Lokaldiagnose ist folgendes: Ein gewisser Pausanias, welcher
bei einem Falle aus dem Wagen einen heftigen Stoß zwischen den
Schultern erlitten hatte, wurde von einer Sensibilitätsstörung
an dem 4. und 5. Finger, sowie an der Hälfte des Mittelfingers
befallen. Vergebens wendeten die Aerzte örtliche Mittel
an den Fingern selbst an. Gemäß seiner Erkenntnis, daß
die Empfindungsnerven der Hand aus dem Rückenmark stammen,
applizierte Galen sein Heilmittel an der entsprechenden Stelle
der Wirbelsäule.
•Psychosen.• In der Pathologie der Alten spielten als
Krankheitstypen die „Phrenitis“, der „Lethargos“ und die „Typhomanie“
eine Rolle; dieselben entsprechen keinen bestimmten Krankheiten,
sondern im Verlaufe von Krankheiten vorkommenden psychischen
Anomalien. Phrenitis bedeutet wohl einen fieberhaften, mit Delirien
verbundenen Zustand geistiger Aufregung, der symptomatisch eine
Teilerscheinung verschiedener Krankheiten bilden kann. Galen hebt als
Kennzeichen Bewußtseinsstörung, Hitze der Haut, Fieber, Trockenheit,
Krämpfe, Diarrhöen, Erbrechen, Respirationsstörung hervor und
gibt an, daß der Puls meist klein, mäßig hart, sehnig, häufig und
beschleunigt, zuweilen gleichsam zitternd sei. Sitz der Krankheit
seien das Gehirn und besonders dessen Häute, die durch den Zufluß
galligen Blutes erhitzt werden. Therapie: Aderlaß, kühlende Umschläge,
kalte Uebergießungen. Der Lethargus wird ebenfalls in den Gehirnhäuten
lokalisiert, nur gilt bei ihm fauliger Schleim als auslösender
Reiz. Galen schildert diese Krankheit als rasch verlaufend und sehr
gefährlich, charakteristisch sei das Darniederliegen der geistigen
Tätigkeit, die Somnolenz. Der Puls sei groß, undeutlich, weich, etwas
verlangsamt, selten intermittierend und bisweilen doppelschlägig.
Lethargus und Phrenitis stehen in einer Wechselbeziehung, insofern
die Schlafsucht der Phrenitis vorausgeht oder dieselbe in ihrem
Verlauf ablöst. Lethargus dürfte somit ganz allgemein einen akut
fieberhaften Zustand mit hochgradiger Schwäche und Somnolenz
bedeuten. In der Mitte zwischen beiden „Krankheiten“ steht die
„Typhomanie“, welche gewisse Symptome beider in sich vereinigt. Die
Melancholie könne auf zweierlei Art zu stande kommen, sei es, daß
die gesamte Masse des Blutes leide, sei es, daß nur das Blut des
Gehirns ergriffen werde; im ersteren Falle bilde der Aderlaß einen
Hauptbestandteil der Kur. Veranlassende Momente sind z. B. Stockung
der Menstruation, Entbehrung des Beischlafes, Kummer, Sorgen etc.
Sie kann auch eine Folge von Sonnenstich oder akuten Krankheiten
sein. Die Manie verdanke dünnen, galligen Säften ihre Entstehung
und unterscheide sich von der „Phrenitis“ nur durch den Mangel des
Fiebers. -- Galens psychiatrische Symptomatologie unterscheidet
Störungen des Vorstellungs-, Denk- und Erinnerungsvermögens, so z.
B. völlige Unfähigkeit (ἄνοια), mangelhafte Betätigungskraft (μωρία)
und verkehrte Tätigkeit (παραφροσὑνη) auf dem Gebiete des Vorstellens.
•Dermatosen.• Die Theorie der Hautkrankheiten beruhte auf der alten
Tradition, daß Dermatosen -- es werden viele Formen genannt -- keine
Affektionen sui generis, sondern Ausflüsse innerer Zustände sind; die
Einteilung in solche des Kopfes und des übrigen Körpers bildet den
ersten Versuch einer Systematik. Für die Entstehung mancher Hautleiden
wurden von Galen auch gichtische Affektionen verantwortlich gemacht.
