Der Wonnemonat ging zu Ende, als ein geräumiges Schiff unweit des

Städtchens vom Ufer stieß, und Alt und Jung der Einwohnerschaft den

Passagieren im Boote ein herzinniges Lebewohl zurief. Es war die Familie

Turner, die mit feuchten Augen von dem Schiffe her nach dem Ufer zurück

schaute, und von den vielen wahren Freunden und von der Heimath Abschied

nahm. Lange noch hingen ihre thränenvollen Augen an den geliebten

Mitbürgern, an dem Städtchen, an der Kluse, an den trauten Bergen, bis sie

die klare Fluth der Werra um eine schroffe nahe Basaltkuppe trug, und

sie nun ihre Blicke vorwärts richteten. Sie nahten sich dem Fuße der

Wichtelkuppe, da schlossen Turner, so wie seine Gattin, Carl beim Anblick

des Baumes, der über der Felswand hing, von der furchtbaren Erinnerung

tief ergriffen, an ihre Herzen, und dankten ihm nochmals mit seelenvollster

Innigkeit für die Rettung ihres Kindes.

Carl hatte von Allen das unternehmendste Aussehen: er trug einen grauen

Filz, dessen breiter Rand über seine Schultern hinausragte, einen kurzen

grauen Rock, unter welchem das umgeschnallte Jagdmesser hervorsah, und

über seiner offenen Brust lag der durch Juliens Hand schön gestickte Riemen

seiner Waidtasche. Seine Büchse, mit deren Gebrauch er es bereits zu

einer außerordentlichen Fertigkeit gebracht hatte, hielt er im Arm, um

im Vorüberfahren hier oder dort einen Meisterschuß nach einem Vogel

anzubringen.

Von dem für das Wohl ihrer Kinder gefaßten großen Entschluß beseelt, und

von dem festesten Willen, denselben mit allen Kräften zu einem glücklichen

Ende auszuführen, durchdrungen, saßen Turner und dessen Frau auf

dem vorderen Theile des Schiffes und nahmen schweigend von jedem

zurückgelassenen Dörfchen, von jedem Berge, ja von dem ganzen lieben

Werrathale Abschied -- Abschied auf Nimmerwiedersehen. Niemals war ihnen

das Thal so lieblich, so reizend erschienen, als jetzt, wo sie ihre Blicke

zum letzten Male daran weideten; niemals war ihnen die Werra so klar

smaragdgrün vorgekommen, als jetzt, wo ihre dahineilenden spielenden Wellen

sie den Wogen des Weltmeeres zutrugen. Es war Abend, als das Thal sich

öffnete, und das malerisch schön gelegene Städtchen Münden im Duft der

blauen Ferne sichtbar wurde. Dort war das Ziel dieses ersten Tages

der angetretenen langen Reise. Bald glitt das Boot an dem altergrauen

Herzogsschloß vorüber der Weser zu, und legte sich, wo die Fluthen der

beiden Ströme sich vereinigen, an die Seite eines größern Schiffes, welches

die Reisenden am folgenden Tage aufnahm und sie glücklich nach Bremen

trug. Hier gönnte man ihnen einige Ruhe, weil das Schiff, welches sie nach

Amerika führen sollte und welches unweit der Wesermündung vor Anker lag,

seine Ladung noch nicht vollständig eingenommen hatte. Diese Rasttage

benutzten sie, um sich noch mit vielerlei kleinen Bedürfnissen zur Reise zu

versehen.

Turner zahlte sein Geld an ein großes Banquierhaus, von welchem er dagegen

Wechsel auf Baltimore, dem Ziel der Reise, erhielt, und wohl versorgt mit

allem Nöthigen, begab er sich nebst den Seinigen nach mehreren Tagen an

Bord eines Segelfahrzeugs, welches sie auf das Seeschiff bringen sollte.

Ihr Fuß hatte jetzt zum letztenmale die heimathliche Erde berührt, und mit

tiefer Wehmuth sahen sie Bremen bald hinter sich in der Ferne verschwinden.

