der Schlucht zu, wo dieselbe sich in der Prairie erweiterte und abflachte,
und dann ritten die Jäger in derselben hinauf, um zu ihrer Beute zu
gelangen. Je weiter sie zwischen den beiden Felswänden vordrangen, um so
höher erhoben sich dieselben, um so mehr näherten sie sich einander. Schon
von Weitem sahen die Jäger die schwarzen Massen der herabgestürzten Büffel
in der Schlucht liegen, und bald erkannten sie, daß viele derselben sich
noch hin- und herwarfen und aufzustehen versuchten. In einer Länge
von fünfhundert Schritten lagen unter der Felswand zwischen drei- und
vierhundert Büffel, und hoch über ihnen sah der Indianer aus der Felsspalte
hervor und bewillkommnete seine Kameraden bei der reichen Jagdbeute mit
lauten Jubelrufen. Die noch lebenden Thiere wurden schnell getödtet, und
dann begaben sich die Indianer eilig an die Arbeit, allen Büffeln die
Zungen auszuschneiden. Nur wenige wurden ihrer Häute beraubt, alle aber den
Geiern und Wölfen zum Schmause überlassen; denn kaum hatten die Jäger die
Zungen der Büffel an ihren Sätteln hängen, so ging es ohne Aufenthalt nach
dem Lager zurück, um die Beute den Frauen zum Trocknen und Räuchern
zu übergeben. Zu so hoher Begeisterung Carl auch in der Aufregung der
großartigen Jagd hingerissen wurde, so war ihm doch der Anblick der
ungeheuren Zahl von gemordeten Thieren, die ihr Leben nur ihrer Zunge wegen
hatten hingeben müssen, abschreckend und widrig gewesen, und er war
froh, die Schlucht hinter sich zurückzulassen und seinen Blick an dem
freundlichen Bilde zu weiden, welches die saftig grüne Fläche mit ihren
tausendfarbigen Blumen ihm bot. Die Frauen hatten im Lager nun schon die
nöthigen Gerüste über Kohlenfeuern aufgestellt, um die Zungen darüber zu
räuchern und zu trocknen, und mit großem Jubel bewillkommneten sie die
glücklichen Jäger und nahmen deren Beute in Empfang. Der Tag verstrich in
großer Thätigkeit, und es wurde während desselben an keine weitere Jagd
gedacht. Am folgenden Morgen aber forderte der Häuptling Carl auf, einen
Gang mit ihm an dem Wasser hinab zu machen, da dessen Ufer immer reich
von Wild belebt seien. Carl war schnell bereit, ergriff seine Büchse und
verließ mit dem Häuptling das Lager, nachdem dieser seine Leute ersucht
hatte, nicht gleichfalls am Flusse hinab zu jagen, sondern lieber die
entgegengesetzte Richtung zu wählen. Er ließ dann Carl in den Waldstrich
an dem linken Ufer gehen und begab sich selbst durch das seichte Wasser an
dessen andere Seite, weil, wie er sagte, dort zu viel Röhricht stehe und
Carl sich leicht darin verirren könne. Ehe sie sich trennten, bezeichnete
er einen Ort, wo sich die Prairie bis an das Wasser in den Wald hinein
erstrecke; dort sollte Carl auf ihn warten. Wohl eine halbe Stunde lang
war dieser hin und her in dem ziemlich lichten Gehölz fortgeschritten, ohne
irgend ein Wild zu Gesicht zu bekommen, da rauschte es plötzlich neben ihm
in dem Röhricht am Wasser, es krachte und brach darin, und eine schwere
dunkle Masse stürzte aus dem Dickicht hervor. Carl war hinter einen Baum
gesprungen, und erkannte jetzt einen schwer verwundeten riesigen Büffel,
der sich wahrscheinlich nach der gestrigen Jagd hierher geflüchtet und das
Wasser aufgesucht hatte, um darin seine Wunden zu kühlen. Carl schoß nach
ihm, doch da das Thier sich dennoch mühsam fortschleppen wollte, so gab er
ihm seine zweite Kugel, welche dasselbe nun völlig tödtete.
