Alle Hoffnung für die Rettung Carls war jetzt in der treuen Seele des

Negers erstorben, denn nur zu gut wußte er es, daß derselbe dem, vom Sturm

gejagten Feuer nicht hatte entfliehen können.

Mit blutendem Herzen schaute er lange Zeit über die endlose schwarze Fläche

vor sich, und wandte sich dann unter Thränen zurück nach dem Eichenwald,

wo er ohne Speise und ohne Trank die Nacht verbrachte. Als er aber am

folgenden Tage ohne Carl nach dem Fort zurückkehrte, da brachen Turners

sämmtlich in lautes Wehklagen aus, und Alle weinten und rangen die Hände

über den Verlust des braven Knaben, der sich für ihr Wohl, für ihr Glück

geopfert hatte. Der Bericht des Negers stellte es außer allen Zweifel, daß

Carl in den Flammen des brennenden Grases seinen Tod gefunden habe, nachdem

er aus dem Kampfe mit dem Bären siegreich hervorgegangen war. Auch in den

Ansiedelungen an dem Choctawbache erregte die Kunde von Carls Schicksal

großes Bedauern, namentlich bei Warwick; denn der alte Herr hatte in dem

Knaben immer eine Hauptstütze der Niederlassung am Bärfluß erkannt.

Es war nun eine Woche verstrichen, seit Carl dem Flammentode entgangen war,

und von Tag zu Tag hatte das gefangene wilde Pferd sich zutraulicher und

williger gegen ihn gezeigt. Er hatte ihm jeden Morgen Sattel und Zaum

aufgelegt, und das Thier erlaubte ihm nun schon, seinen Rücken zu

besteigen, welches er recht häufig that und es dabei am Zügel hin- und

herlenkte, ohne jedoch den Strick vom Baume zu lösen. Die in Verwesung

übergehenden, umherliegenden todten Thiere mahnten ihn jetzt aber dringend,

diesen Ort zu verlassen, und er beschloß eines Morgens nach dem Frühstück,

einen Proberitt auf seinem Rappen zu machen. Er löste den Strick von dem

Baume, stieg in den Sattel und lenkte das Pferd in weitem Kreise um den

Sumpf über die kahle Fläche, und zu seiner großen Freude folgte das

Thier geduldig dem Zügel, wenn es auch nur langsam mit seinem Reiter

dahinschritt. Es war noch immer sehr matt, denn wenn Carl ihm auch

hinreichend Gras zugetragen hatte, so konnte es sich doch nicht so davon

erholen, als wenn es sich selbst die Nahrung gesucht hätte. Nachdem Carl

wohl eine Stunde lang so umhergeritten war, lenkte er das Pferd nach dem

Quell, damit es sich an dem frischen Trank erquicken möge, und dann ritt er

an den Sumpfrand in das beste Gras, und ließ das Thier dort weiden.

Er verbrachte beinahe den ganzen Tag in dieser Weise mit der Pflege seines

Rosses, welches sich denn auch zum ersten Male seit seiner Gefangennehmung

wirklich nach Herzenslust sättigte und sich dann geduldig wieder an den

Baum befestigen ließ.

Abschnitt 7.

Ritt durch die Wildniß. -- Wasser. -- Die Antilopen. -- Die Grenze des

Prairiebrandes. -- Die Klapperschlangen. -- Der Delawaren-Häuptling.

-- Das Lager der Indianer. -- Der schwarze Panther. -- Rückkehr in das

Fort. -- Indianerfreundschaft. -- Der Frühling. -- Die Bestürmung. --

Letztes Mittel. -- Die nahende Rache.

