Von der Auskultation findet sich nur die Erwähnung des zischenden

Geräusches bei einer penetrierenden Brustwunde. -- Auf die

Sekretionen (z. B. Sputum) und Exkretionen wird sorgfältig geachtet.

-- Die Sphygmologie Galens folgt den Bahnen des Herophilos und der

Pneumatiker (vergl. S. 335). Es werden Unterarten nach den Kategorien

der ~Dimension~, ~Schnelligkeit~, ~Stärke~, ~Härte~, ~Häufigkeit~,

~Füllung der Arterie~, ~Gleichmäßigkeit~, ~Ordnung~, ~des Rhythmus~

unterschieden. Galen beschreibt unter anderem den Pulsus longus,

brevis, latus, angustus, altus, humilis, gracilis, turgidus, tenuis,

crassus, celer, tardus, rarus, frequens, vehemens, languidus, durus,

mollis, plenus, vacuus, aequalis, inaequalis, ordinatus, inordinatus,

dicrotus, decurtatus, undosus, vermiculans, formicans, vibratus,

convulsivus, caprizans etc.

~Die Basis der galenischen Pathologie und Diagnostik bildet der

Satz, daß es keine Funktionsstörung ohne organische Läsion gebe:

μηδέποτε βλάπτεσθαι μηδεμίαν ἐνεργειαν ἄνευ τοῦ πεπονθέναι τὸ ποιοῦν

αὐτὴν μόριον~ (vergl. hiezu Erasistratos). Im speziellen Falle war

ausfindig zu machen, welcher Körperteil ~primär~ oder auf dem Wege der

~Sympathie~ die Funktionsstörung erzeugt, und welche Säfteanomalie zu

Grunde liegt.

Anschließend sei die Theorie der Entzündung und des Fiebers

kurz angedeutet, weil sie am raschesten Einblick in die galenische

Pathologie gewährt. Die ~Entzündung~ gehört in die Klasse der

krankhaften Anschwellungen (ὄγκοι παρὰ φὐσιν = tumores praeter

naturam) und charakterisiert sich durch örtliche Wärmesteigerung.

Abgesehen von „trockenen“ Formen erfolgt hierbei ein vermehrtes

Eindringen (Error loci) von Pneuma oder der vier Humores (ῥεῦμα),

wodurch die pneumatöse, phlegmonöse (Blut), ödematöse (Schleim),

erysipelatöse (gelbe Galle) oder skirrhöse (schwarze Galle) Entzündung

entsteht. Stockung der Säfte bedingt die vier Kardinalsymptome

(~tumor~, ~rubor~, ~calor~, ~dolor functio laesa~). Der Ausgang kann

sein: Zerteilung, Ausschwitzung von Serum (ἰχώρ), Eiterung, Fäulnis

(σῆψις).

Fieber ist eine abnorme, allgemeine Wärmesteigerung und beruht

auf Arterienverstopfung, lokaler Entzündung (ἑλκος, Bubonen) oder

Fäulnis der Säfte. Es gibt kontinuierliche und intermittierende, der

Starrfrost ist auf Affektion der Nervenzentra zurückzuführen. Die

kontinuierlichen, von denen vielerlei Arten unterschieden werden

(Ephemera, ὴπίαλος, σὐνογος, τυφώδης, τῦφος, καῦσος, λειπυρία,

ῥοωδης, πεμφιγωδης, ικτεριωδης, νωθρὸς, φρικώδης), sind bald durch

Stockung des ~Pneuma~ (Ephemera), bald durch ~Fäulnis der Humores~

verursacht oder haben ihren Ursprung in den ~festen Teilen~ (~ἑκτικοὶ

πυρετοί~). Von den intermittierenden (διαλείποντες πυρετοί) entsteht

die Quotidiana durch Anhäufung von Schleim, die Tertiana aus gelber,

die Quartana aus schwarzer Galle (resp. Leber, Milz). Galen stützte

sich in seiner Fieberlehre auf die pneumatische Schule. Wir finden

daher seine Einteilung auch bei einem späten Anhänger dieser Richtung,

nämlich bei ~Alexandros von Aphrodisias~ (2. Jahrhundert n. Chr.

[περὶ πυρετῶν im Ideler, Physici et medici graeci minores, Bd. I]).

