Stadt gemiethete vierspännige Frachtwagen, mit dem Hausgeräth der Familie
Turner beladen, auf dem Hofe der Kluse; Madame Turner trat, einen frischen
Blumenstrauß in der Hand, mit Thränen in den Augen aus dem Wohngebäude und
nahm den Arm ihres Gatten. Schweigend und durch ihre Thränen blickte sie
die alte freundliche Wohnung an, die ihr bisheriges großes unermeßliches
Glück beherbergt hatte; stumm, aber schluchzend sagte sie ihr das letzte
Lebewohl, mit blutendem Herzen riß sie sich von dieser theuren Heimath los,
um, wer wußte wo, eine andere zu finden. Auch Turner waren die Augen feucht
geworden; das alte Haus war die Wiege seiner Vorfahren, seine eigene
und die seiner Kinder gewesen, es hatte seit hundert Jahren das stille
anspruchslose Glück der Turnerschen Familie gesehen, und nun sollte ihr
Name in seinen Mauern vergessen werden! Er hatte keine Worte für den
herzzerreißenden Abschied, für das letzte Lebewohl, er gab den Fuhrleuten
einen Wink fortzufahren, drückte den Arm seiner Gattin fest an seine Brust,
und schritt mit ihr und mit den Kindern durch das Hofthor nach der Straße
hinunter. Langsam und ohne ein Wort zu sagen, folgten sie den knarrenden,
wankenden Wagen, und erst, als sie den letzten Punkt auf der Straße, von
wo man noch die Kluse sehen konnte, erreicht hatten, blieben sie stehen und
blickten zurück.
»Die alte Heimath haben wir verlassen, wir sind unterwegs, Marie, wer weiß,
wohin dieser Weg uns führen wird!« sagte Turner, indem er seinen Arm um die
Schulter der Gattin legte, und seinen Blick auf die Kluse geheftet hielt.
»Wohin er uns auch führen mag, unsere Heimath nehmen wir mit uns; denn
wo wir vereint sind, da ist unsere Heimath!« antwortete Madame Turner mit
einem innigen liebevollen Blick, und streckte ihre Hand nach den Kindern
aus, die sich an sie schmiegten und gleichfalls betrübten Herzens von der
Kluse Abschied nahmen.
In dem Städtchen wurden sie allenthalben freundlichst begrüßt und von
vielen Bekannten bis zu dem kleinen Hause geleitet, welches Turner
gemiethet hatte. Dasselbe lag an der Außenseite der Stadt auf einer Anhöhe
in einem hübschen Garten, und gewährte einen freien, weiten Blick über das
Werrathal, so daß Turners in ihrer äußern Umgebung wenigstens ein ähnliches
Bild fanden, wie das, welches sie auf der Kluse so viele Jahre hindurch
entzückt hatte. Nach wenigen Tagen waren sie in ihrer neuen Wohnung
eingerichtet; Madame Turner suchte sich in den ihr ungewohnten müssigen
Stunden im Garten zu beschäftigen, obgleich der Herbst ihre Thätigkeit dort
sehr beschränkte; und Herr Turner konnte sich jetzt ungehinderter seinen
Bemühungen um eine neue Pacht hingeben. Der Erlös aus seinen sämmtlichen
Verkäufen belief sich auf ungefähr neuntausend Thaler, welche er in
Werthpapieren angelegt hatte, und seine in der Stadt ausgeliehenen Gelder
betrugen noch tausend Thaler, so daß er über ein baares Capital von
zehntausend Thalern zu verfügen hatte. Er stand nach allen Richtungen hin
in Briefwechsel, und bald nach seiner Uebersiedlung in das Städtchen wurden
ihm mehrere Güter im Preußischen bezeichnet, welche pachtlos geworden
waren. Er schickte sich abermals zur Reise an, um die Güter in Augenschein
zu nehmen, kehrte aber nach mehreren Wochen unverrichteter Sache wieder
zurück, denn keines derselben hatte seinen Bedürfnissen entsprochen.
