angelangt, denn mein ältester Junge war kaum neun Jahr alt. Meine Frau hat
mir aber treulich geholfen, sowohl bei der Arbeit als auch beim Fechten;
ihre Kugeln haben manchmal zur rechten Zeit getroffen. Uebrigens, lassen
Sie es sich nicht bange werden, wir sämmtlich hier am Bache ziehen mit
Ihnen hinaus und bauen Ihnen die Häuser nebst den Pallisaden, das ist nicht
mehr, als Schuldigkeit,« entgegnete Warwick und ließ sich dann darüber aus,
welche Vorsicht der Frontiermann beobachten müsse, um sich gegen die List
der Indianer zu sichern. Turner fragte nun, ob Rindvieh, Schweine und
Schafe hier in den Niederlassungen zu kaufen seien, worauf Warwick
sich erbot, ihn hiemit ganz nach Wunsche zu versorgen, und zwar zu den
allerbilligsten Preisen. Federvieh aller Art wollte er ihm unentgeltlich
liefern und so auch hinreichend Mais zur Aussaat und zum eigenen Verbrauch
für die Zeit, bis er die erste Ernte gemacht habe. Dies sei ein altes
Herkommen an der Grenze und die Ansiedler am Choctawbache würden Alles
aufbieten, um ihrem ersten Vorposten gegen die Indianer zu helfen.
Daniel hatte sich, wie für die Befehle seiner Herrschaft bereit, in
kurzer Entfernung hinter die Gesellschaft in das Gras gelegt und die ganze
Unterhaltung mit angehört. Gegen zehn Uhr nahm Warwick seine Gäste mit sich
in seine Wohnung, Carl aber dankte für die Einladung und machte sich
mit Daniel ein Nachtlager bei den Wagen zurecht, wo sie auch ein Feuer
anzündeten. Pluto ruhte wie gewöhnlich neben ihnen, und ganz in ihrer Nähe
hatten sich auch die beiden Füllen ins Gras gelegt. Als sie sich auf ihren
wollenen Decken ausgestreckt hatten, nahm Daniel das Wort und sagte:
»Ich kenne jenen Bärfluß ganz gut, von welchem Herr Warwick sprach, das
Land in seiner Nähe ist besser und die Weiden sind viel reicher als hier,
denn dort giebt es nur das reine Mosquitogras; nirgends in diesem Lande
fanden wir damals so viel Wild, als gerade dort an jenem Flusse. Ich werde
mit Herrn Turner morgen früh darüber sprechen, er soll nur dort hinziehen
und sich seine Häuser bauen lassen, mit den Indianern wollen wir schon
fertig werden; ich bin ja selbst Indianer genug, um mich nicht von ihnen
überlisten zu lassen. Da giebt es aber Jagden, junger Herr; ich habe dort
manches Mal sicher sechs- bis achttausend Büffel mit einem Blick übersehen.
Und wilde Pferde giebt es dort, so schön, wie nirgend anderswo.«
»Das soll aber ein Spaß werden, Daniel, wie wollen wir Beide uns die besten
Pferde herausfangen! Wenn ich nur erst mit dem Lasso umzugehen wüßte.«
»Das werden Sie bald lernen; ich verstehe es aus dem Grunde,« entgegnete
der Neger und erzählte nun seinem jungen Freunde von den Jagden und
Abenteuern, die er hier in der Gegend bestanden hatte, als er noch unter
den Indianern lebte. Bald aber fielen Beiden die Augen zu, sie sanken auf
ihre Sättel zurück, und die wonnigsten Träume beglückten ihren erquickenden
Schlaf.
