»Ja wohl, die frohe, rege Thätigkeit hat uns verlassen; weiß der Himmel,

ich mag die Büchse gar nicht mehr anrühren, denn immer sehe ich dann den

lieben Carl wieder vor mir, und es ist mir, als ob mir das Herz zerreißen

wollte,« sagte Daniel mit einem schweren schmerzlichen Athemzug, sprang

aber plötzlich auf und rief: »Das sind keine Büffel, das ist ein Zug

Indianer, sie kommen hierher.«

Mit diesen Worten rannte er in das Fort hinein und kehrte nach wenigen

Augenblicken mit dem Fernglas in der Hand zurück. Er schaute nun durch

dasselbe nach dem schwarzen Streifen hin, der jetzt deutlicher in seiner

Bewegung am Horizont zu erkennen war.

»Das sind Indianer!« sagte er nach einer Weile mit einem Ton, der

unverkennbar verrieth, daß ein Schreck den Neger ergriffen hatte.

»Es müssen viele Indianer sein, denn es ist ja ein langer Zug,« fiel Turner

ein, der die Aufregung Daniels bemerkte, welcher unverwandt das Fernglas

vor dem Auge hielt, ohne eine Sylbe zu erwiedern.

»Sollen wir nicht in das Fort gehen und unsere Waffen zur Hand nehmen?«

fragte Turner mehr und mehr besorgt.

»Sie und die Ihrigen haben Nichts von jenen Indianern zu befürchten, es

sind Delawaren, und die sind den Weißen in Freundschaft zugethan,« fuhr

Daniel mit bebender Stimme fort und hielt immer noch das Fernglas vor das

Auge. Plötzlich aber schlug er mit einem lauten Schrei die Arme auseinander

und rief: »Carl -- Carl, unser Carl -- er lebt -- er kommt -- großer Gott

-- es ist Carl!« und Carl, Carl schrieen Turners und breiteten weinend

und jauchzend ihre Arme nach der Ferne aus, wo der Reitertrupp schnell

dem Blicke deutlicher wurde. Daniel aber war in dem Fort verschwunden

und kehrte nach wenigen Minuten mit seinen Waffen in der Hand unter

sichtbarlich gesteigerter Aufregung zu Turners zurück.

»Ich muß fort,« sagte er, heftig bewegt; »die Delawaren dürfen mich nicht

sehen; sollten sie nach mir fragen, so sagen Sie, ich hätte Sie verlassen,

um wieder auf See zu gehen.«

»Daniel, um Gottes willen, Daniel, Du wolltest uns verlassen -- das ist

unmöglich, Du darfst nicht fort -- bester Daniel, bleibe bei uns -- was

soll ohne Dich aus uns werden!« riefen Turners durcheinander und schlangen

ihre Arme um den Neger; doch dieser wand sich mit den Worten von ihnen los:

»Ich muß fort, um Ihretwillen und um meiner selbst; wenn Carl nicht zu viel

über mich geredet hat, so werden die Delawaren sich nicht lange aufhalten,

und dann komme ich zu Ihnen zurück, ich bleibe im Walde. Sagen Sie nur dem

Häuptling, wenn er nach mir fragt, ich sei wieder auf See gegangen.«

Mit diesen Worten sprang Daniel davon, eilte nach dem Kanoe, und verschwand

bald darauf an der andern Seite des Flusses in dem Walde.

Turners standen sprachlos; das Glück und der Schmerz hatten sie gleich

gewaltig ergriffen, und Thränen der Freude und des Leids füllten zugleich

ihre Augen. Das Glück aber war für den Augenblick stärker; sie sahen den

Reiterzug nahen, und mit ihm den todtgeglaubten Liebling ihres Herzens

ihren Armen entgegeneilen. Näher und näher kamen die Reiter, schneller

und stürmischer schlugen die Herzen der Turners, und sehnsüchtiger und

verlangender breiteten sie die Arme nach dem geliebten Wiederkehrenden aus.

