»Halten Sie Ihre Büchsen und Kugeltaschen in die Höhe, damit dieselben

nicht naß werden, wenn die Pferde in das Wasser sinken,« sagte Warwick zu

seinen Gästen.

»Das wird hier wohl kaum nöthig sein, das Wasser reicht meinem Pferde ja

nicht bis an den Sattel,« entgegnete Turner und blickte Warwick verwundert

an.

»Irren Sie sich nicht,« sagte dieser, »das Wasser ist hier wenigstens zehn

Fuß tief, man läßt sich durch dessen Klarheit sehr leicht täuschen. Ich

will voranreiten, damit Sie sehen, wie tief es ist.«

Hiemit lenkte er sein Pferd zu dem Flusse hinab und in denselben hinein, wo

es sofort mit dem schweren Manne auf seinem Rücken bis an den Kopf versank.

Gleich aber tauchte es wieder bis zur Oberfläche empor, und trug seinen

Reiter in wenigen Augenblicken auf das jenseitige Ufer. Turner, der ihm

folgte, sank beim Hineinreiten in den Fluß bis unter die Arme in das

Wasser, Carl jedoch, dessen Gewicht das Pferd nicht so sehr drückte, wurde

kaum bis an den Leib naß. Die Büchsen, Kugeltaschen und Pulverhörner waren

aber nach Warwicks Rath vor Nässe bewahrt worden.

»Das war doch tiefer, als ich gedacht hatte,« sagte Turner, auf seine Füße

schauend, von denen das Wasser aus seinen Kleidern in Strömen herabfloß.

»Ich bin wirklich bis unter die Arme naß geworden.«

»Das muß man an der Frontier gewohnt werden,« entgegnete Warwick sich

schüttelnd. »Es thut auch keinen Schaden in diesem Klima; in einer halben

Stunde sind Sie wieder trocken.«

»In meinem Vaterlande dürfte man es freilich nicht wagen, so in dem nassen

Zeug zu bleiben, man würde sich eine Krankheit dadurch zuziehen,« bemerkte

Turner.

»Darüber können Sie sich beruhigen, das Bad wird Ihnen sehr gut bekommen.

Lassen Sie uns nur weiter reiten, der Wald ist hier nicht mehr breit und

in der Prairie jenseits soll uns die Sonne bald genug trocknen,« antwortete

Warwick und ließ, wo es die Schlingpflanzen ihnen gestatteten, sein Pferd

tüchtig ausschreiten.

Nach Verlauf von einer Viertelstunde zeigte sich auch in der Ferne vor den

Reitern eine Oeffnung in den dichten dunkeln Baummassen, durch welche

der Pfad, wie durch eine Pforte hinaus in die, mit hellem blendenden

Sonnenlichte bedeckte Prairie führte. Als Warwick diese Oeffnung erreichte

und sein Pferd mit ihm unter den weitausgestreckten Aesten einer uralten

Eiche in das Freie hinaus schreiten wollte, hielt er es plötzlich an und

sagte, indem er sich zu seinen Gefährten umwandte:

»Jetzt aber, Herr Turner, sollen Sie Büffel sehen! Seit langer Zeit bin ich

so zahlreichen Heerden nicht begegnet. Schauen Sie nur über die Prairie;

alle jene schwarzen Striche bis in die weite Ferne sind Büffelheerden.«

Hierbei zeigte er mit der Hand über die unabsehbare Grasflur. Nur wenige

hundert Schritte vom Walde weideten wohl über tausend Büffel in einer

Heerde zusammen, die sich um die anderen, weiterhin grasenden nicht zu

kümmern schienen; denn als die vier Reiter sich vor dem Walde zeigten,

hoben sie sämmtlich ihre Köpfe aus dem Grase hervor und schauten verwundert

nach den Fremden hin, während hier und dort die Heerden sich in einen

schwerfälligen Galopp setzten und davon jagten. So weit das Auge reichte,

war die Prairie von diesen riesigen Thieren belebt, und zwischen ihren

einzelnen Abtheilungen sah man Rudel von wilden Pferden, von Hirschen und

von Antilopen weiden.

