~Das Herz ist der Urquell der eingepflanzten Wärme, die

Bereitungsstätte des πνεῦμα ζωτικὸν und das Verteilungsorgan von

(Blut und) Lebensgeist.~ Der rechte und der linke Ventrikel bewegen

sich gleichzeitig, nur die diastolische Phase ist aktiv. Der rechte

Ventrikel[19] erwärmt das in ihm befindliche Blut und entsendet es

bei der Systole in die Venen, die Lungenarterie (φλὲψ ἀρτηριώδης)

führt der Lunge nur zum Zwecke der Ernährung Blut zu; der linke

Ventrikel[20] zieht während der Diastole Pneuma aus den Lungenvenen

an[21], bereitet den Spiritus vitalis, durchgeistigt mit demselben die

vom rechten Herzen empfangene Blutmenge und treibt das dunstartige,

vorwiegend aus Pneuma bestehende Gemisch bei der Systole in das

Arteriensystem. Das linke Herz ist bedeutend dickwandiger als das

rechte, damit es trotz seines luftartigen Inhalts an Schwere nicht

zurücksteht und solcherart das Gleichgewicht, die senkrechte Stellung

des ganzen Organs ermöglicht wird. Zwischen Arterien und Venen sind

insbesondere an ihren Enden verbindende Anastomosen (ähnlich den

Poren der Herzscheidewand) vorhanden, wodurch ein Teil des arteriellen

Pneuma auch in die blutführenden Venen dringen kann. Die Gesamtmenge

des Blutes dachte sich Galen sehr gering (namentlich bei Greisen),

im Arterien- und Veneninhalt scheint er eine rhythmische, auf- und

abwogende Bewegung vorausgesetzt zu haben, für seine von manchen

vermutete Kenntnis des Kreislaufs spricht keine Stelle. Da er in der

Bereitung des Lebensgeistes die Hauptaufgabe des Herzens findet --

deren Vollstreckung an die Atmung geknüpft ist --, mußte er zur Ansicht

kommen, daß die Herztätigkeit erst nach der Geburt beginnt. In der

galenischen Physiologie des Gefäßsystems zeigt sich die unheilvolle

Macht wissenschaftlicher Suggestionen und voreiliger Spekulationen

ganz besonders kraß, denn der Pergamener hatte es nicht daran fehlen

lassen, mittels der Beobachtung (an einem Knaben, dessen Sternum durch

Karies zerstört war), mittels zahlreicher Tierexperimente die Lösung

des Problems zu unternehmen, indem er die Bewegung des Herzens (auch

nach der Trennung von den großen Gefäßen) verfolgte, die Ventrikel auf

ihren Inhalt untersuchte u. s. w. Wohl beschrieb er die Herzbewegungen

ziemlich richtig, wohl stellte er (im Gegensatz zu den Erasistrateern)

fest, daß auch das linke Herz Blut enthalte, aber die fundamentalen

Wahrheiten entgingen ihm völlig, infolge seiner Voreingenommenheit

durch die Pneumatheorie und durch die Lehre von der Blutbildung in

der Leber. ~Und wie sehr es nicht auf das Experimentieren an sich,

sondern auf die unbefangene Deutung ankommt~, beweist am besten

die Tatsache, daß Galen die Lehre vom Arterienpuls gerade durch

einen vermeintlich exakten Tierversuch auf eine ganz falsche Fährte

brachte. Die rhythmische Tätigkeit des Herzens führte er gemäß den

allgemeinen dynamischen Prinzipien auf die ~δὑναμις σφυγμικὴ~ zurück;

es fragte sich nun, woher die Pulsation der Arterien stammt, ob sie

etwas Selbständiges oder von der Herzkraft Abhängiges vorstellt. Die

Vorgänger hatten eine oder die beiden Phasen der Pulsbewegung als

aktiven Vorgang erklärt oder sie ließen den Puls bloß passiv durch

den Andrang des Pneuma entstehen. Galen unternahm zur Entscheidung

der Frage folgendes Experimentum crucis. Er legte um die bloßgelegte

Arteria femoralis an zwei Stellen eine Ligatur an, worauf der Puls

verschwand. Sodann öffnete er das Gefäß zwischen den Ligaturen und

führte eine metallene Röhre ein; nach Lösung der Ligaturen trat der

Puls wieder auf. Zur Kontrolle wiederholte er den ganzen Versuch,

aber mit dem Unterschiede, daß er vorher noch eine dritte Ligatur

zentralwärts angebracht hatte. In diesem Falle blieb auch nach der

Entfernung der beiden unteren Ligaturen der Puls aus, woraus er schloß,

daß „die pulsierende Kraft gehindert werde, vom Herzen zur Arterie zu

gelangen“, daß also der Arterienpuls durch eine vom Herzen mitgeteilte

Kraft entstehe.