Da sprengte von der Spitze der nahenden Schaar Carl Scharnhorst auf seinem

Rappenhengst heran über das wogende Gras, und sauste unter jauchzenden

Freudenrufen am Hügel herauf seinen Lieben zu. Er warf sich vom Pferde und

Turners in die Arme. Es war ein Augenblick höchster Seligkeit, welche die

Wiedervereinten überwältigend durchbebte, die keine Worte, die nur Thränen,

heiße Freudenthränen hatten, um ihren Gefühlen Ausdruck zu geben, ihren

übervollen Herzen Luft zu machen.

»Wo ist Daniel?« rief Carl plötzlich, wie aus einem Rausche erwachend, und

blickte sich erschrocken nach den Indianern um, die jetzt den Fuß der Höhe

erreicht hatten und von ihren Pferden stiegen.

»Er ist fort, in den Wald; wir sollen sagen, er sei wieder auf See

gegangen,« antwortete Turner rasch.

»Gottlob, dann wird Alles gut gehen!« sagte Carl und wandte sich

schnell dem Häuptling zu, der jetzt auf der Höhe mit feierlichem Ernst

herangeschritten kam. Carl ergriff seine Hand und führte ihn zu den

Seinigen, indem er ihn denselben als seinen liebevollen hülfreichen Freund

vorstellte. Turners hießen den Indianer mit so stürmischer Herzlichkeit

willkommen, daß derselbe tief ergriffen ward, und mit augenscheinlicher

Freude die Danksagungen, die Liebkosungen der beglückten Familie hinnahm.

Sie ließen ihm kaum Zeit, seinen Leuten zuzurufen, daß sie weiter am

Fluß hinauf ihr Lager aufschlagen möchten, und zogen ihn, von ihren

Armen umschlungen, in das Fort hinein, um ihm dort wieder und wieder ihre

Dankgefühle darzuthun.

Dem Häuptling waren solche stürmische Ausdrücke menschlicher Gefühle eben

so fremd wie überraschend, denn der Indianer zeigt niemals in seiner äußern

Erscheinung, was in seinem Innern vorgeht; im höchsten Schmerz, im höchsten

Glück liegt dieselbe stolze Ruhe auf seinen Zügen. Diese Kundgebungen

der Freude und der Dankbarkeit Turners aber rissen ihn aus seiner äußern

Theilnahmlosigkeit, seine Züge erheiterten sich, Freude, herzinnige Freude

strahlte aus seinen Blicken, -- und immer wieder drückte er Turner und

dessen Gattin die Hände, und nahm die Kinder in seine Arme. Es dauerte

lange, ehe der Sturm des unverhofften Glücks der Wiedervereinten verwogte;

dann aber mußte Carl ausführliche Mittheilung über seine Schicksale und

über seine Rettung machen. Alle lauschten seiner Erzählung mit der größten

Theilnahme, manches »Gottlob« drang von den Lippen der Hörer, manch

dankbarer Blick wurde von ihnen zum Himmel gesandt, und manche Thräne

entfiel ihren Augen. Als er seinen Bericht aber beendet hatte, da ging

der Knabe abermals aus einer Umarmung in die andere, und der Häuptling

wiederholte die Worte: »Warum mußtest Du unter den Weißen, und nicht unter

den Delawaren geboren werden!«

Bis jetzt war des Negers noch nicht erwähnt worden und Turners vermieden

absichtlich jedes Wort, welches das Gespräch hätte auf denselben lenken

können. Madame Turner und Julie entfernten sich, um ihren Gast auf das

Beste zu bewirthen, und Turner und Carl unterhielten ihn, indem sie ihm

ihre sämmtlichen Waffen zeigten, und ihm deren Vorzüge vor den, in diesem

Lande gewöhnlich benutzten langen einfachen Büchsen auseindersetzten. Das

Abendessen war für diese Wildniß ein ausgezeichnetes zu nennen. Madame

Turner hatte dabei alle ihre Kochkunst aufgeboten und das Beste ihrer

Vorräthe dazu verwandt. Auch war das gute Porzellan dabei aufgetragen,

alles Silberzeug auf den Tisch gebracht und derselbe herrlich mit Blumen

geschmückt. Dem Häuptling entging es nicht, daß Alles dies nur ihm zu Ehren

geschah; denn er war schon oft von Grenzansiedlern bewirthet worden, wo es

immer viel einfacher hergegangen war.

