Wie strahlten die Blicke der Familie Turner nach den Ufern dieses wunderbar

schönen Gewässers hinüber, wie hingen sie freudig an jedem Farmhause, an

jeder Hütte, die friedlich und anmuthig unter hohen Baummassen hervorsah;

-- sollte doch auf diesem Ufer auch ihre neue Heimath gegründet werden! --

Noch eine Nacht mußten sie auf dem Goliath zubringen, morgen aber hofften

sie die amerikanische Erde zu betreten. Nur wenige Stunden während

dieser Nacht gaben sich die Passagiere der Ruhe hin, denn das Mondlicht

beleuchtete die Küsten der sich immer mehr verengenden Bay mit Tageshelle,

so daß die Blicke der Einwanderer immer noch von dort angezogen wurden,

und die Hunderte von großen und kleinen Schiffen, welche mit ihren weißen

aufgeblähten Segeln an ihnen vorüber schaukelten und nickten, fesselten sie

bis spät in die Nacht hinein auf dem Verdeck. Kaum aber graute der Tag,

als sie sämmtlich aus der Kajüte hervoreilten, um ihre Augen wieder an den

schönen Ufern zu weiden und jeder Farm im Vorübersegeln Grüße zuzusenden;

denn der Vetter Victor wohnte ja unmittelbar an der Bay und war ja schon

lange im Besitze der Nachricht, daß sie mit dem Goliath reisen würden.

Der Name des Schiffes war mit großen schwarzen Buchstaben an dessen Spitze

geschrieben, so daß der Vetter mit Hülfe eines Fernglases denselben lesen

konnte -- vielleicht eilte er dann sofort nach Baltimore, um seine lieben

erwarteten Verwandten bei ihrer Ankunft daselbst zu empfangen. Die Sonne

neigte sich schon, als die Thürme und Kuppeln dieser Stadt aus der blauen

Ferne hervortraten, und die Abenddämmerung strich über die Erde, als der

Goliath die Landspitze erreichte, von welcher aus Baltimore sich bis auf

die ferneren Höhen ausdehnt. Hier, an der Point, wie man diesen äußersten

Theil der Stadt nannte, legten alle aus See kommenden großen Schiffe an,

und bald war der Goliath an einem Werfte befestigt und aller seiner Segel

beraubt.

Mit einem stummen, aus tiefstem Herzen kommenden Dankgebet zum Himmel

traten Turner und seine Gattin mit den Kindern an das Land, um nun sogleich

einen Brief an den Vetter Victor der Post zu übergeben, damit dieser, von

ihrer glücklichen Ankunft benachrichtigt, sobald als möglich in ihre Arme

eilen möchte. Daniel, der in der Stadt bekannt war, mußte sie begleiten,

und Kapitain Bosse versprach mit dem Abendessen auf ihre Rückkehr zu

warten, denn es war zu spät geworden, um noch nach einem Gasthause

übersiedeln zu können. Daniel rieth Turner, einen Wagen zu nehmen, da man

eine halbe Stunde gebrauche, um nach der eigentlichen Stadt zu gehen, und

weil ihm und den Seinigen nach so lange entbehrter Bewegung der Weg sauer

werden würde. Turner folgte dem Rathe des Negers weniger aus Besorgniß vor

dem weiten Spaziergang, als weil er den Kapitain nicht zu lange mit dem

Abendessen auf sich warten lassen wollte. An der nächsten Straßenecke, wo

viele Miethwagen hielten, wurde ein solcher bestiegen, Daniel setzte sich

zu dem schwarzen Kutscher auf den Bock, und im Galopp jagten die Pferde mit

dem leichten Fuhrwerk dahin. Die hohen prächtigen Gebäude, die Kirchen mit

ihren Kuppeln und Thürmen, die Monumente und die wogenden Menschenmassen

auf den Trottoirs, Alles von dem hellen Licht des Mondes beschienen,

machten einen überraschenden, einnehmenden Eindruck auf die Ankömmlinge,

und der Gedanke, in der Nähe einer so schönen belebten Stadt zu wohnen,

that ihnen wohl. Die Post wurde bald erreicht, der Brief abgegeben, und

ohne Aufenthalt lenkte der Kutscher die Pferde nach der Point zurück.