»Hier kommt Niemand in die Gefahr, Hunger zu leiden,« sagte Warwick, der

das Erstaunen seines Gastes bemerkte. »Es würde uns ein Leichtes sein,

zwischen eine solche Heerde hineinzujagen, und ein Dutzend dieser Thiere zu

erlegen. Die Weide hier muß einen eigenen Reiz für sie haben, denn wenn man

weit und breit kein Wild antrifft, hier geht man niemals fehl.«

»Wollen wir nicht einmal dazwischen sprengen und ein Paar Büffel schießen?«

sagte Carl, indem er mit strahlendem Blick auf die immer noch unbeweglich

dastehenden Thiere sah.

»Es würde unsre Pferde ermüden und uns von dem eigentlichen Zweck unseres

Rittes abziehen,« entgegnete Warwick.

»Und wir würden ja auch gar keinen Nutzen von den erlegten Thieren haben,

da wir Fleisch nicht mit uns nehmen können; nur um des Vergnügens willen

muß man kein Geschöpf tödten,« bemerkte Turner freundlich, und Carl stellte

sich damit zufrieden, obgleich er gar gern seinem Falben die Zügel hätte

schießen lassen. Sie ritten nun in die Prairie hinaus und folgten dem

Waldsaume, während die Büffelheerde, die sie so verwundert betrachtet

hatte, sich jetzt in Galopp setzte und ihren Kameraden nacheilte.

Abschnitt 4.

Das Land zur Niederlassung. -- Die Wölfe. -- Die Pferdediebe. -- Die

hölzerne Festung. -- Das Kanoe. -- Das Feld. -- Fischfang. -- Die

Bärenjagd. -- Die Felle. -- Der Jaguar. -- Der vermoderte Baum.

