In weitem Bogen führte der Häuptling nun seine Schaar in Galopp dem Ende

der Schlucht zu, wo dieselbe sich in der Prairie erweiterte und abflachte,

und dann ritten die Jäger in derselben hinauf, um zu ihrer Beute zu

gelangen. Je weiter sie zwischen den beiden Felswänden vordrangen, um so

höher erhoben sich dieselben, um so mehr näherten sie sich einander. Schon

von Weitem sahen die Jäger die schwarzen Massen der herabgestürzten Büffel

in der Schlucht liegen, und bald erkannten sie, daß viele derselben sich

noch hin- und herwarfen und aufzustehen versuchten. In einer Länge

von fünfhundert Schritten lagen unter der Felswand zwischen drei- und

vierhundert Büffel, und hoch über ihnen sah der Indianer aus der Felsspalte

hervor und bewillkommnete seine Kameraden bei der reichen Jagdbeute mit

lauten Jubelrufen. Die noch lebenden Thiere wurden schnell getödtet, und

dann begaben sich die Indianer eilig an die Arbeit, allen Büffeln die

Zungen auszuschneiden. Nur wenige wurden ihrer Häute beraubt, alle aber den

Geiern und Wölfen zum Schmause überlassen; denn kaum hatten die Jäger die

Zungen der Büffel an ihren Sätteln hängen, so ging es ohne Aufenthalt nach

dem Lager zurück, um die Beute den Frauen zum Trocknen und Räuchern

zu übergeben. Zu so hoher Begeisterung Carl auch in der Aufregung der

großartigen Jagd hingerissen wurde, so war ihm doch der Anblick der

ungeheuren Zahl von gemordeten Thieren, die ihr Leben nur ihrer Zunge wegen

hatten hingeben müssen, abschreckend und widrig gewesen, und er war

froh, die Schlucht hinter sich zurückzulassen und seinen Blick an dem

freundlichen Bilde zu weiden, welches die saftig grüne Fläche mit ihren

tausendfarbigen Blumen ihm bot. Die Frauen hatten im Lager nun schon die

nöthigen Gerüste über Kohlenfeuern aufgestellt, um die Zungen darüber zu

räuchern und zu trocknen, und mit großem Jubel bewillkommneten sie die

glücklichen Jäger und nahmen deren Beute in Empfang. Der Tag verstrich in

großer Thätigkeit, und es wurde während desselben an keine weitere Jagd

gedacht. Am folgenden Morgen aber forderte der Häuptling Carl auf, einen

Gang mit ihm an dem Wasser hinab zu machen, da dessen Ufer immer reich

von Wild belebt seien. Carl war schnell bereit, ergriff seine Büchse und

verließ mit dem Häuptling das Lager, nachdem dieser seine Leute ersucht

hatte, nicht gleichfalls am Flusse hinab zu jagen, sondern lieber die

entgegengesetzte Richtung zu wählen. Er ließ dann Carl in den Waldstrich

an dem linken Ufer gehen und begab sich selbst durch das seichte Wasser an

dessen andere Seite, weil, wie er sagte, dort zu viel Röhricht stehe und

Carl sich leicht darin verirren könne. Ehe sie sich trennten, bezeichnete

er einen Ort, wo sich die Prairie bis an das Wasser in den Wald hinein

erstrecke; dort sollte Carl auf ihn warten. Wohl eine halbe Stunde lang

war dieser hin und her in dem ziemlich lichten Gehölz fortgeschritten, ohne

irgend ein Wild zu Gesicht zu bekommen, da rauschte es plötzlich neben ihm

in dem Röhricht am Wasser, es krachte und brach darin, und eine schwere

dunkle Masse stürzte aus dem Dickicht hervor. Carl war hinter einen Baum

gesprungen, und erkannte jetzt einen schwer verwundeten riesigen Büffel,

der sich wahrscheinlich nach der gestrigen Jagd hierher geflüchtet und das

Wasser aufgesucht hatte, um darin seine Wunden zu kühlen. Carl schoß nach

ihm, doch da das Thier sich dennoch mühsam fortschleppen wollte, so gab er

ihm seine zweite Kugel, welche dasselbe nun völlig tödtete.