Frühzeitig am folgenden Morgen verließen die Passagiere nun das Schiff und

dessen freundlichen Führer, und bezogen ein Gasthaus zweiten Ranges ganz in

der Nähe des Werftes, wo der Goliath lag. Kapitain Bosse, der mit dem Wirth

des Hauses schon seit Jahren bekannt war, führte Turners bei ihm ein, und

schnell hatten sie sich dort wöhnlich eingerichtet.

Turner stattete nun dem Kaufmann, auf welchen seine Wechsel ausgestellt

waren, einen Besuch ab, um das Geld dafür in Empfang zu nehmen. Man gab

ihm für den Betrag Anweisungen auf zwei verschiedene Banken, welche er

in denselben vorzeigte und wogegen ihm die Summen zur Verfügung gestellt

wurden. Turner empfing von der einen Bank den ganzen Betrag der Anweisung

mit viertausend Dollar in Gold, in der anderen Bank aber ließ er das Geld,

welches nicht ganz drei tausend Dollar betrug, stehen, um nicht sein ganzes

Vermögen einem etwaigen Diebstahl auszusetzen.

»Es ist besser« sagte er zu seiner Gattin, »wenn wir nur einen Theil

unseres Geldes bei uns im Hause haben; in der Bank kann es uns nicht

gestohlen werden.«

Der dritte und vierte Tag verstrich, ohne daß der Vetter Victor selbst,

oder nur eine Antwort von ihm erschienen wäre; denn Turner ging Morgens und

Abends nach der Post und erkundigte sich nach Briefen. Dies Schweigen

war ihm und den Seinigen recht unangenehm, wenn es auch in keiner Weise

Besorgniß erregte, denn die unregelmäßige schlechte Postverbindung im Lande

seitwärts von den großen Straßen machte es erklärlich. Als aber auch der

fünfte Tag verfloß, ohne daß ein Lebenszeichen von dem Vetter eingetroffen

war, entschloß sich Turner, selbst zu ihm hinzureisen und ihn zu

überraschen.

