den Nahrungsmitteln im Organismus gewisse Alterationen hervorbringen
und sondert sie in ~drei Klassen~. Zur ersten gehören diejenigen
Arzneimittel, welche lediglich durch die ~Elementarqualitäten~ des
~Warmen~, ~Kalten~, ~Trockenen~ und ~Feuchten~ wirken. Zur zweiten
gehören diejenigen, welche durch die ~zweiten Qualitäten~ (vergl.
S. 372) wirksam sind und somit Haupt- und Nebenwirkungen äußern, die
süßen, bitteren, herben, scharfen, kontrahierenden, erweichenden u.
s. w. Mittel. So sind z. B. die bitteren und süßen Mittel zugleich
auch warm, die saueren aber zugleich auch kalt. Zur dritten Klasse
gehören solche Arzneistoffe, welche (in nicht weiter erklärbarer
Weise) ~vermöge der ganzen Substanz~ (vergl. S. 372), vermöge der
~dritten Qualitäten~ z. B. als Brech-, Abführmittel, Gegengifte etc.
und ~spezifisch~ auf bestimmte Organe wirken.
Diese Grundeinteilung bedurfte aber einer weiteren Differenzierung,
welche durch Einführung der Begriffe von Aktualität und Potentialität
und durch Graduierung der Wirkungsweise ermöglicht wurde. So offenbart
sich die Elementarqualität des Heißen nicht nur im Feuer, sondern
auch z. B. im Pfeffer, im erstem aber „~actu~“, im letzteren nur
„~potentia~“. Und tritt auch in den mannigfachen Heilmitteln immer
die eine oder andere Elementarqualität hervor, so ist doch die
Intensität dieser Elementareigenschaft verschieden. Galen stellt
demzufolge ~vier Intensitätsgrade~ der Wirkung, vier Reizstufen auf.
Den ersten Grad nehmen diejenigen Arzneisubstanzen ein, welche eine
geringe, sinnlich kaum wahrnehmbare Wirkung entfalten, den zweiten
jene, deren Wirkung deutlich merkbar ist, den dritten solche, welche
heftig, den vierten solche, welche zerstörend wirken. Die narkotischen
Gifte, z. B. Opium, Mandragora, Conium, sind kalt im vierten Grade,
die Hahnenfuß-, Euphorbiumarten heiß im vierten Grade, die Rose ist
kühlend im zweiten Grade u. s. w. Auf die weiteren Unterabteilungen
wollen wir hier nicht eingehen, nur das sei betont, daß durch diese
Abstufung eine streng individualisierende Arzneibehandlung nach dem
Grundsatze ~contraria contrariis~ (~Bekämpfung der hervorstechenden
Elementarqualität durch das Entgegengesetzte~) und eine ungemein feine
Dosierung in den Arzneikompositionen ermöglicht war.
Was die letztere anlangt, so gewähren folgende Beispiele Einblick.
Das Opium ist kalt im vierten Grade, es bringt daher im Körper eine
sehr bedeutende Kälte hervor, deshalb muß es mit erhitzenden Mitteln
verbunden werden, die seine Wirkung mäßigen, z. B. mit Castoreum.
Rosenöl ist kühlend im ersten Grade, denn es besteht aus Rosensaft
(kalt im zweiten Grade) und indifferenten Oel, in welchem jede der
vier Elementarqualitäten in gleicher Intensität vorhanden ist (der
zweite Grad wird also um eine Stufe vermindert). Beruht z. B. eine
Krankheit auf übermäßiger Steigerung des Warmen, so wird ein kalt
machendes Medikament, und zwar in dem nach dem Grade der Alteration
sich richtenden Intensitätsgrade verordnet.
Gegenüber der Pathologie und Therapie der inneren Krankheiten stehen
die ~chirurgischen Fächer~ bei Galen zurück. Als Gladiatorenarzt in
der Heimat hatte er ja Gelegenheit, reiche Erfahrung zu sammeln, in
Rom aber scheint er (entsprechend dem Spezialistentum), abgesehen
von der Konsiliarpraxis und von Ausnahmsfällen, nicht als Chirurg
tätig gewesen zu sein. Theoretisch hat er sich jedenfalls um die
Chirurgie sehr bekümmert und vieles Wertvolle in seinen Schriften
hinterlassen (z. B. über Verbandlehre, Wundbehandlung, Blutstillung,
Naht, verschiedene Operationen). Beim Unterrichte bediente er sich
zu Demonstrationszwecken kleiner Modelle (z. B. der Hippokratischen
Bank, Streckapparat). Die Abhandlung über Augenheilkunde ist leider
verloren gegangen. Am dürftigsten ist die Geburtshilfe in seinen Werken
vertreten.
