sich in dem Grase zum Ruhen niederlegte, führte ihn Carl in die Höhle
und befestigte ihn dort an einem starken Holzpflock, den er mit dem Beile
zurechtgehauen und in eine enge Spalte zwischen dem Gestein eingeschlagen
hatte. Dann stellte er einige dicht belaubte Büsche vor die Höhle, damit
der Eingang einem unberufenen fremden Auge verborgen bleiben möge, und nahm
seine Waffen, um in der Nähe zu versuchen, ob er ein Stück Wild erlegen
könne. Nochmals durchblickte er von der Höhe herab den Wald, und ging dann
vorsichtig zwischen den Felsstücken hin, indem er fortwährend mit wachsamem
Auge um sich spähete. Er traf nur wenig Wild an, und die einzelnen Hirsche
und Antilopen, die er zu Gesicht bekam, waren außerordentlich scheu und
flohen schon auf weite Entfernungen, wenn er sich ihnen nahen wollte.
Er hatte in der Umgebung des Forts, wo er und Daniel doch so oft jagten,
niemals das Wild so scheu gesehen, und erklärte sich dessen Wildheit hier
durch den stattgehabten Prairiebrand, welcher die Thiere so in Flucht
gesetzt haben mußte. Es war schon sehr düster geworden, als Carl an dem
Wasser hinauf nach seiner Höhle zurückging, ohne daß es ihm gelungen
war, eine Jagdbeute zu machen, und er erstieg die felsige Höhe im letzten
Scheine des scheidenden Tageslichtes, da kam es ihm vor, als ob er in der
Ferne einen Schuß gehört habe. Er blieb stehen und lauschte lange Zeit, es
war aber Alles still, und er suchte sich zu überreden, daß er sich verhört
habe, denn der Schuß konnte nur von einem Indianer herrühren, und die
Gegenwart von Wilden, welche in dieser Gegend jagten, konnte auch die
Ursache von dem scheuen Benehmen der Thiere sein.
Er beruhigte sich aber, als er durch die Büsche in die Höhle trat, denn
in diesem Versteck war er zu gut verborgen, als daß ihn ein Indianer hätte
auffinden können, und lange wollte er ja auch nicht hier verweilen. Wenn
er hier nur einen Hirsch erlegte und dessen Fleisch trocknete, so hoffte er
mit diesem Mundvorrath seine Rückreise nach dem Fort ausführen zu können,
im Fall ihm die Jagd unterwegs keine neue Beute liefern sollte. Zu diesem
Zweck wollte er am folgenden Morgen sein Jagdglück noch einmal versuchen.
Seinen Rappen fand Carl, wohlbehalten der Ruhe pflegend, auf dem Boden
ausgestreckt, und das Thier hob nur zutraulich den Kopf empor, um seinen
Herrn zu begrüßen. Carl klopfte ihm schmeichelnd den Hals, legte dann seine
Waffen ab und zündete ein Feuer an, um sein Abendbrot zu bereiten. Sobald
dieses aber geschehen war, löschte er das Feuer wieder aus, damit der helle
Schein in der obern Felsspalte seine Gegenwart nicht etwa verrathen möge.
Er hätte es gern während der Nacht unterhalten, denn es wurde sehr kühl und
der Wind blies in die Höhle herein, seine Vorsicht aber untersagte es ihm,
deßhalb hüllte er sich dicht in seine Büffelhaut und empfahl sich Gottes
Schutz, während ihm die Müdigkeit die Augen zudrückte.
