»Nun, der wird auch wohl nicht viel mehr von sich hören lassen. Sie werden

ihn wahrscheinlich aus seinem Winterschlafe geweckt haben, denn es

ist jetzt die Schlafzeit der Bären, und hätten Sie ihn nicht tödtlich

getroffen, so sollte er wohl bald hinter Ihnen gewesen sein. Wir wollen ihn

aufsuchen, folgen Sie mir nur nach.«

Mit diesen Worten spannte Daniel seine Büchse und schritt rasch auf dem

Büffelpfad durch das Dickicht hin, indem er mit seinem Jagdmesser die

Ranken für den ihm folgenden Carl aus dem Wege hieb.

»Dort liegt der Baum, Daniel, nimm Dich in Acht,« rief Carl diesem zu,

und machte gleichfalls seine Büchse zum Schuß bereit; doch der Neger rief

lachend aus:

»Sie haben dem Freund Urian einen zu starken Schlaftrunk eingegeben, als

daß er noch einmal aus seinem Pallast hervorschauen sollte. Bleiben Sie

dort zurück, ich will mich um den Baum herumschleichen und sehen, wo der

Eingang ist.«

Hiermit sprang Daniel in das Dickicht hinein und erschien gleich nachher

auf der andern Seite des Baumes in einiger Entfernung von demselben.

»Es scheint unter dem Stamme eine Höhle zu sein, die mit trockenen

Kiefernzweigen bedeckt ist,« rief er seinem Gefährten zu, warf dann mit den

Worten, »Hallo, Bursche, ists gefällig aufzustehen?« ein Stück Holz gegen

den Stamm.

»Wahrhaftig, es bewegt sich unter dem Reisig!« rief er aus, und erhob die

Büchse. Nach einer Weile gespannter Aufmerksamkeit aber sagte er:

»Wissen Sie, was ich glaube? Sie haben eine alte Bärin geschossen, und die

Jungen sind es, die in dem Laube herumspringen. Wir wollen es bald genau

wissen.«

Hierauf trat der Neger nahe zu dem Baume hin und blickte mit vorgehaltener

Büchse durch die Kiefernzweige.

»Richtig, wie ich Ihnen sagte, hier schaut eine Hintertatze der Alten

hervor, sie liegt auf dem Rücken und zwei ganz kleine Bären sitzen auf ihr.

Die wollen wir lebendig mitnehmen, sie werden Ihnen tausend Spaß machen,

denn es sind allerliebste Thierchen.«

Indem Daniel dies sagte, stellte er seine Büchse an den Baum und beugte

sich in die Vertiefung unter denselben, aus welcher er zwei kleine Bären

hervorhob, die nicht viel größer als Kaninchen waren. Carl war vom Pferde

gesprungen und zu Daniel hingeeilt, wo er laut aufjauchzte, als er die

niedlichen Thiere erblickte, die ganz zutraulich seinen Finger in das Maul

nahmen und daran sogen. Sein Gefährte räumte nun die Zweige und das Laub

hinweg, worauf die ganze Bärin sichtbar wurde. Carl mußte ihm behülflich

sein, dieselbe aus ihrem Lager hervorzuziehen, wobei Beide alle ihre Kräfte

anzuwenden hatten.

Es war ein ungeheures Thier, welches wenigstens siebenhundert Pfund wog.

