ließ auch Carl die seinige mit aller Kraft ertönen, und Beide gaben ihren
Rossen Zügel und Sporen. Das ganze Thal ward in dem Augenblicke lebendig,
das Gras theilte sich und wogte verworren hin und her, wohl vierhundert
Büffel rannten in wilder Bestürzung durcheinander hin, wie Donner erdröhnte
die Erde unter ihren Füßen, und eng zusammengedrängt jagten sie in
schwerfälligem Galopp der nächsten Höhe zu. Die ganze Heerde, die fliegend
über die Grasflur dahineilte, war in der dichten, um sie aufwirbelnden
Staubwolke verschwunden, während die Jäger ihr auf den flüchtigen Rossen in
Carriere folgten. Die gellenden Jagdrufe der Reiter schienen die Thiere zu
immer schnellerer Flucht anzutreiben und ihre Angst zu steigern, die
sie durch wildes verworrenes Brüllen zu erkennen gaben. Fort ging es in
Sturmeslauf Hügel auf, Hügel ab, über steinige Höhen, durch mannshohes
Gras in den Thälern, über umgefallene Baumstämme, durch breite, tiefe
ausgetrocknete Wassergräben, ohne Rast, ohne Aufenthalt, umsaust von dem
stürmischen Tumult der Jagd, so wie eine Windsbraut über die Erde fliegt.
Wohl mehrere Meilen weit jagte die Heerde dem frischen Winde gerade
entgegen, so daß derselbe den Jägern die Staubwolke zuwehte, die unter den
Füßen der Thiere aufstieg; jetzt aber wandten diese sich mehr zur Seite,
und ihre riesigen, von fliegenden Mähnen umwogten dunkeln Körper wurden
in dem seitwärts verwehenden Staube wieder sichtbar. Der Anblick der Jäger
aber mehrte das Entsetzen der Büffel, ihre Flucht wurde immer rasender
und die schwersten, die feistesten unter ihnen begannen, hinter der Heerde
zurückzubleiben. Namentlich einem alten Bullen schien der tolle Lauf
beschwerlich zu werden, seine Flanken hatten sich mit weißem Schaum
bedeckt, keuchend ließ er seine brennend rothe Zunge über den langen Bart
seines Unterkiefers herabhängen und mit wuthblitzenden glühend gerötheten
Augen blickte er seitwärts nach seinen Verfolgern. Mehr und mehr entfernte
sich die Heerde von ihm, und vergebens waren seine Anstrengungen, ihr nahe
zu bleiben, sein Lauf wurde immer schwerfälliger, seine Sprünge wurden
kürzer, und mit dumpfem zornigen Gebrüll schüttelte er wiederholt die
schwarzbraunen glänzenden Mähnen. Dennoch blieb er im Galopp und folgte auf
dem niedergetretenen Grase der Spur seiner davoneilenden Kameraden.
Da sprengte Daniel mit gellendem Jagdruf näher zu diesem Büffel heran,
er hob sich strack in den Steigbügeln auf, schwang mit der Rechten den
gelösten Lasso hoch über sich im Kreise durch die Luft, und schleuderte
die Schlinge sausend auf das Gras hinab vor das flüchtige Thier, welches
im Sprunge seinen linken Vorderfuß in dieselbe niedersetzte. In derselben
Secunde zog Daniel den Lasso zurück, denn er hatte sein Pferd zur Seite
gewandt, und die Schlinge zog sich um den Fuß des Büffels fest. Hoch bäumte
sich jetzt das plötzlich parirte Pferd des Negers und der Büffel, in seinem
Sturmlauf an dem Fuße zurückgehalten, stürzte über Kopf donnernd zu
Boden, daß die Erde unter ihm erzitterte. Das ungeheure Thier lag mit
emporgestreckten Gliedern auf dem Rücken und mit Blitzesschnelle spornte
der Neger sein wild aufgeregtes Roß im Kreise um dasselbe und wand, noch
ehe der Büffel sich erheben konnte, das starke lederne Seil um dessen vier
Beine.