Die Gegend gewährte den Reitern während mehrerer Stunden fortwährend

denselben Anblick: zu ihrer linken Seite stand der prächtige Urwald, wie

eine hohe grüne Mauer, und zu ihrer rechten lag die üppige Prairie, deren

Ende mit der duftigen Ferne verschwamm. Vor ihnen aber stieg jetzt über dem

äußersten Rand der Grasflur ein Wald auf, der sich wie blaues Gewölk

von Westen her nach dem Bärflusse zog und den Warwick als das Gehölz

bezeichnete, welches die Ufer eines Baches bedeckte. Dieser Bach wurde der

Pflaumenbach genannt, wegen der unglaublich vielen wilden Pflaumen, die auf

seinen Ufern wuchsen; er kam mehrere Stunden weit aus der Prairie und ergoß

sich in den Bärfluß. Nachmittags erreichten die Reiter das Gehölz, welches

den Bach in seinem tiefen Schatten verbarg und welches hier, wo es im

rechten Winkel auf den Wald am Bärfluß stieß, mehrere tausend Schritte

breit war. Ein Büffelpfad, dem die Jäger schon seit einigen Stunden gefolgt

waren, führte gerade in das Holz hinein und auf ihm langten sie sehr bald

an dem herrlichen silberklaren Bache an, der nahebei rauschend in den

Bärfluß stürzte. Nicht umsonst wurde er Pflaumenbach genannt, denn da, wo

die Reiter ihre Pferde in demselben tränkten, waren die Ufer allenthalben

mit Pflaumenbäumen bedeckt, die ihre mit herrlichen blauen Früchten

beladenen Aeste weit über das Wasser hinausstreckten. Dasselbe war nicht

tief, so daß die Reiter unter die herabhangenden Zweige reiten, und sich

nach Herzenslust an den Pflaumen laben konnten. Ihre Kleidung war wieder

ganz trocken geworden und die Kühlung, welche sie hier in dem dunkeln

Schatten des über ihnen geschlossenen Waldes duftig und belebend umwehte,

that ihnen nach dem langen Ritt in der brennenden Sonne außerordentlich

wohl. Nachdem sie selbst und ihre Pferde sich erfrischt und erholt hatten,

folgten sie wieder dem Büffelpfad, der sie an der andern Seite des Holzes

abermals in die Prairie führte und sich an dem hohen Walde des Bärflusses

hinzog. Hier hielt Warwick sein Pferd an und wandte sich mit den Worten zu

Turner: »Sehen Sie, Herr Turner, dies ist das Stück Land, welches ich so

gern zu meiner Niederlassung gewählt haben würde und welches ich jetzt

Ihrer Beachtung empfehle. Gerade in diesem Winkel, wo der Wald des Baches

auf den des Bärflusses stößt, liegt der reichste Boden, der mir auf weit

und breit bekannt ist; schauen Sie nur, welch üppiger Graswuchs und welch

riesige Pflanzen hier stehen; die Sonnenblumen reichen ja viele Fuß über

unsere Köpfe hinaus. Hier in dieser Ecke, dachte ich, sollten Sie Ihr

Feld anlegen und dort einige tausend Schritte weiter am Walde hin, wo der

Bärfluß sich aus demselben hervorwindet und sich an die Prairie anlehnt,

würde ein sehr passender Platz für Ihre Wohnung sein. Lassen Sie uns

hinreiten, damit Sie denselben selbst in Augenschein nehmen.«

Hiermit ritt Warwick durch das hohe Gras voran, welches ihm bis an den

Sattel hinaufreichte, und bald hielt er mit seinen Gefährten auf dem

steilen, dreißig Fuß hohen Ufer, unter welchem die brausende Fluth des

Bärflusses wild tobend dahineilte. Der Platz bestand aus einem Hügel, der

wohl funfzehn Fuß über der anderen Uferfläche erhaben war und hierdurch

einen weiten Blick über die flache Prairie gewährte. Auf der Höhe standen

mehrere dichtbelaubte rothe Ulmen, welche den Hügel beschatteten, und an

seiner Abdachung nach dem Pflaumenbache hin rieselte ein frischer kühler

Quell aus zu Tage liegendem Gestein hervor. Etwas weiter, nur etwa hundert

Schritte von dem Hügel, wand sich der Bärfluß wieder in den Wald hinein.

»Sie haben hier alle Vortheile, die Sie wünschen können,« nahm Warwick

wieder, zu Turner gewandt, das Wort. »Sie übersehen die ganze Prairie,

den Quell hier am Fuß des Hügels können Sie mit in Ihre Einzäunung fassen,

diese prächtigen Ulmen geben Ihnen den herrlichsten Schatten, dort unten,

wo der Fluß in den Wald einbiegt, haben Sie auf diesem Ufer so viel Holz

in Ihrer Nähe, wie Sie nur bedürfen, und von da aus bis an den Pflaumenbach

können Sie Ihr Feld in beliebiger Größe anlegen. Außerdem haben Sie hier im

Flusse eine Wasserkraft, die hinreicht, irgend ein Mühlwerk zu treiben.

Ich für meinen Theil könnte mir keinen passenderen und angenehmeren Platz

wünschen.«

»Auch mir sagt er in jeder Weise zu und ich bin Ihnen unendlich dankbar

dafür, Herr Warwick, daß Sie mich hierher geführt haben. In Gottes Namen

will ich denn hier den Meinigen die neue Heimath gründen und mag er

mich dabei gnädig beschützen und mir die Kräfte verleihen, mein Ziel zu

erreichen,« entgegnete Turner und hielt Warwick die Hand zum Danke hin.

»Und auf uns am Choctawbache dürfen Sie zu jeder Zeit rechnen, wir werden

Ihnen gute Nachbarn sein,« erwiederte Warwick, indem er Turner die Hand

schüttelte.

