die Feierlichkeit und den Glanz des Weihnachtsfestes zu erhöhen, so war die
Heiterkeit und das Glück der Ansiedler deswegen nicht weniger groß, und mit
wonnig bewegten Herzen gaben sie sich der Freude hin, die ihnen der heilige
Abend bot.
Er verstrich in sorgloser Fröhlichkeit, und Mitternacht mahnte daran, daß
es Zeit sei, sich zur Ruhe zu begeben, als die Hunde außerhalb des Forts
plötzlich ein wüthendes Gebell anstimmten. Sie waren durch die, für
sie angelegten kleinen Oeffnungen in den Pallisaden hinaus gerannt, und
schienen im Anfang ganz in der Nähe der Festung irgend einen Feind vor
sich zu haben, bald aber entfernte sich der Lärm in der Richtung nach dem
Pflaumenbache hin, wo er zuletzt verhallte.
Turner, Daniel und die Knaben hatten eilig zu ihren Waffen gegriffen, und
sich damit in dem Hofe aufgestellt.
Sie hefteten ihre Blicke gegen den nächtlichen Himmel auf die Spitzen der
Pallisaden, um etwaigen Feinden das Uebersteigen zu wehren, und lauschten
dabei auf jeden Ton nahe und fern. Bald aber kamen die Hunde sämmtlich
zurück in das Fort und gaben dessen Bewohnern durch ihre Rückkehr die
beruhigende Ueberzeugung, daß kein Feind sich mehr in der Nähe befinde.
Daniel bat seine Freunde dringend, sich zur Ruhe zu begeben, er selbst
wolle während dem Rest der Nacht im Hofe wachen, wobei Carl es sich nicht
nehmen lassen wollte, ihm Gesellschaft zu leisten.
Turners dankten ihm für seine Liebe, seine Fürsorge und gingen dann
beruhigt nach ihren Lagern, worauf Daniel die vier, von Warwick erhaltenen
Hunde aus dem Fort schickte, Pluto aber bei sich behielt. Dann setzte
er sich mit Carl auf die Bank vor dem Hause, von wo er die Pallisaden
übersehen konnte, und erzählte seinem jungen Freunde von den vielen
blutigen Fehden, die er unter den Indianern mitgefochten hatte. Die Nacht
verstrich aber ohne alle Störung, und als der Tag kam, und Turner wieder
im Hofe erschien, ging der Neger mit Carl aus dem Fort, um sich davon zu
überzeugen, was die Ursache der nächtlichen Störung gewesen sei. Er suchte
um den Fuß des Hügels in dem bethauten Gras, und erkannte bald an den
niedergebeugten und zerknickten Halmen die Spur der Hunde, wo sie ihren
Feind verfolgt hatten. Die Fährte des Feindes selbst konnte er in dem Grase
nicht unterscheiden, er ging aber der Spur bis in den Wald am Pflaumenbach
nach. Dort wandte sich dieselbe am Holze hin und auf dem ersten Büffelpfad
in dasselbe hinein. Hier blieb Daniel stehen, gab Carl seine Büchse zu
tragen, und legte sich nun auf die Kniee nieder, um die staubige Erde auf
dem Wege zu untersuchen. Er war nur eine kurze Entfernung auf demselben
hingekrochen, als er Carl zu sich rief, und ihm den kaum sichtbaren Abdruck
eines menschlichen Fußes in dem leichten Staube zeigte.
»Es sind Waco- oder Tonkoway-Indianer gewesen, man kann es deutlich an der
Schärfe der dicken harten Sohlen unter ihren Mokassins erkennen,« sagte er.
»Diese beiden Stämme sind sogenannte Fußindianer, und zwar die einzigen,
welche diese südlichen Länder bewohnen, während alle übrigen Stämme
Pferdeindianer sind, das heißt, Indianer, welche ihre Jagd- und Kriegszüge
zu Pferde machen und stets große Heerden dieser Thiere auf ihren
Wanderungen mit sich führen.