Die Chirurgie wird außer in den Kommentaren zu den einschlägigen
hippokratischen Schriften abgehandelt in den Werken: De tumoribus
praeter naturam, de locis affectis, Methodus medendi, de anatomicis
administrationibus.
Die galenische ~Chirurgie~ arbeitete bereits mit einer großen Zahl
von Instrumenten. Dahin gehörten verschiedene Sonden, Pinzetten,
Messer von verschiedener Art und Größe, Lanzetten, Haken, Nadeln,
Glüheisen, Meißel, Hammer, Trepane, Schabeisen, Bohrer, Knochenzange,
Klistier-, Mutterspritze, Röhren, Katheter, Steinzange u. a. Für
die Behandlung der Wunden und Geschwüre (ἑλκος bedeutet beides)
werden unter Berücksichtigung des Allgemeinzustandes des Patienten
sorgfältige Vorschriften erteilt (z. B. Anlegung der Naht; unter
gewissen Umständen nur partielle Naht; Vermeidung der Taschenbildung
und Drainage des tiefsten Punktes; Zerstörung wuchernder
Granulationen). Die Blutstillung erfolgt durch Kälte, Adstringentien,
Naht, ~Ligatur~, ~Torsion~ oder gänzliche Durchschneidung
(angeschnittener) Gefäße, Glüheisen; als Ligaturmaterial dienten
Seidenfäden oder Darmsaiten. Unter den Verletzungen sind ausführlich
Verletzungen der Gefäße (traumatische Aneurysmen), der Nerven,
penetrierende Brust- und Bauchwunden besprochen, wobei je nach dem
Falle besondere Maßnahmen angegeben sind. Die Lehre von den Frakturen
und Luxationen und deren Behandlung zeigt manche Fortschritte
gegenüber den Hippokratikern (Klassifizierung der Schädelbrüche,
ausführliche Beschreibung der Trepanation). Die Amputation gangränöser
Teile ist nur gelegentlich erwähnt, der Resektionen hingegen wird
häufiger gedacht. Berühmt ist der Fall von ~Resektion des Sternums~
(De anatomicis administrationibus Lib. VII, cap. 13), wobei das Herz
freigelegt wurde, ferner beschreibt Galen die Rippenresektion bei
Empyem (im Tierexperiment zu physiologischen Zwecken führte er die
subperiostale Resektion eines Rippenstückes aus). Bei Defekten an
Nasen, Ohren, Lippen kamen plastische Operationen zur Anwendung.
Gut ist die Darstellung der Behandlung der Lymphdrüsenschwellung,
der Varices und Fisteln. In einigen pseudogalenischen Schriften sind
mehrere, hier nicht berücksichtigte chirurgische Fragen dargestellt;
z. B. in den Definitiones medicae Blasenkrankheiten, Phimosis,
Paraphimosis, Hypospadie, Atresia urethrae, Kryptorchismus, Hydro-,
Sarko-, Varikocele; in der Introductio seu medicus ist unter vielem
anderen eine eingehende Erörterung des Steinschnittes enthalten.
Die ~Geburtshilfe~ ist bei Galen nicht ausführlich dargestellt,
jedenfalls ging er auf diesem Gebiete über die Vorgänger nicht
hinaus; charakteristischerweise hielt er Nichtschädellagen für sehr
selten. Besser scheint er in der ~Gynäkologie~ bewandert gewesen
zu sein; er beschreibt die Gebärmutterentzündung, Uteruskarzinom,
Lageveränderungen des Uterus, Scheidenfluß, Mastitis, Mammakarzinom
(Radikaloperation); die Ursachen der Sterilität werden eingehend
erörtert.