»Es ist eine etwas weitläufige Nachbarschaft,« sagte Turner lächelnd, »und

doch wird sie mir ein Trost werden.«

»Seien Sie guten Muthes, Sie werden hier nicht lange allein bleiben; es

kommen sicher bald mehr Ansiedler in unsere Gegend, und am Choctawbache

nehmen wir sie nicht auf, wir senden sie Alle hierher zu Ihnen!« antwortete

Warwick und sagte dann, indem er sein Pferd den Hügel hinab lenkte: »Nun

wollen wir aber den ersten Büffelpfad durch den Wald einschlagen, damit wir

nicht zu spät nach Hause kommen.«

Er ritt nun mit seinen Gefährten am Ufer hin, bis wo der Fluß aus dem Holze

hervorkam, und folgte dann wohl eine halbe Stunde weit dem Waldsaum bis

zu einem tief ausgetretenen Büffelpfade, der aus der Prairie in denselben

hineinführte. Daniel war der Letzte im Zuge, und wollte eben hinter Carl

her in den Wald einlenken, als er diesem zurief:

»Halt, junger Herr, steigen Sie schnell ab, vielleicht können Sie einen

Wolf schießen; dort kommt ein ganzes Rudel hinter einem Büffel her.

Schnell, schnell!«

Zugleich stieg er vom Pferde, führte dasselbe in den Wald und ergriff den

Zügel des Falben, während Carl absprang und hinter dem letzten Baume an die

Prairie trat. Ein lautes Wolfsgeheul, welches jetzt zu Carls Ohren drang,

lenkte seinen Blick weit über die Prairie, wo er einen Büffel erkannte, der

im Sturmlauf herangesaust kam. Derselbe hatte nur noch wenig Vorsprung vor

einer Schaar Wölfe, die ihm nachfolgte. Sie kamen schnell näher, das Geheul

wurde immer lauter, immer wüthender, und immer größer wurde die Anstrengung

des Büffels, den Wald zu erreichen. Er kam in gerader Richtung auf Carl zu,

wie es schien, um dem Pfad zu folgen. Seine Flanken waren mit weißem Schaum

bedeckt, seine brennendrothe Zunge hing ihm weit aus dem Maule hervor und

die Erde dröhnte unter seinen schwerfälligen, doch sehr flüchtigen weiten

Sprüngen. Die wüthende Schaar hinter ihm hatte ihn bis auf wenige Schritte

erreicht und schwärmte heulend nach beiden Seiten auseinander, um ihm in

die Flanken zu fallen. Es waren wohl vierzig von den kleinen Prairiewölfen,

doch ihnen voran setzte ein ungeheurer weißer Wolf, der jetzt mit

geöffnetem Rachen den Büffel erreichte. In diesem Augenblick blitzte es aus

Carls Büchse, der weiße Wolf überschlug sich heulend, der Büffel schreckte

zur Seite, dem nahen Dickicht zu, und die Schaar der Wölfe stob nach allen

Richtungen hin auseinander. Carl sprang hinter dem Baume hervor, richtete

sein Geschoß auf einen fliehenden glänzend schwarzen Wolf, und als das

Feuer aus dem Laufe fuhr, rollte derselbe kopfüber in das Gras.

»Ei, ei, allen Respect vor Ihrem Schießen, junger Freund!« rief Warwick,

der in die Oeffnung des Waldes geritten war, »wo haben Sie das gelernt? So

in aller Flucht zwei Kugeln anzubringen, da muß der älteste Frontiermann

seinen Hut abnehmen.« Dann wandte er sich nach Turner um und sagte:

»Von solchen Schützen halten sich die Indianer gern entfernt; der Knabe

wird Ihnen eine gewaltige Stütze werden.«

»Das ist er mir in der That schon oft gewesen, wofür ich ihm vielen Dank

schulde; er ist ein äußerst braver Junge,« erwiederte Turner, indem er nach

Carl hinsah, der bei dem weißen Wolf stand und untersuchte, wohin er ihn

getroffen hatte. Er warf ihn auf die andere Seite, um zu sehen, ob die

Kugel auch durchgeschlagen sei und strich ihm mit der Hand das schöne weiße

Haar glatt. Dann rief er dem Neger zu:

»Daniel, sollen wir die Felle nicht mitnehmen?«

»Wenn es Ihnen Freude macht, junger Herr, so will ich sie schnell

abstreifen, es sind aber Sommerfelle, an denen das Haar nicht so gut ist,

wie im Winter,« entgegnete der Neger.

