und mit Schrecken dachte Carl an die Gefahr, die ihm beim Einjagen zwischen
die Baumstämme drohte; aber umsonst wandte er wieder und wieder alle seine
Kräfte an, das wilde Thier in seinem Laufe aufzuhalten, es blieb in der
Mitte der fliehenden Massen. Der Eichwald ward erreicht, und im Sturm
ging es in denselben hinein und zwischen den Stämmen hin, daß Carl jeden
Augenblick glaubte, an einem derselben hängen zu bleiben; er wand sich aber
hin und her und drückte sein Pferd gewaltsam herüber und hinüber, um
den Bäumen auszuweichen. Da erkannte er plötzlich vor sich einen weiten
Wasserspiegel, der sich an dem Saume des Waldes hinzog und in welchem er
keinen andern als den rothen Fluß erkennen konnte. Ein Hoffnungsstrahl fuhr
in Carl auf, denn an dem Strome, dachte er, würde die Heerde Halt machen,
und er würde einen Augenblick gewinnen, um Herr seines Pferdes zu werden.
Er sah, wie die Vordersten der dahinstürmenden Schaar das Ufer des Flusses
erreichten, sie stürzten sich in die Fluthen hinab und alle ihre wilden
Kameraden ihnen nach, daß die Wellen hoch über ihnen zusammenschlugen. Auch
Carl sauste mit seinem Roß in die Wogen hinunter, er hörte und sah nicht
mehr, das Wasser thürmte sich um ihn auf und für einen Augenblick war
ihm der Athem genommen. Er klammerte sich aber an seinen Rappen fest, der
jetzt, von den Hunderten von Pferden umgeben, welche rings um ihn aus den
Wellen emporschauten, eilig die schnelle Fluth durchzog und dem jenseitigen
Ufer zuschwamm. Schnaubend und brausend stieg der Hengst aus den Wogen auf
und nieder und trug seinen Reiter vielen seiner Kameraden vorüber glücklich
an das jenseitige Land. Diese letzte Anstrengung hatte aber die Kräfte der
wilden Rosse erschöpft, sie erstiegen mühsam das Ufer und theilten sich nun
im Trab nach allen Richtungen auseinander, um der fremden Schreckensgestalt
auf dem Rappen zu entgehen. Umsonst machte dieser abermals neue
Anstrengungen, jenen zu folgen, er sträubte sich nur noch kurze Zeit gegen
die Gewalt seines Reiters und ergab sich dann dessen Herrschaft. Durchnäßt
bis auf die Haut und mit einem zu Tode erschöpften Pferde, sah sich Carl
nun allein und verlassen viele Meilen von seinen Freunden entfernt und von
ihnen durch einen mächtigen Strom geschieden. Er stieg ab und sein nächster
Gedanke traf seine Waffen, die gleichfalls, wenn auch nur einen Augenblick,
unter Wasser gewesen waren. Er feuerte schnell seine Büchse, so wie seine
Revolver ab, und zu seiner Freude versagte kein Schuß. Sein Pulverhorn war
vollkommen wasserdicht, deßhalb ersetzte er gleich sämmtliche Ladungen und
überdachte dabei seine Lage. Wäre der Fluß nicht vor ihm gewesen, so
würde er auf dem Wege, den er gekommen, zurückreiten, um die Delawaren
aufzusuchen; mit seinem müden Pferde konnte er sich aber den Fluthen nicht
noch einmal anvertrauen, und er sah keinen andern Ausweg, als hier am Ufer
zu verbleiben und zu warten, ob seine Freunde zu ihm kommen würden. Ohne
Zweifel folgten diese, sobald sie ihn vermißten, der breiten Spur, welche
die wilden Rosse hinterlassen hatten, und er beschloß, ein großes Feuer zu
errichten, damit die Delawaren seinen Aufenthalt daran erkennen könnten,