Der Wind war stark und günstig, eilig glitt das Fahrzeug auf dem sich rasch

erweiternden Strome dahin, und als die Sonne sich neigte, schaukelte es

sich auf hohen halbsalzigen Wogen bis an die Seite des Schiffes Goliath,

welches in großer Entfernung vom Lande vor Anker lag. Der Kapitain dieses

mächtigen Schiffes, ein kräftiger wettergebräunter Seemann, Namens Bosse,

bewillkommnete die Familie Turner von der hohen Brüstung herab, ließ eine

hölzerne Treppe aushängen, und unterstützte mit seinem Steuermann die

Passagiere, das Fahrzeug zu besteigen. Carl Scharnhorst war der Letzte, der

noch im Boote zurückblieb, weil er erst seinen Liebling, Pluto, sicher an

Bord des Goliath wissen wollte. Er hob ihn in seinen Armen an der Treppe

in die Höhe, wo der Steuermann den Hund an dem Halsband erfaßte und ihn zu

sich hinauf zog, und dann erst folgte Carl nach.

Als Turners glücklich auf dem Verdeck angelangt waren, reichte der Kapitain

ihnen sämmtlich die Hand und versicherte ihnen, daß er Alles aufbieten

werde, um ihnen die Reise so angenehm als möglich zu machen. Er führte sie

dann in die prächtig ausgestattete Kajüte, wo sie zum Willkommen ein Glas

Wein mit ihm trinken sollten. Sie hatten kaum Platz genommen, als die

Kinder und auch Madame Turner plötzlich erschrocken auffuhren, denn ein

Mann, so schwarz wie Ebenholz, trug den Wein und die Gläser herein. Es war

der erste Neger, den sie in ihrem Leben erblickten, und sein plötzliches

Erscheinen hatte sie sehr überrascht. Gleich darauf stimmten sie aber in

das Lachen mit ein, in welches der Neger selbst ausbrach, weil er bemerkte,

daß seine schwarze Farbe den Fremden einen solchen Schreck eingejagt hatte.

Es war ein sehr freundlicher gutmüthiger Mensch, hieß Daniel, oder kurzweg

Dan, und hatte die Aufwartung in der Kajüte zu besorgen. Der Kapitain

füllte die Gläser, stieß mit seinen Gästen an und trank mit ihnen auf eine

recht glückliche schnelle Ueberfahrt nach der neuen Welt. Dann wies er

ihnen drei kleine Zimmer an, deren Thüren in die Kajüte führten, und deren

jedes zwei Betten übereinander enthielt. Madame Turner mit Julie nahmen von

dem einen Besitz, Turner und Wilhelm von dem zweiten, und Carl mit Arnold

bezogen das dritte Gemach. Bald aber fanden sie sich sämmtlich wieder auf

dem Verdeck ein, um bei dem scheidenden Tageslicht ihre neue schwimmende

Wohnung zu überblicken, welche sie durch den Ocean tragen sollte, und

welche ihnen für viele Wochen als Aufenthaltsort bestimmt war. Die Weser

erschien hier schon so breit, daß man das jenseitige Ufer kaum erkennen

konnte, und nach Westen hin ruhte das Auge auf einer endlosen Wasserfläche.

Die Sonne hatte dort den Horizont erreicht und ließ, in die Fluth

hinabtauchend, ihre Abschiedsstrahlen auf den dahin eilenden Wogen tanzen

und blitzen, bis ihr letztes Licht versunken war und nur der Feuerschein

des Himmels sich noch glühend auf der bewegten Fluth spiegelte. Die Schauer

der einbrechenden Nacht zogen über die unabsehbare Fläche, brausend rollten

die Wogen der Nordsee zu, warfen sich ungestüm gegen das an den Ankerketten

auf- und niedersteigende Schiff, und in ihrem dumpfen Rauschen verhallte

der eintönige Gesang der Matrosen, womit dieselben das Aufwinden der Güter

aus dem Segelkahn begleiteten. Auf dem hohen Verdeck über der Kajüte saß

Turner neben seiner Gattin und hielt ihre Hand in der seinigen. Der Ernst

und die Feierlichkeit der sie umgebenden Natur stand mit der Stimmung

ihrer Seelen im Einklang, sie blickten schweigend den unaufhaltsam dahin

fliehenden Wogen nach; welchen Stürmen, welchen Klippen jagten dieselben

wohl zu! Sie dachten an ihre eigene Zukunft, an ihr und ihrer Kinder

Schicksal; welchen Beschwerden, welchen Widerwärtigkeiten zogen sie wohl

entgegen!