»Ach, laß sie uns mitnehmen, wir können sie doch wohl benutzen,« sagte

Carl, und begann seine Büchse wieder zu laden.

»Gern, gern,« rief Daniel, band schnell seinem Pferde die Vorderfüße

zusammen und ließ es mit dem Falben im Grase gehen, und machte dann sich

rasch an die Arbeit, um den Wölfen die Häute abzunehmen.

Mit außerordentlicher Geschicklichkeit und Gewandtheit hatte er es bald

vollbracht, hing die beiden Felle hinter seinen Sattel über das Pferd,

schwang sich auf dessen Rücken und folgte seinen Gefährten in den Wald

hinein.

Die Sonne war eben versunken, als die Reiter Warwicks Niederlassung

erreichten und dort mit großer Freude empfangen wurden. Die beiden

prächtigen Truthähne und die Büffelzunge wurden der Hausfrau übergeben,

und die beiden Wolfsfelle prangten während der Nacht ausgespannt bei dem

Lagerfeuer, welches Carl und Daniel für sich errichtet hatten. Am folgenden

Morgen ritt Warwick zu allen Ansiedlern am Choctawbache und forderte

sie auf, dabei behülflich zu sein, für Turner die Häuser am Bärflusse zu

erbauen. Zwei Tage später nahm dieser mit den Seinigen von Warwicks Familie

Abschied, um das Ende seiner langen Wanderung zurückzulegen, wobei Warwick

selbst und noch einige zwanzig Männer vom Choctawbache ihn begleiteten.

Obgleich keine Spur von einem Wagen nach dem Bärflusse führte, so gelangten

sie doch ohne große Schwierigkeit durch die offene Prairie bis an den Wald,

in welchem jenes Wasser floß, hier aber mußte Halt gemacht werden, weil die

Wagen nicht auf einem Büffelpfade den Wald durchziehen konnten. An dessen

Saume unter einer schattigen Eiche wurde ein Feuer angezündet, bei welchem

Madame Turner eine Mahlzeit bereiten wollte, während die Männer sich mit

dem Aushauen eines Weges durch den Wald beschäftigten. Carl fehlte zwischen

diesen nicht, und schwang seine Axt trotz einem der Männer. Warwick führte

den Zug, um dem Wege die Richtung nach einer Stelle am Flusse zu geben, wo

das Ufer nicht sehr steil und das Wasser seicht war. Alle größeren Bäume

ließ man unberührt stehen, indem man den Weg hin und her zwischen ihnen

durchwand, und hieb nur die dünneren Stämme und das Buschwerk dicht an der

Erde ab. Beides wurde zur Seite in das Dickicht geworfen. Die Arbeit ging

sehr rasch von Statten, weil Warwick für den Weg immer die lichtesten

Stellen wählte, da es weniger darauf ankam, denselben so kurz wie möglich

zu machen, als ihn mit der wenigsten Mühe herzustellen. Schon nach Verlauf

von einigen Stunden war derselbe bis an den Fluß beendet, worauf die Männer

zu Madame Turner zurückkehrten, um sich bei der Mittagsmahlzeit von der

Arbeit zu erholen. Sie erlaubten sich aber nur eine kurze Rast, dann eilten

sie wieder nach dem Flusse, um ihr begonnenes Werk zu vollenden. Das Ufer

zu beiden Seiten desselben wurde nun abgetragen, so daß ein Wagen ohne

große Schwierigkeit hinab- und hinauffahren konnte, und dann führten die

Männer den Weg weiter durch das Holz nach der, westlich von demselben

gelegenen Prairie. Die Sonne war noch nicht versunken, als sie die Arbeit

vollbracht hatten und zu den Wagen zurückkehrten, die jetzt schnell

bespannt und zur Durchfahrt durch den Wald in Bewegung gesetzt wurden. Nur

ein guter Fuhrmann, wie es Daniel war, konnte mit dem langen Gespann von

drei Paar Ochsen diese Fahrt ausführen, da die Biegungen des Weges zwischen

den Bäumen hier oft sehr kurz waren. Es ging aber Alles gut, und noch

strahlte das scheidende Tageslicht von dem glühenden Abendhimmel her über

die dunkelnde Prairie, als die Wanderer aus dem düstern Walde hervorzogen

und ihre künftige Heimath mit jubelnden Herzen begrüßten.