Mit jedem Kreise, den er um das Thier beschrieb, zog er dessen Glieder
fester zusammen, während der Gefangene die Luft mit seinem Gebrüll
erfüllte.
Wuthschäumend warf er sich hin und her, und riß und dehnte den Lasso
mit seinen Riesenkräften, während er mit den scharfen Hörnern den Boden
zerwühlte.
»Wir haben ihn, wir haben ihn!« rief Carl triumphirend aus, und sprengte
sein entsetztes Roß näher zu dem gegen seine Fesseln kämpfenden Koloß
hinan, als Daniel ihm zurief:
»Zurück, zurück, nehmen Sie sich in Acht, das Seil hat nicht gut gefaßt, er
kommt wieder los.« Zugleich ließ er sein Pferd rückwärts schreiten, um
den Strick, welcher mit dem Ende an dem Sattelknopf befestigt war, fester
anzuziehen; der Büffel aber zuckte und schlug so gewaltig mit seinen
Gliedern, daß er das Seil über seine Kniegelenke streifte und plötzlich
alle vier Beine aus dem Gewinde befreite. Daniel warf sein Roß zur Seite,
um davon zu jagen und so den Büffel abermals an dem gefangenen Fuße
niederzureißen; derselbe aber war mit ebenso großer Schnelligkeit
aufgesprungen und stürzte jetzt mit entfesselter Wuth seinem Gegner nach.
Das Gras war hier ungewöhnlich hoch und hemmte die Flucht des Pferdes,
während dieses für den Büffel die Bahn brach und derselbe mit größerer
Leichtigkeit folgen konnte. In tollem Laufe sausten sie vorwärts, ohne
einander näher zu kommen, oder sich weiter von einander zu entfernen;
ein Fehltritt des Rosses aber würde diesem und seinem Reiter sicher einen
schnellen Untergang bereitet haben. Kaum gewahrte Carl jedoch die Gefahr,
in der sein Freund schwebte, als er dem Falben die Sporen in die Flanken
stieß und in fliegender Carriere an die rechte Seite des Büffels sprengte.
In gestrecktem Laufe richtete er die Büchse auf die Schulter des wüthenden
Thieres und feuerte beide Läufe auf dasselbe ab. Im Augenblick wandte
es sich nach seinem neuen Gegner, doch der Sprung zur Seite streckte den
Lasso, der seinen Fuß gefangen hielt, und das Pferd des Negers riß den
Büffel abermals daran zu Boden. Daniel war darauf vorbereitet und wandte
sein Roß geschickt und schnell dem Gefangenen zu, den er nun wieder
umkreiste und ihn mit dem Lasso umwand. Diesmal gelang es ihm, die Glieder
des Büffels so fest damit zusammenzuschnüren, daß dessen Anstrengungen
dagegen erfolglos blieben und derselbe sich bald in sein Schicksal ergab.
Seine Kräfte nahmen auch rasch ab, denn die beiden Schüsse Carls waren
tödtlich und ließen das Thier sich schnell verbluten.