In diesem Augenblick fiel an der andern Seite des Wassers in nicht großer
Entfernung ein Schuß, und Carl schaute nach der Richtung hin, von wo der
Schall gekommen war. Da hörte er die gellende Stimme des Häuptlings, und
erkannte deutlich, daß er seinen Namen rief. Mit wenigen Sätzen hatte er
durch das seichte Wasser hin das jenseitige Ufer erreicht, und brach sich
gewaltsam Bahn durch das Röhricht, während der Hülferuf des Häuptlings
immer lauter, immer dringender zu ihm herüber drang. Das Dickicht war aber
zu sehr mit Ranken durchschlungen, als daß Carl sich hätte schnell vorwärts
bewegen können, und der sumpfige Boden, in dem er oft bis an die Knie
einsank, hinderte noch mehr seine Eile. Endlich ward es licht, er hatte
einen offenen Grasfleck erreicht, und hörte nun von dessen anderer Seite
her den Ruf Leopards ganz nahe aus dem Röhricht erschallen.
Carl stürzte sich in dasselbe hinein, bog es mit allen Kräften links und
rechts zur Seite, und sprang plötzlich in eine offene Stelle, wo vor ihm
auf dem Boden der Häuptling lag und mit einem ungeheuern Panther rang,
der auf ihm saß und seinen Hals zu ergreifen trachtete. Leopard wehrte das
grimmige Thier mit seiner linken Hand von sich ab, während sein rechter Arm
mit Blut bedeckt machtlos in dem Grase hing. Mit _einem_ Satze warf sich
Carl auf das wüthende Thier und stieß ihm sein langes Jagdmesser in die
Seite. Der Panther fuhr herum, und schlug seine furchtbaren Tatzen in die
Schulter seines neuen Gegners, doch Carls Messer fand mit dem zweiten Stoß
das Herz des Raubthiers und streckte es todt zu Boden. Jetzt erst erkannte
der Knabe, daß der Häuptling auf einem zweiten Panther lag, welchem der
Kopf gespalten war. Leopard sank mit einem dankbaren Blick nach seinem
Retter in das Gras zurück und verlor die Besinnung; Carl aber nahm schnell
sein Tuch hervor und verband damit die Wunden an dem rechten Arm Leopards,
aus welchem das Blut noch immer frisch hervorquoll. Dann holte er Wasser in
seinem Hute herbei und wusch seinem Freunde die Schläfe und die Brust,
bis derselbe die Augen wieder aufschlug. Der Häuptling deutete auf seinen
rechten Schenkel, und als Carl denselben untersuchte, fand er mehrere sehr
arge Wunden daran, die das Raubthier mit den Hintertatzen geschlagen hatte.
Der Knabe wollte sein Hemd ausziehen, um dasselbe zum Verbinden dieser
Wunden zu verwenden, da sah er das Tuch, welches der Häuptling um den Kopf
getragen hatte, im Rohr hängen; er holte es schnell herbei und wand es
sorgfältig um das verwundete Bein. Dann brachte er abermals Wasser in
seinem Hut, um seinen Freund damit zu erfrischen, und fragte ihn nun,
was er thun solle, damit er ihn in das Lager schaffe. Leopard bat ihn mit
matter Stimme, seine Büchse zu laden und sie neben ihm niederzulegen, da er
im Nothfall dieselbe auch mit der linken Hand würde abfeuern können;
denn seine rechte war er nicht im Stande zu erheben. Carl erfüllte seinen
Wunsch, und als ihn Leopard nun aufforderte, in das Lager zurückzueilen,
lud Carl auch noch sein eigenes Gewehr, legte es bei dem Verwundeten
nieder, und sprang dann auf dem Wege, den er gekommen war, so schnell ihn
seine Füße tragen konnten, wieder zurück nach dem Lager. Die Wunden an
seinem eignen Arm beachtete er gar nicht, obgleich sie ihn schmerzten und
das Blut aus dem Aermel bis auf seine Hand geflossen war.
[Illustration]
Die Nachricht von dem Unglück, welches Leopard betroffen hatte, verbreitete
großen Schrecken unter den Delawaren, die Kräftigsten von ihnen schlossen
sich Carl sofort an, und er mußte sie zu ihrem Häuptling führen. Sie fanden
denselben durch den bedeutenden Blutverlust sehr entkräftet, verfertigten
schnell eine Trage, legten ihn auf dieselbe und hoben die Bahre auf ihre
Schultern.
