Die Wilden kamen in drei Haufen mit einem betäubenden Zetergeschrei wie im

Sturmwind herangesaust, und hatten in wenigen Augenblicken die Pallisaden

bis auf vierzig Schritt erreicht, da krachte es aus den Schießscharten, und

das tödtliche Blei fuhr aus den Gewehren der Ansiedler tausendfach in

die nackten Körper der Indianer, daß dieselben in wilder Verwirrung

durcheinander stürzten. Sie wichen aber nicht zurück, sie warfen ihre

Lasso's über die Spitzen der Pallisaden und kletterten an den Stricken

in die Höhe. Das mörderische Feuer aber, welches aus beiden Vorbauen der

Festung auf sie unterhalten wurde, stürzte die Meisten zu Boden, und nur

dreien von ihnen gelang es, unverwundet in das Fort herabzuspringen. Kaum

aber berührten sie die Erde, als Pluto einen derselben niederriß und Carl

den Wilden mit dem Revolver erschoß, in dem Augenblick, als derselbe die

Streitaxt gegen den Hund erhob, Turner den zweiten mit einem Büchsenschusse

tödtete, und Daniel sich mit dem Messer in der Hand auf den dritten warf

und mit ihm zu Boden stürzte. Es war nur ein Kampf weniger Sekunden, dann

sprang der Neger von seinem getödteten Gegner auf und eilte zu Carl zurück,

um wieder durch die Schießscharte zu blicken. Die Indianer waren geflohen

und sammelten sich abermals außer Schußweite, während viele Verwundete

vor den Pallisaden sich heulend im Grase wanden und Todte hier und dort

umherlagen. Jetzt sprang Daniel aus dem Vorbau durch den Hof nach der

hintern Seite des Forts und ließ die Leiter auf den Felsen in den Fluß

hinab, indem er seinen Gefährten zurief: »Schnell, schnell, retten Sie sich

in den Wald, Madame Turner, Julie, schnell, schnell, ehe es zu spät wird!«

Madame Turner und Julie waren bleich und bebend aus dem Hause getreten,

und wie von einer höhern Macht getrieben, folgten Alle der Aufforderung des

Negers. Turner stieg zuerst auf den Felsen hinab, ihm folgte seine Gattin,

dann kamen ihre Kinder, und Carl stand noch zögernd an der Leiter, indem er

die Hand des Negers ergriff, und sagte: »Du gehst mit uns, Daniel?«

»Nein, nein, ich bleibe, es giebt noch _ein_ Mittel, die Niederlassung zu

retten. Fort, fort, führen Sie die Ihrigen durch den Wald und eilen Sie

nach Warwicks; der Allmächtige wird Sie in seinen Schutz nehmen!«

Mit diesen Worten drängte der treue schwarze Freund seinen Liebling Carl

auf die Leiter und auch dieser erreichte den Felsen. Turner sprang nun

mit den Anderen in das Kanoe und ruderte an das jenseitige Ufer. Der Neger

ergriff dann seine Doppelbüchse, öffnete schnell das Thor und stürzte

nun hinaus vor das Fort, wo er im hellen Scheine des Feuerlichtes sich im

Angesichte der noch berathenden Indianer aufstellte.

»Kennt Ihr den schwarzen Panther der Delawaren?« schrie er mit donnernder

Stimme den Comantschen zu, und schwang seine Axt hoch über sich durch die

Luft, daß ihr blanker Stahl in dem Feuerschein blitzte. »Wer von Euch will

den Scalp eines Delawaren erbeuten? So viele Haare, wie derselbe enthält,

so viele Scalpe der Comantschen werden die Delawaren als Zahlung dafür

nehmen. Kommt heran, wenn Ihr den schwarzen Panther besiegen wollt, bringt

aber Eure besten Waffen mit!«

Nun stimmte der Neger das furchtbare Kriegsgeschrei der Delawaren an und

tanzte, seine Waffen über sich schwingend, nach dieser Schreckensmelodie

deren Kriegstanz.