Hinsichtlich der ~Augenheilkunde~, über welche sich in den noch
vorhandenen Schriften nur verstreut Bemerkungen finden -- seine
„Diagnostik der Augenkrankheiten“ ging verloren --, wäre anzuführen,
daß Galen in überraschender Weise die ~Funktionsstörungen~
physiologisch darlegt, die ~Kontagiosität~ gewisser Augenentzündungeu
kennt; aus den Angaben über den Star, welcher teils in die Linse,
teils ins Kammerwasser verlegt wird, kann entnommen werden, daß man
in der Regel bloß die Verlagerung und Depression machte, daß jedoch
einzelne Aerzte es auch versuchten, nach dem Einschnitt den Star
herauszubefördern.
~Otologie~: Galen hinterließ eine Masse von Rezepten gegen
verschiedene Ohrleiden (Ohrenfluß, Abszeß, Ansammlung oder Mangel von
Cerumen, Ohrgeräusche, Schwerhörigkeit, Taubheit). Die Erklärung der
Symptome stützt sich zumeist auf Spekulationen, z. B. dominiert die
Lehre vom aer ingenitus oder complantatus, der eingepflanzten Luft
(aristotelische Hypothese vom ἀὴρ συμφυής). Rationell sind dagegen die
Methoden zur Entfernung der Fremdkörper (Beschreibung feiner Häkchen,
Zangen, Sonden) und manche Verfahren bei chirurgischen Affektionen
(Quetschung, Anschwellung, Bruch des Ohrknorpels).
Von scharfer Beobachtungsgabe zeugt die Schrift „Wie Simulanten
zu entlarven sind“. Hier gibt Galen eine Reihe von physischen
und psychischen Kennzeichen an, welche es dem Arzte ermöglichen,
Simulation von wirklichen Krankheitszuständen zu unterscheiden.
Einige Beispiele aus der eigenen ärztlichen Erfahrung illustrieren
die mitgeteilten Kriterien in treffender, anschaulicher Weise.
Rühmlich schließt sich an die medizinischen Leistungen, was Galen an
~hygienischen~ Vorschriften hinterlassen hat -- hierin jeder Zoll ein
echter Hippokratiker! Das ganze Gebiet meisterhaft beherrschend, auf
alle Verhältnisse eingehend, schildert er für jede Lebensstufe bis
in die kleinsten Einzelheiten, was zur Erhaltung und Bewahrung der
Gesundheit dienlich ist. Ernährungsweise, Einflüsse des Wassers und der
Luft, Bädergebrauch, Massage, Leibesbewegungen, Spiele u. a. werden
von Galen in den Kreis der Betrachtung gezogen, und viele seiner auf
scharfer Beobachtung fußenden Ausführungen besitzen unvergänglichen
Wert, weil sie in dem Gedanken gipfeln, welcher die ganze harmonische
Schönheit der klassischen Antike zum Ausdruck bringt, in dem Gedanken:
Μηδὲν ἄγαν.
Die Bücher de alimentorum facultatibus, in welchen die einzelnen
Nahrungsmittel (Brotarten, Hülsenfrüchte, Fleischsorten, Früchte u. s.
w.) nach ihrem Nährwert und mit Vorschriften über Zubereitungsweise
abgehandelt werden, bildeten lange die Quelle für alle späteren
diätetischen Schriftsteller. In dem Werke de sanitate tuenda werden
die hygienischen Faktoren eingehend besprochen. Von den Spielen
erklärte er diejenigen für die besten, welche Körper ~und~ Geist
erfreuen. Ueber die Wirkungsweise der Bäder und die Modifikationen
ihrer Anwendungsweise findet sich in de sanitate tuenda geradezu
ein Kompendium. Mit größter Schärfe wendet er sich dagegen, daß man
Neugeborene in kaltem Wasser bade; man berief sich darauf, daß die
heldenstarken Deutschen diese Sitte üben. „Ich habe,“ sagt Galen,
„mein Buch nicht für Deutsche, auch nicht für Bären und wilde Schweine
geschrieben, sondern für Griechen oder wenigstens für solche Menschen,
die griechische Denkweise haben. War es jemals erhört, das kleine,
noch von der Gebärmutter warme Kind in kaltes Wasser zu werfen, als
ob es glühendes Eisen wäre? Kommt das Kind mit dem Leben davon, so
mag es denn sein, daß dadurch seine natürliche Stärke geprüft und
noch durch die Berührung des kalten Wassers vermehrt worden ist.
