»Wir wollen hoffen, daß die unserige in dieser Beziehung recht langweilig

bleiben möge; denn die Abwechselungen, die sie uns bieten könnte, sind

nicht zu unserm Vortheil. Bei Windstille und glatter ruhiger See würden wir

nicht aus der Stelle kommen, und ein Sturm, so schön und interessant die

Landbewohner ihn sich auch denken mögen, ist und bleibt ein gefährliches

Vergnügen. Wind und Wetter, wie wir es heute haben, ist des Seemanns

höchste Lust; dieser Wind würde uns in einigen zwanzig Tagen nach Baltimore

bringen.«

»Ich verzichte auch gern auf jede Abwechselung,« bemerkte Madame Turner,

»der Himmel mag uns vor Stürmen bewahren!«

»Wir sind jetzt in der günstigen Jahrszeit, wo man sie am wenigsten

zu befürchten hat; hoffentlich werden Sie ihre Bekanntschaft gar nicht

machen,« erwiederte der Kapitain. Der Tag verlief ruhig und heiter und

der Abend wurde von Carl und seinen Gefährten freudig bewillkommnet, denn

gleich nach dem Abendessen setzte sich Daniel wieder zu ihnen und erzählte

von seinem Leben in der Wildniß.

Am folgenden Morgen fühlten die Passagiere schon in ihren Betten an

den heftigen Bewegungen des Schiffes, daß mit der See eine Veränderung

vorgegangen sein müsse. Der erste Blick auf das Verdeck machte ihre

Vermuthung auch wahr: ein sehr heftiger Wind jagte schwere graue Wolken

fliegend über die Wogen, welche sich immer höher und gewaltiger erhoben

und sich ungestüm gegen die Seiten des Goliath warfen. Die Matrosen waren

eifrig beschäftigt, die oberen Segel ganz einzuziehen und die unteren zu

verkleinern, alle Arbeiten auf dem Verdeck waren eingestellt, alle

Taue, die nach den Segeln hinaufführten, lagen für schnellen Gebrauch

zusammengeringelt an der Brüstung hin, und allenthalben auf dem Schiffe

war die größte Ordnung hergestellt. Auf die Frage der Madame Turner an den

Kapitain, ob er Besorgniß über das Wetter hege, erwiederte er, daß dasselbe

weniger günstig zu werden scheine, und daß er alle Vorkehrungen treffen

müsse, ihm zu begegnen. Der Wind nahm von Stunde zu Stunde an Heftigkeit

zu, bis er gegen Abend aus Südwesten in einem Sturm heranzog. Das Düster

der einbrechenden Nacht vermehrte das Schauerliche des Bildes, welches die

Umgebung des Goliath jetzt darbot. In rollenden Wasserbergen thürmte sich

die See um ihn auf, donnernd brachen sich die Wogen unter seinem Kiel und

warfen, hoch vor ihm aufsteigend, ihren weißen Gischt über das Verdeck hin.

Dabei pfiff und stöhnte der Wind in dem rasselnden Tauwerk und drohte

die wenigen kleinen Segel, die das Schiff noch trug, zu zerreißen. Der

Sprühregen der Wogen, der ununterbrochen über das Verdeck peitschte, hatte

die Passagiere von dort verjagt und sie in die Kajüte getrieben. Hier saßen

sie bei dem matten Scheine der Ampel, die sich unter der Decke hin und her

schwang, mit bangen Herzen beisammen, und lauschten dem Brausen und Toben

des Sturmes und der Wogen, so wie dem Aechzen und Stöhnen des Schiffes und

seiner Masten. Es ging schon auf Mitternacht, als der Kapitain durchnäßt

hereintrat, um seinen Rock zu wechseln, und seine Passagiere noch auf fand.

Er versicherte ihnen nun, daß noch durchaus keine Gefahr vorhanden sei, bot

Alles auf, sie zu beruhigen, und bat sie dringend, sich zu Bett zu begeben;

er würde statt ihrer wachen. Turners gaben seinen Vorstellungen nach,

verbrachten jedoch eine sehr unruhige Nacht und hießen mit ganzem Herzen

das neue Tageslicht willkommen.

