[26] Ein ausgezeichnetes Beispiel einer neurologischen

Lokaldiagnose ist folgendes: Ein gewisser Pausanias, welcher

bei einem Falle aus dem Wagen einen heftigen Stoß zwischen den

Schultern erlitten hatte, wurde von einer Sensibilitätsstörung

an dem 4. und 5. Finger, sowie an der Hälfte des Mittelfingers

befallen. Vergebens wendeten die Aerzte örtliche Mittel

an den Fingern selbst an. Gemäß seiner Erkenntnis, daß

die Empfindungsnerven der Hand aus dem Rückenmark stammen,

applizierte Galen sein Heilmittel an der entsprechenden Stelle

der Wirbelsäule.

•Psychosen.• In der Pathologie der Alten spielten als

Krankheitstypen die „Phrenitis“, der „Lethargos“ und die „Typhomanie“

eine Rolle; dieselben entsprechen keinen bestimmten Krankheiten,

sondern im Verlaufe von Krankheiten vorkommenden psychischen

Anomalien. Phrenitis bedeutet wohl einen fieberhaften, mit Delirien

verbundenen Zustand geistiger Aufregung, der symptomatisch eine

Teilerscheinung verschiedener Krankheiten bilden kann. Galen hebt als

Kennzeichen Bewußtseinsstörung, Hitze der Haut, Fieber, Trockenheit,

Krämpfe, Diarrhöen, Erbrechen, Respirationsstörung hervor und

gibt an, daß der Puls meist klein, mäßig hart, sehnig, häufig und

beschleunigt, zuweilen gleichsam zitternd sei. Sitz der Krankheit

seien das Gehirn und besonders dessen Häute, die durch den Zufluß

galligen Blutes erhitzt werden. Therapie: Aderlaß, kühlende Umschläge,

kalte Uebergießungen. Der Lethargus wird ebenfalls in den Gehirnhäuten

lokalisiert, nur gilt bei ihm fauliger Schleim als auslösender

Reiz. Galen schildert diese Krankheit als rasch verlaufend und sehr

gefährlich, charakteristisch sei das Darniederliegen der geistigen

Tätigkeit, die Somnolenz. Der Puls sei groß, undeutlich, weich, etwas

verlangsamt, selten intermittierend und bisweilen doppelschlägig.

Lethargus und Phrenitis stehen in einer Wechselbeziehung, insofern

die Schlafsucht der Phrenitis vorausgeht oder dieselbe in ihrem

Verlauf ablöst. Lethargus dürfte somit ganz allgemein einen akut

fieberhaften Zustand mit hochgradiger Schwäche und Somnolenz

bedeuten. In der Mitte zwischen beiden „Krankheiten“ steht die

„Typhomanie“, welche gewisse Symptome beider in sich vereinigt. Die

Melancholie könne auf zweierlei Art zu stande kommen, sei es, daß

die gesamte Masse des Blutes leide, sei es, daß nur das Blut des

Gehirns ergriffen werde; im ersteren Falle bilde der Aderlaß einen

Hauptbestandteil der Kur. Veranlassende Momente sind z. B. Stockung

der Menstruation, Entbehrung des Beischlafes, Kummer, Sorgen etc.

Sie kann auch eine Folge von Sonnenstich oder akuten Krankheiten

sein. Die Manie verdanke dünnen, galligen Säften ihre Entstehung

und unterscheide sich von der „Phrenitis“ nur durch den Mangel des

Fiebers. -- Galens psychiatrische Symptomatologie unterscheidet

Störungen des Vorstellungs-, Denk- und Erinnerungsvermögens, so z.

B. völlige Unfähigkeit (ἄνοια), mangelhafte Betätigungskraft (μωρία)

und verkehrte Tätigkeit (παραφροσὑνη) auf dem Gebiete des Vorstellens.