»Das hätte bös für mich ausfallen können,« sagte Daniel, indem er vom
Pferde sprang und demselben die Vorderfüße zusammenband; »es war ein
Uebermuth von mir, denn wir hätten ja den Büffel mit halb so vieler Mühe
erschießen können; ich wollte Ihnen aber doch zeigen, daß man auch ohne
Schußwaffen ein solches riesiges Thier erlegen kann. Sie haben mir in der
That das Leben gerettet; denn hätte mein Pferd auf den Lasso getreten,
so mußte es mit mir zusammenstürzen und dann würde dies wohl meine letzte
Büffeljagd gewesen sein. Ich versuchte, den Lasso von dem Sattelknopf zu
lösen, konnte aber den Knoten während des Jagens nicht öffnen. Nun wollen
wir eine Fahne über dem alten Burschen aufrichten und schnell nach Hause
reiten, um sein Fleisch zu holen; er ist unglaublich feist.«
Hiermit sprang der Neger nach einem nahestehenden Mosquitobaum, hieb mit
dem Jagdmesser einen langen Ast davon ab, band an dessen Spitze ein rothes
seidenes Halstuch, welches er zu diesem Zwecke mitgebracht hatte, und
pflanzte die Fahne über dem Büffel auf, so daß der kräftige Wind sie
flatternd über demselben entfaltete. Carl hatte während dieser Zeit seine
Büchse wieder geladen, und nun bestiegen die Jäger abermals ihre Rosse und
lenkten sie eilig nach dem Fort zurück, wo sie noch vor Tisch anlangten.
»Hallo -- hier ist eine Poolkatze gewesen!« rief Daniel, als sie das Thor
der Festung erreichten, wo ihnen der immer noch starke Geruch des durch
Pluto getödteten Thieres entgegenkam. Auch in dem Hause war derselbe noch
nicht ganz beseitigt, und Daniel unterrichtete nun seine Freunde, daß das
Thier eine Poolkatze oder Stinkthier gewesen sei, eine Art Iltis,
welcher sich gegen seine Feinde durch Ausspritzen des stinkenden Saftes
vertheidige.
Das Mittagsessen wurde nun schnell eingenommen und darauf der leichte Wagen
bespannt, um das Fleisch des erlegten Büffels herbeizuschaffen. Carl fuhr,
und Daniel folgte ihm zu Pferde. Bald sahen sie die rothe Fahne im Winde
flattern, und über ihr viele hunderte von Geiern die Luft durchschwärmen,
die sich nicht in die Nähe des rothen Tuches wagten. Als sich die Jäger
näherten, ergriffen auch viele Wölfe die Flucht, die sich in einiger
Entfernung um den Büffel gesammelt hatten, aber gleichfalls durch das
wehende Tuch von ihm zurückgehalten worden waren.
Daniel band sein Pferd an den Wagen und beeilte sich nun, mit Carls Hülfe
dem Büffel die prächtige Haut abzunehmen. Dann wurde derselbe ausgeweidet,
in Stücke gehauen und dieselben auf den Wagen gehoben. Das Fleisch war
ganz mit goldgelben Fettadern durchwachsen und Daniel erklärte, daß man nur
selten einem so außerordentlich feisten Büffel begegne. Kaum hatten sich
die Jäger einige hundert Schritte von den zurückgelassenen Ueberresten
des Thieres entfernt, als die Geier sich zu Hunderten aus der Luft
herabschwangen und sich auf dieselben niederließen. Die Fahrt ging des sehr
hohen Grases wegen nur langsam von Statten und nicht in gerader Richtung
nach dem Fort zurück, weil Carl sich auf den Höhen zu halten suchte, wo das
Gras weniger hoch war. Sie naheten sich einer der Waldinseln, die hier
in der Prairie zerstreut lagen, als Daniel, der etwas seitwärts vom Wagen
ritt, plötzlich sein Pferd diesem zulenkte und zu Carl sagte: »Halten
Sie an, dort hinter der Insel stehen mehrere Büffel, denen Sie sich mit
leichter Mühe auf Schußweite nähern können. Die schöne Haut, welche wir
im Wagen haben, möchte ich nicht gern zu einem Lasso zerschneiden, es wäre
