Links und rechts jagte es an fliehenden Hirschen, an einzelnen Büffeln,

an wilden Pferden vorüber, und soweit Carls Auge reichte, belebte sich die

Grasfläche in jedem Augenblicke mehr mit Thieren der Wildniß, die alle vor

dem Orkane dahin jagten. Carl suchte sein Pferd zu beruhigen, um ihm auf

die Dauer die Kraft zu erhalten, er sprach zu ihm und klopfte mit der Hand

seinen festen Hals; die Aufregung des Thieres schien sich aber immer mehr

zu steigern und seine Sprünge immer weiter, immer flüchtiger zu werden.

Carl blickte zurück nach dem rasch aufsteigenden schwarzen Gewölk, und sah,

wie unter demselben die weiteste Ferne der flachen Prairie sich mehr

und mehr mit bewegten dunkeln Massen bedeckte. Diese Massen waren die

fliehenden vierfüßigen Bewohner dieser Wildniß, die das Feuer von weit her

vor sich hingetrieben hatte, und die jetzt in gedrängten Reihen in wilder

Flucht ihre Rettung suchten. _Einen_ Trost fühlte Carl in dem Hinblick auf

seinen Falben, den, daß derselbe den Lauf ebenso lange aushalten würde, als

eines jener Tausende von Thieren, die ihm folgten; denn ließen seine Kräfte

früher nach, so wäre der Tod unter den Füßen jener Massen unvermeidlich

gewesen. Dahin jagte Carl Scharnhorst mit dem Sturme um die Wette, Hügel

auf, Hügel ab; vergebens aber spähete er nach dem Walde des Bärflusses,

sein Blick schweifte rundum nur über eine endlose Grasfläche. Immer

eiliger, immer drohender zogen die Rauchwolken am Himmel empor und rollten

sich in schwarzen schweren Massen über einander an demselben hin;

schon jagten sie sich, wie in wildem Kampfe über Carls Haupt, mit ihrem

Weiterzuge nahm das Tageslicht mehr und mehr ab, und ein Düster, wie

das hereinbrechender Nacht, legte sich auf die im Sturme wogende weite

Grasfläche. Plötzlich zog ein röthlicher Schein über das schwarze rollende

Gewölk, und als Carl sich umwandte, sah er im Halbzirkel hinter sich

die Flammen des brennenden Grases über dem äußersten Rande der Prairie

emporlodern. Sie schlugen hoch und wild zum Himmel auf und beleuchteten mit

ihrem glühendrothen Scheine das wogende Thiergewirre, das sie im Todeslaufe

vor sich hertrieben. Die ganze Fläche hinter Carl schien zu leben, und wie

ferner Donner drang es von dort her zu seinem Ohr. Die Rauchwolken hatten

den ganzen Himmel überzogen, sie schienen rundum auf dem Rande der Prairie

zu liegen, und die durch sie erzeugte schwarze Nacht wurde nur durch das

glühende Feuerlicht der immer höher in der Ferne hinter Carl aufsteigenden

Flammen verscheucht. Fort ging es mit des Sturmes Rasen über viele, viele

Meilen weite Strecken, immer noch gleich flüchtig trug der brave Falbe

seinen Reiter weit vor den heranstürmenden Thiermassen hin, und nur

einzelne der schnellsten Bewohner dieser Steppen, Hirsche, Antilopen und

wilde Pferde begleiteten ihn zu beiden Seiten auf der verzweifelten Flucht.

Alles rannte in blinder Verwirrung durcheinander hin, Alles in seiner

Schnelligkeit Rettung suchend, Alles vor dem furchtbaren Elemente fliehend,

dessen Flammen, vom Orkan getragen, über das Grasmeer wirbelten und in

ihrer Gluth verzehrten, was ihrem Bereich verfiel.

