großen Kiste vor dem Zelte aufgetragen war; ihre Lieben ließen sich um
denselben im Grase nieder, und auch Daniel setzte sich auf Turners Wunsch
mit in die Reihe. Es mundete Allen herrlich, denn der lange Tagesmarsch
hatte das Mahl gewürzt, und Alle meinten, so gut hätte es ihnen doch
niemals in Deutschland geschmeckt. Es war eine lauwarme stille Nacht, der
Rauch und die Funken des lustig flackernden Feuers wirbelten sich wie
eine golddurchwirkte Säule gerade zum Himmel auf, und hier und dort in den
Oeffnungen zwischen den unbewegten riesigen Baumkronen blitzten die hellen
Sterne am dunkeln Firmament. In dem weiten Kreise, den das Feuerlicht um
das Lager schuf, zitterten die schwarzen langen Schatten der majestätischen
Baumstämme auf den Laubmassen, und weiter hin in der Finsterniß des Waldes
schwebten Myriaden von leuchtenden Insecten. Spät noch saßen Turners, von
der Schönheit der Nacht entzückt, und lauschten den Erzählungen Daniels. Er
sprach von den unabsehbaren wogenden Grasfluren der westlichen Länder, von
dem wundervollen Blumenflor, womit dieselben Jahr aus Jahr ein geschmückt,
von den kristallhellen brausenden Gewässern mit ihren goldig schimmernden
Fischen, von dem durchsichtig blauen Himmel und von der ewig bewegten
kühlen Luft, die erquickend und stärkend über jene Länder ziehe. Unter den
Indianern geboren, war deren hoher Sinn für die Schönheiten der Natur auf
ihn übertragen, und seine lebendigen gefühlvollen Beschreibungen von den
Fluren, wohin er die Wanderer jetzt führte, begeisterten diese mit den
beglückendsten Hoffnungen. Endlich mahnte Turner an die Nachtruhe und begab
sich mit den Seinigen in das Zelt, während Carl es vorzog, bei Daniel
vor dem Feuer zu schlafen. Dieser machte ihm nach Jägerbrauch ein Lager
zurecht, breitete die wollene Satteldecke für ihn aus, gab ihm den Sattel
als Kopfkissen und hieß ihn seine Büchse als Schlafkameraden neben sich
legen. Ruhig und in wonnigen Träumen, wie sie nur der Schlaf unter heiterem
Sternenhimmel zu geben vermag, schwand den Ruhenden die Nacht, und der
frühe Morgen, als noch das Laub sich unter dem schweren Thau neigte, sah
sie schon wieder auf ihrem Wege nach Westen. Ueber zwei Wochen wanderten
sie in dieser Weise vom Anbrechen bis zum Sinken des Tages durch das
waldbedeckte sumpfige Arkansas, und zwar oftmals halbe Tage lang, ohne auf
ein anderes Zeichen der Cultur zu stoßen, als die rohe, durch das Fällen
von Bäumen geschaffene Straße, auf der sie fuhren, verrieth. In den
einzelnen Farmen, an denen sie vorüber zogen, kauften sie Mais für die
Zug- und Reitthiere, Mehl und Kartoffeln für den eigenen Bedarf, und wurden
mitunter mit Milch, Buttermilch, Eiern und Butter beschenkt. So reich und
üppig der Boden dieser Farmen aber auch war, so kühl und heimisch deren
Wohnhäuser auch in dem Schatten dichtbelaubter uralter Bäume versteckt
lagen, so stand doch unverkennbar auf den bleichen kraftlosen Gestalten
ihrer Bewohner geschrieben, daß ein böser Feind, das Fieber, sich unter
ihnen aufhalte, welches fortwährend aus den endlosen Sümpfen der Wälder
erzeugt wurde. Mit verwunderten, oft neidischen, oft wehmüthigen Blicken
betrachteten die Leute auf diesen Ansiedelungen die frischen rosigen
Gesichter der deutschen Wanderer, und riethen ihnen auch wohl, nicht in
diesem Lande des Todes zu weilen. Das Fieber schien aber keine Gewalt über
die kräftigen gesunden Naturen der Turnerschen Familie zu haben, und frisch
und heiter begrüßten sie die ersten Grasfluren im westlichen Ende von
Arkansas. Der Anblick dieser Prairie, wenn sie auch nur einige Meilen im
Durchmesser hatte, überraschte und entzückte die Herzen unserer Reisenden
sehr. Das hin- und herwogende hohe Gras, die Farbenpracht der Blumen, die
aus demselben hervorsahen, der kühlende Luftstrom, der erfrischend darüber
hinzog, stand so sehr mit dem einförmigen beschränkten Bilde im Gegensatz,
welches der undurchdringliche Urwald mit seiner schweren, schwülen Luft
den Wanderern während einiger Wochen geboten hatte, daß sie wie aus einem
düsteren Gefängniß hervortraten und wieder frei aufathmeten. Noch einmal
sollte sie aber der unheimlich dichte Wald umfangen, und die Sonne stand
