»Das kann ein Panther, möglicherweise aber auch ein Jaguar gewesen sein,

diese Gesellen werden uns überhaupt noch viel zu schaffen machen. Ich will

morgen, ehe wir die Kühe hinauslassen, spüren, um mich zu überzeugen, was

es gewesen ist; denn wir dürfen solche Besuche nicht dulden,« entgegnete

der Neger. In diesem Augenblicke ertönten abermals die lauten erzürnten

Stimmen der Kühe und Daniel sprang rasch auf, ergriff seine Büchse, rief

Pluto und eilte zu dem Thore. Er öffnete dasselbe schnell und glitt, von

Carl gefolgt, hinaus und durch die Dunkelheit der Einzäunung zu, in welcher

die Kühe brüllend umhertobten. Es war umsonst, in der Finsterniß einen

Gegenstand erkennen zu wollen, darum schoß Daniel und auch Carl die Büchse

ab, und Beide ließen laute, gellende Schreie ertönen, indem sie den Hund

hetzten.

Pluto sprang zwar bellend in die Finsterniß hinaus, kam aber sogleich

wieder zurück und Alles ward still; denn auch die Kühe hatten sich

beruhigt.

Die Nacht verstrich ohne weitere Störung, und als der Morgen anbrach, begab

sich Daniel nach den Kühen, um nach dem nächtlichen Besucher zu spüren.

Bald entdeckte er denn auch die Fährte eines mächtigen Jaguars, der die

Einzäunung umschritten, es aber doch nicht gewagt hatte, zu den erbosten

Kühen hineinzuspringen. Daniel spürte nun seiner Fährte nach und fand,

daß er von dem Pflaumenbache hergekommen war. Dort aber das Lager des

Raubthiers aufzufinden, war ohne dazu abgerichtete Hunde nicht möglich, und

man mußte sich damit begnügen, dasselbe bei einem wiederholten Besuche in

der Nähe des Forts zu belauern. Nun machte sich Daniel dabei, den Bären

zu streifen, zu zerlegen und dann die prächtige Haut zum Trocknen

aufzuspannen. Mit dem größten Erstaunen sahen Turners den Rücken des

Thieres von der Haut entblößen, wo derselbe mit einer sechs Zoll hohen Lage

Feist bedeckt war; in gleichem Maße befand sich das Innere des Bären mit

Fett durchwachsen, und die Vorrathskammer der Madame Turner erhielt einen

wesentlichen Zuwachs an köstlichem Oel. Nach dem Frühstück begaben sich

Carl und Daniel in den Wald hinter dem neu angelegten Feld, um dort ein

Vorhaben auszuführen, welches sie schon lange besprochen hatten. Sie

wollten nämlich eine Falle bauen, um wilde Truthähne zu fangen, deren sich

unzählige in diesem Walde aufhielten, weil dort sehr viele Pecanußbäume

standen, deren Früchte sie außerordentlich lieben und deren Genuß sie sehr

fett macht. Auf einer Blöße im Walde baute Daniel eine Hütte, indem er

junge Baumstämmchen im Kreis tief in den Boden steckte, sie oben mit den

Spitzen zusammenband und sie dann mit dünnen Stöcken durchflocht. Die Hütte

war mannshoch und so dicht, daß man kaum den Arm zwischen den Stämmchen

durchstecken konnte. Nun begann Daniel in einiger Entfernung von derselben

einen Pfad zu graben, der nach der Hütte hin immer tiefer wurde, so daß er

wohl zwei Fuß tief unter dem Geflecht hin in dieselbe hineinführte und

sich innerhalb wieder erhob. Die Stämmchen, unter welchen dieser Weg

durchführte, wurden über demselben durch Stöcke und Weidengeflecht an

ihren Enden verbunden. Nun streute Daniel um den Anfang des Pfades und auf

demselben hin bis in die Hütte hinein losen Mais, welchen die Truthähne

sehr lieben. Wenn nun die Vögel beim Aufpicken der Körner dem Pfade folgen

und unter dem Geflecht in die Hütte hineingehen, so finden sie den Weg

niemals wieder heraus, da sie die Köpfe erheben und an dem Geflecht hin-

und herlaufen, um zwischen demselben einen Ausgang zu finden, nie

aber daran denken, sich zu bücken und eben so hinauszugehen, wie sie

hereinkamen. Die Arbeit war nach einigen Stunden vollbracht, und Daniel

hoffte, daß sie schon heute Abend einige Gefangene gemacht haben würden.