Die Freude des Wiedersehens überwältigte im Anfange die trübe Stimmung
Turners über den abermaligen ungünstigen Erfolg seiner Reise; als aber die
Lampe auf dem Theetisch angezündet war und die Familie sich um denselben
sammelte, da sprach Turner sich recht ernstlich besorgt darüber aus, daß er
möglicherweise noch ein ganzes Jahr ohne Pachtung bleiben und unthätig Geld
verzehren müsse, ohne Etwas verdienen zu können.
»Gieb mir doch die Zeitungen, vielleicht findet sich Etwas darin,« sagte
er nach einer Weile zu seiner Gattin, und setzte noch, als diese aufstand,
hinzu: »sind auch Briefe angekommen?«
»Ja wohl,« entgegnete diese, »ich wollte sie Dir eben mitbringen. Es ist
auch ein Brief von Amerika dabei; ich glaube, er ist von Deinem Vetter
Victor.«
»Sieh, endlich einmal wieder ein Lebenszeichen von ihm,« sagte Turner,
während seine Gattin das Zimmer verließ.
Bald kehrte dieselbe zurück und legte ein Packet Zeitungen und mehrere
Briefe vor ihren Gatten auf den Tisch.
»Wahrhaftig, ein Brief von Victor! Nun, da bin ich doch neugierig, wie es
dem geht; es sind wohl schon beinahe drei Jahre, daß er Nichts von sich
hören ließ.«
Mit diesen Worten zog Turner die Lampe näher zu sich und öffnete das
Schreiben. Er las den Inhalt mit augenscheinlich sich steigerndem
Interesse, und als er die letzte Seite beendet hatte, legte er den Brief
auf den Tisch, schlug mit der Hand darauf, und sagte mit einem freudigen
Lächeln zu seiner Gattin: »nun, Marie, was meinst Du wohl, was er
schreibt?«
»Hoffentlich, daß es ihm und den Seinigen recht gut geht; was er sonst
schreibt, möchte mir schwer werden zu errathen.«
»Nichts mehr und Nichts weniger, als daß er uns einladet, auch hinüber zu
kommen. Es geht ihm sehr gut; er besitzt eine Farm unterhalb Baltimore
an der Chesapeake-Bay, baut Mais und Taback, und verdient dort dreimal so
viel, als es ihm hier auf dem Gute bei Hannover mit der doppelten Arbeit
möglich war. Dabei ist er so wie seine Familie frisch und wohl, hängt von
Niemandem ab, wird von Niemandem belästigt, und muß in wenigen Jahren ein
reicher Mann sein.«
Madame Turner sah ihren Gatten überrascht und mit großen Augen an, als lese
sie einen Gedanken auf seinen Zügen, von dem sie im Augenblick nicht wisse,
ob sie ihn willkommen heißen solle. Dann aber kam ihre gewohnte Ruhe wieder
über sie, und sie sagte: »im Anfange seines Dortseins ist es ihm aber auch
schlecht genug ergangen. Ich weiß noch recht gut, daß er sich sehr nach dem
alten Deutschland zurücksehnte. Gottlob, daß es ihm nun besser geht!«
Turner schwieg, zog eine Cigarre aus der Tasche hervor und hielt sie
wiederholt, und wie in Gedanken versunken, über die Lampe.
»Wenn man es eigentlich so recht bedenkt,« fuhr er dann nach einer Weile
fort, »so ist es ziemlich einerlei, ob man nach Süddeutschland oder nach
Amerika zieht; die Reise nimmt kaum mehr Zeit in Anspruch, und zu Wasser
ist sie viel bequemer als zu Lande. Daß der Brief gerade in diesem
Augenblick kommen muß -- sonderbar!«
»Aber in einem fremden Lande, unter fremden Menschen, ohne Freunde!«
bemerkte Madame Turner halb erschrocken.
»Ohne Freunde, Marie, -- verlangst Du schon wieder nach Freunden?«
entgegnete Turner bitter.