Frühzeitig am folgenden Morgen kam Herr Turner zu ihnen, um sich mit Daniel
über Warwicks Vorschlag zu bereden und war sehr erfreut, daß der Neger
so eifrig für die Annahme desselben stimmte. Er beschloß, dessen Rath zu
befolgen, und setzte alsbald Herrn Warwick davon in Kenntniß. Nach dem
Frühstück ritt dieser mit Turner, Carl und Daniel auf die Prairie hinaus zu
den Heerden, damit Turner das Vieh auswähle, welches er zu kaufen wünsche,
und Warwick erbot sich, ihm dasselbe an Ort und Stelle abzuliefern, sobald
seine Niederlassung gegründet sein würde. Noch am selbigen Nachmittag, als
die Sonne ihre Gewalt verlor, bestiegen sie mit Warwick wieder ihre Pferde,
und begaben sich nach dem Bärfluß hinüber, damit Turner sich ein Stück Land
dort wählen möge, auf dem er seine Niederlassung begründen wolle. Noch vor
Sonnenuntergang langten sie dort an und ritten noch mehrere Meilen weit an
dem äußersten Rand des hohen Waldes, der sich zu beiden Seiten des Flusses
hinzog. Die Pferde gingen dabei fortwährend bis an die Sättel in dem
feinsten, üppigsten Gras, und wohin man blickte, standen Rudel von Hirschen
und schauten verwundert nach den Reitern. Carl war außer sich vor Freude
über das viele Wild, und nur die Versicherung des Herrn Warwick, daß er
noch heute Abend einen Hirsch erlegen solle, hielt ihn ab, während des
Reitens vom Pferde zu springen, um sich an einen solchen anzuschleichen.
Endlich als die Sonne unterging, hielt Warwick sein Pferd an einem Platze
an, wo der Fluß in einem Bogen aus dem Walde hervortrat und sich dicht
an die Prairie lehnte. Hier wurde beschlossen, die Nacht zuzubringen, um
frühzeitig am folgenden Morgen das Land an dieser Seite des Flusses weiter
zu besichtigen, und dann auch das jenseitige in Augenschein zu nehmen.
Den Pferden wurde Sattel und Zeug abgenommen, die Vorderfüße wurden ihnen
zusammengebunden, und dann ließ man sie gehen, damit sie sich an dem
reichen Grase laben konnten. Warwick und Turner zündeten neben einem
umgefallenen trockenen Mosquitobaume ein Feuer an, neben welchem sie ihre
Satteldecken für das Nachtlager ausbreiteten, Carl aber eilte mit Daniel
und Pluto davon, um nun schnell noch eine Jagd zu machen. Sie waren wohl
eine Viertelstunde lang an dem Waldsaume hingeschritten, als der Neger Carl
rasch beim Arm ergriff und zugleich ins Gras niederkniete. Dann deutete
er mit der Hand seitwärts und gab zu verstehen, daß dort Wild stände.
Vorsichtig hoben Beide sich wieder empor, und Carl gewahrte nun einen
starken Hirsch, der soeben den Kopf in die Höhe richtete, so daß sein
mit vielen Enden prangendes Geweih sichtbar wurde. Er stand noch außer
Schußweite und die Jäger schlichen sich langsam und vorsichtig näher zu
ihm hin, indem sie immer den Augenblick dazu benutzten, wenn der Hirsch den
Kopf in das Gras versenkte. Endlich hatten sie ihn bis auf hundert Schritte
erreicht, Daniel winkte Carl zu, noch näher zu gehen, doch dieser war
seines Schusses gewiß und hob die Büchse an die Schulter, um zu schießen,
als der Neger ihn plötzlich wieder beim Arm niederzog und und mit
blitzenden Augen nach der andern Seite hinzeigte. Beide hatten sich tief
ins Gras niedergebeugt und Daniel flüsterte seinem Gefährten zu, daß ein
Trupp Büffel vom Walde her auf sie zukäme. Carl stockte vor freudiger
Ueberraschung der Athem und sein Herz pochte hörbar.
»Lassen Sie sie nahe herankommen und schießen Sie dann dicht hinter das
Schulterblatt, aber sehr tief nach unten, sonst fällt der Büffel nicht,«
sagte der Neger leise, indem er sich nahe an Carl drückte. »Nehmen Sie
sich die Zeit, schießen Sie ruhig und werfen Sie sich nach dem Schuß in das
Gras, damit die Büffel Sie nicht sehen -- da kommen sie.«
Bei diesen Worten spannte Daniel gleichfalls seine Doppelbüchse und Carl
hob sich vorsichtig aus dem Grase empor. Als sein Blick über dasselbe
hinstrich, stand eine schwere, schwarze Riesengestalt auf vierzig
Schritte vor ihm, die sich wie ein Berg von dem glühend rothen Abendhimmel
abzeichnete. Es war ein kolossaler männlicher Büffel, der seiner Heerde in
einiger Entfernung voranging. Er war stehen geblieben und schüttelte seinen
schwer umlockten ungeheuren Kopf, wobei die langen Mähnen, die sein ganzes
Vordertheil bis hinter die Schultern bedeckten, ihn wild umwogten. Dann
blickte er sich nach der Heerde um, die wie eine schwarze Masse langsam
herangezogen kam.