Die Aufmerksamkeiten und Herzlichkeiten Turners machten ihm Freude und

er meinte, daß die Europäer mehr Gefühl für Freundschaft und Dankbarkeit

hätten, als die Amerikaner.

Nach dem Abendessen, als er mit der Familie bei dem Kaminfeuer saß und

so, wie Turner eine Cigarre rauchte, fiel ihm der Neger wieder ein, und er

fragte halb verwundert, weßhalb derselbe sich noch nicht gezeigt habe, da

er doch ein so guter Freund der Familie sein solle. Turner entgegnete ihm

etwas verlegen, daß der Schwarze ihn vor Kurzem verlassen habe, um wieder

auf See zugehen, weil ihm dort ein besserer Verdienst zu Theil werde.

Der Häuptling sah Carl mit einem triumphirenden Blick an, und sagte:

»Glaubst Du nun noch an die Freundschaft eines Negers, junger Mann? Dein

geliebter Daniel ist ein eben solcher Freund gewesen, wie mein schwarzer

Panther; auch sein Herz ist so schwarz wie seine Haut.«

Carl gab dem Indianer keine Antwort, was dieser für Anerkennung seiner

ausgesprochenen Ansicht hielt und darauf das Gespräch auf einen andern

Gegenstand lenkte.

Der Abend verstrich in traulicher Unterhaltung und ehe der Häuptling dann

von dem für ihn bereit gehaltenen Ruhelager auf Daniels Bett Gebrauch

machte, begab er sich nach seinen Leuten, um ihnen zu sagen, daß er bei

seinen weißen Freunden schlafen werde.

Am folgenden Morgen hatte Madame Turner schon sehr zeitig das Frühstück

bereitet, weil ihr Gast mit Sonnenaufgang seine Weiterreise antreten

wollte. Nach beendigtem Mahle wurde dem Häuptling sein Pferd vor das Fort

gebracht, er nahm einen herzlichen Abschied von seinen Freunden, versprach,

im nächsten Herbst sie wieder zu besuchen, und bemerkte dabei, daß Carl

ihn dann auf einige Wochen begleiten und mit ihm jagen müsse. Der Knabe

geleitete ihn darauf zu seinem Lager, und brachte die Indianer bis zu

dem Weg, welcher durch den Wald nach dem Choctawbache führte, damit seine

Freunde mit weniger Schwierigkeiten das Holz durchreiten könnten. Nochmals

versprach er hier dem Häuptling, im Herbst mit ihm zu jagen, und sah mit

erleichtertem Herzen die Delawaren dahinziehen, weil er die Minute kaum

erwarten konnte, wo er Daniel in die Arme fallen würde.

Der Neger hatte aber aus dem Dickicht des Waldes die Bewegungen der

Indianer beobachtet, war, als er sie den Weg nach dem Choctawbache

einschlagen sah, mit fliegender Eile durch den Wald nach dessen anderer

Seite gerannt, und hatte den Saum erreicht, als die Delawaren schon in

der Prairie jenseits angelangt waren. Er kletterte schnell auf einen der

höchsten Bäume, um ihnen von dort aus weit hin mit dem Blicke folgen zu

können, und als er sie endlich in der blauen Ferne verschwinden sah, da

ließ er sich rasch auf die Erde nieder, und rannte nun, von der Sehnsucht

seines treuen Herzens getrieben, nach dem Fort, um seinen geliebten jungen

Freund wieder zu sehen. Kaum hatte er den Fleck an dem Ufer des Flusses

erreicht, wo er unter überhängenden dichten Laubmassen das Kanoe verborgen

hatte und dasselbe in den Strom hinein gerudert, als Carl von dem Fort

hergesprungen kam, und ihm jubelnd und jauchzend entgegen eilte. Das Glück

der Beiden, als sie sich in die Arme fielen, kannte keine Grenzen, und

»mein Daniel, mein Carl!« war Alles, was sie hervorstammeln konnten.