Am folgenden Morgen hatte Carl nun schon frühzeitig den Hengst gesattelt,

hatte die Büffelhaut zusammengerollt und hinter den Sattel gebunden und das

getrocknete Fleisch an demselben befestigt. Nachdem er selbst, so wie sein

Pferd sich noch einmal an dem Quell gelabt hatten, bestieg er dasselbe

und ritt in den Strahlen der aufsteigenden Sonne nach Südwesten davon. Die

Hoffnung, die Seinigen bald wieder zu sehen, trieb ihn vorwärts, und

der Gedanke, durch sein Erscheinen ihren Kummer, ihren Gram zu heilen,

beseligte sein junges hochschlagendes Herz. Er trieb den Rappen zur Eile

an, und ließ ihn häufig lange Strecken traben, nach Verlauf von einigen

Stunden aber fand er schon aus, daß dessen Kräfte zu einem tüchtigen Ritt,

wie er ihn auf dem Falben oft gemacht hatte, nicht ausreichten. Er mußte

darum seiner Sehnsucht nach den Seinigen Zwang anthun und sich mit einem

raschen Schritt des Thieres zufrieden stellen, wobei ihn die Ueberzeugung

tröstete, daß nur die große Ermattung desselben ihn überhaupt in den Stand

gesetzt habe, es seinem Willen so weit unterthänig zu machen. Die weite

Fläche, über welche er seinen Weg richtete, gewährte einen schauerlichen

trostlosen Anblick; wie in einem schwarzen Trauerkleide lag sie,

wellenförmig auf- und niedersteigend um ihn ausgebreitet, nirgends war ein

grüner Halm, ein grüner Baum zu sehen, hier und dort bezeichnete eine dünne

aufsteigende Rauchsäule den trocknen Stamm einer abgestorbenen Mimose,

welche Feuer gefangen hatte und nun so lange glühte und kohlte, bis selbst

die Wurzeln in der Erde verbrannt waren, und in allen Richtungen sah man

Schwärme von Geiern über todten Thieren schweben, die den Flammen des

Prairiebrandes zum Opfer geworden waren. Links und rechts ritt Carl an

gefallenen Büffeln, Bären, Hirschen und Antilopen vorüber, manch schönes

Pferd sah er verendet liegen, und der todten Wölfe waren es unzählige,

deren versengte Körper wie schwarze Steine über dem verbrannten Boden

emporragten.

Vergebens spähete Carl unaufhörlich und sehnsüchtig in die Ferne, ob er

nicht den freundlichen grünen Schein lebender Vegetation erkennen könne;

das finstere Bild blieb unverändert. Die Sonne überschritt ihren Höhepunkt

und neigte sich dem westlichen Horizont zu, und noch hatte Carl seinem

Pferde nicht einen Augenblick Rast gegeben, immer noch hielt er an dem

Glauben fest, er müsse einen grünen Punkt in der schwarzen Ferne entdecken.

Der Rappe war sehr erschöpft, und sein Reiter mußte ihn mit den Sporen

antreiben, sollte er nicht stille stehen. Endlich aber half auch

dieses Mittel nicht mehr, und Carl stieg ab, um dem Thiere die Last zu

erleichtern. Er ging nun zu Fuße und zog sein Pferd an dem Zügel hinter

sich her, denn die Hoffnung konnte er nicht aufgeben, Wasser zu finden.

Die Sonne hatte den flachen dunklen Rand der Prairie erreicht und versank

hinter demselben wie ein glühender Feuerball, während der Himmel über ihr

sich blutroth färbte, und sein feuriger Wiederschein über die schwarze

Steppe zitterte. Jetzt weigerte sich der Rappe, noch einen Schritt weiter

zu gehen, und Carl sah es ein, daß es nicht böser Wille des Thieres,

sondern vollständige Entkräftung war, die dasselbe an die Stelle fesselte.