•Dermatosen.• Die Theorie der Hautkrankheiten beruhte auf der alten

Tradition, daß Dermatosen -- es werden viele Formen genannt -- keine

Affektionen sui generis, sondern Ausflüsse innerer Zustände sind; die

Einteilung in solche des Kopfes und des übrigen Körpers bildet den

ersten Versuch einer Systematik. Für die Entstehung mancher Hautleiden

wurden von Galen auch gichtische Affektionen verantwortlich gemacht.

Die Therapie benützte dementsprechend nicht nur Topika, sondern auch

insbesondere ausleerende Mittel, z. B. Helleborus.

Den Prüfstein medizinischer Systeme gibt allein die Erfahrung,

und nichts beweist so sehr die Wahrheitsliebe, die Denkreife eines

ärztlichen Forschers, als wenn er am Krankenbette die Grenzen erkennt

und einhält, welche für seine Deduktionen aus der Pathologie noch

unüberschreitbar bleiben, wenn er mit Verleugnung seines Hanges zur

kausalen Begründung dort von einem provisorischen Empirismus Gebrauch

macht, wo es an einer exakt wissenschaftlichen Basis noch mangelt.

Wenn wir von diesem Gesichtspunkt die galenische ~Therapie~

überblicken, so finden wir, daß der große Arzt von Pergamos neben dem

~dogmatischen~ Standpunkt den ~empirischen~ nicht vernachlässigt, ja

auf manchen Gebieten den letzteren sogar bevorzugt. Im Prinzip wollte

er die Linie, welche Hippokrates gezogen hatte, einhalten, wenn es

auch in seinem Ehrgeiz lag, das erfahrungsmäßige Handeln überall, wo

es möglich schien, durch „wissenschaftliche“ Momente zu begründen, in

feste Normen zu bannen. Die Ueberschätzung dieser Möglichkeit wurde

freilich zur Wurzel von Fehlern und dämmte den Hippokratismus stark

ein, ja sie zeitigte eine Behandlungsweise, die nicht selten nur noch

formell mit den hippokratischen Anschauungen zusammenhing.

Galen legte in klarer und übersichtlicher Weise die Aufgaben und

Prinzipien des ärztlichen Handelns dar, wobei er formell stets an den

erhabenen Koër anknüpft.

Er erteilt schon über das Benehmen im Krankenzimmer vortreffliche

Ratschläge, die Besuche dürfen nicht zu häufig oder zur Unzeit

erfolgen; der Arzt soll würdig auftreten, nicht mit viel Geräusch und

lautem Sprechen lästig fallen, sich der Bildungsstufe, den Neigungen

und Gewohnheiten des Patienten bis zu einem gewissen Grade anbequemen.

Vor taktlosen Reden, wie z. B. „Auch Patroklos ist gestorben und

war mehr als du“, muß man sich in acht nehmen. Als abschreckendes

Beispiel wird der grobe Kointos angeführt, der stark nach Wein roch

und in einem vornehmen Hause dem fiebernden Kranken, der sich darüber

aufhielt, entgegnete: „Ach was, dein Fieber riecht noch schlechter.“

~Die allgemeine Therapie gipfelt in der höchsten Anerkennung der

Naturheilkraft (Physiatrie). Aufgabe des Arztes ist es, die Physis

in ihrem Heilbestreben zu unterstützen~, ὠφελεῖν ἢ μὴ βλάπτειν, ~zu

nützen oder doch nicht zu schaden~, wie Hippokrates sagte.

Sehr treffend weist Galen darauf hin, daß dieser Ausspruch

des Hippokrates in seiner Gänze erst den erfahrenen Praktikern

verständlich wird, weil sie zur Einsicht gekommen sind, wie schwer es

unter Umständen schon ist, trotz bester Absichten nicht zu schaden.

