Als die Sonne versunken war und Turner daran erinnerte, daß die Pferde in

das Fort hereingebracht werden müßten, sagte Carl: »Ich will sie zum Wasser

führen und sie dann wieder in das Gras bringen; wir wollen sie während der

Nacht draußen lassen. Es zeigt von Mißtrauen gegen die Delawaren, wenn wir

sie hereinholen.« Turner stimmte seiner Ansicht bei, und Carl tränkte nun

die Pferde und band sie dann wieder in die Weide, seinem Rappen aber gab

er dabei einen Platz nicht weit von dem Zelte des Häuptlings. Nachdem er in

das Fort zurückgekehrt war und die Seinigen mit Daniel in dem Speisezimmer

versammelt fand, ging er in seine Stube und schrieb schnell einen

Abschiedsbrief an alle seine Lieben. Er theilte ihnen den Grund mit,

weßhalb er sie verließ, sagte ihnen, daß es ihn hoch beglücke, sie allen

Gefahren zu überheben, und bat sie, sich nicht über sein Entfernen zu

grämen, da es ihm ja gut gehen würde, und er sie im nächsten Herbst

besuchen wolle. Er schloß den Brief mit der Bitte, ihm nicht zu folgen,

da er fest entschlossen sei, bei den Delawaren zu bleiben, und ihn nichts

vermögen werde, in das Fort zurückzukehren. Er richtete diese letzten

Worte insbesondere an Daniel, beschwur ihn, nun treulich bei den Seinigen

auszuhalten, und dadurch Carls Schritt zu heiligen. Die Thränen, welche

während des Schreibens seinen Augen entquollen, gestatteten ihm kaum, den

Brief zu beenden, und er mußte sich wiederholt dabei unterbrechen. Als er

ihn endlich geschlossen hatte, richtete er die Aufschrift an seinen Onkel,

und verbarg dann das Schreiben in seiner Lederjacke. Er steckte nun schnell

alle Gegenstände, die er mitnehmen wollte, in seine Jagdtasche, hing

dieselbe neben seine Waffen, und ging dann zu den Seinigen, um mit ihnen

das Abendbrod zu verzehren. Mit schwerem Herzen setzte er sich an dem

Tische nieder, es war ja zum letzten Male, daß er sich hier mit seinen

Lieben versammelte, und unbemerkt wischte er die Thränen von seinen Augen,

die er nicht zurückhalten konnte. Sein Schweigen und sein Ernst fiel nicht

auf, denn auch die Anderen saßen bekümmert und wortkarg da, und dachten an

das Schicksal Daniels, welches erst morgen entschieden werden sollte. Carl

erhob sich zuerst, um sich zur Ruhe zu begeben, und die Anderen folgten

seinem Beispiel; denn die Stimmung war zu traurig, um ein längeres

Zusammensein zu veranlassen. Carl küßte die Seinigen, wie er immer zu thun

pflegte, wenn er ihnen eine gute Nacht wünschte; er küßte sie aber inniger,

heißer und länger als sonst, denn er nahm einen stummen Abschied von

ihnen. Er weinte dabei bitterlich, welches man der Ungewißheit über Daniels

Schicksal zuschrieb, und Turner suchte Carl zu beruhigen, und tröstete ihn

mit dem Vertrauen auf den Allmächtigen, der ihnen beistehen würde. Alle

begaben sich nach ihren Ruhestätten, doch der Schlaf blieb ihnen noch lange

fern, und erst gegen Mitternacht hatten die Bewohner des Forts die Augen

geschlossen; nur Carl war noch wach, fühlte von Zeit zu Zeit auf dem

Zifferblatt seiner Uhr, wie spät es sei, und lauschte nach den Athemzügen

Daniels, ob derselbe auch fest schlafe. Es war schon lange nach

Mitternacht, als er sich leise von seinem Lager erhob, sich schnell

ankleidete und den Brief an seinen Onkel auf den Tisch legte. Dann

schnallte er die Revolver und das Jagdmesser um, hing die Jagdtasche über

seine Schulter, nahm die Jaguarhaut und seine wollene Decke, ergriff die

Büchse und schlich vorsichtig in den Hof hinaus. Pluto kam freudig zu ihm

herangesprungen, Carl aber wies ihn liebkosend zur Ruhe, und schritt nach

dem Thore, welches er geräuschlos öffnete. Er ging hinaus, trug sein Gepäck

an die vordere Wand der Pallisaden, und kehrte noch einmal in das

Fort zurück, um sein Sattelzeug zu holen. Als er wieder durch das

Thor hinausschritt, wollte Pluto ihm folgen, er drückte den Hund aber

schmeichelnd zurück, und schob das Thor hinter sich zu. Nun eilte er mit

Sattel und Zeug den Hügel hinab zu dem Zelt des Häuptlings, wo dieser ihn

beim Feuer freudig empfing und ihm sagte, daß Alles zur Abreise bereit sei.