Der Morgen graute, als Carl aus einem ruhigen erquickenden ungestörten
Schlafe erwachte und schnell emporsprang, damit er die Dämmerung noch zu
der beabsichtigten Jagd benutzen könne. Mit der Büffelhaut um die
Schultern und der Büchse in der Hand, trat er aus der Höhle auf einen der
vorspringenden Felsen und durchspähete und überlauschte die nahe Umgebung,
dann erfrischte er sich schnell bei dem sprudelnden Wasser, trug die
Büffelhaut in sein Versteck zurück, und trat nun seine Wanderung in den
Wald hinab an, von Stein zu Stein, lauschte auf jedes, auch das leiseste
Geräusch, und achtete auf jede Bewegung, die ein leichter Luftzug in dem
schwer bethauten Laub und in den üppigen Pflanzen um ihn her erzeugte. Wohl
eine halbe Stunde lang war er in dem Walde hin- und hergeschlichen, ohne
auch nur ein Stück Wild zu Gesicht zu bekommen, da warf die Sonne ihren
ersten Blick durch die immergrünen Bäume, und in dem goldigen Lichte,
welches auf eine frische grüne Grasfläche unter hohen Lebenseichen fiel,
erkannte Carl die glänzend rothe Farbe eines sich äsenden Hirsches. Er
schlich sich leichten Fußes schnell von Eiche zu Eiche, und hatte sich dem
Thiere bis auf hundert Schritte genähert, als dieses plötzlich zusammenfuhr
und mit weiten Sätzen davon sprang. Carl aber folgte ihm mit dem Rohre
seiner Büchse, und es hatte nur wenige Sprünge gethan, als der Schuß
des Knaben den Wald durchhallte und der Hirsch, tödtlich getroffen,
zusammenstürzte. Freudig sprang Carl zu ihm hin, warf sich über ihn her,
damit er ihm nicht entgehe, und gab ihm mit dem Jagdmesser den Todesstoß.
Die Büchse hatte er neben sich in das Gras gelegt und knickte bei dem
Hirsch, um ihn auszuweiden, da sagte eine Stimme ganz in seiner Nähe:
»Ei, ei, noch so jung und doch schon ein so guter Jäger?«
Carl fuhr erschrocken empor, indem er zugleich seine Büchse ergriff, und
blickte sich nach dem Sprecher um; da trat in kurzer Entfernung von ihm ein
großer schöner Mann hinter einer Eiche hervor und winkte ihm freundlich zu,
indem er sagte:
»Brauchst nicht zu dem Gewehre zu greifen, Du hübscher Knabe, denn wenn
ich Dir hätte etwas zu Leide thun wollen, so würde ich Dich nicht angeredet
haben. Du warst ja in meiner Gewalt und auch ich weiß die Büchse zu
handhaben; aber Dein Schuß nach diesem Hirsch war ein Meisterschuß, und es
jagen nicht viele Jäger in diesem Lande, die Dir denselben nachthun können.
Wo lagert Deine Jagdgesellschaft? Ich bin ein Delaware und ein Freund der
weißen Männer, führe mich zu ihnen, damit ich mit ihnen rauchen und reden
kann.«
Carl hatte auf den ersten Blick erkannt, daß der Fremde ein Indianer sei,
wenngleich dessen Erscheinung von der jener Wilden verschieden war, die er
bisher gesehen hatte. Derselbe trug ein aus Wildleder verfertigtes, bunt
gesticktes und zierlich befranztes Jagdhemd, welches ihm bis an die Kniee
reichte, trug hirschlederne Gamaschen und Mokassins von demselben Material,
und um seinen Kopf war ein buntes seidenes Tuch in Form eines Turbans
gewunden. Unter demselben hing das glänzend schwarze Haar des Indianers
über seine breiten Schultern herab, und um seinen braunrothen Nacken lag
eine breite Perlenschnur, an welcher eine große silberne Medaille mit
dem Bildniß des Präsidenten der Vereinigten Staaten bis auf seine nackte
dunkelfarbige Brust reichte. Er war eine hohe schöne Mannsgestalt von
schlankem aber muskulösen Bau, und die Formen seines männlichen Gesichts
waren edel und ausdrucksvoll. Die Adlernase und die hohe Stirn zeugten von
Willenskraft, Entschlossenheit und Muth, und in seinen großen dunklen Augen
lag ernste Ruhe und tiefe Leidenschaftlichkeit zugleich. Dieselbe Ruhe lag
auf seiner ganzen stolzen Erscheinung, und jede seiner Bewegungen schien
von ihr beherrscht zu werden. Als er aber zu Carl sprach, hatten seine Züge
einen freundlichen milden Ausdruck angenommen, der dem Knaben Vertrauen
einflößte und die schreckhafte Ueberraschung, die sich seiner im ersten
Augenblicke bemeistert hatte, verscheuchte.