schade dafür. Schießen Sie einen von jenen Büffeln, damit wir noch eine
Haut bekommen. Schnell, eilen Sie in das Holz, ich will bei den Pferden
bleiben.«
Hiermit stieg der Neger ab und führte sein Roß zu den Wagenpferden, während
Carl von seinem Sitze sprang und eilig durch das hohe Gras der Waldinsel
zulief. Dieselbe bestand aus hohen prächtigen Eichen, Tulpenbäumen,
Platanen und Ahornen, deren Stämme sich aus üppigem dichten Gebüsch
erhoben, während das ganze Wäldchen nur einige hundert Schritte im Umfang
maß. Carl hatte bald das Dickicht erreicht, und schlich sich vorsichtig
durch dessen tiefes Dunkel der andern Seite zu. Es lag viel trockenes
Reisig auf dem Boden, auf welches zu treten er sorgfältig vermied, um sein
Nahen den Büffeln nicht zu verrathen, und je näher er dem Waldsaume kam, um
so behutsamer setzte er den Fuß an die Erde. Bald aber gelangte er hinter
den letzten Büschen an den Stamm einer alten Eiche, und blickte neben ihm
hinaus in die Prairie. Ein freudiger Schreck durchzuckte ihn, denn nur
wenige Schritte vor ihm standen fünf kolossale männliche Büffel in dem
hohen Grase und schauten regungslos in das Dickicht. Sie mußten doch Etwas
gehört haben, welches ihnen verdächtig schien, denn sie verwandten keinen
Blick von der Richtung, in welcher Carl stand. Dieser aber war durch die
Eiche verdeckt und hob mit der größten Vorsicht die Büchse an die Schulter;
dann beugte er sich langsam auf die Seite des Stammes und richtete den Lauf
auf eines der riesigen Thiere. Die große Nähe desselben erfüllte ihn mit
einem unheimlichen Gefühl, er kam sich selbst so klein, so winzig gegen
dieses Ungeheuer vor, und er dachte daran, daß _ein_ Fußtritt desselben ihn
zermalmen würde. Es war aber nur ein Augenblick des Bangens, dann gab er
Feuer. Der Donner der Büchse und das Getöse, mit welchem die Büffel in das
Dickicht hereinstürzten, betäubten Carl, er drückte sich fest hinter den
Eichenstamm und fühlte denselben erbeben, als die Riesenthiere an ihm
vorüberschossen und im Dunkel des Wäldchens verschwanden. Er hörte ihre
dröhnenden Schritte weithin verhallen, zugleich aber vernahm er in dem
Dickicht ein Rauschen und Schlagen und Brechen, welches auf ein und
demselben Platze ertönte. Carls Herz schlug hoch vor Freude, denn dies
Getöse mußte von dem verwundeten Büffel verursacht werden. Er wollte schon
in das Dickicht hineinspringen, da fiel ihm der Jaguar ein und die Gefahr,
in welche er damals gerathen war. Er eilte nun hinaus in die Prairie und um
die Waldinsel, bis er Daniels ansichtig wurde, der ihm schon mit dem Wagen
entgegen kam und ihm zurief: »Haben Sie einen geschossen?«
»Wie viele Büffel hast Du fortrennen sehen?« fragte ihn Carl.
»Vier Stück,« entgegnete der Neger.
»So habe ich einen erlegt, denn es waren ihrer fünf und ich hörte es eben
noch im Walde schlagen. Wollen wir hineingehen?«
»Lassen Sie mich dies thun und bleiben Sie bei den Pferden; ein
angeschossener Büffel ist ein gefährlicher Gesellschafter.«
Carl trat nun zu den Pferden und Daniel schlich sich mit der Büchse in der
Hand in das Dickicht hinein. Nach wenigen Augenblicken aber rief er jubelnd
aus: »Hier liegt er mausetodt, Sie haben ihn durch das Herz geschossen.«
Gleich darauf trat der Neger wieder aus den Büschen hervor, band die Zügel
der Pferde an einen Baum und begab sich dann mit seinem jungen Freunde zu
dem erlegten Büffel, um sich der Haut desselben gleichfalls zu bemächtigen.