Die Therapie benützte dementsprechend nicht nur Topika, sondern auch
insbesondere ausleerende Mittel, z. B. Helleborus.
Den Prüfstein medizinischer Systeme gibt allein die Erfahrung,
und nichts beweist so sehr die Wahrheitsliebe, die Denkreife eines
ärztlichen Forschers, als wenn er am Krankenbette die Grenzen erkennt
und einhält, welche für seine Deduktionen aus der Pathologie noch
unüberschreitbar bleiben, wenn er mit Verleugnung seines Hanges zur
kausalen Begründung dort von einem provisorischen Empirismus Gebrauch
macht, wo es an einer exakt wissenschaftlichen Basis noch mangelt.
Wenn wir von diesem Gesichtspunkt die galenische ~Therapie~
überblicken, so finden wir, daß der große Arzt von Pergamos neben dem
~dogmatischen~ Standpunkt den ~empirischen~ nicht vernachlässigt, ja
auf manchen Gebieten den letzteren sogar bevorzugt. Im Prinzip wollte
er die Linie, welche Hippokrates gezogen hatte, einhalten, wenn es
auch in seinem Ehrgeiz lag, das erfahrungsmäßige Handeln überall, wo
es möglich schien, durch „wissenschaftliche“ Momente zu begründen, in
feste Normen zu bannen. Die Ueberschätzung dieser Möglichkeit wurde
freilich zur Wurzel von Fehlern und dämmte den Hippokratismus stark
ein, ja sie zeitigte eine Behandlungsweise, die nicht selten nur noch
formell mit den hippokratischen Anschauungen zusammenhing.
Galen legte in klarer und übersichtlicher Weise die Aufgaben und
Prinzipien des ärztlichen Handelns dar, wobei er formell stets an den
erhabenen Koër anknüpft.
Er erteilt schon über das Benehmen im Krankenzimmer vortreffliche
Ratschläge, die Besuche dürfen nicht zu häufig oder zur Unzeit
erfolgen; der Arzt soll würdig auftreten, nicht mit viel Geräusch und
lautem Sprechen lästig fallen, sich der Bildungsstufe, den Neigungen
und Gewohnheiten des Patienten bis zu einem gewissen Grade anbequemen.
Vor taktlosen Reden, wie z. B. „Auch Patroklos ist gestorben und
war mehr als du“, muß man sich in acht nehmen. Als abschreckendes
Beispiel wird der grobe Kointos angeführt, der stark nach Wein roch
und in einem vornehmen Hause dem fiebernden Kranken, der sich darüber
aufhielt, entgegnete: „Ach was, dein Fieber riecht noch schlechter.“
~Die allgemeine Therapie gipfelt in der höchsten Anerkennung der
Naturheilkraft (Physiatrie). Aufgabe des Arztes ist es, die Physis
in ihrem Heilbestreben zu unterstützen~, ὠφελεῖν ἢ μὴ βλάπτειν, ~zu
nützen oder doch nicht zu schaden~, wie Hippokrates sagte.
Sehr treffend weist Galen darauf hin, daß dieser Ausspruch
des Hippokrates in seiner Gänze erst den erfahrenen Praktikern
verständlich wird, weil sie zur Einsicht gekommen sind, wie schwer es
unter Umständen schon ist, trotz bester Absichten nicht zu schaden.
