Carl stand. Wie aber, wenn derselbe vorüberrennen und dem Pferde folgen
sollte -- dann wäre dasselbe verloren! In schwerfälligen ungeheuren Sätzen
stürzte der Bär jetzt zwischen den nächsten Stämmen hervor, Carl hatte die
Büchse auf ihn gerichtet, er gab Feuer, und riß den Hut vom Kopf, den er
dem Ungeheuer vor die Füße warf, in dem Augenblick, als dasselbe den Baum
erreichte. Mit einem dumpfen Wuthgebrüll fiel der Bär über den Hut her und
schlug seine Zähne und Klauen in den Filz ein, da blitzte es zum zweiten
Male vom Baum herab, und im Schuß rollte der Bär kopfüber. Im nächsten
Augenblick aber richtete er sich wieder empor und sah zähnefletschend nach
dem Schützen hinauf. Er sprang an dem Stamme in die Höhe und schlug mit den
Riesentatzen nach seinem Gegner, reichte jedoch nicht ganz bis an den Ast,
auf dem Carl stand, und dieser sah, wie ihm das Blut vom Kopf und von der
Seite herabströmte. Mit einem furchtbaren Wuthausbruch faßte der Bär den
Baumstamm und schüttelte ihn, als wolle er ihn aus der Erde reißen. Carl
aber hatte den Revolver gezogen, hielt ihn dem brüllenden Umgethüm entgegen
und feuerte in dessen weitgeöffneten Rachen.
Der Bär umklammerte nach dem Schusse mit den Vordertatzen den Stamm und
stieß ein röchelndes dumpfes Brummen aus. Carl aber richtete den Revolver
nun mitten auf den Kopf des Thieres und mit dem Knall sank dasselbe
zuckend, und an allen Gliedern zitternd, am Stamme nieder.
»Gott sei gelobt und gedankt!« rief Carl aus und faltete seine Hände, indem
er die Waffen in den Armen an sich drückte und mit thränenfeuchtem
Blick zum Himmel über sich schaute. Dann sah er wieder hinab, da lag das
Ungeheuer zu seinen Füßen hingestreckt, doch das Leben war noch nicht ganz
aus ihm gewichen. Carl schob den Revolver in den Gürtel und ladete, so
schwierig es ihm auch wurde, seine Büchse wieder, denn ehe er sich zu dem
Thiere hinabbegeben wollte, mußte er von dessen Tod überzeugt sein.
Er schoß ihm nun noch eine Büchsenkugel durch den Schädel, worauf jede
Bewegung des Bären aufhörte und Carl sich an dem Stamme herabließ. Einige
Augenblicke stand er erstaunt vor dem todten Riesenkörper, dann aber dachte
er an seinen Falben und beschloß, dem treuen Thiere sofort zu folgen. Er
ladete schnell den abgeschossenen Lauf, suchte nun die Spur des Pferdes,
der er dann mit mit raschen Schritten folgte; denn das Gras war seiner Eile
nicht hinderlich.
Die Sonne stand hoch am Himmel und Carl war durch die ungewöhnlichen
Anstrengungen sehr ermüdet, der Schatten aber, den das dichte Laubdach
der immergrünen Eichen gewährte, und die frische Luft, die unter demselben
hinzog, thaten ihm wohl und ließen ihn wieder zu Kräften kommen. Das Gras
war sehr fein und nicht lang, so daß er jeden Tritt seines Pferdes leicht
erkennen und ihm ohne Unterbrechung folgen konnte, während sein Blick
sehnlichst und besorgt auch in die Ferne schweifte, ob er das geliebte Roß
nicht erspähen könne.
Um diese Zeit naheten sich seine geretteten Brüder dem Fort. Kaum konnten
die Schimmel sich noch im Galopp erhalten, so sehr die Peitschen und Sporen
der Knaben sie auch antrieben.
Immer noch wandten diese bebend ihre ängstlichen Blicke zurück über die
weite Grasflur, und meinten, sie müßten im nächsten Augenblick wieder das
entsetzliche Thier hinter sich herstürmen sehen. Auch die Pferde hatten das
Ungeheuer noch nicht vergessen, denn auch sie blickten sich oft
schnaubend um, und stürzten vorwärts, als wollten sie laufen, bis sie todt
zusammenbrächen. Der Anblick des Forts gab den Rossen und Reitern wieder
Trost und ließ sie ihre Erschöpfung vergessen, und mit fliegenden Mähnen
und verhängten Zügeln jagten sie mit den letzten Kräften durch das hohe
Gras dem heimischen Hügel zu.