wenn sie erst in der Nacht den Fluß erreichen sollten; denn die Sonne
stand nicht mehr hoch und es war ungewiß, ob die Jagd nach dem Falben den
Häuptling nicht sehr weit abgezogen hatte. Während der Rappe, den Carl an
einen einzelnen Baum befestigte, sich an dem jungen Grase erholte,
trug dieser trockenes Holz herbei, um das Feuer anzuzünden, welches ihm
augenblicklich sehr wünschenswerth war; denn in der nassen Kleidung fing
ihn an zu frieren. Er zog die Zunderbüchse aus der Tasche und nahm sie aus
der fest zugebundenen Blase hervor, in welcher er sie stets verwahrte, um
sie vor Nässe zu schützen. Dann schlug er mit Stahl und Stein Funken hinein
und blies die erzeugte Gluth zur Flamme an, in welcher er einen Bündel
trockenes Gras entzündete. Bald loderte nun das Feuer aus dem gesammelten
Reishaufen empor und wirbelte sich um das schwere Holz, welches Carl darauf
warf. Die Gluth war bald so groß, daß er sich einige Schritte von ihr
entfernt halten mußte, wo er sich nun von allen Seiten durch sie trocknen
ließ, indem er sich langsam vor ihr drehte. Er hatte schwere Aeste von
einem umgefallenen Mosquitobaum herbeigetragen, um das Feuer während der
Nacht zu unterhalten, da er sicher darauf rechnete, seine Freunde erst spät
erscheinen zu sehen; doch kaum war die Sonne versunken, als ihn der ferne
Jubelton des Häuptlings von der andern Seite des Flusses her begrüßte. Bald
darauf sah er ihn denn auch an der Spitze seiner Schaar unter den Eichen
heranziehen, und wie groß war Carls Freude, als er an der Seite Leopards
seinen lieben Falben erkannte, der geduldig neben demselben herschritt. Als
der Häuptling das Ufer erreicht hatte, rief er Carl zu, er möge dem Flusse
folgen, da einige Meilen weiter eine sehr seichte Stelle sich in demselben
befinde, wo man durchreiten könne, ohne naß zu werden. Sogleich war Carl
zu Roß und eilte dem Ufer entlang, er konnte aber den Augenblick kaum
erwarten, wo er wieder bei seinem Falben sein würde.
Die Delawaren folgten dem Strome an dem andern Ufer, und Carl verwandte
keinen Blick von seinem Liebling, der ihm während seiner Abwesenheit noch
viel schöner geworden zu sein schien. Endlich hielt der Häuptling an und
blickte sich nach einer Stelle um, wo das Ufer nicht zu steil war. Er fand
sie in kurzer Entfernung, lenkte sein Pferd in den Strom hinein, und der
ganze Zug der Delawaren folgte ihm noch. Das Wasser reichte wirklich den
Pferden nicht bis an den Leib und schnell war der Fluß durchritten. Carl
war abgestiegen und wartete mit größter Ungeduld am Ufer, und als der
Falbe auf dasselbe heraufschritt, da schlang er seinen Arm um den Hals des
geliebten Thieres, und sagte in höchster Freude:
»Ja, Falber, kennst Du mich denn noch, Du braver Kerl, wie ist es Dir denn
ergangen?« Dabei klopfte und strich er liebkosend den Hals des Pferdes, und
dieses gab ihm durch leises Wiehern zu verstehen, daß es sich ebenso sehr
freue, ihn wiederzusehen.
Dann aber wandte sich Carl mit rührenden Versicherungen seines ewigen
Dankes an den Häuptling, der mit der innigsten Freude das Glück
beobachtete, welches sich auf Carls Zügen spiegelte.