In diesem Augenblick fiel an der andern Seite des Wassers in nicht großer

Entfernung ein Schuß, und Carl schaute nach der Richtung hin, von wo der

Schall gekommen war. Da hörte er die gellende Stimme des Häuptlings, und

erkannte deutlich, daß er seinen Namen rief. Mit wenigen Sätzen hatte er

durch das seichte Wasser hin das jenseitige Ufer erreicht, und brach sich

gewaltsam Bahn durch das Röhricht, während der Hülferuf des Häuptlings

immer lauter, immer dringender zu ihm herüber drang. Das Dickicht war aber

zu sehr mit Ranken durchschlungen, als daß Carl sich hätte schnell vorwärts

bewegen können, und der sumpfige Boden, in dem er oft bis an die Knie

einsank, hinderte noch mehr seine Eile. Endlich ward es licht, er hatte

einen offenen Grasfleck erreicht, und hörte nun von dessen anderer Seite

her den Ruf Leopards ganz nahe aus dem Röhricht erschallen.

Carl stürzte sich in dasselbe hinein, bog es mit allen Kräften links und

rechts zur Seite, und sprang plötzlich in eine offene Stelle, wo vor ihm

auf dem Boden der Häuptling lag und mit einem ungeheuern Panther rang,

der auf ihm saß und seinen Hals zu ergreifen trachtete. Leopard wehrte das

grimmige Thier mit seiner linken Hand von sich ab, während sein rechter Arm

mit Blut bedeckt machtlos in dem Grase hing. Mit _einem_ Satze warf sich

Carl auf das wüthende Thier und stieß ihm sein langes Jagdmesser in die

Seite. Der Panther fuhr herum, und schlug seine furchtbaren Tatzen in die

Schulter seines neuen Gegners, doch Carls Messer fand mit dem zweiten Stoß

das Herz des Raubthiers und streckte es todt zu Boden. Jetzt erst erkannte

der Knabe, daß der Häuptling auf einem zweiten Panther lag, welchem der

Kopf gespalten war. Leopard sank mit einem dankbaren Blick nach seinem

Retter in das Gras zurück und verlor die Besinnung; Carl aber nahm schnell

sein Tuch hervor und verband damit die Wunden an dem rechten Arm Leopards,

aus welchem das Blut noch immer frisch hervorquoll. Dann holte er Wasser in

seinem Hute herbei und wusch seinem Freunde die Schläfe und die Brust,

bis derselbe die Augen wieder aufschlug. Der Häuptling deutete auf seinen

rechten Schenkel, und als Carl denselben untersuchte, fand er mehrere sehr

arge Wunden daran, die das Raubthier mit den Hintertatzen geschlagen hatte.

Der Knabe wollte sein Hemd ausziehen, um dasselbe zum Verbinden dieser

Wunden zu verwenden, da sah er das Tuch, welches der Häuptling um den Kopf

getragen hatte, im Rohr hängen; er holte es schnell herbei und wand es

sorgfältig um das verwundete Bein. Dann brachte er abermals Wasser in

seinem Hut, um seinen Freund damit zu erfrischen, und fragte ihn nun,

was er thun solle, damit er ihn in das Lager schaffe. Leopard bat ihn mit

matter Stimme, seine Büchse zu laden und sie neben ihm niederzulegen, da er

im Nothfall dieselbe auch mit der linken Hand würde abfeuern können;

denn seine rechte war er nicht im Stande zu erheben. Carl erfüllte seinen

Wunsch, und als ihn Leopard nun aufforderte, in das Lager zurückzueilen,

lud Carl auch noch sein eigenes Gewehr, legte es bei dem Verwundeten

nieder, und sprang dann auf dem Wege, den er gekommen war, so schnell ihn

seine Füße tragen konnten, wieder zurück nach dem Lager. Die Wunden an

seinem eignen Arm beachtete er gar nicht, obgleich sie ihn schmerzten und

das Blut aus dem Aermel bis auf seine Hand geflossen war.

