Die Nacht verging ohne alle Störung und der anbrechende Tag rief die

Männer wieder zu der Arbeit. Madame Turner und Julie hatten schnell

Kaffee gekocht, Maisbrod gebacken und Speck gebraten, das Frühstück wurde

verzehrt, und Warwick führte seine Gefährten an dem Flusse hinunter, dahin,

wo derselbe wieder in den Wald einbog. Dort begannen die Männer nun, auf

dem diesseitigen Ufer Bäume zu fällen, um aus deren Stämmen die Häuser und

Einzäunungen für die Ansiedler aufzuführen. Es wurde auch eine mächtige

Cypresse gehauen, und von ihrem Stamme zwei Fuß lange Stücke abgesägt,

welche Daniel mit einem Paar Ochsen nach dem Hügel schleifte. Diese Stücke

wurden zu dünnen, breiten Brettern gespalten, welche als Schindeln zu

den Dächern der Häuser verwandt werden sollten. Sobald die Bäume nun in

größerer Zahl fielen, nahm auch Carl ein Paar Stiere, und schleifte die

Stämme, so wie Daniel es that, zu dem Hügel hin. Vier Tage lang setzten sie

Alle die Arbeiten unermüdet fort, und am fünften hatten sie bereits so viel

Holz um den Hügel liegen, als nöthig war, die Ansiedelung zu gründen. Nun

ging es an das Aufbauen der Häuser. Es wurden zwei Baumstämme von zwanzig

Fuß Länge in gleicher Richtung vierzehn Fuß von einander entfernt auf

die Erde gelegt, und dieselben durch zwei sechzehn Fuß lange Stämme mit

einander verbunden, welche auf ihre Enden gehoben wurden, so daß sie

zusammen ein Viereck bildeten. In dieser Weise wurden nun immer mehr Stämme

aufeinandergelegt, bis dadurch die vier Wände eines Blockhauses zwölf Fuß

Höhe erreicht hatten. Solche Häuser stellte man drei nebeneinander und

zwar zehn Fuß von einander entfernt, und deckte über alle drei _ein_

Schindeldach, so daß auch die beiden Zwischenräume zwischen den Häusern mit

dem Dache überdeckt wurden. Nun schnitt man mit der Säge Thüren und Fenster

in die Holzwände, schnitt gleichfalls Oeffnungen in dieselben, wo die

Kamine angebracht werden sollten, und führte von diesen Schornsteine

von Holz, Lehm und Steinen auf. Die Thüren und Fensterladen wurden von

gespaltenem Cypressenholz verfertigt und mit Eisenbeschlägen, welche Turner

mitgebracht hatte, eingehangen. Als die Häuser nun auf der Höhe des Hügels

unter den schattigen Ulmen fertig standen, begannen die Männer an der

Aufführung der Pallisadenmauer. Rund um den Hügel wurde ein zwei Fuß tiefer

Graben angebracht, so daß er sich mit seinen beiden Enden an den steilen

Abhang über dem Flusse anlehnte, und in diesen Graben stellte man die

Baumstämme dicht nebeneinander aufrecht hinein und warf ihn um dieselben

mit Erde zu. Die in dieser Weise aufgeführte Mauer war vierzehn Fuß hoch,

und alle Oeffnungen in derselben zwischen den Stämmen wurden mit Holz

ausgefüllt. Der Eingang, den man an der Seite in dieser Einzäunung ließ,

wurde mit einem starken Thor versehen, welches man innerhalb mit schweren

Ketten verschließen konnte. Außerdem wurde in kurzer Entfernung von

dieser hölzernen Festung eine Einzäunung errichtet, in welcher Nachts die

Milchkühe und bei Tage deren Kälber eingesperrt werden sollten. Hiermit

waren die Arbeiten vollbracht, welche die Männer vom Choctawbache für ihre

neuen Nachbarn auszuführen übernommen hatten, und nach vierzehntägigem

Aufenthalt bei ihnen nahmen sie nun Abschied und wünschten ihnen alles

Glück und allen Segen zu ihrer Unternehmung. Warwick versprach, ganz in der

Kürze das von Turner gekaufte Vieh hier abzuliefern, so wie den zugesagten

Mais und die Hühner herzuschaffen, und für die Folge recht oft hier

vorzusprechen, um zu sehen, wie es ihm und seiner Familie ergehe.