„Denn, wenn es diesen mitunter begegnet, daß sie durch unpassende
Anwendung eines heftigen Mittels einen Kranken verlieren, dann werden
sie die Wichtigkeit jenes hippokratischen Ausspruches vollständig
begreifen.“
~Das Wesen des Galenismus gegenüber dem Hippokratismus liegt aber in
dem Versuche, die Physis und die Wirkungssphäre derselben theoretisch
festzustellen und dem Arzte eine sichere Handhabe für das Vorgehen im
Einzelfalle durch allgemeine Grundsätze zu geben.~
Eine auf Naturphilosophie, die Hilfswissenschaften und klinische
Beobachtungen aufgebaute Pathologie schien die Erkenntnis der
Krankheitsursachen und Krankheitsvorgänge zu sichern. Die letzteren
sind nichts anderes als Funktionsstörungen; ihre Beseitigung ist
Heilung. Die Werkzeuge, deren sich die Physis dabei bedient, können
nur diejenigen Kräfte sein, welche auch in gesundem Zustande, nach
den Gesetzen der Notwendigkeit wirkend, die Bildung, die Ernährung,
das Wachstum des Körpers vermitteln (vergl. S. 372), als wichtigste
unter ihnen ist die •„austreibende“• Kraft zu betrachten, da sie
die Entfernung der Materia peccans veranlaßt. Ohne der anziehenden,
zurückhaltenden und verändernden Kraft entgegenzuarbeiten, muß
deshalb auch das Hauptaugenmerk des Arztes auf die •Ausleerung der
Schädlichkeiten• gerichtet sein.
•Die Ausleerung der schädlichen Stoffe spielt z. B. in der
Behandlung der Fieber die Hauptrolle.• Tertianen werden mit Abführ-
oder Brechmitteln, dann mit Diureticis und warmen Bädern behandelt.
Quartanen mit Aderlässen, dann mit Pfeffer und kräftiger Diät.
Quotidianen mit harntreibenden Mitteln. Putride Fieber sollen durch
reichliches Trinken von Gerstenwasser, Petersilienaufguß und durch
Klistiere geheilt werden.
Ein zweites Fundamentalgesetz der Therapie ist die •Bekämpfung der
Krankheiten durch entgegengesetzt wirkende Mittel• (z. B. Kälte durch
Wärme, Plethora durch Entleerung u. s. w.). Die Wahl, die Dosierung
und die Applikationsart der Heilverfahren unterliegt bestimmten
•Indikationen• (ἐνδείξεις), welche sich aus den Krankheitsursachen, aus
dem Krankheitszustand und den Symptomen, aus der Individualität[27]
und Lebensweise des Kranken ergeben. Die Ursachen der Krankheit sind
womöglich durch prophylaktische Maßnahmen fernzuhalten (Indicatio
causalis, prophylactica). Die aus der Krankheit selbst entspringenden
Heilanzeigen (Indicatio morbi) sind abhängig von dem Charakter und
der Intensität derselben, vom Typus und Stadium, von dem Ausgang und
den Komplikationen. So sind z. B. drastische Mittel nur im Anfangs-
oder Endstadium angemessen. Die Symptome (Indicatio symptomatica)
stellen z. B. die Aufgabe, den Schmerz zu lindern, die Ausleerungen zu
regeln, gefahrdrohende Zustände zu beseitigen (I. vitalis). Was die
Individualität des Patienten anlangt, so ist bei der Therapie Alter,
Geschlecht, Temperament, Kräftezustand, der Wohnort des Patienten, die
Eigentümlichkeit des erkrankten Organs etc. zu berücksichtigen. Daran
schließen sich noch Indikationen resp. Kontraindikationen, die aus der
Atmosphäre[28] und sogar aus den Träumen(!)[29] gewonnen werden. --
~Vor Inangriffnahme jeder Behandlung muß zuerst entschieden werden,
ob das Uebel überhaupt heilbar ist oder nicht~, und immer soll die
Therapie auch eine ~allgemeine~ und ~individualisierende~ sein. Die
Behandlungsweise Galens läßt sowohl den ~diätetisch-physikalischen~
als den ~arzneilichen~ Mitteln Recht widerfahren.