[Illustration]

Die Nachricht von dem Unglück, welches Leopard betroffen hatte, verbreitete

großen Schrecken unter den Delawaren, die Kräftigsten von ihnen schlossen

sich Carl sofort an, und er mußte sie zu ihrem Häuptling führen. Sie fanden

denselben durch den bedeutenden Blutverlust sehr entkräftet, verfertigten

schnell eine Trage, legten ihn auf dieselbe und hoben die Bahre auf ihre

Schultern.

Leopard trug einem der Delawaren auf, die Häute der beiden Panther

mitzunehmen, und auch die eines jungen Panthers, welchen er ihm in dem

Röhricht bezeichnete, wo derselbe todt lag. Darauf setzte sich der Zug in

Bewegung und langte nach Verlauf einer Stunde in dem Lager an. Die Männer,

so wie die Frauen sammelten sich traurig um ihren geliebten Häuptling, er

wurde in sein Zelt getragen, dort auf weichen Häuten gebettet, und zwei

Indianerinnen legten nun Kräuter in die Wunden und verbanden dieselben dann

von Neuem. Sie kochten auch einen Kräuterthee für ihn, den sie ihm von Zeit

zu Zeit zu trinken gaben, und blieben während der ganzen folgenden Nacht

bei ihm sitzen, um seine Schmerzen zu lindern und den Verband seiner Wunden

häufig zu erneuen. Sie hatten auch Carl verbunden, der nun gleichfalls

nicht von der Seite des Häuptlings wich, und dieser hielt oft lange Zeit

des Knaben Hand in seiner Linken und schaute ihn mit dankbarem Blick dabei

an. Gegen Morgen versank Leopard in einen tiefen Schlaf, aus dem er erst

erwachte, als die Sonne schon hoch am Himmel stand. Er fühlte sich sehr

gekräftigt, rief Carl lächelnd zu sich heran, und nachdem derselbe sich

neben ihm niedergelassen hatte, erzählte er ihm, in welcher Weise er am

Tage vorher so zu Schaden gekommen war. Er sagte, es sei seine eigene

Schuld gewesen, und er verdiene die Schmerzen, die er sich selbst zugezogen

habe.

Während er in dem Walde spähend vorwärts geschritten war, hatte er

plötzlich an dem Saume der Rohrdickichts einen jungen Panther erblickt, und

hatte, ohne sich zu bedenken, nach ihm gefeuert. Das Thier war verwundet

in das Röhricht hineingeeilt, und Leopard war ihm nachgesprungen, hatte

es eingeholt, und hatte es mit einem Schlage seiner Streitaxt getödtet. In

demselben Augenblick aber waren die beiden alten Panther durch das Röhricht

auf ihn zugestürzt, und es war ihm gelungen, dem einen mit der Axt den Kopf

zu spalten. Der andere aber hatte seinen rechten Arm dann so zerrissen,

daß ihm die Waffe aus der Hand gefallen war, und nun hatte ihn das Thier

zu Boden geworfen, und nur mit größter Noth war es ihm möglich gewesen,

dasselbe von seinem Halse abzuwehren.

Nachdem der Häuptling den Verlauf der Begebenheit Carl mitgetheilt hatte,

ergriff er dessen Hand und sagte:

»Du hast den obersten Häuptling der Delawaren seinem Volke erhalten, Du

hast Deinem Freunde das Leben gerettet, und hast dabei Dein eigenes gewagt;

denn hätte Dein Messer das Herz des Panthers verfehlt, so wärst Du verloren

gewesen. Der einzige Griff des Thieres auf Deine Schulter hat Dir schon

tiefe Wunden geschlagen, wenn sie auch zum Glück nicht so bedeutend sind,

wie die meinigen. Hättest Du mich nicht von dem Raubthier befreit, so würde

es mich nach wenigen Minuten erwürgt haben, denn meine Kräfte gingen zu

Ende. Du hast ein großes Herz für Freundschaft und für Dankbarkeit, doch

auch die Herzen der Delawaren sind nicht klein dafür.«

Diese letzten Worte sagte der Häuptling mit einer feierlichen Betonung, und

drückte Carl dabei bedeutungsvoll die Hand.