Madame Turner hatte wohl eine Stunde über die gewohnte Zeit mit dem
Mittagsessen auf die Rückkehr der Knaben gewartet, und ging jetzt hinaus
vor das Fort zu ihrem Gatten und zu Daniel, welche schon seit einiger
Zeit dort gesessen hatten, um nach den jungen Jägern auszuspähen. Noch war
Nichts von ihnen zu sehen, und auch Julie war hinzugetreten, als Madame
Turner sagte:
»Wo mögen die Jungen nur so lange bleiben, sie wollten sich doch nicht weit
entfernen.«
»Sie werden wohl einen Hirsch angeschossen haben und ihn verfolgen.
Man weiß stets, wann man auf die Jagd geht, nie aber, wann man von ihr
zurückkommen wird,« bemerkte Daniel.
»Daß man aber gar Nichts von ihnen sehen kann und daß wir auch keinen Schuß
gehört haben!« sagte Turner mit sichtbarer Unruhe.
»Wenn ihnen nur kein Unglück zugestoßen ist. Wir hätten sie doch nicht
sollen allein reiten lassen,« fiel Madame Turner ein.
»Carl ist ja dabei und er ist ein eben so guter Schutz, als ob ich
mitgeritten wäre. Seien Sie ohne Sorgen, er wird die beiden Knaben
wohlbehalten zurückbringen,« versetzte der Neger.
»Dort sehe ich Etwas herankommen, ich glaube es sind die Schimmel,« fiel
Julie plötzlich ein, und zeigte in die flache Ferne.
»Das sind sie -- in voller Jagd -- sie haben Etwas angeschossen!« sagte
Daniel und hielt die Hand über die Augen, um schärfer spähen zu können.
»Mein Gott -- ich sehe den Falben nicht -- nur die beiden Schimmel kann
ich erkennen!« rief der Neger nach einer Weile und setzte mit ängstlicher
Stimme noch hinzu: »Das ist auch keine Jagd das sieht mir aus wie Flucht;
da ist Etwas geschehen, -- sie kommen ja in gerader Richtung auf uns zu --
Carl ist nicht dabei!«
»Um des Himmels Willen, wenn ihm nur kein Unglück zugestoßen ist!« sagte
Madame Turner und preßte ihre gefalteten Hände bebend zusammen.
Schweigend, und von Schrecken erstarrt, hefteten Alle ihre Blicke auf die
beiden heranjagenden Knaben und ihre Angst, ihr Entsetzen steigerte sich
mit jedem Sprunge, den die Schimmel über das Gras thaten.
Bald erkannten sie auch an den Bewegungen der Pferde deren große
Erschöpfung, sahen, wie die Knaben sie mit den Peitschen zur Flucht
antrieben, und wie den Thieren der weiße Schaum von den Gebissen flog.
»Wo ist Carl, um Gottes Willen, wo ist Carl?« riefen Alle zugleich den
Knaben entgegen, als dieselben in Galopp den Hügel heraufgesprengt kamen,
und »wo ist Carl?« wiederholten Alle, als Turner und Daniel sie aus den
Sätteln hoben.
»Ein grauer Bär!« war Alles, was die entsetzten Knaben hervorstammeln
konnten, die sich jetzt weinend in die Arme ihrer Eltern schmiegten.
Daniel hatte aber kaum das Wort »Bär« gehört, als er in das Gras
hinunterstürzte, sein Pferd von dem Strick befreite und mit ihm nach dem
Fort zurückrannte.
In wenigen Minuten hatte er es gesattelt, hatte seine Waffen ergriffen,
und trat nun zu Turners in das Haus, um noch weitere Auskunft über Carls
Schicksal zu erhalten, ehe er sich zu dessen Auffinden entfernte.
Er fand die ganze Familie in Thränen und Jammer, denn jetzt hatten die
Knaben den Hergang der unglücklichen Begebenheit erzählt. Mit lautem
Schluchzen und Wehklagen empfingen Turners den treuen Neger, und machten
sich die bittersten Vorwürfe, daß sie ihre Zustimmung zu der Jagd gegeben
hatten.
»Noch ist nicht Alles verloren,« sagte Daniel tröstend, »der Falbe ist
ein edles Pferd und Carl ein guter Reiter. Er hat die Richtung nach dem
Eichenwald genommen, und er wußte, daß der graue Bär nicht klettern kann.
