte.

Das hätte nun alles ganz schön und gut sein können, wenn der Krieg

nicht gekommen wäre. Unter denen, die zuerst hinaus mußten, war der

Wagner Otto. Und es war kein Monat ins Land gegangen, da stand er schon

in der Verlustliste als »vermißt«, und nach einigen Wochen schrieb

der Hauptmann, der Gefreite Otto Wagner sei in der Marneschlacht

gefallen. Da saß der Alte wieder auf seiner Ofenbank, aber die Blumen

des Schrankes leuchteten nur traurig, wie aus dem Nebel, denn der

Alte hatte Wasser in den Augen. Ein Unglück kommt selten allein. Die

Wagnermutter siechte seit dem Unglückstage, der die schlimme Nachricht

gebracht hatte, dahin. Und es kam wieder ein Tag, der den Alten fast zu

Boden drückte – als er am Abend nach dem Begräbnis seines Weibes allein

in der Stube saß. Diesmal halfen ihm die Geister seiner Vorfahren

nicht, sie waren vor der schweren Not der Zeit in die dunkelsten Winkel

des Hofes entwichen, als wenn sie das Elend des Letzten ihres Stammes

nicht mit ansehen könnten.

Mit dem Alten ging es, wie man zu sagen pflegt, den Drachenberg hinab.

Für wen sollte er noch sorgen und schaffen? Hatte er ein Gerät in die

Hand genommen, so konnte es geschehen, daß er es in Gedanken wieder

hinlegte, ohne die Arbeit gemacht zu haben. Fragte ihn der Knecht,

was er schaffen sollte, sah er ihn wohl eine Weile an und sagte dann:

»Machs när, wie du denkst!«

Daß es so mit dem Gute nicht weitergehen konnte, ward auch dem

Wagnerfried klar. Nun war in dem Dorfe der Viehhändler Schramm. Er

hatte die ganze Zeit daher nicht im besten Rufe gestanden, galt als roh

und sein Weib als schlampig. Saß viel im Gasthof und war nur an einer

Stelle des Dorfes gut angeschrieben, an der schwarzen Tafel des Wirtes

nämlich. Aber seit der Krieg war, wurde es anders. Es hieß, er habe

große Vieheinkäufe für das Militär vermittelt und sei dabei zu Federn

gekommen. Jetzt flogen ihm die Scheine nur bloß so aus der Hand und an

seinem Tisch im Wirtshaus floß der Schnaps in Strömen. Es hieß auch,

er ginge damit um, sich ein Gut zu kaufen. Und endlich ging auch die

Rede, er stehe mit dem Wagnerfried in Unterhandlung. So war es auch.