Carls Kugel war ihm von hinten in den Schädel eingedrungen. Daniel ging nun

allein nach dem Bach, um die Fallen zu untersuchen, während Carl bei den

kleinen Bären blieb, damit sie nicht abhanden kommen möchten. Nach Verlauf

von einer Stunde kehrte der Neger seinem Gefährten zurück, indem er sein

Pferd leitete, an dessen Sattelknopf vier gefangene Biber hingen. Dieselben

wurden nun neben die Bärin gelegt, ein Tuch wurde über ihnen aufgehangen,

um Raubthiere davon abzuhalten, und dann bestiegen die Jäger ihre Pferde,

indem ein Jeder von ihnen einen kleinen Bären in den Arm nahm. So langten

sie denn glücklich in dem Fort an, wo die verwaisten Kleinen große Freude

erzeugten, und durch ihre Zutraulichkeit und ihr spaßiges Wesen das Mitleid

Madame Turners, so wie Juliens erweckten. Daniel spannte schnell die

Schimmel vor den leichten Wagen und fuhr mit Carl nach dem Waldsaume am

Pflaumenbach zurück, um die Beute nach dem Fort zu schaffen. Dort nahm er

eines der Pferde vom Wagen, führte es in den Wald zu dem Bären, und ließ

diesen durch dasselbe nach der Prairie schleifen. Mit großer Anstrengung

wurde das schwere Thier endlich aufgeladen, Daniel holte noch die Biber

herbei, und nach Verlauf von einer halben Stunde langten sie wohlbehalten

in dem Fort an. Das kostbare Fett des Bären war Madame Turner sehr

willkommen, das Fleisch desselben wurde gesalzen und geräuchert, und

die ungeheure Haut ward getrocknet, um dann als Decke unter dem Tisch im

Wohnzimmer zu dienen.

Wie es Daniel vorhergesagt hatte, so war im Laufe von zwei Wochen die ganze

Bibercolonie ausgefangen. Vierunddreißig Biber waren erlegt, und nirgends

mehr war eine Spur von einem solchen Thiere zu entdecken. Der Werth der

erbeuteten und sauber getrockneten Felle betrug gegen zweihundert Dollar,

welche Warwick dafür an Turner bezahlte, um selbst noch beim Verkauf an

einen Pelzhändler einen kleinen Nutzen daran zu machen.

Dem Maisfeld hatte die Ueberschwemmung augenscheinlich wohl gethan, denn

die Pflanzen schossen ungemein kräftig empor. Die Freude und das Glück

der Ansiedler über diese herrliche Aussicht für ihre erste Ernte war

unbeschreiblich, denn sie nahm ihnen jede Nahrungssorge für ihre Zukunft.

Zwischen die Reihen der Maisstauden hatten die Kolonisten süße Kartoffeln,

Bohnen, Kürbisse und Melonen gelegt, so daß die Ernte eine überreiche und

vielseitige zu werden versprach.

»Könnten wir doch den armen Leuten in unserer alten Heimath unsern

Ueberfluß an Lebensmitteln und an Holz abgeben,« sagte Turner eines Abends,

als sie Alle um den Tisch herum saßen. »Der Segen in diesem Lande ist doch

unglaublich. Jetzt liegt in Deutschland die Natur noch im Winterschlafe,

und die Felder sind wahrscheinlich mit einer Schneedecke überzogen; wir

dagegen holen uns täglich frische Gemüse aus dem Garten, und diejenigen

Bäume und Sträuche, welche vor wenigen Wochen das vorjährige Laub verloren

hatten, treiben schon wieder junge Knospen. Und welchen Reichthum von Wild

haben wir hier gefunden! Hunderte von Hirschen und Antilopen können wir

fast täglich vor uns auf der Prairie weiden sehen, gar nicht der Tausende

von Büffeln zu gedenken, die so häufig die Umgegend, so weit das Auge

reicht, bedecken.«

»Und die Bären nicht zu vergessen,« fiel Madame Turner ein, »sie sind mir

der wichtigste Artikel in meiner Haushaltung; wie wollten die armen Leute

in Deutschland jeden Tropfen von deren kostbarem Oel verwenden!«

»Und doch haben die Bären hier schon abgenommen, gegen jene Zeit, als noch

kein Ansiedler am Choctawbache wohnte,« fiel Daniel ein. »Ich habe häufig

hier mit den Indianern, unter denen ich lebte, Jagd gemacht, und erinnere

mich recht gut, daß wir ein Dutzend starke Bären in einem Tage an diesem

Flusse schossen. Daher hat er ja auch seinen Namen. Auch trafen wir hier

einmal einen Grisleybären an; dies fürchterliche Thier tödtete uns einen

jungen Krieger, dessen Pferd es in vollem Laufe einholte und ihn dann von

demselben herabzog und zerriß.«

»Das ist ja erschrecklich; jetzt giebt es doch wohl hier solche Thiere

nicht mehr?« sagte Madame Turner entsetzt.