Die Pferdeindianer sind Jahr aus Jahr ein auf der Reise, sie leben
ausschließlich von der Jagd, ziehen im Frühling weit nach Norden in die
großen endlosen Prairien, den unzähligen Büffelheerden nach, und kehren
im Herbst wieder nach Süden zurück, wo die Weiden nie aufhören zu grünen.
Diese Fußindianer dagegen verlassen diese Gegend nicht, und schleichen
wie Schlangen in den Wäldern und Büschen umher, weil sie mit den
Pferdeindianern in ewigem Kriege leben, und von ihnen ebenso sehr gehaßt
und verfolgt werden, wie von den weißen Grenzansiedlern.
Sie sind sämmtlich mit Feuerwaffen versehen, während die anderen Wilden
dieser Länder keine solche besitzen, und darum sind sie auch viel
gefährlicher, als diese. Wir müssen jetzt sehr auf unsrer Hut sein, denn
dies ist sicher nicht ihr letzter Besuch bei uns gewesen.«
Der Neger zeigte seinem Gefährten nun die Spur noch weiter auf dem Pfade
hin, um ihn dadurch zu unterrichten, und dann begaben sie sich nach dem
Fort zurück, um noch einige Vorsichtsmaßregeln gegen solche nächtliche
ungebetene Gäste zu treffen.
Dort angelangt, verfertigte Daniel aus dem Bandeisen, womit die Kisten
Turners benagelt gewesen waren, zwei weitläufige Geflechte in der Form
von Körben, welche dazu dienen sollten, Kienspäne darin anzuzünden und die
Umgebung des Forts bei Nacht schnell zu beleuchten. Er errichtete nun in
jeder der beiden vorderen Ecken der Pallisadenwand aus leichten Baumstämmen
hohe Galgen, und befestigte an die Spitze von deren Armen eine Rolle. Durch
diese zog er eine eiserne Kette, an deren Ende er einen der Körbe anhing,
so daß man denselben daran aufziehen konnte, bis er mehrere Fuß hoch über
den Pallisaden in der Luft hing. Auf diese Weise wollte der Neger bei einer
nächtlichen Störung die ganze Umgebung des Forts hell erleuchten, damit man
durch die Schießscharten den Feind erkennen und nach ihm feuern könne. Die
Vorrichtung war außerordentlich einfach und sehr bald ausgeführt, und auch
noch ein tüchtiger Vorrath von Kienspänen herbeigeholt.
Diese neue Erinnerung an die Gefahr, in welcher Turners lebten, hatte ihre
Besorgniß wieder frisch angefacht, mit Bangen sahen sie den Abend nahen und
fuhren bei dem leichtesten Gebell der Hunde zusammen. Die Pferde wurden
mit Sonnenuntergang schon aus dem Grase geholt, getränkt und in das Fort
geführt, dann das Thor desselben geschlossen, und die vier neuen Hunde
hinausgelassen und ausgesperrt. Die Schrotflinten waren sämmtlich für eine
etwaige Vertheidigung der Festung mit Röllern geladen, und alle übrigen
Waffen zum schnellen Gebrauch in Bereitschaft gesetzt.
Mehrere Wochen eilten aber wieder dahin, ohne daß von Indianern Etwas
gesehen worden wäre, und die Besorgniß der Ansiedler nahm abermals nach und
nach in der Gewöhnung an die Gefahr ab. Die Zeit war gekommen, daß das Feld
mit Mais bestellt werden mußte, bei welcher Arbeit abwechselnd bald Turner,
bald Carl dem Neger behülflich war, Einer von ihnen aber immer in dem Fort
zurückblieb.
Während das Feld nun nochmals gepflügt und dann besäet wurde, mußten die
Hunde dessen Umgebung bewachen, zu welchem Zwecke Daniel sie auf allen vier
Seiten desselben ankettete.