Die Ueberraschung und zugleich der Schreck der Wilden war augenscheinlich

groß, denn sie standen unbeweglich und stierten nach dem schwarzen

Delawaren hinauf, auf dem das Licht des lodernden Kienholzes flackerte;

nicht lange aber besannen sie sich, denn sie beredeten sich nur wenige

Minuten, warfen dann ihre Waffen von sich und kamen, die Arme auf der Brust

gekreuzt, auf Daniel zugeschritten. Der Häuptling nahm das Wort und sagte:

»Die Comantschen sind Freunde der Delawaren und Freunde des schwarzen

Panthers. Sie wußten nicht, daß ein Delaware unter diesen Bleichgesichtern

lebte, sonst würden sie nicht nach deren Leben getrachtet haben. Laß uns

unsere gefallenen Brüder mit uns nehmen und lösche Deine Feuer aus; Du

kannst ruhig schlafen!«

Dabei reichte er Daniel die Hand, machte dann nochmals das Zeichen der

Freundschaft, und winkte seinen Leuten zu, die Todten und Verwundeten

fortzuschaffen. Der Neger theilte ihm mit, daß noch drei Todte in dem Fort

lägen und ging, von einer Anzahl Wilden gefolgt, in dasselbe hinein, welche

die Erschlagenen davon trugen. Nach Verlauf von einer Stunde waren die

Comantschen verschwunden und die Feuer in den Körben waren erloschen.

Daniel saß in dem Zimmer an dem großen Tische und vor ihm brannte eine

düstere Lampe. Er hatte seine Stirn in seine Hand gelegt und dachte an die

Folgen dieser Nacht. Es war kein Zweifel darüber, daß binnen ganz kurzer

Zeit die Delawaren von seinem Hiersein unterrichtet werden und sofort

hier erscheinen würden, um seiner habhaft zu werden. Was sollte er thun?

flüchtete er sich von hier, so mußten Turners mit ihrem Leben, oder wenn

sie entkamen, mit ihrem Eigenthum dafür büßen, denn die Delawaren würden

die ganze Niederlassung zerstören. Er würde dann die Ansiedelung aus den

Händen der Comantschen gerettet haben, um ihre Vernichtung den Delawaren zu

überlassen. Blieb er hier und überlieferte sich dem Leopard, so wußte er,

daß ein schrecklicher Martertod seiner erbarmungslos harrte. Er saß lange

Zeit regungslos an dem Tische und dachte an die Zukunft seiner Freunde, und

der bleiche Schimmer des nahenden Tages stahl sich durch die Thür herein,

als er aufstand und hinausging, um die Pferde in das Gras zu binden. -- Er

hatte beschlossen, hier zu bleiben, und sich den Delawaren zu überliefern.

Nachdem er die Pferde in die Weide geführt hatte, brachte er Alles im Fort

wieder in Ordnung, was während der Verwirrung in der Nacht in Unordnung

gerathen war; er reinigte die Gewehre, lud sie wieder, hing sie in Turners

Zimmer an der Wand auf und verbrachte den Tag mit Arbeit im Fort und im

Garten. Daß seine Freunde glücklich die Niederlassung am Choctawbache

erreicht hatten, darüber war er beruhigt, denn Carl war ja bei ihnen, und

er war überzeugt, daß sofort alle Männer von dort hierhereilen würden, um

die Indianer zu vertreiben. So geschah es denn auch. Noch stand die Sonne

hoch am westlichen Himmel, als eine Schaar von vierzig Reitern mit dem

alten Warwick an ihrer Spitze aus dem Walde hervorgesprengt kam und zu dem

Fort heraufjagte.