Die ungeschwächte Gesundheit, wie sie nur der Indianer besitzt, ließ die

Wunden Leopards schnell heilen, und nach Verlauf von einigen Wochen war

er wieder im Besitz seiner vollen Kraft. Das Lager war abermals nach dem

Handelshause verlegt, und die Büffelzungen zu hohen Preisen an dessen

Vorstand verwerthet.

Der Häuptling hatte niemals wieder in Carls Gegenwart des Ereignisses mit

den Panthern erwähnt, und niemals wieder von seinem Dank für die Hülfe des

Knaben geredet. An dem Abend, nachdem er den Handel über die Büffelzungen

abgeschlossen hatte, und mit Carl allein bei dem Feuer vor seinem Zelte

lag, sagte er zu diesem:

»Ich habe einen langen Ritt zu machen, um ein, für mich sehr wichtiges

Geschäft abzuschließen; ich werde morgen zeitig die Reise antreten. Du

sollst mich begleiten, denn ich hoffe, daß Du mir große Dienste dabei

erweisen wirst.«

»Du weißt es ja, Leopard, wie gern ich Dir diene, wenn nur meine

Fähigkeiten dazu ausreichen werden,« antwortete Carl mit freudigem Blick.

»Sie werden ausreichen, wenn Du nur den guten Willen hast, mir zu helfen,

und davon bin ich ja unbedingt überzeugt. Es werden mich nur wenige meiner

Leute begleiten, und sie sollen mir meinen Schimmel und Dir Deinen Rappen

nachführen; denn uns Beiden steht ein scharfer Ritt bevor. Du machst ja

gern einen lustigen Ritt!«

»So lange meine Kräfte ausdauern, bleibe ich bei Dir, mag es hingehen,

wohin es will,« entgegnete Carl mit funkelnden Augen, und sah sich in

Gedanken schon wieder in wilder Jagd auf der endlosen Prairie.

»Gut, ich werde Dich auf die Probe stellen,« sagte der Häuptling lächelnd,

und wandte dann das Gespräch auf andere Dinge.

Am folgenden Morgen, noch ehe die Sonne über die Erde blickte, saß Leopard,

so wie auch Carl schon zu Roß, und vier junge Krieger schwangen sich in

ihre Sättel, um ihrem Häuptling zu folgen. Zwei von ihnen leiteten den

Schimmel desselben und den Rappen seines jungen Freundes. Unter tausend

Glückwünschen der Zurückbleibenden verließen sie das Lager und nahmen eine

südöstliche Richtung. Leopard war ernst und schweigsam, was Carl mit der

Wichtigkeit des abzuschließenden Geschäftes erklärte; die neuen Gegenden,

die Wälder in ihrem Frühlingsschmuck, die Grasfluren in ihrer Farbenpracht,

die Gewässer mit ihren Fischen, das unzählige Wild aber fesselten

fortwährend die Aufmerksamkeit des Knaben und unterhielten seinen

lebendigen, für alles Schöne hoch empfänglichen Geist. Vier Tage lang

hielten sie ihre Pferde von dem Grauen des Morgens bis in die Nacht hinein

in eiligem Gange, und als am vierten Abend die Dunkelheit sich über die

Gegend legte, sagte der Häuptling zu Carl, daß sie noch einige Stunden zu

reiten hätten. Die Nacht war sternhell und die Reiter erreichten bald

einen hohen Wald, an dessen Saum sie mehrere Stunden lang hinzogen. Dann

gelangten sie an einen tiefausgetretenen uralten Büffelpfad, welcher in

den Wald hineinführte. Hier stieg Leopard ab, und seine Begleiter folgten

seinem Beispiele, um die Pferde zu leiten, da man der Ranken wegen

namentlich in der Dunkelheit nicht zu Roß in den Wald eindringen konnte.