Er zog es mit Gewalt bis zu einem Mosquitobaume, befestigte es an dessen

Stamm und nahm ihm seine Bürde ab. Wie gern hätte er ihm Gras weit

hergeholt und ihm Wasser in seinem Hut zugetragen, aber wo sollte er

es hernehmen? Ihn selbst peinigte der Durst, und doch würde er ihn gern

ertragen haben, hätte er dem erschöpften Thiere nur helfen können. Dasselbe

legte sich bald nieder, und Carl streckte sich, ohne ein Abendbrod genossen

zu haben, neben ihm auf seiner Jaguarhaut aus, und deckte sich mit dem

Büffelfell zu; denn das getrocknete Hirschfleisch hätte er nicht verzehren

können, ohne erst seinen Mund mit einem Trunk Wasser zu erfrischen. Die

Nacht breitete sich schnell über die Einöde aus, weder nah noch fern

verrieth ein Laut die Gegenwart eines lebenden Wesens, und selbst die Lüfte

schienen zur Ruhe gegangen zu sein, denn nicht der leiseste Hauch bewegte

die reichen Locken Carls, der mit dem Kopf auf den Sattel zurückgesunken

war und den Sternen sein Leid klagte, die so heiter blitzten und so

freundlich auf ihn niederfunkelten.

Ein bleicher Lichtstreifen am östlichen Himmel zeigte sich über dem Rande

der Steppe und verkündete den nahenden Tag, als Carl aus süßen wonnigen

Träumen, wie sie nur die frische Jugend spendet, erwachte, und sich

verwundert umschaute; denn er konnte im ersten Augenblick sich nicht

besinnen, wo er eigentlich war. Die schwarze schwere Masse seines Rappen,

den er neben sich durch die Dunkelheit erkannte, rief ihm seine Lage

schnell ins Gedächtniß zurück, und er schaute nun besorgt und mitleidig

auf das entkräftete Thier und rührte sich auf seinem Lager nicht, um seinen

armen Leidensgefährten nicht in seiner Ruhe zu stören. Er lenkte aber

seinen Blick zu den hellen Sternen über sich, faltete seine Hände und bat

den Allmächtigen, ihm seinen fernern gnadenreichen Beistand zu verleihen.

Carls Vertrauen auf Gottes Schutz und Hülfe war von seiner frühesten

Kindheit an unbedingt und unerschütterlich gewesen, und der

augenscheinliche wunderbare Beistand des Höchsten in den vielen großen

Gefahren, in welchen der Knabe sich trotz seiner Jugend schon befunden

hatte, war an ihm nicht unbeachtet vorübergegangen, er hatte das Vertrauen

nur tiefer in seinem dankbaren Herzen befestigt. Auch jetzt schaute er mit

Zuversicht und unverzagt in die nächste Zukunft, und sagte sich, daß

die Hand, die ihn schützend hierhergeleitet hatte, ihn auch ferner nicht

verlassen würde.

Der Morgen zitterte über die Erde und der Tag warf bald sein helles,

heiteres Licht auf die öde, ausgestorbene Wüste. Es that Carl leid, den

Rappen in seiner Ruhe stören zu müssen, er wollte aber in der Kühle des

Morgens den besten Ritt machen, und lieber in der Mittagshitze rasten. Der

Hengst sprang rasch empor und schaute ganz erfrischt und munter um sich,

ja, er widersetzte sich sogar ein wenig, als sein Herr ihm Sattel und Zeug

auflegen wollte. Dies Zeichen von Stärkung war Carl jedoch sehr willkommen,

und er wandte nur Güte an, um das Thier zur Weiterreise fertig zu machen.

Dann schwang er sich auf dessen Rücken, und hatte seinen großen Spaß

darüber, als der Hengst in Galopp fiel und mit ihm davonrennen wollte. Bald

aber wurden Carl die Anstrengungen des Rappen doch zu bedenklich, und er

faßte die Zügel mit beiden Händen, um ihn in seiner Gewalt zu behalten. Das

Thier aber war kaum zu bändigen, hob die Nase immer hoch gegen den frischen

Wind und drängte sich gewaltsam rechts aus der Richtung, in welcher sein

Reiter es zu halten suchte. Diese auffallende Veränderung in dem Benehmen

des Pferdes, und namentlich das hartnäckige Bestreben, etwas weiter

nördlich zu gehen, fiel Carl auf, und er ließ ihm mehr Freiheit. Kaum

fühlte das Roß aber die lockern Zügel, als es mit seinem Reiter dahin

sauste, wie wenn es nie ermüdet gewesen wäre, so daß Carl seine Last hatte,

nur einigermaßen noch die Herrschaft zu behaupten.