Nicht weit von Carl jagte ein Trupp wilder Pferde; an ihrer Spitze

befanden sich viele Füllen, welche, wie es schien, durch die Alten zur Eile

angetrieben wurden, denn diese rannten hinter ihnen hin und her, und ließen

sie nicht zurückbleiben. Zwei der Füllen aber stürzten plötzlich zusammen,

und während die Heerde an ihnen vorübersauste, blieben ihre Mütter

bei ihnen zurück, stießen sie mit dem Kopf, scharrten an ihnen mit den

Vorderfüßen und suchten sie auf alle Weise zum Aufstehen zu bewegen; es

war aber umsonst, die Kleinen konnten sich nicht wieder erheben. Nochmals

versuchten es die Stuten, sie aufzutreiben, dann aber sahen sie mit

entsetztem Blick nach den Flammen zurück, und jagten der Heerde nach. Bald

darauf brach ein mächtiger Hirsch vor Carl zusammen, er sprang wieder auf

und suchte sich auf den Füßen zu erhalten, sank aber immer wieder nieder,

und als Carl an ihm vorüberjagte, hob das erschöpfte Thier den Kopf empor

und schaute ihn an, als ob es seine Hülfe erflehen wolle.

Hier stürzte ein Pferd, dort eine Antilope, da ein Hirsch, ein Büffel; ihre

Kameraden aber flohen davon und überließen sie ihrem Schicksale.

Noch hatte des Falben Schnelligkeit nicht nachgelassen, Angst und Entsetzen

trieben ihn vorwärts, und die Verzweiflung gab seinen Gliedern immer noch

neue Kräfte. Dennoch fühlte Carl, daß die Bewegungen des edlen Thieres

härter und weniger leicht wurden, und mit Schrecken hörte er durch das

Heulen und Brausen des Orkans die mühsamen schweren Athemzüge des treuen

Rosses. Bald aber wurden auch dessen Sprünge kürzer, seine Glieder hoben

sich nicht mehr hoch über das trockne harte Gras, sie theilten mühsam

dessen verworrene Halme, und Erschöpfung zeigte sich in seiner verminderten

Schnelligkeit. Augenscheinlich kamen die Flammen und die heranstürmenden

Heere der wilden Thiere jetzt Carl näher, und mit Entsetzen schaute er bald

rückwärts in die, zwar noch ferne auflodernde Gluth, bald in die düstere

Weite vor sich. -- Wo -- wie -- sollte er Rettung finden, Rettung für sich

und für sein ihm so theures Pferd!

In der Ferne, nur in der weiten Ferne konnte er sie suchen; ein Wald -- ein

Wasser -- klang es mit verzweifelndem Verlangen durch Carls Seele, und mit

schmerzlichem Zucken stach er beide Sporen in die von Schweiß triefenden

Flanken des ermüdeten lieben Rosses. Hoch schnellte das Thier sich wieder

über das Gras hinaus und ließ in fliegender Carriere abermals eine Meile

hinter sich zurück; um so schneller aber sanken seine Kräfte, und um so

mühsamer wurden seine Anstrengungen, sein Athmen. Der kürzeste Aufenthalt

aber war sicherer, unvermeidlicher Tod; vorwärts, war die Losung, und

abermals trieb Carl den Falben zu wilder Flucht an, und nochmals folgte

das treue Thier der Aufforderung seines Reiters. Es sauste hinab in ein

schmales Thal und hatte die nächste Höhe mit letzter Anstrengung erreicht,

da stürzte es mit seinem Reiter zusammen und wandte seinen Kopf mit einem

Blick nach ihm hin, als wolle es Abschied von ihm nehmen. Mit Entsetzen

sprang Carl empor, und schlang seine Arme um den Hals des geliebten

Thieres; wie konnte er ihm helfen -- wie konnte er sich selbst retten?

[Illustration]