Leopard trug einem der Delawaren auf, die Häute der beiden Panther
mitzunehmen, und auch die eines jungen Panthers, welchen er ihm in dem
Röhricht bezeichnete, wo derselbe todt lag. Darauf setzte sich der Zug in
Bewegung und langte nach Verlauf einer Stunde in dem Lager an. Die Männer,
so wie die Frauen sammelten sich traurig um ihren geliebten Häuptling, er
wurde in sein Zelt getragen, dort auf weichen Häuten gebettet, und zwei
Indianerinnen legten nun Kräuter in die Wunden und verbanden dieselben dann
von Neuem. Sie kochten auch einen Kräuterthee für ihn, den sie ihm von Zeit
zu Zeit zu trinken gaben, und blieben während der ganzen folgenden Nacht
bei ihm sitzen, um seine Schmerzen zu lindern und den Verband seiner Wunden
häufig zu erneuen. Sie hatten auch Carl verbunden, der nun gleichfalls
nicht von der Seite des Häuptlings wich, und dieser hielt oft lange Zeit
des Knaben Hand in seiner Linken und schaute ihn mit dankbarem Blick dabei
an. Gegen Morgen versank Leopard in einen tiefen Schlaf, aus dem er erst
erwachte, als die Sonne schon hoch am Himmel stand. Er fühlte sich sehr
gekräftigt, rief Carl lächelnd zu sich heran, und nachdem derselbe sich
neben ihm niedergelassen hatte, erzählte er ihm, in welcher Weise er am
Tage vorher so zu Schaden gekommen war. Er sagte, es sei seine eigene
Schuld gewesen, und er verdiene die Schmerzen, die er sich selbst zugezogen
habe.
Während er in dem Walde spähend vorwärts geschritten war, hatte er
plötzlich an dem Saume der Rohrdickichts einen jungen Panther erblickt, und
hatte, ohne sich zu bedenken, nach ihm gefeuert. Das Thier war verwundet
in das Röhricht hineingeeilt, und Leopard war ihm nachgesprungen, hatte
es eingeholt, und hatte es mit einem Schlage seiner Streitaxt getödtet. In
demselben Augenblick aber waren die beiden alten Panther durch das Röhricht
auf ihn zugestürzt, und es war ihm gelungen, dem einen mit der Axt den Kopf
zu spalten. Der andere aber hatte seinen rechten Arm dann so zerrissen,
daß ihm die Waffe aus der Hand gefallen war, und nun hatte ihn das Thier
zu Boden geworfen, und nur mit größter Noth war es ihm möglich gewesen,
dasselbe von seinem Halse abzuwehren.
Nachdem der Häuptling den Verlauf der Begebenheit Carl mitgetheilt hatte,
ergriff er dessen Hand und sagte:
»Du hast den obersten Häuptling der Delawaren seinem Volke erhalten, Du
hast Deinem Freunde das Leben gerettet, und hast dabei Dein eigenes gewagt;
denn hätte Dein Messer das Herz des Panthers verfehlt, so wärst Du verloren
gewesen. Der einzige Griff des Thieres auf Deine Schulter hat Dir schon
tiefe Wunden geschlagen, wenn sie auch zum Glück nicht so bedeutend sind,
wie die meinigen. Hättest Du mich nicht von dem Raubthier befreit, so würde
es mich nach wenigen Minuten erwürgt haben, denn meine Kräfte gingen zu
Ende. Du hast ein großes Herz für Freundschaft und für Dankbarkeit, doch
auch die Herzen der Delawaren sind nicht klein dafür.«
Diese letzten Worte sagte der Häuptling mit einer feierlichen Betonung, und
drückte Carl dabei bedeutungsvoll die Hand.
Die ungeschwächte Gesundheit, wie sie nur der Indianer besitzt, ließ die
Wunden Leopards schnell heilen, und nach Verlauf von einigen Wochen war
er wieder im Besitz seiner vollen Kraft. Das Lager war abermals nach dem
Handelshause verlegt, und die Büffelzungen zu hohen Preisen an dessen
Vorstand verwerthet.
Der Häuptling hatte niemals wieder in Carls Gegenwart des Ereignisses mit
den Panthern erwähnt, und niemals wieder von seinem Dank für die Hülfe des
Knaben geredet. An dem Abend, nachdem er den Handel über die Büffelzungen
abgeschlossen hatte, und mit Carl allein bei dem Feuer vor seinem Zelte
lag, sagte er zu diesem:
»Ich habe einen langen Ritt zu machen, um ein, für mich sehr wichtiges
Geschäft abzuschließen; ich werde morgen zeitig die Reise antreten. Du
sollst mich begleiten, denn ich hoffe, daß Du mir große Dienste dabei
erweisen wirst.«
»Du weißt es ja, Leopard, wie gern ich Dir diene, wenn nur meine
Fähigkeiten dazu ausreichen werden,« antwortete Carl mit freudigem Blick.