schon niedrig, als sie von der hochgelegenen Grasfläche in denselben
hineinfuhren. Die Bewohner einer an dem äußersten Anfange der Prairie
gelegenen Farm, von denen Turners mit Mais versorgt worden waren,
hatten sie aufmerksam darauf gemacht, daß sie in diesem Walde ein böses,
gefährliches Wasser finden würden, welches bei dem leichtesten Regen so
schnell steige und aus seinen Ufern träte, daß es die ganze Gegend zu
seinen Seiten auf viele Meilen weit überschwemme. Als die Wagen in diesen
Wald hinein fuhren, zogen schwere Gewitterwolken am Himmel hin, welche bald
die Sonne verdunkelten und sich immer drohender und schwärzer aufthürmten.
Daniel hielt die Stiere an, und fragte, ob es nicht besser sei, hier den
Regen abzuwarten, doch Turner zog es vor, noch an diesem Abend den Wald zu
durchziehen, da derselbe nur wenige Meilen breit sein sollte. Er fürchtete,
daß das Wasser steige und es ihnen dann vielleicht auf viele Tage, ja auf
Wochen unmöglich machen werde, den waldigen Grund zu passiren. Daniel trieb
nun die Ochsen zu verdoppelter Eile an, und während Turners ihm folgten,
ritt Carl Scharnhorst voran, um den Weg, und namentlich den Fluß in
Augenschein zu nehmen. Die Straße war nur breit genug für _einen_ Wagen und
bot Daniel kaum hinlänglich Raum, zu Pferde neben den Stieren herzureiten.
Dabei wurde der Weg immer sumpfiger und grundloser, so daß die Räder bis an
die Achsen versanken. Der Zuruf Daniels und die Peitsche trieben aber die
Ochsen mit Eile vorwärts, und schon konnte der Neger in einiger Entfernung
Carl erkennen, der sein Pferd in dem seichten Flusse tränkte, als das
Fuhrwerk über einen, im Morast versunkenen Baumstamm fuhr, und der schwere
eiserne Nagel, der den Vorder- und Hinterwagen zusammen hielt, mit einem
lauten Krach zerbrach. Daniel, der sofort erkannte, was geschehen war,
brachte im Augenblick die Zugthiere zum Stehen und theilte mit Bestürzung
Herrn Turner den Unfall mit, indem er zugleich auf das Gewitter hindeutete,
welches schon schwer über dem Walde hing. Turner sah mit Entsetzen den
Wagen an; in diesem Zustande konnte derselbe nicht vom Flecke bewegt
werden. War es wirklich möglich, daß das Wasser in so unglaublich kurzer
Zeit steigen könne, wie die Farmersleute gesagt hatten, so durften Turners
die Fluth schon binnen wenigen Stunden hier um sich erwarten, und dann war
an eine Rettung des Wagens und der Ladung nicht mehr zu denken. Wohin
man nach den Bäumen und Büschen blickte, erkannte man die Spuren früherer
Ueberschwemmungen an dem Schlamm, Schilf und Reisig, welches die Strömung
zehn Fuß hoch von der Erde an ihnen zurückgelassen hatte, so daß ein
solches Wasser die Fuhrwerke bedecken und wahrscheinlich mit sich fort
reißen mußte. Rathlos und ohne zu einem Entschlusse kommen zu können,
hielt Turner mit dem Neger bei dem Wagen, als Carl herangeritten kam, um
zu fragen, was die Ursache des Haltens sei. Unter Angst und Schrecken wurde
ihm der Grund mitgetheilt. Auch Carl war im ersten Augenblick bestürzt und
sah besorgt bald nach dem Wagen, bald nach dem angeschwemmten Reisig in den
Aesten der Bäume; dann aber wandte er sich rasch zu dem Neger und sagte:
»Daniel, Du hast mir ja von einer Holzart erzählt, aus welcher die Indianer
ihre Bogen verfertigen, und welches so hart und so zähe sei, wie Stahl;
sollte dies Holz vielleicht hier im Walde wachsen? dann könnte man ja einen
Nagel daraus machen.«
»An allen den Flüssen, etwas weiter westlich, trifft man dieses Holz an,
es wäre darum nicht unmöglich, daß es sich auch hier vorfände. Die Indianer
nennen es =bois d'arc=, oder Bogenholz. Ich will mich schnell einmal danach
umsehen,« antwortete der Neger, wie von einer Hoffnung belebt, band sein
Pferd mit dem Zügel an einen Baum, und eilte mit der Axt in der Hand in
das Dickicht hinein. Carl war abgestiegen und sprang auf den Wagen, um
die Kiste zu öffnen, in welcher die Werkzeuge sich befanden. Nachdem er
verschiedene derselben auf die Erde hinab geworfen hatte, begab er sich
unter das Fuhrwerk, um den Schaden näher zu untersuchen, und er hatte dort
nur wenige Minuten verbracht, als Daniel in der Ferne einen lauten Jubelruf
erschallen ließ.