»Sie waren auch damals nur Fremdlinge in diesen flachen Gegenden. Ihre

Heimath ist in den weiter westlich liegenden Gebirgen, aus denen sie im

Winter, wenn dort die Nahrung spärlich wird, sich herab in die Niederungen

ziehen und dann in dem Walde am rothen Flusse mitunter bis in diese Länder

vordringen. Die Ansiedler aber bieten Alles auf, um ihrer gleich habhaft zu

werden, denn einen gefährlichern Feind für sich selbst und für ihre Heerden

giebt es nicht. Ein Grisleybär nimmt ein zweijähriges Pferd in die Arme

und trägt es fort. Auch holt er jedes Pferd auf die Dauer ein; denn seine

Kräfte halten länger aus, als die irgend eines andern Thieres. Ich habe

Grisleybären erlegen helfen, die gegen zweitausend Pfund wogen. Der Himmel

mag sie fern von uns halten, sonst wäre es bös für unser Vieh.«

»Das muß ja ein wahres Ungeheuer sein,« bemerkte Turner, »vor einem solchen

Thiere wäre ja Flucht kaum möglich.«

»Außer wenn man einen Baum ersteigen kann. Der Grisleybär kann zum Glück

nicht klettern,« entgegnete Daniel.

»Geht denn eine Kugel durch sein Fell?« fragte Carl.

»Das wohl, aber oft sind zwanzig Kugeln nöthig, um ihn zu tödten, wenn

nicht zufällig eine gleich auf den rechten Fleck kommt,« antwortete der

Neger.

»Nun, den Fleck könnte man ja wohl treffen,« bemerkte Carl lachend.

»Carl, Carl, Du wirst mir wahrhaftig zu dreist; der Himmel bewahre Dich

davor, mit einem solchen entsetzlichen Thiere zusammenzutreffen,« sagte

Madame Turner mit ängstlicher Betonung.

»Am sichersten ist der Schuß auf seinen Kopf, das heißt, wenn es nicht weit

ist, sonst muß man ihn kurz hinter das Schulterblatt und zwar ganz tief

schießen, denn das Herz des Bären liegt unten im Brustkasten,« nahm Daniel

wieder das Wort, und setzte noch tröstend hinzu: »Wir werden aber wohl

niemals einen solchen Besuch hier bekommen, denn der Grisleybär läßt sich

nur selten in der Nähe von Ansiedelungen sehen.«

Da der Mais die Thätigkeit der Kolonisten jetzt nicht in Anspruch nahm, so

benutzten dieselben die Zeit, um das Feld herum noch mehr Bäume zu tödten

und das Buschwerk abzuhauen, damit sie es im kommenden Herbste vergrößern

könnten. Auch fällten sie Bäume und spalteten daraus zwölf Fuß lange

Holzstücke, die sie dann zur Erweiterung der Einzäunung benutzen wollten.

Dies war die Ursache, daß während einer ganzen Woche Keiner von ihnen auf

die Jagd gegangen und kein frisches Wildpret auf den Tisch gekommen war.

Madame Turner bemerkte eines Abends beim Essen, daß sie wohl ein Stück Wild

zu haben wünsche, und Carl erbot sich mit Freuden dazu, am folgenden Morgen

hinauszureiten und einen Hirsch zu schießen. Arnold und Wilhelm baten, daß

sie ihn begleiten dürften; worin Turner einwilligte, unter der Bedingung,

daß sie sich nicht weit von dem Fort entfernen wollten.