Wie Galen teilt auch er die Fieber ein in intermittierende und

kontinuierliche, langsame und schnelle, Eintagsfieber, septische und

hektische.

Da Galen in seinen Schriften -- abweichend von Hippokrates -- stets

mehr die Beweisführung zu Gunsten seiner Theorien als die Vorführung

reiner Beobachtungen beabsichtigt, so finden sich bei ihm wohl

scharfsinnige Analysen der Krankheitsprozesse, aber wenig Gesamtbilder

von Symptomenkomplexen. Dennoch ist die ~spezielle Pathologie~ überaus

reich vertreten, und in der Menge willkürlicher Spekulationen liegt

manches Goldkorn von wahrer Beobachtung und überraschend klarer

Einsicht verborgen.

Krankheiten der Respirationsorgane.

~Nasenleiden~: Die Auffassung des Katarrhs entspringt der Lehre,

wonach das Gehirn die Quelle des Schleims darstellt. Andeutung

oder Erwähnung finden: Anosmie, Geschwüre und Polypen (chirurgische

Therapie), Ozäna und Epistaxis (Therapie, Kälteapplikation auf die

Stirne, Tamponade mit dem Schwamm, Schröpfköpfe in die Leber- oder

Milzgegend). Die Beziehung des Nasenblutens zu Allgemeinleiden war

bekannt. ~Kehlkopfleiden~: Galen weiß, daß Aphonie und Veränderungen

der Stimme sowohl durch Traumen (Läsionen des Gehirns, Rückenmarks,

Thorax, Abdomens) als durch Lokalaffektionen des Kehlkopfes

erzeugt werden können. Fremdkörper im Kehlkopf oder Trockenheit

der Schleimhaut rufen durch ihren Reiz Husten hervor. Beschrieben

werden Geschwüre des Larynx (oberflächliche und tiefe; sie sind nur

wenig schmerzhaft), Laryngitiden, Ermüdung der Stimmbänder etc. Die

~Kynanche~ unterscheide sich von der ~Synanche~, daß erstere das

Innere des Larynx befalle und daher sehr gefährlich sei, während

letztere im Schlundkopfe ihren Sitz habe[24]. In der Therapie kamen

verschmierende (Gummi, Amylum, Milch, Eier u. a.), reinigende

(expektorierende) und adstringierende Mittel, „~Hypoglottides~“

(kleine bohnenförmige Ballen, die unter die Zunge gelegt wurden,

dort sich langsam verflüssigten und heruntergeschluckt wurden),

zur Anwendung; außerdem diätetisches Regime, Bäder, Luftkurorte;

bei entzündlichen Affektionen die Venäsektion. ~Lungenkrankheiten~:

Die Therapie der akuten Bronchitis bestand in der Darreichung von

Honig (zur Erleichterung der Expektoration) und Opium mit gekochtem

Weinmost; beim chronischen Katarrh verordnete Galen leichteren Wein,

Narkotika, verbunden mit Pfeffer, Galbanum, besonders aber Marrubium

vulgare. Weit schärfer als die Vorgänger trennte er die ~Pneumonie~

von der ~Pleuritis~ und bezeichnete als differentialdiagnostische

Kennzeichen der ersteren: die größere Atemnot und die blutigen Sputa.

Die Pleuritis wird definiert als νόσημα τοῦ τὰς πλευρὰς ὑποζωκότος

ὑμἑνος oder als φλεγμονή dieser Membran.

[24] Bei Hippokrates wird kein Unterschied zwischen beiden

gemacht, συνάγχη oder κυνάγχη ist Angina, d. h. eine Entzündung

des Larynx, des Pharynx oder der benachbarten Teile,

welche durch das aus dem Kopfe in die Halsvenen strömende

Sekret erzeugt wird; ist das Sekret von kaltem schleimigen

Charakter, so entsteht Verstopfung der Blutgefäße und Atemwege

(Rötung, Schwellung, Schmerz), ist es von heißer, salziger

Beschaffenheit, so entstehen (ohne Entzündung) Geschwüre auch

in der Luftröhre. Letztere Form sei viel gefährlicher und führe

oft plötzlich den Tod herbei. Nach Aretaios wäre Kynanche eine

Entzündung der Atemwerkzeuge, Mandeln, der Epiglottis, des

Pharynx, des Kehlkopfes, Zäpfchens und der Mundhöhle, Synanche

dagegen ein Leiden des Pneuma, welches mit großem Angstgefühl

und Affektionen der inneren Organe verbunden sei.