»Nicht nach solchen schlechten Freunden, Max, wie wir sie auf der Kluse
um uns hatten, aber nach uneigennützigen, ehrlichen, biedern, gemüthlichen
Freunden, solche meine ich, wie Du ja hier unter den Bürgern hunderte
besitzest. Hast Du mir nicht selbst gesagt --«
»Ja, ja, Marie, Du hast Recht, wie immer, Du bist ein prächtiges, gutes,
gescheutes, mein liebes Weib,« fiel ihr Turner in die Rede und zog sie zu
sich heran, um sie zu küssen; »aber beste Frau, man kann doch solche Sachen
überlegen, und braucht nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten. Sieh,
Victor schreibt, daß man dort in seiner Nähe gutes Land für zehn bis
fünfzehn Thaler den Morgen kaufen kann, und daß weiter im Westen das
Regierungsland nur etwa drei hiesige Thaler kostet. Denke einmal darüber
nach, ob es nicht für drei so tüchtige Buben, wie wir deren haben, besser
ist, wenn der Vater ein gutes Stück Land als Eigenthum besitzt, als daß er
den Pächter auf einem fremden Gute spielt, von dem man ihn beim Ablauf der
Pacht verjagen kann. Und, sage selbst, läge das Wasser nicht zwischen
den beiden Erdtheilen, wer würde sich nur einen Augenblick bedenken, nach
Amerika hinüber zu wandern?«
»Das alte Sprichwort sagt,« bemerkte Madame Turner: »Bleibe im Lande --«
»Und mache es so, wie es die Väter machten, und wenn es auch gar nicht
mehr in die Zeit paßt,« unterbrach sie ihr Gatte, »es ist ja nur, daß man
darüber spricht, Marie; noch wollen wir ja nicht auswandern. Da, nimm den
Brief und lies ihn morgen einmal mit Muße.«
Nun öffnete Turner die übrigen Schreiben, die jedoch nichts von Wichtigkeit
brachten, und dann begann er die während seiner Abwesenheit angekommenen
Zeitungen zu durchsuchen, ob nicht darin eine offene Pachtung angekündigt
sei.
Madame Turner war nachdenkend geworden und blickte, von den Anderen
unbeachtet, bald ihren Gatten, bald ihre Kinder an, denn Alle waren mit
Lesen beschäftigt, sie allein nur strickte. Turner verbrachte den ganzen
Abend mit Durchsehen der Zeitungen, wobei er sich nicht gern stören ließ,
weshalb die Stunden ziemlich schweigsam verliefen.
»Sieh, da habe ich die älteste Zeitung bis zuletzt aufgespart,« sagte
er, indem er das Blatt entfaltete. »Es wird aber wohl ebenso wenig
Interessantes für mich darin sein, als in den andern.« Er überblickte den
Inhalt nur flüchtig, und wollte das Papier zu den anderen legen, als eine
Anzeige, die auf der letzten Seite stand, seine Aufmerksamkeit fesselte.
»Ist es möglich,« sagte er, freudig überrascht, »das Gut Schwaneberg in
Sachsen soll verpachtet werden, der Eigenthümer will es nicht mehr selbst
bewirthschaften. Ja, wenn ich das bekommen könnte, da würde ich mich nicht
einen Augenblick besinnen. Ich kenne es ganz genau, denn ich habe einen
Theil meiner Lehrzeit darauf zugebracht; es ist nicht zu groß, und
vortrefflich in jeder Beziehung, hätte ich nur schon vor meiner Abreise
diese Anzeige gesehen, ich würde die Reise gar nicht gemacht haben.
Sogleich will ich aber an den Besitzer schreiben, damit der Brief morgen
frühzeitig abgeht; wenn mir nur kein Anderer schon zuvorgekommen ist.« Er
stand rasch auf, nahm die Zeitungen und die Briefe und eilte nach seinem
Zimmer.