Er sah zurück in die zum Himmel auflodernden, im Fluge heranziehenden

Flammen, sah die schwarzen Thiergestalten im Sturmlauf näher kommen, und

hörte den Donner, womit sie den Boden unter sich erdröhnen ließen. Hier

durfte er nicht weilen; noch einen kurzen Abschied dem Falben, und mit

der Büchse in der Hand rannte Carl über die Höhe davon. Er hatte aber

kaum vierzig Schritte zurückgelegt, als er hinter einem niedrigen

Gebüschstreifen in einer Vertiefung ein sumpfiges Wasser gewahrte, welches

in kurzer Entfernung bei einem alten kolossalen Mosquitobaum seinen Anfang

zu haben schien. Carl lief zu dem Baume hin, der hoch auf dem Ufer stand

und sich über das Wasser neigte, welches tief unter seinen Wurzeln als

klarer Quell hervorkam und nach dem Sumpfstreifen hinfloß. Der gütige

Gott hatte ihn zu seiner Rettung hierhergeführt, das fühlte Carl mit

dankerfülltem Herzen, und mit gläubiger Zuversicht auf seinen fernem

Beistand warf er noch einen Blick in die Vertiefung unter den Wurzeln des

Baumes, und rannte dann mit fliegenden Sprüngen zu seinem Pferde zurück. In

wenigen Augenblicken hatte er die Gurte des Sattels gelöst, denselben von

dem Pferde herabgezogen, den Strick, den dasselbe um den Hals trug, so wie

den Zaum von ihm genommen, und trug Alles in Eile in die Aushöhlung, welche

sich unter dem Baume in dem Ufer befand. Jetzt erinnerte er sich, daß

Daniel ihm gesagt hatte, man müsse bei einem Prairiebrand selbst das Gras,

wo es niedrig stehe, anzünden, um einen Platz zu gewinnen, wo dann das

heranziehende Flammenmeer keine Nahrung mehr finden würde; da dachte er

aber an seinen Falben, sollte er selbst dem treuen Thiere den Tod bereiten?

Unmöglich, das konnte er nicht, und wenn er selbst ein Opfer des Feuers

werden sollte. Er riß schnell seinen Hut vom Kopfe, füllte ihn an dem

Quell, rannte damit zu dem erschöpften Pferde, und goß demselben das Wasser

über den Kopf. Das erschreckte Thier raffte sich auf, stürzte wankend

vorwärts und erreichte den Sumpf, in welchem es abermals zusammenbrach.

»Gottlob!« rief Carl aus, als er das Wasser aus dem hohen schilfartigen

frischen Grase über dem Thiere aufspritzen sah; denn möglicherweise blieb

dasselbe dort von der schnell über ihm hinziehenden Gluth verschont. Da

hörte er aber wieder den Donner der heranstürmenden Thiere, und sah schon

im Geiste, wie dieselben seinen armen Liebling unter ihren Füßen zermalmen

würden. Es stand aber nicht in seiner Macht, mehr für das Roß zu thun,

und die unter ihm dröhnende Erde mahnte ihn, auf seine eigene Sicherheit

bedacht zu sein. Er sprang nach dem Baume zurück und in die Vertiefung

unter demselben in das Wasser hinein. Er legte sich darin nieder, so daß

seine Kleidung ganz durchnäßt wurde, sein Gepäck und seine Waffen schob er

unter den Wurzeln des Baumes tief in das Ufer hinein, indem er schnell mit

dem Messer und mit den Händen die Höhle noch vergrößerte. Dann tauchte er

die Jaguarhaut in den Quell, um sich damit zu überdecken, sobald das Feuer

sich nahe; denn Daniel hatte ihm erzählt, daß sich die Indianer bei einem

Prairiebrande wohl in eine frische Büffelhaut einwickelten, um sich gegen

das Feuer zu schützen.

Das Ufer war ziemlich hoch, das Gras an dessen Abhang und um das Wasser

konnte nicht brennen, da es noch grün war, und die Büsche, die auf dem

Ufer standen, gewährten gleichfalls noch Schutz. Auch vor den fliehenden

Thierschaaren war er sicher, und seine ganze Besorgniß, seine Angst war

nur noch dem lieben Falben zugewandt. Derselbe hatte sich aber wieder etwas

erhoben und streckte seinen Kopf empor, als wolle er über das Ufer hin

nach dem dumpfen Getöse spähen, welches schnell näher kam und von Minute zu

Minute lauter und dröhnender mit dem Brausen des Orkans die Luft erfüllte.