Carl konnte kaum den Sonnenuntergang erwarten, wo er mit dem Neger wieder

nach der Falle gehen würde; um so fleißiger aber war er Tags über bei einer

Arbeit, die er auf Anrathen Daniels begonnen hatte. Er verfertigte nämlich

eine lange starke Leiter, die von dem steilen Uferabhange innerhalb des

Forts bis auf ein Felsstück hinabführen sollte, welches unten aus dem

Strome hervorsah. Es war eine Vorsichtsmaßregel des Negers für den Fall,

daß einmal die Wilden das Fort stürmen würden, wo die Leiter dann dessen

Bewohnern die Flucht aus demselben möglich machen sollte. Man konnte auf

ihr leicht den Felsen im Flusse erreichen, und von da in dem Kanoe nach dem

jenseitigen Ufer in den Wald gelangen, wo Daniel einen Fußpfad bis zu dem

Fahrwege ausgehauen hatte. Bis jetzt war zwar noch kein Indianer wieder

gesehen worden, Daniel sagte jedoch, daß man gerade darum am meisten auf

seiner Hut sein müsse. Während Carl an der Leiter beschäftigt war, schlugen

Turner und der Neger lange eiserne Nägel, an denen sie die Köpfe abgefeilt

hatten, in die Spitzen der Pallisaden, damit dieselben bei einem etwaigen

Sturm den Indianern das Uebersteigen erschwerten.

Unter solchen und ähnlichen Arbeiten verstrich der Tag, Carl legte vergnügt

sein Handwerkszeug bei Seite und hing das Jagdgeräth um. Voller Erwartung

eilte er nun mit Daniel den Hügel hinab und dem Walde zu, wo sie die

Falle erbaut hatten. Sie traten in den Wald ein, und schlichen sich durch

denselben hin, als plötzlich von fern her ein lautes Rauschen und Schlagen

zu ihren Ohren drang.

»Wahrhaftig, es sitzen schon welche darin, hören Sie nicht, wie sie mit den

Flügeln schlagen!« rief Daniel und sprang voran durch das Dickicht, während

Carl ihm mit allem Eifer folgte.

Bald hatten sie die Hütte erreicht und gewahrten fünf kolossale Truthähne

in derselben, die mit hochgehobenen Hälsen darin umherrannten und mit den

Flügeln schlugen, als wollten sie davonfliegen.

»Ja, wartet nur, ich will Euch den Weg zeigen!« rief Daniel und zog sein

Jagdmesser hervor, während Carl gleichfalls mit dem Messer in der Hand an

die Hütte sprang. Sie steckten nun die Arme durch das Geflecht und hieben

mit dem Messer den Gefangenen die Köpfe ab. Sie wurden nun auf den Pfad

herausgezogen, und frischer Mais auf denselben gestreut. Es waren fünf

Hähne von außerordentlicher Größe, denn sie wogen ein jeder gegen fünfzehn

Pfund. Daniel band dreien von ihnen die Füße zusammen und hing sie über

die Schulter, während Carl sich mit den beiden andern belud, um den Heimweg

anzutreten.