»Wenn Du ein Delaware-Indianer bist, so habe ich keine Ursache, vor Dir
besorgt zu sein; denn die Delawaren sind ja immer Freunde der Weißen
gewesen, und haben gegen die Engländer mit großer Treue an ihrer Seite
gefochten, als sie sich von deren Herrschaft befreiten. Daniel hat mir
sehr viel Gutes von den Delawaren erzählt,« entgegnete Carl, indem er ohne
Bangen dem Indianer die Hand hinreichte, die dieser zutraulich ergriff.
»Wer ist denn der Daniel, der so viel Gutes von den Delawaren gesagt hat?«
fragte der Indianer.
»Er ist ein Neger, der sich als Freund bei meinem Onkel aufhält,«
antwortete Carl.
»Und wo ist denn Dein Onkel? führe mich zu ihm,« fuhr der Indianer fort.
»Mein Onkel ist nicht hier, er wohnt am Bärfluß, ich bin allein hier.«
»Du allein hier?« fragte der Indianer mit einem Tone, als bezweifle er die
Wahrheit von Carls Aussage.
»Ja, ganz allein. Der Prairiebrand hat mich hierhergetrieben und es ist
ein Wunder, daß ich nicht dabei umgekommen bin. Mein armes Pferd habe ich
verloren, doch habe ich mir ein wildes Pferd dafür gezähmt, welches
mich hierhergetragen hat,« erwiederte Carl mit seiner natürlichen
Offenherzigkeit.
»Du setzest mich in Erstaunen; bist ja doch nur noch ein Knabe, und Dein
Benehmen, so wie Deine Handlungen sind die eines tüchtigen Mannes. Wie
heißest Du? mein Name ist Leopard.«
»Ich heiße Carl Scharnhorst, und mein Onkel am Bärfluß heißt Max Turner,«
antwortete Carl.
»So komm mit mir in mein Lager, Carl, ich bin mit meinem Stamme auf dem
Wege nach dem Bärfluß, und will Dich zu Deinem Onkel zurückbringen. Am
Choctawbache habe ich viele Freunde, die ich in jedem Frühjahre besuche. Wo
hast Du Dein Pferd?« nahm der Indianer wieder das Wort und legte liebkosend
seine Hand auf die Schulter des Knaben.
»Dort hinauf, in jenem Felsen,« entgegnete Carl, nach der Höhe zeigend.
»In der Höhle dort oben? Ich habe schon manchen feisten Bären in ihr
getödtet, sie ist ein Lieblingsaufenthalt der Petze. Lade Deine Büchse, ich
will dem Hirsch schnell die Haut abnehmen,« sagte der Indianer, und kniete
bei dem erlegten Thiere nieder, während Carl den Schuß in seinem Gewehr
ersetzte.
»Du wirst nicht viel Wild mehr in diesem Walde angetroffen haben,« fuhr
Leopard während seiner Arbeit fort, »wir haben über zweihundert Hirsche und
Antilopen hier geschossen, denn wir fanden sehr viel Wild hier vor, als wir
vor einem Monat hierherkamen, und das Feuer auf der Prairie trieb uns noch
eine große Anzahl davon zu. Es ist gut, daß ich Dich getroffen habe, denn
wir wollten morgen von hier aufbrechen. Schade nur, daß Du nicht früher
hier warest; ein Jäger wie Du es bist, wäre mir sehr willkommen gewesen.«
In wenigen Minuten hatte der Indianer dem Hirsch die Haut abgenommen,
denselben zerlegt und sich mit den beiden Keulen beladen, während er die
Schulterblätter und den Rücken desselben zusammenband und Carl zu tragen
gab. Darauf ergriff er seine lange einfache Büchse und schritt mit seinem
jungen Gefährten den Felsen zu, die sie bald erreichten. Leopard kannte den
Weg nach der Höhle sehr gut, und trat voran in dieselbe hinein. Der Rappe
sprang entsetzt vor dem Indianer zurück, Carl aber beruhigte ihn, und
während jener das Roß von allen Seiten betrachtete und seine Formen lobte,
legte Carl demselben Sattel und Zeug auf und befestigte das mitgebrachte
Wildpret an demselben. Nachdem er nun noch die Büffelhaut über den Sattel
geworfen hatte, leitete er das Pferd aus der Höhle dem Indianer nach,
welcher einen, Carl noch nicht bekannten Pfad zwischen den Felsen
hinabschritt, auf welchem sie bald die frisch grüne Prairie erreichten.
