auch die zartesten Ranken, die wie leichtes buntes Spitzengewebe von den
Aesten der hohen Bäume herabhingen, bewegten sich nicht, und jeden leisen
Ton, wie das Fallen einer Frucht, das Hüpfen eines Eichhörnchens, konnte
man weithin hören. Mit jeder Minute wurde es stiller und heimlicher, denn
auch die Vögel verstummten und nur noch einzeln ließ ein Wasserrabe seine
krächzende Stimme von dem Flusse her ertönen. Die letzten Strahlen der
Sonne, die sich hier und dort durch die Laubmassen stahlen und sich
blendend hell auf den Baumstämmen spiegelten, verblichen, und das Düster
des Abends zitterte mit dem Wiederschein des Feuermeers am westlichen
Himmel durch den Urwald. Carl saß regungslos und bewegte nur von Zeit zu
Zeit langsam seinen Blick über die Blöße vor sich, um ihn dann wieder auf
den Fleck zu heften, wo die Fährte des Jaguars aus dem Dickicht hervorkam.
Dort war der feuchte Boden mit üppigen Pflanzen bedeckt, deren brennend
rothe Kelchblumen aus dem tiefsten Schatten des darüber hängenden dichten
immergrünen Lorbeergesträuches hervorleuchteten, und aus diesen dunkeln
Laubmassen hingen die schneeweißen, federartigen, zwei Fuß langen Blüthen
einer Magnolienart herab, die man »des alten Mannes Bart« nennt. Carl
ergötzte sich an der Farbenpracht, die trotz des zunehmenden Düsters das
saftige Grün des Laubes durchwirkte, da bewegte sich eine der weißen lang
herabhängenden Blüthen, als sei der Strauch, an dem sie hing, durch irgend
Etwas erschüttert worden. Mit verhaltenem Athem und fest gefaßter Büchse
stierte Carl in das Dunkel unter den dicht belaubten Zweigen hinein, da
bewegte sich abermals eine der weißen Blüthen, welche aus dem vordersten
Busche hervorsah.
Jeder Nerv, jede Muskel in Carl war angespannt, sein Blick wollte das
tiefste Dunkel durchdringen; da theilten sich die blutrothen Blumen und die
goldgelbe schwarz gefleckte Gestalt des Königs dieser Wälder, des Jaguars,
schritt lautlos zwischen ihnen hervor. Er stand jetzt still und seine wie
Feuer glühenden Augen überspähten die Waldblöße. Carl hatte die Büchse
schon an der Schulter, als der erste goldige Schein zwischen den
rothen Blüthen sichtbar wurde, und blickte über den Lauf hin auf den
buntgefleckten Kopf des Königthiers.
In dem Augenblick, als er seinen Schritt anhielt, preßte Carl die Büchse
noch fester gegen die Schulter, heftete ihr Korn noch unbeweglicher auf das
Haupt des Feindes und gab Feuer. Der Donner des Gewehrs dröhnte durch
den Wald und der Pulverdampf rollte sich in einer dichten Wolke über den
offenen Platz, doch Carl hatte im Schuß schon erkannt, daß der Jaguar
zusammenbrach.
»Pluto, faß!« schrie er dem Hunde zu und sprang mit der Büchse in der Hand
durch die Büsche vor sich; da sah er das Raubthier an der anderen Seite der
Blöße in das Dickicht hineinsetzen.