»Sie werden ausreichen, wenn Du nur den guten Willen hast, mir zu helfen,
und davon bin ich ja unbedingt überzeugt. Es werden mich nur wenige meiner
Leute begleiten, und sie sollen mir meinen Schimmel und Dir Deinen Rappen
nachführen; denn uns Beiden steht ein scharfer Ritt bevor. Du machst ja
gern einen lustigen Ritt!«
»So lange meine Kräfte ausdauern, bleibe ich bei Dir, mag es hingehen,
wohin es will,« entgegnete Carl mit funkelnden Augen, und sah sich in
Gedanken schon wieder in wilder Jagd auf der endlosen Prairie.
»Gut, ich werde Dich auf die Probe stellen,« sagte der Häuptling lächelnd,
und wandte dann das Gespräch auf andere Dinge.
Am folgenden Morgen, noch ehe die Sonne über die Erde blickte, saß Leopard,
so wie auch Carl schon zu Roß, und vier junge Krieger schwangen sich in
ihre Sättel, um ihrem Häuptling zu folgen. Zwei von ihnen leiteten den
Schimmel desselben und den Rappen seines jungen Freundes. Unter tausend
Glückwünschen der Zurückbleibenden verließen sie das Lager und nahmen eine
südöstliche Richtung. Leopard war ernst und schweigsam, was Carl mit der
Wichtigkeit des abzuschließenden Geschäftes erklärte; die neuen Gegenden,
die Wälder in ihrem Frühlingsschmuck, die Grasfluren in ihrer Farbenpracht,
die Gewässer mit ihren Fischen, das unzählige Wild aber fesselten
fortwährend die Aufmerksamkeit des Knaben und unterhielten seinen
lebendigen, für alles Schöne hoch empfänglichen Geist. Vier Tage lang
hielten sie ihre Pferde von dem Grauen des Morgens bis in die Nacht hinein
in eiligem Gange, und als am vierten Abend die Dunkelheit sich über die
Gegend legte, sagte der Häuptling zu Carl, daß sie noch einige Stunden zu
reiten hätten. Die Nacht war sternhell und die Reiter erreichten bald
einen hohen Wald, an dessen Saum sie mehrere Stunden lang hinzogen. Dann
gelangten sie an einen tiefausgetretenen uralten Büffelpfad, welcher in
den Wald hineinführte. Hier stieg Leopard ab, und seine Begleiter folgten
seinem Beispiele, um die Pferde zu leiten, da man der Ranken wegen
namentlich in der Dunkelheit nicht zu Roß in den Wald eindringen konnte.
Schweigend schritt der Häuptling voran, und machte während des Gehens seine
Begleiter nur darauf aufmerksam, wenn ihm ein Hinderniß in den Weg kam.
Nach einer halben Stunde gelangten sie im Walde an einen Fluß, wo Leopard
bestimmte, die Nacht zuzubringen.
Schnell war ein Feuer angezündet, die Pferde wurden in den wilden Roggen
gebunden, der den Boden des Waldes hier bedeckte, und die Reiter erquickten
sich mit einem Stück Hirschfleisch, welches sie am Feuer rösteten, so wie
mit dem frischen Trunk, den ihnen die krystallhelle Fluth des Flusses bot.
Es schien, daß Leopard mit jedem Tage ernster und schweigsamer geworden
war, ohne jedoch seine innige Herzlichkeit gegen Carl zu beeinträchtigen.
Auch an diesem Abend redete er nicht viel, wünschte dem Knaben bald ruhig
zu schlafen, drückte ihm herzlich die Hand, und streckte sich dann auf
seiner Satteldecke aus. Am folgenden Morgen wurde es spät, ehe sich der
Häuptling von seinem Lager erhob, und auch dann noch schien er keine
Eile zu haben, die Weiterreise anzutreten. Das Frühstück verzögerte er
augenscheinlich absichtlich, und als endlich die Sonne ihre Strahlen durch
die Baumkronen auf das Lager warf, sagte er zu Carl:
»Wir Beide haben heute einen kurzen aber scharfen Ritt zu machen: Du sollst
dabei meinen Schimmel reiten, damit Du mir nicht zurückbleibst, es wird ein
heißes Rennen werden.«
Carl sah ihn verwundert an, denn außer Leopard selbst hatte er noch
nie einen Menschen auf dem Rücken des Schimmels gesehen, und er glaubte
beinahe, daß der Häuptling sich versprochen habe.