Auch diese Arbeit wurde ohne alle Störung ausgeführt, und nach wenigen
Wochen zeigte der Mais sich in frisch grünen Reihen über dem Felde. Die
Freude der Colonisten über diese üppig aufschießende Hoffnung für die erste
Ernte war groß, und mit Leidwesen zogen sie auf das Anrathen Daniels die
vielen überflüssigen Pflanzen aus den schönen Reihen, obgleich der Neger
ihnen erklärte, daß an einer geringern Zahl derselben bedeutend mehr und
besserer Mais wachsen würde. Bei dieser Arbeit halfen auch Arnold und
Wilhelm, so wie sie sich auch fleißig dabei betheiligten, als mit der Hacke
die Erde um die Pflanzen aufgehäuft wurde. Von dem Hügel aus konnte man
nach dem Felde hinsehen, und sobald das Fort am frühen Morgen geöffnet
wurde, erfreuten sich die Bewohner desselben an dem hellgrünen Schein,
womit der Mais zu ihnen herüberglänzte. Man mag sich nun den Schrecken der
Ansiedler denken, als sie eines Morgens aus der Festung traten und sahen,
daß das Feld, so wie die ganze Grasfläche vom Fuße des Hügels an bis in
die Ecke am Pflaumenbach, sich in einen See verwandelt hatte. Carl war
der Erste, der die Ueberschwemmung gewahrte, und auf seinen Ruf kamen alle
Uebrigen herausgeeilt, um eben so traurig überrascht zu werden.
»Das ist Wasser aus dem Pflaumenbache, denn der Bärfluß ist ja nicht
gewachsen,« sagte Daniel, indem er sinnend auf den ruhigen Wasserspiegel
blickte, der sich wohl eine halbe Meile weit an dem Walde des Pflaumenbachs
hinaufzog. »Sicher ist der Abfluß des Baches in den Bärfluß gehemmt,
und darum hat sich das Wasser seitwärts Luft gemacht. Wie kann dies aber
geschehen sein?«
»Sollten uns die Indianer vielleicht einen Streich gespielt haben, um
unsere Ernte zu zerstören?« bemerkte Turner.
»Nein,« entgegnete Daniel mit Bestimmtheit, »von Indianern haben wir nur
verborgene oder offene Angriffe auf unsere Person zu erwarten, sie werden,
wenn es in ihrer Macht steht, uns tödten; uns aber nur Schaden zuzufügen,
das fällt ihnen nicht ein. Warum bringen sie unsere Kühe nicht um, die
oftmals so weit in die Prairie hinausgehen, daß wir sie von hier aus nicht
mehr sehen können? Wenn sie das Wasser so hoch zu stauen im Stande wären,
daß wir darin ertrinken müßten, oder wenn sie es uns bei einer Belagerung
gänzlich entziehen könnten, um uns verdursten zu lassen, so würden sie es
thun; aber eine solche schwere Arbeit auszuführen, wie das Abdämmen des
Pflaumenbaches, ohne daß sie unser Leben dadurch gefährdeten, daran werden
sie nicht denken. Es hat eine andere Ursache, mag sie sein, welche sie
will. Wir werden sehr bald darüber ins Klare kommen; nehmen Sie Ihre
Waffen, junger Herr, wir wollen gleich nach dem Pflaumenbache hingehen.«
Hiermit sprangen der Neger und Carl in das Fort, Beide ergriffen ihre
Büchsen und eilten an der Einzäunung des Gartens hin bis an das Ufer des
Bärflusses, denn dasselbe lag höher, als die Prairie, und war noch von
Wasser frei. Sie folgten dem Ufer in den Wald hinein, und konnten nur
mit großer Mühe dort ihren Weg darauf fortsetzen, weil dasselbe dicht mit
Dornen und Büschen bedeckt war. Dennoch bahnten sie sich ihren Weg und
trafen schon hier und da das Wasser bis auf das Ufer des Bärflusses
vorgedrungen. Sie schritten bald bei dem überschwemmten Felde vorüber und
näherten sich der Mündung des Pflaumenbaches, hörten aber das gewohnte
heftige Rauschen nicht, womit derselbe seine Fluthen in den Bärfluß
hinabstürzte. Hier war der Boden des Waldes auch trocken, und als sie
nun das Ufer des Pflaumenbaches erreichten, fanden sie dessen Bett
größtentheils von Wasser frei, und nur hier und dort eine Vertiefung mit
demselben angefüllt.