Jetzt verfinsterte sich die Luft, ein dichter schwarzer Aschenregen wehte

über die sumpfige Vertiefung und raubte Carl jeden Blick in die Ferne,

nur den Falben konnte er noch erkennen, weil der Sturm die Asche hoch über

denselben hinauswehte. Zugleich meldete das Erzittern der Erde das Nahen

der wilden fliehenden Thierschaaren an, und der Donner ihrer Tritte,

die Schreckenstöne ihres Gebrülls, ihres Geheuls mischten sich mit den

furchtbaren betäubenden Accorden des Sturmes.

Carl erfaßte die im Wasser vor ihm liegende Jaguarhaut, hielt aber

zusammengepreßten Herzens seinen Blick immer noch auf seinen Falben

geheftet; da sprang derselbe, wie von neuem Entsetzen ergriffen, aus dem

Schilf heraus, erreichte mit verzweifelten Sätzen das trockene Ufer, und

stob in die Finsterniß hinaus, womit die fallende Asche die Ferne bedeckte.

Plötzlich wurde es hell, die ganze Luft erglühte, statt der schwarzen Asche

wehte dieselbe brennend als Feuerregen über die Prairie, und Himmel und

Erde schienen in Flammen zu stehen. Der Baum, unter welchem Carl verborgen

lag, erbebte bis in seine Wurzeln, das Ufer schien über ihm einbrechen zu

wollen, das Getöse betäubte sein Gehör, und links und rechts stürzten

sich Büffel, Bären, Rosse, Hirsche, Antilopen, Wölfe, Jaguare und Panther

übereinander hin von der Höhe hinab in den Sumpf hinein. Im Augenblick war

derselbe, so weit Carls Blick reichte, mit wilden Thieren ausgefüllt, auf

welche andere vom Ufer hinabsprangen und sich ihren Weg über deren Körper

zu bahnen suchten. Der Kampf derselben war ein furchtbarer, verzweifelter,

aber ein kurzer; denn Kopf an Kopf und Rippe an Rippe drängten sich

Tausende von nachfolgenden Thieren über die Streitenden hin, und die

Bahn für den Sturmlauf der großen Massen, die jetzt erst vor den Flammen

herangebraust kamen, war geebnet: Alles, was säumte, was stürzte, ward

unter den Füßen zermalmt.

Carl hatte beim ersten Erscheinen dieser furchtbaren Schaaren nach einem

Revolver gegriffen, und hielt ihn fest in der Hand, die Thiere aber

bemerkten ihn nicht, denn alle strebten weiter. Nur ein riesiger Panther

wandte sich aus dem Getümmel der Höhle zu, um in ihr Schutz zu suchen. Er

stutzte vor der gefleckten gelben Haut des Jaguars, welche Carl bis über

die Brust heraufgezogen hatte, er erkannte in ihr den König dieser Wildniß

und zögerte, zähnefletschend, sich ihm zu nahen. Carl hatte ihm aber den

Revolver zwischen die glühenden Augen gerichtet und schoß ihm die Kugel

durch den Schädel. Ohne Zucken sank das Raubthier vor Carls Füßen zusammen

und der Krach des Schusses verhallte unbemerkt in dem Donnerdröhnen, womit

die vorüberstürmenden Thierschaaren die Luft erfüllten. Unaufhaltsam

und ununterbrochen zog Heerde auf Heerde in dicht gedrängten Reihen im

buntesten Gemisch und in fliegendem Laufe zu Carls beiden Seiten

vorüber, Freund und Feind nebeneinander, und hier und dort sah Carl eine

Leopardenkatze, einen Lux auf dem zottigen Rücken eines kolossalen Büffels

reiten.