Bei der Pneumonie ist auf das verschiedene Aussehen der Sputa in

den einzelnen Stadien der Krankheit, auf den Puls und die Atmung zu

achten. Die Beschaffenheit des Sputums zeigt an, welcher Humor durch

seinen Zufluß die Entzündung erregt, ein ungünstiges Vorzeichen bildet

der grüne, schwarze oder übelriechende Auswurf. Der Puls ist groß,

wellenförmig, sehr frequent, zuweilen kaum fühlbar, unregelmäßig

und doppelschlägig, sehr gefährlich ist der Pulsus intercurrens. Die

Respiration ist beschleunigt, vermehrt und flach, je mehr die Atemwege

verstopft sind, desto mehr steigt die Atemnot. Bei der Pleuritis haben

die Schmerzen einen stechenden Charakter, der Puls ist rasch, häufig,

mittelgroß, heftig, sehr hart und sägend, die Arterien sind gespannt

und hart. Um Verwechslungen mit Leberleiden vorzubeugen, habe man auf

das Verhalten des Stuhlganges, der bei letzteren charakteristische

Veränderungen zeige, Rücksicht zu nehmen. Die Behandlung beider

Affektionen ist im wesentlichen die gleiche, nebst warmen Umschlägen

spielen ~der Aderlaß~ (an der Armvene der kranken Seite, so lange,

bis das Blut eine lebhafte Röte zeigt) und ~Purganzen~ (meist

Koloquinthen und Helleborus) die Hauptrolle. Bei (prognostisch

ungünstigem) Durchfall sind Opium, Hyosciamus und Diuretika zu geben;

nach den Ausleerungen Honigwasser, Ptisanen, leichte Kost und Wein,

namentlich bei spärlichem Auswurf. Die Diagnostik und Therapie des

Empyems (Eiteransammlung im Raume zwischen Lunge und Brustwand)

ist bei Galen nicht so ausführlich wie bei Hippokrates geschildert

(nach Galen schwand die Neigung zur operativen Behandlung des E.

immer mehr). Von der ~Lungenschwindsucht~ unterschied der Pergamener

eine entzündliche, ulzerative und eine schleichende Form. Die

φὑματα, von denen er im Anschluß an Hippokrates mehrmals spricht,

bedeuten nicht Tuberkel, sondern Geschwüre, Eiterherde der Lunge.