»Wie ich es vorhersagte, der Bach ist abgedämmt, aber weiter nach oben,«
sagte Daniel, von dem Ufer hinabblickend, »ich bin doch wirklich neugierig,
wie dies geschehen ist; ich kann mir nicht denken, daß es die Indianer
gethan haben sollten. Kommen Sie, wir wollen am Bache hinaufgehen, um uns
das Räthsel zu lösen.«
Der Neger voran, und Carl ihm folgend, waren sie nur eine kurze Strecke
gegangen, als Daniel stehen blieb und in das Bett des Baches hinabzeigte,
indem er sagte:
»Dem Burschen da unten wollen wir aber doch das Lebenslicht ausblasen;
sehen sie den ungeheuren Alligator, wie er aus dem Wasserloch hervorsieht,
es ist zu seicht für ihn. Halten Sie meine Büchse, ich will ihm den Kopf
abhauen.«
Daniel reichte Carl sein Gewehr, zog die Holzaxt aus seinem Gürtel hervor
und sprang behend vom Ufer hinab. Kaum nahete er sich auf dem sandigen
Grunde dem Wasserpfuhl, in welchem der Alligator lag, als derselbe den
Neger gewahrte und, seinen furchtbaren Rachen öffnend, aus der Vertiefung
hervor und auf ihn zuschwamm. Die Bewegungen dieses häßlichen gefährlichen
Thieres sind auf dem Lande glücklicherweise ebenso unbehülflich und
langsam, wie die einer Schildkröte, und weder Mensch noch Thier hat es
außerhalb des Wassers zu fürchten, wenn seine Gegenwart ihm einmal bekannt
ist. Liegt es aber regungslos da, so gleicht es einem alten vermoderten
Stück Holz und lauert darauf, daß ein lebendes Wesen sich ihm sorglos
nahet, um es mit Blitzesschnelle mit seinem schrecklichen Gebiß zu
erfassen, aus welchem keine Befreiung möglich ist.
»Wart, Ungeheuer, Du sollst keinen Schaden mehr thun!« rief Daniel dem
erbosten Thiere zu, welches, mit dem Rachen schnappend und mit dem Schwanze
um sich schlagend, ihm entgegen kroch.
Der Neger hatte sich ihm bis auf wenige Schritte genähert und schwang die
schwere Axt über sich durch die Luft, der Alligator hob sich auf seinen
Vorderfüßen so hoch auf, als er konnte, und hielt den weit aufgerissenen
Rachen in die Höhe, als wolle er die Axt ergreifen; doch das schwere Eisen
schoß pfeifend herab und vergrub sich in dem Schädel des Ungethüms. Daniel
sprang zurück, mußte aber die Axt im Stich lassen, mit welcher im Kopf, der
Alligator wüthend nach ihm schnappte und ihn verfolgte.
»Werfen Sie mir Ihre Axt herunter, junger Herr, ich mag dem Teufel doch
nicht zu nahe kommen,« rief der Neger seinem Gefährten zu und fing dann die
Axt, welche dieser vom Ufer herabwarf.
Der Alligator schlug mit Kopf und Schwanz in der größten Wuth um sich,
während der lange Axtstiel über seinem Schädel hervorstand; doch Daniel
benutzte einen Augenblick, wo er sich ihm von der Seite nahen konnte, und
hieb ihm mit einem Schlage den Kopf vom Rücken ab.
»So, du gräuliches, böses Thier, nun ists vorbei mit deinem Morden, gieb
mir nun meine Axt wieder,« sagte Daniel, indem er dem getödteten Alligator
das Eisen aus dem Kopf zog und dann wieder auf das Ufer hinaufsprang.
Nun eilte er mit Carl am Bache weiter hinauf und sie hatten etwa einige
tausend Schritte zurückgelegt, als sie vor sich über dem Bette des Baches
eine Wand von umgestürzten Baumstämmen, Aesten und Reisholz gewahrten, die
wild durcheinander hinlagen, aber doch eng mit einander verbunden schienen.
