thun solle. Es war etwas Ernstes, etwas Schreckliches geschehen, das hatte
ihr der Blick ihres Gatten gesagt -- was aber konnte es sein -- was in
der Welt gab es, dessen Verlust einen solchen erschütternden Eindruck auf
Turner machen konnte? Sie mußte es wissen -- sie mußte das Unglück mit dem
Gatten tragen, wie sie das viele Glück mit ihm getheilt hatte!
Schnell glitt sie aus der Stube durch den langen Corridor nach dem Zimmer
ihres Gemahls und öffnete leise die Thür.
Turner saß in dem Lehnstuhl, seine Arme stützten sich auf seine Kniee, sein
Kopf war auf seine Hand gesunken, und der Schreckensbrief lag vor ihm auf
dem Fußboden. Er hatte es nicht gehört, als seine Gattin in das Zimmer
und zu ihm an den Stuhl trat. Sanft neigte sich diese zu ihm nieder, legte
leise ihren Arm um seine Schultern und weckte ihn aus seiner
Erstarrung. Einen Augenblick sah er der geliebten Lebensgefährtin in die
thränenschweren Augen und sagte dann mit dumpfer Stimme: »ja, ja, Marie,
das Glück ist auch bei uns wandelbar geworden; wir müssen in diesem Herbst
die Kluse verlassen!«
»Großer Gott! und warum denn?« fragte Madame Turner mit bebender Stimme und
drückte ihre gefalteten Hände gegen die Brust.
»Der zweite Sohn unserer Gutsherrschaft soll die Kluse als Erbtheil
erhalten, und will sie selbst bewirthschaften. Er ist verlobt, wird im
Herbst heirathen, und dann hierher ziehen. Unsere Pacht läuft um diese Zeit
ab, und die Bedingungen in dem Pachtbriefe sind der Art, daß wir nichts
gegen diesen harten Beschluß einwenden können.«
»Die Leute werden doch unmöglich so an uns handeln, sie können uns nicht so
ohne Weiteres davonjagen, ehe wir eine andere Pachtung haben,« sagte Madame
Turner, nach Trost haschend.
»Sie können es, Marie, und sie wollen es.«
»Es wäre ja eine unerhörte Rücksichtslosigkeit, eine Grausamkeit sonder
Gleichen. Das Gut ist schon über hundert Jahre in den Händen Deiner Familie
gewesen, Du hast mit Freuden die verlangte höhere Pacht bezahlt und Alles
in so guten Stand gesetzt, wie es niemals früher gewesen ist -- es wäre
unerhört, ja sündlich, so gegen uns zu verfahren!« fuhr Madame Turner
fort, und suchte gefaßt zu erscheinen, während die Thränen über ihre Wangen
rollten.
»Und doch wird es geschehen,« entgegnete Turner; »sie schreiben, daß eine
Aenderung in dem Beschlusse unmöglich sei. Wir kommen in eine verzweifelte
Lage. Großes Vermögen besitzen wir nicht, wenn wir unser Inventar verkaufen
müssen, werden wir bedeutend dabei verlieren, und dann, wo wollen wir so
schnell wieder eine Pachtung finden? Eine zweite Kluse giebt es für uns
nicht; _der_ Goldbaum hat uns seine letzten Früchte getragen; das Glück
will uns verlassen, Marie!«
»Gott hat uns ja noch nie verlassen, Max, und er wird es auch jetzt nicht
thun! Auf einem andern Gute können wir ebenso glücklich sein, wenn wir uns
auch etwas mehr einschränken müssen,« entgegnete Madame Turner, indem sie
unbemerkt sich die Thränen von den Augen wischte.
»Ein anderes Gut, das ist leicht gesagt; wenn uns aber die Mittel nun nicht
ausreichen sollten!« erwiederte Turner vor sich hinblickend.
»Turner -- wir haben viele reiche und gute Freunde,« nahm die Frau wieder
das Wort, indem sie die Hand ihres Gatten ergriff und ihm, wie mit einem
Trost in die Augen sah.