Kurz vor der Frühstückszeit rief sie der Kapitain auf das Verdeck, um ihnen

die Orkney-Inseln zu zeigen, in deren Nähe sich der Goliath jetzt befinde.

Turner mußte seine Gattin beim Gehen halten und unterstützen, um das obere

Verdeck zu ersteigen; denn das Schiff lag sehr auf der Seite und schwankte

gewaltig auf und nieder. Die Wolken hingen in ihrem schnellen Zuge so

tief auf das Meer herab, daß man nur von Zeit zu Zeit, wenn sie der Sturm

auseinander fegte, einen weiteren Blick von dem Schiffe aus hatte, und eine

geraume Zeit waren die Passagiere mit den Augen der Richtung gefolgt,

in welcher der Kapitain die Inseln andeutete, ehe sie dieselben erkennen

konnten.

In schwarzen steilen Felsmassen, um welche sich das graue Gewölk rollte,

stiegen sie aus der wild tobenden Fluth auf, und die Außenlinien ihrer

schroffen zackigen Wände wurden dem Auge bei Annäherung des Fahrzeuges

immer deutlicher und schärfer. Bald hatte der Goliath die östlichste

Inselgruppe bis auf geringe Entfernung erreicht und stürmte, von Wind und

Wogen gejagt, an ihr vorüber. Die See bäumte sich an den nackten schwarzen

Felsen und warf ihren weißen Schaum hoch an ihnen empor, während Milliarden

von Möven, Enten, Gänsen und Tauchern ihre Höhen wie weiße Wolken krächzend

umschwärmten und sich in großer Zahl auf ihren Spitzen niedergelassen

hatten. Weithin erkannte man von Zeit zu Zeit noch mehrere andere dieser

kahlen felsigen Inseln, die Jahr aus Jahr ein von der See gepeitscht, dem

Zorn der Elemente Trotz bieten und auf denen, abgeschieden von der übrigen

Welt, glückliche Menschen wohnen, die diese ihre Heimath lieben und sie

gegen keine andere vertauschen möchten. Eilig zog der Goliath an den Inseln

vorbei und bald verschwanden dieselben in der schweren grauen Luft, die

der Sturm über das Meer hintrieb. Der Wind war ganz westlich geworden und

nöthigte das Fahrzeug, seine nördliche Richtung beizubehalten. Nur wenige

kleine Segel waren noch entfaltet, genug, um das Schiff steuern zu können,

und doch schoß es mit fliegender Eile Woge auf, Woge ab dahin, während

seine nackten Masten sich weit über die See hinaus neigten. Noch am

selbigen Abend zog es an den Shetland-Inseln vorüber, die ein ähnliches

Bild boten, wie die Orkneys, und am folgenden Tage kamen die Faroer-Inseln

in Sicht. Der Sturm hatte immer noch nicht an Heftigkeit abgenommen, und

immer noch mußte der Kapitain sein Schiff nach Norden steuern lassen,

um dasselbe möglichst vor Schaden durch den Wind und durch die furchtbar

rollende See zu behüten.