»Faß, Pluto!« rief er abermals dem Hunde nach, der schon die Dickung
erreicht hatte und den Jaguar verfolgte. Auch Carl war mit wenigen Sprüngen
in den Büschen und stürzte, sich gewaltsam Bahn brechend, vorwärts; da
sperrte ein riesiger umgefallener Baumstamm seinen Weg. Zugleich hörte er
an dessen anderer Seite die Stimme Pluto's, und erkannte, daß derselbe mit
dem grimmigen Raubthier in verzweifeltem wüthenden Kampfe sei. Mit _einem_
Satze war er auf dem Baumstamme, um ihn zu überspringen; die Borke aber
zerbrach unter seinen Füßen, und er selbst versank bis an die Brust in dem
vollständig zu Pulver vermoderten Stamme. Er sah, wie der Jaguar seinen
Hund unter sich liegen hatte, wollte sich aus dem Stamme hervorheben, um
dem treuen Thiere zu helfen, da erblickte ihn der furchtbare Feind und
wandte sich mit weit geöffnetem Rachen von dem Hunde ab, auf ihn zu. Carl
senkte ihm seine Büchse entgegen mit dem Bewußtsein, daß er verloren sein
würde, wenn die Kugel fehl ginge. Der Jaguar aber hatte nur einen Sprung
vorwärts gethan, als Pluto ihn schon wieder erfaßte und seine Zähne in sein
Hintertheil einschlug. Das Raubthier fuhr mit wildem Stoßgebrüll herum,
um abermals den Hund zu ergreifen, da feuerte Carl, und die Kugel
zerschmetterte den Kopf des wüthenden, gefährlichen Gegners.
In diesem Augenblick riß Daniel das nahe Gestrüpp auseinander und sprang
mit gespannter Büchse aus demselben hervor, der Tiger lag todt zu
seinen Füßen, und Pluto stand über ihm und ließ, ihn zwischen den Zähnen
schüttelnd, seine Wuth an ihm aus.
»Gott sei gelobt!« rief der Neger, von dem getödteten Jaguar nach seinem
jungen Freunde überrascht aufblickend, der seine Büchse von sich gelegt
hatte und sich nun aus dem Baume hervorzuheben suchte.
»Um des Himmels Willen, wie kommen Sie in den Baum?« rief Daniel aus, indem
er Carl zu Hülfe sprang, ihn aus seinem Gefängnisse zu befreien.
»Ich war in eine Falle gerathen, Daniel, und wenn Pluto, der brave treue
Hund nicht noch zu rechter Zeit zugefaßt hätte, so würde es mir vielleicht
so ergangen sein, wie dem Kalbe. Das Thier sprang wüthend auf mich ein,«
entgegnete Carl lachend, und trat frohlockend zu dem Jaguar hin.
»War recht, Pluto, so war es recht, alter treuer Kerl, faß ihn, zaus ihn,
das war brav!« rief er, indem er sich über den Hund hinbeugte und seine
Arme liebkosend um ihn schlang.
»Freund Pluto hat aber einige tüchtige Feldzeichen davon getragen, sehen
Sie, er blutet gewaltig aus der Schulter und auch am Halse; die lange Wunde
auf der Schulter ist mit den Krallen gerissen.«
»Ja wohl, und das Ungeheuer würde ihn todt gemacht haben, wäre ich nicht
hinzugekommen, denn er lag unter demselben und wehrte sich so gut er
konnte. Als mich nun der Jaguar in meiner Falle erblickte, verließ er Pluto
und wandte sich gegen mich, aber der treue Hund fiel ihm schnell in die
Keule, und ich gewann Zeit, meinen Schuß anzubringen.«
»Und ein Meisterschuß war es, gerade durch den Schädel. Hatten Sie ihn denn
mit dem ersten Lauf gefehlt, Sie haben doch zweimal geschossen?«
»O nein, ich muß ihn auch das erste Mal getroffen haben, denn er stürzte
im Feuer zusammen, dennoch habe ich nicht sicher geschossen, da ich nach
seinem Kopfe zielte.«
»Sie haben mit der Büchse gewankt, hier ist das Kugelloch, der Schuß ist
ihm durch den Hals gegangen,« sagte Daniel, indem er Pluto zurückzog und
auf den mächtigen Nacken des Tigers zeigte.