»Du hast Recht, Marie,« sagte Turner nach kurzem Schweigen, »ich habe nicht
an sie gedacht; sie werden, wenn es nöthig sein sollte, uns gern helfen,
da sie wissen, daß sie es mit rechtlichen Leuten zu thun haben. Ich will
übrigens gleich nach Tisch zu meiner Gutsherrschaft reiten, und sie zu
bereden suchen, daß sie mir die Kluse wenigstens noch auf ein Jahr in Pacht
läßt. Dann kann ich mich nach einem anderen Gute umsehen und Vorbereitungen
zu unserem Umzuge treffen. Die Leute werden ja billig sein.«
Mit diesen Worten ergriff Turner, leichter aufathmend, den Brief und legte
ihn auf den Tisch, während seine Gattin ihren Arm in den seinigen schlang
und nun mit ihm im Zimmer auf und nieder schritt.
»Ich habe seit vergangenem Jahre wiederholt auf Erneuerung meines
Pachtcontracts gedrungen, es wurde aber immer hinausgeschoben und ich hielt
es wahrlich kaum noch für nöthig, einen Contract mit den Leuten zu machen,
weil die Kluse ja die langen Jahre in meiner Familie geblieben ist. Wer
hätte so etwas denken können!« sagte Turner im Auf- und Niedergehen.
»Die Kluse können uns die Menschen nehmen, unser Glück aber nicht, Max, wir
nehmen es mit uns, wohin wir auch ziehen, wenn Gott nur uns Allen unsere
Gesundheit erhält. An Arbeit sind wir gewöhnt und thun sie gern. Sprich
einmal mit den Leuten, und versuche es, sie zur Billigkeit zu stimmen.
Uebrigens ist die Kluse ja nicht das einzige Gut in der Welt, wenn wir
auch unser liebes Werrathal lange Zeit vermissen werden,« versetzte Madame
Turner, und die Herzen der zum ersten Male in ihrem Leben vom Unglück
Bedrängten erleichterten sich nach und nach durch die tröstenden Worte, die
sie mit einander wechselten.
Madame Turner verließ ihren Gatten in einer viel gefaßteren Stimmung, als
der, in welcher sie zu ihm gekommen war. Auch die erschreckten Gemüther der
Kinder beruhigten sich, als die Eltern, wenn auch ernster, als sonst, doch
weniger bekümmert beim Mittagsessen erschienen, welches heute sehr zeitig
eingenommen wurde. Gleich nach Tisch reichte Madame Turner ihrem Gatten
den Kaffee, Julie brachte die Wachskerze zum Anzünden der Cigarre, und Carl
Scharnhorst führte den Rappen vor das Haus. Herr Turner ließ nicht lange
auf sich warten, schwang sich in den Sattel und reichte seiner Frau zum
Abschied die Hand mit den Worten: »Gott wird uns helfen!«
»Gewiß wird er es thun,« entgegnete Madame Turner mit vollster Zuversicht,
und winkte ihrem Gatten noch einen Gruß nach.
Der Ritt war vergebens; denn Turner brachte bei seiner Rückkehr die
Nachricht mit, daß alle seine Bitten, seine Vorstellungen umsonst gewesen
seien, und daß die Gutsherrschaft unabänderlich auf seinen Abzug von der
Kluse im kommenden Herbst bestehe.
Die Kunde von diesem Beschluß verbreitete sich bald in dem Städtchen, und
mit ihr wurden vielerlei Vermuthungen über die eigentliche Ursache der
Kündigung Seitens der Gutsherrschaft laut. Namentlich sagte man sich im
Vertrauen, daß es mit den Vermögensverhältnissen Turners sehr schlecht
stehe. Obgleich aber diese Gerüchte von Mund zu Mund gingen, so waren sie
doch nicht bis auf die Kluse gedrungen, und beinahe eine Woche verstrich,
ohne daß Turners etwas Anderes aus dem Städtchen erfuhren, als was die
Knaben, wenn sie Abends aus der Schule kamen, ihnen erzählten.