Leopard war verstummt und schien in Gedanken versunken, und Carl war im
Geiste schon im Fort zurück, sah sich von seinen Lieben umarmt und hörte
ihren Jubel, ihre Worte der Liebe. So schritten sie schweigend an dem
Waldsaume hin, bis sie nach einer halben Stunde das Lager der Delawaren
erreichten.
Carl erkannte dasselbe schon von Weitem an den Rauchsäulen, die zwischen
den einzelnstehenden Eichen aufstiegen, und bald darauf an den vielen
Pferden, welche theils in dem Schatten der Bäume, theils in der nahen
Prairie weideten.
Das Lager selbst bestand aus einigen zwanzig Zelten, die aus Baumwollenzeug
verfertigt und vermittelst hölzerner Stangen aufgestellt waren. Vor jedem
Zelte brannte ein Feuer, an welchem man Indianerinnen beschäftigt sah,
Speisen zu bereiten, während daneben junge kräftige Männer auf Büffelhäuten
ruhten, oder ihre Waffen reinigten und in Stand setzten. Wo man hinblickte,
sah man zum Trocknen ausgespannte Thierfelle an den Bäumen hängen, oft
einige Dutzend derselben, die bis in die höchsten Aeste hinauf sich in dem
Winde schaukelten.
Als Leopard mit seinem Gaste in das Lager schritt, erhoben sich die Männer
und kamen ihm entgegen, um ihn zu begrüßen; denn er war der Häuptling
dieses Stammes und zugleich erster Häuptling aller Delawaren, die aus zehn
solcher Abtheilungen bestanden. Die ganze Nation zählte kaum noch einige
Tausend Seelen, obgleich sie in früheren Jahren die mächtigste unter
den Indianern dieses Welttheils war, und die östlichen Länder von der
Chesapeakebay bis zu den großen Landseen im Norden als ihr Eigenthum
beherrschte. Von den Weißen aus ihrer Heimath verdrängt, blieben die
Delawaren denselben dennoch treu befreundet, und wanderten unter blutigen
Kämpfen mit anderen Indianern weiter und weiter nach Westen, bis sie
endlich an dem Kanzasflusse, westlich von Missouri, eine bleibende Stätte
sich gegründet hatten, welches Land ihnen von der Regierung der Vereinigten
Staaten als freies unantastbares Eigenthum überwiesen wurde. Dort hatten
sie sich nun einer Art von Civilisation hingegeben, das heißt, sie gaben
ihr Wanderleben auf, bauten sich Dörfer, trieben Viehzucht und pflanzten
Mais. In diesen kleinen Niederlassungen wohnten nur die alten Leute, die
größere Zahl der Frauen und die Kinder, während die jungen Männer mit nur
wenigen Weibern beinahe Jahr aus Jahr ein der Jagd lebten, und im Frühjahr
nach Norden bis in die Felsengebirge, und im Herbst nach Süden bis an die
Ufer des Golfs von Mexico dem Wild folgten. Auf ihrer Durchreise hielten
sie sich nur einige Wochen in ihren Niederlassungen auf, und nahmen dann
abermals auf ein halbes Jahr Abschied von den Ihrigen. Die Delawaren
standen aber auch in dem Dienst der Regierung der Vereinigten Staaten, und
wurden von derselben zu Unterhandlungen und Vermittlungen mit den anderen
Nationen der Indianer verwandt, wofür sie jährlich eine sehr bedeutende
Summe Geldes baar ausbezahlt bekamen. Dies Freundschaftsverhältniß zu
der Regierung war theilweise eine Ursache, weshalb die Delawaren bei den
anderen Indianern in hohem Ansehen standen; der Hauptgrund lag aber in
ihrer Persönlichkeit, in ihrem Charakter. Offenheit, Biederkeit und tiefes
Gefühl für Freundschaft, aber auch unversöhnliche Rachsucht, Kühnheit und
Tapferkeit bis zur Verzweiflung waren ihre vorherrschenden Eigenschaften.