Carl lief nun noch einmal zu den Pallisaden hinauf, um seine dort

niedergelegten übrigen Sachen zu holen, sandte noch einen heißen innigen

Abschied aus der Tiefe seines Herzens an alle seine Lieben, und ging dann

wieder zu Leopard, dessen Zelt bereits zusammengepackt war und auf den

Rücken eines Pferdes gebunden wurde. Carl führte seinen Rappen zum Feuer,

legte ihm schnell das Reitzeug und Gepäck auf, wobei der Häuptling ihm

behülflich war, und stieg dann in den Sattel, während die Indianer sich zu

Pferde um ihn sammelten und freudig in ihm ihren neuen Gefährten begrüßten.

Bald war nun auch der Häuptling zu Roß, und der Reiterzug setzte sich,

mit ihm und Carl an der Spitze, in Bewegung, während dieser seinen

thränenschweren Blick auf die dunklen Umrisse des Forts gerichtet hielt,

und im Stillen den geliebten dort Ruhenden sein letztes heißes Lebewohl

sagte. Lautlos zogen sie in eiligem Schritt durch die dunkle Nacht dahin,

und bald war der letzte Lichtschein der verlassenen Lagerfeuer und die

schwarze Form der Pallisadenwände ihren Blicken entschwunden.

In dem Fort aber herrschte Todtenstille, denn selbst das gewohnte Geräusch,

welches die Pferde während der Nacht dort zu erregen pflegten, unterbrach

die Ruhe nicht.

Der Morgen graute und Daniel erwachte mit dem festen Entschluß, sich heute

dem Häuptling zu überliefern, wenn die bevorstehende Unterhandlung mit

demselben keinen friedlichen Vergleich herbeiführen sollte. Er erhob sich

leise von seinem Lager, um seinen Freund Carl nicht im Schlafe zu stören,

da gewahrte er, daß Carls Bett leer war. Der Neger erschrak und richtete

seinen nächsten Blick nach der Wand, wo die Waffen des Knaben zu hängen

pflegten; sie waren fort. Jetzt sah er den Brief auf dem Tische liegen

und erkannte die Handschrift seines Freundes, denn dieser hatte ihm ja

Unterricht im Schreiben ertheilt. Ein Brief von Carl, an seinen Onkel

gerichtet, -- was konnte die Veranlassung dazu sein -- warum war Carl

nicht hier? Der Neger zitterte am ganzen Körper, mit dem Brief in der Hand

stürzte er hinaus in den Hof und nach dem Thore -- das Thor war offen, und

die Indianer waren verschwunden! Wie gelähmt stand Daniel da, und sah auf

den Brief, der in seiner bebenden Hand zitterte; das Papier sagte ihm, was

der Knabe für ihn gethan hatte. Ohne Worte, ohne Thränen sank er auf die

Kniee und preßte den Brief zitternd mit beiden Händen auf sein Herz. Er

wußte nicht, was er that, wußte nicht, was er thun sollte, das Geschehene

war zu ungeheuer, zu schrecklich, als daß er es hätte fassen können, es

drückte ihn, wie ein riesiges Unglück zu Boden und preßte ihm das Herz und

die Brust zusammen.

Plötzlich aber fuhr er auf, stürzte in das Fort hinein zu Turners Haus und

schrie:

»Carl ist fort, Herr Turner, Carl ist fort!«

»Was sagst Du, Carl fort?« rief Turner, aus dem Zimmer hervorspringend, und

ergriff hastig den Brief, den ihm der Neger entgegenstreckte.

»Er ist fort, Herr, er ist mit den Delawaren fortgezogen. Lesen Sie, lesen

Sie schnell, ich muß ihn noch einholen und ihn aus den Händen der Indianer

befreien; ich bin es, dessen Besitz sie verlangten, nicht Carl, mich sollen

sie haben!« schrie der Neger in höchster Verzweiflung und stierte auf

den Brief, den Turner mit zitternder Hand entfaltet hatte und ihn mit

ängstlicher Hast durchflog.