»Ja, Daniel, ich gestehe es, das Herz schlug mir gewaltig, so daß ich es
laut hören konnte und es flimmerte mir vor den Augen. Das nächste Mal aber,
wenn ich wieder nach einem Jaguar schieße, soll es besser gehen. Gefürchtet
habe ich mich aber nicht,« sagte Carl und warf das schöne Thier auf den
Bauch, um die herrliche Zeichnung der schwarzen Flecken auf seinem Rücken
zu bewundern. Als Carl es anfaßte, fiel Pluto sofort wieder über den Feind
her, doch jener zog ihn mit den Worten zurück: »Laß ihn in Ruhe, er ist
todt, und Du verdirbst das schöne Fell,« dabei schmeichelte er den Hund
und wandte sich an Daniel: »Was wirst Du mir denn aus diesen Fangzähnen
machen?«
»Gar nichts, ich will Ihnen den ganzen Schädel aufbewahren; wir vergraben
ihn in einen Ameisenhaufen; die Ameisen nagen das Fleisch sehr sauber ab,
darauf legen wir ihn in die Sonne, damit er recht schön weiß bleicht und
dann hängen Sie ihn an einen Nagel über Ihr Bett. Sie werden sich noch
manchmal über den Meisterschuß freuen. Nun aber muß ich mich wahrhaftig
eilen, um die Haut noch abzunehmen, ehe es ganz dunkel wird.«
Hiermit stellte der Neger die wieder abgespannte Büchse an einen Baum,
zog das Messer aus der Scheide, und begann, bei dem Jaguar niederknieend,
denselben seines schönen Kleides zu berauben. Carl war ihm dabei
behülflich, während Daniel ihn unterwies und Vorsicht anempfahl, nicht in
die Haut zu schneiden. Dieselbe wurde bis an den Kopf abgestreift, dieser
nun von dem Körper getrennt und somit war die Arbeit beendet, während die
Nacht vollständig hereingebrochen war. Daniel warf das Fell über seine
Schulter und ergriff die Büchse, da trat Carl nochmals zu dem Jaguar
hin und sagte: »Ich will mir doch nun auch seine Krallen zum Andenken
mitnehmen.«
Er schnitt sie schnell von den Tatzen ab, steckte sie in seine Jagdtasche
und folgte nun dem Neger, der sicheren Schrittes durch die Finsterniß dem
Waldsaume zueilte. Auf dem Wege bis dorthin geriethen sie aber wiederholt
so sehr in die Ranken und Dornen des Dickichts, daß ihnen Hand und Gesicht
blutete, als sie die Prairie erreichten.
»Morgen will ich doch gleich einige Hirschhäute gerben, damit wir uns
Lederanzüge machen können. Wir werden schön aussehen, wenn wir nach Hause
kommen,« sagte Daniel, nun rasch an dem Walde hinschreitend, der sich wie
eine schwarze Wand zu dem sternbedeckten Himmel erhob.
»Hier ist das Kleid des Räubers!« rief Carl triumphirend, als Turner das
Thor öffnete und die beiden Jäger einließ.
»Also wirklich!« entgegnete Turner, freudig überrascht. »Ich hatte meine
großen Zweifel, ob es Euch gelingen würde, seiner habhaft zu werden. Kommt
herein, auch die Andern werden sich freuen.«
Carl hatte dem Neger die Haut abgenommen und trug sie stolz in das Zimmer,
wo er sie auf dem Boden ausbreitete.
»Das ist ja ein ungeheures Fell, es ist über sechs Fuß lang,« sagte Turner,
indem er erstaunt die Haut betrachtete.
»Und wie prächtig ist es gezeichnet, und wie glänzend und glatt ist das
Haar,« fiel Madame Turner ein.
»Er holt uns keine Kälber wieder,« sagte Carl und erzählte nun den Hergang
der Jagd.
»Das war ja aber eine große Gefahr, der Du ausgesetzt warst, Carl; wie
leicht hätte Dich das Thier verletzen können. Du mußt Dich wahrhaftig mehr
in Acht nehmen, Du bist zu dreist,« fiel Madame Turner mit liebevollem Tone
ein und strich dem Knaben die wild um seinen Kopf hängenden weichen Locken
zurück.
»Dreist ist schon gut, nur muß die nöthige Vorsicht und Ueberlegung damit
gepaart werden,« versetzte Turner; »hättest Du Dich vorsichtig auf den
Baum gehoben, so hättest Du unbemerkt dem Jaguar wohl Deinen zweiten Schuß
anbringen können, und Du wärest nicht in dem Stamme versunken.«
»Aber, lieber Onkel, wer konnte denn denken, daß der Baum inwendig aus
lauter Pulver bestand,« entgegnete Carl, und zeigte nun die Krallen, die
er dem Thiere abgeschnitten hatte. Dann mußte Pluto herbeitreten und seine
Wunden in Augenschein nehmen lassen, wofür er von Madame Turner mit einem
Ueberreste von einer Hirschkeule belohnt wurde.