Um diese Zeit saß die Familie Turner neben dem Thore vor den Pallisaden

auf einer Bank und ruhte sich von des Tages Arbeit aus. Es war einer jener

milden, wonnigen Abende, wie sie der November in diesen südlichen Ländern

gewöhnlich bietet. Die Luft zog kühlend und kräftigend über das hohe

wogende Gras der Prairie, aus dem die Blumen des Herbstes ihre bunten, in

den prächtigsten Farben leuchtenden Köpfe hervorhoben, die Sonne hatte den

fernen flachen Horizont erreicht und ließ ihre letzten Strahlen auf dem

hohen Walde des Bärflusses ruhen, dessen dunkeles Grün schon mit Gold

und Carmin gemischt und mit dem brennend rothen Laube der Schlingpflanzen

durchwirkt war; glänzend silberweiße Reiher und rosenrothe Flamingo's

schwebten dem Urwalde zu und schwangen sich in dem scheidenden Blick der

Sonne auf die schwindelnde Höhe der Cypressen, die ihre Riesenarme über

den brausenden Fluß streckten, und der Whippoowill rief seinen eignen Namen

klagend und wehmüthig durch das Dunkel des Waldes.

Turner und dessen Gattin saßen in stummer Bewunderung und heiligem

Anstaunen der Naturschönheit, die sie umgab, und dankten mit demüthigem

Herzen dem Schöpfer dieser Herrlichkeit für die Gnade, mit der er sie

hierhergeführt und beschützt hatte.

»Wie unendlich gnädig ist uns Gott gewesen, Marie!« brach Turner das

Schweigen.

»Und er wird uns auch ferner gnädig sein,« sagte Madame Turner mit einem

flehenden Blick zu dem Himmel, wo der Abendstern, freundlich blinkend,

ihrem Auge begegnete, als wolle er ihr die Zusage ihrer Bitte verheißen.

»Wie sonderbar sich Alles zu unserm Besten fügte!« nahm Turner wieder das

Wort. »Die Vorsehung hat uns doch augenscheinlich den braven Daniel als

Hülfe in unserer Noth zugesandt; was hätten wir wohl ohne ihn anfangen

wollen! Wie weiß er mit Allem umzugehen und wie liebevoll unterweist er

unsern Carl in allen Geschäften. Was die Beiden auch anfangen mögen, es

gelingt ihnen. Soll mich einmal wundern, ob sie wirklich wilde Truthähne

fangen werden.«

»Mein Gott, sieh das Thier dort -- es springt über die Einzäunung zu den

Kälbern!« rief Madame Turner in diesem Augenblick entsetzt aus, und Turner

rannte mit dem Ausruf: »Ein Jaguar, ein Jaguar!« in das Fort, um seine

Büchse zu holen. Doch ehe er zurückkehrte, hatte das Raubthier eins der

Kälber niedergerissen, hatte es mit seinem furchtbaren Gebiß auf dem Rücken

erfaßt, und setzte mit _einem_ Sprunge mit der Beute über die Einzäunung.

Trotz dem Rufen und Schreien der Madame Turner und der Kinder ließ es

seinen Raub nicht fahren, und floh in langen Sätzen über das Gras dem

Walde zu, während das Kalb in seinem Rachen die jämmerlichsten Klagetöne

erschallen ließ.

Turner kehrte mit der Waffe zurück, jedoch nur um dem Räuber nachzusehen,

der sich wiederholt einige Augenblicke ruhte und dann seine Flucht

weiter fortsetzte. Mit wüthendem Gebrüll und hoch in die Luft gestreckten

Schwänzen kamen zugleich die Kühe aus der Prairie herangejagt, um dem

klagenden Kalbe beizustehen, dessen Stimme verhallte aber bald und sein

Mörder verschwand mit ihm in dem Walde.

Mit Schrecken und Leidwesen hatten Turners den ganz unerwarteten Vorfall

mit ansehen müssen, ohne etwas dagegen thun zu können, und die Kinder

weinten und jammerten über den Verlust des hübschen kleinen Kalbes und

konnten sich noch lange Zeit darüber nicht zufrieden geben.

»Es soll mir aber eine Lehre sein, nicht wieder ohne meine Büchse vor das

Fort zu gehen,« sagte Turner, »wie leicht hätten uns auch Indianer hier

überraschen können. Man wird viel zu leicht gleichgültig gegen die Gefahr.