Der Lauf des Hengstes wurde immer wilder, immer flüchtiger und unbändiger,

und sein Reiter konnte Nichts mehr thun, als sich nur im Sattel zu

erhalten. In wenigen Minuten waren einige Meilen zurückgelegt, da erblickte

Carl in der Ferne vor sich einen hellgrünen Streif, und nach ein paar

Minuten später erkannte er deutlich zwei Pappeln, das sicherste Zeichen,

daß Wasser sich in der Nähe befinde. Jetzt ward es ihm klar, weshalb das

Thier so gewaltig nach dieser Richtung gestrebt hatte, denn der Wind wehte

gerade von den Pappeln her, und das Pferd hatte das Wasser schon auf Meilen

weit gewittert.

In sehr kurzer Zeit waren die Pappeln erreicht, welche an dem Ufer eines

klaren, nach Nordost fließenden Baches standen. Noch ehe aber das Roß an

das Ufer kam, hielt Carl es mit Gewalt an, sprang aus dem Sattel, nahm

diesen von dem Rücken des Pferdes, und leitete dasselbe dann an dem Zügel

nach dem Wasser, weil er voraussetzte, daß das Thier sich in den Bach

hineinlegen würde. Dies geschah nun auch sofort, der Hengst warf sich in

dem Bache nieder und wälzte sich von einer Seite zur andern; dann sprang er

auf, schüttelte sich, stillte seinen Durst und wandte sich darauf nach dem

frischen saftigen Grase an dem Ufer. Carl befestigte ihn mit dem Strick an

eine der Pappeln, so daß er beide Ufer erreichen und darauf weiden konnte,

und nachdem er nun selbst seinen großen Durst gelöscht hatte, ließ er sich

in dem Grase nieder und verzehrte einige Stücke des getrockneten Fleisches.

Erquickt und gestärkt ruhte er mit dem Rücken an einem der Bäume, und sah

während einiger Stunden mit Freude seinem Rappen zu, wie derselbe zwischen

dem hohen, vom Feuer verwelkten schilfartigen Grase die zarten frischen

Halme und Kräuter verzehrte, und sich daran labte. Endlich hatte sich das

Thier gesättigt und die Ruhe schien ihm jetzt das Nothwendigste zu sein,

denn es ließ sich im Grase nieder und streckte die Glieder darin aus. Auch

Carl fühlte sich schläfrig und die Augen waren ihm zugefallen. Nach einer

Weile aber schlug er sie wieder auf und ließ seinen Blick über die weite

öde Fläche wandern, als wolle er sich überzeugen, daß er sich unbesorgt

einem festen Schlafe hingeben könne.