Auch die Faroer-Inseln blieben zurück, und der Goliath segelte nun in

gerader Richtung auf Island zu. Jetzt aber schien der Sturm nachzulassen,

er brauste nur noch stoßweise auf, die blauer gefärbten Wogen des Weltmeers

dehnten sich länger, nahmen an Höhe ab, und nach und nach gewann die

See wieder ein freundlicheres Ansehen. Die Temperatur aber hatte eine

bedeutende Veränderung erlitten, es war empfindlich kalt geworden, so daß

die Passagiere Tücher und Mäntel umhängen mußten, und eines Morgens, als

sie auf das Verdeck kamen, war alles Tau- und Segelwerk bis in die Masten

hinauf mit einer Eiskruste überzogen. Am Himmel war kein Wölkchen mehr

zu sehen, und als die Sonne ihre Strahlen über das Meer ausbreitete,

verschwand das Eis und die Kälte, und ein lauer Wind von Süden erinnerte

die Reisenden wieder daran, daß sie sich im Monat Juni befanden. Das Meer

hatte sich geglättet, es wogte nur noch wie in langen Athemzügen auf und

nieder, und nur hier und dort lief eine weiße Schaumwelle spielend über die

glatte glänzende Fluth. Dabei füllte der leichte Wind die Segel des Goliath

bis in die höchsten Spitzen seiner Masten, und trieb ihn fast

regungslos auf der endlosen Wasserfläche hin. Es war Sonntag und für

die Schiffsmannschaft sowohl, wie für die Passagiere, nach einer so

unfreundlichen gefahrvollen Zeit ein wahrer Festtag. Nach einem heißen

Dankgebet, welches Turners dem Allmächtigen für seinen Schutz gebracht

hatten, eilten sie sämmtlich auf das Verdeck, um sich des wunderbar schönen

neu belebenden Morgens zu erfreuen. Der Himmel und die See lächelten ihnen

entgegen, die weit umherkreisenden schreienden Möven schienen ihnen Grüße

zuzurufen, und die lustigen Pourpoises spielten und jagten sich über die

spiegelnde Fläche. Mit Bedauern sahen die Bewohner des Goliath den Tag

seinem Ende nahen, und Turners hatten sich auf dem obern Verdeck zusammen

niedergelassen, um der Sonne bei ihrem Scheiden noch ein dankbares Lebewohl

zuzuwinken.

Je mehr dieselbe sich ihrem Fluthbette näherte, desto lebendiger

färbte sich der Himmel im Westen mit Gold und Purpur, und als sie, eine

durchsichtig glühende Scheibe, über den Rand des Meeres stand und ihr

blitzender funkelnder Schein, wie ein Weg von Brillanten, bis zum Schiffe

über die leicht gekräuselte Fluth tanzte, hatte sich der Himmel über ihr in

ein Feuermeer verwandelt.

An der andern Seite des Oceans aber, im Osten, stieg in diesem Augenblick

der Mond silberhell über der dunkeln Meeresfläche auf, hauchte sein

bleiches Perlenlicht über sich am Himmel empor, und sandte seinen hell

glänzenden Schein, wie ein zitterndes Atlasband, über die Wellen bis zu

dem Goliath hin. Zugleich wurden die erstaunten bewundernden Blicke der

Passagiere nach Norden hingezogen; denn dort erschien ein drittes Licht am

Firmament, welches sich in zarten rosenrothen Strahlen aus dem Meere erhob,

bis zu der Mitte des Himmelsgewölbes hinaufschoß, und sich zugleich bis zu

dem Schiffe her auf der Fluth spiegelte. Es war das Nordlicht, die =Aurora

borealis=, welches, wie in raschen Pulsschlägen, von Secunde zu Secunde an

Kraft und Farbenpracht zunahm, bis es in ein leuchtendes Carmin überging,

und sich zu seinen Seiten mit dem Feuermeer über der sinkenden Sonne und

mit dem Perlenlichte des Mondes vereinigte. Die Sonne schied zuerst

aus diesem zauberischen dreifachen Lichtbunde, sie sank, wie das sich

schließende Auge des Tages in das Meer, auf dessen zitternder Fläche nur

noch der Wiederschein des Himmels spielte; das Nordlicht verblich nach

und nach, wie mit ermattendem Hauche stiegen seine Strahlen schwächer und

schwächer empor, und der Mond zog triumphirend am Himmel auf und breitete,

als Herrscher der Nacht, seinen Atlasschein über die endlose Fluth.

Lange noch saßen die Passagiere, in tiefer stummer Bewunderung versunken,

auf dem Verdeck und hielten das entschwundene Zauberbild vor ihrem

geistigen Auge gefesselt.

»Ach, wie schön ist das Meer, wie prächtig, wie furchtbar groß in seinem

Zorne, wie lieblich, wie bezaubernd in seiner Ruhe!« rief Madame Turner

tiefbewegt aus, als der Kapitain zu ihr trat, der mit einem gewissen Stolze

die Verehrung bemerkte, welche die Familie seiner Heimath, der See, zollte.