Geht lieber in das Haus, ich will hier in dem Thore bleiben, bis unsere

beiden Jäger zurückkehren; sie werden hoffentlich bald kommen.«

Die Dunkelheit brach schnell herein und bald kamen auch die beiden

schwerbeladenen Jäger den Hügel heraufgeschritten.

»Endlich, ich habe sehr nach Euch verlangt,« sagte Turner zu ihnen, und

theilte ihnen nun gleich mit, was sich während ihrer Abwesenheit zugetragen

hatte.

»Das ist glücklich,« bemerkte Daniel, »es kostet uns allerdings ein Kalb,

aber nun muß auch der Jaguar sterben. Er wird das ganze Thier nicht in

dieser Nacht verzehren und kommt sicher morgen Abend noch einmal zu ihm

zurück, dann werden wir ihn erwarten.«

»Ja, ja, wer weiß, wohin er das Kalb getragen hat, er rannte ja so leicht

mit ihm davon, als ob es ein Hase wäre,« entgegnete Turner.

»Mag er rennen, so weit er will, ich finde ihn; ich war einst der

berühmteste Spürer unter den Indianern; umsonst hatte man mir meinen Namen

nicht gegeben!« sagte Daniel mit einem leuchtenden Blick, wie von einer

plötzlichen Begeisterung ergriffen.

»Wie nannte man Dich denn?« fragte Turner. Der Neger bereute aber

augenscheinlich schon, was er gesagt hatte und erwiederte, sichtbarlich

verlegen:

»Man nannte mich den Spürer.«

Dabei warf er die drei Truthähne von der Schulter und zog sie hinter sich

her in das Fort, indem er sagte:

»Wir bringen aber für Madame Turner fünf herrliche Braten; unsere Falle hat

sich gut bewährt.«

»Aber, Carl und Daniel, Ihr seid ja prächtige Jäger, Ihr bringt uns so

viel Fleisch in das Haus, daß wir es kaum verbrauchen können,« sagte Madame

Turner, als sie die fetten Hähne erblickte. »Ich habe das Bärenfleisch

eingesalzen, wie Du mir riethest, Daniel, nun mußt Du mir aber die

Vorrichtung machen, um es zu räuchern, damit wir es bewahren können.«

»Das will ich morgen früh thun, wenn wir das Kalb aufgefunden haben. Ich

will dann eine Art von Rauchhaus bauen, damit wir immer einen tüchtigen

Vorrath von geräuchertem Fleisch halten können; man weiß nicht, wie uns die

Indianer einmal verhindern möchten, frisches Wild zu haben,« entgegnete der

Neger.

»Mache mir nicht bange, Daniel, der Himmel wird uns hoffentlich vor solchen

Schreckensscenen bewahren,« sagte Madame Turner, bat dann Carl, die Hähne

außerhalb an das Haus aufzuhängen, und ging, um das Abendessen zu bereiten.

Nach Tisch, als das Fort verschlossen war, saßen die Kolonisten traulich

um den großen Tisch herum, mit verschiedenen Arbeiten beschäftigt. Madame

Turner und Julie hatten Näharbeiten vor sich, Turner mit seinen beiden

Söhnen machten Mais von den Kolben los, um ihn am folgenden Morgen für

die Mühle bereit zu haben, Carl verfertigte Patronen mit etwas kleineren

Kugeln, als er gewöhnlich für seine Büchse gebrauchte, um für einen

Nothfall schneller damit laden zu können, und Daniel arbeitete an

den beiden Hörnern des Büffels, welchen Carl erlegt hatte, um für ihn

versprochener Maßen ein Trinkhorn und ein Pulverhorn daraus anzufertigen.

Von dem Bären hatte er die großen Fangzähne gleichfalls aufbewahrt, um für

seinen jungen Freund ein Pulvermaß und eine Pfeife daraus zu machen.

Pluto war die Bewachung der Festung übergeben, welcher Pflicht er treulich

nachkam, indem er in der Mitte der Einzäunung lag und auf jeden Ton außer

derselben lauschte oder einen Rundgang an den Pallisaden machte.