»So wie diese Wellen verlassen auch wir unsere friedliche stille Heimath,

Marie, um auf dem großen Lebensmeere heftigern Stürmen, vielleicht auch

höherem Glück zu begegnen,« sagte Turner nach langem Schweigen.

»Die Wellen treibt keine Sorge für Anderer Glück von der Heimath fort, wir

wandern für unsere Lieblinge aus, um ihnen eine segensreichere Zukunft zu

schaffen, als wir selbst beanspruchen. Mit unserer Liebe für sie wollen wir

tragen, was uns das Schicksal auch auferlegen mag, wir haben es in Gottes

Hand gegeben, und er wird es zu unser Aller Besten lenken,« entgegnete die

Frau, mit vertrauungsvollem Herzen zu dem besternten Himmel aufblickend,

während Turner ihre Hand an seine Lippen preßte.

Die Kinder, die auf dem untern Verdeck den Matrosen bei deren Arbeit

zugesehen hatten, kamen jetzt, von Carl geführt, zu den Eltern herauf, und

schmiegten sich an dieselben an; denn Alles war ihnen so neu und fremd, und

die rasch zunehmende Dunkelheit steigerte das unheimliche Gefühl, welches

die ernste öde Umgebung ihnen aufdrängte.

»Morgen früh, mit Gottes Hülfe, werden wir in See gehen,« sagte Turner zu

den Kindern, »die Reise durch den Ocean ist mit vielen Gefahren verbunden,

und man muß alle Vorsicht gebrauchen, sich denselben nicht unnöthig

auszusetzen. Haltet Euch immer in unserer Nähe auf, und wenn wir nicht auf

dem Verdeck sein sollten, so folgt dem, was Carl Euch räth.«

In diesem Augenblicke trat der Kapitain herzu, und bat, ihn zum Abendessen

in die Kajüte zu begleiten.

»Ich denke, diese erste Mahlzeit am Bord des Goliath soll Ihnen sämmtlich

nach Ihrer heutigen Fahrt recht gut munden; morgen, wenn das Schiff im

Segeln ist, möchte sich leicht Appetitlosigkeit einstellen.«

Mit diesen Worten ließ der Kapitain seine Passagiere nach der Kajüte

voranschreiten, und als er mit Carl den Zug beschloß und sah, wie Pluto

demselben auf dem Fuße folgte, bemerkte er noch, zu dem Knaben gewandt:

»Deinem Hunde, mein Sohn, müssen wir morgen auch einen Platz bestimmen, wo

wir ihn an die Kette legen können, damit ihn bei den Arbeiten der Matrosen

kein Unfall trifft. Es ist wirklich ein schöner Hund.«

»Ja und ein so braver treuer Hund, wie es wenige giebt,« entgegnete Carl

stolz, und klopfte den lockigen Nacken des Thieres.

Die Passagiere ruhten am folgenden Morgen noch im tiefsten Schlafe, als sie

plötzlich durch das Rasseln der schweren Ankerkette geweckt wurden und sich

auf ihrem Lager hin- und hergeschaukelt fühlten. Rasch waren sie in den

Kleidern und eilten auf das Verdeck, um von dem Festlande Abschied zu

nehmen; denn das Schiff war bereits in vollem Segeln und stürmte bei

heftigem Südwind der Nordsee zu. Höher und mächtiger hoben sich die Wogen,

sie wurden durchsichtiger und grüner, ihre Häupter bedeckten sich mit

weißem Schaum, und, sich übereinander hinstürzend, warfen sie ihren Gischt

weit um sich her. Das Land war nur noch wie ein Nebelstreif zu erkennen;

doch die Blicke der Auswanderer hingen fest an diesem letzten Zeichen der

theuren Erde, und lange schon bildete nur das Wasser noch den fernsten

Gesichtskreis, als die Scheidenden immer noch Land zu sehen glaubten, und

ihm ihr Lebewohl zuwinkten. Der Goliath hatte die Nordsee erreicht, als

der Wind sich drehte, und immer mehr und heftiger von Westen herblies.