Am folgenden Morgen, während Turner nach der Post ging, setzte sich Madame
Turner an das Fenster und begann den Brief von Amerika zu lesen. Sie that
es halb mit Widerwillen und mit der Ueberzeugung, daß sie, was auch darin
stehen möge, niemals für eine Auswanderung in das fremde Land stimmen
würde. Während des Lesens aber wurde sie aufmerksamer, sie hielt wiederholt
inne und sah nachdenkend über das Papier hinweg, und als sie mit Lesen zu
Ende war, begann sie das Schreiben abermals durchzublättern. Der Vetter
ihres Mannes hatte die großen Vorzüge Amerika's, namentlich die für
Oeconomen, so klar und deutlich geschildert, und den reichen Ertrag der
Länderei so anschaulich hervorgehoben, daß Madame Turner, trotz ihres
Vorurtheils, Nichts dagegen einzuwenden vermochte. Er hatte aber
insbesondere auf die Kinder Turners hingewiesen und ihm auseinandergesetzt,
daß er, wenn er auf der Kluse bleibe, denselben niemals eine sichere
Zukunft bereiten könne, wenn sie auch sämmtlich auf diesem Gute immer genug
zu leben hätten. In Amerika aber würde er mit Leichtigkeit einem jeden der
Knaben ein eigenes Gut in seiner Nähe einrichten können, so daß sie
für Lebzeiten versorgt sein würden. Dann beschrieb er die unabhängigen
gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse so schön und angenehm, gab
eine so herrliche Schilderung von dem prächtigen Lande und dem reizenden
Klima, daß Madame Turner das Bild Amerika's mit jedem Augenblicke in einem
schönern Lichte sah.
Wieder und immer wieder nahm sie das Schreiben von ihrem Nähtisch auf, um
einzelne Abschnitte desselben noch einmal zu überlesen, und sie hatte
es abermals offen vor sich auf den Tisch gelegt, als Turner von der Post
zurückkehrte und in das Zimmer trat.
»Nun, hast Du den Brief gelesen und was hältst Du davon?« fragte er die
Gattin.
»Der Brief ist ganz vernünftig geschrieben; es muß Deinem Vetter sehr gut
gehen und ihm sehr gefallen,« entgegnete Madame Turner mit einem Ausdruck
der Zufriedenstellung.
»Und Du siehst nun wohl auch ein, daß es nicht geradezu Thorheit ist,
wenn man gelegentlich die Sache überlegte?« bemerkte Turner abermals halb
fragend.
»Max, Dein Urtheil ist freier und richtiger, als das meinige, Deine Ansicht
ist mein Glaube, Dein Wunsch ist mein Wille, und Deine Wohnstätte ist mein
Himmel. Was Du im Leben auch beschließen, wohin Du auch gehen magst, ich
folge Dir, und ginge es an das Ende der Welt. Nur laß uns Nichts übereilt
thun und nicht Gutes weggeben, ehe wir sicher sind, Besseres dafür zu
bekommen. Für unsere Kinder leben wir, und was wir für ihr Wohl thun
können, darf uns kein Opfer sein,« antwortete die Frau mit einem Tone
liebevollster Hingebung und reichte ihrem Gatten die Hand.
»Du bist ein Engelsweib, Marie, und ich verspreche es Dir, Nichts ohne
Deinen Willen, ohne Deines Herzens Zustimmung zu beschließen. Kann ich das
Gut Schwaneberg bekommen, so bleiben wir hier im Vaterlande, wo nicht, so
wollen wir über Amerika sprechen.«
Von diesem Augenblick an war unverkennbar ein frischer Lebensfunke in die
Gemüther der beiden Gatten gefallen; die Ungewißheit über ihre
Zukunft hatte sie plötzlich verlassen, sie hatten außer der einen noch
zweifelhaften Aussicht noch eine zweite in Amerika, und diese erfüllte sie
von Stunde zu Stunde mit schöneren Hoffnungen. Der Brief von dem Vetter
wurde immer wieder hervorgeholt, er wurde Abends beim Thee laut vorgelesen
und besprochen, und die Kinder, namentlich aber Carl, redeten von Nichts
mehr als von Amerika. Ja, der Wunsch Turners, eine günstige Antwort über
das Gut Schwaneberg zu erhalten, wurde täglich weniger dringend, und als
nach mehreren Tagen der erwartete Brief von dem Eigenthümer des Gutes
ankam, öffnete ihn Turner sogar mit einem leisen Hoffnungsgefühl, daß er
eine abschlägige Antwort enthalten möge. So war es denn auch: der Besitzer
des Gutes meldete mit Bedauern, daß er vor nur wenigen Tagen einem Andern
die Pacht zugesagt habe.