Mit recht traurigen Herzen blickten Turners den Männern nach, und sahen sie

auf dem neugeschaffnen Wege in dem Walde verschwinden. Es war ihnen, als ob

sie aller menschlichen Gesellschaft Lebewohl gesagt, als wenn sie von der

übrigen Welt Abschied genommen hätten. Sie waren allein in einer Wildniß,

die nur von wilden Thieren und von feindseligen wilden Menschen bewohnt

wurde, und es drängte sich ihnen ein unheimliches Gefühl auf bei dem

Gedanken, daß vor ihnen nach Westen hin bis an das stille Weltmeer noch

niemals ein weißer Mensch seine Hütte aufgeschlagen hatte. Um so sehnlicher

wandten sich ihre Herzen nach den wenigen Niederlassungen am Choctawbache

zurück, welche nun noch ihre einzige Stütze, das einzige Band zwischen

ihnen und der civilisirten Welt blieben.

Demohngeachtet war Turner weit davon entfernt, zu verzagen; der Gedanke,

für das Wohl der Seinigen zu handeln, stählte seinen Willen, und das

Gefühl, nun in der Wirklichkeit für sie thätig sein und schaffen zu können,

gab ihm Muth und Zuversicht in seine eigene Kraft. Dabei stützte er sich

auf die vielseitigen Erfahrungen, auf die Treue und Anhänglichkeit des

braven Negers und zugleich auf die Hülfe Carls, den die Vorsehung erwählt

zu haben schien, seiner Familie in der Noth als Retter zu erscheinen.

Die erste Grundlage zu der Niederlassung war gelegt, Turners hatten

ein Obdach und einen Schutz gegen einen ersten Angriff der Wilden;

die eigentliche Arbeit aber, diesen Ort zu einer wirklichen Heimath

umzugestalten, sollte jetzt erst beginnen, und mit allen Kräften gingen die

Ansiedler an dies schwere Werk. Das Erste, was unternommen wurde, war die

Anlage eines Gartens. Dies geschah unmittelbar neben der Festung an dem

Ufer des Flusses, so daß das Wasser der Quelle, welche innerhalb der

Pallisaden entsprang, durch den Garten nach dem Strome floß. Daniel hatte

dort in wenigen Tagen zu diesem Zwecke ein kleines Stück Land mit einer

Einzäunung umgeben, und mit Hülfe Turners und Carls dasselbe umgegraben,

so wie die feste schwarze Erde, die der Prairie eigen ist, mit Mühe und

Sorgfalt bearbeitet. Es wurden sogleich Beete angelegt und dieselben mit

Erbsen, Bohnen, Melonen und Kürbissen, mit Kohl und Rüben bestellt, bei

welcher Arbeit auch Arnold und Wilhelm fleißig halfen. Als am vierten Tage

dieselbe beendigt war und man sich zum Mittagsessen in das Fort begeben

wollte, kam Warwick mit einem leichten Wagen angefahren und brachte auf

demselben den versprochenen Mais, die Hühner und eine Sau, während zwei

seiner Söhne das von Turner gekaufte Vieh herantrieben. Die Freude der

Ansiedler war groß, weil das Wiedererscheinen der Nachbarn ihnen das Gefühl

gab, daß sie doch nicht so ganz verlassen seien. Die Kälber wurden in die

dafür bestimmte Einzäunung gesperrt, während man deren Mütter sich selbst

überließ, da man gewiß war, daß diese sich Abends bei ihren Kleinen

einfinden würden. Die Hühner befreite man innerhalb der Festung und gab

ihnen dort etwas Futter, die Sau wurde gleichfalls dort bewahrt, und für

den Mais baute Daniel schnell ein kleines Häuschen aus leichten Stämmen,

welches er mit Schindeln bedeckte. Warwick war sehr überrascht, als er in

die Wohnung trat; denn in dem einen Zimmer fand er schon Tische und

Bänke vor, welche Carl aus leeren Kisten verfertigt hatte, die Oeffnungen

zwischen den Balken waren mit Stücken Holz ausgefüllt, und die Wände mit

großen Leinentüchern behangen, von denen eine mit einem Spiegel in goldenem

Rahmen prangte. An der Wand, der Thür gegenüber, hingen alle Waffen hübsch

geordnet, so wie auch Sättel und Zäume, und Alles im Zimmer war sauber und

nett, und gab Zeugniß von der Ordnungsliebe und dem Fleiß der Hausfrau.