»Es muß wohl schön sein; denn was sonst zieht den Seefahrer mit so

unwiderstehlicher Gewalt immer wieder auf seine blauen Wogen hinaus, um

zuletzt unter ihnen sein großes Grab zu finden -- wo bleiben die Matrosen

alle -- wie selten stirbt ein alter Seemann auf dem Lande, und wie noch

viel seltener begegnet man dort einem solchen, der sich Reichthümer

erworben hat? Das Meer ist eine schönere Heimath, als das Land!« sagte der

Kapitain, und schaute mit Wohlgefallen über die, im Mondlicht glänzende

endlose Meeresfläche.

Am folgenden Morgen fanden die Passagiere das Schiff auf seiner andern

Seite liegend durch die See gleiten, denn der Wind war in der Nacht

herumgegangen und blies jetzt frisch von Nord-Ost her in die Segel. Das

herrlichste Wetter begleitete den Goliath nun während einiger Wochen, und

kaum wurde es einmal nöthig, die Segel anders zu stellen.

Zufrieden und beglückt durch den Gedanken, für das Wohl ihrer Kinder ein

ruhiges gefahrloses Leben in dem Vaterlande geopfert zu haben und sich den

Gefahren der See, so wie denen in einem fremden Lande und unter fremden

Menschen preiszugeben, schwanden Turner und seiner Gattin die Tage angenehm

und rasch, und die frohe Hoffnung, nun bald das Ziel ihrer Reise zu

erreichen und ihren Fuß auf die Erde ihrer neu erwählten Heimath zu setzen,

wurde täglich lebendiger in ihrer Brust. Die Kinder aber, denen der Ernst

der verhüllten Zukunft noch keine Sorgen machte, zählten keine Stunden,

keine Tage; sie sehnten nur an jedem neuen Morgen den Abend herbei, wo ihr

Freund Daniel sich zu ihnen setzen und ihnen aus seiner Jugendzeit erzählen

würde. Ehe dann die Knaben sich zur Ruhe begaben, theilten sie den Eltern

gewöhnlich Bruchstücke aus den Erzählungen des Negers mit, so daß Turner

zuletzt selbst neugierig wurde und einige Fragen an den Schwarzen zu

stellen beschloß. An einem stillen Abend, als Daniel wieder seine jungen

Zuhörer um sich versammelt hatte, trat Turner wie zufällig heran und ließ

sich mit den Worten bei ihnen nieder:

»Nun Daniel, ich muß doch auch einmal etwas über Dein früheres Leben hören;

Du bist ja unter den Indianern aufgewachsen.«

»Ja wohl, Herr, meine Eltern waren Sklaven unter einem der Indianerstämme,

welche die fernen westlichen Länder Amerika's Jahr aus Jahr ein

durchwandern und, dem Büffel folgend, im Frühling nach Norden und im Herbst

wieder nach Süden ziehen. Sie leben ausschließlich von der Jagd und führen

große Heerden von Pferden und Maulthieren mit sich, für welche sie stets

die besten Weiden aufsuchen,« entgegnete der Neger.

»Dann hast Du Gelegenheit gehabt, die verschiedenen Länder Amerika's zu

sehen und mit einander zu vergleichen; wo sind denn Deiner Ansicht nach die

besten für einen Farmer zu finden?«

»Jedenfalls im Südwesten, denn dort sind die reichsten immergrünen Weiden,

wo das Vieh Winter und Sommer im Freien gehen kann, stets reichliche

Nahrung findet und seinem Eigenthümer weder Geld noch Mühe kostet. Wer dort

eine Neigung zur Viehzucht besitzt, muß durch sie zum reichen Manne werden.