[19] κοιλία αιματική.

[20] κοιλία πνεῦματική.

[21] In den Lungen findet eine Reinigung, πέψις (Kochung), der Luft

statt.

Ersprießlicher war Galens Experimentalforschung in anderen Fragen[22],

namentlich aber hinsichtlich des Problems der ~Respirationsmechanik~.

Durch Versuche, welche in der Durchschneidung der Interkostalmuskeln

oder ihrer Nerven, Resektion einzelner Rippen, Durchtrennung

des Rückenmarks (Lähmung der Phrenici) bestanden und noch durch

Beobachtungen an penetrierenden Brustwunden ergänzt wurden, kam er

unter anderem zum Ergebnis, daß bei ruhiger Atmung hauptsächlich das

Zwerchfell, bei stürmischer aber außerdem die Intercostales tätig

sind, daß bei der Inspiration die Luft mechanisch in den erweiterten

Brustraum eindringe. Freilich ließ er sich auch auf diesem Gebiete

durch falsch gedeutete Experimente und Beobachtungen zur Annahme

verleiten, daß die Pleurasäcke (Aufblasen mittels einer Röhre)

normaliter mit Luft gefüllt seien, welche bei der Zusammenziehung und

Ausdehnung unterstützend wirke.

[22] Z. B. bezüglich der Fragen über die Austreibung der Speisen

aus dem Magen und über die Harnabsonderung durch die Nieren.

An der Atmung im galenischen Sinne ist neben den Lungen auch das

Herz und das ganze Arteriensystem beteiligt, indem das letztere

bei der Diastole noch Luft durch Haut aufnimmt, bei der Systole den

„Ruß“ durch die Haut ausscheidet (Perspiration). Puls und Respiration

dienen also dem gleichen Zwecke. Nach Galen ist bei der ~Verbrennung~

derselbe Bestandteil der Luft maßgebend wie beim Atmungsprozeß und er

hofft von der Zukunft, daß es gelingen werde, denselben zu entdecken.

Bewundernswertes leistete er in der ~experimentellen Nerven-, Gehirn-

und Rückenmarksphysiologie~, hier waren seine Leistungen wahrhaft

bahnbrechend. Die Durchtrennungen von Nerven oder des Rückenmarks

in verschiedenen Höhen lieferten sichere Ergebnisse hinsichtlich der

Fragen über die Entstehung und den Sitz gewisser Lähmungen, und selbst

die schichtenweisen Abtragungen des Gehirns (von Schweinen), welche

Galen vornahm, um die cerebralen Funktionen zu ergründen, bleiben

höchst anerkennenswert, wenn ihr Zweck auch nicht erfüllt wurde.

~Das Gehirn ist Sitz des Denkens~ (ψυχὴ λογιστικὴ), ~Zentralstätte

der Empfindung und Bewegung~, und diese Funktionen beruhen auf dem

~πνεῦμα ψυχικὸν~, welches aus dem feinsten Inhalt der Karotiden in

den Plexus chorioidei der Seitenventrikel bereitet wird. Zu Gunsten

der Pneumatheorie wendet Galen viel spekulativen Scharfsinn auf, um

anatomisch klar zu machen, welche Wege der „Seelengeist“ durchwandert,

und noch von größerem Nachteil für die Zukunft wurde es, daß er an der

alten Sekretionslehre festhielt, wonach die Unreinigkeiten (schleimige

Feuchtigkeiten) des Gehirns durch das Siebbein nach Nase und Gaumen

entweichen (die feineren Stoffe durch die Schädelnähte). Damit hängt es

auch zusammen, daß er den Geruch in die vorderen Hirnhöhlen verlegte

(Hinweis auf den Kopfschmerz, der durch starke Niesemittel erzeugt

werden kann).