Zugleich sahen sie seitwärts den Boden des Waldes mit Wasser bedeckt,
welches, von diesem Damm zurückgehalten, über das Ufer des Baches
ausgetreten war.
»Hallo, seid Ihr es, die uns den Streich gespielt haben? Das sollt Ihr mit
Euren Fellen bezahlen!« rief der Neger, laut auflachend, und wandte sich
dann zu seinem erstaunten Gefährten: »Was meinen Sie, wer hat wohl diesen
Damm gebaut?«
»Wer anders, als Indianer -- das ist eine ungeheure Arbeit gewesen,«
entgegnete Carl und sah verwundert auf die mehrere Fuß starken Baumstämme,
die übereinander hingeworfen waren.
»Nein, nein, junger Herr, das sind ganz andere Zimmerleute, es sind Biber.«
»Biber -- ist es möglich -- Biber sollten diese Stämme abgenagt haben?«
»Freilich, sehen Sie nur die Stümpfe, die dort aus dem Wasser hervorragen;
Sie können die Bisse an den abgenagten Stellen erkennen. Nun aber schnell,
lassen Sie uns ein Loch in den Damm machen, damit wir das Wasser aus
dem Felde kriegen. Dasselbe liegt höher als die Prairie und wird schnell
trocken sein. O, wie werden sie sich im Fort freuen, wenn sie mit einem
Male den Mais wieder sehen, dem die kurze Ueberschwemmung nur großen
Vortheil bringt. Nehmen Sie sich aber in Acht, wenn das Wasser erst eine
Oeffnung hat, so wird es mit einer furchtbaren Gewalt hervorbrechen, denn
es ist an der andern Seite des Dammes wenigstens funfzehn Fuß tief.«
Es waren über ein Dutzend größerer und kleinerer Bäume von beiden Ufern her
über den Bach gestürzt, die den Damm bildeten und so nahe zusammenlagen,
daß derselbe nicht mehr als ungefähr dreißig Fuß Dicke betrug. Zwischen
diesen Stämmen waren die Räume mit Aesten, Reisig, Buschwerk und Schlamm
dicht ausgefüllt, so daß kein Wasser hindurch dringen konnte.
Daniel und Carl stiegen auf die Stämme hinauf, um zwischen ihnen dem Wasser
Luft zu machen, als Daniel seinem Gefährten zurief:
»Sehen Sie nur die abgenagten Enden der Stämme und Aeste an, sieht es
nicht aus, als ob sie mit einem scharfen Stemmeisen abgestochen wären. Und
betrachten Sie nur die Menge von Spänen, die hier allenthalben umherliegen;
man sollte glauben, man befände sich auf einem Zimmerplatze. Dort die
beiden Espen sind auch schon rundum tief benagt, das steigende Wasser
hat aber die Biber in ihrer Arbeit gestört, sonst hätten sie dieselben
gleichfalls umgeworfen.«
»Wie künstlich die Thiere diese Tausende von Stöcken hier zwischen die
Stämme unter unseren Füßen angebracht haben, um den Damm dicht zu machen
und dem Schlamm Festigkeit zu geben.«
Während der Neger zu Carl sprach, zog er aus der Mitte des Dammes Stöcke,
Aeste und Buschwerk hervor und warf es hinter demselben in das leere Bett
des Baches, während Carl seinem Beispiel folgte und in gleicher Weise
fleißig arbeitete. Sie hatten bald an der hinteren Seite des Dammes und in
dessen Mitte bedeutende Oeffnungen gemacht, doch immer noch ließ er kein
Wasser durch, weil seine vordere Seite, vor der sich der Bach gestaut
hatte, mit einer dichten Lage von Schlamm bedeckt war. Daniel zog aber
jetzt einige Büsche aus derselben hervor, das Wasser durchbrach die
Schlammwand und der Strom schoß mit einer so rasenden Gewalt zwischen den
Stämmen durch in das leere Bett hinter dem Damme, daß Reisig, Stöcke und
Aeste sämmtlich in wenigen Augenblicken mit fortgerissen wurden und mit den
hoch und wildschäumenden Fluthen dem Bärfluß zubrausten.