Auch die mächtigsten Nationen unter den Indianern wagten es nicht, zu
Feindseligkeiten mit den Delawaren Veranlassung zu geben, und erkannten
ihre große Ueberlegenheit als Krieger an. Die Delawaren waren sämmtlich
vortreffliche Schützen, besaßen die besten Feuerwaffen, und waren ebenso
gewandt zu Fuß, wie zu Pferde. Namentlich gegen die südlichen Indianer,
welche mit den Weißen in noch keinerlei freundliche Beziehung getreten
waren, und noch in ihrem ursprünglichen Naturzustande lebten, standen sie
in großem Vortheile; denn jene führten durchaus keine Feuerwaffen, weil die
Weißen ihnen dieselben nicht ausbesserten und ihnen keine Munition zukommen
ließen.
Jetzt war Leopard mit seinem Stamme auf seiner Rückreise nach Norden,
nachdem er mehrere Monate lang in diesen südlichen Ländern gejagt hatte,
und wollte wieder einige Wochen bei den Seinigen am Kanzasflusse rasten,
ehe er nach Norden zur Jagd aufbräche; denn der Frühling sollte ihm
voranziehen und dort die Grasfluren mit frischem Grün schmücken. Der
Häuptling übergab Carls Roß einer Indianerin, damit sie für dasselbe Sorge
trage, und führte ihn selbst zu seinem Zelte, wo er ihn willkommen hieß
und ihm seinen Schutz und seine Gastfreundschaft zusicherte. Er sprach, wie
alle Delawaren, sehr gut englisch, rief aber nun in seiner Muttersprache
die Männer aus dem Lager zusammen, und theilte ihnen mit, in welcher Weise
er mit dem fremden Knaben bekannt geworden sei, woher derselbe stamme und
daß er beabsichtige, ihn zu seiner Familie an den Bärfluß zurückzubringen.
Die Mittheilung über Carls Tüchtigkeit als Jäger erwarb ihm bei den
Indianern sofort Ansehen und sie betrachteten mit großer Bewunderung seine
Waffen. Sie hatten sich zu ihm gesetzt und ließen seine Büchse von Hand zu
Hand gehen, da ein Jeder von ihnen dieselbe in Augenschein nehmen wollte,
als plötzlich ein großer Raubvogel über ihnen erschien und seine Kreise in
der Luft beschrieb. Leopard sah Carl lächelnd und fragend an, und deutete
auf den Vogel über sich, als ob er wünsche, daß sein junger Gast die
Mittheilung wahr machen möchte, welche er seinen Leuten über dessen
Geschicklichkeit im Schießen gegeben habe. Carl blickte nach dem Vogel
hinauf, ergriff rasch die ihm hingereichte Büchse, zielte einen Augenblick
nach dem über ihm schwebenden Falken und gab Feuer. Der Raubvogel aber ließ
in demselben Augenblick seine Flügel sinken, und fiel unter dem lautesten
Jubel und den Freudenrufen der Indianer aus der Luft herunter in das Gras.
Der Häuptling schaute mit einem stolzen Blick durch die Versammlung und
reichte dann Carl wie zum Danke die Hand, indem er sagte: »Warum mußtest
Du auch unter den Weißen geboren werden und nicht unter den Delawaren? Du
würdest ein großer Mann unter ihnen geworden sein. Hättest Du keine Freunde
am Bärflusse, so sollten die Delawaren Deine besten Freunde werden.«
Nun folgten alle Indianer dem Beispiele ihres Häuptlings, reichten Carl
die Hand, und ein Jeder von ihnen sagte dem Knaben, daß er sein Freund sei.
Carl war ganz glücklich über die liebevolle Behandlung, die ihm zu Theil
ward, und es freute ihn, daß er Daniels Mittheilungen über die Delawaren so
treu bestätigt fand. Er wurde nun mit der größten Aufmerksamkeit bewirthet,
es wurden ihm in der Asche gebackene Bärentatzen, geröstete Markknochen von
Büffeln und gebratene Hirschleber vorgesetzt, und herrlicher klarer Honig
dazu gereicht. Nach dem Essen lagerten sich die Indianer um ihn im Schatten
der Bäume, und er mußte ihnen von Europa erzählen; denn er hatte dem
Häuptling mitgetheilt, daß er nicht in Amerika geboren sei.