»Unbegreiflich ist es mir, daß sich noch keiner unserer Freunde hier hat
blicken lassen,« sagte Turner eines Abends, als er mit seiner Familie nach
dem Abendessen in traulichem Kreise im Garten saß. »Ich will morgen doch
einmal in die Stadt reiten und hören, was unsere Bekannten sagen. Sie
werden sicher den innigsten Antheil an unserem Geschick nehmen. Vielleicht
weiß auch der Eine, oder der Andere von einem Gute, welches pachtlos wird;
jedenfalls ist mir der Rath eines Freundes willkommen.«
Am folgenden Tage gleich nach dem Mittagsessen bestieg Turner sein Pferd,
um nach der Stadt zu reiten, und Madame Turner rief ihm beim Abschied nach:
»grüße nur Alle recht herzlich von mir.«
Von dem Gasthause aus, wo Turner sein Pferd abgab, leitete er seine
Schritte zuerst zu der Wohnung des Kreisraths, und erkundigte sich dort in
der Hausflur, ob derselbe zu sprechen sei.
»Ja wohl, Herr Turner, der Herr ist in seinem Arbeitszimmer, er wird sich
freuen, Sie zu sehen,« entgegnete ihm die Magd mit einem freundlichen Gruß
und öffnete eine Thür, indem sie den Herrn Turner anmeldete.
Der Kreisrath, den Turner als einen seiner wärmsten Freunde betrachtete,
empfing ihn mit großer Höflichkeit, doch nannte er ihn nicht, wie früher,
»mein verehrter Freund,« sondern nur Herr Turner. Er führte ihn durch
das Zimmer nach einer Thür, indem er sagte: »meine Damen werden sich sehr
freuen, Sie zu sehen.«
Turner aber hielt ihn mit den Worten zurück: »ich möchte Sie gern einige
Augenblicke allein sprechen, denn es ist eine wichtige Angelegenheit, in
der ich mir Ihren Rath erbitten wollte.«
»Gern, gern, mit Freuden stehe ich zu Ihren Diensten; wahrscheinlich einer
Klage wegen. Haben Sie einen schlechten Schuldner, sind Sie schon, oder
_sollen_ Sie noch betrogen werden? Auf meine Hülfe können Sie rechnen.
Sagen Sie mir gefälligst nur, was ich für Sie thun kann?« erwiederte der
Kreisrath, indem er Turner nach dem Sopha führte und neben ihm Platz nahm.
»Sie haben oft mein Glück hoch gepriesen, Herr Kreisrath, es will mir
untreu werden,« begann Turner nach einer kurzen Pause.
»Wie so? Sie erschrecken mich!« sagte der Kreisrath mit erzwungenem
Ausdruck der Ueberraschung, um Turner nicht zu verrathen, daß ihm dessen
Mißgeschick bereits bekannt sei.
»Denken Sie sich, die Pacht ist mir gekündigt, ich muß im Herbst die Kluse
verlassen,« fuhr Turner mit beklommener Stimme fort.
»Es ist wohl nicht möglich! Was ist denn der Grund?«
»Der zweite Sohn meiner Gutsherrschaft hat die Besitzung als Erbtheil
erhalten, und will sie selbst bewirthschaften.«
»Das ist ja schrecklich -- will man Ihnen denn keine Zeit geben, sich nach
einer anderen Pachtung umzusehen? Das geht doch nicht so Hals über Kopf, da
hat das Gesetz auch noch ein Wort mitzusprechen; haben Sie Ihren Pachtbrief
bei sich?«
»Derselbe hätte schon im vorigen Jahre erneuert werden müssen, und ich
habe wiederholt darauf gedrungen, man verschob es aber von einem Monat zum
andern, und so ist es denn bis auf den heutigen Tag unterblieben. Die Pacht
läuft in diesem Herbste ab, und ich habe nach den Bestimmungen in dem alten
Contract gesetzlich kein Recht zu einer Beschwerde. Nennen Sie es
nicht Nachlässigkeit, wenn ich nicht ernster auf zeitige Erneuerung des
Pachtbriefes drang. Das Gut war seit so langen Jahren in den Händen meiner
Familie, daß ich den schriftlichen Contract nur als eine Form betrachtete,
der zu irgend einer Zeit nachgekommen werden konnte. Wie hätte ich
denken können, daß die Verzögerung Seitens meiner Gutsherrschaft eine
beabsichtigte gewesen wäre?« sagte Turner mit einem schweren Athemzug.