Im Norden, wo im Winter Monate lang Schnee liegt und der Frost das Gras

tödtet, kann der Farmer nur so viel Vieh halten, wie er im Winter in dem

Stalle zu ernähren vermag. Dort ist er mehr auf den Ackerbau angewiesen,

und auch damit steht der Norden gegen den Süden sehr zurück, wo man während

des ganzen Jahres säen und ernten kann.«

»Das ist einleuchtend; aber im Süden ist es sehr ungesund, und ein weißer

Mann kann die Arbeit nicht lange aushalten.«

»Darum nannte ich den Südwesten,« entgegnete Daniel; »dort ist es gesund,

in den offenen waldlosen Prairien kann die Luft sich frei bewegen, und

es giebt keine stehenden verdorbenen Gewässer, keine Sümpfe, wie in den

südöstlichen Staaten.«

»Jene westlichen Länder aber sind noch im Besitze der Wilden und ein

Ansiedler ist dort großen Gefahren ausgesetzt,« nahm Turner wieder das

Wort. »Bist Du denn einmal in Baltimore gewesen und kennst Du das Land an

den Ufern der Chesapeake-Bay?«

»Ich habe über ein Jahr dort auf einer Farm gearbeitet. Es ist ein

herrlicher, reicher Landstrich, wenngleich auch dort der oft sehr strenge

Winter die Viehzucht beschränkt. Auch herrschen im Herbste an den Ufern der

Bay die Fieber, wenn sie auch nicht so bösartig sind, wie weiter im Süden.«

»Du hast also auch auf einer Farm gearbeitet, -- was hast Du denn dort

gethan?«

»Nun, Alles, was dem Farmer zu thun obliegt. Ich hatte mich bei einer

Wittwe vermiethet und besorgte mit noch einem Neger, dem Sklaven der

Frau, die ganze kleine Wirthschaft; ich pflügte, säete, pflanzte, machte

Einzäunungen, und brachte die Ernte ein. Wir bauten Mais und Taback, und

verdienten der Wittwe vieles Geld,« sagte der Schwarze.

»Was kostet denn dort das Land?« fragte Turner.

»Das ist sehr verschieden, schlechtes Land kauft man für zehn Dollar und

ganz gutes für hundert Dollar.«

»Also doch so hoch wird es dort bezahlt. Man schrieb mir, daß man das beste

Land für zehn Dollar kaufen könne,« fiel Turner überrascht ein.

»Ja, ja, in Amerika redet ein Jeder in seinem eigenen Interesse. Wer Ihnen

das geschrieben hat, wird auch wohl seinen Vortheil dabei im Auge gehabt

haben.«

»Doch nicht, es war mein eigener Vetter, der es mir schrieb,« antwortete

Turner, halb in Gedanken versunken, und setzte dann schnell hinzu, »aber im

Westen, dort ist das Land noch billig.«

»Regierungsland kostet zwei und einen halben Dollar, gut oder schlecht, wie

man sich es wählen will. Doch in der Nähe der Ansiedelungen ist alles gute

Land schon von Speculanten angekauft, man muß also weiter hinaus in

das Territorium der Indianer gehen. Man kauft aber auch zwischen den

Ansiedelungen bestes Land zu vier bis zehn Dollar den Acker,« versetzte der

Neger.

»Der Unterschied wäre also doch sehr bedeutend,« bemerkte Turner und sagte,

indem er aufstand: »Ich habe Dich aber in Deiner Unterhaltung mit den

Knaben unterbrochen, nun erzähle ihnen noch von den Jagden, denen Du in

jenen schönen Ländern gefolgt bist. Wäre nicht mein künftiger Wohnort schon

bestimmt, wahrhaftig, ich hätte selbst Lust, dort einen Versuch zu machen.«

»Der Sie auf die Dauer wahrscheinlich mehr befriedigen würde, als in den

alten östlichen Staaten,« bemerkte der Schwarze noch, als Turner zu seiner

Gattin und Tochter zurückging.