Noch gebe ich die Hoffnung nicht auf, daß der Himmel ihn beschützt hat.«
Hiermit sprang der Neger hinaus zu seinem Pferde, schwang sich in den
Sattel und sprengte in fliegendem Lauf der Waldspitze am Pflaumenbache
zu. In sehr kurzer Zeit hatte er dieselbe erreicht und dort auch die
Riesenfährte des Bären erkannt. Im Galopp folgte er derselben nach der
Waldinsel, wo Carl seine Brüder gerettet und den Blutdurst des Raubthieres
auf sich selbst gelenkt hatte. Hier fand Daniel nun die Fährte des Falben
mit der des Bären zusammen, und sie führten ihn dem Eichenwalde zu.
Der Himmel hatte sich mit grauem Gewölk überzogen und ein heftiger Wind war
von Süden her aufgesprungen, als der Neger den Wald erreichte, unter dessen
Laubdach das immer dort herrschende Düster schon durch den einbrechenden
Abend vermehrt wurde. Dennoch konnte Daniel von seinem Pferde herab
die Fährten des Falben und des Bären erkennen, wenn er ihnen auch mehr
Aufmerksamkeit schenken mußte, als in dem hohen Grase der Prairie, wo die
zerrissenen und niedergedrückten Halme dieselben auf weithin bezeichneten.
Er mußte seiner Eile, seiner Sehnsucht aber Gewalt anthun und im Schritt
reiten, um nur die Fährten nicht zu verlieren. Bald aber wurde es so
düster, daß er dieselben vom Sattel herab nicht mehr erkennen konnte,
weshalb er abstieg und sein Pferd führte. Mit schwerem Herzen ging er von
Baum zu Baum und suchte den Gedanken zu bekämpfen, daß er plötzlich den
Fleck erreichen würde, auf welchem sein junger Freund ein Opfer seines
edlen Herzens geworden -- und durch das fürchterliche Thier gemordet war.
Er mußte der zunehmenden Dunkelheit wegen gebückt gehen, um die Fußtapfen
des Bären erkennen zu können, schritt aber immer noch mit möglichster Eile
vorwärts, als er plötzlich aufsah und sein Blick auf das getödtete Ungethüm
fiel.
»Gerettet, gerettet, mein junger Herr ist gerettet!« schrie der Neger laut
zum Himmel auf und hob seine Hände gefaltet empor, dann zog er sein Pferd
im Trabe hinter sich her zu dem Bären, bei dem er niederfiel, um sich
zu überzeugen, daß er durch Carls Kugeln getödtet sei. Bei seiner
Herzensfreude jubelte er hell auf, ließ seinen gellenden Jagdruf durch den
Wald ertönen und feuerte die beiden Rohre seiner Büchse ab. Antwort wurde
ihm keine andere gegeben, als die, welche eine Eule ihm klagend zurief; der
Neger aber lachte lustig auf und sagte: »Du lügst, ich habe bessere Kunde
von meinem jungen Herrn!«
Carl war schon zu weit von Daniel entfernt, als daß er dessen Schüsse hätte
hören können.
Er war während des ganzen Nachmittags den Huftritten seines Rosses
unermüdlich gefolgt, bald rechts, bald links, bald vorwärts, bald
rückwärts, so daß er zuletzt gar nicht mehr wußte, in welcher Richtung
er gehe, denn die Sonne hatte sich versteckt, und seinen Compaß hatte er
unglücklicherweise zu Hause gelassen. Es war ihm aber im Augenblick auch
ganz einerlei, wohinaus er ginge, denn er stand ja immer noch auf der
Fährte seines Falben, und das war der beste Wegweiser, den er jetzt sich
wünschen konnte. Lange Zeit hatte die Fährte deutlich gezeigt, daß das
Pferd flüchtig gewesen war, dann aber hatte es sich in Trab gesetzt, und
nun erschienen die Fußtritte im Schritt. Es war um dieselbe Zeit, als
Daniel den Bären fand, daß Carl nur noch mühsam die Fährte seines Rosses
erkennen konnte, und mit traurigem, verzweifelnden Herzen blickte er zu
dem grauen Himmel auf, weil er befürchtete, daß ein schwerer Regen jedes
Kennzeichen von dem Wege verwischen würde, welchen der Falbe eingeschlagen
hatte. An sich selbst dachte er noch gar nicht, er fühlte keine Müdigkeit,
keinen Hunger, keinen Durst; das heiße Verlangen, sein braves Pferd
wiederzufinden, erdrückte jedes andere Gefühl in ihm. Jetzt wurde er irre
in der Fährte, es war zu dunkel, um sie noch zu erkennen; er beschloß
daher, hier unter einer alten Eiche zu schlafen und am folgenden Morgen
sein Suchen wieder zu beginnen.