Die beiden jüngeren Knaben waren schon ganz gute Reiter, da sie sich fast

täglich übten, indem sie die Pferde zum Wasser brachten, und sehr häufig

Abends, wenn die Kühe nicht bei guter Zeit zu Hause kamen, in die Prairie

hinausritten und das Vieh heimtrieben; dabei gab es denn manch lustiges

wildes Rennen. Turner hatte sich durch Warwick zwei mexikanische Sättel für

seine Knaben verschafft, in welchen man ungleich sicherer und fester sitzt,

weil sie einen hohen Sattelknopf und sehr hohe Rücklehnen haben. Zugleich

waren die Knaben schon recht gute Schützen, wenn auch nicht so gewandte

Jäger, wie Carl; denn Turner war zu ängstlich, um sie allein weit

hinausreiten zu lassen. Am folgenden Morgen sollten sie nun ihre erste Jagd

zu Pferde machen, und Carl sollte sie führen und über sie wachen, damit

ihnen kein Unglück zustoße; denn Daniel war mit dem Felde sehr beschäftigt,

und einen Hirsch konnten die drei Knaben ja leicht allein in der Nähe des

Forts erlegen.

Arnold und Wilhelm konnten kaum den Tag erwarten, und als dessen

erstes Licht erschien, waren sie schon mit den Vorbereitungen der Jagd

beschäftigt. Sie richteten Alles so ein, wie Carl es that, nur fehlten

ihnen die Revolver, welche jener heute umschnallte, und die schöne

Jaguarhaut, die derselbe auf dem Sattel liegen hatte.

Die beiden Schimmel wurden nach dem Frühstück für sie aufgezäumt, Turner

untersuchte selbst noch das Riemenzeug, und als er seinen beiden Söhnen in

die Sättel half, ermahnte er sie nochmals zur größten Vorsicht und sagte zu

Carl: »Du wirst gut auf sie Acht geben, Carl; Eines mußt Du mir aber noch

versprechen: daß ihr keine Büffeljagd machen wollt, hörst Du, mein Junge!«

»Nein, gewiß nicht, Onkel; wir schießen nur einen Hirsch, und dann kommen

wir gleich zurück,« entgegnete Carl mit seiner treuherzigen Stimme.

»Nun, so reitet mit Gott,« sagte Turner, während seine Gattin zu Carl

an das Pferd getreten war, und, ihm die Hand drückend, sagte: »Carl, sei

vorsichtig mit meinen Kindern, und kommt bald zurück.«

»Das trockene Gras ist so hoch, junger Herr, daß Sie sehr nahe an das Wild

hinanreiten können,« rief der Neger noch Carl zu. »Halten Sie dann die

Pferde an, binden Sie den Schimmeln die Füße zusammen, und schleichen

Sie sich mit Ihren Brüdern zu Fuße an die Hirsche. Sie können Arnold und

Wilhelm heute den ersten Schuß zukommen lassen, und nur noch nachhelfen,

wenn es nöthig sein sollte.«

Carl winkte dem Neger scheidend die Versicherung zu, daß er thun werde, wie

derselbe ihm angedeutet hatte, und lustig trabten die drei Knaben den Hügel

hinab bis in das hohe Gras, wo die Pferde von selbst in Schritt fielen.

Das Gras reichte den Thieren bis an den Bauch hinauf und war abgestorben,

während die jungen Halme schon Fußlang zwischen ihm emporstanden und auf

dem Grunde eine frischgrüne Decke bildeten. Carl nahm die Richtung nach

der Spitze des Waldes am Pflaumenbache, wo dieselbe in der Prairie endigte,

weil er dort immer das meiste Wild gesehen hatte. Auf dem Wege dahin

sprangen wiederholt Hirsche aus dem hohen Grase und flohen vor den nahenden

Reitern, doch vergebens strengte Carl seine Blicke an, weidendes Wildpret

von fern zu erkennen, um sich ihm vorsichtig nahen zu können.

Sie hatten die letzte Waldspitze erreicht, die nur aus einzelnen

hohen Bäumen bestand, und Carl hielt sein Pferd an, um unter demselben

hinzuspähen, ob dort nicht ein Hirsch zu erkennen sei. Nachdem er vergebens

eine zeitlang auch mit dem kleinen Fernglas den Wald durchschaut hatte,

sagte er zu seinen Kameraden: »Sonderbar, daß gerade heute hier kein Hirsch

steht, ich bin doch fast nie hier gewesen, ohne mehrere zu sehen. Man kann

hier so leicht von Baum zu Baum an sie schleichen. Es hilft uns Nichts, wir

müssen in die Prairie hinausreiten, dort nach jenen Waldinseln zu, die Ihr

wie blaue Wolken über dem Grase hervorblicken seht. Laßt uns weiter reiten,

wir treffen sicher bald Wildpret an.«

Hiermit lenkte Carl sein Pferd von der Waldspitze ab nach Westen in die

offene Grasflur, und Arnold und Wilhelm ritten zu seinen beiden Seiten.