Der Wirth des Gasthauses, dem Turner den Wohnort seines Vetters

bezeichnete, rieth ihm, einen Wagen zu miethen und sich hinfahren zu

lassen, wenn die Reise auch zu Schiff in kürzerer Zeit gemacht werden

könne. In einem Segelboot sei er mehr von Wind und Wetter abhängig und

habe weniger Bequemlichkeit, während die Kosten ziemlich gleich wären. Am

nächsten Morgen mit Tagesanbruch trat Turner die Reise an und nahm Carl

Scharnhorst mit sich, um nicht ganz allein zu fahren und weil er selbst

weniger gut englisch sprach, als der Knabe, der sich viel bei Daniel darin

geübt hatte. Es war ein herrlicher heiterer Morgen, die Sonne verscheuchte

bald den Nebel, der sich von der Bay aus weit über das Land gelegt hatte,

und freudigen, muthigen, thatkräftigen Herzens begrüßte Turner die waldige

Höhe, über welche die rohe Straße führte. Bunte, in goldigem Sonnenschein

glänzende Vögel schwirrten durch den frischen grünen Wald, oder sangen

ihr Morgenlied auf den himmelhohen Bäumen, graue und schwarze Eichkätzchen

huschten über den Weg und jagten sich spielend an den Baumstämmen hinauf,

und zu Carls großer Freude schwang sich ein mächtiger weißköpfiger Adler in

nicht großer Entfernung von dem vorüberfahrenden Wagen auf eine Eiche. Carl

rief dem Kutscher zu, anzuhalten, sprang mit seiner Büchse in der Hand aus

dem Wagen, und eilte der Höhe zu, auf welcher die Eiche stand. In diesem

Augenblicke erhob über der nahen Bay, auf welche Carl von hier aus einen

Blick hatte, ein Fischadler ein lautes Geschrei, schoß, die Flügel an sich

drückend, pfeilschnell nach dem Wasserspiegel hinunter, verschwand einen

Augenblick unter demselben, und stieg dann mit einem großen Fisch in den

Krallen wieder aus der Fluth empor. Kaum aber hatte er sich mit seinem Fang

erhoben, als der Adler von der Eiche herabschoß und mit Blitzesschnelle

auf ihn Jagd machte. Der Fischadler stieg schreiend gerade gegen den Himmel

auf, der weißköpfige aber folgte ihm mit gewaltigem Flügelschlage, bis

plötzlich sein fliegender Gegner den Fisch fallen ließ und er denselben

noch einholte und ergriff, ehe er das Wasser erreichte. Nun zog der

mächtige Vogel mit seiner Beute nach der Eiche zurück, um sie dort zu

verzehren. Carl hatte, hinter Baumstämmen verborgen, der Jagd zugesehen und

sich nun vorsichtig bis auf Schußweite dem Räuber genähert, der schon emsig

beschäftigt war, den Fisch zu verspeisen. Die Büchse knallte und der Adler,

von der Kugel in die Brust getroffen, stürzte todt mit dem Fisch auf die

Erde herab. Im Triumph trug Carl beide zum Wagen hin, und erzählte nun

seinem Onkel in größter Freude den Hergang der Jagd.

»Das ist der Lauf der Welt, Carl; der Mächtigere unterdrückt und beraubt

den Schwächern,« sagte Turner lächelnd zu dem Knaben.

»Aber Onkel, ich habe ja nur den Räuber bestraft,« entgegnete Carl halb

verlegen.

»Das heißt, weil es Dir überhaupt Spaß machte, den Vogel zu erlegen,«

antwortete Turner scherzend. »Du hast ihn übrigens gut getroffen, und Du

schießest schon sehr sicher mit der Büchse.«

»Sie ist ja auch ein Geschenk von Dir, lieber guter Onkel, da muß ich ihr

doch Ehre machen,« entgegnete Carl, indem er Turners Hand ergriff und sie

zärtlich drückte.

Der Weg bot während des ganzen Tages die reizendste Abwechselung: bald

führte er durch weite üppige Grasflächen, auf denen prächtiges Vieh

in großen Heerden weidete, bald zog er sich durch reiche Mais- und

Tabacksfelder und an lieblichen Pflanzerwohnungen vorüber, bald wurde er

von hohem Urwald überschattet, der sich wie ein Laubgewölbe über ihm schloß

und nur hier und dort einzelnen Sonnenstrahlen gestattete, den mit riesigen

Kräutern bedeckten Boden zu erreichen, und bald wieder streckte er sich

über kahle Höhen, von wo man auf die grüne Fluth der Bay hinabschaute, auf

welcher sich unzählige große und kleine Schiffe unter ihren weißen Segeln

wiegten. Je näher Turner dem Ziele seiner Reise kam, um so stärker wurde

das Verlangen nach dem Augenblick, wo er dem Vetter in die Arme eilen

würde, und wieder und wieder fragte er den Kutscher, wie lange er noch zu

fahren habe. Endlich, als die Sonne sich schon neigte, deutete der Fuhrmann

nach einem seitwärts von der Straße an dem Ufer der Bay gelegenen Gehöft,

und bezeichnete dasselbe als die ersehnte Farm. Kaum eine Viertelstunde war

nöthig, dieselbe zu erreichen, und mit hochschlagendem Herzen sprang Turner

aus dem Wagen und eilte durch den kleinen verwahrlosten Garten dem Hause

zu. Seine Blicke schweiften nach allen Richtungen vor sich, um den Vetter

zu erspähen, als ein Mann in Hemdsärmeln aus der Hausthür unter die Veranda

trat und die Ankommenden verwundert betrachtete. Turner näherte sich ihm,

begrüßte ihn freundlich, und fragte ihn in gebrochenem Englisch, ob Herr

Victor Turner hier wohne, und ob er zu Hause sei.

»Herr Victor Turner ist todt, er ist vor zwei Monaten am Fieber gestorben;

ich habe seiner Wittwe diese Farm abgekauft, und sie ist, so viel ich weiß,

über New-York nach Deutschland zurückgekehrt,« antwortete der Fremde mit

gleichgültigem Tone, und setzte dann noch hinzu: »Wollen Sie nicht näher

treten, Herr?«

Turner stand, wie vom Blitz getroffen, und starrte den Fremden an, als

forsche er, ob er wohl recht gehört habe.