»Da ist die Antwort über Schwaneberg, Marie,« sagte Turner zu seiner
Gattin, indem er in ihr Zimmer trat und ihr den Brief hinreichte. »Die
Vorsehung zeigt uns augenscheinlich den Weg, den wir wählen sollen; hier in
Deutschland schlägt uns Alles fehl. Das Gut ist bereits verpachtet.«
Madame Turner nahm ihrem Gatten den Brief halberschrocken ab; denn so
angenehm sie auch der Gedanke an das schöne Amerika umgaukelt hatte, so war
doch die Vorliebe für das traute, alte Deutschland zu fest in ihrem Herzen
eingewurzelt, als daß eine plötzliche Entscheidung, ob in dem Vaterlande
zu bleiben, oder ihm auf ewig Lebewohl zu sagen, sie nicht hätte mit
Zaghaftigkeit ergreifen müssen.
»Also wirklich, es ist schon verpachtet? Das ist mir sehr leid -- Du
hattest Dich so darauf gefreut -- und wir würden dort ein sicheres gutes
Brod gefunden haben,« sagte sie etwas kleinlaut, indem sie den Brief
öffnete und durchblickte.
»Du siehst, Marie, wie sich Alles so wunderbar gefügt hat, um uns hier frei
zu machen und unsere Blicke nach der neuen herrlichen Welt zu richten. Laß
uns ruhig und ohne alle Vorurtheile überlegen, dann aber auch entschlossen
und muthig handeln. Es gilt das Glück unserer Kinder.«
»In Gottes Namen erkläre ich mich zu Allem bereit, was dieses und Dein
eigenes Wohl fördern kann, Max. Laß uns Alles reiflich überlegen und dann
entscheide; der Himmel wird uns dort, so wie hier gnädig sein,« entgegnete
die Frau entschlossen, indem sie ihres Gatten Hand ergriff und dieser sie
an seine Brust drückte. Noch am selbigen Abend ward der Beschluß gefaßt,
nach Amerika auszuwandern.
Frisches Leben und rege Thätigkeit war jetzt in die Familie Turner
gekommen, und alles Denken, alles Streben richtete sich auf das neue Ziel,
auf die neu zu gründende Heimath. Schon am folgenden Tage antwortete
Turner seinem Vetter Victor in Amerika, und zeigte ihm an, daß er sich
entschlossen habe, mit seiner Familie nach dort zu ziehen. Er bat
ihn zugleich, nun so schnell als möglich ihm, nach seinen gemachten
Erfahrungen, mit Rath an die Hand zu gehen und ihm zu sagen, in welcher
Weise er sich zu der Uebersiedelung einrichten solle. Es war ein sehr
langes Schreiben, denn Turner hatte darin seinem Vetter über Alles, was
ihm zu wissen nöthig schien, Fragen gestellt. Einen wichtigeren,
entscheidenderen Brief hatte er nie zur Post getragen; die Zukunft seiner
Familie war darin verschlossen. Mit großem Eifer wurde in Turners Hause
Alles gelesen, was Auskunft über Amerika gab, und anerkannt gute Schriften
über dieses Land, dessen Zustände und Verhältnisse, wurden angeschafft. Das
praktische, selbstständige Leben war in allen vorherrschend geschildert,
und namentlich wurde es dem Farmer darin zur Aufgabe gemacht, sich
möglichst unabhängig von Anderen zu stellen. Er mußte sich in allen Lagen
seines Lebens selbst zu rathen und zu helfen wissen, und zu diesem Ende
mit den verschiedenen Handwerken für den Nothfall vertraut sein. Turner
beschloß daher, sich selbst einige Kenntniß davon zuzueignen, und ebenso
Carl Scharnhorst darin unterweisen zu lassen. Er für seine Person entschied
sich dafür, eine Zeitlang bei einem Schmied und dann auch bei einem
Büchsenmacher in die Lehre zu gehen, und Carl sollte bei einem Stellmacher
und einem Schreiner Unterricht nehmen.