Aber welche vernünftige Mutter, welche nicht ganz eine Skythin ist,
wird an ihrem Kinde einen Versuch wagen, der, wenn er nicht gelingt,
nichts weniger als den Tod zur Folge hat, um so viel mehr, da aus
diesem Versuche gar kein Vorteil entstehen kann. Für einen Esel oder
ein anderes lasttragendes Vieh mag es ein Vorteil sein, so einen
steinharten Rücken zu haben, der gegen Kälte und Schmerz gefühllos
ist, aber was nützt dies dem Menschen?“ Ebenso wendet sich Galen
gegen die Athletik.
Was in der Zusammenfassung und geistigen Durchdringung des
medizinischen Wissens damals möglich war, hat Galenos geleistet, und
wenn auch mehr blendende Fiktionen als solide nüchterne Wahrheiten
die Grundlage bilden, es gibt doch für die Leistungsfähigkeit der
medizinischen Synthese der Alten keinen besseren Gradmesser als das
gewaltige, durch philosophische Reflexion vollkommen geschlossene,
alle Hauptrichtungen vereinigende System des Pergameners! In stolzem
Selbstgefühl rühmt sich sein Schöpfer, er habe die Bahn, welche
Hippokrates gebrochen, erst geebnet und gangbar gemacht -- ähnlich wie
Trajan die Heeresstraßen im römischen Reiche; selbstzufrieden und im
Glauben, den Abschluß der Forschung gebracht zu haben, ruft er aus:
„Wenn jemand gleichfalls durch Taten, nicht durch kunstvolle Reden
berühmt werden will, so braucht er nur mühelos in sich aufzunehmen, was
von mir in eifriger Forschung während meines ganzen Lebens festgestellt
worden ist.“
Solche Ueberschätzung wiederholte sich oftmals im Laufe der
Geschichte, niemals aber sollte das medizinische Lehrsystem eines
einzelnen eine so lange, ungebrochene, tyrannische Macht über die
Geister ausüben wie das galenische, hierin nur der geozentrischen
Theorie des Ptolemaios gleichkommend! Widersinnig wäre es, wollte man
Galen selbst für den Geistesdruck von weit mehr als tausendjähriger
Dauer verantwortlich machen, statt diejenigen zu beschuldigen, welche
bar jedweder Schaffenskraft den ausgetretenen Bahnen folgten oder
gar die freie Forschung in Fesseln schlugen. Umsomehr als in der
Forschungsweise Galens so viele Keime lagen, welche nur der Entfaltung
harrten, wie namentlich seine Experimentalmethodik! Statt an die
rationellen Ideen anzuknüpfen, statt die empirischen Leistungen
weiter zu führen, begnügte man sich leider bald, die Aussprüche des
Pergameners auf allen Gebieten der Medizin als Dogmen hinzunehmen
und entfernte sich damit immer weiter von dem echten Hippokratismus.
Darin hatte Galen leider das Beispiel gegeben. Denn, nennt er auch den
göttlichen Greis von Kos πάντων ἀγαθῶν εὑρετής, gerade dadurch, daß
er die Erfahrungstatsachen der hippokratischen Schriften mit Hilfe der
noch viel zu unentwickelten Hilfszweige wissenschaftlich zu begründen
unternahm, daß er die ursprüngliche Lehre mit philosophischen
Doktrinen verquickte, ja schon dadurch allein, daß er ein System
errichtete, verdarb er vielfach die Reinheit des köstlichsten Gutes,
welches die hellenische Medizin hinterlassen hatte, entzog er durch
den Schatten seiner imponierenden Persönlichkeit gerade den echten
Hippokratismus den Blicken der kommenden Geschlechter. Darum mußte,
als die unbefangene Forschung wieder ihr Haupt erhob, das galenische
System als bloß temporäre Form gänzlich zusammenstürzen, während
das Ideenwerk des Hippokrates über alle Zeiten hinweg stets den
Mutterboden der Heilkunst bilden wird!
Antyllos.