»Mein Vetter todt?« rief er dann plötzlich, die Hände zusammenschlagend,

aus, »es ist wohl nicht möglich!«

»Aber wahr, er ist todt und begraben, dort unter jenem Ahorn liegt er,

wohin er vor seinem Ende noch bestimmte, beerdigt zu werden,« erwiederte

der Fremde, nahm die Schöpfkelle aus dem Eimer mit Trinkwasser neben der

Thür, und reichte sie Turner mit den Worten hin: »Wollen Sie nicht einen

frischen Trunk zu sich nehmen, Herr?«

Turner, ohne Antwort zu geben, sank von Schreck und Schmerz überwältigt,

auf eine Bank nieder, bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen, während sich

Carl weinend an ihn schmiegte und den Arm um seinen Nacken schlang. Nach

einigen Minuten jedoch sammelte sich Turner wieder, und fragte den

jetzigen Herrn der Farm, ob ein Wirthshaus in der Nähe sei, wo er die Nacht

zubringen könne.

»Trinkhäuser giebt es viele an der Straße, aber keine Wirthshäuser; das

nächste ist zehn Meilen von hier entfernt. Wollen Sie jedoch bei mir

bleiben, so sind Sie willkommen. Sie müssen vorlieb nehmen, ich habe noch

keine Frau,« sagte der Farmer, und rief dann dem Kutscher zu, er solle die

Pferde ausspannen und nach dem Stalle bringen.

Turner nahm nothgedrungen das Anerbieten an, verbrachte aber eine

schreckliche Nacht unter dem Dache, unter welchem er Rath, Hülfe und Liebe

für sich und die Seinigen zu finden gehofft hatte. Jetzt stand er allein,

verlassen und ohne alle Freunde auf dieser fremden Erde; wo und wie sollte

er nun eine Heimath suchen und finden? Trostlos trat er am folgenden Morgen

seine Rückreise nach Baltimore an, und näherte sich bei Sonnenuntergang

der Stadt mit einer tiefen Wehmuth im Herzen, denn er sollte nun auch

den Seinigen die glückliche sorgenlose Ruhe nehmen und ihnen die

Schreckenskunde überbringen.

»Großer Gott, Max, allein?« sagte Madame Turner zu ihm, als er aus dem

Wagen stieg und sie den Ernst auf seinen Zügen las.