»Carl, Carl!« klagte er dann mit einem Blick zum Himmel, und ließ sein

Antlitz auf den Brief in seine beiden Hände sinken.

»Er soll zurückkehren, Sie sollen ihn wieder haben!« schrie der Neger, und

wollte davon eilen, doch Turner ergriff ihn beim Arm und sagte:

»Es ist umsonst, Daniel, er wird nicht zurückkehren! Glaubst Du, daß Carl

seine Freiheit mit Deinem Leben erkaufen würde?«

»Er soll, er muß zurückkehren, die Delawaren sollen mich tödten, und dann

bleibt Carl nicht bei ihnen,« rief Daniel, und wollte sich von Turner

losreißen; doch dieser hielt ihn zurück und sagte:

»So höre, was er schreibt, und was er Dir in diesem Briefe sagt, dann wirst

Du einsehen, daß es nutzlos wäre, wenn Du ihm folgtest.«

Turner las nun dem Neger den Brief vor, und dieser stand wie vernichtet da,

rang die Hände und jammerte wieder und wieder:

»Warum habe ich mich auch nicht gleich selbst ausgeliefert!«

»Es war nicht Deine Schuld, Daniel, wir selbst haben Dich ja gehalten. Der

Himmel, der Alles so gefügt hat, wird unsern Liebling beschützen, und ihn

doch wieder in unsere Arme zurückführen. Carl lebt, er lebt nur für uns,

und weiß, daß mit ihm ein großer Theil unseres Glücks verloren ist. Er wird

wiederkehren!«

So suchte Turner den treuen Neger und sich selbst zu trösten, und den

herzzerreißenden Schmerz von sich abzuwehren; als er aber seiner Gattin und

den Kindern die Kunde von Carls Aufopferung überbrachte, da überwältigte

sie sämmtlich der Jammer, und sie brachen weinend und schluchzend in lautes

Wehklagen aus.

Carl ritt immer noch schweigend an der Seite des Häuptlings, und immer noch

entfielen Thränen seinen Augen.

»Dein Herz ist traurig, Carl,« sagte Leopard theilnehmend zu ihm, »und

das macht auch mich traurig; meine Freude aber darüber, daß Du mein Freund

werden willst, ist groß, und soll Dich wieder froh machen. Die Delawaren

werden Dich lieben, und Du wirst einst ein großer Mann unter ihnen sein,

sie werden Dir folgen, wenn der Leopard zu schwach wird, um sein Jagdroß

zu reiten, und sein Auge zu matt, um die Kugel in das Herz des Wildes zu

senden. Du sollst die schönsten Pferde haben, und die Frauen der Delawaren

werden die prächtigsten Häute für Dich zubereiten und Dir die weichsten

Jagdhemden und Gamaschen anfertigen.«

»Ich bin mit Allem zufrieden, wenn ich nur weiß, daß es meinen Freunden am

Bärflusse gut geht,« antwortete Carl, mit feuchtem Auge auf die glänzend

schwarzen Mähnen niedersehend, die der Rappenhengst in seinem Uebermuthe

schüttelte.

»Niemand soll und wird nun noch den Frieden Deiner Freunde stören, und Du

wirst sie zweimal des Jahrs wiedersehen und sie erfreuen.«

»Das hast Du mir versprochen, Leopard, und mußt es halten; nur mit dieser

Hoffnung kann ich fern von ihnen zufrieden sein.«

»Du wirst zufrieden, Du wirst glücklich sein, denn unser Leben ist ein

glücklicheres, als das der Weißen. Wir haben Alles, wonach unsere Herzen

sich sehnen; die Weißen haben niemals das, wonach sie streben; das Geld

stiehlt ihnen die Ruhe, wir lachen darüber; uns kann das Geld nicht froh,

nicht traurig machen.«

Carl blieb wortkarg, doch der Häuptling hörte nicht auf, ihn zu unterhalten

und ihm das Leben der Indianer von der schönsten Seite zu schildern.

Währenddem eilten sie nach Nordwest dahin über die mit Blumen übersäete

Prairie, auf der das trockene Gras vermodert zur Erde gesunken und

die frischgrünen Halme darüber mit der Blüthenpracht des Frühlings

aufgeschossen waren. Der Häuptling wollte der Grenze des Prairiebrandes bis

an den rothen Fluß folgen, weil er dort das meiste Wild anzutreffen hoffte.