Der Kapitain, in der Hoffnung, daß derselbe ganz nördlich werden würde,

steuerte dem Canal zu, und die Bewegung des Schiffes, welches nun gegen

Wind und Wogen ankämpfen mußte, wurde mit jedem Augenblick unangenehmer.

Die Folge hiervon war, daß sich bei den Passagieren die Seekrankheit

einstellte, daß sie auf alles Frühstück verzichteten und sich in ihre

Betten zurückzogen. Auch die Anzeige Daniels, daß das Mittagsessen

aufgetragen sei, vermochte sie nicht, ihr Lager zu verlassen; denn schon

der Gedanke an Speisen war ihnen zuwider. Nachmittags aber fühlten sie sich

plötzlich weniger unwohl, sie meinten, das Schiff mache nicht mehr solche

gewaltige stoßende Bewegungen, und nach und nach kamen sie aus ihren

Zellen hervor. Der Wind stand so fest und gerade von dem Ocean in den Canal

herein, daß der Goliath nur mit großer Schwierigkeit und vielem Zeitverlust

hätte gegen denselben ansegeln können, weshalb Kapitain Bosse sich

entschlossen hatte, in der Nordsee hinauf und nördlich um England seinen

Weg nach dem Weltmeer zu nehmen. Dadurch, daß der Wind nun mehr seitwärts

in die Segel des Goliath blies, wurden dessen Bewegungen regelmäßiger und

weniger heftig, und in gleichem Maße nahm das Unwohlsein der Passagiere ab.

Herr und Madame Turner erholten sich weniger schnell und waren genöthigt,

sich auf dem Verdeck auf wollenen Decken niederzulegen, die Daniel dort für

sie ausbreitete; aber die Kinder hatten bald die Seekrankheit vergessen und

ergötzten sich an dem neuen prächtig großen Schauspiel, welches sie umgab.

Mit aufgeblähten Segeln bis in die Spitzen seiner Masten überwölkt, stieg

das Schiff an den durchsichtigen smaragdgrünen Wasserbergen hinan, theilte

deren schäumende Höhen und schoß dann wieder in die Tiefe hinab, um sich

abermals auf die nächste Woge zu heben. Die Sonne strahlte aus dem eilenden

Gewölk hervor und warf hier und dort helle Lichtstreifen auf das wogende

Meer, und der Sprühregen, der sich vor dem scharfen Kiel des Goliath

aufthürmte und seitwärts an ihm vorüberstäubte, blitzte in ihrem Schein in

allen Farben des Regenbogens. In der Mitte des obern Verdecks war das große

Boot, mit dem Kiel nach oben gekehrt, auf mehreren Stützen befestigt, so

daß man unter demselben Schutz gegen Regen und Sonnenschein finden konnte.

Diesen Platz hatte Carl für sich und seine Gefährten zum Sammelplatz

erkoren, sobald Matrosen sich auf dem Verdeck zeigten, um Arbeiten zu

verrichten. Jetzt aber, wo das Schiff ruhig und ohne weitere Hülfe beim

Winde segelte, waren Carl und Arnold, so wie Wilhelm oben auf das Boot

gestiegen, weil sie von hieraus über die Brüstung des Schiffes hinaus das

Meer frei überblicken konnten. Der Neger Daniel fand großes Gefallen an den

wackeren Knaben und gesellte sich, sobald er einige Augenblicke Zeit hatte,

zu denselben, um sich mit ihnen zu unterhalten; denn er hatte schon beinahe

zwei Jahre auf diesem Schiffe gedient und recht gut Deutsch reden gelernt.

Die Knaben faßten bald Zutrauen zu dem ehrlichen Schwarzen, und er mußte

ihnen über Alles, was sie nicht kannten, Auskunft geben. Die weißen und

bunten, großen und kleinen Möven, die auf ihren langen sichelförmigen

Schwingen segelnd über das Meer hinschwebten und von Zeit zu Zeit in

den Schaum einer Wellenspitze hineinstießen, nahmen insbesondere die

Aufmerksamkeit der Kinder in Anspruch, und Dan, ihr schwarzer Freund,

erzählte ihnen dabei von den felsigen Inseln, nördlich von Schottland, auf

welchen diese Vögel in unzähligen Schaaren brüteten.