»Lassen Sie ihn näher kommen, junger Herr,« flüsterte Daniel, denn er sah,
daß die Aufregung es Carl unmöglich machte, die Büchse ruhig zu halten.
Der Büffel schritt wieder vorwärts und blieb auf zwanzig Schritte von den
Jägern entfernt abermals stehen. Carl hob die Büchse wieder empor, doch
Daniel sagte kaum hörbar: »Noch nicht, warten Sie, bis er zur Seite tritt.«
Carl hatte seinen Hut abgeworfen, um sich nicht durch denselben dem
Thiere zu verrathen, und er wagte kaum, nach diesem durch die Grashalme
hinzublicken. Jetzt wandte sich aber der Büffel mit einem dumpfen Brummen
etwas seitwärts und gab Carl seine ganze Schulter preis. Im Augenblick
hatte dieser die Büchse am Kopf. »Schießen Sie nicht zu hoch,« flüsterte
der Neger. Das Feuer flog aus dem Rohre, der Büffel bäumte sich mit lautem
Wuthgebrüll und stürzte dann vorwärts, bis er wenige Schritte vor den
Jägern zusammenbrach. Die Heerde aber stürmte zu ihrem gefallenen Führer
heran und würde die beiden Schützen unfehlbar unter ihren Füßen zermalmt
haben, wäre Daniel nicht aufgesprungen und ihr mit einem Zetergeschrei
entgegengerannt, indem er seinen Hut hoch über sich durch die Luft schwang.
Links und rechts stoben jetzt die kolossalen Thiere in wilder Flucht
auseinander und suchten das Weite, während der verwundete Büffel sich
wieder auf seine Vorderfüße erhoben hatte, seinen wüthenden Blick auf
Daniel richtete, und Anstrengungen machte, ganz aufzustehen. In diesem
Augenblick krachten aber die Büchsen der beiden Jäger zugleich, und, durchs
Herz geschossen, sank der Büffel todt zur Erde nieder.
[Illustration]
Der Jubel Carls war groß, als er das ungeheure Thier hingestreckt vor sich
liegen sah.
»Sie haben ihn sehr gut getroffen, junger Herr; Ihre erste Kugel würde ihn
schon nach kurzer Zeit getödtet haben, doch es war besser, daß wir ihm noch
Eins gaben. Ihr zweiter Schuß ist ihm durchs Herz gegangen,« rief Daniel
freudig, indem er sein Messer aus der Scheide zog. »Das heißt, wenn es Dein
Schuß nicht war, der ihn ins Herz getroffen hat,« entgegnete Carl
lachend. »Nein, wirklich, junger Herr, ich habe etwas zu weit nach hinten
geschossen; sehen Sie, dies ist meine Kugel,« sagte der Neger, indem er auf
eine blutige Wunde zeigte, welche auf den Rippen des Thieres saß; denn er
wollte Carl die Freude lassen, daß er allein den Büffel erlegt habe. Er
schnitt nun schnell dem Thiere die Zunge unter der Kinnlade heraus, da
seine und Carls Kräfte nicht hinreichten, demselben das Maul zu öffnen,
spaltete dann die Haut auf dem Höcker, welcher sich über den Schultern des
Büffels erhob, und löste ihn von dem Rücken ab.
»Dies ist das beste Stück am ganzen Thiere, sehen Sie nur, wie es mit Fett
durchwachsen ist,« sagte Daniel, indem er dasselbe und die Zunge mit einem
Seil zusammenband und über die Schulter hing.
»Was sollen wir denn aber mit dem übrigen Fleische anfangen?« fragte Carl.
»Wir überlassen es den Wölfen zum Abendbrod, Sie werden hören, welche Musik
sie dabei anstimmen; bis morgen früh ist Nichts mehr vom Büffel übrig, als
die Knochen,« entgegnete Daniel.
»Das ist ja aber schade, das viele, gute Fleisch,« bemerkte Carl.