[27] „Man muß auf die Natur des Kranken achten, denn für jeden
Menschen besteht eine besondere Therapie“.... „Derjenige wäre
wohl der beste Arzt, der eine Methode schaffen könnte, die
ihn befähigte, die Naturen zu erkennen und die einer jeden
eigentümlichen Heilmittel zu treffen. Ich glaube, wenn ich
die Natur eines jeden genau zu ergründen wüßte, wie es meiner
Ansicht nach Asklepios konnte, so wäre ich wohl das Ideal
eines Arztes. Da dies jedoch unmöglich ist, so habe ich mir
vorgenommen, mich darin zu üben, diesem Ideal so weit nahe zu
kommen, als es eben menschenmöglich ist, und ich rate dies auch
den anderen an.“
[28] Denn wie ein Arzneimittel so wird auch die Luft, indem sie von
außen her auf die Körper trifft, der Therapie hinderlich, wenn
sie übermäßig warm oder kalt ist. Es müssen also die Heilmittel
zu dem, was bei der Luft im Uebermaß vorhanden ist (d. h. der
Qualität, Mischung nach), im umgekehrten Verhältnis stehen.
Deshalb gebraucht auch Hippokrates in den heißen Stunden an
Wirkung kühlere Mittel, wärmere dagegen in den kalten Stunden.
[29] Vergl. S. 212.
Die Erfahrungen der Vorgänger -- der Hippokratiker, Methodiker,
Pneumatiker -- verwertend, wandte er seine größte Sorgfalt der
Diätetik und Gymnastik zu und gab für die Anwendung dieser Methoden
die genauesten Vorschriften bis in alle Einzelheiten. Er nützte
die Einflüsse der Luft und des Lichtes, der Kälte und der Wärme
als Heilfaktoren aus; er machte einen sehr ausgedehnten und subtil
geregelten Gebrauch von der Massage, von Bädern aller Art, endlich
von der Klimatotherapie, welch letztere er zur Höhenlufttherapie (bei
Phthisis verbunden mit Milchkur) erweiterte.
Galen hat die Diätetik in eingehendster Weise abgehandelt. Geradezu
ein Muster bildet die Schrift „Ueber die säfteverdünnende Diät“.
Hier bemerkt er gleich eingangs, daß bei gewissen chronischen
Affektionen mit Arzneien nicht viel zu erreichen ist, während eine
richtig gewählte Diät solche Krankheiten mäßigen oder sogar beseitigen
könne (Nierenentzündung, Gicht, Asthma, Milz- und Leberschwellungen,
Epilepsie). „Nur muß, wie bei allem anderen, so auch hier der
Arzt die Leitung in der Hand haben, um den geeigneten Zeitpunkt
und das Maß herauszufinden.“ Die Schrift zählt im folgenden eine
große Zahl von zweckdienlichen Nahrungs- und Genußmitteln auf,
und bemerkenswerterweise stimmt das meiste mit unseren heutigen
Erfahrungen überein. Leibesübungen und Beschäftigung im Freien
empfahl Galen den Schwachen und Rekonvaleszenten, nämlich rudern,
graben, mähen, Wurfspieß schleudern, laufen, springen, reiten, jagen,
Holz spalten, Lasten tragen u. s. w. Gymnastische Uebungen hatten
namentlich bei Fettsucht und Reizzuständen der Genitalien sichtlichen
Erfolg. Interessant ist auch ein Fall, wo ein Knabe mit verbildetem
Brustkorb durch Armbewegungen, Singübungen, Anhalten des Atems etc.
geheilt wurde. Ueber die Technik des Badens werden die genauesten
Regeln aufgestellt (z. B. für Fiebernde). Außer den Wasserbädern
wandte Galen auch Dampf-, Sonnen-, Sand-, Mineral- und Kräuterbäder
an.
Der Humoralpathologie entsprechend, spielen in der galenischen
Therapie jene Heilverfahren eine Hauptrolle, welche die Entleerung
überschüssiger oder verdorbener Säfte bezwecken, also die
Blutentziehung (Aderlaß, Schröpfköpfe, Blutegel), Laxantia,
Brechmittel, Diuretika, Schwitzmittel.