»Aber, Carl, wie siehst Du denn aus -- Dein Rock hängt ja in Fetzen um
Dich,« sagte Julie, als dieser dem Lichte näher trat; »hat ihn Dir der
Jaguar zerrissen?«
»O nein, der ist so nahe nicht an mich gekommen; die Dornen haben es
gethan, als wir in der Dunkelheit durch den Wald gingen,« entgegnete Carl,
indem er vor den Spiegel trat und die vielen Oeffnungen in seinem Rocke
betrachtete, durch welche das weiße Hemd hervor schien.
»Ich werde morgen Hirschhäute gerben, aus denen wir uns Kleidung machen
wollen, denn aller andere Stoff hält auf der Jagd nicht aus. Auch _meine_
Jacke hat diesmal große Noth gelitten,« fiel der Neger ein und verließ
mit den Worten das Zimmer: »Ich will schnell noch die Häute der zuletzt
geschossenen Hirsche in das Wasser legen, damit sie weich werden.«
Bald kehrte er zurück und nahm mit Turners am Tische Platz, um das
Abendbrod zu verzehren. Nachdem dies geschehen war, griff ein Jedes wieder
zu einer Arbeit, und Daniel kam heute mit der Anfertigung des Pulverhorns
und des Trinkbechers zu Ende, welche er Carl überreichte, als sie sich
erhoben, um sich zur Ruhe zu begeben. Beide Hörner waren äußerst sauber und
geschmackvoll gearbeitet und machten Carl außerordentlich große Freude.
Er dankte dem freundlichen Neger von ganzem Herzen und wünschte nur eine
Gelegenheit zu finden, ihm gleichfalls eine Freude bereiten zu können.
Abschnitt 5.
Lederbereitung. -- Die Poolkatze. -- Büffeljagd. -- Der Lasso. -- Die
wilden Bienen. -- Weihnachtsabend. -- Vorsichtsmaßregeln. -- Der Mais.
-- Die Biber. -- Der Alligator. -- Die Wacoindianer.
Am folgenden Morgen holte Daniel die Hirschhäute aus dem Fluß und rief Carl
zu sich, um ihm zu zeigen, in welcher Weise sie zu bereiten seien. Er
hatte zu diesem Zwecke mehrere Hirschköpfe aufbewahrt, schnitt auch den des
Jaguars aus dessen Haut, und nahm nun aus sämmtlichen Schädeln das Gehirn
heraus. Er mischte dasselbe in einem Gefäße mit Wasser zu einem dünnen
Brei, und nachdem er die Hirschhäute auf ein von der Rinde entblößtes Stück
Baumstamm gelegt und mit einem Ziehmesser von allen Fleischtheilen und von
den Haaren gereinigt hatte, bestrich er sie mit diesem Brei, faltete sie
dann mehrere Male zusammen und legte schwere Steine darauf. Die Jaguarhaut
behandelte er ebenso, nur ließ er das Haar auf ihr sitzen. In dieser Weise
ließ er sie bis zum folgenden Morgen liegen, wusch sie dann im Flusse
sauber aus und hing sie im Schatten auf. Noch ehe sie aber ganz trocken
wurden, nahm er sie ab, um sie trocken zu reiben. Er hatte zu diesem Zwecke
ein breites Brett in die Erde eingeschlagen, dessen in die Höhe stehendes
Ende zugeschärft und nach den Seiten hin abgerundet war. Auf diese nach
oben stehende Schärfe legte er nun eine Haut und zog dieselbe darauf von
einer Seite nach der andern hinunter, wobei er alle Kraft anwandte, um die
Fasern derselben auseinander zu dehnen.
Die Haut wurde hierdurch sehr geschmeidig und weich, besonders nachdem
Daniel sie zuletzt noch zwischen seinen Händen ganz trocken gerieben hatte.