Er bekam den Hof für einen Pappenstiel. Aber es hörte sich ihm gut zu,

wenn er dem Alten treuherzig versicherte: »Fried, dich bränge mer schie

miet dorch. Deine zwä Stöbeln in öbern Stock, die verbleibn dir! Un

dei Fünkel Assen, dos hulst du dir bei meiner Fraa. E paar Ardäppeln

un e Stückel Butter warn allemol für dich. Schlachten tune mir aah

dann und wann, du brauchst dich üm nischt ze sorng. Wenn de willst,

krabbelst de e bissel ofn Huf rüm, oder ze übernahme brauchst du dich

net!« Dem Alten klang das gut. Nachdem die notwendigen amtlichen

Verrichtungen geschehen, saß er im Ausgedinge. Es ließ sich auch alles

gut an. Was er von seinem Gerät hatte unterbringen können, schmückte

nun sein Auszugsstübel. Sein Schrank war da, die alte Uhr tickte, das

Zinnzeug war aufgestellt, und wenn er durchs Fenster sah, rauschte ihm

die alte Linde entgegen. Er machte sich auch im Hause nützlich, so gut

er konnte, hackte Feuerholz, führte auch einmal ein Pferd zum Schmied

und war mit seinem Rate zur Hand, wenn die neugebackene Bauersfrau

etwas wissen wollte. Die untere Stube hatte sich aber doch etwas

verändert. Da waren ein paar polierte Möbel mit hineingeraten, und an

den Wänden hingen bunte Bilder; im heimlichsten Innern verspottete

sie der Alte als »Wurzelbilder«[3], aber er hütete sich, es laut zu

sagen. Auch mit dem Essen war er nicht ganz einverstanden. Die Schramm

war eine dreckige Schlampe, das stand fest. Das Gesinde bekam einen

Brei vorgesetzt, daß es die Zähne höher und höher hob. Dieses Gemächte

sollte natürlich der Fried auch mit bekommen. Als er aber sah und roch,

daß die Schramm für sich und ihren Mann heimlich kochte und briet, da

blieb er vom Essen weg und kochte seine paar Kartoffeln für sich in

seinem Stübchen. Das war auch der erste Grund zu einem Zank mit der

Frau. Sie meinte, der Alte könne doch essen, was da sei, – die teuren

Kartoffeln alle Tage! Da bezahlte der Fried seine Kartoffeln, und die

Schramm nahm das Geld auch an, ohne sich lange zu besinnen.

Dann kam eine Zeit über unser Land, wo die Mittel zu unseres Lebens

Nahrung und Notdurft karger und kärglicher wurden und wo die Leute,

besonders in der Stadt, ihre Kinder hungern sahen und nicht wußten,

woher das Essen nehmen, wenn die schmalen zugewiesenen Bissen die

Kinder immer bleicher und hohlwangiger werden ließen. Da liefen sie

aufs Land hinaus, baten und bettelten bei den Bauersleuten, daß die

von ihrem Überfluß verkaufen sollten. Zwar zwangen strenge Gesetze die

Bauern, von ihrer Ernte dem Staate abzugeben, daß die anderen auch zu

leben hätten – aber jede Verordnung ist da, um übertreten zu werden,

und jeder Gesetzesbau, sei er noch so stolz und fest, hat Hintertüren.

»Ein Bissel was« hatten die Bauern immer noch zum Hergeben an gute

Freunde. Aber da gab es auch solche, die die Not unseres Volkes reich

gemacht hatte, deren Geschäfte nie so geblüht, als in der Kriegszeit.

Die kauften auf, was zu kaufen war, boten Preise über Preise und

schleppten die Nahrung, dem Hamstern gleich, in ihren Bau. Diese wurden

bald den Bauern am liebsten. Wer wenig Geld zahlen konnte, bekam nichts

mehr und der Bauer stand sich gut dabei.

Dem Wagnerfried sein Butterstück wurde kleiner und kleiner. Milch für

den Kaffee setzte es auch nicht mehr, und bei jedem Pfund Kartoffeln

gab es einen kleinen Kampf. Es müsse alles abgegeben werden, sagte die

Schramm, sie hätten selbst nichts. Dabei sah der Alte aber doch, wie

Tag um Tag die Stadtleute mit Rucksäcken und Körben vom Hofe gingen; er

sah auch, daß die Bauersfrau sich neue seidene Kleider kaufte und daß

ein Pianino in den Hof gebracht wurde, obwohl gar niemand da war, der

es spielen konnte.

Und schlimmer ward es mit Deutschland. Die braven Truppen kämpften

draußen bis zum Weißbluten. Man las zwar in den Zeitungen nur von

Siegen, aber dazwischen hinein kamen wieder Verordnungen, daß man alles

Metall abgeben solle, sonst könnte keine Munition mehr hergestellt

werden. Da trug der alte Wagnerfried Stück für Stück von seinem Zinn

zum Gemeindeamt, aber die wenigen Pfennige, die er dafür bekam,

reichten kaum zu einer einzigen Mahlzeit. In der Unterstube ließ er

sich kaum mehr sehen, er besorgte sich seine Lebensbedürfnisse lieber

bei anderen Bauern, als in seinem Auszugsgut.