Der Neger ging nun mit Carl Arm in Arm nach dem Fort zurück, wo er mit

großer Freude von Turners empfangen wurde, und wo er ihnen nun mittheilte,

daß er der schwarze Panther sei, der vor einer Reihe von Jahren dem

Häuptling entsprungen war. Er gestand es ein, daß derselbe ihn gut und

liebevoll behandelt habe, stellte aber ein jedes Unrecht, welches man in

seiner Flucht finden möchte, in Abrede, da seine beiden Eltern freie Neger

gewesen und von den Delawaren gewaltsam zu Sclaven gemacht waren. Sie

hatten an der Indianergrenze sich eine Niederlassung gegründet, waren dort

von dem Vater Leopards überfallen und fortgeführt worden. An ihm, sagte

Daniel, hätten sie demnach kein Eigenthumsrecht, wenn es überhaupt ein

Recht gebe, einen Menschen als Eigenthum zu besitzen, und er fühle sich

durchaus frei davon, ein Unrecht gegen Leopard begangen zu haben.

Turner fragte den Neger nun, was denn der Häuptling mit ihm thun würde,

wenn er ihn wieder in seine Gewalt bekäme; worauf Daniel erwiederte, daß

derselbe ihn in einer grausamen Weise umbringen würde, da die Rache eines

Indianers nur mit dem Tode seines Feindes ende.

»Wenn der Häuptling aber Deinen Werth in Geld ausgezahlt bekäme, würde er

Dich dann nicht verkaufen?« fragte Turner.

»An Geld ist dem Indianer Nichts gelegen, weil er Alles besitzt, wonach

seine Wünsche trachten. Außerdem opfert er auch Alles seiner Rache,«

entgegnete der Neger, und wies alle Anerbietungen Turners, ihm sein ganzes

baares Geld zur Verfügung zu stellen, als nutzlos zurück. Er suchte aber

zugleich seine Freunde zu beruhigen, indem er ihnen auseinandersetzte,

daß ihm keine große Gefahr drohe, da die Delawaren nur im Frühjahr und im

Herbst diese Gegend besuchten, und er selbst sich dann vor ihnen leicht

verborgen halten könne. Andern Indianern sagte er, wäre er nicht so genau

bekannt, und so könnten die Delawaren auch nicht erfahren, daß er der

schwarze Panther sei, und sich hier aufhalte.

Der Tag verstrich in dem Glücke, welches mit Carl unter die Ansiedler

zurückgekehrt war, und als der Abend kam, verließ Daniel das Fort, um

in dem Walde zu übernachten, wo er überhaupt verweilen wollte, bis die

Delawaren sich aus der Gegend entfernt haben würden. Er nahm einige

Häute und Kochgeschirr mit sich, um sich eine Art von Wohnung im Walde

einzurichten. Carl begleitete ihn, um ihm dabei behülflich zu sein, und den

Platz seines Aufenthaltes zu kennen.

Der Knabe kehrte spät nach dem Fort zurück, und die Besorgniß um den

Sieger minderte sich, als er die Nachricht brachte, wie derselbe sich gut

versteckt habe, und sicher Niemand ihn auffinden könne. Am folgenden Morgen

besuchte er seinen Freund wieder, brachte ihm Brod und andere Lebensmittel,

und Tags darauf ritt er frühzeitig nach dem Choctawbache, um Erkundigungen

über die Delawaren einzuziehen.

Bei Warwicks, in deren Nähe dieselben gelagert hatten, wurde Carl mit

großem Jubel bewillkommnet; sie hatten schon durch die Indianer von seiner

Rettung gehört und wußten es ihm besonders großen Dank, daß er nun selbst

gekommen war, um sich ihnen zu zeigen. Die Delawaren hatten schon früh am

Morgen ihr Lager abgebrochen und waren dem rothen Flusse zugeritten, um

sich nach ihrer Ansiedelung am Kanzasstrome zu begeben.