»Er hat das Holz gefunden!« rief Carl freudig aus, hob die schwere Winde
dann von dem Wagen und setzte sie unter denselben, um ihn damit in die
Höhe zu heben. Turner war ihm dabei behülflich, indem er ein Stück Holz von
einem umgefallenen Baume des weichen Bodens wegen unter die Winde
legte, und nun begannen Beide mit vereinten Kräften den schweren Wagen
aufzuwinden. Bald war dies so weit geschehen, daß Carl die beiden Stücke
des zerbrochenen eisernen Nagels aus der Oeffnung hervornehmen konnte, und
nun hing Alles davon ab, ob Daniel wirklich das erwünschte Holz mit sich
brachte.
Ein heftiger Donnerschlag erschreckte jetzt die Hoffenden und mahnte sie
von Neuem an die Gefahr, in der sie schwebten. Zugleich fielen schwere
Regentropfen auf sie nieder und wenige Augenblicke später goß es wie ein
Wolkenbruch vom Himmel herab. Durch den dichten Regen wurde aber Daniel
jetzt sichtbar und zwar mit einem starken Ast in der Hand.
»Gottlob, nun sind wir gerettet!« rief Carl, ihm entgegentretend, und nahm
ihm das Holz ab. Schnell ergriff er dann das scharfe Beil, womit er den
Ast, um den Nagel daraus herzustellen, zu behauen begann. Das Holz aber
war so hart, daß die Arbeit nur sehr langsam von Statten ging und mit
jedem Hiebe ertönte der Stahl in hellem Klange. Dabei strömte die Fluth
ununterbrochen so gewaltig auf die Erde nieder, daß bald, so weit man sehen
konnte, die ganze Grundfläche einem See glich, der mit jeder Minute an
Tiefe zunahm, und bereits zu strömen begann. Madame Turner hatte sich mit
den Kindern in ihren Wagen geflüchtet, wo sie das starke darüber gespannte
Leinentuch gegen die Nässe schützte, während die beiden Männer das
Tuch über den großen Wagen strammer anzogen und Carl den Nagel eifriger
bearbeitete. Endlich war derselbe fertig, war passend und sauber abgerundet
und Carl setzte ihn mit Hülfe Turners und des Negers an den Platz des
eisernen Nagels ein. Dann ward der Wagen wieder niedergelassen und Alles
war zur Weiterfahrt bereit. Jetzt war es die Frage, ob das Stück Holz stark
genug sein würde, namentlich während des ersten Anfahrens, um der großen
Gewalt zu widerstehen, die gegen dasselbe wirken mußte; denn die Räder
waren bis an die Achsen versunken. Die Pferde wurden bestiegen, Carl ritt
voran, Daniel rief den Stieren zu und schwang die gefürchtete Peitsche
über deren Köpfen, sie legten sich mit aller Kraft in die Ketten und
unter schwerem Knarren und Aechzen setzte sich nach wiederholten äußersten
Anstrengungen der Thiere der Wagen in Bewegung. Das Wasser wurde mit jedem
Schritt tiefer und die Strömung stärker, und als die Stiere in den Fluß
hinein schritten, reichte ihnen die Fluth bis an die mächtigen Seiten
hinauf. Das Wasser stieg in den großen Wagen, konnte der Ladung aber keinen
Schaden zufügen, weil der untere Theil derselben aus Gegenständen bestand,
auf welche die Nässe nicht nachtheilig wirkte. Die Räder an dem Fuhrwerk
der Madame Turner waren sehr hoch, so daß der Strom kaum über den
Fußteppich in denselben drang, dennoch steigerte dies die Bangigkeit der
Frau und Kinder während der Durchfahrt sehr. Bald aber war das jenseitige
Ufer glücklich erreicht und mit frohen, von Angst befreiten Herzen
erkannten die Wanderer, daß der Grund unter ihnen wieder fester wurde. Der