»Du hattest mir nicht zu viel von dem Falben gesagt,« fiel ihm Leopard in
das Wort, »er ist flüchtig wie die Antilope und ausdauernd wie der Büffel,
er hat meinem Hengst vielen Schweiß gekostet. Ich bin ihm über fünf Meilen
weit gefolgt, ehe ich den Lasso nach ihm werfen konnte, kaum lag aber die
Schlinge um seinen Hals, als er sich ergab und sich geduldig von mir leiten
ließ. Er ist den Ritt werth gewesen, zumal da ich meinem jungen
Freunde eine so große Freude dadurch verschafft habe. Wenn ich meinen
Schimmelhengst nicht hätte, so möchte ich wohl den Falben besitzen, es
giebt nicht viele seines Gleichen.«
»Ja, er ist ein braves edles Thier, und ich danke Dir von ganzem Herzen,
daß Du ihn mir wiedergegeben hast. Der Rappe dort ist nicht so treu, es
hätte mir bei diesem Ritt das Leben kosten können; der Abscheuliche ging
mit mir durch, und ich mußte, ob ich wollte oder nicht, mit der tollen
Heerde davonjagen.«
»Ich sah es wohl,« entgegnete der Häuptling lachend, »ich konnte aber doch
unmöglich den Falben entkommen lassen; auch dachte ich, wer einen solchen
Prairiebrand glücklich mit durchgemacht hat, der könne auch wohl einmal in
der Mitte einiger Hundert wilder Rosse einen lustigen Ritt machen.«
»Sehr lustig war er nun gerade nicht, ich kann Dir sagen, in dem Eichwalde
war es ein gefährlicher Lauf, und den Sprung in den Strom will ich im Leben
nicht vergessen!«
»Du bist ja nun ein Delaware, und darum ist Dir auch kein Ritt zu wild;
wir werden noch weit lustigere zusammen machen. Wo giebt es denn wohl
eine größere Lust für den Mann, als auf den Rücken eines flüchtigen edlen
Rosses?«
Der Häuptling gab seinen Leuten nun einen Wink, das Lager aufzuschlagen,
die Frauen breiteten für ihn und für Carl weiche Büffelhäute im Grase aus,
und in ganz kurzer Zeit darauf hatten sie Leopards Zelt hinter ihm und
hinter seinem jungen Freunde aufgestellt. Auch die übrigen Zelte erhoben
sich schnell, die Feuer vor denselben loderten empor, und die Weiber
beeilten sich, das Abendbrod zu bereiten. Der Häuptling theilte Carl
nun mit, daß er sich nach einem, mehrere Tagereisen von hier gelegenen
Handelshause der vereinigten Staaten begeben wolle, deren die Regierung an
der ganzen Grenze des Indianergebiets bis weit nach Norden hin errichtet
hatte, damit die Indianer dort Alles kaufen und eintauschen könnten, dessen
sie bedürftig wären, ohne in die Ansiedelungen der Weißen vordringen zu
müssen. Er wollte dort die, auf diesem Jagdzuge erbeuteten Häute, das
Bärenöl, den Honig und das Wachs, so wie getrocknetes Wildpret verwerthen,
und vielerlei Bedürfnisse für seine Niederlassung am Kanzasflusse
eintauschen. Dorthin wollte er dann ziehen, um einige Wochen bei den
Seinigen zuzubringen, ehe er nach Norden zur Jagd aufbräche. Bald nach dem
Abendessen legte Carl sich in dem Zelte zur Ruhe nieder, denn er war sehr
ermüdet von den Anstrengungen während des wilden Rittes; ehe ihn aber
der erquickende Schlaf umfing, sandte er seine innigsten, liebevollsten
Gedanken seinen zurückgelassenen Theuern zu und schloß sie in sein Gebet
ein. Mit dem anbrechenden Tage folgte er dem Beispiel sämmtlicher Indianer
und badete sich in den kristallklaren Fluthen des rothen Flusses, wobei
er die Geschicklichkeit im Schwimmen bewunderte, welche seine Gefährten
besaßen; denn sie schienen eben so sicher und heimisch im Wasser zu sein,
wie auf dem Lande. Als die Sonne sich über der flachen weiten Ferne erhob
und ihr goldenes Licht über die endlose grüne Ebene warf, war der Zug schon
wieder in Bewegung, und Carl saß abermals auf dem Rücken seines lieben
Falben, während sein Rappe einem jungen Indianer zum Reiten übergeben war,
damit derselbe ihn vollkommen in Gehorsam bringe. Ununterbrochen führte
während drei langer Tagereisen der Weg der Indianer durch eine offene