Ungeachtet dieser erfreulichen Nachricht, die Carl seinem Freunde

überbrachte, verweilte derselbe noch einige Wochen in dem Walde, da er

sagte, einem Indianer dürfe man nie trauen; dann aber kehrte er in das

Fort zurück, und die Besorgniß wegen der Sicherheit Daniels wurde bald

vergessen.

Das Frühjahr hatte seinen ganzen Schmuck, seine ganze Pracht über Wald und

Prairie ausgebreitet, und die bunte Blumenflur prangte in dem frischen Grün

der Bäume und der Büsche, so wie in dem saftigen, üppigen jungen Grase.

Aus dem glänzenden dunkeln Laube der Magnolien, die sich zwischen den

Riesenbäumen des Waldes zum Himmel erhoben, glänzten deren alabasterweiße

Blüthen wie kolossale Rosen hervor, die Tulpenbäume waren mit goldigen

Blumen übersäet, der Hundeholzbaum streckte seine großen weißen

Sternblüthen gegen den blauen Himmel, die Bignonie trug ihre blaßrothen

Blüthenfackeln zur Schau, die Jucka hielt den dreißig Fuß langen, mit

schneeigen Glocken behangenen Blüthenstengel über ihrer Stachelkrone empor,

und in tausendfältigem Farbenspiel schlangen sich die blühenden Lianen von

Ast zu Ast, von Wipfel zu Wipfel, und wehten wie bunte Guirlanden in

der lieblich duftenden Frühlingsluft, die über die Blumenfelder der

unabsehbaren Prairie gezogen kam. Der Spottvogel, der Cardinal, der

Blauvogel sangen in dem schattigen Dunkel des Waldes ihre süßen Lieder,

der Kolibri summte von Blüthenkelch zu Blüthenkelch, und das glänzend

bunte Gefieder der Papageien blitzte und funkelte durch die reichen

üppigen Laubmassen. Alles sollte neues reges Leben empfangen, und auch die

Ansiedler waren von frischer Thätigkeit beseelt; denn die Arbeit gedieh

unter ihren fleißigen Händen und versprach ihnen eine reiche sorgenlose

Zukunft. Das Feld prangte in größter Ueppigkeit, der Garten bot ihnen

Ueberfluß und der Viehstand vermehrte sich schnell. An die Gefahren, welche

ihnen von Seiten der Indianer drohten, hatten sie sich gewöhnt, und dadurch

hatten dieselben für sie das Fürchterliche verloren, ja, sie würden sie

ganz vergessen haben, hätte nicht der vorsichtige Freund Daniel sie immer

wieder daran erinnert und bei jeder Gelegenheit sie ermahnt, auf ihrer Hut

zu sein. Er sorgte dafür, daß Abends die Pferde immer zeitig in das Fort

gebracht wurden, daß dessen Thor immer gut und fest verschlossen ward, daß

man die Hunde hinaussperrte, und daß die Waffen stets zum augenblicklichen

Gebrauch in gutem Stand blieben. Auch ließ er die drei Knaben oft nach

einem Ziel schießen, und hatte stets für den besten Schuß ein Geschenk zu

geben, welches dann in einem Pulvermaß, einem Kugelbeutel, einer Angel,

oder einer ähnlichen kleinen Arbeit seiner eigenen Hände bestand. Die Ruhe

im Fort blieb jedoch ungestört, und die Ansiedler hätten jetzt ihr stilles

Glück nicht mehr für alle Freuden in der großen Welt vertauscht.

Der Wald bot nun auch in den süßen überreifen Maulbeeren seine ersten

Früchte, und Daniel ging regelmäßig, wenn der Abend kam, mit den Kindern

über den Fluß und sammelte mit ihnen einen Korb voll dieser köstlichen

Beeren.

Madame Turner brachte dieselben dann beim Abendbrod auf den Tisch, gab

herrliche kühle Milch dazu und Alle labten sich dann an dem Gericht nach

Herzenslust.