Die drei Nachbarn mußten sich mit zu Tische setzen und wurden dort bei dem

sehr einfachen Mahle aufs Herzlichste willkommen geheißen.

»Ihr Europäer richtet Euch doch, wohin Ihr auch kommen mögt, sofort

behaglich und gemüthlich ein, während wir Amerikaner nur den Nutzen im

Auge halten, und unsere eigene Bequemlichkeit und Annehmlichkeit darüber

vergessen,« sagte Warwick, sich wohlgefällig umschauend, und heftete dann

seinen Blick auf die schönen Waffen an der Wand.

»Nun, beim Himmel, damit können Sie ja das Fort gegen eine ganze Armee

vertheidigen,« rief er erstaunt aus, »das sind ja nicht weniger als

sechszehn Gewehre und außerdem noch viele Revolver und Pistolen -- da

braucht Ihnen wahrlich nicht bange vor den Indianern zu sein. Als ich

zuerst nach dem Choctawbache zog, besaß ich Nichts an Waffen, als eine

einfache Büchse und ein Jagdmesser. Demungeachtet rathe ich Ihnen die

größte Vorsicht an, denn die Rothhäute sind schlau wie die Wölfe und

grausam wie die wildesten Thiere. Nun, Daniel kennt sie ja hinreichend und

weiß, wie weit man ihnen trauen darf.«

»An Vorsicht soll es nicht fehlen,« entgegnete Turner, »und wenn die Wilden

uns dazu zwingen, auch nicht an tapferer Gegenwehr.«

»Sie thun besser daran, wenn Sie sich nicht erst von ihnen zur Nothwehr

zwingen lassen, denn dann möchte es schon zu spät sein. Machen Sie es sich

zum Grundsatz, jeden Indianer wie ein Raubthier zu betrachten und ihn zu

tödten, wo und wie Sie können, er ist nichts anders, und ist auch nichts

anders werth,« sagte Warwick etwas in Eifer, den auch die Röthe verrieth,

die sein Gesicht überzog.

»Das wäre wohl nicht ganz recht,« entgegnete Turner, »es sind doch

Menschen, die uns nur darum feindlich entgegentreten, weil wir Weißen uns

in den Besitz von Land drängen, welches sie als ihr Eigenthum betrachten.

So sehr übel kann ich es ihnen nicht nehmen, wenn sie sich nicht geduldig

davon verjagen lassen.«

»Es sind Menschen,« sagte Warwick, »freilich, das ist nicht abzuleugnen; es

sind aber wilde Menschen, die so wie die wilden Thiere, nur für die Wildniß

bestimmt sind, und die ihr Recht auf das Land da verlieren, wo die Cultur

erscheint. Die Erde ist doch sicher nicht dazu geschaffen, damit sie immer

eine Wildniß bleiben sollte. Warum bauen sich denn die Rothhäute nicht auch

an und leben ein friedliches gesetzliches Leben? dann würde sie Niemand von

ihrem Stück Land vertreiben. Glauben Sie mir, der erste Schuß ist immer

der beste; ich habe es stets so gehalten, und nur dadurch habe ich mich am

Choctawbache behaupten können.«

Die Unterhaltung bewegte sich während des Essens ausschließlich um die

Wilden, es war Warwicks Lieblingsthema, und mit einem gewissen Stolze gab

er eine Menge feindseliger Zusammentreffen mit den Indianern zum Besten, in

denen er Sieger geblieben war.

Daniel hatte sich nicht mit an den Tisch gesetzt, um den freundlichen

Nachbarn durch seine Gegenwart nicht einen Anstoß zu geben. Madame Turner

aber sandte ihm durch Julie die Speisen und den Kaffee in das andere Haus,

wo er eine leere Kiste statt eines Tisches benutzte.

Als die Sonne sich neigte, begaben sich Warwick und seine Söhne unter den

Versicherungen treuester Nachbarschaft auf den Heimweg, und Turner eilte zu

der Einzäunung, vor welcher die Kühe darauf warteten, daß man sie zu ihren

Kälbern einlasse. Erstere wurden durch Madame Turner und Julie gemolken und

in die Einzäunung gesperrt, während man die Kälber in das Gras trieb, damit

sie noch bis zur Dunkelheit dort weiden konnten; denn während der Nacht

wagte man es nicht, sie draußen zu lassen. Durch die große Menge Milch,

welche die Kühe lieferten, war die Haushaltung sehr bereichert worden, und

Madame Turner wußte sie in gar vieler verschiedener Weise zu verwenden.