Grasflur, aus der sich nur hier und dort ein Mosquitobaum, eine
dichtbelaubte rothe Ulme erhob, und nur an den einzelnen Gewässern, die
sie überschritten, und die ihre kleinen Wellen dem Kanzasflusse zuführten,
trafen sie auf dichte hohe Waldstriche. Am dritten Abend erreichten sie ein
solches Wasser und erkannten schon von Weitem vor dem Walde, der dasselbe
überschattete, eine große Anzahl von hohen spitzen weißen Zelten, welche
das Lager eines bedeutenden Indianerstammes bezeichneten. Bei Annäherung an
dasselbe theilte der Häuptling seinem jungen Freunde mit, daß es ein Stamm
der Comantschenindianer sei, der dort lagere. Bald hatten sie das Zelt des
Häuptlings erreicht, und wurden von demselben mit großer Aufmerksamkeit und
Freundlichkeit begrüßt. Leopard stellte ihm Carl als seinen Freund vor, der
mit ihm zu leben beschlossen habe, und theilte ihm mit, daß der schwarze
Panther der Delawaren bei Carls Onkel am Bärflusse lebe, und Niemand diese
Niederlassung beunruhigen dürfe, wenn er nicht die Delawaren zu Feinden
haben wolle. Der Comantschenhäuptling schien von dieser Mittheilung nicht
sehr erbaut zu sein, hatte jedoch Nichts dagegen einzuwenden, und gab
Leopard nur die Versicherung, daß die Comantschen stets gute Freunde der
Delawaren bleiben würden. Carl betrachtete mit großem Interesse die Zelte.
Dieselben waren von gegerbtem weißen Büffelleder verfertigt, hatten die
Form eines Zuckerhutes, und maßen auf dem Boden zwölf bis vierzehn Fuß im
Durchmesser, während ihre Höhe gegen sechszehn Fuß betrug. Die Oeffnung,
welche hineinführte, konnte mit Lederbändern zugebunden werden, so daß
man sich im Innern des Zeltes gegen Wind und Kälte geschützt befand. Lange
Stangen waren inwendig in den Erdboden eingestochen, die oben zusammen
kamen und durch die Oeffnung hinaus reichten, welche in der Spitze des
Zeltes gelassen, und welche zugleich als Schornstein diente, da in der
Mitte des innern Raumes bei kaltem Wetter ein Feuer unterhalten wurde. Rund
um dasselbe waren die Ruhelager für die Bewohner des Zeltes aus Thierhäuten
hergerichtet, und an den Stangen, die dasselbe ausgespannt hielten, hingen
Waffen und Geräthschaften des Eigenthümers. Die weiße Außenseite aller
dieser beweglichen Wohnungen war mit bunten Malereien geziert, welche
Schlachten und Gefechte mit wilden Thieren vorstellten.
Zusammengepackt werden diese Zelte auf der Reise von Maulthieren getragen,
und die langen Stangen, an deren Hals befestigt, von ihnen über Berg und
Thal mitgezogen. Carls Aufmerksamkeit wurde gleichfalls durch die große
Heerde von Pferden und Maulthieren angeregt, welche vor dem Lagerplatz
in der Weide ging und aus mehr als fünfhundert dieser Thiere bestand. Sie
werden von den Indianern theils zum Reiten, theils zum Tragen der Zelte,
Geräthschaften und Vorräthe benutzt, und bei Gelegenheit auch, wenn Wild
mangelt, geschlachtet und gegessen.
Leopard schied nach einer langen Unterredung mit dem Häuptling der
Comantschen im freundlichsten Vernehmen von demselben, bat ihn schließlich
noch, allen Indianerstämmen, mit welchen er zusammentreffen möchte, die
Mittheilung wegen des schwarzen Panthers zu überliefern, und zog dann noch
einige Meilen weiter am Flusse hinauf, um dort zu übernachten. Am folgenden
Tage langten die Delawaren bei dem Handelshause der Regierung an, und
schlugen in nicht großer Entfernung von demselben an dem Flusse, an dessen
Ufer jenes gelegen war, ihr Lager auf.
Es war Abend geworden und Leopard sandte einen seiner Krieger an den
Vorstand der Niederlassung, um denselben von seiner Ankunft zu unterrichten
und ihm wissen zu lassen, daß er wünsche, am nächsten Morgen mit ihm zu
handeln. Der Bote kam bald zurück, und brachte die Antwort, daß es dem
Director der Handlung sehr erfreulich sein werde, die Delawaren bei sich zu
sehen und sie bedienen zu können.