„Denn, wenn es diesen mitunter begegnet, daß sie durch unpassende

Anwendung eines heftigen Mittels einen Kranken verlieren, dann werden

sie die Wichtigkeit jenes hippokratischen Ausspruches vollständig

begreifen.“

~Das Wesen des Galenismus gegenüber dem Hippokratismus liegt aber in

dem Versuche, die Physis und die Wirkungssphäre derselben theoretisch

festzustellen und dem Arzte eine sichere Handhabe für das Vorgehen im

Einzelfalle durch allgemeine Grundsätze zu geben.~

Eine auf Naturphilosophie, die Hilfswissenschaften und klinische

Beobachtungen aufgebaute Pathologie schien die Erkenntnis der

Krankheitsursachen und Krankheitsvorgänge zu sichern. Die letzteren

sind nichts anderes als Funktionsstörungen; ihre Beseitigung ist

Heilung. Die Werkzeuge, deren sich die Physis dabei bedient, können

nur diejenigen Kräfte sein, welche auch in gesundem Zustande, nach

den Gesetzen der Notwendigkeit wirkend, die Bildung, die Ernährung,

das Wachstum des Körpers vermitteln (vergl. S. 372), als wichtigste

unter ihnen ist die •„austreibende“• Kraft zu betrachten, da sie

die Entfernung der Materia peccans veranlaßt. Ohne der anziehenden,

zurückhaltenden und verändernden Kraft entgegenzuarbeiten, muß

deshalb auch das Hauptaugenmerk des Arztes auf die •Ausleerung der

Schädlichkeiten• gerichtet sein.

•Die Ausleerung der schädlichen Stoffe spielt z. B. in der

Behandlung der Fieber die Hauptrolle.• Tertianen werden mit Abführ-

oder Brechmitteln, dann mit Diureticis und warmen Bädern behandelt.

Quartanen mit Aderlässen, dann mit Pfeffer und kräftiger Diät.

Quotidianen mit harntreibenden Mitteln. Putride Fieber sollen durch

reichliches Trinken von Gerstenwasser, Petersilienaufguß und durch

Klistiere geheilt werden.

Ein zweites Fundamentalgesetz der Therapie ist die •Bekämpfung der

Krankheiten durch entgegengesetzt wirkende Mittel• (z. B. Kälte durch

Wärme, Plethora durch Entleerung u. s. w.). Die Wahl, die Dosierung

und die Applikationsart der Heilverfahren unterliegt bestimmten

•Indikationen• (ἐνδείξεις), welche sich aus den Krankheitsursachen, aus

dem Krankheitszustand und den Symptomen, aus der Individualität[27]

und Lebensweise des Kranken ergeben. Die Ursachen der Krankheit sind

womöglich durch prophylaktische Maßnahmen fernzuhalten (Indicatio

causalis, prophylactica). Die aus der Krankheit selbst entspringenden

Heilanzeigen (Indicatio morbi) sind abhängig von dem Charakter und

der Intensität derselben, vom Typus und Stadium, von dem Ausgang und

den Komplikationen. So sind z. B. drastische Mittel nur im Anfangs-

oder Endstadium angemessen. Die Symptome (Indicatio symptomatica)

stellen z. B. die Aufgabe, den Schmerz zu lindern, die Ausleerungen zu

regeln, gefahrdrohende Zustände zu beseitigen (I. vitalis). Was die

Individualität des Patienten anlangt, so ist bei der Therapie Alter,

Geschlecht, Temperament, Kräftezustand, der Wohnort des Patienten, die

Eigentümlichkeit des erkrankten Organs etc. zu berücksichtigen. Daran

schließen sich noch Indikationen resp. Kontraindikationen, die aus der

Atmosphäre[28] und sogar aus den Träumen(!)[29] gewonnen werden. --

~Vor Inangriffnahme jeder Behandlung muß zuerst entschieden werden,

ob das Uebel überhaupt heilbar ist oder nicht~, und immer soll die

Therapie auch eine ~allgemeine~ und ~individualisierende~ sein. Die

Behandlungsweise Galens läßt sowohl den ~diätetisch-physikalischen~

als den ~arzneilichen~ Mitteln Recht widerfahren.