Die nächste Arbeit, welche man in Angriff nahm, war, ein Kanoe zu

verfertigen, wozu ein ungeheurer Pappelbaum gefällt wurde.

Ein zwölf Fuß langes Stück seines Stammes wurde auf der obern Seite platt

gehauen und etwas ausgehöhlt, wonach Daniel ein Feuer darauf anzündete und

dasselbe in fortwährender Kohlengluth erhielt. In dieser Weise brannte er

den Stamm hohl, so daß er, nachdem dies geschehen, nur wenig mit dem Beil

und dem Stemmeisen nachzuhelfen brauchte. Dann hieb er den Stamm äußerlich

in die Form eines Schiffes, brachte ein Paar Bänke in demselben an, und

bald schwamm es zu aller Freude leicht und beweglich auf der klaren Fluth

des Bärflusses.

Auf einer Stelle in nicht großer Entfernung vom Fuße des Hügels flachte

sich das Ufer nach dem Wasser hin ab, so daß man dort die Pferde tränken

konnte, und hier wurde das Kanoe mit einer Kette an einem Baum befestigt.

Während Daniel das Boot anfertigte, schuf Carl ein anderes Werk von ebenso

großem Nutzen; er baute nämlich ein Mühlenrad, und brachte dessen Welle auf

einem kleinen Floß an, welches er auf dem Flusse zusammengefügt hatte, so

daß die starke Strömung das Rad drehen mußte. Die Welle setzte er mit einer

großen eisernen Maismühle, die Turner vorsichtigerweise früher angekauft

hatte, in Verbindung, welche durch dieselbe in Bewegung gesetzt wurde und

die viel mehr Maismehl lieferte, als die Ansiedler gebrauchten. Es wurde

ihnen hierdurch die sehr beschwerliche Arbeit erspart, selbst täglich den

Mais für den Brodbedarf zu mahlen. Nach Beendigung dieser Arbeit begann

Carl einen Pflug zu bauen, wozu alles Eisenwerk fertig mitgebracht war.

Turner und Daniel dagegen widmeten sich einer schweren Aufgabe, indem sie

ein Stück des Waldes am diesseitigen Ufer zu einem Felde umschufen. Der

Waldboden ist leicht zu bearbeiten und trägt gleich im ersten Jahre die

reichste Maisernte, während ein Feld, in der Prairie angelegt, erst im

dritten Jahre zum vollen Ertrag kömmt. Diese Erde ist zu fest und hart, als

daß man sie gleich im ersten Jahre hinreichend lockern könnte. Die größeren

Bäume des Waldes blieben stehen, wurden aber rundum einige Zoll breit von

der Rinde entblößt, welches sie bis zum kommenden Frühjahr tödten mußte.

Die kleineren Stämme und die Büsche wurden abgehauen und dicht um die

großen Bäume aufgehäuft, um sie dort zu verbrennen, sobald sie trocken sein

würden. Dann zäunte man das Feld ein, und da um diese Zeit der Pflug durch

Carl hergestellt war, so wurde dasselbe zum ersten Male umgebrochen, um es

während der Winterzeit so liegen zu lassen und im Frühjahr zu besäen. Neben

diesen Hauptarbeiten führten die Ansiedler noch unzählige kleinere aus,

die theils durch die Nothwendigkeit bedingt wurden, theils aber zur größern

Bequemlichkeit verhelfen, oder auch nur Vergnügen bereiten sollten. So

spannte zum Beispiel Daniel ein starkes Seil über den Fluß und befestigte

es auf beiden Ufern an schwanke Bäume. An dieses Seil band er nun viele

kurze, mit starken Angelhaken versehene Fischleinen, so daß dieselben in

den Strom hinabhingen, und befestigte auch eine Metallschelle daran,

die verkünden sollte, wenn sich ein Fisch gefangen habe und an dem Seile

zuckte. Zu irgend einer Zeit, wenn Madame Turner nun Fische zu haben

wünschte, wurden die Angelhaken mit Fleisch versehen, und es dauerte dann

auch nie lange, bis die Glocke ertönte und man in dem Kanoe hinfuhr, um den

gefangenen Fisch aus dem Strome zu ziehen. Der Reichthum dieses Wassers

war unglaublich, es lebte von Fischen, deren viele ein Gewicht von dreißig

Pfund erreichten, und es gewährte dem Auge einen überraschenden reizenden

Anblick, dieselben in dem krystallklaren Elemente im Sonnenlichte in allen

Farben schillern zu sehen. Auch die köstlichen Schildkröten, die dies

Wasser zu Tausenden beherbergte, gelangten oft zu einem Gewicht von dreißig

Pfund.