»Ja freilich, wir können es aber doch nicht mitnehmen,« entgegnete
Daniel und schritt nun eilig voran, auf kürzestem Wege den Lagerplatz zu
erreichen. Der letzte Tagesschimmer war verschwunden, und das Mondlicht
zeigte den Jägern die Richtung, die sie zu nehmen hatten. Schon von
Weitem sahen sie den Schein des Lagerfeuers, wie es sich auf der
hohen, dunkelgrünen Wand des Urwaldes spiegelte, und als sie näher
herangeschritten kamen, rief Turner ihnen freudig entgegen: »Nun, Carl,
hast Du einen Hirsch geschossen?«
»Einen Büffel, einen ungeheuren Büffel, Onkel, noch einmal so groß wie
unsere Stiere,« antwortete Carl überglücklich.
»Ei, was Tausend, wirklich, einen Büffel? den muß ich mir doch morgen früh
auch einmal betrachten,« sagte Turner.
»Das wird wohl nicht möglich werden, denn Daniel sagte, daß die Wölfe ihn
in dieser Nacht vollständig verzehren würden,« entgegnete Carl, als der
Neger herankam und die Beute in dem hohen Grase niederlegte.
»Sieh, das ist ein guter Bursche gewesen, so feist trifft man sie nicht
immer,« sagte Warwick, auf den Höcker blickend, »davon muß ich mir doch
auch ein Stück ausbitten.«
Hiemit stand der Alte auf, schnitt einige dünne Stücke von dem Fleisch
ab, rieb sie mit Salz und Pfeffer ein, welches er in einer Büchse in der
Kugeltasche mit sich führte, stieß sie an einen Stock, und stach denselben
vor dem Feuer in die Erde, so daß das Fleisch über dessen Gluth schmorte.
Turner, Carl und Daniel folgten seinem Beispiel und bereicherten mit diesem
kostbaren Braten ihre Abendmahlzeit, welche aus von Hause mitgenommenem
Fleisch und Zwieback bestand. Warwick hatte auch in einem großen Blechgefäß
Kaffee gekocht, der, wenn auch ohne Milch und Zucker, Allen vortrefflich
mundete. Nach dem Essen zündeten die drei Männer ihre Pfeifen an, und
Warwick erzählte von den herrlichen Jagden, die er an diesem Flusse so oft
gemacht hatte, als plötzlich ein lautes, gellendes Geheul ertönte, wie wenn
es von hundert Kehlen angestimmt würde.
»Hören Sie, junger Herr, jetzt wird Ihr Büffel verspeist; ich wette, daß in
kurzer Zeit viele hundert Wölfe sich dabei einfinden. Sie kommen schon von
allen Seiten,« sagte der Neger zu Carl, und wirklich wurde jetzt das Geheul
weithin in allen Richtungen beantwortet.
»Sage einmal, Daniel, könnten wir uns nicht zu ihnen hinschleichen und
einen von ihnen schießen? ich möchte wohl einen Wolf in der Nähe sehen,«
sagte Carl hochauflauschend.
»Das möchte ich Ihnen doch nicht rathen, junger Freund,« entgegnete
Warwick; »mit den kleineren Prairiewölfen würde es so leicht Nichts zu
sagen haben, es dürften aber wohl auch von den großen weißen Wölfen welche
darunter sein, und die verstehen keinen Spaß. Sie werden auch noch genug
dieser Räuber in der Nähe zu sehen bekommen.«
Trotz des immer zunehmenden Geheuls sanken doch die Lagernden bald auf ihre
wollenen Decken nieder und verbrachten die Nacht in ungestörtem wonnigen
Schlafe. Der anbrechende Tag aber fand sie schon mit Zubereitung des
Frühstücks beschäftigt, wobei der Büffelhöcker wieder in Anspruch genommen
wurde, und ehe noch die Sonne über der flachen Ferne auftauchte, saßen die
Reiter wieder zu Roß, um das weitere Land in Augenschein zu nehmen.
Als sie in die Nähe des Ortes kamen, wo der Büffel lag, erblickten sie
noch einzelne Wölfe, die bei ihrer Annäherung davon flohen; aber von dem
erlegten Thiere war Nichts mehr übrig, als das Skelett.
»Das muß ja ein riesenhafter Büffel gewesen sein, wie viel sollte er wohl
gewogen haben?« sagte Turner, indem er mit Verwunderung auf das ungeheure
Knochengebäude schaute.