»Ja, ja, verehrter Herr Turner, nehmen Sie es mir nicht übel, aber
allermindestens trifft Sie doch der Vorwurf leichtsinnigen Vertrauens in
die Rechtlichkeit anderer Leute; solchem blinden Vertrauen darf man sich
heutzutage nicht mehr hingeben; wo es sich um Mein und Dein handelt, da
halte ich einen Jeden im Voraus für einen Spitzbuben, dann weiß ich, daß
ich nicht hintergangen werde,« entgegnete der Kreisrath mit entschiedener
Betonung.
»Dazu würde ich mich nie überreden können, Herr Kreisrath, und ich für
meine Person ziehe es vor, gelegentlich betrogen zu werden, ehe ich den
Glauben an Rechtlichkeit unter meinen Nebenmenschen aufgeben und in ihnen
nur Spitzbuben sehen sollte. Ich habe gottlob noch die Ueberzeugung, viele
ehrliche Freunde zu besitzen, die mich auch, selbst wenn es sich um Mein
und Dein handelt, nicht für einen Schurken halten,« sagte Turner mit mehr
als ihm gewohnter Heftigkeit.
»Ganz recht, da bin ich vollkommen Ihrer Ansicht, aber Freundschaft und
Geschäft sind zwei ganz verschiedene Dinge; wo das persönliche Interesse
redet, da muß die Freundschaft aufhören. Nun sagen Sie mir, soll ich
vielleicht einmal mit Ihrem Gutsherrn reden und ihm ins Gewissen greifen?
Ich scheue keine Mühe, wenn ich Etwas für Sie thun kann, und mein Rath
steht Ihnen jederzeit zu Dienste.«
»Ich bin Ihnen dankbar für Ihre Bereitwilligkeit, mir zu helfen, muß aber
darauf verzichten, da ich diesen Versuch bereits selbst vergebens gemacht
habe. Man will von einer Aenderung in dem Beschluß Nichts hören,« versetzte
Turner, kalt berührt von den Grundsätzen des Mannes, den er immer für einen
warmfühlenden Freund gehalten hatte. Die Unterhaltung wurde wortkarger und
gezwungener, und Turner erhob sich bald darauf, um sich zu entfernen. Der
Kreisrath nöthigte ihn auch nicht, länger zu verweilen und sagte, indem er
ihn bis an die Thür begleitete, mit einer höflichen Verbeugung: »mein Rath
steht Ihnen jederzeit zu Gebote, Herr Turner.«
Dieser erwiederte die Zusicherung mit einer stummen Verneigung, und eilte
zusammengepreßten Herzens in die Straße hinaus.
Der Kreisrath war gerade derjenige unter seinen Freunden gewesen, von dem
er die wärmste Theilnahme an seinem Schicksal erwartet hatte, und welche
Gefühle, welche Grundsätze hatte dieser Mann jetzt gegen ihn ausgesprochen!
Unentschlossen, ob er geraden Wegs wieder zu seinem Pferde zurückkehren und
nach Hause reiten, oder ob er noch andere seiner Freunde aufsuchen sollte,
schritt Turner, in düstere Gedanken versunken, langsam in der Straße hin.
Das Gefühl drängte sich ihm unwiderstehlich auf, daß er überall dieselbe
herbe Erfahrung machen würde, wie bei dem Kreisrath, wenn auch sein Herz
sich dagegen sträubte und an dem Glauben an wirklich wahre Freundschaft
festhielt. An der Ecke, wo die Straßen sich theilten, blieb er einen
Augenblick zögernd stehen, dann schritt er aber schnell nach dem Gasthause
hin, entschlossen, es abzuwarten, welche Theilnahme ihm seine anderen
Freunde, ohne von ihm dazu aufgefordert zu sein, zeigen würden; denn die
Kunde von seinem Mißgeschick mußte sich bereits in dem Städtchen verbreitet
haben.