Weg hob sich allmählig, er wurde steiler und trockener, der Donner
rollte nicht mehr so anhaltend, so fürchterlich, und der Regen verlor an
Heftigkeit. Hier und dort theilte sich bald darauf das eilende Gewölk, der
blaue Himmel schien hindurch und die sinkende Sonne warf noch ihre Strahlen
freundlich und mild auf die krystallhell glänzende Tropfensaat, die der
Regen an jedem Blatt, jedem Halme, jedem Reis zurückgelassen hatte. Jetzt
erreichten Turners am Ende des Waldes einige steile Höhen, von wo sie auf
die so gefahrvoll durchwanderte Niederung zurückblicken konnten. Das ganze
bewaldete Thal war ein reißender Strom, aus dessen weißschäumenden Wogen
die höheren Bäume emporragten und ihre unteren Aeste mit der Fluth spielen
ließen. Nach Westen aber, wo jetzt die Sonne nahe über dem flachen Horizont
stand, lag eine endlose unabsehbare Grasfläche vor den erstaunten Blicken
der Wanderer, und mit frohlockenden Herzen begrüßten sie diese erste offene
Prairie. Das üppige saftige Grün dieser weiten Flur war durch den Regen
erfrischt worden, und die letzten Blicke der Sonne beleuchteten glühend die
feurigen Blüthen der hohen Cactusarten, die sich in Turners Umgebung aus
dem Grase erhoben.
Unter einer Gruppe uralter, undurchdringlicher, dicht belaubter
Lebenseichen hielten die Wagen an und die müden Zugthiere wurden aus
ihrem Zwange erlöst. Heute sollten sie für ihre lange und schwere Arbeit
entschädigt werden, sie sollten sich während der Nacht an dem zarten
frischen Grase laben. Daniel hatte mit unglaublicher Schnelligkeit jedem
der Thiere die beiden vorderen Füße mit einem Streifen roher Ochsenhaut
zusammengefesselt, so daß sie dieselben nur zugleich vorwärts setzen
konnten und dadurch mehr oder weniger an weiterem Fortgehen gehindert
wurden. Dann trieb er sie dem Grase zu und überließ es ihnen, sich die
beste Weide zu suchen. Die Reitpferde wurden dagegen in der Nähe mit langen
Stricken an einzeln stehende Bäume ins Gras gebunden, damit auch sie sich
darin laben möchten, ohne sich weit vom Lager entfernen zu können. Turner
hatte auf einem steinigen Fleck das Zelt aufgeschlagen, Carl und die beiden
anderen Knaben hatten Reisholz herbeigeholt und dasselbe nicht ohne Mühe
angezündet, und Madame Turner war mit Julie beschäftigt, das Abendbrod
zu bereiten. Jetzt kam Daniel auch mit einem schweren Stück von einem
trockenen Baumstamm heran, schleifte denselben an das flackernde Feuer
und ging dann wieder, um noch mehr Holz für die Nacht herbeizuschaffen. Es
rührte sich kein Wind, die Luft aber war erquickend kühl und rein und es
kam den Reisenden vor, als athmeten sie mit jedem Zug noch einmal so viel
Luft ein, als sonst. Nacht legte sich über die weite Landschaft, der Himmel
im Westen glühte noch in dunkelm Carmin über dem schwarzen äußersten Rande
der Prairie und das Firmament war mit funkelnden Sternen übersäet. Die
Familie Turner und der treue Daniel saßen vor dem hochauflodernden großen
Feuer, über dessen Lohe sich die Aeste der alten Eichen zitternd hin- und
herschwangen, und priesen die Gnade des Allmächtigen, welcher sie ihre
Rettung aus der überstandenen Gefahr verdankten. Carl war wieder die Hand
gewesen, durch welche ihnen Gott diesen Beistand hatte angedeihen lassen,
und mit herzinnigen Segenswünschen dankte Turner dem anspruchslosen
hülfreichen Knaben.