Bei der Blutentziehung beabsichtigte Galen entweder die Ableitung
der Säfte, ~ἀντίσπασις~, ~revulsio~, oder die Beseitigung schon
ausgebildeter Säftestockungen, ~παροχέτευσις~, ~derivatio~; erstere
wurde an Körperstellen vorgenommen, die von dem kranken Teile fern
liegen, letztere in der Nähe derselben; jene erfolgte durch Aderlaß und
zwar meist auf der gesunden Seite, diese durch Schröpfköpfe, Blutegel
oder auch durch Venäsektion.
Die Hauptindikationen für den Aderlaß waren Plethora, akute
Entzündungen, hohes Fieber und große Schmerzen. Galen verbot die
Vornahme der Venäsektion bei Kindern unter 14 Jahren und erlaubte
sie bei Greisen nur in dringenden Fällen. Auch sonst warnte er
vor übertriebener Anwendung, da übermäßige Blutentziehungen zu
allgemeiner Schwäche, Oedemen, Lähmungen, selbst Geistesstörungen
führen könnten; man müsse auf den Kräftezustand, das Lebensalter, die
Art der Krankheit, die Jahreszeit und das Klima Rücksicht nehmen. So
gestatten z. B. anhaltende Fieber den Gebrauch nur bei jugendlichen,
kräftigen Personen, im Frühling und Herbst würde der Aderlaß besser als
in den anderen Jahreszeiten ertragen, bei Nord- und Südländern wäre
größere Vorsicht am Platze als bei Griechen und Römern u. s. w. Mit
Ausnahme der Fälle von Plethora entzog Galen Blut, wo er es indiziert
fand, bis zur Ohnmacht. Als Revulsivum diente auch das Binden der
Glieder. Schröpfköpfe wurden unter anderem auch bei Augenentzündungen,
Nasenbluten, Amenorrhoe und Metrorrhagie gesetzt.
Die bei Galen am häufigsten vorkommenden ~Abführmittel~ sind:
Linsenabkochung, Honigwasser, Kohl mit Oel gekocht, Milch, Molken,
Feigen, Oel mit Salz, Zwetschen mit Honig, Trauben, Oleum Ricini,
Aloe, Koloquinthen, Meerzwiebelwein. Galen vertrat im Gegensatz zu den
Methodikern die Ansicht, daß es •spezifische Organmittel• gebe und
daß dieselben bestimmte Körpersäfte ausleeren, so z. B. Scammonium
die gelbe Galle, Epithymum die schwarze Galle. Daphne Cnidium den
Schleim. ~Brechmittel~: ekelerregende Mischungen, Honig, Helleborus.
~Stopfmittel~: Käse, Kastanien, gebrannte Knochen, herbe Weine u.
a. ~Diuretikum~ (zugleich Emenagogum): Petersilie und Sellerie.
Ein Lieblingsmittel Galens ist der ~Pfeffer~ (bei Affektionen des
Digestionstrakts und bei ~Tertian-~ und ~Quartanfiebern~).
Dem Zuge seiner Zeit folgend und den Wünschen der großen Masse allzu
gefällig Rechnung tragend, hat Galen den Arzneischatz in übermäßiger
Weise und nicht gerade immer vorteilhaft vermehrt. Gestützt auf seine
Vorgänger, hinterließ er in seinen Schriften eine unglaubliche Menge
von oft höchst kompliziert zusammengesetzten Kompositionen aller Art,
welche seine rationellen diätetischen Vorschriften verdunkelten und
in Vergessenheit brachten. Den späteren Autoren galt er, wiewohl er
nur ein Sammler des vorhandenen Materials war, geradezu als Vater der
Pharmazie.