Madame Turner hatte sich gleich nach ihres Gatten Entfernung in ihre
Wirthschaft begeben, um in den häuslichen Arbeiten sich zu zerstreuen
und ihre Gedanken von dem schweren Schlag abzulenken, der ihr bisher
ungetrübtes Glück getroffen hatte. Was sie aber auch unternahm, sie konnte
nirgend Ruhe finden, und mit jeder Stunde wuchs ihr Verlangen nach der
Rückkehr ihres Gatten. Wieder und immer wieder begab sie sich in das
Wohnzimmer, aus dessen Fenstern sie weit auf der Straße, die nach dem
Städtchen führte, hinblicken konnte, um zu sehen, ob sie Turner noch nicht
erspähen könne. Als aber nun die Sonne versank, da setzte sie sich an dem
Fenster nieder und hielt ihre Augen auf den fernsten sichtbaren Punkt der
Straße geheftet. Endlich erkannte sie ihren zurückkehrenden Gatten, er kam
aber nicht, wie sonst, im schnellen Trabe, das Pferd ging nur im Schritt,
und sie meinte, so langsam sei Turner niemals nach Hause geritten. Sie
konnte ihn nicht im Zimmer erwarten, sie warf ihr Tuch um und eilte hinaus
ihm entgegen.
»Du bringst keine frohe Nachricht mit Dir, Turner,« sagte sie, als sie mit
ihm auf der Straße zusammen traf und ihm die Hand zum Willkommen reichte.
»Nein, Marie, wir haben uns in einem unserer Freunde sehr verrechnet, und
zwar in dem Kreisrath. Die Nachricht, daß wir die Kluse verlassen müßten,
schien mehr sein Bedenken, als seine Theilnahme zu erwecken, und statt
warmer herzlicher tröstender Worte erhielt ich Nichts bezweckende kalte
Rathschläge und steife Höflichkeiten. Er war ein Freund im Glück, ist aber
kein Freund in der Noth!« entgegnete Turner, indem er abstieg, das Pferd
leitete, und Arm in Arm mit der Gattin der Wohnung zuschritt.
»Der Kreisrath?« sagte Madame Turner überrascht mit halblauter Stimme, »er
war doch immer so herzlich und liebevoll gegen uns!«
»Ja, der Kreisrath, er machte mir nur Vorwürfe und rieth mir, wo es sich um
Mein und Dein handele, alle Menschen für Spitzbuben zu halten, so wie er es
thue, um sich vor Betrug zu schützen.«
»Der Himmel bewahre Dich vor solchem Glauben, Turner, lieber mag man uns
betrügen. Nein, es giebt noch gute Menschen, und grade im Unglück werden
wir sie erkennen. Was sagten denn Apothekers?«
»Ich bin nicht bei ihnen gewesen. Es war mir unmöglich, mich einer zweiten
solchen Täuschung auszusetzen. Wir wollen abwarten, welchen Trost uns
unsere Freunde bringen; suchen werde ich denselben nicht bei ihnen. Ich
ging vom Kreisrath wieder in das Gasthaus zurück. Dort fand ich viele
Bürger versammelt, die mir immer herzlich zugethan waren, wenn sie mir
sonst auch nie näher gestanden haben. Die Leute waren außer sich, sprachen
sich heftig gegen die Gutsherrschaft aus, und erklärten schließlich, daß
ich unter keiner Bedingung diese Gegend verlassen dürfe. Es müsse Rath
geschafft werden, auf irgend eine Weise ein Gut für mich in der Nähe
auszumitteln, weil ich immer den Armen und Bedürftigen eine Stütze gewesen
sei. Sieh, Marie, das hat mir wohlgethan, und mich tausendfach für den
Verlust eines reichen vornehmen Freundes entschädigt.«
»Dessen Hülfe wir auch nicht nöthig haben werden, wenn uns der _eine_ treue
barmherzige Freund, der uns bis jetzt so väterlich beigestanden hat, seine
Gnade auch fernerhin angedeihen läßt,« sagte Madame Turner, indem sie zum
Himmel aufblickte.
»Ja, Marie, Gott ist immer unser treuster Freund gewesen, und wir wollen
fest auf seine fernere liebevolle Hülfe bauen. Was uns im Augenblick als
Mißgeschick erscheint, wird sich sicher zu unserm Besten wenden; es sei uns
willkommen, wie es sich auch gestalten mag!« Mit diesen Worten legten die
beiden Gatten ihre Hände ineinander, als wollten sie sich gegenseitig das
Versprechen geben, in diesem Glauben niemals zu wanken.