Die Hirschfelle verarbeitete er auf beiden Seiten auf dem Holze, während er
die Jaguarhaut nur auf der Fleischseite rieb, da sie ja das Haar behalten
sollte. Nun war das Leder fertig und so zart und weiß, wie es ein
Weißgerber nicht schöner machen konnte. Damit es aber durch Naßwerden nicht
wieder zusammenschrumpfen und hart werden sollte, wurde es geräuchert. Dies
vollbrachte Daniel dadurch, daß er ein zwei Fuß tiefes Loch in die Erde
grub, dessen obere Oeffnung die Größe der Haut hatte. Er entzündete nun in
der Vertiefung ein Feuer, warf eine Menge faules Holz darauf, so daß es nur
kohlte und stark rauchte, und spannte die Haut glatt darüber aus, indem er
sie mit hölzernen Nägeln rundum auf den Erdboden festnagelte. Von Zeit zu
Zeit lüftete er das Fell, um das Feuer mit faulem Holze zu versehen, und
ließ in dieser Weise das Leder ganze zwölf Stunden räuchern, wodurch es
eine schöne goldbraune Farbe bekam und vor allem Hartwerden für immer
gesichert ward. Madame Turner schnitt nun aus dem Leder zwei Jacken,
eine für Carl und die andere für Daniel, und übergab sie Julie zum Nähen,
während sie sich des Abends selbst bei dieser Arbeit betheiligte.
In gleicher Weise wurden auch bald für die beiden Jäger Beinkleider
angefertigt, so daß sie auf ihren Streifzügen nicht mehr so sehr durch die
Dornen zu leiden hatten, und auch für Arnold und Wilhelm verfertigte Madame
Turner und Julie solche Lederanzüge. Die Jaguarhaut war Carls Stolz, sie
prangte von nun an auf seinem Sattel als Decke und gewährte ihm durch ihr
kurzes strammes Haar, welches den Tiger von dem Leoparden unterscheidet,
einen ebenso sichern als kühlen Sitz.
Turner war täglich bemüht, seine beiden Knaben gleichfalls in dem Gebrauch
der Waffen zu üben, er ließ sie nach einem Ziel schießen, und sie mußten
sich auch an Wild versuchen, wenn dasselbe in die Nähe des Forts kam. Beide
Knaben schossen schon sehr sicher, sowohl mit der Büchse, als auch mit dem
Revolver, und beide hatten schon verschiedenes Wild erlegt. Carl dagegen
übte sich, so oft es seine Zeit erlaubte, in dem Gebrauch des Lasso's,
einem aus Büffelhaut verfertigten dreißig Fuß langen Strick, an dessen
Ende sich eine Schlinge befand. Die Kunst, den Lasso zu gebrauchen, besteht
darin, daß man die Schlinge auf die Entfernung der Länge des Strickes einem
Thiere über den Kopf wirft, um dasselbe darin zu fangen. Carl übte sich
an leblosen Gegenständen, mitunter aber mußten auch Arnold und Wilhelm die
Stelle des Wildes vertreten, und im vollen Laufe hinter ihnen her, gelang
es ihm häufig, ihnen die Schlinge über den Kopf zu werfen, was dann stets
einen großen Jubel veranlaßte. Geschickte Lassowerfer aber, wie Daniel
einer war, sind sogar im Stande, ein flüchtiges Thier an einem beliebigen
Fuß zu fangen, indem sie die Schlinge gerade auf den Fleck auf die Erde
werfen, wo das Thier den Fuß hinsetzen wird, worauf sie den Strick rasch
an sich ziehen und die Schlinge sich um den Fuß zuzieht. Daniel hatte von
Warwick einen alten Lasso geschenkt bekommen, wollte aber, sobald ihm die
Arbeit Zeit gestatten würde, einige Büffel tödten und aus ihren Häuten
Lasso's für sich und für Carl anfertigen.
Die Arbeiten bei und in dem Fort waren vor der Hand beendet, der Garten
lieferte die herrlichsten Gemüse und war mit den wundervollsten Blumen
geschmückt, welche Carl und Daniel bei ihren Jagdausflügen aus dem Walde
und aus der Prairie mitgebracht hatten; es waren Lorbeerbäume, Magnolien,
Maulbeer- und Pflaumenbäume hineingepflanzt, über der Quelle im Fort war
ein Milchhaus erbaut und mit Schilf dicht behangen, so daß die Sonne keinen
Einfluß auf dessen innere Kühle ausüben konnte, und an den beiden vorderen
Ecken des Forts waren die Pallisaden in der Form von Thürmchen vorgebaut
worden und Schießöffnungen darin angebracht, so daß man aus ihnen die Wände
der Festung beschießen konnte.