Von allen Seiten gehetzt und zerschlagen, im Innern zermürbt und

willenlos geworden, brach endlich die alte Herrlichkeit zusammen, die

längst keine mehr war. Noch einmal machten die ihrer Väter und Söhne

Beraubten den bitteren Harm durch, andere aus dem Felde zurückkommen

zu sehen, nur ihre Lieben blieben aus. Aufbauen! Aufbauen! hieß es

überall. Aber meist bauten sich nur solche auf, die schon genug und

übergenug hatten, und ihr Aufbauen hatte nur den Zweck, sich selbst zu

Wohlleben zu bringen, während die anderen darbten, schlimmer als im

Kriege. Schlemmer und Prasser der Inflationszeit, schämt euch heute

noch der Tränen, die manch hungernder Alter, manch schwaches Mütterchen

vergossen, die die Zeit und ihr mit um alles gebracht, was sie einst

besessen!

Der alte Wagner erlebte auch, daß sein Geld – sein früheres Vermögen

und der Kaufpreis des Gutes – dahinschwanden, wie der Schnee in

der Sonne. Noch dazu fand er sich in den Millionen, Milliarden und

Billionen nicht mehr zurecht. Wovon er eigentlich in dieser Zeit lebte,

ist ein Rätsel geblieben. Er lag meist in seinem Bette. Nur dann und

wann stand er auf, um ein Stück seines Hausrates zu verkaufen. Mit

dem Handwagen fuhr er die Uhr ins Dorf zum Tischler, der sie nur mit

Mühe und für ein geringes Geld annahm. Den Tisch und die Stühle nahmen

Schramms für die Gesindestube. Sie bekümmerten sich im übrigen aber

wenig um den Alten. Immer leerer ward es im Auszugsstübel, nur der

Schrank war als einziger Besitz geblieben und das Bette, in dem der

Alte still und hungernd lag. Sein Blick ging nach seinem Baum, da –

rauschte die Krone nicht zorniger heute? Und klang es nicht wie Säge

und Axtschlag? Seiner Sinne kaum mehr mächtig, schleppte sich der

Fried ans Fenster und blickte hinab. Da stand der Schramm, die Hände

in den Hosentaschen, und sah den Leuten zu, die darüber waren, den

alten Riesen zu fällen. Da ging es dem Alten wie dem Baum, er ächzte

und stöhnte bei jedem Schnitt und Schlag, und als, von Seilen gezogen,

der Stamm mit einem lauten Krach stürzte, sank auch der Alte mit einem

Wehelaut auf sein Bett zurück. Ein tränender letzter Blick auf seinen

alten Schrank, dann hatte er alle Not überstanden.

Schramms fiel es am zweiten Tage erst auf, daß man oben gar nichts

hörte. Man meinte schließlich: »Wir wollen när emol über nauf sahe,

emende is’n ewos passiert.«

Da lag der letzte Wagnerbauer und war tot, verhungert, indes seine

Nachfolger nicht wußten, wohin mit dem Gelde.