Wohl eine Viertelstunde lang hatten sie während des Reitens eifrig sich

nach Wildpret umgesehen, als Carl in weiter Ferne vor sich ein Rudel

starker Hirsche erkannte, die sich vertraut äßten und mit einander

scherzten.

»Dort steht ein Rudel, seht dort, wo die zwei Mosquitobäume aus dem Grase

hervorragen; gleich links daneben.«

»Ja, ja, ich sehe sie!« sagten seine beiden Gefährten zugleich.

»Es ist noch sehr weit, wir können noch viel näher zu ihnen hinreiten. Es

sind starke Hirsche, ich kann schon von hier die Geweihe erkennen, denn der

Bast sitzt noch daran, was sie so dick macht. Beugt Euch aber etwas auf den

Hals der Schimmel, damit Eure schwarzen Hüte uns nicht verrathen,« sagte

Carl und neigte sich selbst nach vorn. Sie ritten in langsamem Schritt

vorwärts und die Formen der Hirsche wurden ihren Blicken immer deutlicher.

»Es sind neun Stück,« hub Carl wieder nach einer Weile an.

»Wollen wir noch nicht absteigen?« fragte Arnold in seinem Jagdeifer.

»Nein, noch nicht; ich will es Euch schon sagen, wenn es Zeit ist. Legt

Euch nur hübsch hinter die Hälse Eurer Pferde,« entgegnete Carl, indem

er neben dem Kopf seines Rosses nach dem Wild blickte. Plötzlich fuhr der

Falbe zusammen und machte einige Sätze vorwärts, indem er schnaubend seinen

Kopf hoch empor richtete und hinter sich blickte. Carl riß ihn angehalten

mit dem Zügel zurück, und schaute sich dann selbst um.

»Mein Gott, was kommt dort von der Waldspitze her -- seht Ihr es -- dort

über dem Grase -- es ist ein Bär -- aber kein schwarzer -- es ist ein

grauer Bär!« rief Carl, seinen Falben mit Gewalt zurückhaltend, während

auch die Schimmel schon das Weite suchen wollten.

»Ach Gott, Carl, was sollen wir thun? der holt uns ein. Laß uns nach dem

Fort zurückjagen!« rief Arnold entsetzt und Wilhelm jammerte: »Ach lieber

Gott -- Carl -- hilf uns!«

»Er hat uns den Weg nach dem Fort abgeschnitten. Seid aber nur ruhig, er

kann uns nicht einholen, unsere Pferde sind zu gut. Laßt den Schimmeln die

Zügel und folgt mir, treibt sie aber nicht an und sitzt fest im Sattel. Es

hat Nichts zu sagen, der soll uns wohl nicht kriegen. Vorwärts!« rief

Carl und ließ seinem Falben die Zügel schießen, der nun, von den beiden

Schimmeln gefolgt, über das hohe trockne Gras dahinsauste. Augenscheinlich

hatten die Thiere trotz der großen Entfernung den furchtbaren Feind

erkannt, denn sie wandten im vollen Jagen die Köpfe bald links bald rechts,

um nach dem Bären zurückzublicken, der in ungeheuren Sätzen über das Gras

heranstürmte und ihnen in Schnelligkeit vollkommen gleich blieb.

»Er bleibt schon zurück!« rief Carl jetzt seinen Brüdern zu, um sie zu

beruhigen, obgleich ein Blick nach dem Bären ihn überzeugte, daß derselbe

noch eben so nahe hinter ihnen war, als im ersten Augenblick der Flucht.

Er hielt seinen Falben gewaltsam zurück, da es ihm schien, daß die Schimmel

ihm nicht so schnell folgen konnten, gab ihm aber immer wieder die Zügel,

um die beiden Wagenpferde zu größerer Eile anzufeuern.