Mit dem anbrechenden Tage wurden nun alle Vorräthe, welche sie mit sich
führten, bereit gemacht, und nach dem Frühstück beluden deren Eigenthümer
ihre Pferde damit, um sie nach dem Handelshause zu schaffen.
Leopard und Carl geleiteten sie auf dem Wege, und nur die Weiber blieben im
Lager zurück. Das sogenannte Handelshaus bestand aus einer Menge hölzerner
Gebäude, welche in einem Viereck erbaut und mit einer hohen Pallisadenwand
umgeben waren. Der Eingang führte in einen, gleichfalls von Blockhäusern
eingeschlossenen Vorhof, durch welchen man dann erst in den innern Raum des
eigentlichen Forts gelangte, und vor welchem Durchgang zwei kleine Kanonen
aufgepflanzt waren, um denselben im Fall eines feindlichen Angriffs durch
die Indianer damit zu vertheidigen. Der Vorhof war nun stets der Ort, wo
die Wilden mit den Beamten der Niederlassung zusammenkamen, um ihre Händel
abzuschließen, und wohin die Waaren gebracht und ihnen vorgelegt wurden.
Der Director des Geschäfts empfing Leopard und seine Begleiter mit
großer Freundlichkeit, und sagte ihnen, daß sie zu einem sehr günstigen
Augenblicke gekommen seien, da er vor wenigen Tagen bedeutende Zusendungen
von Waaren erhalten habe, und sie aufs Beste bedienen könne.
Die Indianer übergaben nun einzeln ihre Vorräthe dem Geschäftsführer, und
dieser bestimmte in Gemeinschaft mit Leopard für die Waare eines jeden
Mannes den Preis, zu welchem die Handlung dieselbe übernehmen wollte,
und von welchem ein gewisser Theil dem Häuptling zukam. Dann nannten die
einzelnen Leute die Gegenstände, welche sie zu kaufen wünschten, und welche
nun aus dem Fort in den Vorhof gebracht wurden. Dieselben bestanden in
grobem feuerrothen Tuch, welches die Delawaren benutzten, um ihre Hüften
damit zu umbinden, in bunten Baumwollenzeugen, seidenen Tüchern, Spiegeln,
Perlen, Pfeifen, Waffen aller Art, Pulver und Blei, und Taback. Die Wahlen
waren bald getroffen, und Carl wunderte sich dabei über die unerhört
hohen Preise, welche seinen Freunden berechnet wurden. Nachdem die
Leute sämmtlich befriedigt waren, erstand nun auch Leopard für den ihm
zugefallenen Antheil an dem Erlös aus den Vorräthen der Indianer eine Menge
Waaren, womit das Geschäft beendigt wurde. Der Director machte dann dem
Häuptling noch verschiedene Geschenke, und bedauerte, daß die Delawaren
keine geräucherte Büffelzungen mitgebracht hätten, wofür er augenblicklich
einen sehr hohen Preis bewilligen könne; denn dieselben wären in den
östlichen Staaten sehr gesucht.
Der Häuptling zeigte sich erfreut über diese Mittheilung und entgegnete dem
Director, er wolle sofort eine Jagd nach Büffeln unternehmen, die, wenn sie
glückte, ihn in den Stand setzen würde, einige hundert Büffelzungen binnen
Kurzem hierherzubringen. Der Händler munterte ihn noch mehr zu dieser
Jagd auf und sagte, er würde ihm für die Zungen noch viel schönere Waaren
vorlegen.
Leopard nahm nun Abschied von ihm, die Leute schafften ihre Einkäufe in das
Lager, und schon nach wenigen Stunden waren die Delawaren unterwegs nach
Westen.
Leopard theilte seinem jungen Freunde mit, daß er nur _einen_ Ort kenne, wo
er die beabsichtigte große Jagd auf Büffel ausführen könne; es frage sich
nur, ob er zahlreiche Heerden dieser Thiere dort antreffen werde. Wäre
dies der Fall, so wolle er sie mit seinen Kriegern einer tiefen Schlucht
zutreiben, in welche sie hinunter stürzen und sich zu Hunderten tödten
würden.