Die notwendigen Meldungen wurden gemacht, der Tischler kam, um den

Armensarg anzumessen. »Hast du net e paar alte Bratter?« sagte er zu

Schramm, aber der meinte, Holz sei teuer. »Do werd ich die Bettstell

nahme müssen,« erwiderte der Tischler darauf. Da sagte aber die

Schramm: »Die wollt ich engtlich behalten, er hoot noch net alles

bezohlt, wos ’r gassen hoot. Ich hoo ne doch egal gabn!« Der Tischler

sah sich nach einem geeigneten Gegenstand um. Da fiel sein Blick auf

den Schrank. »Wan is dä dos alte Gerafel?« fragte er schließlich. »Dan

kast du nahme,« meinte Schramm, »dar paßt su wie esu net zu unern

Möbeln.« Und so kam es, daß der Tischler den alten Schrank mitnahm,

um dem Wagnerfried einen Sarg daraus zu zimmern. Die Geister des

Schrankes frohlockten, so war es ihnen recht. Als aber die zerlegten

Teile in der Werkstatt standen, kam ein Herr aus der Stadt, der auf

Amtswegen war. Der sah entzückt die alte Malerei. Als er aber erfuhr,

zu welchem Zweck das alte kunstvolle Stück zerstört worden war, trat

ihm das Blut ins Gesicht und die Augen wurden ihm naß. »Warum hat man

dem Gemeindevorstand nichts davon gesagt? Es gibt eine Stelle bei uns

im Lande, die solche Dinge mit Freuden gut bezahlt. Warum hat der

Heimatschutz nichts erfahren? Armer alter Wagnerfried! Von deinem

Schrank und den vielen verschleuderten Sachen hättest du noch lange

leben können. Es hätten sich auch Mittel und Wege gefunden, dir zu

helfen. Und nach deinem Tode wäre dein Schrank zu Ehren gekommen in

unserem Museum oder im Hause eines Kunstfreundes. Dort hätte er weiter

und weiter erzählt von deinem Geschlechte und von einer Zeit, die noch

Ehrfurcht vor den Vermächtnissen unserer Ahnen besaß.«

Fußnote:

[3] Wurzel = Cichorie; Bilder, die um Cichorienpäckchen gerollt

waren.

[Illustration: _Wappen der Stadt Kamenz i. Sa._]

_An Kamenz zum 17. Mai 1925!_

_Du teure Stadt der Väter,

Welch’ einer Kinderschar

Hast Du ein Heim bereitet

In siebenhundert Jahr’!_

_Wie viele sind gekommen,

Wie viele sahst Du gehn!

Wie viele hast Du lachen,

Wie viele weinen sehn._[4]

Fußnote:

[4] Auf Anregung der Stadt Kamenz veröffentlichen wir hiermit

die sinnreiche Urkunde zum 700jährigen Stadtjubiläum im

vergangenen Jahre.

Ein Beitrag zur Frage der Steinkreuze

Auf dem Geithainer Kirchberg, unter der alten Linde, steht heute ein

Steinkreuz. Dessen Standort soll früher der Galgenberg gewesen sein.

Demnach ist dieses Denkmal mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit dasselbe,

welches in dem ältesten Geithainer Stadtbuch erwähnt wird. Hier heißt

es nämlich auf Blatt 45b, unter dem 11. Oktober 1469:

~Causa Nickel Kircheners vnd Jorg follertczs.~

~Anno domini millesimo quadrinngentesimo Sexagesimo Nono An der

mitwoche noch dyonisy Ich liborius Oler Burgermeister Clemen

honkirche Richter hans Geyseler hans Botticher Michel smid

Merten francke michel Eckart vnd Peter Jarnhirsch Ratman der

Stat Geythan Bekennen In vnserem Statbuch vor Idermenneklichen

das vor vnseren sitzen rad kommen seyn Jorg follert heynrich

seyn bruder vnd mit Iren gehülffen vff eyne part / Nickel

kirchener / hans kirchener seyn Son / merten sneyder Jerath

metzener uff dy ander part haben wir uff beyde part mit

eynander gutlich vnd fruntlichen entscheyden vnd bericht

seyn vmb den totslag Symon follert seligen Also das Nickel

kirchener den kindern Symon follartz reichen vnd geben sal

Achtczehen gute schog hocher were Anzcuheben uff heüte mitwoche

seyn gegeben czwey schog dar noch saln (kirchener?) geben vnd

reychen czwey schogk uff weynachten nehest kommende / voran uff

alle weychvasten eyn gut schogk / biss so lange sulche Summa

geldis gefellet Sunder wer sulche summa geldis heben wirt /

von der vnmündigen kinder wegen / der sal eyne mögliche were

dor vorthum Dor noch sal Nickel kirchener anderhalb hundert

vigilien vnd anderhalb hondert selmessen wü dy follert dy hen

bestymmen zcuhalden In pharrkirchen adder klostern bestellen

jnwendig virwochen Auch eyne ochfart czwyschen hy vnd phingsten

nehest kommende Auch eyn Steynencrücze jn der selben czeit uff

der Stat weychbilde setczen sal Auch czerunge scheppengelt

nemlich II s(schogk) XXVI gl sal Nickel kirchener geben Jorg

follert vnd vintcz berger LV gl uff den nehesten mantag Galli

/ dornoch uff den nehesten montag abber beyden 1 s 1 gl /

dornoch uff weynachten vintcz berger 1 s / dornoch follert XXX

gl uff den mantag noch aller gotis heyligen tag / Auch sal

kirchener gericht freyheyt yss hafft … js hafft abczulegen Auch

desgleichen sal kirchener heynrich follart vom bader brengen

wen her heyl wirt //. Nu vor silche berichtunge fride vnd Summa

geldis seyn burge Andres bretczschel veitcz muller Cristoffel

bretczschel Gerius geyseler Auch do mit Burge vor eynen steten

fride der Sache / Auch ab der burgen eyner abgynge von todis

wegen sullen dy andern eynen anderen burgen bestellen an

desselben stat Auch haben Nickel kircheners kinder mit namen

hans kirchener Gerius kirchener gereth den selben vir burgen

vorder zcu lossen ab ir vater abginge todis halben das got

wende Nu uff silchen fryde hat jorg follert mit seynem bruder

auch czwene burgen widergesetczt mit namen matts Loze vnd

jocoff burgraffe Auch ab der g(enenneten) burgen eyner auch

abginge todis halben das got lang wende sullen sy eyn anderen

an des stat bestellen Auch haben sy von gutem willen vnd

wolbedachtem mute vorkort und vorpeynigit / wer sulche stucke

artickel obinberurth breche de sal der Stat Geythen eynn gut

schog zcu gericht vorvallen seynn wy ofte das geschit / wen man

jn das kan beczeügen mit warhafftigen leuten den zcu gelauben

stehet darvber haben sy jre wyssenunge dem Rat dorvbergegeben

vnd lassen czeychen jn vnserem Statbuch~

Schwarzenberger Edelweiß

(~Chrysanthemum partheniifolium Pers.~)

Von _Horst Henschel_, Schwarzenberg

Zu den Merkwürdigkeiten der sächsischen Flora gehört das

»Schwarzenberger Edelweiß«, eine Wucherblume, die aus Spanien stammt,

Blumen mit schneeweißen Strahlen und gelblichweißen Scheibenblüten

trägt und deswegen auch Spanische Schneewucherblume genannt wird.

Sie ist in Sachsen (nach Prof. Dr. Otto Wünsches Excursionsflora von

Sachsen) nur an der Brühlschen Terrasse in Dresden und in Schwarzenberg

verwildert zu finden. In Schwarzenberg ist sie so häufig wie keine

andere Blume am Ort. An Felswänden, Wegrändern, als Unkraut in Gärten,

an den Steinfugen der Ufer- und Straßenmauern, kurz überall erfreuen

uns die durch ihre Menge leuchtenden Blütensterne dieser Wucherblume.

Mehrere hundert Blüten an einem Stock sind nichts Seltenes. Diese

Blütenfülle gibt dem alten Gemäuer ein Gewand von geradezu wunderbarer

Pracht. Die unendlich vielen Blütenköpfe auf den sonst nackten

Felswänden wirken manchmal wie ein unversehrter Schneefleck.

Der Laie hält die Spanische Wucherblume meistens für eine Kamille

und nennt sie zum Unterschied von der echten Kamille (~Matricaria

Chamomilla~), die als Heilpflanze weit und breit zur Teebereitung

gesammelt wird, fälschlicherweise unechte Kamille.