Nicht weit von dem Platze, wo der Weg den Wald verließ, erhob sich der

Hügel, welcher für die Ansiedlung ausgewählt war, und dorthin richtete sich

jetzt der Zug. Mit einem herzinnigen »Gottlob« stieg Turner vom Pferde und

»dem Allmächtigen sei es gedankt,« sagte Madame Turner, als sie ihr Gatte

vom Wagen hob und sie, von Hoffnung und Vertrauen für die Zukunft beseelt,

an seine Brust drückte. Bald war das Zelt an dem Hügel unweit der Quelle

aufgeschlagen, ein Feuer vor demselben angezündet, ein anderes Feuer

loderte auf dem Hügel empor, wo die Männer vom Choctawbache sich lagerten,

und alle Zug- und Reitthiere weideten mit gebundenen Füßen in dem hohen

saftigen Grase, welches den Boden in der Nähe des Lagers bedeckte. Mit

freudigem beglückenden Gefühl stellte Madame Turner an diesem Abend die

Töpfe, Pfannen und Kannen auf die Kohlengluth; es war ja das erste Mahl,

welches sie in der so lang ersehnten neuen Heimath bereitete. Mit einem

inbrünstigen Dankgebet zu Gott schlossen Turners erst spät in der Nacht die

Augen, während die Männer vom Choctawbache auf dem Hügel um das Feuer herum

so sorglos eingeschlafen waren, als ob sie in dem Schooße der Civilisation

ruhten. Carl Scharnhorst und Daniel hatten sich ihre Ruhelager bei dem

Feuer vor dem Zelte bereitet und zwar Carl auf der weißen Wolfshaut.

Die Schläfer lagen so fest und unbeweglich, daß die Feuer nach und nach

erloschen und kein Zeichen von Leben mehr im Lager zu erkennen war. Auch

die Pferde und die Stiere hatten sich in dem Grase niedergelegt, um sich

von des Tages Arbeit zu erholen, und nur das Brausen des Flusses unterbrach

die Stille, die auf Wald und Flur lag. Der Mond stand hoch am Himmel

und die dichten Ulmen warfen ihre schwarzen Schatten auf die sorglosen

Schläfer. Da erwachte Carl, weil er glaubte, Pluto habe geknurrt. Er schlug

die Augen auf und überzeugte sich, daß er sich nicht geirrt hatte; denn

der Hund saß aufrecht und knurrte jetzt wieder, indem er unbeweglich in

der Richtung auf die Pferde hinabblickte, die sich unterhalb des Hügels

gelagert hatten. Carl setzte sich auf, und spähete aufmerksam weiter über

die Thiere hinaus, da kam es ihm vor, als ob er in einiger Entfernung von

denselben einen dunkeln Gegenstand sich langsam durch das Gras bewegen

sähe. Bald glaubte er, sich getäuscht zu haben, dann aber wieder meinte er,

er hätte es sich deutlich dort bewegen sehen. Er stieß Daniel leise an und

weckte ihn, ohne Geräusch zu machen.

»Daniel, ich sehe dort Etwas sich im Grase bewegen, dort hinter den

Pferden, sollte das wohl ein wildes Thier sein?« sagte er leise zu dem

Neger, und dieser hob sich auf seinem Arm empor und blickte eine Zeitlang

regungslos nach dem bezeichneten Platze. Dann sagte er: »Das sind keine

wilde Thiere, es sind wilde Menschen, es sind Indianer, die unsere Pferde

stehlen wollen. Nehmen Sie ihre Büchse zur Hand, wir wollen ihnen doch

einen Schreck einjagen.«

»Es ist aber noch viel zu weit, um zu schießen,« flüsterte Carl.