Die Hauptquelle für die galenische Materia medica bilden die
Bücher VI-XI der Schrift De simplicium medicamentorum temperamentis
et facultatibus. Diese sind fast vollständig von L. Israelson in
seiner Dorpater Dissertationsarbeit unter Leitung Koberts übersetzt
worden; wir verweisen auf diese vorzügliche Arbeit „Die materia medica
des Galenos“ (Jurjew 1894). Dort finden sich 473 vegetabilische
Arzneistoffe und neben diesen auch mineralische und animalische
angeführt. Von mineralischen kommen z. B. die Erdarten (Lemnische,
Samische, Kretische), Armenischer Bolus, Meer- und Steinsalz,
Bimsstein, Schmirgel, Gips, Schwefel, Alaun, Soda, Eisenvitriol,
Blutstein, Feuerstein, Magneteisenstein, Blei, Bleiglätte, Bleiweiß,
Mennige, Kupferblüte, Lapis lazuli, Jaspis, Malachit u. s. w. in
Betracht. Von animalischen zählt Galen Blutsorten, Milch, Molken,
Käse, Butter, Lab, Galle, Schweiß, Urin, Speichel, Dünger, ferner
Fleischarten (Vipernfleisch), Fett, Talg, Mark, Eier, Bibergeil,
Kanthariden, Wollfett (Lanolin!) zwar auf, aber er stimmt mit den
ärztlichen Autoren, welche solche Mittel rühmen, nur zum geringen
Teil überein und zeigt gerade auf diesem Gebiete eine erfreuliche
nüchterne Denkweise. Ja, er wendet sich sogar stellenweise mit Schärfe
oder Spott gegen die ganze Richtung. „Ich bekenne offen, daß sehr
viele tierische Substanzen und Flüssigkeiten vorhanden sind, über
welche mir keine Erfahrungen zu Gebote stehen. Eine Anzahl derselben
ist ekelhaft, verabscheuungswürdig und verboten. Ich weiß auch
nicht, wie Xenokrates, zumal er nicht zu Olims, sondern zu unserer
Väter Zeiten lebte, über dieselben schreiben konnte, da im römischen
Reiche Menschenfresserei verboten war. Und doch beschrieb er, wie
aus eigener Erfahrung, mit großer Dreistigkeit, welche Leiden durch
Genuß von Menschenhirn, -fleisch, -leber oder aber von Schädel-,
Waden- und Fingerknochen, teils gebrannt, teils ungebrannt, oder
endlich durch Genuß von Blut geheilt werden könnten. Es sind dies
Teile, deren Anwendung, wenn auch ungesetzlich, so doch nicht so
sehr ekelhaft ist. Das ist aber der Fall in Bezug auf das Einnehmen
von Schweiß, Urin, Menschenblut, Menses, besonders aber von Dünger,
und doch schreibt Xenokrates, welche Wirkung Dünger haben kann, wenn
er auf die Wunden und in den Pharynx geschmiert und herabgeschluckt
würde. Er spricht auch vom Einnehmen des Ohrenschmalzes. Ich würde
es nie über mich gewinnen, solches Zeug zu schlucken, selbst um
den Preis nie krank zu werden. Das Widerwärtigste von all diesem
ist aber der Dünger und dem ähnlich das Trinken der Menses. Kein
natürlich empfindender Mensch wird es über sich gewinnen, derartiges
kennen zu lernen, ebensowenig, was mäßiger scheußlich ist, nämlich
die äußerliche Anwendung von Dünger auf kranke Körperteile oder von
Sperma. Xenokrates unterscheidet mit größter Genauigkeit, wie Sperma
an sich und wie das nach dem Koitus aus der Vagina herausfließende
Sperma zu wirken vermag. Dieses Medikament sei schwer zu erlangen,
wenn jemand seine Perniones damit kurieren will. Und so sieht das
meiste aus, was Xenokrates von dem Nutzen der äußeren und inneren
Anwendung des Menschenurins und Menschendüngers erzählt; er erwähnt
auch seltener und schwerer zu erlangende Stoffe, z. B. Elefanten-
und Nilpferdexkremente. Aber auch andere haben über diese tierischen
Stoffe geschrieben, und aus diesen Quellen schöpft Xenokrates.