Galens imposantes Lehrsystem bildet den Höhepunkt der
wissenschaftlichen Bestrebungen der antiken Medizin; in den
chirurgischen Fächern war es dagegen dem Pergamener nicht gegönnt,
durch eigene Leistungen über diejenigen der Vorgänger hinauszudringen,
hier wurde er durch einen auch sonst sehr bedeutenden Arzt, an dessen
Namen sich der Ruhm der antiken Chirurgie in besonderem Grade knüpft,
übertroffen, durch -- ~Antyllos~.
Ueber das Leben des Antyllos ist fast nichts bekannt, von seinen
Werken haben sich nur wertvolle Fragmente in der nachfolgenden
Literatur erhalten, doch schon das Wenige, was über der Zeiten Strom
hinübergerettet worden, läßt die ganze Größe des Mannes und die
~überraschend hohe Entwicklungsstufe der antiken Chirurgie~ erkennen.
Die Schriften des Antyllos betrafen nicht nur die Chirurgie,
sondern in einem Hauptwerke über die Heilmittel (4 Bücher) auch die
gesamte übrige Heilkunde. Die erhaltenen spärlichen Bruchstücke
wurden wiederholt gesammelt herausgegeben, am besten von A. Lewy
und Landsberg in Janus, Zeitschr. f. Gesch. u. Literatur d. Medizin,
Breslau 1847, Bd. II. Da es durch neuere Forschungen erwiesen ist,
daß Galen den Antyllos benützt hat, dieser aber in einer Stelle seiner
Schriften den Archigenes zitiert, so können wir die Lebenszeit in die
~erste Hälfte des zweiten Jahrhunderts n. Chr.~ verlegen. Antyllos
hielt sich vorwiegend an die Grundsätze der pneumatischen Schule,
welche dem späten Altertum die vornehmsten Aerzte und namentlich die
besten Chirurgen schenkte und folgte den großen Traditionen eines
~Archigenes~, ~Heliodoros~ und ~Leonides~ (vergl. Seite 335).
In den vorhandenen Fragmenten sind folgende Themen behandelt:
Einflüsse der Luft und der Bodenverhältnisse auf Gesundheit und
Krankheit, Wohnungshygiene, Diätetik, Gymnastik, Balneologie,
Krankenpflege. Es finden sich darin bewundernswerte Vorschriften,
allerdings durchsetzt mit theoretischen Argumenten, die der Subtilität
der pneumatischen Schule entstammen. Antyllos achtete bei der
Krankenpflege auf Temperatur und Belichtung der Wohnung und auf die
Lagerung des Patienten. (Bei Kopfleiden soll eine zurückgeneigte, bei
Brustkranken eine hohe, bei Unterleibsaffektionen eine zurückgebogene
Lage eingenommen werden, bei Gonorrhöe und Nierenleiden die
Seitenlage, bei Leberleiden nach rechts gewendete Seitenlage.) Ebenso
regelte er peinlich genau die Krankenkost. Bei Fieberhitze erlaubte
er den Genuß von kaltem Wasser. Ausführlich verbreitete er sich
über die Bäderanwendung (künstliche und natürliche, mineralische und
aromatische Bäder) und bestimmte ihre Indikationen (als Schwitzmittel,
als tonisierende, antispastische, antineuralgische Mittel u. s. w.).
Die salz-, eisen-, schwefel-, salpeterhaltigen etc. Bäder benützte
er in chronischen Krankheiten, z. B. Solbäder gegen Wassersucht,
Kopf- und Brust- und Magenleiden; Schwefelbäder gegen Nervenleiden;
Eisenbäder gegen Milz- und Magenaffektionen; Seebäder gegen Hydrops,
Dermatosen, Phthisis, rheumatische Leiden. Ungemein eingehend erörtert
er die therapeutischen Zwecke und die Dosierung, die Indikationen
und Kontraindikationen des Spazierengehens, Laufens, Reitens,
Schwimmens, der gymnastischen Uebungen und Spiele („Schleuderspiel“,
„Schattenfechterei“, Faustkampf, Sprungübungen, Ballspiel, Kugelwurf,
Reifschlagen, Schaukeln).