Am nächsten Morgen setzte Turner mehrere Anzeigen für verschiedene
Zeitungen auf, worin er bekannt machte, daß er ein Gut zu pachten suche,
und schrieb zugleich eine Menge Briefe an auswärtige Freunde, welche er
aufforderte, sich für ihn zu bemühen und ihm mitzutheilen, wenn sie von
einer offenen Pachtung hören sollten. Er brachte die Schreiben selbst nach
der Stadt zur Post, und wurde dabei allenthalben in den Straßen von den
Einwohnern angehalten, da ein Jeder aus seinem Munde hören wollte, ob das
Gerücht von der Pachtkündigung wahr sei. Es herrschte nur _eine_ Stimme
unter den Leuten, die der Entrüstung gegen die Gutsherrschaft und die der
wärmsten liebevollsten Theilnahme für Turner. Von seinen Freunden aber
bekam er Keinen zu sehen. Mochte es nun Zufall sein, daß Keiner derselben
ihn beim Vorübergehn vor deren Wohnung bemerkt hatte; bis jetzt aber war
er kaum jemals durch das Städtchen gegangen, ohne daß der eine, oder andere
Freund ihn aus dem Fenster angerufen, oder ihn in der Straße, oder im
Gasthaus aufgesucht hatte. Vor der Apotheke sogar blieb er eine geraume
Zeit stehen, weil mehrere Bürger ihn dort anredeten, um ihm ihr Bedauern
über das ihn betroffene Mißgeschick auszusprechen; er erkannte hinter dem
Fenster die Frau und die Töchter des Apothekers, sah, wie dieselben sich
schnell von den Fenstern entfernten, und erwartete nun von Augenblick zu
Augenblick, daß sein Freund, der Apotheker, zu ihm heraus in die Straße
kommen würde, -- allein, er hatte sich getäuscht, es ließ sich Niemand aus
dem Hause sehen.
Auf der Kluse wurde es jetzt sehr still, denn die vielen angesehenen,
reichen Freunde, von denen sich Jahr aus, Jahr ein fast täglich eine Anzahl
dort eingefunden hatte, blieben aus; Tage und Wochen eilten dahin, ohne daß
Einer derselben sich hätte sehen lassen, obgleich das Wetter ungewöhnlich
schön und einladend war, und die Gärten im reichsten üppigsten Schmuck ihre
ersten Früchte darboten. So schmerzlich sich Turners nun auch durch diese
Theilnahmlosigkeit und Vernachlässigung berührt fühlten, so würde doch
ihr unbedingter guter Glaube an die Biederkeit ihrer Nebenmenschen nicht
dadurch beeinträchtigt worden sein, wären nicht die nachtheiligen Gerüchte
zu ihren Ohren gekommen, welche man über sie in dem Städtchen verbreitet
hatte. Tief gekränkt und entrüstet darüber, bemühte sich Turner, die Quelle
zu entdecken, aus welcher diese Verläumdungen entsprungen waren; doch
umsonst, alle seine Nachforschungen dieserhalb blieben vergebens.
Zum ersten Male in ihrem Leben fühlten sich Turners von den Menschen
zurückgestoßen, und ihr Glaube an dieselben begann zu wanken. Um so
enger und um so inniger aber schlossen sie sich in ihrem Familienkreise
aneinander, und kamen bald zu der Ueberzeugung, daß ihr wahres Glück
niemals durch die Menschen vermehrt worden war, daß es immer nur in ihnen
selbst, in ihrer Liebe für einander bestanden hatte. Mit doppeltem Eifer,
mit doppelter Thätigkeit widmeten sie sich ihren Geschäften und machten, wo
sie konnten, schon jetzt Vorbereitungen für ihren Abzug von der Kluse.
Sie wurden nun nicht mehr durch viele Besuche von ihren Arbeiten
zurückgehalten, und die Ersparnisse in Folge von deren Ausbleiben stellten
sich als nicht unbedeutend heraus. Bald waren die sogenannten Freunde, die
Schmarotzer, vergessen, und Turners befreundeten sich täglich mehr mit dem
Gedanken, das ihnen unentbehrlich geglaubte schöne Werrathal zu verlassen.
Abschnitt 2.
Abzug vom Gute. -- Der Brief von Amerika. -- Der Beschluß zur
Auswanderung. -- Vorbereitungen. -- Weihnachten. -- Der Neger. -- Die
Nordsee. -- Die Seeschweine. -- Die Inseln. -- Der Sonnenuntergang.