Außer dieser wurden noch die besten Stücke Fleisch, die Zunge und die
Markknochen von dem Thiere auf den Wagen gebracht, und dann setzten die mit
reicher Beute versehenen Jäger ihren Heimweg fort. Die Sonne war schon
im Scheiden, als sie das Fort erreichten und dort freudig bewillkommnet
wurden.
Am folgenden Morgen gab es nun viele Arbeit im Fort. Turner und dessen Frau
und Tochter zerlegten das Fleisch und salzten es ein, einen Theil davon
aber hingen sie, in dünne Scheiben zerschnitten, auf Stöcken über ein
stark rauchendes Kohlenfeuer, wo auch die Sonnenstrahlen darauf einwirken
konnten, um es schnell zu trocknen. Daniel und Carl nahmen die
beiden Büffelhäute vor und reinigten sie mit dem Ziehmesser von allen
Fleischtheilen, welche noch an der Haut saßen; dann bestrichen sie die
schönste derselben mit dem Gehirn der beiden Büffel und falteten sie
zusammen, um sie am folgenden Tage zu gerben; die zweite Haut aber legte
Daniel mit dem Haar nach unten auf einen ganz ebenen Platz, und nagelte sie
auseinandergespannt mit hölzernen Pflöcken auf die Erde fest. Dann stach
er sein sehr scharfes Messer in die Mitte derselben ein, drehte es in einen
kleinen Halbzirkel, so daß er die Haut hier fassen konnte, und begann nun
einen zollbreiten Streifen aus derselben zu schneiden, indem er ihn mit der
linken Hand an sich zog und ihn im Kreise immer weiter aus der Haut löste,
bis er endlich die Holzpflöcke erreichte und das ganze Fell in einen,
mehrere hundert Fuß langen Streifen zerschnitten war. Dieses Band wurde nun
zwischen einzelnstehenden Bäumen von einem Stamme zum andern ausgespannt
und die Haare davon mit scharfen Messern abgeschabt. Außer Carl mußten
Arnold und Wilhelm dem Neger bei dieser Arbeit behülflich sein, und nachdem
sie sauber vollendet war, wurden schwere Holzstücke an den Hautstreifen
gehangen, damit derselbe sich so lang als möglich ausdehne. Dabei wurde
er naß erhalten und am folgenden Morgen in fünf gleich lange Stücke
zerschnitten. Dieselben rollte Daniel zu Knäueln auf, band deren Enden
zusammen und hing sie an den Ast eines Baumes. Nun begann er, diese
fünf Streifen fest zusammen zu flechten, so daß er einen Strick daraus
bereitete, der über vierzig Fuß lang war. Denselben spannte er abermals
zwischen zwei Bäumen aus, rieb ihn tüchtig mit Bäröl ein und hing schwere
Gewichte daran, um ihn möglichst auszudehnen, wodurch er dünn und rund
wurde und die einzelnen Streifen sich fest ineinander zogen. Nachdem
dieses Lederseil mehrere Tage so ausgespannt und vollkommen getrocknet war,
verflocht Daniel das eine Ende desselben zu einer Schlinge, wodurch
der Lasso fertig wurde. Er war sehr glatt und geschmeidig und von
außerordentlicher Stärke. Die andere Büffelhaut hatte Daniel gegerbt,
sie war weich und zart, wie ein Tuch, und gab für Carl eine prächtige
Bettdecke.