Er stellte seine Büchse an den Baum und war im Begriff, seine Jagdtasche
abzulegen, als er in der Ferne unter den Eichen eine Bewegung bemerkt zu
haben glaubte. Er fuhr zusammen, denn die Hoffnung, die ihn bis hierher
begleitet hatte, erwachte in dem Augenblick wieder mit aller Stärke. Er
verwandte keinen Blick von jenem Fleck zwischen den schwarzen Stämmen,
und da bewegte es sich abermals. Schnell hatte er die Büchse ergriffen und
sprang von Baum zu Baum, jedoch vorsichtig dem sich bewegenden Gegenstand
zu, der vor seinem Blick immer heller erschien, bis er plötzlich die
gefleckte Jaguarhaut auf der unbestimmten Form seines Falben erkannte.
»Falber, Falber!« schrie er dem Pferde zu, um sich ihm zeitig zu erkennen
zu geben, damit das geängstigte Thier nicht etwa die Flucht vor ihm
ergreifen möge, und ging nun mit liebkosenden, zutraulichen Worten näher
und näher zu ihm hinan.
Das Pferd hatte ihn bald erkannt, wieherte ihm freudig entgegen, und als
Carl mit den Worten zu ihm trat: »Ja, Falber, ehrlicher Falber, freuest Du
Dich denn, daß ich wieder bei Dir bin?« da wieherte das Thier abermals und
legte seinen Kopf auf die Schulter seines jungen Herrn.
Carl war im Begriff, dem Pferde Sattel und Zeug abzunehmen, da erkannte er
weiterhin unter den Eichen einen Gebüschstreifen, und er zog es vor, dort
sein Nachtlager aufzuschlagen, weil er in dem Dickicht weniger leicht
gesehen werden konnte, und die Dunkelheit ihn noch nicht genug verbarg.
Er führte sein Pferd nach dem Gebüsch hin und fand in demselben zu seiner
größten Freude ein frisches Quellwasser, welches wahrscheinlich den Falben
herbeigelockt hatte; denn derselbe war schon dabei gewesen, wie dessen
Huftritte in dem weichen Boden zeigten.
Für Carl war diese Entdeckung eine große Wohlthat, denn jetzt, da sein
Verlangen nach dem Pferde gestillt war, fühlte er seine Erschöpfung und
einen brennenden Durst.
Er warf sich an den Quell nieder, und als er sich nach Herzenslust daran
gelabt hatte, nahm er dem Falben Sattel und Zaum ab und band ihn mit dem
Seil, welches derselbe zu diesem Zwecke um den Hals trug, an ein junges
Bäumchen, damit er noch in dem üppig grünen wilden Roggen weiden könne, der
zwischen den Büschen den Boden bedeckte.
Dann legte Carl sein Jagdgeräth ab, breitete seine Jaguarhaut unter einer
alten Eiche aus, und ließ sich darauf nieder, um nun der Ruhe zu pflegen,
die ihm so sehr nöthig war. Madame Turner hatte ihm am frühen Morgen, wie
sie immer zu thun pflegte, wenn Carl auf die Jagd gehen wollte, ein Stück
Brod und etwas Fleisch in die Jagdtasche gesteckt, dies holte er jetzt
hervor und stillte seinen Hunger damit, der sich auch nun fühlbar gemacht
hatte.
Carl meinte, so gut habe ihm noch niemals eine Mahlzeit geschmeckt, er
fühlte sich dabei so froh und so beglückt im Herzen, denn er dachte an
seine geretteten Brüder und an den Jubel, den ihre Rückkehr nach der
überstandenen Gefahr im Fort erzeugt haben mußte. Freilich wußte er, daß
Turners sehr besorgt um ihn sein würden, er hatte ihnen ja aber sagen
lassen, daß er vielleicht spät nach Hause kommen könne und mit dem ersten
Tageslicht wollte er ja auch seinen Rückweg nach dem Fort antreten.
Wo hinaus aber lag das Fort? -- darüber war Carl mit sich nicht eins, er
tröstete sich aber damit, daß Morgen die Sonne scheinen würde und er nur
ihrem Aufgange entgegenzureiten brauche, um an den Bärfluß zu gelangen;
denn derselbe floß ja von Süden nach Norden in den rothen Fluß.