Turner schlang liebevoll seinen Arm um die Gattin und führte sie schweigend

nach ihrem Zimmer. Dort theilte er ihr nun die schwere Trauerbotschaft mit,

unter der auch sie im ersten Augenblick erlag. Sie wurde bleich, sie bebte

und warf sich weinend an ihres Gatten Brust, doch bald ermannte sie sich

wieder in dem Gedanken an den Allmächtigen, der ihnen immer so gnädig

in der Noth beigestanden und sie noch kürzlich auf der See vom nahen

Untergange gerettet hatte. Beide sprachen einander Trost ein, Beide sahen

unbedingt und unerschütterlich nur ihr Bestes in Allem, was Gott über

sie verfüge, und sie beschlossen, vorsichtig, aber ohne Zagen den Weg zu

verfolgen, den sie für das Wohl der Kinder eingeschlagen hatten. Turner

wollte sich nicht im Ankauf einer Farm übereilen, er wollte sich mit Ruhe

nach einer solchen umsehen, und namentlich bei der Wahl derselben darauf

bedacht sein, daß sie in einer gesunden Gegend läge. Sein Hauswirth sprach

ihm auch Muth ein, derselbe war fast mit allen Farmern, die unweit der Bay

wohnten, bekannt, da dieselben gewöhnlich zu Schiff ihre Producte nach der

Stadt führten und dann bei ihm abstiegen. Turner besaß noch ungefähr

sieben tausend Dollar baares Geld, und der Wirth hatte ihm schon von vielen

hübschen, sehr einträglichen Farmen erzählt, die mit allem Zubehör für

weniger angekauft waren. Bis zum Herbst hatte er ja Zeit, sich umzusehen,

und da er sehr billig wohnte, so machte ihm der verzögerte Aufenthalt

im Gasthause auch keine Sorgen. Schon nach wenigen Tagen stiegen mehrere

Farmer aus dem Lande in dem Gasthause ab; der Wirth machte Turner mit ihnen

bekannt, und sie luden ihn freundlich ein, mit ihnen nach Hause zu segeln,

da sie ihm in ihrer Gegend verschiedene Pflanzungen zeigen könnten, die

käuflich wären. Turner nahm den Vorschlag an, blieb über eine Woche von der

Stadt entfernt, und kehrte sehr befriedigt zurück, wenn er sich auch noch

nicht zum Kauf entschlossen, sondern vorher noch andere Ländereien in

Augenschein nehmen wollte. Er machte dann mehrere kleine Reisen zu

gleichem Zweck landeinwärts, weil ihm gesagt wurde, daß dort weniger Fieber

herrschten, als an den Ufern der Bay, und seine Zufriedenheit mit dem Lande

wuchs von Tag zu Tag. Kapitain Bosse, der mit Einnehmen einer neuen Ladung

nach Europa beschäftigt war, suchte Turners häufig in den Abendstunden auf,

und freute sich stets, wenn er hörte, daß es ihnen in ihrer neuen Heimath

gefalle.

Eines Morgens saß Turner mit dem Wirthe auf der Bank vor der Thür des

Gasthauses und unterhielt sich mit ihm über die Vorzüge und Nachtheile

einer Farm, die ihm ganz in der Nähe der Stadt angeboten war. Wohl über

eine Stunde hatten sie hier geplaudert und kaum bemerkt, daß die Straße

mehr, als gewöhnlich, von Fußgängern belebt war, die dem obern Theile der

Stadt zueilten. Jetzt aber kam ein Trupp junger Männer bei ihnen vorüber,

von denen einer dem Wirth zurief, daß eine Bank ihre Zahlungen eingestellt

habe und mit Ungestüm von dem Volke bedrängt werde. Turner, der es nicht

deutlich verstanden hatte, ließ sich die Aussage durch den Wirth erklären,

und hörte nun zu seinem furchtbaren Entsetzen, daß es gerade die Bank sei,

in welcher er sein Geld stehen habe. Mit bebenden Lippen theilte er dies

nun dem Wirthe mit, und beschwor ihn, sich seiner anzunehmen und ihm

behülflich zu sein, um sein Eigenthum zu retten. Der Wirth war sogleich

bereit ihn zu begleiten; sie bestiegen ohne Aufenthalt einen Wagen und

eilten der Stadt zu. Je weiter sie fuhren, um so belebter fanden sie die

Straßen, und bald wurde das Gedränge so groß, daß der Wagen nicht mehr

weiter fahren konnte. Turner und der Wirth stiegen aus, und erreichten bald

darauf das geschlossene Bankgebäude, vor welchem sich Tausende von Menschen

versammelt hatten.

»An wen kann ich mich denn wohl wenden, um wenigstens einen Theil meines

baar eingelegten Geldes wieder zu bekommen?« fragte Turner in seinem

Schrecken den Wirth.

»Ja, bester Herr, es thut mir leid, es Ihnen sagen zu müssen, aber ich

würde Ihnen keinen Dollar für Ihre ganze Forderung geben. Wie ich höre,

so hat die Bank ungeheure Summen in Papiergeld ausgegeben, der Präsident

derselben und der Cassirer sind mit der Baarschaft durchgegangen, und es

wird Niemand einen Cent herausbekommen. Fügen Sie sich in Ihr Schicksal,

es ist Nichts daran zu ändern. Hätten Sie mich um meinen Rath gefragt, ich

würde Sie davor gewarnt haben, das Geld in dieser Bank stehen zu lassen.«

Mit diesen Trostworten ergriff der Wirth den Arm Turners und zog ihn mit

sich fort aus dem Gedränge, um ihn von dem Orte zu entfernen, der ihm

beinahe die Hälfte seines Vermögens kostete.

Abschnitt 3.

Der schwarze Freund. -- Reise nach dem Westen. -- Der Hirsch. -- Die

Nacht im Freien. -- Die Ueberschwemmung. -- Die wilden Pferde. -- Die

Prairie. -- An der Frontier. -- Der Büffel. -- Die wilden Truthähne.