Die Nacht verstrich in ungestörter Ruhe und kaum graute der Tag, als Daniel

seinen jungen Freund weckte und Beide ihr Jagdgeräth umhingen, um das

geraubte Kalb aufzusuchen. Turner ließ sie aus dem Thor, was er stets zu

thun pflegte, wenn die Beiden sich entfernt hatten. Daniel folgte nun der

Spur des Jaguars, welche er leicht an dem niedergedrückten Grase erkennen

konnte. Bald hatte er mit seinem Gefährten den Wald erreicht, wo einzelne

gebrochene Pflanzen oder der wunde Erdboden, auf dem das Raubthier seine

Tatzen niedergesetzt hatte, als Wegweiser dienen mußten. Dem Neger schien

es durchaus keine Schwierigkeit zu machen, auf der Fährte zu bleiben, wenn

Carl auch kein Zeichen derselben erkennen konnte. Daniel aber stand oft

still und zeigte seinem Freunde die unbedeutenden Merkmale, denen er

folgte, und unterrichtete ihn, dieselben zu bemerken. Die Spur zog sich

in ziemlich gerader Richtung zwischen den Büschen hin, wie es schien, der

Gegend zu, wo der Pflaumenbach in den Bärfluß mündete. So weit hatte jedoch

der Jaguar nicht für nöthig gefunden, seinen Raub zu tragen, denn plötzlich

standen die beiden Jäger vor dem zerrissenen Kalbe, von welchem sein Mörder

die ganze eine Seite verzehrt hatte. Die Ueberreste davon lagen in einem

Dickicht, welches aus Dornen, Rankengeflecht und hohen Kräutern bestand und

von den Laubmassen der umstehenden Bäume, die ihre Aeste bis auf den Boden

herabhängen ließen, versteckt wurde.

»Dies ist ein böser Platz, um dem Burschen aufzulauern, an Schießen ist

hier nicht zu denken, und dann würde er uns auch früher gewahren, als wir

ihn. Wir müssen sehen, wohinaus er von hier gegangen ist und ihn auf seinem

Rückwege erwarten,« sagte Daniel und suchte auf dem Boden, um im Dickicht

die Spur des Jaguars aufzufinden. Plötzlich blieb er stehen und sagte:

»Er ist gestern Abend, nachdem er sich gesättigt hatte, von hier

fortgegangen und heute früh wieder hierher zurückgekehrt. Vielleicht haben

wir ihn selbst so eben verscheucht. Hier steht eine Spur, die von dem

Pflaumenbach her in das Dickicht führt, und zwei, die dorthin zurückzeigen,

und hierbei ist eine ganz frische. Nun wird er während des Tages sicher

nicht wieder kommen, aber umso gewisser gegen Abend. Wir wollen jedoch

schon früh genug hier sein. Lassen Sie uns dieser frischen Fährte folgen,

bis sie über eine offene Stelle im Walde führt, auf der man um sich sehen

kann.«

Mit diesen Worten schritt Daniel, gebückt und auf den Boden spähend, voran

und Carl vorsichtig hinter ihm her. Nach einer Weile blieb der Neger stehen

und schaute um sich auf die Erde.

»Dort, wo Sie stehen, ist die Fährte ganz deutlich in dem feuchten Boden

ausgedrückt, hier vermisse ich sie!« rief er Carl zu. »Gehen Sie nicht von

jener Stelle, ich will in einem weiten Bogen um Sie gehen, dann muß ich die

Fortsetzung der Spur finden.«

Er hatte nur kurze Zeit in einiger Entfernung von Carl gesucht, als er sich

mehr zu dessen rechter Seite befand und rief:

»Kommen Sie hierher, der Bursch ist über diesen freien Platz gegangen,

und hier soll er auch sterben; eine vortheilhaftere Gelegenheit, um ihm

unbemerkt aufzulauern, kann man sich nicht wünschen.«

Als Carl aus den Büschen hervor zu Daniel trat, zeigte dieser auf die Erde

vor sich und sagte:

»Sehen Sie, hier ist er frisch hinüber geschritten, und dort in dem

Büschchen vor jener alten Eiche sollen Sie sich heute Abend verbergen;

ich wette Zehn gegen Eins, daß er diesen Weg wieder zurück einschlägt. Nun

wollen wir aber nochmals nach dem Kalbe eilen und auch der andern Fährte

nachgehen, damit ich für mich gleichfalls einen Platz aussuche; denn es

wäre ja möglich, daß er dort zurückginge.«

Mit derselben Sicherheit verfolgte Daniel bald darauf die andere Spur, die

sich etwas weiter rechts wandte, und wählte auf derselben wiederum eine

weite Blöße, um Abends darauf selbst seinen Stand zu nehmen. Dieselbe war

einige hundert Schritt von der für Carl gewählten entfernt und durch ein

undurchdringliches Dickicht von ihr getrennt. Nachdem sich die Jäger genau

die Plätze gemerkt hatten, begaben sie sich auf den Heimweg, wollten aber

im Vorübergehen doch nach ihrer Falle sehen. Zu Carls übergroßer Freude

saßen richtig wieder zwei Hähne in der Hütte, die schnell getödtet und

hervorgezogen wurden.

»Nun wollen wir aber die Falle schließen und erst dann wieder öffnen, wenn

wir Wild nöthig haben,« sagte der Neger und verstopfte den Eingang mit

Büschen. Dann nahm er einige Hände voll Mais aus den Taschen und streute

sie auf den Pfad, damit die Vögel sich daran gewöhnen sollten, hier immer

Futter zu finden.

Ziemlich ermüdet kehrten die Jäger mit der neuen Beute nach dem Fort

zurück, wo Madame Turner sie mit Bärentatzen zum Frühstück tractirte. Nach

gehaltener Rast begab sich Daniel, von Herrn Turner unterstützt, an den

Aufbau eines Rauchhauses, welches sie aus dünnen Baumstämmen aufführten und

mit Schindeln bedeckten; Carl aber nahm die Angel, um zu versuchen, ob

er eine Schildkröte fangen könne. Zu diesem Zwecke werden vier große

Fischhaken so mit dem Rücken zusammengebunden, daß die Spitzen nach allen

vier Seiten auseinander stehen. Wenn sie nun an der Leine befestigt sind,

so bindet man einige Zoll über denselben ein Stück Fleisch an die Schnur

und senkt sie in das Wasser. Die Schildkröte ergreift das Fleisch mit den

beiden Vorderpfoten, mit denen sie es fest hält, um es zu benagen; wird nun

die Angel schnell in die Höhe gezogen, so muß einer der Haken in die Füße

des Thieres fassen, und es ist gefangen.

Nicht weit vom Fort machte der Fluß im Walde eine sehr kurze Biegung, und

der Strom, der mit aller Kraft sich hier hereindrängte, hatte das Ufer

unterhöhlt. Das Wasser war sehr tief, und Carl kannte diese Stelle als

einen Lieblingsplatz der Schildkröten, weshalb er hierher eilte und seine

Angel auswarf. Er hatte gar nicht lange auf dem Rande des hohen Ufers

gestanden und den Bewegungen des schwimmenden Korks zugesehen, den der

Strudel in dieser Bucht im Kreise herumtrieb, als es an der Angel zuckte.

Es zuckte wieder und stärker und nun wurde der Kork in die Tiefe gezogen.

Carl schlug schnell die Angel in die Höhe, fühlte aber gleich, daß ein

sehr schweres Gewicht daran hing; es mußte eine große Schildkröte sein, die

jetzt mit dem Strome davon eilte und gewaltig an der Angel riß. Carl hielt

dieselbe mit aller Kraft an, in diesem Augenblicke aber glitt er mit beiden

Füßen auf dem lockern Boden des Ufers aus, und schoß von demselben hinab in

die Fluth. Er sank bis auf den Grund, stieß sich von dort wieder nach oben

und gerieth, anstatt auf die Oberfläche des Stromes, unter die ausgehöhlte

Uferbank in tausend Wurzeln, die aus derselben in dem Wasser hinabhingen.