»Ich soll Deinen Schimmel reiten?« fragte der Knabe erstaunt.
»Ja wohl, meinen Schimmelhengst, und ich hoffe, daß Du ihm als Reiter Ehre
machen und mir nicht erlauben wirst, ihn einzuholen; denn das ist bis jetzt
noch keinem Rosse möglich gewesen.«
»Es soll an mir nicht liegen, Du wirst zufrieden mit mir sein,« entgegnete
Carl freudestrahlend; denn auf die Ehre, den Schimmel zu reiten, hatte er
nicht gehofft. Derselbe wurde nun statt des Falben gesattelt, Carl mußte
ihn besteigen, Leopard schwang sich auf sein Roß und der Fluß, in welchem
das Wasser nicht tief war, ward überschritten. Der Wald wurde hier lichter,
so daß die Reiter nicht abzusteigen brauchten, und ihre Pferde in raschem
Schritte halten konnten. Bald sah man durch die Laubmassen die Prairie
liegen, und nach wenigen Minuten hielt Leopard an dem Ausgange aus dem
Walde sein Pferd an.
»Jetzt mußt Du mir voranreiten, unser Rennen wird von hier aus beginnen,
ich hoffe, Du lässest Dich nicht von mir einholen,« sagte er zu Carl mit
einem strahlenden Blicke.
»Wohin wollen wir denn rennen?« fragte Carl verwundert.
»Reite nur hinaus, dann wirst Du schon die Richtung finden,« entgegnete der
Häuptling, und zog sein Pferd zur Seite, um dem Knaben Raum zu geben.
Carl ritt, erstaunt um sich sehend, unter dem letzten Baume hervor, warf
einen Blick am Waldsaume hin und schrie:
»Großer Gott -- das Fort!«
»Vorwärts!« rief der Häuptling, und dahin sauste Carl auf dem
Schimmelhengst, als flöge er über das Gras, dem heimathlichen Hügel zu, auf
dem das Fort seines Onkels stand, und hinter ihm her stürmte der Häuptling
in gestrecktem Laufe.
Carl wollte rufen, wollte schreien, die Stimme aber versagte ihm, und statt
der Worte von seinen Lippen flossen die Freudenthränen von seinen Augen.
Der Häuptling aber hinter ihm ließ das Jagdgeschrei der Delawaren ertönen,
daß es laut und jubelnd nach dem Fort hinaufschallte und dessen Bewohner
erschrocken in das offene Thor rief.
Carl sah die Seinigen, wie sie die Hände nach ihm ausstreckten; auch er
breitete jauchzend ihnen seine Arme entgegen, und der Häuptling hielt sein
Roß im Lauf zurück und winkte mit dem Tuche durch die Luft, um jeden
Schein von Feindseligkeit zu beseitigen. Der Schimmel flog am Hügel hinauf,
Turners rissen den geliebten Knaben vom Pferde, er verschwand in ihren
Umarmungen, und Daniel hielt mit einer Hand den Schimmel und streckte die
andere zwischen seinen überglücklichen Freunden nach seinem geliebten
Carl aus, um wenigstens dessen Arm zu erfassen. Das unverhoffte Glück, die
Seligkeit des Wiedersehens überwältigte Alle für den Augenblick so sehr,
daß sie nicht bemerkten, wie der Häuptling unbeweglich neben ihnen stand,
und selbst das Glück, welches er hier geschaffen hatte, wonnig in sein Herz
einziehen ließ; als aber der erste Freudenrausch verwogte und die Blicke
der Beseligten sich fragend auf ihn richteten, hub er mit ernster Stimme
an:
»Der Knabe hat dem Manne Freundschaft und Dankbarkeit gelehrt, er ist dem
Häuptling der Delawaren ein treuer Freund gewesen, er hat ihm das
Leben gerettet, und das Herz des Leoparden enthält jetzt nicht
weniger Freundschaft und Dankbarkeit, als das Herz des Knaben. Der
Delawarenhäuptling giebt seinen Freund Carl dessen Lieben zurück, er
schenkt ihm sein bestes Roß, seinen Schimmelhengst, und er ertheilt dem
schwarzen Panther die Freiheit, damit derselbe nun seinen Freund Carl
niemals wieder verlasse. Der schwarze Panther ist und bleibt ein Delaware,
und wer seine und seiner Freunde Ruhe stört, der wird der Todfeind der
Delawaren sein.«
Kaum hatte der Indianer aber das letzte Wort gesagt, so warf sich Carl ihm
an die Brust und umschlang seinen Nacken unter heißen Thränen des
Dankes und des Glücks, und Turners sämmtlich und der Neger drückten den
hochherzigen Indianer an ihre Herzen und stammelten unter Freudenthränen
ihren Dank hervor.