Dieser neue Schlag war zu schwer für Turners, als daß sie sich sobald

hätten darüber erheben können. Aller Trost, den ihnen der freundliche Wirth

sowohl, als auch Kapitain Bosse einzusprechen suchten, fand kein Gehör

bei ihnen, sie gaben sich ihrem Schmerz, ihrem Unglück hin, und sahen mit

Verzweiflung auf die Kinder. Mehrere Tage verstrichen, ohne daß sie hätten

den mindesten Beschluß fassen, oder auch überhaupt ihre Lage überblicken

können. Sie verließen kaum ihre Zimmer, saßen dort mit den Kindern in

Kummer und Jammer versunken, und dachten an das schöne Werrathal zurück.

Eines Abends, als die Sonne sich neigte und der Abendwind kühlend durch die

Thür und die Fenster des Zimmers strich, saß Turner mit seiner Gattin in

der düstern Ecke des Gemachs und gab seinem Gram Worte: »Es bleiben uns

nicht mehr volle viertausend Dollar übrig, damit kann man hier im Lande

keine Farm kaufen, die uns zu ernähren vermöchte. Arbeitskräfte besitzen

wir nur in meinen und Carls Händen, und wenn wir auch gern das Unsrige thun

wollen, so ist uns die Arbeit, wie sie hier vorkommt, doch noch zu neu und

fremd, als daß wir viel zu schaffen im Stande sein werden. Hätten wir das

Geld nicht verloren, so könnten wir uns einen Neger miethen, oder auch

kaufen; wir würden ihn ja gut und nicht als Sklave behandelt haben. So

aber besitzen wir nicht einmal genug Vermögen mehr, um Land, Vieh und

Geräthschaften zu kaufen. Ich weiß nicht, was aus uns hier werden soll!«

Bei diesen letzten Worten ließ Turner muthlos die gefalteten Hände zwischen

seinen Knieen hinabsinken, und blickte niedergebeugt auf den Fußboden vor

sich. Madame Turner weinte und sah gleichfalls schweigend vor sich nieder;

vergebens suchte sie nach einem Auswege, nach einem Trostwort.

Carl Scharnhorst, welcher schweren Herzens während dieser Tage dem Schmerz

und Gram der geliebten Pflegeeltern gefolgt war, saß ihnen auch jetzt

schweigend gegenüber, und sah ihre Trostlosigkeit, ihre Verzweiflung.

Plötzlich aber erhob er seinen Kopf, seine Augen glänzten und verriethen,

daß ein Hoffnungsgedanke ihn belebe. Er stand schweigend auf, nahm seinen

Hut und Stock, und verließ das Zimmer. Mit raschen Schritten eilte er in

der düster werdenden Straße hinab nach dem Werfte, wo der Goliath lag,

und erstieg wenige Minuten später das Verdeck des Schiffes. Die Matrosen

bewillkommneten ihn aufs Freundlichste, denn alle hatten den Knaben

liebgewonnen, sie theilten ihm aber mit, daß der Kapitain nach der Stadt

gegangen sei. Carl entgegnete ihnen, er komme, um Daniel zu sprechen, von

welchem er wünsche, über Verschiedenes Auskunft zu erhalten. Auf den Ruf

seines Namens kam der Neger herbeigeeilt, und freute sich herzlich, seinen

jungen Freund zu sehen. Carl nahm ihn mit sich auf das obere Verdeck nach

dem Boote, wo sie so manchen Abend in traulicher Unterhaltung beisammen

gesessen hatten, und bat ihn, an seiner Seite Platz zu nehmen.

»Daniel, ich habe Dich Etwas zu fragen, worauf Du mir offen und ehrlich

antworten mußt,« begann Carl, indem er die Hand des Negers ergriff, und ihn

mit seinen großen treuen Augen ansah.

»Gern, junger Herr, will ich dies thun, so wie ich Alles gern thun werde,

um Ihnen dienen zu können. Sie und die Ihrigen sind so freundlich gegen

mich gewesen, wie es ein Amerikaner gegen einen Schwarzen gar nicht sein

kann und wie ich es Ihnen niemals in meinem Leben vergessen werde. Was soll

ich Ihnen denn beantworten?« entgegnete der Neger mit freundlicher Miene.

»Sage mir, warum fährst Du zur See und verdienst Dein Brod nicht lieber

auf dem Lande, wo Du doch nicht immer so großen Gefahren ausgesetzt bist?«

fragte Carl.