Endlich wurden die Reihen lichter und die erschöpften Nachzügler stürzten

mit Aufwand ihrer letzten Kräfte vorüber, um bald von den Flammen eingeholt

und von ihnen vernichtet zu werden. Der Feuerregen war mit den Thieren

weiter gezogen, der Himmel aber hatte sich in ein blendendes Gluthmeer

verwandelt und der Sturm trug jetzt eine sengende Glühhitze heran. Carl

warf noch einen Blick an dem Ufer empor, er sah die Flammenspitzen hoch

über sich in der Luft ausgestreckt züngeln, warf sich in die Höhlung zurück

und zog die nasse Jaguarhaut über den Kopf. Es waren Augenblicke zwischen

Leben und Tod, er hielt den Mund dicht an die Erde, dennoch schien ihn die

glühende Luft ersticken zu wollen, seine Gedanken verwirrten sich, und er

hörte nur noch ein stürmisches Sausen und Brausen in der Luft. Es waren

aber nur Augenblicke der Qual und der Betäubung, denn plötzlich wehte es

kalt, ja eisig in die Höhle hinein; Carl warf die Jaguarhaut von sich, und

verschwunden war Feuer und Gluth. Es war wieder Tag, Carl sah den hohen

grauen Himmel wieder über sich, und sah vor sich die schwarzen Rauchwolken

über den aufwirbelnden Flammensäulen vor dem Orkane nach Westen hin über

die weite Ebene jagen. Er sprang aus seinem Versteck hervor auf das Ufer

hinauf und blickte dem dahineilenden Grasbrande nach. Ein Bild des Todes,

der Erstarrung umgab ihn. So weit sein Auge reichte, lag die, noch vor

wenigen Minuten im Sturme wogende Prairie, eine schwarze kahle Fläche,

ausgebreitet, und wohin er schaute, traf sein Blick auf versengte und

verbrannte schwarze Thiergestalten, deren viele noch mit dem Tode rangen.

Carl fiel auf seine Kniee, faltete seine Hände und dankte, zum Himmel

aufsehend, dem Allmächtigen für seine wunderbare Rettung. Dann stand er auf

und blickte auf die Verwüstung um sich; wohin sollte er sich wenden, um

die lebende Welt wiederzufinden? Thränen traten ihm in die Augen, denn

er dachte an die Angst, an die Sorgen der Seinigen, und fühlte sich so

verlassen, so hülflos. Was mochte auch wohl aus seinem Falben geworden sein

-- derselbe war gewiß auch in den Flammen umgekommen! Hätte er ihn jetzt

noch gehabt, dann wäre ihm nicht bange gewesen, der hätte ihn gewiß wieder

nach dem Fort zurückgetragen. Carl schaute nach dem Platze, wo sein

Pferd mit ihm zusammengestürzt war, und sah etwas weiter hin bei einem

Mosquitobaum sich Etwas bewegen. Er ging näher und erkannte einen schwarzen

Pferdekopf, der sich, wie es schien, aus einer Vertiefung erhob. Bald sah

er das ganze Pferd, einen Rappen, der in einem steinigen trocknen Graben

lag, wie sie häufig von schweren Gewitterregen in der Prairie erzeugt

werden. Er trat nahe an das wilde Roß hinan, es war ein Rappenhengst von

etwa vier Jahren, der aber Carl nicht zu bemerken schien und nur nach Luft

schnappte. Er war aber nicht versengt, denn seine Mähnen hingen lang und

glänzend an seinem Nacken, und über seine Stirn fielen lange Locken von

seinem Kopf herab. Es war ein schönes Thier, nur sein Blick war nicht, wie

er sein sollte, denn seine Augen waren mit Asche und Staub angefüllt. Die

Vertiefung, in welcher das Roß lag, hatte dasselbe vor den schnell über

ihn hineilenden Flammen geschützt; denn das Gras ward ja in wenigen

Augenblicken von dem Feuer verzehrt, und der Sturm hatte dieses ja fliegend

über die Erde hingetrieben.

Carl sprang rasch nach seiner Höhle zurück, zog den Strick seines Falben

hervor und eilte damit zu dem wilden Pferde. Er befestigte denselben um

dessen Hals, und band dann das andere Ende fest an den nahestehenden Baum.

Das Thier war so erschöpft, daß es sich Alles ruhig gefallen ließ, auch

selbst, daß Carl mit ihm sprach und ihm Kopf und Hals mit der Hand klopfte.

Nun ging er wieder nach seinem Versteck, um dem Thiere Wasser zu bringen.