Als ätiologische Momente der entzündlichen Form gelten mechanische

Läsionen; Zerrungen des Lungengewebes (auf die Läsion folge nämlich

Entzündung und Ulzeration), anhaltender Husten und besonders Hämoptoë

werden als vornehmste Ursachen der Phthise erwähnt. Die Blutung

kommt zu stande: 1. durch Ruptur der Gefäße (infolge Einwirkung

mechanischer Gewalt, Schlag, Fall, Heben schwerer Gegenstände, lautes

Schreien u. a.), 2. durch Erosionen der Gefäßwände (dabei gingen

schon andere Symptome lange vorher, wie z. B. Auswurf infolge des

Zuflusses scharfer Stoffe nach der Lunge), 3. durch die Atonie der

Gefäßwände (veranlaßt durch warme Bäder, heiße Speisen etc.), wobei

die „Anastomosen“ die Blutflüssigkeit hindurchtreten lassen (in diesem

Falle ist die Blutung sehr geringfügig). Differentialdiagnostisch

gegenüber der Hämatemesis sei festzuhalten, daß erbrochenes Blut

dunkel gefärbt sei und ohne Husten entleert werde, während das

aus der Lunge stammende Blut hell und schaumig aussehe und unter

Husten expektoriert werde. Sind Zerreißungen der Gefäße Ursache der

Hämoptoë, so sei bei jungen Patienten die Venäsektion vorzunehmen,

jedoch nicht bei heißem Wetter oder in den Fällen, wo der Kranke

an Gallenüberfluß leidet. Sonst werden empfohlen: das Binden der

Glieder, Einreibungen, diätetisches Regime (Gerstenwasser, Obst,

ruhiges Verhalten), Theriak, sowohl um die Sekretion zu beschränken,

als um Schlaf zu bewirken. Die schleichende Form der Phthise entstehe

durch Verderbnis der Säfte. Der Puls ist klein, schwach, weich,

mäßig, rasch und „hektisch“. Prognostisch ungünstig seien salzig

schmeckende Sputa, Durchfälle und Haarausfall. Die Therapie besteht

in leicht verdaulicher, kräftiger Nahrung, fortgesetztem Milchgenuß,

Behebung der Obstipation (Honig oder Salz), und eventuell in der

Anwendung verschiedener meist balsamischer und austrocknend wirkender

Medikamente (Myrrhe, Terpentin, armenischer Bolus) oder Antidota

(z. B. Fuchslunge). Das vorzüglichste Heilmittel ist aber nach Galen

~Luftveränderung~ (Land-, Seereisen), der Aufenthalt in trockenen,

hoch gelegenen Orten Aegyptens und Libyens (~Gebirgsaufenthalt~,

~Höhenlufttherapie~). Besonderen Rufs als klimatischer Kurort erfreute

sich das südlich vom Vesuv, am Meerbusen zwischen Sorrent und Neapel

gelegene Tabiä, dessen Vorzüge Galen ausführlich schildert und

durch Mitteilung von Krankengeschichten Schwindsüchtiger zu beweisen

sucht. -- Bemerkenswerterweise kennt Galen die ~Ansteckungsgefahr~

der Phthise[25], denn er sagt: „Bei Phthisikern bestehen faulige

Aushauchungen im Zimmer, das sie bewohnen, und fötider Geruch.

Erfahrungsgemäß verfallen diejenigen in Phthisis, welche mit

Phthisikern zusammen im Bette schlafen, ~lange~ zusammen wohnen, mit

ihnen essen und trinken oder deren Kleider und Wäsche gebrauchen,

bevor deren Schädlichkeit beseitigt worden ist.“

[25] Es sei hier darauf verwiesen, daß sich ~in der

nichtärztlichen Literatur des Altertums weit früher und

deutlicher als in den medizinischen Schriften Kenntnisse über

die Ansteckungsfähigkeit gewisser Affektionen~ vorfinden

(die Aerzte legten das Hauptgewicht auf das „Miasma“, d.

h. auf die atmosphärischen Verhältnisse). So wird z. B. in

den pseudoaristotelischen Problemen (VII, § 8) die Frage

erörtert: „Weshalb werden von der ~Lungenschwindsucht~ und

der ~Augenentzündung~ und von der ~Krätze~ diejenigen, welche

sich (den Kranken) nähern, befallen?“

Gegen •„Herzklopfen“• empfahl Galen Blutentziehung und strenge Diät.