Auch Turner und Carl befanden sich unter ihnen, und ihr Erstaunen war

groß, als Daniel aus dem Fort hervortrat und ihnen mittheilte, daß die

Comantschen in Frieden abgezogen seien. Auf die Frage, wie dies möglich und

was sie dazu bewogen habe, sagte der Neger, er sei zu ihnen hinausgegangen

und habe mit ihnen geredet und ihnen gesagt, daß die Männer am Choctawbache

bald hier sein und sie verfolgen würden, so weit sie ihre Pferde tragen

könnten. Wenn nun diese Mittheilung Warwicks und seinen Gefährten auch

räthselhaft und unglaublich erschien, so war es doch Thatsache, daß Alles

in und um das Fort sich unversehrt fand, und daß die Wilden sich entfernt

hatten.

Preis und Lob wurde über den treuen Neger ausgesprochen und Warwick meinte,

daß Daniel im Besitze eines Zaubermittels sein müsse, durch welches er die

Rothhäute gebändigt habe. Die Männer vom Choctawbache traten bald darauf

ihren Heimweg wieder an und mit ihnen Warwicks beide Söhne, der Alte aber

wollte hier bleiben, bis am folgenden Tage Madame Turner mit ihren Kindern

hierher zurückgekehrt sein würde.

Carl hatte in der Nacht die Seinigen glücklich durch den Wald geführt und

hatte mit ihnen erst gegen Mittag die Niederlassung Warwicks erreicht, denn

das Gehen in dem hohen Grase der Prairie war Madame Turner und den Kindern

sehr mühsam geworden. Nur die Angst und das Entsetzen vor den Wilden hatte

es ihnen überhaupt möglich gemacht, den Weg ohne Aufenthalt zurückzulegen,

und zu Tode erschöpft waren sie bei ihren theilnehmenden Freunden

angelangt. Die beiden Söhne Warwicks sollten ihnen nun die frohe Kunde

bringen, daß alle Gefahr vorüber sei und sie dann am folgenden Tage zu

Pferde nach dem Fort zurückgeleiten. Carl ritt ihnen am nächsten

Morgen entgegen und langte dann auch noch vor der Mittagszeit mit ihnen

wohlbehalten zu Hause an. Madame Turner rief allen Segen des Himmels auf

den treuen Daniel herab und ihre Danksagungen wollten kein Ende nehmen. Der

alte Warwick frohlockte über das Ereigniß, welches Turners unter so großer

Gefahr glücklich überstanden hatten; denn er meinte, daß sie nun, nachdem

die Comantschen, die mächtigsten Indianer dieses Landes, ihren Angriff

aufgegeben hätten, vor allen übrigen Wilden sicher wären und weissagte

ihnen nun ungestörten Frieden in ihrem Eigenthum. Seine langjährige

Erfahrung, seine genaue Bekanntschaft mit dem Thun und Lassen der Indianer

und seine zuversichtlichen Worte flößten Turners Vertrauen ein und

beruhigten ihre Gemüther, denn immer noch klangen die Schreckenstöne der

Wilden durch ihre Seelen. Der biedere alte Freund scherzte und lachte über

die einzelnen Scenen in jener Nacht, und that Alles, um die erschreckten

Herzen der Ansiedler aufzuheitern. Er verweilte bei ihnen, bis die Sonne

sich neigte, sagte ihnen dann ein herzliches Lebewohl, versprach bald

wieder zu kommen, und trat dann mit seinen beiden Söhnen den Heimritt an.