»Das will ich Ihnen sagen, weil ich im Dienste des Kapitains Bosse eine

bessere Behandlung genieße und weniger der Verachtung der Weißen ausgesetzt

bin, als in den Vereinigten Staaten. Aber warum wünschen Sie dies zu

wissen, junger Herr?« entgegnete Daniel.

»Du hast wohl gehört, Daniel, daß mein Onkel so viel Geld an der Bank

verloren hat.«

»Ja wohl, und es hat mir sehr leid gethan.«

»Sieh, Daniel, nun kann mein Onkel sich nicht hier ankaufen, wie er es

beabsichtigte, und kann auch nicht, wie er wollte, Arbeiter miethen. Und

doch muß er Jemanden zur Hülfe bei sich haben, der mit dem Landbau hier

bekannt ist. Wir sind in einer schlimmen Lage, und der Onkel weiß gar

nicht, was er anfangen soll,« sagte Carl etwas verlegen und schwieg dann,

als wolle er Daniel das Wort überlassen.

Es trat eine Pause ein, der Neger saß während einiger Minuten sinnend vor

sich niederblickend und nickte wiederholt mit dem Kopfe. Dann, wie zu einem

Entschlusse kommend, sagte er: »Das ist freilich eine schlimme Lage, Sie

sind fremd hier und unbekannt mit dem hiesigen Leben und Treiben, und

leicht können Sie noch um den Rest des Vermögens betrogen werden. Sie haben

mich als Mensch, als Ihres Gleichen behandelt, und würden mir gewiß auch

beigestanden haben, wenn ich Ihrer Hülfe bedurft hätte. Glauben Sie, junger

Herr, daß Ihr Onkel meine Dienste nicht zurückweisen würde? Schon lange

hätte ich gern das Seeleben aufgegeben, hätte mich nicht das Vorurtheil

der Weißen gegen meine Hautfarbe von dem Lande zurückgehalten. Mit Ihnen,

junger Herr, möchte ich all mein Lebelang beisammen sein.«

»Du lieber, guter Dan, der Onkel würde ganz glücklich sein, wenn Du bei uns

leben wolltest, und wir alle würden Dich gewiß immer recht lieb haben; und

ich besonders, Dan, das weißt Du ja,« versetzte Carl, indem er dem Neger

die Hand drückte. »Aber,« fuhr er dann fort, »würde es Kapitain Bosse nicht

leid thun, wenn Du ihn verließest? er ist so gut gegen uns gewesen und wir

dürfen ihm doch nichts Unangenehmes zufügen.«

»Der Kapitain verliert mich allerdings nicht gern, ich habe ihm aber schon

oft gesagt, daß ich das Seefahren müde sei, und lieber auf dem Lande leben

würde, wenn ich dort einen liebevollen guten Herrn wüßte. Er hat auch

nichts dagegen, und hat mir erklärt, daß er meinem Wunsche nicht im Wege

stehe. Wenn Ihr Onkel mich in seinen Dienst nehmen will, so würde ich

sicher Alles thun, um mich ihm nützlich zu machen und mir seine freundliche

Gesinnung zu erhalten.«

»Gut, so gehst Du mit uns, wohin wir auch ziehen werden, bester Daniel,

und Nichts in der Welt soll uns wieder trennen,« sagte Carl, außer sich vor

Freude. »Nun will ich schnell nach Hause eilen und es Onkel sagen, daß Du

mit uns leben willst. Ich habe noch Nichts davon erwähnt, weil ich mit Dir

erst darüber sprechen wollte. Morgen früh komme ich wieder zu Dir.« Hiemit

sprang Carl auf, drückte dem Neger nochmals liebevoll die Hand, und eilte

mit hochschlagendem Herzen nach dem Gasthaus zurück. Als er in das Zimmer

trat, herrschte dort noch immer dieselbe ernste, gedrückte Stimmung.

Turner schritt in Gedanken versunken auf und nieder, und die Andern saßen

schweigend und wie in ihr Schicksal ergeben, umher.

»Nun, Carl, hast Du einen Spaziergang gemacht?« sagte Turner zu ihm, nur

um Etwas zu sagen und strich ihm im Vorüberschreiten mit der Hand über die

reichen Locken.

»Nein, Onkel, ich bin auf dem Goliath gewesen und bringe Dir eine recht

erfreuliche Nachricht.«

Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika. · 第 6 / 26 段