Mein Herz ist nun wieder froh und meine Zunge wieder leicht; Leopard hat
jetzt viele Freunde am Bärflusse! sagte der Häuptling, überwältigt von dem
Wonnegefühl, mit welchem das von ihm geschaffene Glück seine Brust füllte.
Er ließ sich von seinen Freunden nun in das Fort führen, wo sie ihn jubelnd
und jauchzend willkommen hießen. In Freude und glücklicher Eintracht
verbrachte er hier den Tag, schlief mit Carl in _einem_ Zimmer, und sagte
am folgenden Morgen seinen Freunden mit dem Versprechen Lebewohl, sie
zweimal im Jahre zu besuchen.
Fünf Jahre später, während welcher Zeit der Verfasser dieses Buches
wiederholt aus dem Munde des Delawaren-Häuptlings Begebenheiten aus dem
Leben Carl Scharnhorsts vernommen hatte, besuchte er selbst die Familie
Turner in ihrer Niederlassung am Bärflusse, und erfuhr dann von ihnen
und von Carl Scharnhorst selbst ihre Schicksale, die in diesem Buche
geschildert sind.
Das Fort war verschwunden, ein freundlicheres, von blühenden Lianen
umschlungenes Haus stand statt seiner auf dem Hügel, und wurde von Turner,
dessen Gattin und ihren beiden Söhnen bewohnt.
Das Feld war weit in die Prairie am Pflaumenbache hinauf ausgedehnt und
theils mit Mais, theils mit herrlicher Baumwolle bestellt.
Julie war an den zweiten Sohn Warwicks am Choctawbache verheirathet,
und Carl Scharnhorst hatte seine eigene Farm an der andern Seite des
Pflaumenbaches gegründet, die er mit Daniel musterhaft bewirthschaftete.
Die Prairie vor beiden Niederlassungen war mit herrlichen Viehheerden
belebt, Alles in und um die Ansiedelungen zeugte von Wohlhabenheit und
glücklichem ungestörten Frieden der Eigenthümer, und in einer großen
Einzäunung vor Carls Hause weideten der Falbe, der Rappe und der Schimmel.
_Festgeschenke!_
Im Verlage von #Carl Rümpler# in _Hannover_ sind erschienen und durch alle
Buchhandlungen zu beziehen:
Aus Palast und Hütte.
Auserlesene Erzählungen, Parabeln, Fabeln, Legenden und Sagen
zur Bildung des Geistes, edler Gesinnung und Sitte.
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Octav. In eleg. Umschlag und mit Titelbild in Farbendruck. Gebunden.
1 Thlr. 15 Ngr.
Bilder aus der Märchenwelt.
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#C. Wardow#.
_Verfasserin der »Krystalle«._
Mit 6 color. Bildern nach Zeichnungen von F. Kolb, lithogr. von
Th. Roßbart und mit einem Vorwort von Th. Colshorn.
Octav. In eleg. Umschlag in Farbendruck. Gebunden. 1 Thlr. 22½ Ngr.
Des Mägdleins Dichterwald.
Stufenmäßig geordnete Auswahl deutscher Gedichte für Mädchen.
_Aus den Quellen._
Von
#Th. Colshorn#.
Vierte Auflage, verbessert und vermehrt. Mit Titelkupfer.
Groß Octav. Elegant geheftet. 1 Thlr.
In eleg. engl. Einbande mit Rücken- und Deckelpressungen. 1 Thlr. 10 Ngr.
Des deutschen Knaben Wunderhorn.