-- Woher mag er aber diese Fülle von Erfahrung in Bezug auf diese
Stoffe gewonnen haben? Selbst unser ehemaliger König Attalus, der
doch auf das eifrigste derartige Erfahrungen gesammelt hatte, hat
nur wenig darüber geschrieben. Ich werde weder Elefanten, noch
Nilpferde, noch irgend etwas anderes erwähnen, worüber ich keine
Erfahrungen gesammelt habe. Ferner würde ich mich nie entschließen,
der Liebestränke, der Traummittel Erwähnung zu tun, selbst wenn mir
in Bezug auf diese reichliche Erfahrung zu Gebote stände, ebensowenig
wie der krankmachenden Medikamente, von welchen lächerlicherweise
behauptet wird, daß sie im stande seien, die Urteilskraft der Gegner
zu besiegen, den Abortus zu bewirken, die Konzeption zu verhindern
u. dergl. Von diesen entzieht sich ein Teil der Möglichkeit, ihre
Wirkung durch Erfahrung kennen zu lernen, der andere Teil, bei
dem dies möglich wäre, bringt das Leben der Kranken in Gefahr. Ich
wundere mich deshalb, wie man bei allen Göttern, bei vernünftiger
Ueberlegung dazu gelangt sein kann, solches zu schreiben.“ Auch bei
Besprechung der einzelnen animalischen Stoffe wahrt sich Galenos
stets seinen rationellen Standpunkt gegenüber dem erschreckend
anwachsenden Aberglauben seiner Epoche und an vielen Stellen sagt
er, daß man jene Heileffekte, die den Wundermitteln zugeschrieben
wurden, mit ganz einfachen Verfahren erzielen könne. Bei Besprechung
der Apotheca stercoralis, die auch jetzt noch bei uns floriert, meint
er: „~Doch muß ein guter Arzt das alles (d. h. die volksmedizinischen
Gebräuche) wissen~, ohne daß er dergleichen in der Honoratiorenpraxis
zu verwenden braucht. Ich habe es wenigstens nie getan, da mir bessere
Mittel zur Verfügung standen. Auf der Reise, der Jagd oder auf dem
Lande, wo nichts Besseres zur Verfügung steht, oder bei den Bauern,
die abgehärtet sind wie die Packesel, kann man zuweilen in die Lage
kommen, Dünger (Tierexkremente) medizinisch zu gebrauchen.“
Galen untersuchte auf seinen Reisen viele Heilstoffe und bezog durch
Freunde und hohe Beamte seltene und teuere Drogen. Mineralische Mittel
wandte er nur extern an, mit Ausnahme der Lemnischen und Armenischen
Erde (gegen Vergiftungen und „Pest“), des Alauns (gegen Ruhr), der
gebrannten Austernschalen (gegen Dysenterie).
Der wichtigste Bestandteil der Antidota und des Theriaks war das
Opium, das auch für sich als schmerzlinderndes, sedatives Hustenmittel
etc. diente.
Die bei Galen vorkommenden Arzneiformen und Applikationsmethoden
sind folgende: Dekokte, Infuse, Pastillen, Pillen, Elektuarien,
Pulver, Mund-, Gurgelwässer, „Hypoglottides“, Pinselsäfte, Kaumittel,
Einspritzungen, Eingießungen, Niesmittel, Inhalationen, Rektal- und
Vaginalklysmen, Anal- und Vaginalzäpfchen, Pessare, Salben, Pflaster,
Linimente, Senfteige, Kataplasmen, Aetzmittel, Zahnpulver, Kosmetika,
Räucherungen, Bähungen. -- Große Verbreitung fanden Galens Hiera,
seine Pikra, sein Aloemittel und sein Diakodion.
In seiner Polypragmasie verrät Galen, auf den der Ausspruch „Populus
remedia cupit“ zurückzuführen ist, deutlich, daß Empiriker seine
ersten Lehrer gewesen sind. Bei der Anwendung der Heilsubstanzen ließ
er sich zum Teile von klinischer Erfahrung leiten, der Hauptsache
nach aber prägte er auch der ~Heilmittellehre~ die charakteristischen
Züge seiner Spekulation auf, indem er die Pharmakodynamik von der
Elementarqualitätenlehre ableitete und der ~Dosologie~ mittels
subtiler Prinzipien eine anscheinend vollkommen exakte Grundlage gab
-- gleichsam der Schlußstein seines Systems.