Die durchnäßten Gegenstände waren an dem großen Feuer getrocknet, die
Reitpferde wurden an den Wagen befestigt und Turner legte sich in dem
Zelte zur Ruhe, während Carl und Daniel ihr Nachtlager wieder vor dem Feuer
herrichteten.
Kaum graute der Tag, als Alle, vom süßen Schlaf gestärkt, sich erhoben und
Vorbereitungen zur Weiterreise machten. Die Reitpferde wurden abermals ins
Gras gebunden und das Feuer zur Bereitung des Frühstücks frisch angefacht.
Die Stiere, so wie die drei Wagenpferde, hatten sich während der Nacht
ziemlich weit von dem Lager entfernt und standen weidend dort im hohen
Grase. Die Sonne stieg prächtig und heiter über dem waldigen Osten auf und
goß ihr belebendes Licht über die endlose Grasflur, auf der hier und
dort einzelne Rudel von Hirschen zu erkennen waren. Turners saßen beim
Frühstück, ließen aber ihre Blicke dabei wiederholt über die Prairie
schweifen, da jeder Punkt auf derselben ihre Neugierde anzog.
»Was kommt dort hinter der Waldspitze hervor?« fragte Carl plötzlich, indem
er seitwärts nach der waldigen Niederung zeigte, wo dieselbe sich an die
Prairie lehnte.
»Schnell, schnell, das sind wilde Pferde, schnell auf die Gäule, damit wir
sie von unseren Wagenpferden abhalten, sonst sind diese für uns verloren!«
rief Daniel erschrocken aus und sprang mit einem Zaum in der Hand nach
einem der Reitpferde, während Turner und Carl hastig seinem Beispiel
folgten. Im Augenblick waren den drei Thieren die Zäume übergeworfen,
Turner, Daniel und Carl schwangen sich auf deren nackte Rücken, und in
Carriere sausten sie über die Prairie, den wilden Rossen entgegen. Diese
waren aber schon zu nah herangekommen, als daß die Reiter sie noch hätten
von den Wagenpferden zurückhalten können, welche, als ob sie nach der
Freiheit ihrer wilden Kameraden verlangten, denselben trotz der Fesseln
in schwerfälligen, doch flüchtigen Sprüngen entgegeneilten. Ehe noch die
Reiter sie erreichten, waren sie in dem wirren Haufen der wilden Schaar
verschwunden, die, über zweihundert Köpfe stark, jetzt in gedrängten Massen
vor den Reitern über das wogende Gras dahinstürmte.
»Vorwärts, nur frisch dazwischen, wenn die Fesseln an den Füßen unserer
Pferde halten, so können sie uns nicht entgehen!« rief Daniel und trieb
sein Roß zu möglichster Eile an; doch Carl sauste an ihm vorüber, sein
Falber war das schnellste der Thiere und er war der Erste, der sich den
fliehenden Pferden nahte. Die Erde dröhnte unter den Hufen der
wilden Rosse, hoch wehten die langen Mähnen und Schweife, ihre rothen
weitausgespannten schnaubenden Nüstern glühten wie Feuer und ihre großen
Augen blitzten mit Entsetzen nach Carl hin, der jetzt ihre letzten Reihen
erreichte. Es schien, daß die Thiere bisher noch ihren Lauf gemäßigt
hatten, um die gefesselten Kameraden zu schützen und sie mit sich fort zu
nehmen; als aber der Falbe mit Carl auf seinem Rücken ihnen zu nahe kam, da
brachen sie in wilder fliegender Flucht los und ließen die noch mit
letzter Anstrengung ihnen folgenden Wagenpferde zurück. Nur _ein_ mächtiger
goldbrauner Hengst wandte sich noch einmal um, schoß in hohen Bogensätzen
dicht an Carl vorüber und umkreiste wiehernd die gefesselten Brüder, als
wolle er sie nochmals zur Flucht anfeuern; dann aber schoß er wie ein Pfeil
davon, seiner fliehenden Heerde nach. Die Wagenpferde blieben ermattet
stehen, doch Carl jagte an ihnen vorüber, die Lust der wilden Jagd war zu
groß, als daß er sie schon hätte aufgeben können, er drückte beide Sporen
fest in die Seiten des flüchtigen Falben und in fliegendem Sturm ging
es nun über die Prairie, den davonsausenden Rossen nach. Näher und näher
rückte er der geängsteten Schaar, deren kräftigste Thiere die letzten
waren, wie es schien, um die jüngeren vorwärts zu treiben, und der
goldbraune Hengst blieb noch weiter zurück, als wolle er den schrecklichen
Reiter von ihnen abhalten. Jetzt aber wurden zwei Füllen hinter
der verworrenen Masse sichtbar, ein schwarzes und ein weißes, ihre
Schnelligkeit nahm ab, sie ermatteten mehr und mehr, umsonst umschwärmte
sie der goldbraune Hengst, sie konnten nicht weiter und fielen gänzlich
erschöpft in das Gras nieder. Carl hatte sie erreicht und hielt, laut
jubelnd, seinen Falben an, da gewahrte er zu seiner Freude Daniel, der in
voller Carriere herangejagt kam. Beide waren von ihren Pferden gesprungen,
hoben die ermatteten hübschen Füllen auf die Füße und schmeichelten und
liebkosten sie, doch es dauerte lange, ehe dieselben sich erholten und
wieder zu Athem kamen.