Er hatte unzählige Fragen zu beantworten, und Alles, was der Knabe sagte,
wurde mit größter Aufmerksamkeit angehört. Abends aber nach dem Essen, als
sie vor dem Zelte des Häuptlings beim Feuer lagen, bat Carl diesen, er möge
ihm nun auch über die Geschichte seines Volkes Etwas erzählen, da ihn dies
eben so sehr interessire, wie ihn Carls Mittheilungen über Europa. Der
Häuptling schien sich durch diese Bitte geschmeichelt zu fühlen, setzte
sich aufrecht und begann mit ernstem, feierlichen Tone die Größe seines
Volkes in jener Zeit zu schildern, als dasselbe die Ufer der Chesapeakebay,
des Susquehanna und der großen Landseen im Norden seine Heimath nannte, und
sein Reich sich bis an die Küsten des Oceans erstreckte. Mit hinreißender
Begeisterung pries er den damaligen unerschöpflichen Reichthum der endlosen
Jagdgründe in dem Lande der Delawaren, schilderte die Schönheit der edlen
Pferde und der auserlesenen Waffen, welche seine Vorfahren besessen
hatten, und nannte mit Verehrung die gefeiertsten Krieger, deren Namen
seit Jahrhunderten von Mund zu Mund, von Geschlecht zu Geschlecht in
dem Andenken des Volkes fortgelebt hatten. Er sprach von der Macht der
Delawaren, von ihrer Wahrheitsliebe, von ihrer Gastfreundschaft, von ihrer
Tapferkeit und von den vielen glorreichen Siegen, die sie über ihre
Feinde erkämpft hatten. Er redete mehrere Stunden lang, ohne von einem der
Umsitzenden unterbrochen zu werden, und ebenso, wie alle übrigen Zuhörer,
wurde auch Carl von der feierlichen Mittheilung über die vergangene Größe
der Delawaren tief ergriffen. Mit einem Ausdruck der Wehmuth, der Trauer
verstummte der Häuptling endlich, und saß eine Zeitlang, schweigend vor
sich niedersehend, da, dann ergriff er die Hand Carls und sagte mit einem
Blick zu dem sternbedeckten Himmel über sich: »Es ist der Wille des großen
Geistes, daß die rothen Kinder den Weißen Platz auf dieser Erde machen
sollen!«
Abermals versank er dann in stummes Nachdenken, welches, wie es schien,
die übrigen Indianer als einen Wink des Häuptlings betrachteten, sich zu
entfernen; denn sie erhoben sich sämmtlich und begaben sich nach ihren
verschiedenen Zelten. Als nun der Häuptling noch allein mit Carl beim Feuer
saß, wandte er sich zu ihm und sagte: »Du nanntest heute früh einen Neger
den Freund Deines Onkels; ich will wünschen, daß Dein Onkel sich nicht von
dem Neger bethören läßt; ein Mohr ist niemals ein Freund, ein Mohr redet
mit doppelter Zunge, und sein Herz ist so schwarz wie seine Haut.«
»Dann macht unser Freund Daniel eine Ausnahme von der Regel, er ist uns ein
wahrer, aufrichtiger und uneigennütziger Freund,« fiel ihm Carl schnell
in die Rede, um auch nicht einen Augenblick länger einen so ungerechten
Verdacht auf seinem Daniel zu lassen.
»Das läßt er Euch glauben, so lange, bis es ihm einen Vortheil bringt, Euch
zu hintergehen,« fuhr der Häuptling fort.
»Nein, nein, Daniel ist und bleibt ewig unverändert unser treuer Freund und
will uns niemals verlassen,« fiel Carl wieder ein; denn von dem ehrlichen
Daniel sollte Niemand etwas Unrechtes sagen.
»Er wird so lange bei Euch bleiben, bis er anderswo glaubt, einen
angenehmeren Aufenthalt zu finden. Auch bei mir lebte ein Neger, er hieß
der schwarze Panther, und er war mein bester Jäger, so wie mein bester
Krieger. Den schwarzen Panther fürchteten die Indianer von dem Golf von
Mexiko bis hinauf zu den Felsengebirgen! Er wurde unter uns geboren, denn
sein Vater und seine Mutter waren Sclaven meines Vaters. Ich habe den
Knaben zuerst auf ein Pferd gesetzt, ich habe ihm die ersten Waffen in die
Hände gegeben und ihn angewiesen, sie zu gebrauchen, und ich war es, der
ihm das Kriegsgeschrei der Delawaren lehrte, welches später Keiner von uns
Allen mit solcher Gewalt ertönen lassen konnte, wie der schwarze Panther.