Einige Tage später änderte sich die Temperatur auffallend schnell, es

wurde kühl und immer kälter, so daß die Passagiere abermals ihre Mäntel

hervorsuchten. Obgleich sich der Kapitain nicht darüber äußerte, so zeigten

doch die verschiedenen Anstalten, die auf dem Schiffe gemacht wurden, daß

er irgend etwas befürchtete. Die Segel wurden trotz dem nicht heftigen

Wind bis auf sehr wenige eingezogen, so daß das Schiff ungewöhnlich langsam

durch das Wasser strich, es wurden zwei Matrosen auf die spitzen Masten

des Goliath gesandt, um fortwährend die See zu überspähen, und mehrere

male stieg der Kapitain selbst in den Mastkorb hinauf. Gegen Mittag zog ein

immer dichter werdender Nebel von Norden her über das Meer und hüllte bald

das Schiff so sehr ein, daß man kaum mehr vom einen Ende desselben bis zum

andern sehen konnte. Dabei nahm die Kälte immer noch zu und, wie es schien,

in gleichem Maße die Besorgniß des Kapitains. Turner fragte ihn um die

Ursache dieses Nebels, worauf Bosse ihm ausweichend erwiederte, daß das

Schiff sich auf der Bank von Neufoundland befinde, wo solche Nebel sehr

häufig einträten. Der Mittag verstrich ohne die mindeste Aenderung in der

Luft, nur auf dem Schiffe wurde die Vorsicht verdoppelt, und sehr oft sahen

die Passagiere, daß der Kapitain ein Thermometer in die See hinab ließ und

dasselbe beim Herausheben aufmerksam betrachtete. Die Dämmerung nahm rasch

zu, als Daniel zum Abendessen rief. Die Passagiere ließen sich stets durch

den Kapitain zu den Mahlzeiten geleiten, diesmal aber bat derselbe nur

vorauszugehen, er würde nachfolgen. Erst nachdem Turners ihr Abendessen

bereits beendigt hatten, erschien Bosse und zwar in großer Eile, um sich

bald wieder auf das Verdeck zu begeben. Turner wandte sich abermals an ihn,

um die Ursache seiner augenscheinlichen Besorgniß zu erfahren, doch wich er

wieder wie früher einer erklärenden Antwort aus. Daniel hatte dem Kapitain

Thee eingeschenkt, und derselbe hob die Tasse an seinen Mund, als ein

furchtbarer Stoß und ein Krach das Schiff erschütterte, wie wenn es in

Trümmer zerschlagen sei.

»Eis, Eis, Gott sei uns gnädig!« schrie der Kapitain und stürzte mit den

Passagieren, den Stühlen und Allem, was auf dem Tische stand, bis an

die hintere Wand der Kajüte; denn deren Eingang hatte sich so sehr empor

gehoben, daß es kaum möglich war, ihn zu erklimmen. Das Zetergeschrei,

womit sich Madame Turner und die Kinder umklammerten, wurde von den

Angstrufen, die auf dem Verdeck erschallten, übertönt, und donnernd und

krachend hörte man Fässer, Kisten und Ballen über das Schiff poltern.

Kapitain Bosse war der Erste, dem es gelang, die Kajüte zu verlassen,

und mit größter Anstrengung und durch die Hülfe des herbeieilenden Daniel

erreichten denn auch Turners das Verdeck.

Ein schrecklicher, entsetzlicher Anblick bot sich hier ihren Augen dar.

Das Schiff stand, wie ein sich bäumendes Roß, mit der Spitze hoch gegen den

Himmel erhoben, und etwas seitwärts vor ihm blickte man gegen die glänzende

Riesengestalt eines vierzig Fuß hohen ungeheuren Eisberges. Unbeweglich,

wie festgemauert stand der Goliath, sein Vordertheil aus dem Wasser

erhoben, auf dem Eise, während sein Ende bis an die Kajütenfenster von der

See bespült wurde. So trieb er langsam mit der kolossalen Eismasse auf den

Wogen hin.

Die Verwirrung, die Bestürzung, die Verzweiflung unter der Mannschaft und

den Passagieren war grenzenlos, Alle rannten, so weit es das abschüssige

Verdeck zuließ, wild durcheinander hin, man schrie, weinte, betete, und

glaubte jeden Augenblick, der Goliath würde in Stücken auseinander brechen;

er aber rührte sich nicht und hatte das Aussehen, als sei er es, der den

Eisberg besiegt habe.