Da traf sein Auge in der Ferne auf einen hellen Fleck, den er früher nicht

bemerkt hatte. Er zog sein Fernglas hervor, und erkannte durch dasselbe

einige zwanzig Antilopen, welche über die schwarze Ebene wanderten und

wahrscheinlich, wie sein Rappe es gethan hatte, das Wasser aufsuchten. Ihre

Richtung war aber weiter nach dem Bache hinauf, wo kein Busch, kein hohes

Gras ein Annähern an dieselben möglich machte, und da Carl die große

Neugierde dieser Thiere kannte, so hieb er schnell einen langen Stock von

der Pappel, spitzte ihn unten zu, band sein Taschentuch an das obere Ende,

und pflanzte diese Fahne einige fünfzig Schritt am Bache hinauf in dessen

erhöhtes Ufer. Nun legte er sich hinter die Pappel und beobachtete die

Antilopen durch sein Fernglas. Sie kamen unbekümmert und unaufmerksam

immer näher, bis sie plötzlich stillstanden und sämmtlich die Köpfe

emporrichteten. Sie blickten verwundert und neugierig nach der im Winde

wehenden Fahne. Ein altes Thier setzte sich jetzt in Bewegung und schritt

dem Rudel voran der Fahne zu, während die anderen sich zusammendrückten und

der Alten folgten. Carl hielt immer noch das Glas auf sie gerichtet, bis

sie sich in Trab setzten, dann griff er schnell nach der Büchse, hob sich

hinter dem Baum auf ein Knie und machte sich zum Schusse bereit. Jetzt

kamen die Antilopen im Galopp nach der Fahne herangesprungen, und als sie

dieselbe bis auf fünfzig Schritte erreicht hatten, wandten sie sich im

Kreis um sie und jagten direct auf die Pappeln zu. Da hob der Rappe seinen

Kopf aus dem Grase empor, und die Antilopen sprangen erschrocken zur Seite.

Carl aber hatte seine Büchse schon fest auf einen jungen Bock gerichtet und

gab Feuer. Das Thier überschlug sich, und bemühte sich vergebens, wieder

aufzuspringen, um seinen Gefährten zu folgen; es konnte nicht weiter, die

Kugel war ihm am Herzen durchgegangen. Mit raschen Sprüngen hatte Carl den

Bock erreicht und ihm den Todesstoß gegeben. Er schnitt schnell das beste

Fleisch von ihm ab, um für einige Tage frisches Wildpret zu haben, und

zündete darauf ein Feuer bei den Pappeln an, über welchem er sich ein

Mittagsmahl aus den feistesten Stücken bereitete. Es schmeckte ihm ganz

vortrefflich, er labte sich nochmals durch einen frischen Trunk, und dann

streckte er sich im Grase aus, um sich vollends für die Weiterreise zu

stärken.

Die Sonne begann sich schon zu neigen, als er erfrischt erwachte und seinen

Rappen zum Aufstehen ermunterte. Derselbe schien auch neues Leben bekommen

zu haben, und Carl hatte ziemlich viel Mühe, um ihn zu satteln. Endlich

aber saß er wieder auf dem Rücken des Hengstes, und ließ ihn nun tüchtig

austraben, indem er dem Bache hinauf folgte, da derselbe aus Südwest

hergeflossen kam. Er beabsichtigte nämlich, so weit in dieser Richtung

vorzudringen, wo das Feuer nicht mehr gewüthet hatte, und dann seinen Weg

nach Osten einzuschlagen, wo er jedenfalls auf Ansiedelungen stoßen mußte.

An diesem Wasser war sein Pferd vor Hunger und Durst gesichert, und es

stand zu erwarten, daß er auch an seinen Ufern Wildpret antreffen werde.

Er ritt noch spät in die Nacht hinein, schlief abermals an dem Rande

des Baches, und folgte demselben während des ganzen nächsten Tages. Mit

Sonnenuntergang erreichte er auf einer Höhe, wo wenige entlaubte Eichen

standen, die Quellen des Baches, und schlug hier sein Nachtlager auf. Am

folgenden Morgen glückte es Carl wieder, einen feisten Hirsch zu erlegen,

wodurch sein Vorrath an frischem Fleisch ersetzt wurde.