»Er ist sicher achtzehnhundert Pfund schwer gewesen,« entgegnete Daniel,
und sprang dann mit den Worten vom Pferde: »Ich will aber doch seine Hörner
mitnehmen, es ist Ihr erster Büffel, junger Herr, von dem Sie ein Andenken
haben müssen, ich werde Ihnen ein Trinkhorn und ein Pulverhorn daraus
verfertigen.« Nun hieb er mit dem kleinen, sehr scharfen Beile, welches
er in einer ledernen Scheide am Sattel hängen hatte, schnell die kurzen,
breiten Hörner von dem Schädel, und folgte dann mit Carl im Galopp den
beiden Andern, die in raschem Schritt vorangeritten waren. Turner blickte
staunend und stumm bald über die in der frischen Morgenluft wogende
Prairie, bald nach dem zweihundert Fuß hohen Urwald; eine so reiche,
üppige Vegetation hatte er bis jetzt noch nicht gesehen. Dabei prangte die
Grasflur, so weit das Auge reichte, durch ihre Blumen in den prächtigsten,
buntesten Farben, und der lieblichste Blüthenduft umwehte die Reiter.
In allen Richtungen sah man Rudel von Hirschen und Antilopen weiden, und
mehrere Züge wilder Pferde wurden sichtbar. Der Urwald dehnte sich oft
in Spitzen weit in die Prairie hinaus und wich dann wieder in tiefen,
schattigen Buchten zurück; hier hatte noch niemals eine andere Axt als die
eines Jägers einen Baum gefällt, und die zerstörende Hand der Civilisation
hatte der Urschönheit der Natur noch keinen Abbruch gethan. Wie seit
Jahrtausenden dieser Wald im ewigen Aufkeimen und Absterben seine Kronen
dichtverschlungen gegen den Himmel emporgehalten hatte, so überschattete
er noch jetzt die zur Erde gefallenen Riesenstämme und die nach dem Lichte
aufstrebenden jungen Schößlinge.
Warwick, der das Erstaunen Turners bemerkte, unterbrach das Schweigen und
sagte: »Nicht wahr, ich habe Ihnen nicht zu viel von diesem Lande erzählt?
es ist bedeutend besser als das unserige am Choctawbache. Ich hätte mich
gern selbst hier angesiedelt, damals aber war es mir noch zu gefährlich,
und jetzt mag ich den Ort, wo ich so viel Arbeit gethan habe, nicht wieder
verlassen. Solches Land wie dieses ist wohl werth, daß man Etwas darum
wagt.«
Turner gab nun seiner Verwunderung und seiner Freude Worte, und erklärte
sich bereit, alle seine Kräfte aufzubieten, um sich hier zu behaupten,
wobei ihm Warwick wiederholt die Versicherung gab, daß er und seine
Nachbarn ihm treulich mit Rath und That beistehen würden.
Während mehrerer Stunden folgten sie dem Laufe des Flusses an der
Außenseite des Waldes, und erst als die Sonnenstrahlen drückend wurden,
bogen sie auf einem Büffelpfade in den Wald ein, um denselben zu
durchschreiten und dann das Land an der anderen Seite zu besichtigen.
Wie mit einem Netz sind diese westlichen Länder Amerika's mit uralten
Büffelpfaden überzogen, und sie allein gestatten es dem Wanderer, die
undurchdringlichen Waldstriche zu durchziehen. Der Pfad, auf dem unsere
Reiter in den Wald eindrangen, kam weit aus der Prairie her, und war selbst
auf dem festesten Boden mehrere Fuß tief eingetreten, während seine Breite
nur _einem_ Pferde Raum gab, darin zu gehen. Warwick ritt voran und nahm
dabei sein schweres Jagdmesser in die Hand, um diejenigen Ranken damit zu
durchhauen, welche von den Bäumen herab über den Pfad hingen und welche er
nicht zur Seite schieben, noch ihnen ausweichen konnte. Tiefer in dem
Walde aber wurden die Weinranken und Schlingpflanzen über dem Wege immer
zahlreicher, so daß die Reiter sich genöthigt sahen abzusteigen und ihre
Pferde zu führen, damit sie den Büffeln es nachmachen konnten, die gebückt
unter dem Geflecht hingehen, wie die allenthalben an den Dornen und Ranken
hängenden lockigen Haare dieser Thiere bezeugten.