[27] „Man muß auf die Natur des Kranken achten, denn für jeden

Menschen besteht eine besondere Therapie“.... „Derjenige wäre

wohl der beste Arzt, der eine Methode schaffen könnte, die

ihn befähigte, die Naturen zu erkennen und die einer jeden

eigentümlichen Heilmittel zu treffen. Ich glaube, wenn ich

die Natur eines jeden genau zu ergründen wüßte, wie es meiner

Ansicht nach Asklepios konnte, so wäre ich wohl das Ideal

eines Arztes. Da dies jedoch unmöglich ist, so habe ich mir

vorgenommen, mich darin zu üben, diesem Ideal so weit nahe zu

kommen, als es eben menschenmöglich ist, und ich rate dies auch

den anderen an.“

[28] Denn wie ein Arzneimittel so wird auch die Luft, indem sie von

außen her auf die Körper trifft, der Therapie hinderlich, wenn

sie übermäßig warm oder kalt ist. Es müssen also die Heilmittel

zu dem, was bei der Luft im Uebermaß vorhanden ist (d. h. der

Qualität, Mischung nach), im umgekehrten Verhältnis stehen.

Deshalb gebraucht auch Hippokrates in den heißen Stunden an

Wirkung kühlere Mittel, wärmere dagegen in den kalten Stunden.

[29] Vergl. S. 212.

Die Erfahrungen der Vorgänger -- der Hippokratiker, Methodiker,

Pneumatiker -- verwertend, wandte er seine größte Sorgfalt der

Diätetik und Gymnastik zu und gab für die Anwendung dieser Methoden

die genauesten Vorschriften bis in alle Einzelheiten. Er nützte

die Einflüsse der Luft und des Lichtes, der Kälte und der Wärme

als Heilfaktoren aus; er machte einen sehr ausgedehnten und subtil

geregelten Gebrauch von der Massage, von Bädern aller Art, endlich

von der Klimatotherapie, welch letztere er zur Höhenlufttherapie (bei

Phthisis verbunden mit Milchkur) erweiterte.

Galen hat die Diätetik in eingehendster Weise abgehandelt. Geradezu

ein Muster bildet die Schrift „Ueber die säfteverdünnende Diät“.

Hier bemerkt er gleich eingangs, daß bei gewissen chronischen

Affektionen mit Arzneien nicht viel zu erreichen ist, während eine

richtig gewählte Diät solche Krankheiten mäßigen oder sogar beseitigen

könne (Nierenentzündung, Gicht, Asthma, Milz- und Leberschwellungen,

Epilepsie). „Nur muß, wie bei allem anderen, so auch hier der

Arzt die Leitung in der Hand haben, um den geeigneten Zeitpunkt

und das Maß herauszufinden.“ Die Schrift zählt im folgenden eine

große Zahl von zweckdienlichen Nahrungs- und Genußmitteln auf,

und bemerkenswerterweise stimmt das meiste mit unseren heutigen

Erfahrungen überein. Leibesübungen und Beschäftigung im Freien

empfahl Galen den Schwachen und Rekonvaleszenten, nämlich rudern,

graben, mähen, Wurfspieß schleudern, laufen, springen, reiten, jagen,

Holz spalten, Lasten tragen u. s. w. Gymnastische Uebungen hatten

namentlich bei Fettsucht und Reizzuständen der Genitalien sichtlichen

Erfolg. Interessant ist auch ein Fall, wo ein Knabe mit verbildetem

Brustkorb durch Armbewegungen, Singübungen, Anhalten des Atems etc.

geheilt wurde. Ueber die Technik des Badens werden die genauesten

Regeln aufgestellt (z. B. für Fiebernde). Außer den Wasserbädern

wandte Galen auch Dampf-, Sonnen-, Sand-, Mineral- und Kräuterbäder

an.

Der Humoralpathologie entsprechend, spielen in der galenischen

Therapie jene Heilverfahren eine Hauptrolle, welche die Entleerung

überschüssiger oder verdorbener Säfte bezwecken, also die

Blutentziehung (Aderlaß, Schröpfköpfe, Blutegel), Laxantia,

Brechmittel, Diuretika, Schwitzmittel.