Schweigend schritt der Häuptling voran, und machte während des Gehens seine

Begleiter nur darauf aufmerksam, wenn ihm ein Hinderniß in den Weg kam.

Nach einer halben Stunde gelangten sie im Walde an einen Fluß, wo Leopard

bestimmte, die Nacht zuzubringen.

Schnell war ein Feuer angezündet, die Pferde wurden in den wilden Roggen

gebunden, der den Boden des Waldes hier bedeckte, und die Reiter erquickten

sich mit einem Stück Hirschfleisch, welches sie am Feuer rösteten, so wie

mit dem frischen Trunk, den ihnen die krystallhelle Fluth des Flusses bot.

Es schien, daß Leopard mit jedem Tage ernster und schweigsamer geworden

war, ohne jedoch seine innige Herzlichkeit gegen Carl zu beeinträchtigen.

Auch an diesem Abend redete er nicht viel, wünschte dem Knaben bald ruhig

zu schlafen, drückte ihm herzlich die Hand, und streckte sich dann auf

seiner Satteldecke aus. Am folgenden Morgen wurde es spät, ehe sich der

Häuptling von seinem Lager erhob, und auch dann noch schien er keine

Eile zu haben, die Weiterreise anzutreten. Das Frühstück verzögerte er

augenscheinlich absichtlich, und als endlich die Sonne ihre Strahlen durch

die Baumkronen auf das Lager warf, sagte er zu Carl:

»Wir Beide haben heute einen kurzen aber scharfen Ritt zu machen: Du sollst

dabei meinen Schimmel reiten, damit Du mir nicht zurückbleibst, es wird ein

heißes Rennen werden.«

Carl sah ihn verwundert an, denn außer Leopard selbst hatte er noch

nie einen Menschen auf dem Rücken des Schimmels gesehen, und er glaubte

beinahe, daß der Häuptling sich versprochen habe.

»Ich soll Deinen Schimmel reiten?« fragte der Knabe erstaunt.

»Ja wohl, meinen Schimmelhengst, und ich hoffe, daß Du ihm als Reiter Ehre

machen und mir nicht erlauben wirst, ihn einzuholen; denn das ist bis jetzt

noch keinem Rosse möglich gewesen.«

»Es soll an mir nicht liegen, Du wirst zufrieden mit mir sein,« entgegnete

Carl freudestrahlend; denn auf die Ehre, den Schimmel zu reiten, hatte er

nicht gehofft. Derselbe wurde nun statt des Falben gesattelt, Carl mußte

ihn besteigen, Leopard schwang sich auf sein Roß und der Fluß, in welchem

das Wasser nicht tief war, ward überschritten. Der Wald wurde hier lichter,

so daß die Reiter nicht abzusteigen brauchten, und ihre Pferde in raschem

Schritte halten konnten. Bald sah man durch die Laubmassen die Prairie

liegen, und nach wenigen Minuten hielt Leopard an dem Ausgange aus dem

Walde sein Pferd an.

»Jetzt mußt Du mir voranreiten, unser Rennen wird von hier aus beginnen,

ich hoffe, Du lässest Dich nicht von mir einholen,« sagte er zu Carl mit

einem strahlenden Blicke.

»Wohin wollen wir denn rennen?« fragte Carl verwundert.

»Reite nur hinaus, dann wirst Du schon die Richtung finden,« entgegnete der

Häuptling, und zog sein Pferd zur Seite, um dem Knaben Raum zu geben.

Carl ritt, erstaunt um sich sehend, unter dem letzten Baume hervor, warf

einen Blick am Waldsaume hin und schrie:

»Großer Gott -- das Fort!«

»Vorwärts!« rief der Häuptling, und dahin sauste Carl auf dem

Schimmelhengst, als flöge er über das Gras, dem heimathlichen Hügel zu, auf

dem das Fort seines Onkels stand, und hinter ihm her stürmte der Häuptling

in gestrecktem Laufe.

Carl wollte rufen, wollte schreien, die Stimme aber versagte ihm, und statt

der Worte von seinen Lippen flossen die Freudenthränen von seinen Augen.