»Fische, Fische, große Fische!« riefen plötzlich die Knaben einstimmig, und

zeigten über die See hinaus.

»Das sind Pourpoises, Braunfische, oder Seeschweine, sie kommen gerade

hierher, und werden bald den Goliath umschwärmen, besonders gern spielen

sie in dem Schaume vor dem Schiffe,« antwortete der Neger, gleichfalls nach

den großen Fischen schauend, deren mehrere hundert von weit her angebraust

kamen, indem sie aus der See emporschossen, einen Bogen durch die Luft

beschrieben, und, mit dem Kopfe voran, wieder in die Fluth hinabtauchten.

In diesem spielenden Laufe jagten sie, den Schaum um sich aufspritzend,

pfeilschnell über die Wogen heran, und sie hatten das Schiff bis auf einige

hundert Schritte erreicht, als Carl nach der Kajüte springen wollte, um

seine Büchse zu holen. Daniel aber hielt ihn zurück und bedeutete ihn, daß

die Büchse nicht die rechte Waffe sei, um diese Fische zu jagen.

»Mit der Harpune kann man einen fangen,« sagte er aufspringend, »soll ich

sie herbeiholen?«

»Ach ja, Dan, geschwind, da sind die Fische schon dicht beim Schiff -- hu

-- wie sie brausen!« riefen die Jungen, und Daniel rannte eiligst hinab

in die Kajüte, um deren Wunsch zu erfüllen. Wenige Augenblicke nachher

erschien er wieder auf dem untern Verdeck mit dem zwei Fuß langen Eisen,

dessen scharfe Spitze mit Widerhaken versehen war, stieß einen langen

schweren Stock in das hohle andere Ende desselben, befestigte eine starke

Leine daran, und winkte nun den Knaben, zu ihm herabzukommen. Diese folgten

jauchzend dem Neger bis an die vordere Spitze des Schiffes, wo derselbe das

Seil der Harpune an der Brüstung befestigte, über welche die Kinder in die

See hinabschauten und den hin- und herschießenden Fischen mit den Blicken

folgten. Daniel hatte sich auf die Brüstung an das starke Tauwerk gestellt,

welches von da nach den Masten hinaufführt, und hielt, in das Meer

hinabspähend, die Harpune zum Wurf bereit in die Höhe. Die Fische schienen

es besonders zu lieben, seitwärts an dem Schiffe vorüberzujagen und

sich dann in den Schaumberg hinein zu stürzen, der sich vor demselben

aufthürmte. Wiederholt zuckte Daniel mit der Lanze, als wolle er sie

hinabschleudern, hielt sie aber immer noch zurück, um seines Wurfes gewiß

zu sein; plötzlich aber fuhr sie sausend hinunter, und ihre Spitze begrub

sich tief in dem Rücken eines der Fische.

»Getroffen, getroffen!« rief Carl jubelnd, doch der Fisch war in die Tiefe

hinunter geschossen und zog das lange Seil schwirrend nach sich. In wenigen

Augenblicken hatte dasselbe jedoch das Ende erreicht, und man konnte sehen,

daß das gespießte Thier mit gewaltiger Kraft an demselben riß und zuckte.

Daniel rief nun einige Matrosen zu Hülfe, um die Beute auf das Verdeck zu

ziehen. Mit großer Anstrengung wurde das Seil eingezogen, bald erschien

der Fisch, dagegen kämpfend und um sich schlagend, über den Wogen, und nun

hoben ihn die Matrosen über die Brüstung und ließen ihn auf das Verdeck

fallen. Es war ein ungeheures, nicht mit Schuppen, sondern mit einer

braunen glatten Haut bedecktes Thier, im Gewicht von mehr als zweihundert

Pfund. Bald hatte es sich verblutet und wurde von den Matrosen seiner Leber

beraubt, dem einzigen genießbaren Theile seines Körpers. Es ward in Stücken

gehauen und seines Thranes wegen ausgebraten.

Durch diese Jagd hatte Daniel seinen jungen Freunden eine große Freude

bereitet und sich in ihrer Gunst nur noch fester gesetzt.