»Wenn sie aber in die Nähe der Pferde kommen, so wird es nicht mehr zu weit

sein. Ich will es Ihnen sagen, wenn es Zeit ist, zu feuern.«

»Aber die Tante wird sich erschrecken, Daniel, ich will es ihr schnell

sagen, daß wir schießen wollen.«

»So eilen Sie sich, und stehen Sie nicht auf; kriechen Sie auf den Knieen

nach dem Zelte hin. Aber eilen Sie sich, die Kerls kommen schnell näher,«

flüsterte Daniel, und Carl glitt auf Händen und Füßen durch das hohe Gras

in das Zelt hinein. Nach wenigen Augenblicken kehrte er daraus zurück

und schlich sich ebenso vorsichtig wieder an des Negers Seite, der ihm

zuflüsterte: »Sehen Sie dort, junger Herr, über die beiden Schimmel hinweg,

dort bewegt es sich jetzt, das müssen mehrere Indianer zusammen sein. Jetzt

können Sie sie sehen, das Gras ist da nicht so hoch, wahrhaftig, es sind

drei oder vier Kerls. Schießen Sie, es kann nicht viel weiter sein, als

hundert Schritte; schießen Sie aber kein Pferd; jetzt, Feuer!«

Der Blitz fuhr kaum aus dem Rohr, da sprangen sechs dunkle menschliche

Gestalten hinter den Pferden aus dem Grase empor und flogen mit des

Hirsches Schnelligkeit über die, vom Monde mit Tageshelle beleuchtete

Fläche.

»Jagen Sie auch die andere Kugel hinter den Spitzbuben her!« rief Daniel,

und Carl gab abermals Feuer. Die Indianer aber verdoppelten nur noch ihre

Eile und waren bald in der nebelichten Ferne verschwunden.

Der Krach des ersten Schusses hatte die Schläfer aus ihrer Ruhe aufgejagt,

Alle hatten zu ihren Waffen gegriffen, und als ihnen der zweite Schuß die

Richtung zeigte, wo der Feind zu suchen sei, so erkannten auch sie die

fliehenden Indianer, und schossen sämmtlich noch ihre Büchsen nach ihnen

ab, obgleich sie schon längst außer dem Bereiche der Kugeln waren.

»Die Schurken haben wenigstens das Blei pfeifen hören und kommen nun sobald

nicht wieder; es hat öfterer geknallt, als sie erwartet hatten,« rief

Warwick in seinem Zorn, und setzte dann, indem er den Indianern die

geballte Faust nachstreckte, noch hinzu: »Aber wartet, Ihr werdet hier am

Bärflusse noch Blut lassen!«

Auch Turner war gleich nach dem ersten Schusse aus dem Zelte

hervorgekommen, und Daniel mußte nun den ganzen Hergang des Vorfalls

berichten.

»Laßt uns schnell auf die Gäule springen und ihnen nachjagen!« riefen

mehrere der Männer, doch Warwick entgegnete ihnen: »Den Ritt können wir

sparen. Die Schurken haben bereits das Dickicht am Pflaumenbach erreicht,

dort werden sie ihre Pferde verborgen haben, und wir sollten wohl lange

nach ihnen suchen. Sie kommen sobald nicht wieder; einige zwanzig Kugeln

sind mehr, als sie lieben.«

Turner schlug vor, die Pferde aus dem Grase zu holen und in der Nähe

anzubinden, doch Warwick versicherte ihm, daß es jetzt unnöthig sei, diese

Vorsicht zu gebrauchen. Er rieth, sich wieder zur Ruhe zu legen und war

der Erste, der sich bei dem frisch angefachten Feuer auf seine Satteldecke

ausstreckte.

Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika. · 第 10 / 26 段