Carl war sehr gespannt auf diese neue Art von Jagd, und der Häuptling mußte
ihm viel über solche, früher schon gehaltene erzählen.
Nach scharfem Reiten während zweier Tage gelangten sie an ein kleines
Wasser, welches von schmalen Waldstreifen überschattet war. Hier wurde noch
vor Sonnenuntergang das Lager aufgeschlagen, der Häuptling aber bestieg
seinen Schimmel, Carl seinen Rappen, welcher während des heutigen
Tagesmarsches nicht geritten war, und Beide eilten einer Höhe zu, die
einige Meilen von dem Lager entfernt, sich weiter nach Westen in der
Prairie erhob. Leopard wollte sehen, ob auf der Ebene jenseits des
Hügels Büffel weideten, denn dort war der Platz, wo er die Jagd zu halten
beabsichtigte. Schon auf dem Wege nach der Höhe trafen die beiden Reiter
viele Büffel an, links und rechts konnte man bis in die weiteste Ferne
Heerden dieser Thiere erkennen, und als sie die Anhöhe erreichten, von wo
ihnen sich die Aussicht nach Westen öffnete, fanden sie zu ihrer Freude
ihre Hoffnungen erfüllt. So weit das Auge reichte, war die Grasfläche
mit Büffelheerden bedeckt. Der Häuptling bezeichnete Carl nun am fernen
Horizonte eine Gruppe hoher Bäume, und sagte ihm, daß dort die Schlucht
sich befinde, und daß sie sich eine Meile lang ausdehne. Dorthin sollte
morgen nun die Jagd gemacht werden, und mit dem Wunsch, daß sie am
folgenden Tage noch eben so viele Büffel hier antreffen möchten, traten die
beiden Reiter ihren Rückweg an.
Im Lager herrschte an diesem Abend große Thätigkeit: die Männer setzten
ihre Waffen in besten Stand, und die Weiber sahen das Sattelzeug genau nach
und stellten alle Schäden daran sorgfältig wieder her. Viele waren aber
damit beschäftigt, ein Gestell aus leichtem Weidenholz zu flechten,
welches, wenn eine Büffelhaut darüber gehangen wurde, die ungefähre Form
eines Büffels hatte. Dieses Gestell sollte bei der Jagd einer der Delawaren
auf dem Kopf tragen, und den Büffelheerden den Weg nach der Schlucht
zeigen. Hierzu war der beste Läufer, ein schlanker, kräftiger junger
Bursch, gewählt und nachdem das Gestell fertig war, hing er die Büffelhaut
darüber, hob es auf seinen Kopf, und rannte damit zur Belustigung Aller
in den tollsten Sprüngen im Lager umher, während ihm von allen Seiten der
lauteste Beifall gezollt wurde. Namentlich war Carl sehr überrascht, als
plötzlich dies Ungeheuer um das Feuer des Häuptlings, bei welchem er
ruhte, herumgaloppirt kam und der Indianer, der in ihm steckte, die
fürchterlichsten Töne dabei ausstieß. Leopard war sehr mit der Ausführung
dieses nachgeahmten Büffels zufrieden, und sagte dem Burschen, der die
Vorstellung gab, daß er einen doppelten Antheil an der Beute haben solle,
wenn die Jagd gut ausfiele. Nachdem das Abendbrod eingenommen war und man
sich zur Ruhe begab, bestieg jener junge Krieger sein Pferd, legte die
große Büffelhaut unter sich über den Sattel, nahm das Gestell auf seine
Schultern, und ritt davon, um auf einem weiten Umwege von Westen her die
Schlucht zu erreichen, wohin die Jagd gemacht werden sollte. Auf diesem
Wege beunruhigte er die Büffelheerden an dieser Seite der Schlucht nicht,
und er war morgens frühzeitig auf seinen Posten, um seine Rolle als Büffel
zu spielen.