Er hat an meiner Seite geschlafen, gespeist, gejagt und gekämpft, und wo
der Leopard und der schwarze Panther erschienen, da war ihnen der Sieg
gewiß. Seine Eltern starben, ihre Gebeine ruhen bei denen meiner Väter,
und der schwarze Panther wurde dem Leoparden untreu und verließ ihn, ohne
Abschied von ihm zu nehmen. Er floh den Ansiedelungen der Weißen zu, ich
folgte ihm, um ihm die Füße zu lähmen und ihn den wilden Thieren als Beute
zu überlassen; die Füße des schwarzen Panthers aber waren schneller und
leichter, als die des Leoparden, und er entkam unter die Weißen. Ich habe
nie wieder von ihm gehört; ein Neger hat kein Herz für einen Freund, er hat
nur ein Herz für sich selbst.«
Bei diesen Worten des Häuptlings verstummte Carl, es war ihm, als ob
ihm der Athem genommen würde, denn die Worte Daniels fielen ihm ein,
die derselbe dem fliehenden Waco-Indianer zugerufen hatte, ehe er ihn
niederschoß: »Du hast wohl einmal vom schwarzen Panther gehört!«
Daniel war der schwarze Panther, darüber konnte Carl nicht mehr in Zweifel
sein, und mit Angst und Schrecken dachte er daran, daß der Häuptling den
Neger im Fort wiedersehen und ihm dann ein Leids zufügen würde. Er bereute
es tief, daß er überhaupt von Daniel gesprochen hatte, weil Leopard gewiß
nach ihm fragen würde, wenn sie das Fort erreichten; und Carl sann auf
Mittel und Wege, ein Zusammentreffen des Indianers mit dem Neger zu
verhindern. Der Häuptling unterhielt sich noch eine Zeitlang mit dem
Knaben; als er aber dessen Wortkargheit bemerkte, glaubte er, derselbe sei
müde und wünsche, sich zur Ruhe niederzulegen.
Er bat ihn daher, in sein Zelt einzutreten, und wies ihm dort ein Lager an,
welches die Frauen für ihn aus weichen Thierhäuten bereitet hatten. Dann
wünschte er ihm eine sanfte Ruhe, die ihn für die Reise, welche sie am
folgenden Morgen antreten wollten, stärken möchte.
Vier Tage später saßen Turners Abends, als die Sonne sich neigte, in deren
wohlthuendem Strahlenlichte an der Außenseite des Forts auf einer Bank, und
Daniel hatte sich neben ihnen im Grase niedergelassen. Sie ruhten sich
von der vollbrachten Tagesarbeit aus, und ließen ihre Blicke in trauerndem
Andenken an den geliebten, für sie verlorenen Carl über die weite Grasflur
wandern, auf welcher sie glaubten, daß der treue, brave Knabe seinen
Opfertod gefunden habe. Sie hatten schon eine Zeitlang in spärlicher
Unterhaltung dagesessen, immer wieder war Carl genannt worden, immer wieder
war die Unterhaltung verstummt, und Madame Turner hatte wiederholt die
Thränen heimlich weggewischt, die ihr in die Augen getreten waren, da
richtete sich Daniel auf seiner linken Hand empor, und hielt die Rechte
über die Augen, indem er in die flache Ferne schaute.
»Sollten das Büffel sein, die dort herangezogen kommen? Sehen Sie dort den
schwarzen Strich über jenem Mosquitobaum nicht? Er bewegt sich -- es sind
wahrscheinlich Büffel. Wenn sie nahe herankommen, so will ich doch einen
von ihnen schießen, wir können frisches Fleisch gebrauchen,« sagte der
Neger, indem er wieder auf seinen Ellnbogen zurücksank und seinen Blick auf
die Ferne geheftet hielt.
»Als Carl noch bei uns war, da hatten wir immer Ueberfluß an frischem
Wildpret im Hause, seit seinem Scheiden scheint Alles bei uns die
Thätigkeit verloren zu haben,« sagte Madame Turner, und abermals entfielen
Thränen der Wehmuth ihren Augen.