Antyllos gab für die einzelnen chirurgischen Eingriffe nicht nur
allgemeine Vorschriften, sondern er erörterte die Technik bis in die
feinsten Einzelheiten mit einer Genauigkeit, unter Berücksichtigung
aller eintretenden Möglichkeiten, wie es nur ein Meister der Praxis
vermag. Schon über die Methoden der Blutentziehung gibt er ungemein
sorgfältige Anweisungen, er gedenkt der ~Arteriotomie~ (an den
Nackenarterien), der Schröpfköpfe (gläserne, bronzene, hörnerne),
mit und ohne Skarifikation, der Blutegel, der „~Bdellotomie~“
(Blutegelschnitt) und sondert die Hämostatika in solche, welche durch
Kälte, Zusammenziehung, Verstopfung, Austrocknung oder Aetzung wirken.
Applikationsstellen für die Venäsektion waren: Stirne in der Nähe
des Scheitelbeins, die Stelle oberhalb des inneren Augenwinkels,
hinter den Ohren, unter der Zunge, zwischen Mittel- und kleinem
Finger, Kniekehle, innerer Knöchel, Ellenbeuge (obere, mittlere,
untere Vene). Je nach dem Leiden kommt die eine oder andere Vene in
Betracht, die Länge des Eröffnungsschnittes hängt von verschiedenen
Umständen ab, die Schnürbinde darf nicht zu fest gebunden sein.
Ueber die Anwendung der Schröpfköpfe -- silberne werden verworfen
-- handelte ein eigenes Kapitel. Der Blutegelschnitt bestand im
folgenden: „Wenn man genötigt ist, die Blutegel anzuwenden, nachdem
sie schon gesogen haben, oder wenn man nur wenige zur Verfügung
hat, oder wenn nur wenige angefaßt haben, muß man ihnen, wenn sie
vollgesogen sind, den Schwanz mit der Schere abschneiden. Nachdem das
Blut ausgeflossen ist, ziehen sie wieder an und hören nicht eher auf,
als bis wir ihre Saugöffnung mit Salz, Soda oder Asche bestreuen.“
-- Hämostatika waren: kaltes Wasser, Essig, Galläpfel, Akaziensaft,
Grünspan, Gips, Bleiweiß, Kupferblumen etc. und das Glüheisen.
Vortrefflich sind die Mitteilungen über die Chirurgie der ~Abszesse~
(Vorschrift über die Richtung der Inzisionen), der ~Fisteln~
(Mastdarm-, Bauch-, Brust-, Trachealfisteln), der ~Phimose~, der
~Hypospadie~, der ~Narbenkontrakturen~ (Exstirpation) und der
~Geschwülste~ (Lipome, Atherome, Ganglien). Antyllos beschreibt den
~Luftröhrenschnitt~ sehr genau, verwirft ihn aber in Fällen, wo die
Luftröhrenverzweigungen und die Lungen bereits affiziert sind (bei
seiner Methode handelt es sich merkwürdigerweise um einen queren
Schnitt zwischen den Ringen der Trachea); er schildert die ~plastische
Operation~ von „Kolobomen“ (Defekte, besonders der Augenlider, der
Stirn, Nase, Ohren und Wangen). Dauernden Nachruhm sichert ihm endlich
seine Therapie der ~Aneurysmen~ (wahre und traumatische, Verfahren
der doppelten Unterbindung und Spaltung) und die Extraktionsmethode
bei Catarakta (~Starausziehung~).