Beim ersten Grauen des Tages bestiegen die Delawaren nun ihre besten
Pferde und ritten, von Leopard auf seinem Schimmel und Carl auf dem Falben
geführt, nach der Anhöhe, welche der Häuptling am Abend zuvor besucht
hatte. Es war noch nicht ganz Tag, als sie dort anlangten und die ganze
Ebene bis nach der, viele Meilen entfernten Schlucht mit Büffelheerden
bedeckt fanden. Viele dieser Thiere hatten sich noch nicht erhoben und
ruhten sorglos in dem frischen jungen Gras. Der Häuptling sandte seine
Krieger nun zur Rechten und zur Linken ab, um in einem weiten Halbzirkel
die Heerden zu umstellen. Er selbst blieb mit Carl auf dem Hügel halten,
und sie folgten mit den Blicken den davonreitenden Jägern, von denen von
Zeit zu Zeit einer stehen blieb, um die Treiblinie zu bilden. Bald aber
verschwanden die Weiterziehenden in der Ferne, und ihre Richtung wurde
nur durch heraneilende Büffelheerden bezeichnet, welche, durch sie
aufgeschreckt, vor ihnen flohen. Die Heerden auf der Ebene nach der
Schlucht hin zeigten aber keine Unruhe, und die neu herzukommenden begannen
gleichfalls zwischen ihnen zu weiden. Als es heller Tag geworden war, sagte
der Häuptling zu Carl: »Sieh jetzt einmal durch Dein Glas nach der Schlucht
hin, ob Du vor derselben einen einzelnen Büffel gewahren kannst, das würde
unser Mann mit dem Gestell auf dem Kopfe sein. Er wird sich dort in der
Gegend aufhalten, und erst, wenn die Büffel, von uns gejagt, angestürmt
kommen, der Schlucht zufliehen, damit die Heerden ihm folgen.«
Carl sah lange Zeit nach den bezeichneten Bäumen hin, die sich am Horizont
erhoben, konnte aber keinen einzelnen Büffel in deren Nähe erkennen.
Der Häuptling hatte währenddem, mit der Hand über den Augen, gleichfalls
unverwandt hingeblickt, und sagte plötzlich: »Ich glaube, ich sehe ihn,
dort ist wenigstens ein schwarzer Punkt, und ich meine, derselbe habe sich
den Bäumen etwas genähert. Gieb mir Dein Glas.«
Er nahm nun das Fernrohr aus Carls Hand, und hatte nur kurze Zeit
hindurchgesehen, als er sagte: »Freilich ist es unser Mann, er steht gerade
in der Mitte vor der Schlucht. Jetzt wirst Du ihn auch erkennen können,
suche ihn rechts von den Bäumen.«
Carl nahm nun das Fernglas, und hatte kaum hindurchgeblickt, als auch er
den nachgeahmten Büffel erkannte, der sich jenseits der Heerden vor der
Schlucht aufgestellt hatte.
Von links und rechts kamen immer noch Büffel angezogen, und der Häuptling
spähte nach den beiden äußersten Enden des Halbzirkels, in welchem seine
Leute von beiden Seiten heranreiten sollten. Bald erschienen denn auch die
letzten derselben wie dunkele Punkte in weiter Ferne, sie bewegten sich
der Schlucht zu, und man konnte nun den ganzen Bogen, welchen die Delawaren
beschrieben, vom Hügel herab übersehen. Plötzlich ließ der Häuptling sein
gellendes Jagdgeschrei ertönen, und auf der ganzen Linie zu beiden Seiten
wurde es dann auch von den Treibern angestimmt. Zugleich setzten Alle ihre
Rosse in Galopp und stürmten der Schlucht entgegen, während die wilden
Jagdrufe die sorglosen Büffel auf der ganzen Ebene aufscheuchten und alle
vor den heranjagenden Reitern die Flucht ergriffen. In sausender Carriere
folgte die ganze Linie der Indianer den fliehenden Heerden, die von beiden
Seiten immer näher zusammengedrängt und von hinten im Sturmlauf vorwärts
getrieben wurden. Je mehr die Indianer sich der Schlucht näherten, um
so enger rückten sie in ihrer Linie zusammen und um so lauter und
fürchterlicher ertönte ihr Jagdgeschrei. Nur einzelne Büffel wandten sich
gegen die Linie, und wurden von den Kugeln der Indianer begrüßt. Keiner
von diesen aber hielt sich um einen verwundeten oder getödteten Büffel auf,
alle blieben in der Nähe und folgten den Heerden in wilder tobender
Jagd. Auch Carl schoß mehrere Büffel nieder, sprengte aber immer mit dem
Häuptling vorwärts, und ließ seinen Jagdruf aus Leibeskräften erschallen.