Der Weg wand sich wie eine Schlange zwischen den riesigen Baumstämmen hin
und her, das hohe Laubdach wölbte sich immer dichter, und immer üppiger und
kräftiger erhoben sich die Pflanzen aus der schwarzen Walderde, je näher
man dem Flusse kam. Wie Blumengewinde schwangen sich die buntblühenden
Lianen von Baum zu Baum, von Ast zu Ast, und hingen leicht und graziös aus
der höchsten Höhe herab, oder schlangen sich um die kolossalen Weinranken,
die wie Riesenschaukeln auf und niederstiegen. Oft sperrte der ungeheure
Stamm eines umgefallenen Baumes den Pfad, so daß die Reiter sich einen
weiten Umweg um ihn bahnen mußten, und hier und dort hing ein solcher
Koloß der Pflanzenwelt schwebend in tausend Ranken, die ihn in seinem Sturz
aufgehalten hatten und an denen er seine Nachbaren zu sich niederbeugte.
Nur einzeln stahl sich ein Sonnenstrahl durch die dichten Baumkronen und
blitzte auf dem silbergrauen glänzenden Schaft einer Magnolie, auf dem
weißgelben Stamm einer Platane; doch das Licht war nicht hinreichend, das
wohlthuende Halbdunkel des Waldes zu verscheuchen. Eine reine wunderbar
labend kühle Luft füllte den grünen Raum, und die heimliche Stille und Ruhe
in demselben wurde nur durch das Brausen des Flusses unterbrochen, der wild
schäumend in seinem felsigen, dreißig Fuß tiefen Bett dem rothen Strome
zueilte.
»Wie ganz anders ist es in diesen Wäldern, als in denen von Arkansas,
Onkel,« sagte Carl zu Turner, welche Beide ihre Hüte abgenommen hatten und
ihre Schläfe von der duftigen frischen Waldluft umwehen ließen.
»Die Wälder in diesen Gegenden bergen keine stehenden Gewässer, keine
Sümpfe, wie die in jenem Lande, und darum giebt es keine so bösartigen
Fieber hier, als dort,« antwortete Turner, »wir können dem gütigen Gott
nicht genug danken, daß er uns hierher leitete. Sieh, Carl, was wir oft im
Leben als das größte Unglück betrachten, was wir gar nicht glauben ertragen
zu können, was uns wohl verzweifeln lassen will: nach einiger Zeit finden
wir aus, daß es gerade zu unserem Besten gewesen, daß ein großes Glück
für uns daraus entstanden ist. Hätten wir meinen Vetter Victor bei unserer
Ankunft in Amerika noch am Leben getroffen, so würden wir uns sicher bei
ihm niedergelassen haben, und vielleicht hätte Viele von uns dort dasselbe
Schicksal erreicht, welches ihm ein so frühes Ende bereitete. Ohne daß
wir das Geld in der Bank verloren hätten, würden wir niemals unsern treuen
lieben Freund Daniel bekommen haben, und ohne ihn wären diese gesunden
herrlichen Länder uns vielleicht nie bekannt geworden. Darum, Carl, was Dir
auch im Leben begegnen mag, sei es noch so hart und niederschlagend, gieb
niemals die Ueberzeugung auf, daß Gott es zu Deinem Besten lenken wird.«
Der Anblick des Bärflusses, den die Reiter jetzt erreichten, unterbrach
Turner in seiner Rede, und mit der größten Ueberraschung blickte er
und Carl auf die pfeilschnell dahineilende Fluth, die so klar und so
durchsichtig war, daß man in der tiefsten Tiefe jeden Stein, jeden Fisch,
jede Schildkröte auf dem Grunde erkennen konnte, und daß man, wenn keine
Bewegung in dem Wasser gewesen wäre, jedenfalls darüber in Zweifel gekommen
sein würde, ob überhaupt Wasser in dem Flußbette sich befinde, oder
nicht. Die Bewunderung, die man dem herrlichen Gewässer zollte, wurde aber
plötzlich auf etwas Anderes gelenkt, was die Aufmerksamkeit aller vier
Reiter in Anspruch nahm. Pluto nämlich stöberte in diesem Augenblicke