An einem kühlen Decembermorgen zeigten sich viele Büffelheerden auf der
Prairie und Daniel schlug vor, zu Pferde eine Jagd auf sie zu machen,
theils um einige Häute zu bekommen, theils aber auch, um Fleischvorrath
einzusalzen und zu räuchern, weil jetzt in der kühlen Jahreszeit dies mit
weniger Gefahr vor Verderben geschehen konnte. Carl, der sich schon lange
auf eine solche Jagd gefreut hatte, war sofort bereit, die Pferde wurden
gesattelt, das Riemenwerk noch genau nachgesehen, über die Jaguarhaut wurde
noch besonders ein Gurt geschnallt, und kaum hatte die Sonne ihr neues
Licht über die in ihrer Winterflur bunt schimmernde Prairie ausgebreitet,
als die Jäger ihre muthigen Rosse den Hügel hinab in das hohe Gras lenkten.
Turners standen vor dem Thore und winkten den Reitern noch so lange nach,
bis dieselben zwischen den einzelnen Baum- und Gebüschgruppen, die sich
wie Inseln hier und dort aus der Prairie erhoben, vor ihren Blicken
verschwunden waren.
Turner hatte sich in den Garten begeben, seine Frau und Tochter waren zu
ihren häuslichen Arbeiten zurückgekehrt, und die beiden Knaben wollten
nach dem Boote gehen, um mit der Angel dort einige Fische zu fangen.
Pluto begleitete sie und sie hatten das Ufer noch nicht erreicht, als sie
plötzlich ein Thier vor sich im Grase gewahrten, welches die Größe einer
Katze hatte und glänzend schwarz und blendend weiß vom Kopf nach dem
Hintertheil gestreift war. Die Knaben sprangen darauf zu, um das Thier zu
fangen, welches jedoch statt zu fliehen, seinen mit fußlangen weißen Haaren
bewachsenen Schwanz über seinen Rücken legte und sich ganz mit demselben
bedeckte. Die Knaben wollten das ihnen unbekannte Thier lebendig mit
nach Hause nehmen und riefen Pluto zu sich, doch dieser fiel zornig über
dasselbe her und wollte es mit den Zähnen erfassen. Das Thier aber biß ihn
gewaltig in die Nase, so daß der Hund mit einem Klagelaut zurücksprang,
zugleich aber wandte es sich mit seinem Hintertheil nach ihm hin, und
spritzte mit seinem Urin eine stinkende Flüssigkeit, welche es in einer
Drüse bei sich trägt, über ihn und über die beiden Knaben aus. Ein
furchtbarer, Ekel erregender Geruch erfüllte sofort die Luft, der erzürnte
Pluto jedoch fiel abermals über das Thier her und biß es todt. Die Knaben
eilten von ihm weg, weil sie den Geruch nicht ertragen konnten, Pluto aber,
mit dem Thier zwischen den Zähnen, folgte ihnen, und so kamen sie denn
sämmtlich bald darauf in der Stube bei Madame Turner an, wo der Hund seine
Beute niederlegte.
»Um des Himmels willen, was ist das für ein schrecklicher Geruch, den Ihr
mir in das Zimmer bringt?« rief Madame Turner entsetzt aus, denn die Luft
im ganzen Hause schien in dem Augenblick verpestet zu sein.
»Es ist das Thier, Mutter, welches so riecht,« riefen die Knaben, nach der
Thür springend, um dort frischen Athem zu schöpfen.
»So schafft es mir aus dem Hause, es ist ja fürchterlich, abscheulich, rein
um ohnmächtig zu werden!« rief Madame Turner ganz außer sich, indem sie
gleichfalls, so wie auch Julie zur Thür hinaus flüchtete. Pluto folgte
ihnen mit einem sehr betrübten Gesichte, denn er wurde elend und mußte sich
übergeben.