»Wenn wir nur einen Strick hätten, Daniel, damit wir sie binden und mit
uns nehmen könnten, sie sind zu lieb und hübsch, und welch prächtige Pferde
müssen sie werden!«
»Wir gebrauchen keines Strickes, junger Herr,« antwortete Daniel lachend
und beglückt über die Freude, die Carl empfand, »lassen Sie die Thiere nur
erst ganz zu Kräften kommen, dann folgen sie geduldig unsern Pferden; wir
werden wenig Mühe mit ihnen haben, denn sie sind schon stark genug, um sich
selbst ernähren zu können.«
So wie Daniel es vorhergesagt hatte, so geschah es auch. Als die Füllen
wieder zu Kräften gekommen waren, bestiegen die Reiter ihre Pferde, und
die kleinen Verwaisten folgten denselben, als ob es ihre Mütter wären.
Der Jubel war groß, als Carl und Daniel mit den beiden Pferdchen im Lager
anlangten, Madame Turner und die Kinder waren außer sich vor Freude, sie
liebkosten die schönen Thiere und Carl machte seinen Brüdern, Arnold und
Wilhelm ein Geschenk mit dem Rappen, den kleinen Schimmel aber schenkte er
seiner Schwester Julie. Turner hatte die Wagenpferde auch glücklich wieder
zum Lager zurückgetrieben, und so war aus dem Schrecken eine große Freude
hervorgegangen. Nun wurde sich schnell zur Abfahrt gerüstet, und als
der Zug sich in Bewegung setzte, folgten die beiden Füllen dem dritten
Wagenpferde, welches zu diesem Zwecke hinter das Fuhrwerk der Madame Turner
angebunden war.
Das schöne herrliche Land der Prairieen lag jetzt vor den Reisenden
ausgebreitet, bald schwanden die letzten blauen Umrisse der Wälder von
Arkansas, und wie auf einem wogenden, mit Blumen übersäeten grünen Meere
zogen die Wanderer über die reichen, wellenförmig auf- und niedersteigenden
Grasfluren hin. Sie hatten das Indianergebiet westlich von Arkansas
betreten, und erreichten am zweiten Abend das Fort Towson, in dessen Nähe
sie übernachteten. Der Befehlshaber der Dragonerabtheilung, welche hier
auf Station lag, um die Grenzansiedelungen der Weißen gegen die
Gewaltthätigkeiten der Indianer zu schützen, bezeigte sich sehr freundlich
gegen Turners und besuchte sie noch vor ihrer Weiterfahrt am folgenden
Morgen in ihrem Lager. An diesem Tage gelangten sie bei dem neuen
Grenzstädtchen Franklin an, wo sie den rothen Fluß überschritten, um sich
aus dem Lande zu entfernen, welches von der Regierung der Vereinigten
Staaten den verschiedenen Indianerstämmen, die sie aus den östlichen
Staaten vertrieben hatte, als Eigenthum angewiesen war. Nun lagerten
Turners auf der nördlichen Grenze von Texas. Von hier aus ward der Weg nur
durch undeutliche Wagenspuren bezeichnet und das Gefühl, der vollständigen
Wildniß näher zu kommen, drängte sich den Reisenden mehr und mehr auf. Nur
selten trafen sie noch ein einsames Blockhaus an, bis sie nach Verlauf
von einer Woche endlich das letzte Grenzstädtchen Preston am rothen Flusse
erreichten. Man nannte es Stadt, wenn es auch nur aus wenigen Holzhäusern
bestand, die unter einzelnen Baumgruppen versteckt lagen und durch sandige
Fußpfade mit einander verbunden waren. Mehrere Kaufleute, die alle für
die Grenzansiedler nöthigen Bedürfnisse feil hielten, ein Schneider, ein
Schmied, ein Schuhmacher, ein Arzt und ein Advocat nebst mehreren Farmern
und zweien Schenkwirthen bildeten die Einwohnerschaft. Die Trachten dieser
Leute bekundeten, daß sie an der äußersten Grenze der Civilisation wohnten,
denn dieselben bestanden zum großen Theil in Lederanzügen, und die langen
Messer, die Pistolen und die Büchsen, welche sie mit sich führten, deuteten
die Nähe der Wildniß an.