einige hundert wilde Truthähne von dem Ufer des Flusses aus den
Büschen auf, so daß das donnerähnliche Prasseln ihrer Flügel die Pferde
erschreckte. Wie Raketen stiegen sie gerade in die Höhe und schwangen sich
nach allen Seiten hin auf die höchsten Aeste der umstehenden himmelhohen
Bäume. Schnell gaben die Reiter die Zügel ihrer Pferde an Daniel, und
eilten mit ihren Büchsen in verschiedenen Richtungen durch das Dickicht, um
sich solchen Bäumen zu nähern, auf denen diese riesigen Vögel standen. Carl
folgte dabei dem Gebell Pluto's, der auf einer kleinen Blöße im Kreise
um eine ungeheure Cypresse sprang und, an ihr hinaufsehend, seine Stimme
ertönen ließ. Auf den gewaltigen Aesten, die der Riesenbaum weit über den
Fluß hinausstreckte, standen wohl einige zwanzig Truthähne und schauten,
ihre langen Hälse niederbeugend, nach dem bellenden Hunde. Carl hatte den
Baum bald erreicht, richtete seine Büchse nach der luftigen Höhe, und mit
dem Krach des Schusses stürzte ein mächtiger Hahn von dem Aste herab und
fiel schwirrend und flatternd in den Fluß hinein. Carl sprang schnell
an das Ufer, um Pluto hinter dem Vogel herzusenden. Dieser trieb auf der
Fluth, indem er dieselbe mit den Flügeln peitschte, und der Hund, der ihn
jetzt gewahrte, sprang von dem hohen Ufer hinab, um ihn für seinen Herrn an
das Land zu holen. Die Strömung nahm sie Beide rasch mit sich fort, Pluto
kam dem Hahn aber bald näher, und hatte ihn in einer Biegung des Flusses
bis auf wenige Schritte erreicht, als ein großer Alligator plötzlich unter
dem Ufer hervorschoß, vor dem Hunde auf der Oberfläche des Wassers erschien
und seinen furchtbaren Rachen nach dem Vogel öffnete.
Carl, der auf dem Ufer gefolgt war, hatte kaum das verhaßte Thier erkannt,
als er seine Büchse auf dasselbe richtete und ihm eine Kugel in den
gepanzerten Rücken schoß. Der Alligator jedoch ließ sich nicht in seinem
Raub stören, sondern ergriff den Truthahn mit den grimmigen Zähnen und
sank mit ihm in der klaren Fluth am Ufer hinab, bis er unter demselben
verschwand. Carl hatte Pluto mit Angst und Schrecken aus dem Flusse
zurückgerufen, und schaute verdrießlich nach dem Platze im Wasser, wo der
Räuber mit der Beute sich seinen Blicken entzogen hatte, welcher Fleck
durch aufsteigenden Schlamm bezeichnet wurde. Da traten Turner und Warwick,
ein jeder mit einem geschossenen Hahn beladen, zu dem Knaben, und erfuhren
nun von ihm das Mißgeschick, welches ihn betroffen hatte. Dabei blickte
derselbe betrübt auf die beiden prächtigen Vögel, welche die Männer erlegt
hatten und sagte schließlich:
»Daß ich aber auch solch Unglück haben muß!«
»Sage lieber solch Glück, Carl. Denke Dir nur, wenn der Alligator statt des
Vogels Deinen Hund erfaßt und mit sich fortgenommen hätte, wäre das nicht
viel schlimmer gewesen? Außerdem muß man nicht täglich und fortwährend nur
auf Gelingen seiner Unternehmungen rechnen; hast Du denn schon vergessen,
daß Dir das Jagdglück gestern Abend so sehr hold war?« sagte Turner
liebevoll zu Carl und strich ihm über die Wangen, worauf dieser des Onkels
Hand ergriff und sie küßte, als danke er ihm für seine Zurechtweisung. Sie
schritten nun am Ufer hin bis zu Daniel zurück, und bestiegen dort wieder
ihre Pferde, während der Neger die beiden erlegten Vögel an seinen Sattel
befestigte. Der Büffelpfad war sehr tief in das Ufer eingetreten, so daß
er nicht allzusteil nach dem Flusse hinabführte, dessen Grund man in der
kristallhellen Fluth ganz deutlich erkennen konnte.