»Das ist ja doch rein zu arg, Ihr Jungen, mir einen solchen Geruch in das
Haus zu bringen; gleich holt das abscheuliche Thier heraus,« sagte Madame
Turner sehr aufgebracht; doch die Knaben wollten nicht wieder in das Zimmer
gehen, weil sie sich schon sehr unwohl fühlten. Madame Turner lief jetzt in
das Thürmchen, an dessen Außenseite sich der Garten befand, und rief durch
eine Schießscharte ihrem Gatten zu, daß er in das Fort kommen möge. Mit
der größten Verwunderung hörte er bei seinem Eintritt, was sich zugetragen
hatte, und ging lachend mit den Worten nach dem Hause:
»Ihr seid wohl Alle närrisch geworden!« doch kaum trat er in die Thür, als
er selbst vor der Luft, die ihm entgegenkam, zurückprallte. Dann sprang
er aber schnell in das Zimmer, ergriff die Feuerzange, faßte damit das
schreckliche Thier und schleifte es heraus und aus dem Fort nach dem Ufer,
wo er es in den Fluß hinabschleuderte.
»Nein, so Etwas ist mir denn doch auch im Leben noch nicht vorgekommen,«
sagte er, als er in das Fort zurückkehrte; »wie bekommen wir nur den Geruch
wieder aus dem Zimmer?«
Er ergriff darauf einen Spaten, eilte in das Haus und stach die Erde von
dem Fleck, wo das Thier gelegen hatte, denn das Zimmer war noch nicht mit
einem Fußboden versehen. Nachdem er dieselbe in den Fluß geworfen hatte,
nahm er einige Feuerbrände aus dem Kamin, legte sie in der Mitte der Stube
auf die Erde und trug faules Holz darauf, so daß der Raum bald dicht mit
Rauch angefüllt war.
Die Thür und Fenster wurden geschlossen, und als man sie nach Verlauf von
einer Stunde wieder öffnete und den Rauch hinausziehen ließ, hatte sich
auch der Geruch, den das Thier hinterlassen hatte, sehr gemildert.
Während dieser Zeit ritten die beiden Jäger lustig durch die bunten
Blumenfelder der Prairie und näherten sich einer großen Büffelheerde,
welche in einer Vertiefung weidete. Dort war das Gras außerordentlich hoch,
so daß die riesigen Thiere kaum mit dem Rücken aus demselben hervorsahen,
und ihre Köpfe tief in ihm vergraben waren. Daniel hatte sie aber schon auf
eine weite Entfernung erkannt, und wählte sie vorzugsweise zur Jagd, weil
er hoffte, sich ihnen unbemerkt nahen zu können und dadurch den Pferden
die Anstrengung zu ersparen, sie in vollem Laufe einholen zu müssen. Andere
Heerden, die links und rechts weideten, gewahrten die Reiter frühzeitig und
flohen in eiligem Galopp davon.
»Wenn ein recht feister Bulle dabei ist, so wird er bald hinter der Heerde
zurückbleiben, da ihm das gewaltige Laufen den Athem nimmt, und dann will
ich Ihnen einmal zeigen, wie man einen Büffel ohne Schußwaffe tödten kann,«
sagte Daniel zu seinem jungen Freunde.
»Beugen Sie sich auf den Hals Ihres Pferdes nieder, damit wir, ohne gesehen
zu werden, so nahe wie möglich an die Heerde gelangen; wir ersparen dadurch
unseren Rossen große Anstrengung.«
Carl that wie ihm Daniel rieth, und so kamen sie den sorglosen Büffeln bald
sehr nahe, von denen her der frische Wind den Jägern entgegen zog und sie
kühlend umwehte.
Die Prairie hob sich hier wellenförmig auf und nieder, und die Reiter
suchten immer in der Vertiefung zu bleiben, die sie jetzt in das kleine
Thal führte, in welchem die Büffel grasten. Es lagen kaum noch funfzig
Schritte zwischen ihnen und den Thieren, da hoben mehrere derselben die
finster umlockten Köpfe aus dem Grase empor und schauten verwundert nach
den Reitern hin.