Das Wasser war hier nun zu Ende, und der Knabe würde abermals mit Zweifeln

über seine nächste Zukunft sein Pferd bestiegen haben, hätte er nicht

von hier aus in der Ferne vor sich die blauen Umrisse eines über dem

Prairierand aufsteigenden Waldes erkannt. Mit neuer Hoffnung, in jenem

Walde endlich die Grenze der Verwüstung, die das Feuer angerichtet hatte,

zu finden, verließ er die Quellen, und gab seinem Hengst die Zügel, damit

er ihn schnellmöglichst aus dieser Einöde tragen möge. Der Rappe hatte sich

sehr erholt, und begann durch seinen Uebermuth seinem Reiter oft viel zu

schaffen zu machen, dieser aber kannte ein sehr gutes Mittel, um ihn zu

bändigen: er ließ ihn nach Herzenslust laufen, und wenn er dann, etwas

ermüdet, langsam gehen wollte, dann trieb er ihn mit den Sporen zum Galopp

an, bis ihm der weiße Schaum auf den schwarzen Flanken stand. Nach einigen

Stunden flüchtigen Rittes näherte sich Carl dem Walde, dessen grüner

Schein von immergrünen Baum- und Straucharten zeugte, die sich in demselben

befanden. Carls Hoffnung, hier die Grenze der Feuerverwüstung zu finden,

wuchs mit jedem Schritte des Rappen, und sie wurde zur Wahrheit, als er

um die Mittagszeit das Holz erreichte. Der Brand war bis an dessen Saum

gedrungen, und war an ihm hin nach Nordwesten gezogen. Der Wald war

ziemlich licht, nur einzeln zeigte sich hier und dort eine Dickung von

immergrünen Lorbeer- und Myrthenarten in demselben, aber allenthalben unter

den einzelnstehenden Bäumen befand sich frisches junges Gras, in welchem

das Feuer keine Nahrung gefunden hatte.

Carl verfolgte seine Richtung durch den Wald, in der Hoffnung, Wasser zu

finden, welches er um so sicherer glaubte, weil sich nach allen Seiten hin

ungeheure Felsstücke aus dem Boden erhoben. Schon nach Verlauf einer halben

Stunde gelangte er an die westliche Seite des Holzes, wo dasselbe sich an

eine hügelige Prairie anlehnte, die, so weit das Auge reichte, mit frischem

jungen Grase bedeckt war. Dieses Land mußte vor einigen Monaten von

Indianern abgebrannt sein, wie denn überhaupt alle Prairiebrände durch die

Wilden erzeugt werden. Wenn ein Indianerstamm eine Zeitlang an einem Orte

verweilt hat und das Wildpret spärlicher wird, so zieht er weiter und

benutzt den Augenblick, wo der Wind von daher weht, wohin er reisen will,

um das Gras anzuzünden, damit er, wenn er nach einigen Monaten in diese

Gegend zurückkehrt, hier frische Weide und Reichthum an Wild vorfindet.

An dem Saume des Waldes traf Carl denn auch auf ein herrliches klares

Wasser, welches von einer felsigen Höhe zu seiner linken Seite herabkam.

Er beschloß, hier zu rasten, sich und sein Pferd auszuruhen, und dann der

Grenze der Feuerverwüstung bis zu deren Anfang nach Südost zu folgen. --

Die Felsen erhoben sich in dem Walde in kurzer Entfernung von Carl, und

er lenkte sein Pferd nach ihnen hin, indem er an dem rauschenden Wasser

hinaufritt.

Je näher er den hoch übereinander aufgethürmten Steinmassen kam, um so mehr

einzelne mächtige Felsblöcke lagen zwischen den Bäumen umher, so daß er

endlich sein Roß in das Wasser selbst leiten mußte, um nach dessen Quellen

gelangen zu können.