Der Häuptling aber hinter ihm ließ das Jagdgeschrei der Delawaren ertönen,

daß es laut und jubelnd nach dem Fort hinaufschallte und dessen Bewohner

erschrocken in das offene Thor rief.

Carl sah die Seinigen, wie sie die Hände nach ihm ausstreckten; auch er

breitete jauchzend ihnen seine Arme entgegen, und der Häuptling hielt sein

Roß im Lauf zurück und winkte mit dem Tuche durch die Luft, um jeden

Schein von Feindseligkeit zu beseitigen. Der Schimmel flog am Hügel hinauf,

Turners rissen den geliebten Knaben vom Pferde, er verschwand in ihren

Umarmungen, und Daniel hielt mit einer Hand den Schimmel und streckte die

andere zwischen seinen überglücklichen Freunden nach seinem geliebten

Carl aus, um wenigstens dessen Arm zu erfassen. Das unverhoffte Glück, die

Seligkeit des Wiedersehens überwältigte Alle für den Augenblick so sehr,

daß sie nicht bemerkten, wie der Häuptling unbeweglich neben ihnen stand,

und selbst das Glück, welches er hier geschaffen hatte, wonnig in sein Herz

einziehen ließ; als aber der erste Freudenrausch verwogte und die Blicke

der Beseligten sich fragend auf ihn richteten, hub er mit ernster Stimme

an:

»Der Knabe hat dem Manne Freundschaft und Dankbarkeit gelehrt, er ist dem

Häuptling der Delawaren ein treuer Freund gewesen, er hat ihm das

Leben gerettet, und das Herz des Leoparden enthält jetzt nicht

weniger Freundschaft und Dankbarkeit, als das Herz des Knaben. Der

Delawarenhäuptling giebt seinen Freund Carl dessen Lieben zurück, er

schenkt ihm sein bestes Roß, seinen Schimmelhengst, und er ertheilt dem

schwarzen Panther die Freiheit, damit derselbe nun seinen Freund Carl

niemals wieder verlasse. Der schwarze Panther ist und bleibt ein Delaware,

und wer seine und seiner Freunde Ruhe stört, der wird der Todfeind der

Delawaren sein.«

Kaum hatte der Indianer aber das letzte Wort gesagt, so warf sich Carl ihm

an die Brust und umschlang seinen Nacken unter heißen Thränen des

Dankes und des Glücks, und Turners sämmtlich und der Neger drückten den

hochherzigen Indianer an ihre Herzen und stammelten unter Freudenthränen

ihren Dank hervor.

Mein Herz ist nun wieder froh und meine Zunge wieder leicht; Leopard hat

jetzt viele Freunde am Bärflusse! sagte der Häuptling, überwältigt von dem

Wonnegefühl, mit welchem das von ihm geschaffene Glück seine Brust füllte.

Er ließ sich von seinen Freunden nun in das Fort führen, wo sie ihn jubelnd

und jauchzend willkommen hießen. In Freude und glücklicher Eintracht

verbrachte er hier den Tag, schlief mit Carl in _einem_ Zimmer, und sagte

am folgenden Morgen seinen Freunden mit dem Versprechen Lebewohl, sie

zweimal im Jahre zu besuchen.

Fünf Jahre später, während welcher Zeit der Verfasser dieses Buches

wiederholt aus dem Munde des Delawaren-Häuptlings Begebenheiten aus dem

Leben Carl Scharnhorsts vernommen hatte, besuchte er selbst die Familie

Turner in ihrer Niederlassung am Bärflusse, und erfuhr dann von ihnen

und von Carl Scharnhorst selbst ihre Schicksale, die in diesem Buche

geschildert sind.

Das Fort war verschwunden, ein freundlicheres, von blühenden Lianen

umschlungenes Haus stand statt seiner auf dem Hügel, und wurde von Turner,

dessen Gattin und ihren beiden Söhnen bewohnt.

Das Feld war weit in die Prairie am Pflaumenbache hinauf ausgedehnt und

theils mit Mais, theils mit herrlicher Baumwolle bestellt.