„Es gibt ~zwei~ Arten von Aneurysmen, die eine derselben entsteht
durch eine ~örtliche Erweiterung~ der Arterie, woher auch der
Name Aneurysma kommt, bei der zweiten ist die Arterie ~verletzt~
und ergießt ihr Blut in die umgebenden Weichteile. Die durch
Erweiterung der Arterie entstandenen Aneurysmen sind länglicher,
die aus Ruptur hervorgegangenen rundlicher; die ersteren haben eine
dickere Bedeckung, bei den letzteren vernimmt man beim Druck mit den
Fingern ein Schwirren, wogegen bei der anderen Art von Aneurysmen
kein Geräusch wahrnehmbar ist. Die Behandlung eines jeden Aneurysmas
zu verweigern, wie es die alten Chirurgen wollten, ist unrecht;
gefährlich aber ist es auch, sie alle operieren zu wollen. Wir werden
dies bei denen in der Achselhöhle, Schenkelbeuge und am Halse von
uns weisen wegen der Größe der Gefäße und der Unmöglichkeit und
Gefährlichkeit ihrer Freimachung und Unterbindung; wir verweigern
ferner die Operation bei solchen von übermäßiger Größe, selbst wenn
sie an einem anderen Orte sich befinden. Dagegen werden wir die an den
Enden der Extremitäten, an den Gliedern und dem Kopfe befindlichen auf
folgende Weise operieren: Wenn es sich um ein Erweiterungsaneurysma
handelt, führen wir durch die Haut einen geraden Schnitt in der
Längsrichtung des Gefäßes, lassen darauf die Wundränder mit Haken
auseinanderziehen, trennen vorsichtig alle zwischen der Haut und
der Arterie gelegenen Membranen, und indem wir mit stumpfen Haken
die neben der Arterie gelegene Vene zur Seite ziehen, legen wir den
erweiterten Teil der Arterie von allen Seiten frei; nachdem wir darauf
den Knopf einer Sonde unter die Arterie geführt und dieselbe damit
emporgehoben haben, leiten wir neben dem Sondenknopfe eine ~Nadel
mit doppeltem Faden~ unter der Arterie fort, durchschneiden mit der
Schere denselben am Ende der Nadel, so daß daraus zwei Fäden mit
vier Enden entstehen, nehmen sodann die zwei Enden eines der Fäden,
führen sie behutsam nach dem einen Ende des Aneurysmas und knüpfen
sie sorgfältig zusammen. In gleicher Weise wird der andere Faden nach
dem entgegengesetzten Ende des Aneurysmas geführt und daselbst die
Arterie unterbunden, so daß das ganze Aneurysma ~mitten zwischen den
beiden Ligaturen~ sich befindet. Hierauf ~öffnen~ wir das Aneurysma
in seiner Mitte mit einem kleinen Schnitt; dadurch wird dessen ganzer
Inhalt ~entleert~, die Gefahr einer Blutung aber ist nicht vorhanden.
Diejenigen, welche, wie wir, die Arterie jederseits unterbinden, den
in der Mitte gelegenen erweiterten Teil derselben aber exstirpieren,
setzen sich einer Gefahr aus, denn von der Gewalt und der Spannung
des Pneuma werden oft die Fäden abgestoßen.“
Daß sich Antyllos mit der Augenheilkunde eifrig beschäftigte,
beweisen die erhaltenen Vorschriften über die Bereitung von Kollyrien.
Register.
A.
Abas 162.
Agathinos 332. 333.
Aglaïas 324.
Agrippa 277.
Aigimios 244.
Ailianos d. J. 350.
Ailios Promotos 281. 324.
Aineos 169.
Ainisidemos 277.
Aischrion 355.
Akron 159. 171 ff. 277.
Alexandros von Aphrodisias 386.
-- Philalethes 274.
Alkamenes 162.
Alkmaion 155. 156. 162. 171. 172. 177. 244.
Ammonios 281.
Amyntas 281.
Anaxagoras 153. 159. 161.
Anaximenes 153.
Andreas von Karystos 274. 326.
Andromachos der Aeltere 323.
-- der Jüngere 323.
Andron 282.
Anonymus Londinensis 161. 179. 184. 204.
-- Parisinus 304.
Antiochos 309.
Antipatros 309.
Antonius Musa 302. 323. 333.
Antyllos 335. 403.
Apemantos 275.
Apollodor 282.
Apollonides von Kos 169.
-- von Kypros 309.
Apollonios von Antiochia, Vater und Sohn 280.
-- von Kition 280.
-- von Memphis 275. 349.
-- Mys 274.
-- von Pergamon 335.
-- von Kos 184. 237.
Apollophanes 275.
Aratos 282.
Archagathos 291.
Archelaos 160.
Archidamos 241. 243.
Archigenes 333 ff. 338. 342.
Aretaios 337 ff.
Aristogenes 240. 282.
Aristoteles 156. 163. 178. 246 ff. 254. 328. 349.
Aristoxenos 275.
Artemidoros 275.
Artorius Marcus 302.
Asiaticus 309.
Asklepiades von Bithynien 294 ff. 333. 346. 352.
-- von Pharmakion 324.
Asklepios 136 ff.
Athenaios 337 ff. 332.
Athenion 275.
Athotis 42.
Attalos III. 283.
Aufidius Titus 302.
B.
Bakcheios 274.
Bassus 323.
Bolos 173.
C.