Daniel und Carl waren schnell auf das eine Ende des Dammes gesprungen, denn
selbst die schweren Baumstämme warf der furchtbare Strom auseinander und
stürzte sich in hochschlagenden Wogen zwischen ihnen durch.
»Setzen Sie sich zu mir auf diesen Stamm, junger Herr; in kurzer Zeit
werden wir das Ufer am Bache hinauf wieder vom Wasser befreit sehen, dann
wollen wir es versuchen, uns darauf hin einen Weg zu bahnen; es liegt etwas
höher, als der Wald, und viel höher, als die Prairie außerhalb. Ich möchte
gern die Häuser der Biber in Augenschein nehmen, um daraus auf die Zahl der
Thiere zu schließen; es muß eine große Bibercolonie sein, sonst hätten sie
diesen Damm nicht bauen können. An einem starken Baum nagen immer drei
bis vier Biber zu gleicher Zeit, wenn sie ihn fällen wollen, was sie mit
unglaublicher Schnelligkeit ausführen können, zumal da sie nur weiche
Holzarten dazu wählen. Liegt der Baum einmal, dann fällt die ganze Colonie,
die häufig aus hundert Stück besteht, darüber her und ein jeder Biber nimmt
einen Ast vor. Wollen sie einen Damm bauen, so fällen sie die Bäume mit
großer Geschicklichkeit so, daß sie über den Bach fallen, die abgebissenen
Aeste tragen sie in den Zähnen zwischen die Stämme, so auch die dünneren
Zweige und die Büsche, und dann führen sie auf ihren breiten, platten,
haarlosen Schwänzen den Schlamm herbei, um alle Oeffnungen damit zu
verkitten.
Der Bach, in seinem Laufe aufgehalten, steigt nun rasch und dehnt sich zu
beiden Seiten aus, worauf die Biber in tiefen Stellen auf offenen Plätzen
ihre Häuser in das Wasser bauen. Sie führen dieselben aus zwei bis drei Fuß
langen Stöcken auf, welche sie im Kreis vom Grund des Wassers verflechten
und zwischen einander so durchstecken, daß sie eine starke, dicke Mauer
bilden, die sie noch drei bis vier Fuß über dem Wasserspiegel enger bauen,
und dann oben in Form einer Kuppel vereinigen. Das Gebäude hat das Ansehen
eines Bienenkorbes, hat aber sichtbarlich keinen Eingang, denn derselbe
befindet sich auf dem Grunde des Wassers. Das Innere des Hauses ist mit
einer, mitunter auch mit zwei Abtheilungen übereinander eingerichtet, von
welcher die obere sich über dem Wasserspiegel befindet, und in welche der
Eingang durch den Fußboden führt.
Diesen oberen Raum, welcher niemals vom Wasser berührt wird, füttern die
Biber sauber mit Moos aus, und verwahren hier ihre Jungen. Im Norden, wo
die Winter kalt sind, bringen sie im Herbst in den untern Raum des Hauses
große Vorräthe von abgebissenen Stöcken, deren junge Rinde ihnen während
der Zeit zur Nahrung dient, in welcher das Wasser mit Eis bedeckt ist und
sie nicht an das Land gelangen können, um frische Zweige zu benagen;
denn der Biber lebt ausschließlich nur von Baumrinden, und nicht, wie
irrthümlich so vielfach geglaubt wird, von Fischen.
In einer Bibercolonie wird niemals ein fremder Biber aufgenommen, er muß
sich entfernen, oder wird todtgebissen.
Ist die Gesellschaft zu zahlreich geworden, so theilt sie sich in zwei oder
mehrere Partieen, und jede sucht sich einen andern Wohnort. Auch verlassen
sie die Ansiedelung, sobald das weiche Holz in der Nähe des Wassers
spärlich wird. Die Biber machen oft weite Reisen und wandern zusammen
Stunden Weges über Berg und Thal, um sich eine Heimath zu suchen.«
»Das müssen ja einzige Thiere sein, können wir nicht eines derselben
habhaft werden?« sagte Carl nach dieser Mittheilung des Negers.