Dieserhalb beruhigt, und mit dem beseligenden Bewußtsein, eine gute That
vollbracht zu haben, sank er bald auf seinen Sattel zurück und verfiel in
einen süßen, stärkenden Schlaf.
Der Wind nahm von Stunde zu Stunde an Heftigkeit zu, er pfiff und heulte
durch die alten Eichen, schüttelte ihre gewaltigen Aeste und warf ihr
trockenes Holz von ihnen auf die Erde nieder; Carl hörte nicht, was um ihn
her vorging und fühlte nicht, wie der Wind in seinen reichen Locken wühlte,
er schlief den Schlaf der Guten und träumte von seinen Brüdern. Kaum aber
graute der Tag, als er erwachte und sich verwundert umblickte, denn im
ersten Augenblick wußte er nicht, wo er war.
Der Falbe wieherte laut auf, als er die Bewegung seines Herrn sah, und Carl
ermunterte sich schnell und sprang zu dem Pferde, um dasselbe auf einen
andern Weideplatz zu führen. Zugleich hörte er etwas weiter an dem Wasser
hinunter den kollernden Ruf von wilden Truthühnern, womit sie den Morgen
begrüßten. Carl hatte nichts mehr zum Essen bei sich, deshalb ergriff er
seine Büchse und sprang schnell in das Buschwerk dem Rufe der Truthühner
nach. Er gelangte an die letzten Büsche, als er wohl fünfzig dieser
kolossalen Vögel aus demselben hervor und unter den Eichen hinrennen sah.
Ihr Lauf war so flüchtig, wie der eines Pferdes, doch Carl hatte schnell
einen der größten Hähne unter ihnen gewählt und sandte ihm seine Kugel
nach. Sie traf, der Vogel stürzte, mit den Flügeln um sich schlagend,
zusammen, und Carl trug ihn eilig nach seinem Lagerplatz. Dort zündete er
sogleich ein Feuer an, schnitt die besten fettesten Stücke Fleisch von
der Brust des Vogels, spießte sie an einen Stock und pflanzte sie vor der
Feuergluth zum Braten auf. Das Frühstück war bald bereitet und schmeckte
Carl vortrefflich, als er es aber beendet, eilte er, sich zum Nachhauseritt
fertig zu machen, denn er wußte, wie sehr man nach seiner Rückkehr
verlangen würde.
Der Falbe hatte sich in dem fetten wilden Roggen tüchtig etwas zu Gute
gethan, er wurde rasch gesattelt und Carl schwang sich auf ihn hinauf, mit
dem freudigen Gedanken daran, welcher Jubel ihn im Fort empfangen würde.
Die Sonne war nicht erschienen, der hohe Himmel war mit einem hellen
einfarbigen Grau überzogen und der Wind blies mit einer solchen Gewalt
durch die Bäume, daß ihre Aeste wild umherschlugen und knarrten und
krachten. Carl beschloß nun, auf der Fährte des Falben seinen Rückweg nach
dem Bären zu suchen, denn von dort aus konnte es ihm dann nicht mehr schwer
werden, sich nach Hause zu finden. Das niedergetretene Gras hatte sich aber
während der Nacht in den Huftritten wieder aufgerichtet, der Wind hatte die
Halme über denselben vereinigt, und es war unmöglich, sie noch zu erkennen.
Carl blickte verlegen um sich, denn er wußte wirklich nicht, wohinaus er
reiten sollte. Die Richtung, von woher er am Abend zuvor den Falben zuerst
erblickt hatte, glaubte er jedoch zu erkennen und hiernach wählte er seinen
Weg; denn geritten mußte werden. Er setzte sein Pferd in Trab und ließ
seine Blicke über den Boden schweifen, in der Hoffnung, doch wohl einmal
des Falben Spur vom vergangenen Tage zu finden; doch es gelang ihm nicht,
so aufmerksam er auch war. Wie hätte dies auch geschehen können, er ritt
ja ganz in der entgegengesetzten Richtung von der, welcher er zu folgen
glaubte; er ritt nach Westen, und das Fort lag hinter ihm in Osten. Als
er nun glaubte, in die Nähe des Bären zu kommen, strengte er seine
ganze Sehkraft an, um ihn zu entdecken, aber vergebens; er ritt und ritt
stundenlang in gleicher Richtung vorwärts, vom Bären sah er nichts, und
plötzlich befand er sich an dem Rande des Eichenwaldes, wo derselbe sich
an die Prairie anlehnte. Mit aller Zuversicht, daß er sich auf dem rechten
Wege nach dem Bärflusse befinde, ritt er in das hohe trockene Gras hinaus,
dessen lange Halme der Sturm in einander verwirrt hatte. Das Gehen wurde
dem Pferde mitunter in den Vertiefungen der Prairie beschwerlich, weil dort
das Gras ihm bis an den Sattel reichte, auf den Höhen aber munterte Carl es
zur Eile auf, und willig folgte das Thier dem Wunsche seines Reiters. Jetzt
stieg eine Waldinsel vor Carls Blick empor, und er bewillkommnete sie als
das Wäldchen, welches seinen Brüdern Rettung gebracht hatte; nun war er
sicher, daß er ohne Schwierigkeit seinen Weg nach dem Fort finden würde.