Turner führte nun auch den Beschluß mit der ihm eigenen Willenskraft sofort
aus. Des Morgens, nach zeitigem Frühstück, begab er sich zu dem
besten Schmied in der Stadt, arbeitete dort mit Lust und Liebe bis zur
Mittagszeit, und wieder nach Tisch bis zur einbrechenden Dämmerung, während
Carl in gleicher Weise bis zum Abend bei einem Wagener beschäftigt war, um
dann noch einige Privatstunden im Englischen und im Maschinenbau zu nehmen.
Nach dem Abendbrod saß dann die Familie heiter um den großen Tisch gereiht,
Turner entfaltete vor sich eine Landkarte von Amerika, die Reise nach der
neuen Welt wurde beredet, und tausend Pläne entworfen, wie man sich dort
einrichten wollte.
Die Herbststürme brausten durch das buntgefärbte Laub der Wälder und
trieben die gelben und rothen Blätter wie einen Goldregen vor sich hin
durch das Werrathal, Nachtfröste überzogen Wiesen und Gärten mit Rauhreif,
der in den ersten Strahlen der aufsteigenden Sonne wie ein Schleier von
Diamanten blitzte und funkelte, die Höhen der Gebirge färbten sich weiß,
und Anfangs December legte der Winter eine dichte Schneedecke über die
Erde.
Um so traulicher saßen Turners Abends in dem gemüthlich warmen Zimmer
beisammen und besprachen ihre hoffnungsreiche Zukunft in einem sonnigeren
Lande. Das Weihnachtsfest nahete sich mit großer Kälte, es sollte das
letzte sein, welches die Familie Turner in der alten Heimath feierte.
Madame Turner hatte in dem größten Zimmer einen prächtigen Tannenbaum
aufgestellt und ihn mit Zuckerwerk und Lichtern reich geschmückt, und als
am Christabend die Dunkelheit hereinbrach, vertheilte sie die Geschenke
für die Kinder auf die verschiedenen, um den Baum stehenden Tische, fügte
Aepfel, Nüsse und Kuchen hinzu, und zündete die Lichter an. Dann ließ sie
die Schelle ertönen, die Thüre des anstoßenden Zimmers öffnete sich,
und jubelnd und mit strahlenden Blicken stürmte die junge Schaar herein.
Turner, den Kindern folgend, breitete seine Hände nach der Gattin aus, und
empfing sie unter Freudethränen an seinem Herzen. Es war ein feierlicher
Augenblick, ein Augenblick zwischen der hochbeglückenden Gegenwart und der
dicht verschleierten Zukunft, -- wo und wie sollten sie wohl das nächste
Weihnachtsfest feiern? Beide sahen auf die fröhlichen, jauchzenden Kinder,
und Beide beantworteten sich gegenseitig schweigend ihre stummen Fragen
durch einen Blick nach Oben, mit welchem sie dem Allmächtigen ihre Zukunft,
ihr Schicksal zu lenken, vertrauungsvoll anheim stellten. Die Fröhlichkeit
der Kinder verscheuchte aber bald den Ernst von den Zügen der Eltern, und
Madame Turner führte mit einem freudigen heitern Antlitz ihren Gatten
nach einem der Tische, auf welchem sie mehrere kleine Geschenke für ihn
niedergelegt hatte. Unter anderen befand sich dort ein schöner schwarzer
Filzhut mit sehr breitem Rande, den Turner als ein nothwendiges
Kleidungsstück in einem heißen Klima genannt hatte. Er ergriff ihn, um ihn
aufzusetzen, und fand darunter einen Brief -- einen Brief von dem Vetter
Viktor in Amerika. Derselbe war schon am Tage vorher eingetroffen, Madame
Turner aber hatte ihn verheimlicht, um ihren Gatten am heutigen Festabend
damit zu überraschen. Die Freude war aber auch eine sehr große und
allgemeine, denn selbst bei den Kindern war für den Augenblick alles
Interesse für die Geschenke verschwunden, und sie drängten sich zu den
Eltern, um die Nachrichten von Amerika zu vernehmen. Turner mußte sich bei
dem Tannenbaume niedersetzen und bei dessen Lichtschein den Brief vorlesen.