Herr und Madame Turner fühlten sich wieder so viel wohler, daß sie an dem

Abendbrod Theil nahmen, wenn sie sich dabei auch mit einem Stück Zwieback

und einer Tasse Thee begnügten. Dann eilten sie aber auf das Verdeck

zurück, weil ihnen die frische Seeluft besonders wohl that, und der

aufmerksame Daniel richtete ihnen dort abermals aus wollenen Decken

ein Lager her. Julie hatte ihre Mutter während des ganzen Tages nicht

verlassen, bereitete Limonade für sie, reichte ihr zuweilen ein Stück einer

Orange, deren sie von Bremen einen Vorrath mitgenommen hatte, und war jeden

Augenblick ihres Winkes gewärtig, um ihr einen Wunsch zu erfüllen.

Der Kapitain kam wiederholt zu den Passagieren herangetreten, um sich nach

ihrem Befinden zu befragen, und als der Tag sich neigte, setzte er sich in

traulicher Unterhaltung bei ihnen auf dem Verdeck nieder.

»Die Knaben scheinen mit Daniel Freundschaft geschlossen zu haben,« sagte

Turner zu dem Kapitain, »durch den Fang des Fisches hat er sich ihre Herzen

gewonnen. Jetzt sitzen sie alle drei wieder um ihn, und lassen sich von ihm

erzählen.«

»Der Neger ist ein ungewöhnlich guter Bursche, ein ausgezeichneter Diener

und ein Mensch, der sehr viel im Leben durchgemacht hat,« antwortete der

Kapitain. »Seine Eltern waren Sklaven unter einem Indianerstamm im

fernen Westen Amerika's, dort wurde er geboren und dort verlebte er seine

Jugendzeit. Nachdem ihm aber Vater und Mutter durch den Tod entrissen

waren, entfloh er den Wilden, gelangte nach langer Verfolgung durch

dieselben glücklich in die Grenzansiedelungen der Weißen und kam endlich

als freier Schwarzer nach New-York, wo er sich mehrere Jahre durch Arbeiten

ein rechtliches Brod erwarb. Ich lernte ihn kennen, als ich vor einigen

Jahren mein Schiff in jener Stadt ausbesserte, wobei er sich mir als

Arbeiter vermiethete. Ich gewann ihn lieb und machte ihm den Antrag, mit

mir auf See zu gehen, um die Aufwartung in meiner Kajüte zu übernehmen. Er

willigte ein, und so ist er bei mir geblieben, und bis auf den heutigen

Tag haben wir noch nie ein böses Wort mit einander gewechselt. Er ist ein

zuverlässiger, ehrlicher und treuer Mensch.«

»_Den_ Eindruck hat er mir vom ersten Augenblick an gemacht, und es ist

mir lieb, daß er sich der Jungen annimmt, da er über sie wachen wird,«

entgegnete Turner, nach dem Neger hinschauend, der zwischen den drei Knaben

oben auf dem Boote saß, und sie eifrig unterhielt.

Er erzählte ihnen aus seinem Leben unter den Wilden, von den Jagden nach

Büffeln, Bären und wilden Pferden, von den blutigen Kämpfen unter den

verschiedenen Indianerstämmen und von den herrlichen, noch von weißen

Menschen unbewohnten unermeßlichen Ländern, in denen die Wilden ihr

unstätes heimathloses Leben führen. Die Knaben horchten mit großer Spannung

den Mittheilungen des Schwarzen und unterbrachen ihn nur selten durch

einzelne Fragen. Besonders aber war Carl ganz Ohr und sah sich schon im

Geiste auf einem flüchtigen Hengste dem fliehenden Büffel folgen, oder im

wilden Kampfe einen grimmigen Bären erlegen. Die Dunkelheit hatte sich

über das Meer gebreitet und die Nachtluft wurde empfindlich kühl, als Herr

Turner die Knaben in ihrer Andacht störte, mit der sie den Erzählungen des

Negers lauschten, indem er sie daran mahnte, daß es Zeit sei, sich zur Ruhe

zu begeben.