Daniel war mit diesem Lande genau bekannt, da er sich oft mit den Indianern
Monate lang hier aufgehalten hatte; bei seinem letzten Besuche in dieser
Gegend stand jedoch auf Tagereisen weit noch kein einziges Haus. Turner
erkundigte sich darum bei einem der Kaufleute, von welchem er mehrere
unbedeutende Gegenstände erstand, wie weit westlich sich die Ansiedelungen
von hier aus noch erstreckten, und erfuhr, daß zehn Meilen von hier an dem
Choctawbache sich die letzten Niederlassungen befänden. Auf die Frage, ob
man dort Kühe, Schweine und Federvieh kaufen könne, wurde ihm gesagt, daß
er dies Alles im Ueberfluß dort finden und die Leute sehr erfreuen würde,
wenn er sich in ihrer Nähe niederlassen wolle. Nachdem Turner dem Kaufmann
das Versprechen gegeben hatte, von ihm gelegentlich seine Bedürfnisse zu
beziehen, setzte er die Reise noch eine Meile weiter fort, bis zu einem
Bache, wo er das Lager für die Nacht aufschlug. Am folgenden Tage langten
die Wanderer gegen Abend an dem Choctawbache an, zu dessen beiden Seiten
sich einige Meilen breit prächtiger hoher Urwald hinzog. Der Weg durch
denselben war durch Fällen der Bäume geöffnet und führte Turners über
den klaren rauschenden Bach bis an den äußeren Waldsaum, wo im schattigen
Dunkel der Riesenbäume eine Ansiedelung versteckt lag. Von den Häusern
derselben sahen nur die Dächer über eine hohe Pallisadenwand hervor, welche
aus aufrechtstehenden, neben einander in die Erde gegrabenen Baumstämmen
bestand und sämmtliche Gebäude umgab. Auf der offenen Prairie, welche sich
an den Waldsaum anlehnte, grasten in Schußweite vor den Pallisaden viele
Pferde, die dort mit langen ledernen Stricken an Pfählen angebunden waren,
und weiter auf der Grasflur weideten mehrere hundert Stück Rindvieh.
Bei Annäherung Turners kamen ihnen viele Hunde bellend entgegen gerannt,
und gleich darauf erschienen mehrere Männer vor der hölzernen Mauer
und sahen verwundert nach den Kommenden hin. Es war der Eigenthümer
der Niederlassung, Herr Warwick, mit seinen drei erwachsenen Söhnen und
mehreren jungen Amerikanern, die bei ihm wohnten, weil sie unentgeltlich
bei ihm lebten, nicht zu arbeiten brauchten, und sich mit der Jagd und
Fischerei belustigten. Herrn Warwick war der Aufenthalt dieser Leute in
seinem Hause sehr erwünscht, da die Lebensmittel für dieselben nichts
kosteten, und sie ihm und den Seinigen eine Sicherheit mehr gegen die
Angriffe der Indianer gewährten. Warwick war der erste Ansiedler in dieser
Gegend gewesen und hatte manche große Gefahr hier bestanden. Er war
ein schon bejahrter, doch noch kräftiger, rüstiger Mann von gutmüthigem
freundlichen Wesen. Indem er Turners entgegen kam, bewillkommnete er sie
aufs Herzlichste und bot ihnen seine Hülfe und Unterstützung nach allen
Kräften an. Die Wagen wurden nahe vor die Pallisaden gefahren, die Pferde
an Stricken in das Gras gebunden, während die beiden Füllchen lustig um
sie hersprangen, und die Stiere ließ Daniel frei gehen, band aber einem
derselben eine große Metallglocke um den Hals, damit er immer hören konnte,
wo die Thiere weideten. Turners folgten nun der freundlichen Einladung
Warwicks und begaben sich in dessen Wohnung, die aus mehreren, innerhalb
der hohen Pallisaden nebeneinanderstehenden Blockhäusern bestand. Die
Hausfrau, so wie deren Töchter nahmen die Gäste ebenso freundlich auf, wie
es Warwick gethan hatte, und führten sie zum Abendessen, welches soeben
aufgetragen war. Daniel mußte in der Küche speisen, weil die Amerikaner es
nicht dulden, daß sich ein Schwarzer in ihrer Gesellschaft aufhalte. Nach
dem Essen aber eilten Alle hinaus vor die Einzäunung und setzten sich unter
eine alte Lebenseiche in das Gras nieder, um die erquickende Abendluft zu
genießen, die nicht so frisch und frei in die Häuser eindringen konnte.