Er ritt mit Carl den übrigen Indianern in ziemlich großer Entfernung

voraus, um seinem jungen Freunde Gelegenheit zu geben, während der Reise

mitunter ein Stück Wild zu erlegen, die Reiterschaar folgte ihnen langsam

nach, hinter derselben kamen die Pferde, die mit den Zelten, Geräthschaften

und Vorräthen aller Art beladen waren, und den Zug beschlossen die Frauen,

welche die Packthiere vorwärts trieben und sie zusammenhielten. Carl that

im Laufe des Tages wiederholt einen Meisterschuß auf Wild, welches der

Häuptling dann, stolz auf die Geschicklichkeit des Knaben, seinen ihm

folgenden Leuten überwies. Der Abend brachte sie in den Eichwald, wo Carl

den furchtbaren grauen Bären erlegt hatte, und an dem Wasser, wo er seinen

Falben wiederfand, wurde das Lager für die Nacht aufgeschlagen. Er benutzte

das Dämmerlicht noch zur Jagd, wobei er zwei Antilopen erlegte, welche von

den beiden Indianern, die ihn begleitet hatten, im Triumph in das Lager

getragen wurden. Mit Sonnenaufgang setzte sich am folgenden Morgen die

Schaar wieder in Bewegung und folgte dem Saume des Eichwaldes, der sich bis

zu den Ufern des rothen Flusses hinaufzog, und neben welchem die Prairie

bis dorthin durch jenen Schreckensbrand abgesengt war. Das junge Gras hatte

sie aber schon mit einer fußhohen Decke überzogen, auf welcher in allen

Richtungen Büffel, Hirsche und Antilopen weideten. Es war ein reizender

Tagesmarsch unter dem schattigen Laubdach der Eichen auf der feinen dichten

Grasdecke, aus welcher sich die mächtigen Stämme erhoben. Weithin wanderte

das Auge, da nirgends ein Dickicht die Fernsicht hemmte, und der Blick

konnte kaum eine Richtung finden, wo er nicht auf Wild traf. Besonders

zahlreich waren die Züge wilder Truthähne, die sich um diese Jahreszeit zu

Hunderten versammeln, während die Hennen einsam im hohen Grase der Prairie,

oder im Dickicht der Wälder auf ihren Eiern sitzen und brüten. In endlosen

Reihen flohen die Hähne vor der nahenden Reiterschaar, und wiederholt

sprengte der Häuptling mit seinem jungen Freunde ihnen nach, bis sie sich

prasselnd in die Luft erhoben und sich in die hohen Eichen schwangen. Dann

holte jede Büchsenkugel der beiden Reiter einen dieser colossalen Vögel auf

die Erde herab, und Carl schoß zur Freude Leopards auch einige derselben

mit dem Revolver herunter. Ohne zu rasten, ging es während des ganzen Tages

in dem kühlen Schatten des lichten Waldes vorwärts, während die Sonne

heiß auf die Baumkronen niederbrannte, und ihre Strahlen hier und dort ein

blendendes Licht auf den frischgrünen Boden warfen.

»Dort weidet ein starkes Rudel wilder Pferde, sie sind uns noch nicht

gewahr geworden,« sagte der Häuptling zu Carl, und zeigte unter den Bäumen

hin nach dem Saume der Prairie.

»Ach, wenn wir doch nahe an sie hinanreiten könnten; es sind zu schöne

Thiere. Ich meine immer, das Pferd wäre in seiner Freiheit viel stolzer als

in der Gefangenschaft.«

»Wenn Dir das Spaß macht, so reite nur dicht hinter mir her, ich will Dich

ganz nahe zu ihnen führen. Du mußt Dich aber auf den Hals Deines Pferdes

legen,« entgegnete der Häuptling, und ritt nun weiter seitwärts unter den

Eichen hin, bis er eine recht große Zahl von Stämmen zwischen sich und den

Rossen sah, so daß er durch sie mehr oder weniger den Blicken der Thiere

entzogen wurde. Dann ritt er auf sie zu, wählte aber immer die Richtung,

in welcher er die meisten Baumstämme vor sich hatte. Es lagen wohl noch

fünfhundert Schritte zwischen den beiden Reitern und den wilden Pferden,

die noch immer ganz sorglos grasten, als Carl dem Häuptling plötzlich leise

zurief: »Halt, halt, Leopard, halt Dein Pferd zurück!« und schnell sein

Fernglas aus der Tasche hervorzog und es vor sein Auge hob. Der Häuptling

hielt sein Roß an, und sah erst nach seinem Gefährten, dann aber wandte er,

wie dieser, seinen Blick gleichfalls nach der wilden Heerde.