Bei der Blutentziehung beabsichtigte Galen entweder die Ableitung

der Säfte, ~ἀντίσπασις~, ~revulsio~, oder die Beseitigung schon

ausgebildeter Säftestockungen, ~παροχέτευσις~, ~derivatio~; erstere

wurde an Körperstellen vorgenommen, die von dem kranken Teile fern

liegen, letztere in der Nähe derselben; jene erfolgte durch Aderlaß und

zwar meist auf der gesunden Seite, diese durch Schröpfköpfe, Blutegel

oder auch durch Venäsektion.

Die Hauptindikationen für den Aderlaß waren Plethora, akute

Entzündungen, hohes Fieber und große Schmerzen. Galen verbot die

Vornahme der Venäsektion bei Kindern unter 14 Jahren und erlaubte

sie bei Greisen nur in dringenden Fällen. Auch sonst warnte er

vor übertriebener Anwendung, da übermäßige Blutentziehungen zu

allgemeiner Schwäche, Oedemen, Lähmungen, selbst Geistesstörungen

führen könnten; man müsse auf den Kräftezustand, das Lebensalter, die

Art der Krankheit, die Jahreszeit und das Klima Rücksicht nehmen. So

gestatten z. B. anhaltende Fieber den Gebrauch nur bei jugendlichen,

kräftigen Personen, im Frühling und Herbst würde der Aderlaß besser als

in den anderen Jahreszeiten ertragen, bei Nord- und Südländern wäre

größere Vorsicht am Platze als bei Griechen und Römern u. s. w. Mit

Ausnahme der Fälle von Plethora entzog Galen Blut, wo er es indiziert

fand, bis zur Ohnmacht. Als Revulsivum diente auch das Binden der

Glieder. Schröpfköpfe wurden unter anderem auch bei Augenentzündungen,

Nasenbluten, Amenorrhoe und Metrorrhagie gesetzt.

Die bei Galen am häufigsten vorkommenden ~Abführmittel~ sind:

Linsenabkochung, Honigwasser, Kohl mit Oel gekocht, Milch, Molken,

Feigen, Oel mit Salz, Zwetschen mit Honig, Trauben, Oleum Ricini,

Aloe, Koloquinthen, Meerzwiebelwein. Galen vertrat im Gegensatz zu den

Methodikern die Ansicht, daß es •spezifische Organmittel• gebe und

daß dieselben bestimmte Körpersäfte ausleeren, so z. B. Scammonium

die gelbe Galle, Epithymum die schwarze Galle. Daphne Cnidium den

Schleim. ~Brechmittel~: ekelerregende Mischungen, Honig, Helleborus.

~Stopfmittel~: Käse, Kastanien, gebrannte Knochen, herbe Weine u.

a. ~Diuretikum~ (zugleich Emenagogum): Petersilie und Sellerie.

Ein Lieblingsmittel Galens ist der ~Pfeffer~ (bei Affektionen des

Digestionstrakts und bei ~Tertian-~ und ~Quartanfiebern~).

Dem Zuge seiner Zeit folgend und den Wünschen der großen Masse allzu

gefällig Rechnung tragend, hat Galen den Arzneischatz in übermäßiger

Weise und nicht gerade immer vorteilhaft vermehrt. Gestützt auf seine

Vorgänger, hinterließ er in seinen Schriften eine unglaubliche Menge

von oft höchst kompliziert zusammengesetzten Kompositionen aller Art,

welche seine rationellen diätetischen Vorschriften verdunkelten und

in Vergessenheit brachten. Den späteren Autoren galt er, wiewohl er

nur ein Sammler des vorhandenen Materials war, geradezu als Vater der

Pharmazie.