Wenn Carl nun während des ganzen Tages unermüdlich arbeitete und jede

Gelegenheit mit Liebe und Lust erfaßte, um sich nützlich zu machen, so

gehörte doch stets der frühe Morgen und der späte Abend ihm, und wurde von

ihm verwandt, um seiner Liebhaberei, der Jagd, zu folgen. Daniel war dabei

immer, wenn es dessen Zeit erlaubte, sein treuer Begleiter, und bald ward

der Wald, bald die Prairie von ihnen zusammen durchstreift. Bei diesen

Ausflügen gestattete Daniel seinem jungen Freunde stets den ersten Schuß

nach dem Wild, und half nur noch mit einer Kugel nach, wenn Carl dasselbe

nicht gleich tödtlich getroffen, oder gar ganz gefehlt hatte. Der Neger war

ein außerordentlich guter Schütz und seine Schnelligkeit im Gebrauch der

Büchse hielt mit der seines Falkenauges gleichen Schritt. Oftmals wurde

Carl dadurch so überrascht, daß er laut seine Verwunderung darüber

aussprach, welches Daniel dann immer mit Lachen beantwortete und sagte, das

sei noch eine Erinnerung aus seinem Indianerleben. Eines Abends, nachdem

sie des Tages Arbeit beendet hatten, ritten sie vor Sonnenuntergang in die

Prairie hinaus, um dort wo möglich noch einen Hirsch zu erlegen. Wie aber

das alte Sprichwort sagt, »es ist alle Tage Jagdtag, aber nicht alle Tage

Fangtag,« so kann man oft in dem besten Jagdrevier sich abmühen, ohne

Beute zu machen. So ging es den beiden Jägern heute, und sie lenkten halb

verdrießlich ihre Pferde zurück nach der äußersten Spitze des Waldes am

Pflaumenbach, welche sich eine Stunde weit hinaus in die Prairie erstreckte

und durch einige himmelhohe Pappeln und Cypressen auf viele Meilen weit zu

erkennen war.

Die Dämmerung zog schon über die Gegend, als sie diese Waldspitze

erreichten und längs derselben hinritten, um nach Hause zurückzukehren.

Hier standen die Bäume sehr einzeln, so daß man weit durch den Wald blicken

konnte, dessen Boden hier nur mit niedrigem Grase bedeckt war und nur hier

und dort einzelne Büsche trug. Daniel erzählte während des Reitens seinem

jungen Gefährten von früheren Jagden und dieser hörte ihm aufmerksam

zu, ließ aber demungeachtet seinen Blick dabei seitwärts durch den Wald

schweifen. Plötzlich hielt er sein Pferd an und sagte leise zu Daniel:

»Was ist das dort unter der Eiche, siehst Du den schwarzen Punkt nicht?«

»Ein Bär, wahrhaftig; er hat uns noch nicht gesehen, schnell, springen Sie

ab und schleichen Sie sich an ihn, der Wind ist günstig.«

Im Augenblick war Carl von seinem Pferde und sprang, tief gebückt, von Baum

zu Baum durch den Wald. Der Bär suchte Eicheln und stand mit dem Kopf von

Carl abgewandt.

Dieser kam ihm schnell näher und hatte ihn bis auf hundert Schritte

erreicht, als er auf ein trockenes Reis trat, dessen Brechen und Knacken

ihn selbst erschreckte. Er warf sich nieder, aber in demselben Augenblick

setzte sich der Bär auf seinem Hintertheil auf, und blickte sich nach Carl

um. Dieser hatte jedoch seine Büchse schon auf ihn gerichtet und gab Feuer.

Der Bär rannte davon und Carl schoß auch den zweiten Lauf nach ihm ab, ohne

ihn jedoch in seiner Flucht aufzuhalten.