»Du suchst wohl Deinen todten Liebling unter ihnen?« fragte Leopard

lachend.

»Ja, wahrhaftig, dort steht ein Pferd, welches gerade so aussieht, wie mein

Falber, wenn er sich nur noch etwas zur Seite wenden wollte,« entgegnete

Carl in großem Eifer, und hielt das Glas unbeweglich vor sein Auge.

Nach einer Weile fuhr er noch bewegter fort: »Jetzt wendet es sich,

-- wahrhaftig, es ist mein Falber, ich sehe den Satteldruck auf seinem

Rücken!«

Mit diesen Worten zeigte Carl, ganz außer sich vor Freude, nach einem

Pferde hin, welches etwas seitwärts von der Heerde nahe an der Prairie

weidete.

»Wäre es möglich -- laß mich einmal durch Dein Glas sehen,« sagte der

Häuptling, und nahm dasselbe dem Knaben ab. Nachdem er einige Augenblicke

nach dem Thiere hingeschaut hatte, sagte er rasch: »Das Pferd hat schon

einen Sattel getragen, und wenn Du sagst, daß es Dein Falber sei, so sollst

Du ihn auch wieder reiten. Bleibe hier hinter diesen Eichen halten, bis ich

zurückkomme, ich muß mein Kriegspferd reiten, wenn ich Deinen Falben fangen

will.«

Hiermit lenkte er sein Roß eilig auf demselben Wege zurück, auf dem er

gekommen war, und nach einer Weile sah Carl ihn in fliegendem Laufe davon

jagen. Die anderen Indianer waren noch weit zurück, so daß Carl noch nichts

von ihnen entdecken konnte. Mit hochschlagendem Herzen hielt er nun seinen

Blick durch das Glas auf den Falben gerichtet, und überzeugte sich immer

mehr, daß derselbe sein todtgeglaubter Liebling sei. Ungeduldig spähete er

wieder durch den Wald zurück, ob der Häuptling noch nicht sichtbar würde,

und lauschte nach den Hufschlägen seines Rosses. Noch war nichts von ihm zu

sehen, und mit Bangigkeit blickte Carl dann wieder nach der Heerde, ob sie

auch nicht unruhig werde. Die Thiere aber grasten ganz vertraut, und hier

und dort legte sich eins derselben im Grase nieder. Es schien, daß sein

Falber noch immer von den übrigen Rossen als Fremdling angesehen werde,

da er sich stets in einer gewissen Entfernung von ihnen hielt, und dies

bestärkte Carl noch mehr in seiner Ueberzeugung, daß es sein Pferd sei.

Der Häuptling blieb erschrecklich lange für Carl aus, und die Ungeduld

des Knaben, so wie dessen Besorgniß, daß die Heerde plötzlich davon eilen

würde, steigerte sich von Minute zu Minute; er strengte seinen Blick mit

allen Kräften an, um den Schimmel, den Leopard reiten wollte, in der Ferne

zu erspähen, da sah er ihn plötzlich weiter seitwärts sich nahen, und

zwar schon in nicht großer Entfernung. In verhaltenem Schritt kam der edle

Schimmelhengst zwischen den dichtstehenden Baumstämmen herangeschritten,

er war mit einer prächtigen Jaguarhaut geziert, die über seinen Sattel

ausgebreitet lag, und auf welcher der Indianerhäuptling, von aller Kleidung

entblößt, saß. Nur ein breites Stück feuerrothen Tuches umgab dessen Hüfte,

und statt der Waffen hielt er einen sehr langen Lasso aufgeschlungen in

seiner Rechten. Stolz hob sich seine muskulöse schlanke rothbraune Gestalt

über dem muthigen blendend weißen Rosse empor, und sein langes glänzend

schwarzes Haar hing weit über seine breiten Schultern herab. Als er näher

kam, mäßigte er noch mehr den Schritt des Pferdes und legte sich hinter

dessen breiten Hals. Bald hatte er Carl erreicht und sagte:

»Wenn Dein Falber wirklich so schnelle Füße und so langen Athem besitzt,

wie Du mir gesagt hast, so wird es eine heiße Jagd geben; noch aber habe

ich kein Pferd gesehen, welches im Laufe vor meinem Hengst bleiben konnte.