•Krankheiten des Digestionsapparates.• Was zunächst die Erklärung

der Symptomatologie anlangt, so findet sich bei Galen folgendes: Der

Appetitmangel sei darauf zurückzuführen, daß unverdaute Substanzen,

gallige Säfte oder Schleim im Magen vorhanden sind, oder daß dessen

Funktionen geschwächt sind; das Hungergefühl beruhe auf Kälte und

Trockenheit und habe seinen Sitz im „Magenmunde“ (der Ausdruck Kardia

oder Stomachos bedeutet die Speiseröhre; man hielt den „Magenmund“

für sehr reich an Empfindungsnerven und daher für den Ausgangspunkt

vieler krankhafter Zustände); der Heißhunger entstehe, wenn sauere,

kranke Säfte den Magen reizen, wenn sich die genossenen Speisen

zu rasch im Körper verteilen, namentlich aber unter dem Einflusse

äußerer Kälte oder kalter Dyskrasien, wodurch sich die innere Haut

des Magens zusammenziehe; auch der Durst sitze im „Magenmunde“ und

sei insbesondere vermehrt, wenn gallige oder salzige Stoffe den

Magen füllen (unter anderem sollen kalte Bäder den übermäßigen Durst

stillen). Uebelkeit oder Brechreiz, welche ebenfalls vom „Magenmund“

ausgelöst werden, führen nicht immer zum Erbrechen; Uebelkeit ist

der mißlungene, Erbrechen der vollendete Versuch der Natur, den

Magen von schädlichen Dingen zu reinigen. Letzteres komme durch

die „austreibende“ Kraft zu stande. Uebelkeit wird hervorgerufen,

wenn die Galle im Magen vorherrscht und der Magenmund eine bittere

Beschaffenheit annimmt, das Erbrechen, wenn der Magen geschwächt

ist und sein oberer Teil durch die Menge oder Unverdaulichkeit der

Speisen gereizt wird. Brechreiz oder Erbrechen kommen nicht nur bei

Magenleiden, Unterleibsaffektionen, lange anhaltender Verstopfung,

sondern auch z. B. bei plötzlichem Schreck, bei Geisteskrankheiten,

bei Verletzung des Gehirns und seiner Häute u. s. w. vor, sie

begleiten die Seekrankheit. Auch das Erbrechen Neugeborener erwähnt

Galen. Die erbrochenen Massen haben verschiedene Beschaffenheit,

zuweilen gleichen sie geronnenem schwarzen Blute. Singultus, woran

besonders Kinder leiden, entstehe durch Völle oder Leere des Magens,

oder wenn ihn scharfe, heiße Säfte füllen, namentlich auch durch

Erkältung des Magenmundes, er ist eine krampfartige Affektion des

Magenmundes; außer durch Gelegenheitsursachen kann er auch durch

Entzündung der Bauchorgane (Druck auf den Magen) bedingt sein,

eines der empfohlenen Gegenmittel bestand im Zurückhalten des Atems.

Dyspepsie behandelte Galen mit Brechmitteln, Bedeckung des Kopfes

und der Magengegend mit heißen Tüchern, vierundzwanzigstündigem

Fasten, unter Umständen kalten Umschlägen auf die Magengegend,

kaltem Getränk, Eis; gegen heftiges Erbrechen dienten vegetabilische

Adstringentien, endlich Opium mit aromatischen Mitteln. Der von den

antiken medizinischen Autoren häufig genannte „Morbus cardiacus“ --

wahrscheinlich eine Neurose -- wird von Galen als eine vom Magen

ausgehende akute Krankheit aufgefaßt. Unter den Darmleiden werden

Katarrhe, Kolik, Darmverschlingung, Dysenterie, Cholera (nostras),

Eingeweideparasiten ausführlich besprochen. Der Kolik -- deren

Bezeichnung Galen für unpassend erklärt, weil sie nicht bloß vom

Kolon, sondern von den verschiedenen Gegenden des Unterleibs ihren

Ursprung nehmen könne -- gehen häufig dyspeptische Beschwerden,

Uebelkeit, Erbrechen u. a. voraus, sie verläuft ohne Fieber,

ist häufig mit Verstopfung und Erbrechen, bisweilen auch mit

Atembeschwerden, Frost und Schweißausbruch verbunden, sie steigert

sich manchmal bis zu Ohnmachten. Die Dauer des Anfalls kann selbst

zwei Tage betragen; nicht selten kommen Verwechslungen mit anderen

Leiden, z. B. mit Nierenaffektionen, vor, für welch letztere der

Abgang von Nierensteinen durch den Urin ein differentialdiagnostisches

Moment darstellt. Die Darmverschlingung erklärt Galen meistenteils

aus entzündlichen oder skirrhösen Prozessen, Abszessen u. s. w.