Die Hauptquelle für die galenische Materia medica bilden die

Bücher VI-XI der Schrift De simplicium medicamentorum temperamentis

et facultatibus. Diese sind fast vollständig von L. Israelson in

seiner Dorpater Dissertationsarbeit unter Leitung Koberts übersetzt

worden; wir verweisen auf diese vorzügliche Arbeit „Die materia medica

des Galenos“ (Jurjew 1894). Dort finden sich 473 vegetabilische

Arzneistoffe und neben diesen auch mineralische und animalische

angeführt. Von mineralischen kommen z. B. die Erdarten (Lemnische,

Samische, Kretische), Armenischer Bolus, Meer- und Steinsalz,

Bimsstein, Schmirgel, Gips, Schwefel, Alaun, Soda, Eisenvitriol,

Blutstein, Feuerstein, Magneteisenstein, Blei, Bleiglätte, Bleiweiß,

Mennige, Kupferblüte, Lapis lazuli, Jaspis, Malachit u. s. w. in

Betracht. Von animalischen zählt Galen Blutsorten, Milch, Molken,

Käse, Butter, Lab, Galle, Schweiß, Urin, Speichel, Dünger, ferner

Fleischarten (Vipernfleisch), Fett, Talg, Mark, Eier, Bibergeil,

Kanthariden, Wollfett (Lanolin!) zwar auf, aber er stimmt mit den

ärztlichen Autoren, welche solche Mittel rühmen, nur zum geringen

Teil überein und zeigt gerade auf diesem Gebiete eine erfreuliche

nüchterne Denkweise. Ja, er wendet sich sogar stellenweise mit Schärfe

oder Spott gegen die ganze Richtung. „Ich bekenne offen, daß sehr

viele tierische Substanzen und Flüssigkeiten vorhanden sind, über

welche mir keine Erfahrungen zu Gebote stehen. Eine Anzahl derselben

ist ekelhaft, verabscheuungswürdig und verboten. Ich weiß auch

nicht, wie Xenokrates, zumal er nicht zu Olims, sondern zu unserer

Väter Zeiten lebte, über dieselben schreiben konnte, da im römischen

Reiche Menschenfresserei verboten war. Und doch beschrieb er, wie

aus eigener Erfahrung, mit großer Dreistigkeit, welche Leiden durch

Genuß von Menschenhirn, -fleisch, -leber oder aber von Schädel-,

Waden- und Fingerknochen, teils gebrannt, teils ungebrannt, oder

endlich durch Genuß von Blut geheilt werden könnten. Es sind dies

Teile, deren Anwendung, wenn auch ungesetzlich, so doch nicht so

sehr ekelhaft ist. Das ist aber der Fall in Bezug auf das Einnehmen

von Schweiß, Urin, Menschenblut, Menses, besonders aber von Dünger,

und doch schreibt Xenokrates, welche Wirkung Dünger haben kann, wenn

er auf die Wunden und in den Pharynx geschmiert und herabgeschluckt

würde. Er spricht auch vom Einnehmen des Ohrenschmalzes. Ich würde

es nie über mich gewinnen, solches Zeug zu schlucken, selbst um

den Preis nie krank zu werden. Das Widerwärtigste von all diesem

ist aber der Dünger und dem ähnlich das Trinken der Menses. Kein

natürlich empfindender Mensch wird es über sich gewinnen, derartiges

kennen zu lernen, ebensowenig, was mäßiger scheußlich ist, nämlich

die äußerliche Anwendung von Dünger auf kranke Körperteile oder von

Sperma. Xenokrates unterscheidet mit größter Genauigkeit, wie Sperma

an sich und wie das nach dem Koitus aus der Vagina herausfließende

Sperma zu wirken vermag. Dieses Medikament sei schwer zu erlangen,

wenn jemand seine Perniones damit kurieren will. Und so sieht das

meiste aus, was Xenokrates von dem Nutzen der äußeren und inneren

Anwendung des Menschenurins und Menschendüngers erzählt; er erwähnt

auch seltener und schwerer zu erlangende Stoffe, z. B. Elefanten-

und Nilpferdexkremente. Aber auch andere haben über diese tierischen

Stoffe geschrieben, und aus diesen Quellen schöpft Xenokrates.