Eines Morgens beim Frühstück, als Madame Turner das Gefäß mit Honig auf den
Tisch setzte, welchen sie zum Versüßen des Kaffee's von Warwicks erhalten
hatte, sagte sie: »Hier ist aber der letzte Honig, wir müßten einmal
versuchen, ob wir nicht von Warwicks welchen kaufen könnten.«
»Honig kaufen?« rief Daniel lachend, »das wäre schön -- wir wohnen ja in
dem Lande, wo Honig fließt. Nein, Madame Turner, Sie brauchen deshalb nicht
zu Warwicks zu schicken, ich will Ihnen sogleich so viel holen, wie Sie
bedürfen. Geben Sie uns nur einige Eimer, und in ein paar Stunden sollen
dieselben mit Honig gefüllt sein.«
Madame Turner hielt Daniel beim Wort, und nach dem Frühstück nahm er die
drei Knaben mit sich nach dem Ufer des Flusses, wo dasselbe sich sandig
abflachte. Dort setzte er sich nieder und hielt seinen Blick auf den
Wasserrand geheftet. Nach wenigen Minuten schon kamen mehrere Bienen
geflogen und ließen sich zum Trinken an dem Wasser nieder. Als sie sich
wieder in die Luft erhoben, folgte Daniel ihnen mit dem Blick, so weit
er sie sehen konnte, ging dann bis dorthin und steckte einen Stock in die
Erde, auf welchem er ein mit Honig bestrichenes Papier befestigt hatte.
Nach kurzer Zeit fielen mehrere Bienen auf dasselbe nieder und beluden sich
schnell mit der Süßigkeit. Als sie nun wieder davon flogen, folgte ihnen
Daniel abermals mit dem Stock und pflanzte denselben da auf, wo er sie
zuletzt gesehen hatte. So ging es nun wohl eine Viertelstunde weit am
Waldsaume hin, bis die Bienen, deren Zahl sich schnell vermehrt hatte, sich
von dem Papier nach einer alten Platane wandten, die an dem äußersten Ende
des Waldes stand.
»Dort in jenem Baume wird wohl ihre Wohnung sein,« sagte Daniel, indem er
nach der Platane ging und deren Aeste betrachtete.
»Richtig, da oben sind sie,« rief er den Knaben zu, »sehen Sie den
schwarzen Fleck an jenem starken Aste? Das sind die Bienen vor dem Eingange
ihres Baues. Carl, zünden Sie ein tüchtiges Feuer hier an, ich will mich
auf den Baum machen und den Ast abhauen.«
Der Neger warf nun den Lasso über einen der Aeste des ungeheuren Baumes,
so daß die beiden Enden an dem Stamme herunterhingen, befestigte sie um
denselben und kletterte nun an dem Seile hinauf. Dann ließ er eine Leine
von oben herab, an welche die Knaben die Holzaxt binden mußten, die er
daran zu sich heraufzog. Nun stieg er nahe zu dem Aste hin, in welchem
die Bienen hausten, und begann ihn dicht am Stamme abzuhauen. Es war keine
leichte Arbeit, denn der Ast hatte über drei Fuß im Durchmesser und der
Stand des Negers war unbequem, so daß dieser sich oftmals ruhen mußte;
dennoch begann nach einer Stunde der Ast sich zu neigen und stürzte
plötzlich mit lautem Krachen zur Erde nieder. Er zerbrach im Falle in
mehrere Stücke, und die Aushöhlung, in welcher der Honig sich befand, war
geöffnet. Die Bienen wirbelten sich, wie eine schwarze Wolke über ihrer
zertrümmerten Wohnung auf, und Daniel rief den Knaben zu, beim Feuer zu
bleiben, bis er hinabgestiegen sei. Er ließ sich nun wieder an dem Lasso
zur Erde nieder, eilte zum Feuer und ergriff einige Feuerbrände. Die Knaben
mußten desgleichen thun, und nun trugen sie die rauchenden Stücke Holz
zu dem zerbrochenen Aste, unbekümmert um die Bienen, die denselben dicht
umschwärmten. Der starke Rauch vertrieb die erzürnten Thiere schnell, und
ihre Räuber begannen nun, mit den Messern die Wachszellen aus der Höhlung
des Astes zu schneiden und die mitgebrachten Gefäße damit zu füllen. Der
Honig war so hell, wie Wasser, und von so köstlichem gewürzigen Geschmack,
daß die vier Bienenjäger sich während der Arbeit nach Herzenslust daran
labten. Sie hatten vier Eimer damit gefüllt und traten schwer beladen
ihren Rückweg nach dem Fort an, wo Madame Turner durch den herrlichen Honig
freudig von ihnen überrascht wurde.