Turners lagen vor der vordern Wand der Kajüte zusammengekauert und hielten

sich umklammert, als wollten sie sich selbst im Tode nicht trennen. Die

erste Viertelstunde war die entsetzlichste, dann gab die Verzweiflung schon

einem Hoffnungsgedanken Raum, und bald fing man an, die Lage zu prüfen und

zu bereden. Der Kapitain war der Gefaßteste und Ruhigste auf dem Schiffe;

er ließ die Luken öffnen und stieg selbst in die unteren Räume, um zu

untersuchen, ob die Wände des Goliath Schaden gelitten hätten. Nirgend aber

zeigte sich eine Spur von einer Beschädigung. Mit hoffender Zuversicht

trat er tröstend zu Turners und versicherte ihnen, er hege die feste

Ueberzeugung, daß das Fahrzeug ohne Gefahr von dem Eise loskommen werde.

»Wir haben wenigstens auf drei Monate Lebensmittel an Bord,« sagte er »und

in wenigen Tagen treiben wir in den Golfstrom hinein, in dessen warmem

Wasser das Eis sehr schnell unter dem Schiffe schmelzen wird. Nur ein Sturm

könnte uns jetzt gefährlich werden; in dieser Jahreszeit aber und in diesem

Breitengrade haben wir solchen nicht zu befürchten.«

Unter Bangen und Zagen verstrich die Nacht, das leiseste Knarren in den

Fugen des Fahrzeuges schreckte die Bewohner desselben auf und klang wie

Todesruf in ihre Ohren. Dabei nahm die Kälte so zu, daß alle Mäntel und

Decken nicht hinreichten, sich zu wärmen, und mit ängstlichem Sehnen wurde

der Morgen erwartet. Bei Anbruch des Tages verstärkte sich der Wind, und

da der Eisberg sich so gedreht hatte, daß das Schiff mit der Spitze dem

Luftstrom entgegen stand, so ließ der Kapitain Segel aufziehen, in der

Hoffnung, daß dieselben den Goliath von dem Eise zurückdrängen würden. Wohl

füllten sie sich kräftig und beugten die Masten und Segelstangen zurück,

aber das Fahrzeug rührte sich nicht. Da kam dem Kapitain der Gedanke, ob er

nicht mit Hülfe der Anker das Schiff in Bewegung setzen könnte; der größte

wurde in ein Boot hinabgelassen, die Kette desselben von der Spitze des

Schiffes unter dessen Bauch hingezogen, und einige zwanzig Schritte hinter

dem Ende des Fahrzeuges ward der schwere Anker in die See hinabgeworfen. Er

sank tief im Wasser über den äußersten Rand des Eisberges, und nun ließ

der Kapitain die mächtige Winde in Bewegung setzen, um die Ankerkette

anzuziehen. Es fragte sich, ob der Anker beim Aufwinden den Eisrand unter

dem Wasser erfaßte, dann war Hoffnung vorhanden, daß er das Schiff zu sich

zurückziehen könne. Die Winde drehte sich geraume Zeit, plötzlich aber

stand sie still, denn der Anker saß fest. Mit vereinten Kräften legten

sich jetzt alle Matrosen gegen die Winde, es waren noch mehrere Segel

aufgezogen, die Masten beugten sich und ächzten, die Ankerketten knarrten,

das Schiff wankte, es neigte sich zur Seite, noch einen Ruck -- und

rauschend glitt es in die See zurück. Ein jauchzendes, jubelndes »Gott

sei gelobt!« schallte von allen Seiten über das Verdeck, denn der Goliath

schaukelte sich wieder leicht auf den Wogen, und der Eisberg zog an ihm

vorüber. Der Anker wurde nun aufgezogen, das Schiff vor den Wind gebracht,

und bald steuerte es abermals ruhig seinem Ziele zu. Von jetzt an

sollten die Reisenden am Bord des Goliath das Meer nur noch in seiner

freundlichsten Laune sehen; die Wogen trugen sie spielend dahin, die Sonne,

von ihrem Auftauchen aus dem Ocean bis zu ihrem Hinabsinken verbarg sich

nicht mehr vor ihren Blicken, und nach Verlauf von einigen Wochen färbte

sich die See plötzlich grün, das sichere Zeichen, daß das Land nicht mehr

fern sei. Mit lauten Freudenrufen wurde bald darauf die Küste Amerika's

begrüßt, und mit frisch gefüllten Segeln zog der Goliath stolz in die

Chesapeake-Bay ein.

Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika. · 第 5 / 26 段