Ohne große Schwierigkeiten erreichte er den Fuß der hohen Felsenpartie,

wo das Wasser aus einer tiefen Spalte in dem grauen Gestein lustig

hervorsprudelte und durch einen kleinen Grasplatz rieselte, der ihm sein

frisches üppiges Grün verdankte. Dies war ein herrlicher Weideplatz für

den Rappen, so wie ein recht heimliches Versteck für ihn und seinen

Reiter, deßhalb sah sich Carl nach einem passenden Ort um, wo er sein

Lager aufschlagen wollte. Er war nur eine kurze Strecke an den steil

aufstrebenden Felsen zwischen uralten immergrünen Eichen und umherliegendem

Gestein hingeschritten, als er hinter einem dichten Lorbeergebüsch eine

tiefe Spalte in der Felswand bemerkte, die sich nach unten sehr erweiterte

und eine geräumige Höhle zu bilden schien. Als er seinen Rappen zu deren

Eingang führte, fand er, daß sie weit in den Berg hineinführte und geräumig

genug war, ihn und sein Pferd in sich aufzunehmen. Einen passenderen Platz

für seine Rast hätte er sich gar nicht wünschen können; nur wollte er

vorsichtig das Innere der Höhle untersuchen, ob auch kein Raubthier darin

verborgen sei, denn es war ja die Schlafzeit der Bären. Er führte den

Rappen von dem Eingange hinweg, befestigte ihn an einem Baum, und schritt

dann mit der Büchse in der Hand in die Höhle hinein. Kaum aber war er

eingetreten, als ein betäubendes Geklapper darin erschallte und Carl

schnell wieder in den Eingang zurücksprang; denn er erkannte das warnende

Zeichen der Klapperschlange, welches sie mit der Klapper an dem Ende

ihres Schwanzes einem jeden Nahenden giebt, und er glaubte, daß wenigstens

hundert dieser Thiere sich in der Höhle befinden müßten, um ein solches

Getöse hervorzubringen. Er hatte aber in der Nähe des Forts schon so

unzählig viele dieser Schlangen todtgeschlagen und wußte, daß sie einem

Menschen in keiner Weise gefährlich werden können, wenn ihm nur ihre

Gegenwart bekannt ist, da sie nur aus Nothwehr beißen und immer ängstlich

vor dem Menschen fliehen. Carl bewaffnete sich daher mit einem tüchtigen

langen Stock, und ging dann in die Höhle zurück. Die Schlangen hatten sich

sämmtlich in das hinterste Ende derselben geflüchtet und sich zwischen

losem Gestein verkrochen, das Tageslicht fiel aber von der Höhe der

Felsspalte hinreichend auf sie herab, so daß Carl sie erkennen konnte. Als

er sich ihnen nun näherte, hoben sie die Köpfe hoch empor und klapperten

durch die schnelle zitternde Bewegung ihres Schwanzes; jeder Hieb des

Knaben aber, den er nach einem der Köpfe führte, tödtete eine Schlange. Es

waren deren, große und kleine zusammen, einige Dutzende; Carl warf sie mit

dem Stock zur Höhle hinaus und untersuchte in derselben Alles genau, ob

sich keines dieser widrigen Thiere noch irgendwo versteckt halte, er hatte

sie aber sämmtlich getödtet. Nun befreite er sein Roß von Sattel und Zeug,

trug Alles in die Höhle hinein, und band dann den Rappen auf dem nahen

Grasplatz in die Weide. Er hatte einige köstliche Stücke Hirschfleisch mit

hierhergebracht, welche er jetzt für seine Mahlzeit zubereitete, und zwar

innerhalb der Höhle, wo er ein Feuer anzündete. Der Rauch desselben zog

durch die hohe Spalte, wie durch einen Schornstein ab, und verschwand in

den dichtbelaubten Kronen der Lebenseichen, die ihre ungeheuern Aeste

rings um den Felsen ausbreiteten, so daß eine aufsteigende Rauchsäule

Carls Gegenwart nicht an Wilde verrathen konnte, im Falle sich deren in der

Umgegend aufhalten sollten. Von dem Eingange der Höhle aus konnte er nicht

allein sein Pferd beobachten, sondern auch, wie von einer Festung herab,

weithin durch den Wald blicken, und hielt während des ganzen Tages scharfe

Wacht. Mit Ausnahme von einigen Rudeln Hirschen, die flüchtig vorüberzogen,

gewahrte er aber weder Thiere, noch Indianer, und er wunderte sich, hier

nicht einen größern Reichthum von Wildpret zu finden, da im Walde sowohl,

als auch auf der nahen Prairie das Gras jung und üppig stand, und im Osten

das Land auf so ungeheure Entfernungen kahl gebrannt war.

[Illustration]

Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika. · 第 20 / 26 段