Die sorglose Ruhe, der glückliche Friede, welche bisher die Ansiedler

umgeben hatten, waren aber tief erschüttert, und mit Bangen und Zagen sahen

sie jetzt immer die Nacht hereinbrechen. Daniel that sein Möglichstes,

ruhig und sorglos zu erscheinen, um seinen Freunden Muth zu geben und vor

ihnen seinen eignen Seelenkampf zu verbergen, der ihm, wo er ging, wo er

stand, sein unvermeidliches furchtbares Ende vorspiegelte. Tage verstrichen

aber, und Wochen eilten dahin, ohne daß die Ruhe im Fort abermals gestört

worden wäre, und dem Frühling mit seinen tausend Schönheiten, seinen

zahllosen Reizen gelang es, die Herzen der Bedrängten wieder zu ermuthigen,

zu erfreuen. Die ganze Natur war ja heiter und festlich gestimmt, es war ja

kaum möglich, an etwas Trauriges, etwas Schreckliches zu denken, denn das

Bild eines ewigen Friedens umgab die Niederlassung. Bei Turners zog nach

und nach das frühere Glück, die frühere heitere Zuversicht in ihre Zukunft

wieder ein; aber im Herzen Daniels wurde es von Tag zu Tag trüber, und mit

Bangen schloß er Abends das Fort, mit Bangen blickte er Morgens über dessen

Umgebung. Er wollte seinem Schicksal nicht entgehen, er wollte sich für

seine Freunde opfern, aber es schauderte ihn, dachte er an die grausame

Rache der Indianer. Er war stets der Erste, der Morgens einen Blick aus den

Schießscharten der Pallisaden warf, um zu sehen, ob die Delawaren das Fort

noch nicht umstellt hätten; denn sobald dieselben erschienen sein würden,

wollte er sich durch Turner an sie ausliefern lassen, damit bei den

Indianern jeder Vorwurf gegen seine Freunde verschwinden möge.

Abschnitt 8.

Aufopferung. -- Stummer Abschied. -- Der Falbe. -- Das Rennen wider

Willen. -- Das Handelshaus. -- Großer Büffelfang. -- Der Panther. --

Dankbarkeit. -- Das Wiedersehen.

Daniel hatte sich eines Morgens so eben mit dem Gedanken an die Delawaren

von seinem Lager erhoben, und trat in den Hof, um einen Blick über die

Prairie zu thun, als das laute, lärmende Gebell der Hunde außerhalb des

Forts ihm wie ein Blitzstrahl durch die Seele fuhr. Er sah im Geiste seine

Henker nahen, sprang an die Schießöffnung, und nun ward der Gedanke zur

Wahrheit; denn dort kamen die Delawaren mit Leopard an der Spitze im Galopp

über das wogende Gras dem Fort zugejagt. Die Liebe zum Leben, der Trieb der

Selbsterhaltung blitzte mit einem Gedanken an die Leiter und an das Kanoe

in Daniel auf; noch war es Zeit, zu fliehen, noch konnte er dem Tode unter

den Händen der Barbaren entgehen! Er blickte nach dem Abhang, wo die

Leiter lag, er sah aber auch die geschlossenen Thüren, hinter welchen seine

Freunde in sorglosem glücklichen Schlummer ruhten, und verschwunden war

jedes Wanken, jedes Zagen, er wollte sich seinen Feinden überliefern.

Der Lärm der Hunde brachte nun auch Carl und Turner erschreckt in den Hof,

doch Daniel rief ihnen zu, es seien die Delawaren, die sich naheten und von

denen sie Nichts zu befürchten hätten.

»Die Delawaren -- doch nicht mit Leopard?« rief Turner erschrocken; »dann

eile fort in den Wald, Daniel, daß sie Dich nicht hier finden!«

»Sie kommen, um mich zu holen, und ich werde mit ihnen gehen,« antwortete

der Neger entschlossen.

»Nimmermehr, nun und nimmermehr, Daniel, lieber wollen wir uns sämmtlich

unter den Trümmern des Forts begraben lassen. Fort, guter Daniel, fort in

das Boot, noch ist es Zeit,« rief Turner dringend und zog den Neger nach

der Leiter hin.