Dies geschah nun, wenn auch nur stückweise, doch hinreichend, um etwas
Näheres über die bevorstehende Abreise bestimmen zu können. Das Frühjahr
ward dazu festgesetzt.
Es war der heiterste und doch der ernsteste Weihnachtsabend, der in dieser
Familie jemals gefeiert war. Madame Turner hatte einen vortrefflichen
heißen Punsch angefertigt, und auf eine glückliche Zukunft in der noch
fernen neuen Heimath erklangen und wurden die Gläser bis auf den letzten
Tropfen geleert. Alle am heutigen Abend zwischen Eltern und Kindern
vertheilten Geschenke waren für das Leben in Amerika berechnet, und Keiner
war so reich bedacht worden, als Carl Scharnhorst. Eine prächtige,
sehr werthvolle Doppelbüchse mit allem Zubehör, ein herrliches schweres
Jagdmesser, eine Jagdtasche, ein Compaß, waren die Gaben, die ihn besonders
beglückten, und unter Freudenthränen und mit Küssen dankte er seinen
Pflegeeltern für ihre Güte und ihre Liebe.
Alle gaben sich der seelenvollsten Heiterkeit hin, sie lachten, scherzten
und stießen mit den Gläsern an, während der Sturm draußen die weißen
Schneeflocken gegen die Fensterscheiben trieb, und die Mitternachtsstunde
war schon lange dahingeeilt, als die Glücklichen ihr letztes Weihnachtsfest
in Europa beschlossen und sich mit den glänzendsten Hoffnungen für ihre
Zukunft zur Ruhe begaben.
Der folgende Tag wurde nun ganz dem Briefe des Vetters geweiht. Dieser gab
darin die ausführlichsten Anweisungen zu den Vorbereitungen für die Reise.
Er rieth, dieselbe im Frühjahr zu unternehmen, und sich namentlich mit so
wenig Gepäck zu befassen, als es irgend möglich sei, indem man das Nöthige
in Amerika neu billiger kaufen könne, als die mitgebrachten Sachen dort zu
stehen kämen. Er gab über Alles die genaueste Auskunft, gab hunderte von
Rathschlägen und Anweisungen, und schloß endlich den langen Brief mit
dem Wunsche, sie sämmtlich gesund und froh dort in dem Sonnenlande
bewillkommnen zu können. Wenige Tage später ging eine lange ausführliche
Antwort an den Vetter ab.
Der Winter verstrich unter Vorbereitungen zur Auswanderung; Turner war von
dem Schmied zu einem Büchsenmacher in die Lehre gegangen, und Carl hatte
den Wagenmacher gegen einen Schreinermeister vertauscht.
Unter den Bürgern des Städtchens erregten diese ernsten Anstalten für
einen Abschied auf immer, großes Aufsehen und die wärmste Theilnahme. Mit
allgemeinem Bedauern sah man eine so biedere, so hochgeehrte und beliebte
Familie sich nach einem fernen Lande wenden, und von allen Seiten suchte
man Turners die Verehrung, die sie hier weit und breit genossen, durch
Hülfsleistungen und Liebesdienste aller Art an den Tag zu legen. Die
vornehmen, reichen früheren Freunde aber schämten sich in tiefster Seele
ihrer niedrigen selbstsüchtigen Handlungsweise, und vielfach wurden ihnen
Kundgebungen der Verachtung zu Theil; die öffentliche Meinung hatte sie
gerichtet.
Abermals zog das Frühjahr lächelnd und neu belebend in das freundliche
schöne Werrathal ein, Wald und Flur schmückten sich wieder mit jungem
Grün, die Gärten prangten wieder in reichster Blüthenpracht, die Schwalben
begrüßten schwirrend die heimathlichen Berge und suchten über den Thüren
und in den friedlichen Hausfluren ihre Nester auf, und die Nachtigallen
sangen ihre süßen klagenden Lieder, wie zum Abschied an die reisefertige
Familie Turner.