des Darms; die Entstehung durch zähe und dicke Säfte hält er für

unmöglich. Das Wesen der eigentlichen Ruhr sucht er in Darmgeschwüren,

doch gebe es herkömmlich auch als Ruhr bezeichnete Formen, die

sich durch Darmblutung ohne Geschwüre charakterisieren. Witterungs-

und Temperatureinflüsse (Frühling, Sommer, außerdem der Genuß von

Wasser aus bronzenen Leitungsröhren) haben große Bedeutung für das

Auftreten der Dysenterie, die Darmgeschwüre entstünden auch, wenn

die innere Fläche des Darmes durch verdorbene Säfte angeätzt und

angefressen werde; haben die Stuhlgänge das Aussehen von Eiterjauche,

so weise dies auf die Existenz von Krebsgeschwüren. Heilmittel

sind Austernschalen, Hirschhorn, Opium, Galläpfel, Klysmen. Die

Cholera charakterisiert sich durch den höchst akuten Charakter, die

Wadenkrämpfe, den fadenförmigen Puls, im späteren Verlauf treten

Ohnmachten auf. Die Eingeweidewürmer bilden sich im menschlichen

Körper unter dem Einfluß der Wärme aus faulenden Massen. -- Ikterus

ist die Folge von Verstopfung der Gallenwege, Entzündung oder

Geschwülsten, er ist keine Krankheit, sondern ein Symptom. Tritt er

im Verlauf einer Krankheit als kritisches Zeichen auf, so besteht

die Therapie in warmen Bädern und Friktionen; als örtliches Leiden

wird er mit Abführ-, Schwitz-, harntreibenden Mitteln behandelt. Die

Leber, sagt Galen, neigt wegen ihrer Struktur und physiologischen

Tätigkeit besonders zu Verstopfungen, namentlich wenn ihre Gefäße

ziemlich enge sind. Genuß unverdaulicher Speisen, rohe Säfte u.

a. bilden ätiologische Momente. Leberentzündungen auf der konvexen

Seite ziehen mehr das Respirationssystem, solche der konkaven Seite

die Verdauungsorgane in Mitleidenschaft; zu den Symptomen zählt auch

der Singultus. Bei „Milzleiden“ dienen Squilla und Kappernwurzel als

wichtigste Heilstoffe, weil sie die dicken und schleimigen Stoffe

mit dem Urin entleeren. -- Anasarka werden durch den Ueberfluß

an kalten und feuchten oder verdorbenen Stoffen hervorgerufen,

welche eine Verflüssigung des Fleisches bewirken; Hydrops entstehe

durch Affektionen der Leber, Milz, der Nieren, der Lunge, Gedärme,

durch zurückgehaltene Menses und Hämorrhoiden. Dadurch, daß die

Wasseransammlung auf das Zwerchfell drückt und sekundär die Lunge

zusammenpreßt, treten bei Ascites Respirationsstörungen (Atmung flach,

frequent) und Husten auf; der Puls ist beim Ascites klein, frequent,

ziemlich hart und etwas gespannt, bei Anasarka wellig, breiter und

weicher.

•Krankheiten des Urogenitalsystems.• Die erschwerte Harnsekretion

zeigt drei Intensitätsgrade: Dysurie ist die leichteste Form,

Strangurie besteht, wenn der Harn nur tropfenweise, Ischurie, wenn er

gar nicht nach außen gelangt; die Ursache liegt in der Verstopfung

der Harnwege (durch zu dicken Urin, geronnene Blutmassen, steinige

Konkremente), in der Entzündung oder Lähmung der Blase (infolge von

Dyskrasien oder pathologischen Neubildungen), oder in der Schärfe des

Urins (infolge von Blutsveränderungen oder Nierenaffektionen). Dysurie

kommt auch, ohne daß die Harnorgane selbst erkrankt sind, vor. Wenn

die Harnretention lange dauert, rät Galen zur Entleerung durch den

S-förmig gewundenen Katheter. Nierenentzündungen seien oft langwierige

Leiden, ja sie könnten das ganze Leben hindurch andauern. Nierensteine

entstünden ebenso wie die gichtischen Ablagerungen in den Gelenken,

Blasensteine sollen hauptsächlich bei Kindern (namentlich Knaben)

vorkommen (infolgedessen dehne sich der Penis aus); Blasensteine

sind manchmal wie angewachsen. Die Therapie der Harnsteine und

Gicht erfordert den Gebrauch von Eselsmilch, von Wein mit Honig als

Diuretikum, ferner die Arzneimittel: Myrrhe, Petersilie, Kümmel,

Ammoniakum, das Pulver, welches sich in den Meerschwämmen vorfindet.