Julie war an den zweiten Sohn Warwicks am Choctawbache verheirathet,

und Carl Scharnhorst hatte seine eigene Farm an der andern Seite des

Pflaumenbaches gegründet, die er mit Daniel musterhaft bewirthschaftete.

Die Prairie vor beiden Niederlassungen war mit herrlichen Viehheerden

belebt, Alles in und um die Ansiedelungen zeugte von Wohlhabenheit und

glücklichem ungestörten Frieden der Eigenthümer, und in einer großen

Einzäunung vor Carls Hause weideten der Falbe, der Rappe und der Schimmel.

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[ Hinweise zur Transkription

Eine auf den Halbtitel folgende ganzseitige Illustration wurde zu der

entsprechenden Textstelle auf Seite 248 verschoben.

Der Halbtitel wurde entfernt.

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription

sind _gesperrte_ Schrift, Textanteile in =Antiqua-Schrift= sowie

#Fettdruck# jeweils markiert.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden

Ausnahmen,

Seite 12:

"Madam" geändert in "Madame"

(in vollem Lauf bei Herrn und Madame Turner vorübersauste)

Seite 22:

"«" eingefügt

(ist und bleibt doch eine Goldgrube, und --«)

Seite 40:

"«" eingefügt

(wenn mir nur kein Anderer schon zuvorgekommen ist.«)

Seite 59:

"«" eingefügt

(in einigen zwanzig Tagen nach Baltimore bringen.«)

Seite 65:

"." geändert in "?"

(kennst Du das Land an den Ufern der Chesapeake-Bay?«)

Seite 82:

"»" eingefügt

(»Der Kapitain verliert mich allerdings nicht gern)

Seite 99:

"Perde" geändert in "Pferde"

(wenn die Fesseln an den Füßen unserer Pferde halten)

Seite 105:

"«" hinter "helfen." entfernt

(um ihrem ersten Vorposten gegen die Indianer zu helfen.«)

Seite 112:

"«" eingefügt

(ein Trinkhorn und ein Pulverhorn daraus verfertigen.«)

Seite 117:

"»" eingefügt

(»Ich bin wirklich bis unter die Arme naß geworden)

Seite 122:

"?" geändert in "!"

(wir senden sie Alle hierher zu Ihnen!« antwortete Warwick)

Seite 146:

"Tnrner" geändert in "Turner"

(als ob es ein Hase wäre,« entgegnete Turner)

Seite 155:

"gnt" geändert in "gut"

(sich so gut er konnte. Als mich nun der Jaguar)

Seite 162:

"Jaguarhant" geändert in "Jaguarhaut"

(über die Jaguarhaut wurde noch besonders ein Gurt geschnallt)

Seite 176:

"Honigkochen" geändert in "Honigkuchen"

(es wurden Honigkuchen gebacken)

Seite 176:

"Weinachtsfest" geändert in "Weihnachtsfest"

(wie er in Deutschland das Weihnachtsfest zierte)

Seite 195:

"er-ermüdet" geändert in "ermüdet"

(Sehr ermüdet langten sie beim Fort an)

Seite 199:

"eineu" geändert in "einen"

(An jede Falle hatte Daniel einen Strick gebunden)

Seite 206:

"«" eingefügt

(läßt sich nur selten in der Nähe von Ansiedelungen sehen.«)

Seite 212:

"»" vor "Der" entfernt

(Der Schuß durch den Kopf und der durch das Herz)

Seite 240:

"Tauerkleide" geändert in "Trauerkleide"

(wie in einem schwarzen Trauerkleide lag sie)

Seite 264:

"Anwort" geändert in "Antwort"

(Carl gab dem Indianer keine Antwort, was dieser)

Seite 269:

"Thierscharen" geändert in "Thierschaaren"

(als die fliehenden Thierschaaren bei ihm vorüberbrausten)

Seite 270:

"Fortes" geändert in "Forts"

(der Hof und die Umgebung des Forts blendend erhellt waren)]

Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika. · 第 26 / 26 段