Stufenmäßig geordnete
_Auswahl deutscher Gedichte für Knaben und Jünglinge_.
Aus den Quellen.
Von
_Theodor Colshorn_.
Groß Octav. Elegant geheftet. 1 Thlr.
In elegantem englischen Einbande mit Goldpressungen. 1 Thlr. 10 Ngr.
Der Deklamator.
_Hundert deutsche Gedichte zum Deklamiren_
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#C.# und #Th. Colshorn#.
Mit Titelbild nach Originalzeichnung von #L. Richter#,
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Groß Octav. In elegantem englischen Einbande mit Goldpressungen. 15 Ngr.
Deutsche Mythologie für's deutsche Volk.
_Vorhalle zum wissenschaftlichen Studium derselben._
Von
#Theodor Colshorn.#
Miniatur-Ausgabe. Elegant geheftet. 1 Thlr. In prachtvollem englischen
Einbande mit Goldpressungen und Goldschnitt. 1 Thlr. 10 Ngr.
[ Hinweise zur Transkription
Eine auf den Halbtitel folgende ganzseitige Illustration wurde zu der
entsprechenden Textstelle auf Seite 248 verschoben.
Der Halbtitel wurde entfernt.
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
sind _gesperrte_ Schrift, Textanteile in =Antiqua-Schrift= sowie
#Fettdruck# jeweils markiert.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
Ausnahmen,
Seite 12:
"Madam" geändert in "Madame"
(in vollem Lauf bei Herrn und Madame Turner vorübersauste)
Seite 22:
"«" eingefügt
(ist und bleibt doch eine Goldgrube, und --«)
Seite 40:
"«" eingefügt
(wenn mir nur kein Anderer schon zuvorgekommen ist.«)
Seite 59:
"«" eingefügt
(in einigen zwanzig Tagen nach Baltimore bringen.«)
Seite 65:
"." geändert in "?"
(kennst Du das Land an den Ufern der Chesapeake-Bay?«)
Seite 82:
"»" eingefügt
(»Der Kapitain verliert mich allerdings nicht gern)
Seite 99:
"Perde" geändert in "Pferde"
(wenn die Fesseln an den Füßen unserer Pferde halten)
Seite 105:
"«" hinter "helfen." entfernt
(um ihrem ersten Vorposten gegen die Indianer zu helfen.«)
Seite 112:
"«" eingefügt
(ein Trinkhorn und ein Pulverhorn daraus verfertigen.«)
Seite 117:
"»" eingefügt
(»Ich bin wirklich bis unter die Arme naß geworden)
Seite 122:
"?" geändert in "!"
(wir senden sie Alle hierher zu Ihnen!« antwortete Warwick)
Seite 146:
"Tnrner" geändert in "Turner"
(als ob es ein Hase wäre,« entgegnete Turner)
Seite 155:
"gnt" geändert in "gut"
(sich so gut er konnte. Als mich nun der Jaguar)
Seite 162:
"Jaguarhant" geändert in "Jaguarhaut"
(über die Jaguarhaut wurde noch besonders ein Gurt geschnallt)
Seite 176:
"Honigkochen" geändert in "Honigkuchen"
(es wurden Honigkuchen gebacken)
Seite 176:
"Weinachtsfest" geändert in "Weihnachtsfest"
(wie er in Deutschland das Weihnachtsfest zierte)
Seite 195:
"er-ermüdet" geändert in "ermüdet"
(Sehr ermüdet langten sie beim Fort an)
Seite 199:
"eineu" geändert in "einen"
(An jede Falle hatte Daniel einen Strick gebunden)
Seite 206:
"«" eingefügt
(läßt sich nur selten in der Nähe von Ansiedelungen sehen.«)
Seite 212:
"»" vor "Der" entfernt
(Der Schuß durch den Kopf und der durch das Herz)
Seite 240:
"Tauerkleide" geändert in "Trauerkleide"
(wie in einem schwarzen Trauerkleide lag sie)
Seite 264:
"Anwort" geändert in "Antwort"
(Carl gab dem Indianer keine Antwort, was dieser)
Seite 269:
"Thierscharen" geändert in "Thierschaaren"
(als die fliehenden Thierschaaren bei ihm vorüberbrausten)
Seite 270:
"Fortes" geändert in "Forts"
(der Hof und die Umgebung des Forts blendend erhellt waren)]