Eine friedliche heimische Ruhe lag auf der Gegend, in dem hohen dunkeln
Walde hinter den Wohnungen ließ sich nur noch hier und dort ein Vogel
hören, auf der Prairie, an deren duftig blauer Ferne die Sonne versunken
war, zogen die Heerden unter klingendem Glockenton der Leitkühe langsam
heran, um sich in der Nähe der Ansiedelung zu lagern, und das Tageslicht
wich vor dem bleichen Schimmer des Mondes, der schon hoch am Himmel stand.
Turners dachten an die schönen Abende auf der Kluse, an den ruhigen, im
Mondlicht glänzenden Spiegel der Werra, an die blauen Berge der lieben
alten Heimath -- wie ganz anders war Alles hier und doch auch, wie schön --
nur die feierlichen Töne der Abendglocken hätten sie gerne jetzt gehört --
es war ihnen ein wehmüthiger Gedanke, daß dies nie wieder geschehen sollte.
Warwick hatte seinen Söhnen verschiedene Aufträge gegeben und wandte sich
jetzt an Turners, wodurch er deren Gedanken von dem Werrathale abzog.
Zuerst sprach er sich ausführlich über die großen Vortheile aus, welche
diese Länder vor anderen dem Ansiedler boten, er wies namentlich auf das
herrliche gesunde Klima hin, dann auf den reichen Boden, auf die immer
grünen üppigen Weiden, auf die Menge von Wild, von Fischen und von Bienen,
und malte zuletzt die große Zukunft aus, die dieser Gegend in nicht gar
langer Zeit bevorstände, eine Zukunft, die wohl werth sei, daß man jetzt
Etwas dafür wage. Dann theilte er Turner mit, daß alles Land an diesem
Bache bereits Eigenthum der zehn Ansiedler sei, die jetzt daran wohnten,
und daß keiner von ihnen, auch er selbst nicht, ein Stück davon verkaufen
würde. Fünf Meilen weiter westlich aber, sagte er, befände sich an dem
sogenannten Bärfluß das ausgezeichnetste Land, welches sämmtlich noch der
Regierung gehöre, und Derjenige, welcher zuerst dort hinzöge, würde die
Auswahl haben und könnte sich ganz nach seinem Wunsche und nach seinem
Geschmack anbauen. Turner bemerkte ihm, daß aber dieser Erste dort sehr
großen Gefahren ausgesetzt sein würde und daß es ihm selbst wohl kaum
möglich sei, sich mit seinen wenigen Kräften gegen die Indianer zu
behaupten.
»Wir Alle hier am Choctawbache werden Ihnen helfen,« fiel ihm Warwick in
die Rede, »denn sehen Sie, es ist ja in unserm eignen Interesse, daß dort
Ansiedelungen entstehen, da dieselben für uns Vorposten gegen die Indianer
sein werden. Das ist so der Gebrauch an der Frontier, Einer muß immer der
Vorderste sein und eine Zeitlang die Widerwärtigkeiten des Grenzlebens
ertragen; hab' ich ja doch viele Jahre lang hier allein gewohnt.«
»Sie kamen aber wohl mit mehr Arbeitskräften hierher, als ich, und konnten
sich schnell jene Festung bauen?« versetzte Turner.