-- Der Eisberg. -- Amerika. -- Der Adler. -- Todesnachricht. -- Der
Verlust.
Auf Carl Scharnhorst übten die Veränderungen in Turners Verhältnissen einen
auffallenden Einfluß aus; es schien, als fühle er, daß er die Kinderschuhe
ausziehen, daß er seinen Lieben bald seine Kräfte leihen und ihnen
bald eine thätige Hülfe werden müsse. Er war ernster als sonst, mit
unermüdlichem Fleiße besuchte er die Schule, empfing noch bis spät Abends
Privatunterricht, und das erste Licht des Morgens fand ihn schon bei seinen
Büchern.
So segenreich und vielversprechend das Frühjahr auch erschienen war, so
verminderten sich doch die Hoffnungen auf eine ergiebige Ernte von Tag zu
Tag mehr, da eine anhaltende Dürre sich eingestellt hatte. Die Heuernte war
schon vollständig mißrathen, weil das Gras wegen Mangels an Regen durch die
Sonnengluth verbrannt wurde, und aus gleichem Grunde darbten die Früchte
auf den Feldern; denn der ausgetrocknete Boden konnte ihnen keine Nahrung
zum Wachsen und Gedeihen geben. Die Kornernte kam heran, und begann vier
Wochen früher als gewöhnlich, sie lieferte nur kleine leichte Körner und
kurzes gehaltloses Stroh. Auch das Grünfutter konnte nicht gedeihen, es
vertrocknete auf dem Lande, der Weizen lieferte schlechtes Gewicht, und den
Hafer lohnte es kaum der Mühe zu mähen. Diese Ergebnisse drückten schwer
auf die schon bedrängten Herzen der Turners, denn grade diese Ernte sollte
ihnen ja baares Geld in die Hand liefern, und ihnen helfen, anderswo eine
neue Heimath zu gründen. Dennoch verließ sie die Hoffnung und der Glaube
nicht, daß Alles sich zu ihrem Besten gestalten würde, und unverdrossen
boten sie alle ihre Kräfte, alle ihre Thätigkeit auf, die Ernten um so
sorgfältiger einzubringen. Turner hatte schon viele Güter in Augenschein
genommen, wobei er wiederholt wochenlang von der Kluse abwesend geblieben
war, doch keines von allen hatte ihm zugesagt, theils, weil sie werthlos,
theils, weil sie zu bedeutend waren, als daß er sie mit eigenen Mitteln
hätte übernehmen können. In der Nähe war überhaupt kein Gut zu pachten,
welches nur einigermaßen seinen Anforderungen entsprochen hätte, wodurch
sich die Nothwendigkeit für ihn herausstellte, sein Inventar, das heißt
seine Geräthschaften, Vieh und Pferde und alle seine Vorräthe zu verkaufen,
die er weithin nicht mit sich nehmen konnte. Die Zeit, wo Turner die Kluse
verlassen sollte, rückte immer näher, wieder und wieder begab er sich
auf Reisen, um pachtfreie Güter zu besehen, aber immer kehrte er ohne den
gewünschten, ersehnten Erfolg nach Hause zurück.
Die letzten vier Wochen waren nun angetreten, welche Turners noch auf der
Kluse zubringen konnten, und da sie immer noch kein anderes Gut gepachtet
hatten, so blieb ihnen Nichts übrig, als Alles zu verkaufen, nach der
Stadt zu ziehen, und sich dann von dort aus in Ruhe nach einer Pachtung
umzusehen. Die gegen frühere Jahre nicht bedeutenden Vorräthe waren bereits
nach und nach zu ziemlich guten Preisen verwerthet, und um sich nun auch
des Inventars zu entledigen, wurde eine Auktion angesetzt und die Anzeige
davon in mehreren Zeitungen, so wie in den nicht weit entfernten Städten
und Ortschaften durch Anschlagzettel bekannt gemacht. Die Zahl der
Kauflustigen, die sich dazu einfanden, war keine große, und der Verkauf
stellte sich als ein sehr mittelmäßiger heraus. Namentlich brachte das Vieh
sehr niedrige Preise auf, weil fast Niemand nur für den eigenen Viehbestand
Futter genug geerntet hatte.