Gegen Hämaturie wirkt Alaun, gegen Ischurie Apium. Blasenkrätze

(Psora) hieß ein Zustand, bei dem der Harn eine dicke, zähe

Beschaffenheit hat und kleienartige Schüppchen enthält (chronische

Cystitis). Nierenkolik könne leicht mit Darmkolik verwechselt werden,

doch diene der Nutzen der Abführmittel als Anhaltspunkt. Galen führte

den Diabetes, dessen Wesen nur in der Polyurie vermutet wurde, auf

eine Auflockerung der Nieren zurück. -- Der Terminus „Gonorrhoea“

bedeutet unwillkürliche Samenergießungen; je nachdem dieselben mit

Erektion verbunden sind oder nicht, handle es sich um Reiz- oder

Lähmungserscheinungen. Satyriasis oder Priapismus ist die dauernde

Anschwellung und Vergrößerung des Penis.

•Dyskrasieen und Kachexieen.• Was die ~Gicht~ anlangt, so glaubte

Galen, daß sie durch dicke und verdorbene Säfte erzeugt wird, oft

auch ~vererbt~ ist; die Gichtknoten seien die Folge einer (durch die

Wärme veranlaßten) Austrocknung der dicken Säfte; Diarrhöen und auch

Varices üben manchmal einen günstigen Einfluß auf den Ablauf der

Krankheit aus. Blutentleerung und Abführmittel (besonders im Frühjahr)

wirken prophylaktisch, eignen sich aber nur für Plethorische. Bei

Gichtanfällen sind reizende, blasenziehende Umschläge, mit Narkoticis,

nachher auflösende Pflaster (Emplastron diachylon des Menekrates

vergl. S. 323) anzuwenden. Rheumatische Affektionen sondert Galen

sorgfältig von der Arthritis. -- Den Krebs betrachtete Galen als

parasitisches Wesen.

•Nervenleiden[26].• Selbstverständlich werden von Galen jene

Affektionen, die in krankhafter Beschaffenheit des Nervensystems

ihre Ursache haben, nur zum Teile auf dasselbe zurückgeführt. --

Kopfschmerz wird durch Säfteanomalien, aber auch durch starke Gerüche,

den Genuß ungesunden Wassers oder durch das Eindringen von Luft

in die Venen hervorgerufen. Die chronische Form des Kopfschmerzes

hieß bei den Alten Cephalaea. Die Hemikranie kann primär oder aber

sekundär durch Unterleibsaffektionen bedingt sein, indem kranke

Säfte und Gase durch die Gefäße nach dem Kopfe gelangen, der Schmerz

selbst entstehe in den Hirnventrikeln. Schwindel ist gewöhnlich

cerebralen Ursprungs, könne aber auch vom Magenmund ausgelöst

werden, wenn die δὑναμις ζωτική in Mitleidenschaft gezogen werde.

Apoplexie, d. h. die mit Aufhebung des Bewußtseins verknüpfte

totale Bewegungs- und Empfindungslosigkeit beruhe auf Plethora

und Schleimanhäufung im Gehirn, sitze in den Hirnventrikeln und

in der Hirnsubstanz. Lähmung der Respirationsorgane führt den Tod

herbei. Nach dem eigentlichen Ablauf der „Apoplexie“ zurückbleibende

Lähmungen werden als ~Paraplegien~ bezeichnet. ~Hemiplegien~ (~das

Gesetz der Kreuzung~ ist Galen natürlich bekannt, vergl. Aretaios,

Rhuphos) und Gesichtslähmungen deuten auf den Krankheitssitz im

Gehirn, alle übrigen Lähmungen auf Erkrankungen des Rückenmarks oder

der Nerven. Spinale Lähmungen erfolgen durch Verletzung oder durch

„Phymata“ des Rückenmarks. Krämpfe werden durch Anämie oder Plethora

des Zentralnervensystems erregt. Die Facialislähmung wurde als

„Spasmus cynicus“ aufgefaßt. Epilepsie gehe aus der Verstopfung der

Gehirnhöhlen mit Schleim oder dem schwarzgalligen Saft hervor; ihren

Namen Krankheit des Herakles habe sie wegen der Gewalt des Leidens,

„Krankheit der Kinder“ hieß sie, weil die Epilepsie im Kindesalter

besonders häufig vorkomme. Die Behandlung bestand in der Vornahme

der Venäsektion am Fuße (namentlich im Frühling), in der Darreichung

des Theriaks und in diätetischen Maßnahmen. Eine eigene Abhandlung

Galens handelt über die verschiedenen Formen des Zitterns.

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 50 / 54 段