»Eines derselben? nein, die ganze Gesellschaft wollen wir fangen, es
soll uns auch nicht Einer davon entgehen. Ich werde nach dem Choctawbache
reiten, und mir von den dortigen Ansiedlern sämmtliche Fallen borgen, die
sie besitzen. Nur _einen_ männlichen Biber müssen wir schießen, ehe wir die
andern fangen können; denn wir müssen von ihm das Bibergeil erhalten, um
seine Kameraden damit nach der Falle zu locken. Er trägt dasselbe, eine
ölige Flüssigkeit, in zwei Drüsen bei sich.«
Während sich die beiden Jäger in dieser Weise unterhielten, brauste und
tobte das Wasser mit wildem Ungestüm durch den geöffneten Damm, und sank
dabei schnell oberhalb desselben. Nach Verlauf von einigen Stunden wurden
auch die Ufer des Bachs wieder sichtbar, und jetzt, wo das Wasser aus der
Prairie nicht mehr über dieselben abfließen konnte, nahm die Strömung im
Bache auch sehr ab.
»Unser Feld muß schon ganz von Wasser frei sein, denn dasselbe liegt
vollkommen so hoch, wie dieses Ufer hier,« sagte Daniel, indem er aufstand.
»Nun kommen Sie, wir wollen es versuchen, ob wir am Bache hinaufgehen
können.«
Hiermit sprang er von dem Baumstamme hinab auf das Ufer, und Carl folgte
ihm nach. Der Boden war außerordentlich weich und schlüpfrig, so daß
das Gehen auf demselben sehr erschwert wurde, die Jäger aber schritten
demungeachtet frisch darauf los, wenn sie auch mitunter bis an die Kniee
einsanken, oder eine Strecke Wasser zu durchwaten hatten. Je weiter sie
durch die Büsche, Ranken und Dornen vorrückten, um so lichter wurde der
Wald, und sie hatten eine umfangreiche Blöße in demselben erreicht, durch
welche der Bach sich hinwand, da blieb Daniel stehen und zeigte auf einen
hohen, oben abgerundeten Reisig- und Knüppelhaufen, der sich wohl zehn Fuß
aus dem Bache erhob.
»Das ist eins der Biberhäuser, es sieht aus, wie ein riesiges
Stachelschwein. Die Bewohner desselben werden bereits in großer Noth sein,
weil das Wasser so sehr gefallen ist. Ich bin überzeugt, daß sie sich
sämmtlich zu dem Damme begeben, um ihn auszubessern; sie werden sich aber
sehr wundern, wenn sie das große Loch in demselben bemerken. An diesem
Biberhause können Sie sehen, weshalb die Thiere den Damm gebaut haben. Sie
haben das Wasser so hoch gestaut, daß ihre Wohnung von einem unabsehbaren
Wasserspiegel umgeben war, und dieselbe dadurch ihren Feinden verborgen und
unzugänglich blieb. Jetzt ist das Ufer kaum noch zehn Schritt von derselben
entfernt, und ein Jaguar, ein Panther, oder ein Bär kann vom Lande aus
leicht die Thiere in ihrem Gebäude wittern und sie darin überfallen; denn
der Reisighaufen ist leicht auseinandergerissen. Wenn die alten Biber nun
auch selbst dadurch nicht gefährdet würden, weil sie nur in dem untern Raum
in das Wasser zu springen brauchen, um sich dem Feinde zu entziehen, so
würden doch ihre Jungen demselben ein Opfer werden, und deshalb setzen sie
die ganze Umgegend unter Wasser. Nun will ich Ihnen einen Vorschlag machen,
junger Herr: Ich glaube nämlich, daß es gerade jetzt ein sehr günstiger
Augenblick ist, um einen Biber zu schießen, weil dieselben wegen des
fallenden Wassers hin- und herschwimmen, und sich auf der Oberfläche sehen
lassen werden, was sie sonst nur in der Nacht thun.
Sie können hier sitzen bleiben, und ich will weiter am Bache hinauf ein
anderes Biberhaus wählen, um dabei zu lauern.