[Illustration: Abb. 1. =Am Schloßfelsen in Schwarzenberg=]

Das »Schwarzenberger Edelweiß« blüht in den Monaten Juni bis September,

ist eine ausdauernde Pflanze, kommt also jedes Jahr wieder, und wird

dreißig bis achtzig Zentimeter hoch. Die langgestielten Blütenköpfe

sind etwa drei Zentimeter breit und haben einen würzigen Geruch.

[Illustration: Abb. 2. =Am Schloßfelsen in Schwarzenberg=]

Seitdem in Sachsen die Rinde der Korkeiche (~Quercus super~)

verarbeitet wird, finden wir auch die Spanische Schneewucherblume in

Sachsen. Und da die Korkfabrikation erst seit den fünfziger Jahren

des vorigen Jahrhunderts in Sachsen betrieben wird, ist demnach

das »Schwarzenberger Edelweiß« ein noch recht junges Kind unserer

sächsischen Flora. Sonderbarerweise ist diese Wucherblume nicht in

_der_ Gegend des Erzgebirges zu finden, wo der Kork verarbeitet

wird, also nicht im _Raschauer Grund_, sondern nur in Schwarzenberg.

Als ob das »Schwarzenberger Edelweiß« die breite Talaue der Großen

Mittweida nicht vorteilhaft genug befunden hätte, um seine Pracht zur

Geltung zu bringen! Als hätte es sich mit Kennerblicken die Perle

des Erzgebirges als zweite Heimat erkoren, um an ihren hohen alten

Felswänden zu prangen und bewundert zu werden. Wie sinnig ist doch sein

volkstümlicher (ortsüblicher) Name! Schwarzenberger Edelweiß. – – –

[Illustration: Abb. 3. =Schwarzenberger Edelweiß=]

Wie aber mag sich die Geschichte in Wirklichkeit zugetragen haben? –

Als in dem etwa vier Kilometer von Schwarzenberg entfernt liegenden

Dorfe Raschau im Jahre 1859 die Korkfabrikation eingeführt wurde,

war der Ort noch nicht an das Eisenbahnverkehrsnetz angeschlossen.

Dies geschah erst im Jahre 1889, als die Eisenbahnlinie

Zwickau–Aue–Schwarzenberg–Grünstädtel bis Buchholz erweitert wurde.

Schwarzenberg war bereits 1858 Endstation der genannten Teilstrecke;

und so mußten die Raschauer ihre Frachtgüter mit dem Fuhrwerk aus

Schwarzenberg holen. Beim Umladen auf dem Schwarzenberger Bahnhof

oder durch das Rütteln und Schütteln des zu Ballen zusammengebundenen

Korkholzes während des Transportes auf dem offenen Leiterwagen

sind vermutlich Samenkörner der Spanischen Wucherblume, die sich

in den Unebenheiten der Eichenrinde befanden, hier herausgefallen.

Merkwürdig ist jedoch, daß an der Stelle in Raschau, wo die

Korkballen abgeladen und aufgehoben werden, keine Spur von der

Spanischen Wucherblume zu finden ist. Entweder sind also an jener

Stelle keine Samen ausgefallen, oder die Samen brauchen einen

besonderen Boden, um sich entwickeln zu können. Letzteres erscheint mir

am wahrscheinlichsten; denn sonst müßte diese Wucherblume, deren Samen

durch das Schwarzwasser doch weit fortgetragen werden, noch an anderen

zahlreichen Stellen anzutreffen sein, was aber nicht der Fall ist.

[Illustration: Abb. 4. =Am Schwarzwasser in Schwarzenberg=]

Die höheren Pilze der Dresdner Heide

Von _Bernhard Knauth_, Dresden-Strehlen

Mit Abbildungen von Georg Marschner, Dresden-Gruna

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XV, Heft 5-6 · 第 2 / 8 段