»Onkel, hättest Du doch gehört, was uns Daniel erzählt hat!« sagte Carl,

als sie in der Kajüte angelangt waren. »Er hat uns die Jagden beschrieben;

die Büffel werden zu Pferde gejagt, man sprengt an ihre Seite und schießt

sie vom Pferde herab mit Pistolen. Das muß ein Spaß sein!«

»Aber ein sehr gefährlicher Spaß, mein lieber Carl, bei dem man ganz leicht

Hals und Beine brechen, oder unter den Füßen des Büffels zertreten werden

kann,« antwortete Turner lächelnd. »Wo wir uns niederlassen werden, da

giebt es keine Büffel mehr.«

»Das ist schade, ich hätte doch einmal gern eine solche Jagd mitgemacht,«

bemerkte Carl mit einem Ausdruck vereitelter Hoffnung.

»Nun, wer weiß, ob Du nicht einmal eine Reise nach dem Westen machen wirst,

das ist ja so weit nicht!« sagte Turner tröstend, und setzte noch hinzu:

»wenn wir erst unsere Farm in Ordnung und ein paar gute Ernten gemacht

haben, dann kann man einmal einige Wintermonate daran wenden, um die Länder

im Westen zu sehen; es soll dort herrlicher Boden sein.«

»Der beste Boden in ganz Amerika, sagt Daniel,« antwortete Carl rasch und

begeistert.

»Und Büffel und Bären und wilde Pferde zu Tausenden, nicht wahr?« fiel

Turner lachend ein. »Nun, legt Euch in Gottes Namen zur Ruhe, und träumt

meinetwegen, daß Ihr auf einem Büffel spazieren reitet.«

Die Nacht verstrich ohne alle Störung, die Schläfer ließen sich durch die

wiegende Bewegung des Schiffes in liebliche Träume schaukeln, und am frühen

Morgen fanden sie sich wieder heiter und guter Dinge auf dem Verdeck ein.

Die Sonne tauchte prächtig und klar aus dem Meere empor, der Himmel wölbte

sich wolkenlos und durchsichtig über der wogenden Fluth, und der frische

Wind füllte die Segel des Goliath mit aller Macht und trieb ihn eilig auf

seiner einsamen Bahn dahin.

Madame Turner hatte für sich und für Julie Näharbeiten mit auf das Verdeck

genommen, um die Zeit nicht müssig zu verbringen, und Turner setzte sich

mit einem Buche, welches über Amerika handelte, zu ihnen. Carl aber

mit Arnold und Wilhelm hatte das Boot wieder bestiegen, um die See zu

überspähen und zu wachen, ob sich nicht wieder die Gelegenheit zu einer

Jagd darbieten würde. Daniel fand sich, so oft es seine Zeit erlaubte, bei

den Knaben ein und wurde von ihnen dann mit tausend Fragen bestürmt; mit

weiteren Erzählungen über sein Leben in der Wildniß aber vertröstete er sie

auf den Abend, wo ihn seine Geschäfte nicht dabei unterbrechen würden.

Eine auffallende Ruhe und Stille herrschte auf dem Schiffe. Die Matrosen

saßen auf dem untern Verdeck mit der Ausbesserung von Segeln beschäftigt,

oder hingen hier und dort hoch in der Luft in dem Tauwerk der Masten, um

kleine Schäden auszubessern, und der Kapitain ging ab und zu, indem er

seine Anweisungen bei den Arbeiten gab. Nur von Zeit zu Zeit rief er die

Matrosen herbei, um das eine oder andere Segel etwas straffer anzuziehen;

denn außerdem gebrauchte das Schiff keine besondere Hülfe: es segelte

unverändert während des ganzen Tages in derselben Richtung und dasselbe

Bild, dieselben Erscheinungen umgaben fortwährend das Fahrzeug. Turners

schauten zwar oftmals über die See hinaus und folgten mit den Blicken dem

Laufe der rollenden Wogen; diese boten aber in ihrer regelmäßigen Bewegung

dem Auge durchaus keine Veränderung, und Turner bemerkte dem Kapitain, als

derselbe einmal zu ihnen getreten war, daß auf die Dauer eine Seereise doch

sehr einförmig, ja langweilig werden müsse.

Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika. · 第 4 / 26 段