»An Honig soll es nie fehlen, denn ich will mich verbindlich machen, in
ganz kurzer Zeit über hundert Bienenstöcke aufzufinden,« sagte Daniel,
erfreut, seinen Freunden sich abermals nützlich erwiesen zu haben. »Es wäre
aber schade, wenn wir uns die Bienen entgehen lassen wollten, denn es ist
ein kräftiger junger Schwarm; wir wollen sie heute Abend einfangen und hier
beim Fort aufstellen.«
Um dies auszuführen, wurde im Walde ein Stück von einem umgefallenen hohlen
Baume abgeschnitten und mit den Ochsen nach dem Fort geschleift. Dort wurde
es mit der unteren Oeffnung auf ein Brett gestellt, die obere mit einem
solchen vernagelt und ein Eingang an dem untern Rande eingeschnitten. Als
nun der Abend kam, begaben sich die Bienenjäger wieder nach dem abgehauenen
Aste, wo sie die Bienen auf einen Haufen versammelt fanden. Daniel
schüttete sie in einen Sack, trug sie nach dem Fort, und schüttelte
sie dort in den hohlen Baumstumpf hinein, der dann wieder auf das Brett
gestellt wurde. Schon am folgenden Morgen fingen die Bienen an zu arbeiten,
und ihre neue Wohnung mit Zellen zu versehen.
Alles gedieh unter der Arbeit und der Sorge der fleißigen Ansiedler; der
Garten lieferte ihnen ununterbrochen einen Ueberfluß an herrlichen Gemüsen
und Früchten; die köstlichsten Melonen kamen trotz der Winterzeit zur
Reife, sehr schmackhafte Kürbisse wurden geerntet und andere wegen ihrer
äußern Schale gezogen, die zu Gefäßen aller Art benutzt wurden, und süße
Kartoffeln und Erdnüsse wuchsen in Menge. Auch der Viehstand hatte sich
vermehrt, es waren mehrere Kälber geboren, die Sau hatte acht niedliche
Ferkel zur Welt gebracht und die Hühner waren kaum noch zu zählen. Diese
wurden gänzlich sich selbst überlassen, sie schliefen während der Nacht
in den nächststehenden Bäumen, brüteten in den Büschen ihre Eier aus,
und führten dann ihre Kleinen nach dem Fort, wo eine solche Schaar jungen
Anwuchses immer freudig begrüßt wurde.
Das Rauchhaus war mit Fleisch gefüllt, die durch Daniel und Carl
verfertigten Bütten mit Salzfleisch versehen, ein großer Vorrath von Heu
war im Fort aufgestapelt, und eine zweite Ladung Mais war vom Choctawbache
herbeigeschafft worden. Die Familie Warwicks hatte Turners wiederholt
besucht, und alle deren Mitglieder freuten sich innig über das segensreiche
Gedeihen der Ansiedelung. Warwick war jederzeit eine Gelegenheit
willkommen, wo er Turners gefällig oder dienlich sein konnte, und er
brachte ihnen bei seinen Besuchen immer irgend ein nützliches Geschenk mit.
So hatte er ihnen einen Beutel voll Pfirsich-, Pflaumen- und Aprikosenkerne
geschenkt, um sie zu pflanzen, da in diesem Lande aus den Kernen die
vortrefflichsten Obstbäume gezogen werden, und meist schon im vierten Jahre
Früchte tragen. Auch hatte er bei seinem letzten Besuche vier ausgewachsene
junge Hunde mitgebracht, damit dieselben helfen sollten, das Fort zu
bewachen.