In diesem Augenblicke sauste Daniel zu Pferde an ihm vorüber und unter den

Bäumen hin dem dichten Walde zu, um dem fliehenden Bären den Weg dorthin

abzuschneiden, und Carls Falber stürmte ihm mit fliegenden Steigbügeln

nach. Vergebens rief Carl dem Pferde zu, es folgte zügellos dem Kameraden,

und bald war die wilde Jagd in der Richtung nach der Spitze des Waldes vor

seinen Augen verschwunden, da der Bär sich vor dem heranjagenden Neger und

dem losen Roß abgewandt hatte. Carl lauschte der Jagd, deren Richtung ihm

durch den gellenden Ruf Daniels bezeichnet wurde, und begann seine Büchse

wieder zu laden, während er mißmuthig schon in Gedanken sah, wie sein

Gefährte nun ohne ihn den Bären erlegen würde. Da schallte abermals der

wilde Jagdruf Daniels zu seinem Ohr und zwar in nicht so großer Entfernung;

Carl blickte auf, und dort kam der Bär in weiten Sätzen unter den Bäumen

hergerannt. Er kam geraden Wegs auf Carl zu, dieser hatte soeben die Kugeln

in die Läufe gesteckt und den Ladestock hervorgezogen, um sie hinunter zu

stoßen; konnte er noch fertig laden, bis das grimmige Thier ihn erreicht

hatte? das war die Frage, die sich ihm aufdrang. Mit aller Macht stieß er

die eine Kugel in den Lauf hinab, der Bär war nur noch fünfzig Schritte

entfernt, jetzt stieß Carl die zweite Kugel hinunter, warf den Ladestock

von sich und griff nach den Zündhütchen, da hatte ihn der Bär bis auf

zwanzig Schritt erreicht und stieß, den furchtbaren Rachen weit geöffnet,

ein dumpfes Wuthgebrüll aus. Carl spannte beide Hähne seiner Büchse, warf

dieselbe an die Schulter, und im Knall stürzte der Bär über Kopf nieder.

Im nächsten Augenblicke hob er sich wieder hoch auf seine Hinterfüße

und, seine Vordertatzen nach dem Schützen ausstreckend, schritt er

zähnefletschend auf ihn zu. Carl rührte sich nicht, er sah fest über den

Lauf nach dem Kopfe des Bären, gab Feuer und das wüthende ungeheure Thier

stürzte todt zu seinen Füßen. In fliegender Carriere kam Daniel herangejagt

und stieß einen lauten Freudenschrei aus, als er den Bären niedersinken

sah, denn die Gefahr, in der sein junger Freund schwebte, war ihm nicht

entgangen; es war ihm aber nicht möglich gewesen, dem Bären geraden Wegs

zu folgen, da dieser sich durch eine Reihe hoher Steinblöcke vor ihm

geflüchtet hatte, die er zu umreiten genöthigt gewesen war.

»Gratulire, junger Herr, das ist Ihr erster Bär, und ein feister Bursche

ist es, er wiegt wenigstens achthundert Pfund,« rief Daniel, indem er

vom Pferde sprang und Carl auf die Schulter klopfte, »das haben Sie gut

gemacht, es war mir schon bange, Sie möchten den Kopf verlieren und sich

auf die Flucht begeben; das Thier würde Sie in wenig Augenblicken eingeholt

haben, auch selbst wenn Sie einen Baum erstiegen hätten. Diese schwarzen

Bären klettern wie die Katzen, wohingegen die grauen, oder Grisleybären

nicht klettern können. Nun aber, schnell nach Hause, wir müssen noch heute

Nacht das Thier holen, damit die Wölfe es nicht zerreißen.«

Bei diesen Worten zog Daniel seine Jacke aus und warf sie über die

Jagdbeute, und Carl folgte seinem Beispiele. Dann band der Neger Carls

weißes Taschentuch an einen Baumzweig, so daß dasselbe über dem todten

Thiere hin- und herwehte, und nun bestiegen sie ihre Pferde, nachdem Carl

den Sattel auf seinem Falben wieder zurechtgelegt hatte, der ihm während

der Jagd unter den Bauch gerutscht war. Nun ging es im Galopp über die

Prairie der Niederlassung zu, die sie mit der Dunkelheit erreichten.