Es war eines Abends spät geworden, ehe Daniel mit seinen jungen Freunden

aus dem Walde zurückkehrte, denn sie hatten dies Mal viele Maulbeeren

gesammelt, weil Madame Turner den Kindern versprochen hatte, Fruchtkuchen

davon zu backen. Turner hatte bereits die Pferde getränkt und in das

Fort gebracht, als Daniel mit den Knaben dort anlangte; das Thor wurde

geschlossen, die Hunde hinausgesperrt, und bald saßen die Ansiedler in

traulichem Kreise um den großen Tisch, und erfreuten sich an dem einfachen

guten Mahle, welches Julie aufgetragen hatte. Dann holte ein Jeder von

ihnen seine Arbeit herbei; Carl mußte wieder erzählen, wie er unter den

Wurzeln des Mosquitobaumes gesessen hatte, als die fliehenden Thierschaaren

bei ihm vorüberbrausten und das Feuermeer über ihn hinzog; hundert Fragen

mußte er beantworten, und bald wurde er bedauert, bald wurde über ihn

gelacht, wobei er dann immer von ganzem Herzen mit einstimmte. Der Abend

verstrich in der heitersten Stimmung und es war später als gewöhnlich

geworden, ehe die Ansiedler ihr Lager aufsuchten und sich einem sorglosen

Schlafe hingaben.

Friedliche Ruhe lag auf dem Fort, die Pferde hatten sich in ihren Ställen

auf dem Boden hingestreckt, und Pluto lag regungslos in dem Hofe. Es war

Mitternacht, als Daniel durch das ziemlich ferne Gebell der Hunde außerhalb

des Forts geweckt wurde. Er richtete sich auf seinem Lager auf und

lauschte dem Lärm, welcher schnell näher und näher kam. Die Hunde wichen

unverkennbar vor einem Feinde zurück, und ihr Gebell wurde mit jedem

Augenblick heftiger und wüthender. Jetzt klagte und heulte einer derselben

laut, und alle hatten bald darauf die Pallisaden erreicht, wo nun Pluto aus

dem Innern des Forts mit seiner tiefen Baßstimme in ihren rasenden Lärm

mit einstimmte. Der Neger sprang aus dem Bette und wollte Carl wecken, doch

dieser war auch schon auf den Füßen und fragte:

»Was mögen die Hunde vorhaben?«

»Es müssen Indianer sein, die sie zurücktrieben, ich hörte das Bellen der

Hunde schon weit in der Prairie. Nur schnell in die Kleider und zu den

Waffen, ich will Herrn Turner wecken!«

Mit diesen Worten sprang Daniel nach Turners Zimmer und wollte an die Thür

klopfen, als dieser ihm schon entgegentrat und bestürzt sagte:

»Ich glaube, es sind Indianer vor dem Fort, nur schnell mit den Waffen in

den Hof, ehe sie die Pallisaden übersteigen, es ist draußen so finster, daß

man keine Hand vor Augen sehen kann.«

»Ich will es bald hell machen, eilen Sie, nehmen Sie die Schrotgewehre,

Arnold und Wilhelm müssen helfen!« rief der Neger, und sprang in den Hof

hinaus, wo es so dunkel war, daß man kaum die Spitzen der Pallisaden gegen

den Himmel erkennen konnte. Dort traf er Carl, der mit der Schrotflinte in

der Hand, der Doppelbüchse über der Schulter und den Revolvern im Gürtel

nach der Höhe der Pallisaden spähete, während Pluto mit wüthendem Gebell an

denselben auf und niederrannte.

»Geben Sie Acht, junger Herr, daß keiner der Wilden übersteigt, ich will

schnell die Feuer anzünden und dann gehen Sie in jenen Thurm,« rief Daniel,

eilte zu dem einen der früher erbauten Galgen, und füllte den Eisenkorb

mit Kienspänen. In diesem Augenblick sprang Pluto mit rasender Wuth an

der andern Holzwand in die Höhe, und über derselben erschien eine dunkle

menschliche Gestalt.