Da er aber in dem Hut nur zu wenig herbeitragen konnte, so nahm er die

Jaguarhaut, faßte ihre vier Enden und die Seiten zusammen, versenkte sie

in den Quell, und hob sie dann mit Wasser gefüllt empor. Nun trug er sie

vorsichtig zu dem Pferde, und goß demselben das Wasser über den Kopf. Das

Thier erschrack gewaltig und sprang auf die Füße, es war aber zu

schwach, um das Ufer zu erklimmen. Carl wiederholte die Uebergießung noch

einigemale, und zuletzt gelang es dem Pferde, aus der Vertiefung auf die

versengte Erde bei dem Baume zu springen. Carl verkürzte nun den Strick,

so daß das Thier den Graben nicht wieder erreichen konnte, und er sah zu

seiner Freude, wie es sich nach und nach erholte. Daniel hatte ihm oft

erzählt, daß man wilde Pferde leicht dadurch bändigen könne, wenn man ihnen

mit dem Lasso den Hals für einige Augenblicke zuschnüre und ihnen dann die

Schlinge wieder löse. Er holte schnell den Lasso, den er am Sattel trug,

und legte dem Rappen die Schlinge um den Hals, damit er im Stande sein

würde, ihn zu bändigen, wenn er mit der Rückkehr seiner Kräfte böse werden

sollte. Noch aber war das Thier ganz geduldig und ließ Alles mit sich thun.

Carl holte nun einen Hut voll Wasser und drückte ihn dem Pferde unter das

Maul, so daß dasselbe in das Wasser kam. Das Thier schreckte mit dem Kopfe

zurück, leckte aber doch seine Lippen ab, schnaubte laut aus den Nüstern

und zeigte, daß ihm die Erfrischung wohlgethan habe. Sein Durst mußte

schrecklich sein, denn als Carl sein Verfahren wiederholte und ihm abermals

das Wasser unter das Maul hielt, trank es gierig den ganzen Hut leer. Carl

brachte ihm so viel Wasser, bis es nicht mehr trinken wollte, und wusch ihm

dann die Augen aus. Im Anfang erbebte das Pferd jedesmal, wenn der Knabe

sich ihm nahte, bald aber sah es ihn nicht mehr so scheu an und ließ ihn,

ohne zu erschrecken, bei sich kommen. Er holte nun von dem Ufer des Sumpfes

frisches Gras und reichte es dem Thiere, dasselbe wollte aber noch kein

Futter annehmen, worauf Carl das Gras an dem Baumstamme niederlegte.

Er hatte nun wieder ein Pferd, ob er es aber zum Reiten würde benutzen

können, das war noch die Frage; versuchen wollte er es jedoch jedenfalls.

Jetzt mußte er aber auch an sich selbst denken, denn sein eigener Magen

verlangte nach Speise. Wegen Nahrung brauchte er nun freilich nicht in

Verlegenheit zu sein, denn es lagen ja Hunderte von getödteten Thieren ganz

in seiner Nähe. Er ging nach dem Ufer des Sumpfes, der mit todten Körpern

vollständig ausgefüllt war und fand an dem Rande desselben einen jungen

Hirsch, den die fliehenden Heere niedergetreten hatten. Carl schnitt

das zarteste Wildpret aus ihm heraus, zündete ein Feuer neben dem alten

Mosquitobaume an, denn trockenes Holz lag in Menge unter demselben, und

bereitete nun sein Mittagsessen. Das Quellwasser war herrlich und stillte

seinen Durst. Er hatte aber auch an die nächste Zukunft zu denken, denn

mehrere Tage mußte er jedenfalls hier verweilen, ehe er das Pferd würde

reiten können. Zeigte sich die Sonne wieder, so stand zu erwarten, daß die

vielen Thierkörper schnell in Verwesung übergehen würden, wo er dann deren

Fleisch nicht mehr benutzen konnte, und auf diesem öden abgebrannten Lande

durfte er wohl nicht hoffen, ein lebendes Thier erscheinen zu sehen.

Er zerschnitt darum das Fleisch des Hirsches in sehr dünne Streifen und

trocknete es über einem rauchenden Kohlenfeuer.