Die Nachricht von dem Jagdglück erzeugte große Freude im Fort, denn Warwick

hatte Turners viel von dem Nutzen erzählt, den ein Bär um diese Jahreszeit

dem Haushalte gewähre. Der Korbwagen, in welchem Madame Turner die

Reise gemacht hatte, wurde angespannt, Daniel versah sich reichlich mit

Kienspänen, um sie als Fackeln zu gebrauchen, zündete einige davon an, und

ritt dem Wagen voraus, auf welchem Carl Platz genommen hatte und die

Pferde lenkte. In der Prairie ging die Fahrt leidlich von Statten, obgleich

manchmal ein umgefallener Mosquitobaum, oder ein Graben, den Gewitterwasser

gerissen hatten, dieselbe für kurze Zeit unterbrach; als es aber in den

Wald hineinging, da waren solcher Hindernisse viel mehr, und die alten

Baumstümpfe, die nicht mehr hoch aus der Erde hervorsahen, gaben dem

Fuhrwerk manchen unerwarteten heftigen Stoß. Daniel war aber zu wohl mit

dem Leben in der Wildniß vertraut, als daß er nicht das Erreichen seines

Ziels hätte möglich machen sollen, und bald rief er freudig aus: »Dort sehe

ich schon Ihr Taschentuch wehen; die Herren Wölfe werden es hoffentlich

respektirt haben!«

Der Bär lag denn auch wirklich noch so, wie sie ihn verlassen hatten. Sie

fuhren den Wagen dicht an ihn heran, obgleich die Wagenpferde sich Anfangs

weigerten, in die Nähe dieses gefürchteten Thieres zu kommen, und dann

wurden Anstalten gemacht, um den Bär auf das Fuhrwerk zu befördern.

Vermittelst Stricken und Hebebäumen gelang dies den beiden Jägern endlich,

wenn auch nur durch die größte Anstrengung, und nun wurde die Rückreise

angetreten. Es lag etwas Schauerliches in dieser Fahrt: die Nacht war

rabenschwarz, das Fackellicht erhellte mit seinem rothen Scheine nur die

nächste Umgebung, der schwarze Rauch des Kienholzes umwölkte den Wagen,

auf dem das todte Ungeheuer lag, und nach allen Richtungen hin ertönte das

unheimliche, klagende Geheul der Wölfe. Daniel ritt schweigend voran, und

ebenso stumm lenkte Carl ihm die Pferde nach, während Beide die Büchsen

zum raschen Gebrauch bereit hielten. Endlich aber zeigte sich die

Pallisadenwand des Forts in dunkelem Umriß vor dem nächtlichen Himmel, und

Turner trat mit einer Fackel in der Hand aus der Festung hervor. Im Triumph

zog der Wagen durch das Thor ein, wo Madame Turner und die Kinder auf den

Anblick des erlegten Thieres harrten. Der Bär wurde nun von dem Fuhrwerk

herabgeworfen und mit einem Ausruf der Ueberraschung begrüßt. Man

betrachtete und bewunderte ihn von allen Seiten, und dem Schützen Carl ward

allgemeines Lob gespendet.

»Warum habt Ihr aber das Thier nicht an Ort und Stelle ausgeweidet? Ihr

hättet dadurch doch weniger Gewicht auf den Wagen zu heben brauchen,«

fragte Turner, indem er auf den kolossalen Umfang des Bären schaute.

»Weil wir dann das feinste und beste Feist verloren haben würden. Das Fett,

welches zwischen den Eingeweiden des Bären liegt, ist so zart, daß es, so

lange es noch warm ist, Einem zwischen den Fingern zerfließt, und es wäre

Schade gewesen, es zu verlieren, denn es giebt das köstlichste Oel. Wir

wollen den Petz auch ruhig liegen lassen bis morgen,« entgegnete Daniel,

indem er die Stränge der Pferde vom Wagen löste, und diese in ihre Stände

an der Pallisadenwand führte, wo sie mit den anderen Rossen jede Nacht

befestigt wurden.

Bald nachher saßen die Kolonisten sämmtlich vergnügt um den Tisch und

erfreuten sich des Abendbrods.

»Daniel, kurz vorher, ehe Ihr kamet, muß irgend Etwas bei den Kühen

gewesen sein, denn sie fingen mit einem Male schrecklich zu brüllen an, und

sprangen wie toll in der Einzäunung umher,« sagte Turner zu dem Neger.

Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika. · 第 11 / 26 段