Während dieser Zeit stand der Indianer mit der Büffelhaut über dem Kopfe
einige Tausend Schritte vor der Schlucht auf der Grasflur aufgestellt und
schaute nach den aus der Ferne heranstürmenden Büffelheerden. Wie Donner
kam es mit ihnen herangezogen, und die Erde begann unter den Füßen des
Indianers zu beben. Er ging jetzt hin und her, hielt aber seinen Blick
immer auf die vorderste Heerde gerichtet und suchte durch wiederholte
Sprünge deren Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie kam auf ihn zu, und
nun setzte er sich langsam in Trab, blickte sich aber immer wieder um,
damit die wilden Schaaren ihm nicht zu nahe kommen möchten. Er beeilte
bald seine Schritte mehr und mehr, und sah zu seiner großen Freude, daß
die vorderste Heerde ihm geraden Weges folgte. Jetzt aber setzte er sich
in raschen Lauf, denn Rippe an Rippe kamen die entsetzten Thiere in
so rasender Flucht herangejagt, daß, wollte er nicht unter ihren Füßen
zermalmt werden, er keine Sekunde mehr verlieren durfte. In fliegenden
Sprüngen setzte er vor dem ihm folgenden Thiergewoge über die Prairie
der Schlucht zu, und erreichte deren steilen Abhang, als nur noch fünfzig
Schritte zwischen ihm und den Büffeln lagen. Ein Busch auf dem Abhange
bezeichnete ihm die Stelle, wo er sichern Schutz zu finden wußte; denn dort
führte ein schmaler Fußsteig, den die Indianer in die Felswand eingehauen
hatten, zehn Fuß an derselben hinab und in eine Höhle, die sich dort tief
in den Felsen erstreckte. Der Pfad war so schmal, daß ein Mensch ihn nur
mit Lebensgefahr betreten konnte, denn neben demselben schoß der Abhang
mehrere Hundert Fuß senkrecht hinunter. Der Indianer hatte den Busch über
dem Pfad erreicht, warf das Gestell mit der Büffelhaut über den Kopf in den
Abgrund hinunter, kletterte auf dem Pfad hinab und saß wenige Augenblicke
später sicher geborgen in der Höhle. Die Felswand schien unter der Wucht
der heranstürmenden Schaaren zu wanken, das Donnerdröhnen der Tritte hatte
den Abhang erreicht, und jetzt sah der Indianer die Riesenthiere brüllend
über sich durch die Luft fliegen und vor sich in die Schlucht hinabstürzen.
Tausende von Büffeln wurden jetzt von den ihnen folgenden Reitern gegen den
Abhang gejagt; zu spät wurden ihre vorderen Reihen denselben gewahr,
denn ehe sie sich in ihrem Sturmlauf aufhalten und von der Schlucht sich
abwenden konnten, drängten sie die folgenden Massen über den Felsrand
hinaus. Nach wenigen Minuten aber hatte das wilde verworrene Thiergewoge
Halt gemacht, und Leopard rief seinem jungen Freunde zu:
»Zurück, zurück, folge mir, laß dem Falben die Zügel!« und fort jagten
Beide, und links und rechts sämmtliche Delawaren mit ihnen, denn jetzt
waren die Büffel die Angreifer und die Jäger die Gejagten. Mit lautem
Wuthgebrüll kamen die erzürnten colossalen Thiere gesenkten Kopfes
herangebraust, und verfolgten ihre Feinde weit über die Grasflur, bis sie
sich überzeugten, daß sie die flüchtigen Pferde nicht einholen konnten.
Dann stampften sie, ihnen nachblickend, den Boden, und ließen ihr
Siegesgebrüll ertönen.