»Laßt nur die Zügel frei und treibt Euere Pferde etwas mehr an, dann wollen

wir bald in Sicherheit sein!« rief Carl, indem er sich nach seinen Brüdern

umsah, und zugleich einen Blick auf das schreckliche Thier warf, welches

immer in gleichem Sprunge ihnen folgte.

Schneller konnten die Schimmel nicht laufen, das sah Carl wohl ein, und er

wußte, daß sein Falber ihn mit Leichtigkeit von ihnen fortgetragen haben

würde; er hielt ihn aber zurück, so daß er nur einige zwanzig Schritte

vor seinen Kameraden hinsauste. Fort ging es in unausgesetztem Sturmlauf

vorwärts Hügel auf, Hügel ab, ohne daß die Entfernung zwischen den beiden

Rossen und dem ihnen folgenden Ungeheuer sich vermindert hätte. Meile

auf Meile blieb zurück, die Pferde bedeckten sich mit Schweiß, die weißen

Schaumflocken flogen von ihren Gebissen, und immer keuchender schnaubten

sie aus ihren weitausgespannten blutrothen Nüstern. Carl sprach seinen

Brüdern unaufhörlich Muth zu, und diese trieben die Schimmel mit Sporn und

Peitsche an; ihre Schnelligkeit aber begann nachzulassen, und der Bär kam

ihnen näher. Vor den Fliehenden hob sich jetzt rasch die Waldinsel deutlich

empor, und nach ihr hin richtete Carl seinen Lauf. Noch wußte er nicht, in

welcher Weise das kleine dichte Gehölz ihnen Hülfe bringen sollte, wenn es

aber eine Rettung gab, dann mußte sie dort gesucht werden. Näher und näher

rückten sie dem Wäldchen, und näher und näher kam ihnen der grimmige Feind.

Noch lagen nur hundert Schritte zwischen ihnen und dem Gehölz, als Carl

sein Roß noch mehr zurück hielt, so daß seine Brüder an seine Seite kamen.

[Illustration]

»Jetzt sind wir gerettet!« rief er ihnen zu, »sobald wir an dem Wäldchen

dicht vorüberjagen, biegt Ihr Beiden links um dasselbe herum, so daß der

Bär Euch nicht mehr sieht; ich bleibe etwas zurück, bis er mir ganz nahe

ist, und dann lasse ich meinen Falben rechts ab davon jagen. Der Bär wird

mir folgen, ich werde ihm aber bald aus den Augen sein, und dann komme ich

nach Hause. Eilt, so schnell Ihr könnt, von der Waldinsel nach dem Fort,

und sagt dort, daß der Bär mich nicht kriegen könnte, daß ich aber erst

spät nach Hause kommen würde.«

Das Wäldchen war erreicht, Carl blieb jetzt hinter seinen Brüdern zurück,

und rief ihnen zu:

»Vorwärts, jagt um das Holz herum und dann nach Hause, ich komme bald

nach.«

Dabei parirte er sein Pferd, das sich wild und entsetzt bäumte, denn der

Riesenbär kam herangestürzt und war nur noch kaum hundert Schritte von ihm

entfernt. Carl sah ihn an, er bebte aber nicht, denn er sah im nächsten

Augenblick seine Brüder um das Gehölz verschwinden. Jetzt ließ er dem

Falben abermals die Zügel schießen und jagte rechts vom Holze ab in die

Prairie hinaus. Seinen Blick aber hielt er nach dem Ungeheuer gerichtet, ob

es ihm auch folgen würde.

»Gottlob!« entfuhr Carls Lippen, als er den Bären hinter sich sah, und nun

sprach er dem Falben zu, sein Bestes zu thun. Kaum fühlte das brave Thier

die freien Zügel, kaum hörte es den aufmunternden Ruf seines Reiters, da

flog es davon, als ob seine Hufe den Boden gar nicht berührten, und der Bär

blieb weit zurück.

»Gottlob!« sagte Carl abermals, als er gewahrte, daß der Feind ihm nicht

so schnell folgen konnte, und »Gottlob!« rief er laut aus, als er nach der

Insel zurückblickte, und an deren anderer Seite seine beiden Brüder schon

in weiter Ferne davonjagen sah.