Er kam näher und näher und immer mehr überzeugte er sich, daß es dasselbe
kleine Gehölz sei, in dessen Nähe er sich gestern von seinen Brüdern
getrennt hatte. Auch selbst, als er dasselbe erreichte, glaubte er noch,
die einzelnen Bäume zu erkennen, und daß er von der Spur des Bären nichts
mehr sah, war ja bei diesem Sturm nicht zu verwundern. Er ritt getrost
weiter, mußte aber seinen Hut tief auf den Kopf drücken, damit ihm derselbe
nicht davon flog. Der Wind steigerte sich mehr und mehr, bis er um die
Mittagszeit als entfesselter Orkan von Süden her über die unabsehbare
Grasfläche brauste. Vergebens suchte Carls Blick in der Ferne den Wald des
Bärflusses zu entdecken, der seiner Berechnung nach schon sichtbar sein
mußte, und ein unheimliches Gefühl der Ungewißheit über die eingeschlagene
Richtung drängte sich ihm unwillkürlich auf. Es fiel ihm jetzt auch auf,
daß er ungewöhnlich viele Thiere auf der Prairie in Bewegung sah, und zwar
mit einer Unruhe, die er früher nie so allgemein an ihnen bemerkt hatte.
Namentlich kamen deren immer mehr von Süden mit dem Sturme herangezogen und
schienen sich weniger um Carl zu kümmern, als sonst. Er hatte eine Zeitlang
verwundert dem Winde entgegen geblickt, als er plötzlich einen dunklen
Streif über dem fernen Horizont gewahrte. Er hielt denselben im ersten
Augenblick für aufsteigendes Gewölk, dann aber kam er ihm nicht mehr wie
gewöhnliche Wolken vor, es war ein glatter langer Strich, der sich schnell
über den äußersten Rand der Prairie erhob und immer schwärzer von Farbe
wurde. »Das ist kein Gewölk; was aber kann es sein, das mit dem Sturm dort
heranzieht?« dachte Carl, und sah in weitester Ferne noch immer mehr Thiere
heranjagen. Da fuhr es ihm wie ein Blitzstrahl durch die Gedanken: »Wenn
es ein Prairiebrand wäre!« Kaum hatte er es gedacht, so stand auch die
Gewißheit in ihm darüber fest, denn das Bild, welches Daniel ihm so oft
von diesem Schreckensereigniß gegeben hatte, stimmte vollkommen mit dem
überein, welches er jetzt vor Augen hatte.
Der schwarze Strich waren Rauchwolken, die schon beinahe um den dritten
Theil des Horizonts sichtbar wurden, und sich weiter und weiter hinter Carl
ausdehnten.
Zugleich änderte der Sturm seine Richtung und kam mehr von Osten
hergezogen. Noch lebte die Hoffnung in Carl, daß seine Richtung ihn nach
dem Bärflusse führe, wenn auch viel weiter nach dessen Mündung in den
rothen Fluß, als das Fort lag. Hier war keinenfalls seines Bleibens, und
nur die Flucht konnte ihn und sein Roß von einem grausigen Untergange in
den Flammen des brennenden Grases retten. Auch der Falbe schien jetzt die
drohende Gefahr, die mit jenen Rauchwolken aufstieg, zu ahnen, denn er sah
schnaubend nach ihnen hin und drängte sich in das Gebiß, um davoneilen zu
dürfen. Kaum aber hatte Carl ihm die Zügel gegeben, so flog das Thier mit
ihm davon, als wolle es den Sturmwind hinter sich zurücklassen.