»Es ist umsonst, die Delawaren wissen durch die Comantschen, daß ich hier

bin; denn diesen habe ich es in jener Nacht gesagt, um sie von weiteren

Feindseligkeiten abzuhalten. Durch meine Flucht würde ich Sie sämmtlich

dem Tode weihen. Ich liefere mich an Leopard aus,« sagte Daniel

unerschütterlich, und weigerte sich, die Leiter zu betreten, welche Carl

auf den Felsen hinabgelassen hatte. Dieser, so wie Turner aber schlangen

ihre Arme um den treuen Freund und flehten und beschworen ihn, zu fliehen,

und sie ihrem Schicksale zu überlassen.

Daniel aber blieb bei seinem Entschluß, und zeigte einige Augenblicke

später nach dem jenseitigen Ufer, wo jetzt vor dem Walde schon mehrere

Delawaren erschienen.

»So werden wir mit Dir sterben, Daniel, lebendig sollen diese Barbaren

weder Dich noch uns in die Hände bekommen. Carl, hole die Waffen!« rief

Turner außer sich, schlang abermals seine Arme um den Freund und flehte ihn

an, sich zu vertheidigen.

»Halloh, weißer Mann, höre mich, ich bin Leopard, der Delawarenhäuptling!«

rief jetzt die Donnerstimme des Indianers außerhalb des Forts, indem

derselbe mit seiner Streitaxt an das Thor schlug.

»Was willst Du, kommst Du als Freund oder als Feind zu mir? Bedenke, daß

ich mich unter dem Schutze des Präsidenten der Vereinigten Staaten befinde,

in dessen Diensten Du stehst.«

»Ich komme als Freund zu Dir und bitte Dich, mir mein Eigenthum, den

schwarzen Panther auszuliefern, der unter Deinem Dache wohnt.«

»Du hast kein Eigenthumsrecht an ihn, denn dein Vater hat dessen Eltern

geraubt und sie zu seinen Sklaven gemacht,« entgegnete Turner entschlossen.

»Richte über Deine eigenen Angelegenheiten, nicht über die meinigen. Ich

werde mein Eigenthum, den schwarzen Panther, lebendig oder todt mit mir

von hier nehmen. Er kann mir nicht entgehen, denn ich werde Deine Festung

umstellt halten, bis der Hunger Euch Alle tödtet, oder bis Ihr mir den

schwarzen Panther überliefert. Ich lehne mich nicht gegen den Willen des

großen Vaters, des Präsidenten der Vereinigten Staaten auf, denn ich werde

keine Gewalt gegen Dich gebrauchen und Deine Holzwände nicht ersteigen; es

soll kein Fuß eines Delawaren Dein Haus betreten, Du magst frei ein- und

ausgehen, aber Lebensmittel lasse ich nicht in Deine Festung ein, bis der

schwarze Panther in meinen Händen ist.«

»Ich werde Dir folgen, Leopard, obgleich Du kein Recht an mir hast,« schrie

Daniel dem Indianer zu, doch Turner unterbrach ihn und rief: »So entferne

Dich von meinem Eigenthum, so weit, daß Dich meine Kugeln nicht erreichen

können; ich werde mich und meinen Freund Daniel vertheidigen, und meine

Freunde vom Choctawbache werden bald hier sein und mir beistehen!«

»Thue, was Du willst, der Leopard redet nur _einmal_!« rief der Häuptling

von draußen und gab weiter keine Antwort.

Madame Turner und die Kinder waren zu Tode erschrocken in den Hof

gekommen, und hörten mit Entsetzen, um was es sich handele. Sie weinten

und jammerten, und hingen sich flehend an Daniel, der bei seinem Entschluß

blieb, das Fort zu verlassen und sich den Delawaren zu überliefern.

Als Turner durch eine Schießöffnung blickte, sah er, daß die Indianer außer

Schußweite rings um das Fort ihre Zelte aufgeschlagen hatten, und daß ihre

Pferde weiterhin im Grase weideten.