»Nun sollst du mich wohl nicht kriegen, du abscheuliches Thier,« dachte

Carl, und schmeichelte seinem Falben, indem er ihm den nassen Hals

liebkosend klopfte. Bald war der Bär mehrere tausend Schritte hinter dem

entschlossenen Knaben zurück und derselbe athmete wieder freier auf. Er

ließ seinem Pferde jetzt freien Willen, denn daß der Bär ihn nicht einholen

konnte, das war ja gewiß; dennoch schaute er immer nach demselben zurück,

in der Hoffnung, daß er die Jagd aufgeben würde. Der Bär veränderte weder

seinen Sprung, noch seine Eile, und stürmte in der Bahn vorwärts, die der

Falbe in dem Gras gebrochen hatte. Die Insel verschwand hinter Carl in

blauem Duft und vor ihm hob sich ein Waldstrich aus der Prairie empor,

der sich weit am westlichen Horizont hinzog. Das mußte der Wald sein, von

welchem ihm Daniel oft erzählt hatte, daß er nur aus einzeln stehenden

Lebenseichen bestehe, deren Kronen ein dichtes Laubdach bildeten, während

der Boden mit einer feinen Grasdecke überzogen sei. Den Wald mußte Carl zu

erreichen suchen, so dachte er und trieb jetzt seinen Falben stärker an,

denn dessen Schnelligkeit hatte abgenommen, und es schien dem Knaben, daß

der Bär wieder etwas näher gekommen sei. Das Pferd gehorchte im Augenblick

jeder Anforderung seines Reiters, aber jedesmal auf kürzere Zeit, dann ließ

es wieder im Laufe nach. Seine Sprünge wurden kürzer und mühsamer, sein

Athem wurde schwer, und Carl erkannte es zu seinem Schrecken, das die

Kräfte des edlen Thieres schnell abnahmen. Im Laufe des Bären war keine

Aenderung.

Die Möglichkeit, daß das furchtbare Ungethüm ihn einholen könne, fing an,

in dem Knaben mehr und mehr zur Gewißheit zu werden, und die dann nöthige

Vertheidigung vereinigte jetzt mit aller Willenskraft seine ganze geistige

Thätigkeit.

Der Schuß durch den Kopf und der durch das Herz des Thieres mußten ihm

gelingen, davon war Carl überzeugt, und dann war er und der Falbe gerettet.

Wie aber, wenn die Kugeln dennoch nicht den rechten Fleck träfen? Der graue

Bär konnte aber nicht klettern, hatte Daniel gesagt, und der Eichenwald

war ja schon ganz nahe vor Carl, ein Baum sollte ihm Schutz und dem Pferde

Rettung bringen! Jetzt drückte der Knabe beide Sporen fest in die nassen

Flanken des treuen Rosses, und nochmals stob dasselbe fliegend dahin, und

abermals ließ es den Bären weiter zurück. Die Eichen waren erreicht und

in sausender Carriere jagte Carl zwischen ihnen hindurch, indem er weithin

nach einem Baume spähete, der seinem Zweck entsprechen würde. Noch hatte er

mehrere tausend Schritte Vorsprung vor seinem grimmen Verfolger, da hielt

er plötzlich das Pferd vor einer Eiche an und sprang im selbigen Augenblick

aus dem Sattel.

Ein Schlag mit der Peitsche und die in der Ferne heranstürmende

Riesengestalt des Bären trieben den Falben in wilder Flucht davon, während

Carl die Büchse um den Nacken hing und den nicht starken, aber rauhen

Stamm der Eiche erklomm. Nach wenigen Augenblicken stand er auf den ersten

Aesten, die wohl funfzehn Fuß über der Erde erhaben waren, und nahm die

Büchse vom Nacken, um sie zum Gebrauch fertig zu machen. Jetzt hörte er die

schweren Tritte des Bären nahen, die Erde dröhnte unter seiner Wucht und

Carl konnte deutlich das laute Aechzen seines Athems vernehmen.

Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika. · 第 17 / 26 段