Bei dieser Gelegenheit sprach er auch sein großes Erstaunen darüber aus,
daß Turners so ganz und gar von den Feindseligkeiten der Indianer verschont
geblieben waren, und erklärte, daß dies zu den wirklich ungewöhnlichen
Ausnahmen gehöre. Er hoffte und wünschte, daß diese Ruhe nicht diejenige
sein möge, welche einem schweren Sturme voranzugehen pflege, und rieth
besonders unausgesetzte Vorsicht an.
Die Weihnachten naheten und Madame Turner konnte nicht umhin, auch hier
Vorbereitungen für das Begehen des Festes zu treffen, wie sie so oft frohen
Herzens in dem alten theuren unvergeßlichen Deutschland gethan hatte.
Es wurden aus dem Wachs der wilden Bienen kleine Kerzen bereitet, es wurden
Honigkuchen gebacken, zu welchem Zwecke von Warwicks ein Fäßchen Weizenmehl
gekauft worden war, Nüsse, und zwar die allerherrlichsten, hatte der Wald
geliefert, nur der Tannenbaum, wie er in Deutschland das Weihnachtsfest
zierte, war hier nicht zu finden. Statt seiner schaffte aber Daniel einen
schönen Cederbaum an, und stellte ihn am Weihnachtsabend in einem der
Häuser auf. Der Neger, der noch nie dies Fest hatte begehen sehen, der aber
so viel durch die Kinder darüber erfahren hatte, freute sich selbst wie ein
Kind darauf, und konnte kaum den Abend erwarten, bis er die Lichter an dem
Baume brennen sehen würde.
Die Nacht brach herein und Alle, bis auf Madame Turner, hatten sich in dem
Wohnzimmer versammelt, während diese in der Stube bei dem Baume beschäftigt
war. Endlich ertönte die Schelle, die Thür in dem andern Hause öffnete
sich, der helle Kerzenschein drang aus ihr hervor, und die Kinder
stürmten mit ihrem Freunde Daniel, und von Turner gefolgt, in das blendend
erleuchtete Gemach. Da hob sich der geschmückte Baum im prächtigen
Lichterglanz, Kisten mit bunten Tüchern überdeckt, vertraten die Stelle
der Tische, und auf ihnen lagen Geschenke für alle Anwesenden und standen
Teller mit allerlei Backwerk und Nüssen.
Dabei war das Zimmer mit blendend weißen Leinentüchern behangen und mit
frischem immergrünen Laub geziert, und neben dem Kamin, in welchem ein
lustiges Feuer flackerte, stand auf einem improvisirten Tische ein
großer Suppennapf mit dampfendem Punsch, wozu Warwicks gleichfalls die
Ingredienzen geliefert hatten. Die Freude, der Jubel Aller war groß, der
Neger aber schien am Tiefsten ergriffen.
Er stand verwundert und sprachlos da, und wußte nicht, wohin er seine
Blicke wenden sollte, bis Madame Turner ihn freudig bei der Hand ergriff
und ihn zu dem Tische führte, auf welchem seine Geschenke lagen. Sie hatte
für ihn, so wie für Carl, eine Weste aus Hirschleder gearbeitet und schön
mit bunter Seide gestickt, Turner hatte sich vom Choctawbache her eine
Pfeife und Taback für ihn verschafft und außerdem ihn mit Baumwollenzeug zu
einem ganzen Anzug beschenkt. Die dankbare Rührung des Negers überwältigte
ihn vollständig, bebend küßte er Allen die Hände, und Thränen der Freude
netzten seine schwarzen Wangen. Carl fand auf seinem Tische eine goldene
Uhr, welche Turner für ihn aus Deutschland mitgebracht hatte, und eine
Menge kleiner Handarbeiten von seiner Tante und von Julie prangte daneben
im hellen Lichtscheine.
Arnold und Wilhelm waren von ihrer Mutter mit ledernen Jacken beschenkt,
die sie aus den Häuten von Hirschen verfertigt hatte, welche durch die
Knaben selbst erlegt worden waren.