»Carl, Carl, dort, sehen Sie!« schrie der Neger, als er den Indianer auf

den Pallisaden erblickte; da blitzte es aber schon aus Carls Flinte, und

der Wilde verschwand mit einem gellenden Schrei. Der Krach des Gewehrs

und der Schrei des Indianers aber wurden von einem höllischen Zetergeheul

außerhalb des Forts beantwortet, als würde es von hundert Kehlen

angestimmt.

Nun loderten die Flammen des angezündeten Kienholzes aus dem Eisenkorbe

auf, und im nächsten Augenblick hatte Daniel denselben emporgezogen, so

daß der Hof und die Umgebung des Forts blendend erhellt waren. Ein noch

stürmerisches Geschrei erschallte jetzt außerhalb der Festung, und Carl,

der in einen der Vorbaue gesprungen war und durch eine Schießöffnung

blickte, sah, wie die Indianer in verworrenen Haufen in wilder Flucht den

Hügel hinabrannten.

»Das haben sie nicht erwartet!« rief Daniel, indem er sich beeilte, den

zweiten Eisenkorb mit Holz zu füllen und anzuzünden. »Sie haben einen

Schrecken bekommen, werden aber doch bald zurückkehren.«

Auch der zweite Korb schwang sich nun mit seiner Feuergluth über die

Pallisaden, und Turner trat mit Arnold und Wilhelm in den Vorbau daneben,

während Daniel sich zu Carl in die andere Ecke der vordern Holzwand begab.

Die Wilden hatten sich außer Schußweite von dem Fort in dem hohen Grase

gesammelt, und die Belagerten erkannten zu ihrem Schrecken, daß die Zahl

ihrer Feinde über hundert betragen mußte. Daniel aber ermuthigte seine

Gefährten und versicherte sie, daß sie die Wilden sicher von dem Fort

zurückhalten würden, wenn sie tüchtig mit Schrot unter sie schössen, denn

so viele Kugeln in einem Schusse sei ihnen etwas Neues und würde sie mit

Entsetzen davon jagen. Er benutzte den Augenblick, um sämmtliche

Gewehre aus dem Hause zu holen und noch Vorrath von Pulver und Schrot

herbeizuschaffen. Nachdem er Waffen und Munition vertheilt, trat er wieder

zu Carl und schaute nach den Indianern hinaus.

»Sie berathen sich, auf welche Weise sie stürmen wollen,« sagte er zu Carl.

»Es sind Reiterindianer, denn dort etwas weiter in der Tiefe sehe ich ihre

Pferde. Jetzt laufen sie zu denselben hin; was mögen sie vorhaben?«

Wirklich waren sämmtliche Wilde zu ihren Pferden geeilt, doch konnten die

Belagerten nicht erkennen, was sie dort vornahmen. Bald darauf aber sollte

es ihnen klar werden, denn sie sahen die Feinde jetzt mit ihren Lasso's in

den Händen heranschreiten, während sie Bogen und Pfeile in dem Köcher über

den Schultern und die Streitaxt im Gürtel um den Leib trugen.

»Sie haben ihre Lasso's geholt, um dieselben über die Spitzen der

Pallisaden zu werfen und daran in die Höhe zu klettern. Sie wollen stürmen.

Schießen Sie immer in den dichtesten Haufen, dann wirkt das Schrot

besser,« rief Daniel seinen Kameraden zu, während die Indianer sich in drei

Abtheilungen sonderten. Plötzlich stimmte einer von ihnen den Kriegsgesang

an und Alle ließen nun ein furchtbares Geheul ertönen.

»Das ist das Kriegsgeschrei der Comantschen; geben Sie Acht und schießen

Sie nicht fehl!« rief Daniel laut aus und sagte dann zu Carl: »Schießen Sie

immer dahin, wo Viele zusammen sind, und nicht zu nahe, damit das Schrot

sich auseinander breitet.«

Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika. · 第 22 / 26 段