»Noch eine Bitte mußt Du mir zugestehen, Daniel, Du mußt hier bleiben, bis

ich nochmals mit dem Häuptling gesprochen habe,« sagte Turner nun zu dem

Neger, »ich will hinaus zu ihm gehen und will ihm all mein vorräthiges Geld

bieten, um Dich frei zu kaufen. Ich habe noch mehr, als er für Dich fordern

kann.«

Daniel stellte ihm vor, daß es umsonst sein würde; Madame Turner und die

Kinder hingen sich an Turner, und wollten ihn nicht hinausgehen lassen;

doch er blieb bei seinem Entschluß, und öffnete das Thor. Carl mußte es

wieder hinter ihm verschließen, und nun schritt er den Hügel hinab dem

Zelte zu, vor welchem er den Häuptling sitzen sah.

»Sei mir willkommen in meinem Lager,« sagte Leopard, dem Nahenden entgegen

gehend, und bot ihm die Hand zum Gruß; »die Delawaren sind Freunde der

weißen Männer.«

Damit leitete er Turner vor sein Zelt und ließ ihn neben sich auf einer

Büffelhaut Platz nehmen.

»So zeige es mir, daß Du mein Freund bist, ich fordere einen

Freundschaftsdienst von Dir und will Deinen Schaden nicht. Verkaufe mir

den Neger, ich bin bereit, Dir einige tausend Dollar für ihn zu geben; mehr

Geld besitze ich nicht,« sagte Turner, und ergriff bittend die Hand des

Häuptlings.

»Geld kann kein Unrecht gut machen, welches einem Delawaren zugefügt ist.

Behalte Du Dein Geld und gieb mir meinen schwarzen Panther,« antwortete der

Häuptling mit unerschütterlicher Bestimmtheit.

»Nun, so will ich versuchen, ob meine Freunde am Choctawbache mir auf mein

ganzes Eigenthum noch Geld borgen wollen, ich zahle Dir Alles, was ich

aufbringen kann für den Neger,« nahm Turner wieder das Wort.

»Und wenn Du mir alles Geld der weißen Männer geben könntest, so würde ich

Dir den schwarzen Panther nicht dafür verkaufen,« entgegnete Leopard mit

einem finstern Blick, und blieb gegen alle Vorschläge, alles Flehen Turners

unerbittlich.

Mit blutendem Herzen kehrte dieser unverrichteter Sache in das Fort zurück,

und gab sich dort mit den Seinigen dem Schmerz und dem Jammer über das

unvermeidliche Schicksal des geliebten Freundes hin.

Den Tag verbrachten die schwer Bedrängten unter Wehklagen und Thränen, nur

Carls Augen waren trocken geworden, und es glänzte ein Gedanke auf deren

Spiegel, der in seiner Seele immer lebendiger aufstieg. Er wurde stumm und

nachdenkend, und erst, als die Sonne sich neigte, sagte er zu Turner: »Ich

will noch einmal mit dem Häuptling reden, vielleicht gelingt es mir, ihn

milder zu stimmen; er ist mir sehr gut gewesen.«

Turner schlang seinen Arm um den braven Knaben und drückte ihn innig an

seine Brust, indem er sagte: »Du meinst es so gut, Carl, der Himmel mag

Dich unterstützen, ich fürchte aber, es wird auch umsonst sein. Gehe mit

Gott und versuche es, das Herz des Wilden zu erweichen.« Darauf geleitete

Turner den Knaben zu dem Thore und ließ ihn hinaus.

Als Carl den Hügel hinabschritt, kam ihm der Häuptling schon von Weitem

entgegen und empfing ihn mit den Worten: »Warum willst Du mich zwingen,

auch Dir eine Bitte abzuschlagen, da Du weißt, daß ich sie Dir nicht

gewähren kann, und da Du weißt, wie gut ich Dir bin? Habe ich Dir doch

gesagt, wie leid es mir thut, daß Du nicht als Delaware geboren bist!«

»Und wenn ich nun dennoch ein Delaware werden wollte, ein treuer Delaware

mit Leib und Seele, würdest Du mich nicht lieber haben, als ihn?«

Bei diesen Worten Carls war es, als ob ein plötzlicher Sonnenschein über

die finstern Züge des Häuptlings führe, er sah den Knaben überrascht und

in höchstem Erstaunen an, ergriff plötzlich dessen beide Hände, zog ihn an

seine Brust und schlang seine sehnigen Arme um ihn.