Der Sturm hatte sehr nachgelassen, der Himmel hatte sich aber um so

finsterer überwölkt und drohte mit Regen. Die Nacht brach herein, Carl

reichte seinem Pferde nochmals Wasser, trug ihm dann einen Arm voll Gras

hin und legte sich auf den versengten Erdboden bei dem Feuer nieder,

nachdem er dieses mit einigen starken Stücken Holz versehen hatte. Obgleich

seine Kleidung wieder getrocknet war und er das Feuer während der Nacht

unterhielt, so fror ihn doch sehr, denn er besaß nichts, um sich darin

einzuhüllen und konnte auch die Jaguarhaut nicht unter sich legen, weil

dieselbe noch naß war. Er beschloß darum, am folgenden Morgen einem der

Büffel, welche todt im Schilfe lagen, die Haut abzunehmen und sie für

seinen Gebrauch, so gut er konnte, zuzubereiten, denn dies hatte er von

Daniel gründlich gelernt. Als der Tag graute, erwachte Carl aus einem

mehrstündigen festen Schlaf und richtete seinen ersten Blick nach dem

Rappenhengst hin. Derselbe hatte sich schon erhoben und verzehrte das

letzte Gras, welches Carl ihm am Abend vorher zugetragen hatte. Als aber

dieser sich ihm nahete, sprang er entsetzt zurück, bäumte sich und riß mit

aller Gewalt an dem Seil, womit er an dem Baume befestigt war. Carl suchte

das Pferd mit guten Worten zur Ruhe zu sprechen, es schnaubte ihm aber

gewaltig entgegen und stierte ihn scheu und geängstigt an, und als er ihm

einen Hut voll Wasser holte, drängte es sich von ihm zurück und geberdete

sich wild und unbändig. Jetzt ergriff Carl den langen Lasso, dessen

Schlinge der Hengst um den Nacken trug und zog dieselbe zu. Das Roß bäumte

und sträubte sich gegen die Gewalt, die ihm angethan wurde, aber der Athem

ward ihm genommen und es stürzte, an allen Gliedern zitternd, zu Boden.

Carl löste nun schnell die Schlinge, um das Pferd vor dem Ersticken zu

bewahren, und suchte dasselbe durch Liebkosungen zu beruhigen; kaum aber

athmete das Thier wieder, als es aufsprang und noch wilder, noch wüthender

tobte. Carl jedoch zog abermals die Schlinge zu, wieder stürzte der Hengst

zusammen, und diesmal ließ sein Bändiger ihn länger dulden und es dauerte

geraume Zeit, ehe das Thier sich erholte, nachdem die Schlinge wieder

geöffnet war.

Es schien jetzt die Uebermacht seines Herrn anzuerkennen, denn es duldete

nun, daß derselbe sich ihm näherte und ihm wie früher mit der Hand das

glatte Haar strich. Sein Zittern und Beben zeigte aber, daß seine Angst

sehr groß war, wenn es sich auch nicht mehr zu widersetzen wagte. Das

Wasser, welches Carl ihm reichte, wollte es nicht trinken, doch es

verzehrte das Gras, welches er ihm reichlich zutrug.

Nachdem Carl nun selbst etwas gebratenes Fleisch und einen frischen Trunk

aus dem Quell zu sich genommen hatte, begab er sich in das hohe grüne

Schilf zu einem todten jungen Büffel, von welchem er sich die Haut aneignen

wollte. Es lag ein alter Büffel und ein Pferd auf dem jungen Thiere, welche

beide Carl nur mit großer Anstrengung zur Seite ziehen konnte, um zu jenem

zu gelangen.

Nach langer Arbeit aber setzte er es doch durch, und nahm dem Thiere

die Haut ab. Sie war groß genug, um sich darin vom Kopf bis zu den Füßen

einzuhüllen, und war doch nicht so unhandlich und schwer, wie die eines

ausgewachsenen Büffels. Carl spaltete nun mit dem Beil, welches er am

Sattel trug, mehreren der umherliegenden Thiere die Köpfe, nahm das

Gehirn aus denselben und strich die ganze Haut damit an, worauf er sie

zusammenfaltete und sie mit Steinen und Stücken Holz beschwerte, um sie am

folgenden Tage zuzubereiten. Sein Pferd verzehrte heute alles Gras, welches

er ihm reichte, verstand sich aber erst gegen Abend dazu, Wasser aus dem

Hut zu trinken.