-- Woher mag er aber diese Fülle von Erfahrung in Bezug auf diese

Stoffe gewonnen haben? Selbst unser ehemaliger König Attalus, der

doch auf das eifrigste derartige Erfahrungen gesammelt hatte, hat

nur wenig darüber geschrieben. Ich werde weder Elefanten, noch

Nilpferde, noch irgend etwas anderes erwähnen, worüber ich keine

Erfahrungen gesammelt habe. Ferner würde ich mich nie entschließen,

der Liebestränke, der Traummittel Erwähnung zu tun, selbst wenn mir

in Bezug auf diese reichliche Erfahrung zu Gebote stände, ebensowenig

wie der krankmachenden Medikamente, von welchen lächerlicherweise

behauptet wird, daß sie im stande seien, die Urteilskraft der Gegner

zu besiegen, den Abortus zu bewirken, die Konzeption zu verhindern

u. dergl. Von diesen entzieht sich ein Teil der Möglichkeit, ihre

Wirkung durch Erfahrung kennen zu lernen, der andere Teil, bei

dem dies möglich wäre, bringt das Leben der Kranken in Gefahr. Ich

wundere mich deshalb, wie man bei allen Göttern, bei vernünftiger

Ueberlegung dazu gelangt sein kann, solches zu schreiben.“ Auch bei

Besprechung der einzelnen animalischen Stoffe wahrt sich Galenos

stets seinen rationellen Standpunkt gegenüber dem erschreckend

anwachsenden Aberglauben seiner Epoche und an vielen Stellen sagt

er, daß man jene Heileffekte, die den Wundermitteln zugeschrieben

wurden, mit ganz einfachen Verfahren erzielen könne. Bei Besprechung

der Apotheca stercoralis, die auch jetzt noch bei uns floriert, meint

er: „~Doch muß ein guter Arzt das alles (d. h. die volksmedizinischen

Gebräuche) wissen~, ohne daß er dergleichen in der Honoratiorenpraxis

zu verwenden braucht. Ich habe es wenigstens nie getan, da mir bessere

Mittel zur Verfügung standen. Auf der Reise, der Jagd oder auf dem

Lande, wo nichts Besseres zur Verfügung steht, oder bei den Bauern,

die abgehärtet sind wie die Packesel, kann man zuweilen in die Lage

kommen, Dünger (Tierexkremente) medizinisch zu gebrauchen.“

Galen untersuchte auf seinen Reisen viele Heilstoffe und bezog durch

Freunde und hohe Beamte seltene und teuere Drogen. Mineralische Mittel

wandte er nur extern an, mit Ausnahme der Lemnischen und Armenischen

Erde (gegen Vergiftungen und „Pest“), des Alauns (gegen Ruhr), der

gebrannten Austernschalen (gegen Dysenterie).

Der wichtigste Bestandteil der Antidota und des Theriaks war das

Opium, das auch für sich als schmerzlinderndes, sedatives Hustenmittel

etc. diente.

Die bei Galen vorkommenden Arzneiformen und Applikationsmethoden

sind folgende: Dekokte, Infuse, Pastillen, Pillen, Elektuarien,

Pulver, Mund-, Gurgelwässer, „Hypoglottides“, Pinselsäfte, Kaumittel,

Einspritzungen, Eingießungen, Niesmittel, Inhalationen, Rektal- und

Vaginalklysmen, Anal- und Vaginalzäpfchen, Pessare, Salben, Pflaster,

Linimente, Senfteige, Kataplasmen, Aetzmittel, Zahnpulver, Kosmetika,

Räucherungen, Bähungen. -- Große Verbreitung fanden Galens Hiera,

seine Pikra, sein Aloemittel und sein Diakodion.

In seiner Polypragmasie verrät Galen, auf den der Ausspruch „Populus

remedia cupit“ zurückzuführen ist, deutlich, daß Empiriker seine

ersten Lehrer gewesen sind. Bei der Anwendung der Heilsubstanzen ließ

er sich zum Teile von klinischer Erfahrung leiten, der Hauptsache

nach aber prägte er auch der ~Heilmittellehre~ die charakteristischen

Züge seiner Spekulation auf, indem er die Pharmakodynamik von der

Elementarqualitätenlehre ableitete und der ~Dosologie~ mittels

subtiler Prinzipien eine anscheinend vollkommen exakte Grundlage gab

-- gleichsam der Schlußstein seines Systems.

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 51 / 54 段