»Du, ein Delaware?« rief er, außer sich vor Freude; »und wenn ich hundert

schwarze Panther für Dich geben müßte, so solltest Du ein Delaware werden!

Dein Herz ist groß, ja es ist größer für Freundschaft, als das meinige,

ich will Dir aber ein eben so guter Freund sein, als Du es dem schwarzen

Panther bist. Ja, Knabe, Du sollst Delaware, Du sollst mein Freund werden,

und ich gebe den schwarzen Panther für Dich auf.«

»Du mußt ihm nicht allein seine Freiheit geben, er muß als Delaware unter

Deinem Schutze bei den Meinigen bleiben, damit sie und ihr Eigenthum gegen

jede Feindseligkeit anderer Indianer sicher gestellt werden. Willigst Du

hierin ein, so ziehe ich mit Dir, und will Dir ein treuer Freund sein,«

sagte Carl mit freudestrahlendem Blick; denn nun hoffte er nicht allein,

seinen Freund Daniel zu retten, er hoffte auch, für immer alle Gefahren von

seinen Lieben abzuwenden.

»Ich gehe es ein, der schwarze Panther ist frei, er bleibt als Delaware bei

den Deinigen, und wer ihren Frieden stört, dessen Herz sollen die Delawaren

den Wölfen hinwerfen. Du ziehst mit mir, Carl, Du sollst auf meinem Lager

schlafen, sollst mit mir essen, mit mir jagen und kämpfen und die Delawaren

werden Dich lieben und ihren letzten Scalp für Dich hingeben, wenn Du in

Gefahr kommen solltest.«

Hiemit reichte der Häuptling Carl die Hand und dieser schlug ein.

»Wird Dein Onkel Dich aber mit mir gehen lassen?« fragte der Indianer nun

bedenklich, »ich darf Dich nicht rauben.«

»Ich gehe aus eignem Willen mit Dir, freilich muß es heimlich geschehen.

Ich sage es meinem Onkel schriftlich, daß ich freiwillig mit Dir gezogen

bin, und lasse den Brief in meinem Zimmer zurück. In dieser Nacht, wenn

Alles im Fort schläft, schleiche ich mich davon und komme zu Dir; noch

ehe der Tag graut, müssen wir weit von hier fort sein. Halte Alles zum

schnellen Aufbruch bereit, nach Mitternacht bin ich bei Dir.«

Mit dem beseligenden Gedanken, durch sein Handeln die Seinigen für immer

vor allen Gefahren zu schützen und seinen Freund Daniel dem Tode zu

entreißen, verließ Carl den Häuptling und kehrte leichtern Herzens in das

Fort zurück.

»Du bringst frohe Kunde, Carl, ich lese es auf Deinen Zügen,« sagte Turner,

als er den Knaben am Thor empfing und, von Hoffnung bewegt, dessen Hand

ergriff.

»Der Häuptling ist friedlicher gestimmt, er will morgen noch einmal mit

Dir reden,« entgegnete Carl entschlossen, sein Vorhaben, welches er für das

Wohl seiner Lieben ausführen wollte, nicht auf seinen Zügen zu verrathen.

»Gottlob!« sagte Turner, »nun wird sich doch noch Alles zum Guten wenden;

Carl, Du bist und bleibst unser Schutzengel.«

Madame Turner dankte dem Knaben unter Thränen für den neuen Beweis seiner

Liebe, und Daniel gab sich mit den innigsten Danksagungen der Hoffnung hin,

daß sein Geschick eine günstige Wendung nehmen möge.

Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika. · 第 23 / 26 段