Halte Dich nur hinter mir, wir wollen so nahe wie möglich unbemerkt zu dem

Falben reiten; wird er uns aber gewahr, dann ist keine Zeit zu verlieren.

Dann sorge nur, daß Du mich im Auge behältst, meinen Schimmel kannst Du

sehr weit sehen.«

»Könnte ich mich dem Falben nahen, ohne daß die Heerde davonjagte, so würde

er gleich zu mir kommen, sobald er mich erkannt hätte,« sagte Carl, mit

Verlangen nach dem Pferde hinschauend.

»Die Freiheit schmeckt zu süß und das Thier hat sie nun schon zu lange

genossen, als daß es freiwillig wieder in die Gefangenschaft zurückkehren

sollte. Es ist ja mit den Indianern auch so, sie werden von den Weißen

immer näher zu den Gebirgen der Anden hingedrängt, wo sie mit dem Büffel

wegen Mangel an Nahrung zu Grunde gehen müssen und dennoch, trotzdem, daß

sie ihr Schicksal voraussehen, wollen sie lieber untergehen, ehe sie sich

dem Joch der Civilisation ergeben. Wir müssen Deinem Falben mit Gewalt die

Fessel wieder anlegen, wenn er Deine Herrschaft abermals anerkennen

soll. Nun folge mir,« entgegnete der Häuptling, wandte seinen ungeduldig

scharrenden Hengst dem Falben zu und nahte sich ihm von Baum zu Baum,

ohne daß das Thier ihn gewahr worden wäre, bis er es auf hundert Schritte

erreicht hatte. Hier standen die Eichen viel einzelner, und kaum schritt

der Schimmelhengst unter ihren Schatten, als die ganze wilde Heerde

zusammenschreckte und in wilder Verwirrung die Flucht ergriff.

Mit einem lauten gellenden Jagdgeschrei ließ aber im selbigen Augenblicke

der Häuptling seinem Hengst die Zügel schießen und flog ihr nach, als ob

sein Schimmel von dem Winde dahin getragen würde. In wenigen Augenblicken

war die Prairie erreicht, die wilden Pferde, die unter den Eichen

auseinandergesprengt waren, sammelten sich jetzt in einen dichten Haufen,

der Falbe jagte an ihrer Spitze und fort ging es in sausender Carriere über

die grüne, im Sonnenlichte glänzende Grasflur.

Carls Rappe mußte an die Zeit seiner eigenen Freiheit denken, denn er

setzte wie rasend hinter der fliehenden Heerde her und hatte auch bald die

letzten Reihen derselben erreicht. Der Häuptling aber jagte im Sturmlauf an

ihr vorüber, dem Falben nach, der schon mehrere hundert Schritte Vorsprung

vor den wilden Rossen gewonnen hatte, und diese wandten sich entsetzt von

dem Indianer ab und suchten seitwärts das Weite. Carl wollte dem Häuptling

folgen, sein Rappe aber kündigte ihm den Gehorsam und sprengte trotz Zügel

und Sporn in die Mitte des fliehenden Haufens. Fort ging es Hügel auf,

Hügel ab in tollem rasenden Laufe, denn die wilden Pferde sahen mit

Entsetzen nach der Menschengestalt hin, die sich zwischen ihnen erhob, und

verdoppelten ihre Anstrengungen zur eiligsten Flucht. Der Rappe aber blieb

zwischen ihnen; fliegend umwogten seine langen Mähnen den jungen Reiter

auf seinem Rücken, hoch wehte sein glänzend schwarzer Schweif und laut und

schnaubend blies er aus seinen weit geöffneten Nüstern. Mit Verzweiflung

schaute Carl seitwärts über die mit ihm fliehenden Schaaren nach dem

Häuptling hinüber, der nur noch wie ein weißer, dahinfliegender Punkt in

weiter Ferne zu erkennen war; vergebens aber wandte er alle seine Kräfte

auf, seinen widerspänstigen Rappen zurückzuhalten, derselbe stürmte

unaufhaltsam mit ihm fort und mit ihm die ganze wilde Heerde, daß der Boden

erzitterte und der Donner der Hufschläge die Luft erfüllte. Carl ergab sich

in sein Schicksal, Meile auf Meile blieb zurück und sein Roß, so wie dessen

wilde Kameraden bedeckten sich mit weißem Schaum.

Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika. · 第 24 / 26 段