Mit dem Neigen des Tages theilte sich das Gewölk, der blaue Himmel blickte

hier und da hervor und die Sonne zeigte sich wieder. Sie warf im Scheiden

ihre letzten Strahlen über die abgebrannte schwarze Fläche, und Carl sah

verwundert nach ihr ihn, denn dort, wo sie versank, hatte er geglaubt, daß

es Sonnenaufgang sein müsse. Er war demnach nach Westen geflohen, während

er der festen Meinung gewesen, nach Osten dem Bärfluß zuzujagen. Es lagen

nun drei bis vier Tagereisen zwischen ihm und seiner Heimath, und der Weg

dorthin führte über eine öde Strecke, auf welcher kein Gras für sein Pferd

mehr stand, und auf welcher es sehr ungewiß war, ob er für dasselbe und für

sich Wasser antreffen werde, um den Durst zu stillen. Diesen Weg konnte er

deßhalb nicht einschlagen, um das Fort zu erreichen; welche andere Richtung

sollte er aber wählen? Er wußte, daß der rothe Fluß von Westen nach Osten

strömte und daß er denselben in nördlicher Richtung treffen mußte; wie

weit es aber zu dessen Ufern sei, das konnte er sich nicht beantworten.

Das Feuer war von Südost gekommen und nach Nordwest gezogen, also nach dem

rothen Flusse hin, darum hielt es Carl für das Rathsamste, seinen Weg nach

Südwesten zu verfolgen, in der Hoffnung, dort am ersten auf Land zu stoßen,

welches vom Feuer verschont geblieben war. Jedenfalls mußte er noch einige

Tage hier verweilen, bis er das Pferd so weit gezähmt hatte, daß er es

reiten konnte. Er legte ihm schon am folgenden Tage den Sattel einmal auf,

legte ihm den Zaum an, und hing sich mit den Armen wiederholt auf seinen

Rücken, welches das Thier zitternd und bebend duldete, theils, weil es noch

sehr entkräftet war, theils aber auch, weil es die Schlinge noch immer an

das Erdrosseln erinnerte. Außerdem aber schien es auch die Hülfe und die

Wohlthaten seines Herrn anzuerkennen, und sich immer weniger vor ihm zu

fürchten. Carl bereitete heute auch die Büffelhaut, wobei er sich

mehrerer schweren Steine als Werkzeuge bediente, und wobei ihm der warme

Sonnenschein sehr zu Hülfe kam.

Während Carl nun mit den Vorbereitungen zu seiner Weiterreise beschäftigt

war, herrschte in dem Fort der größte Jammer über das schreckliche

Schicksal, das ihn aller Vermuthung nach erreicht haben mußte. Daniel war

an jenem Abend, als er Carl suchte und den Bären gefunden hatte, bei diesem

während der Nacht liegen geblieben, und hatte am folgenden Morgen viele

Meilen weit mit der größten Mühe die Fußtritte seines jungen Freundes und

die des Falben verfolgt, bis dieselben seinen Blicken unbemerklich wurden

und er nur noch auf gut Glück weiter ritt und nach einem Zeichen von Carl

spähete. Plötzlich aber sah er die schwarzen Rauchwolken von Süden her

aufsteigen und mehr und mehr nach Westen hinziehen. Der Gedanke, daß

Carl in das Feuer gerathen sein könne, war ihm entsetzlich, und als er

Nachmittags zufällig wieder die Spur des Falben erkannte, die nach Westen

zeigte, da trieb ihn die Verzweiflung vorwärts. Er stieg vom Pferde ab, um

die Fährte leichter verfolgen zu können, und gelangte dann auch wirklich

auf ihr in die abgebrannte Prairie hinaus, wo er bald an den Huftritten

des Falben erkannte, daß derselbe im Sturmlauf dahingeeilt war. Nicht

lange aber konnte er ihnen folgen, weil die fliehenden Thierschaaren sie

ausgetreten hatten.

Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika. · 第 19 / 26 段