Er verlor jedoch die Geistesgegenwart nicht, sondern erkannte sofort seine

Lage, stieß sich mit geöffneten Augen wieder in die Tiefe hinunter und

dann nach dem Lichte hinauf, wo er im nächsten Augenblicke über dem

Wasserspiegel auftauchte. Mit einigen kräftigen Zügen erreichte er das

jenseitige niedrige Ufer, auf dem er landete und sogleich sich nach seiner

Angel umblickte, die er wohl hundert Schritt weiter stromabwärts schwimmen

sah. Er lief auf dem Ufersand hin, sprang abermals in das Wasser und holte

die Angel an das Land. Nun zog er vorsichtig die Leine an, und es gelang

ihm, die Schildkröte trotz alles Sträubens auf den Sand zu ziehen. Sie wog

gegen vierzig Pfund und war eine sogenannte weichschaalige, deren Schild

sich zu Gallerte kocht und sehr schmackhaft ist. Er band die Leine um sie

und schleifte sie hinter sich her durch den Wald bis an das Ufer gegenüber

dem Fort, wo er Daniel rief, damit er ihn in dem Kanoe über den Fluß hole.

Carls Erscheinung verursachte unter den Seinigen im ersten Augenblick

Schreck und Besorgniß, dann wurde aber herzlich über sein Abenteuer gelacht

und er selbst lachte tüchtig mit. Auf die köstliche Suppe aber, welche

Madame Turner versprach, für den folgenden Tag aus der Schildkröte zu

bereiten, freuten sich Alle schon im Voraus. Nachdem Carl sich umgekleidet

hatte, betheiligte er sich beim Aufbauen des Rauchhauses, bis die Sonne

sich zu neigen begann und Daniel an die Zeit mahnte, nach dem Walde zu

gehen, um den Jaguar zu belauern. Heute versahen sich die beiden Jäger

jedoch außer mit Büchse und Messer auch noch ein Jeder mit einem Revolver,

und so ungern Turners auch sahen, daß Pluto sich vom Fort entfernte, so

mußte er doch mitgehen.

Die Sonne stand noch ziemlich hoch über dem fernen Rand der Prairie,

als die beiden Schützen den Platz im Walde erreichten, welcher für Carl

ausgewählt war. Er machte seinen Sitz vor der Eiche zurecht und steckte

noch mehrere Büsche vor sich herum, damit er dem spähenden scharfen Auge

des Jaguars verborgen bleiben möchte. Eine Wurzel der Eiche stand ziemlich

hoch aus der Erde hervor und bildete für Carl einen bequemen Sessel,

während der Stamm des Baumes ihm als Rücklehne diente.

»Machen Sie nur keine rasche Bewegung, auch selbst nicht mit den Augen,

denn der Jaguar überblickt die Blöße sicher, ehe er aus dem Dickicht

hervortritt. Halten Sie Ihren Blick besonders dorthin gerichtet, von wo

seine Fährte herführt, von dort wird er wohl kommen,« sagte Daniel, als

Carl sich zurecht gesetzt hatte und Pluto hinter der Eichenwurzel verborgen

lag. »Uebereilen Sie sich nur nicht und nehmen Sie sich Zeit zum Schießen.

Steht das Thier still, so zielen Sie nach dessen Kopf, bleibt es im Gehen,

so halten Sie ihm hinter das Schulterblatt, und sollte es nach dem Schusse

auf Sie zuspringen, so setzen Sie ihm den Hund entgegen, dann werden Sie

eine gute Gelegenheit finden, ihm die zweite Kugel durch den Kopf zu jagen.

Vor Allem bleiben Sie ruhig und kaltblütig. Nun will ich mich auf meinen

Stand begeben, Einem von uns wird er doch wohl kommen, hoffentlich Ihnen;

Waidmannsheil!«

Mit diesen Worten eilte der Neger geräuschlos zwischen den Büschen und

Stämmen hin und verschwand bald vor Carls Blicken.

Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika. · 第 12 / 26 段