Aus der galenischen ~Gehirn- und Rückenmarksphysiologie~ sei

folgendes erwähnt. Das Gehirn selbst ist empfindungslos, es besitzt

eine mit der Atmung zusammenfallende Bewegung, welche den Zweck hat,

das Pneuma aus den Hirnhöhlen in die Nerven zu treiben; die Meningen

dienen zur Befestigung, als Hülle und zur Vereinigung der Gefäße;

Druck auf das Gehirn erzeugt Sopor, Verletzung des vierten Ventrikels

oder des Anfangsteils des Rückenmarks wirkt tödlich. Der Sitz der

Seele ist in der Gehirnsubstanz, nicht in den Häuten gelegen. Das

Rückenmark ist Leiter der Empfindung und Bewegung, es ist gleichsam

das Gehirn der unterhalb des Kopfes liegenden Körperteile und

entsendet gleich Bächen die Nerven. Durchtrennung des Rückenmarks in

der Längsachse bewirkt keine Lähmung, Durchtrennung der Quere nach hat

gleichseitige Lähmung zur Folge, durchschneidet man das Rückenmark

zwischen drittem und viertem Halswirbel, so erfolgt Stillstand der

Atmung, geschieht dies zwischen Hals- und Brustwirbelsäule, so atmet

das Tier nur mehr mit dem Zwerchfell und den oberen Stammmuskeln.

Durchschneidung der N. recurrentes zieht Aphonie nach sich, solche

des fünften Halsnerven Lähmung der Skapularmuskeln. Die Ganglien

betrachtet er als Verstärkungsorgane der Nerven. Der aus Gehirn- und

Rückenmarksnerven zusammengesetzte Sympathikus ist die Ursache der

großen Empfindlichkeit der Bauchorgane. Das Nervenagens ist ähnlich

den Sonnenstrahlen, welche durch Luft und Wasser dringen.

In der Sinnesphysiologie spielt das Pneuma die Hauptrolle. Mit

glücklicher Phantasie spricht Galen bei der Erklärung des Hörens

davon, daß sich der Schall gleich einer Welle fortpflanze.

Was die ~Embryologie~ anlangt, so hat Galen unzweifelhaft tierische

Embryonen seziert (Beschreibung der Eihäute und des Gefäßverlaufs); da

er aber frühe Entwicklungsstadien nicht beobachtet, die Entwicklung

des Hühnchens im Ei nicht studiert, geschweige denn menschliche

Früchte untersucht hat, so bildet seine Darstellung ein Gemisch von

Wahrheit und Dichtung. Galen läßt die Frucht aus der Vermischung des

wärmeren männlichen und des kälteren weiblichen Samens hervorgehen,

ersterer überträgt den individuellen, letzterer den Artcharakter. Der

alte Irrtum, daß die Männchen rechts, die Weibchen links entstehen,

wird festgehalten. Das Menstrualblut bietet dem wachsenden Keim das

Nährmaterial. Sämtliche Organe lassen sich in zwei Gruppen scheiden,

in solche, welche aus der Samenflüssigkeit direkt, und in solche,

welche aus dem von den Uterusgefäßen zuströmenden Blut entstehen:

Alles was fleischartigen Charakter besitzt, ist aus Blut entstanden

(z. B. Leber und andere Eingeweide), alles Häutige (Häute, Nerven,

Gefäße und auch das Gehirn) aus dem Samen -- Partes sanguineae und

Partes spermaticae, die hämatogenen Gewebe sind regenerationsfähig,

die spermatogenen dagegen (mit Ausnahme der Venen) nicht. Galen

bekämpfte die Lehre, daß das Herz zuerst entstehe und erkannte

aus theoretischen Gründen der Leber den Primat zu. Die Bildung der

einzelnen Organe wird eingehend dargelegt. Hervorzuheben ist es,

daß Galen den Uebergang der Nabelvenen in die Pfortaderzweige und

der Arteriae umbilicales in die Arteriae iliacae ziemlich genau

beschreibt, das Foramen ovale mit seiner membranösen Klappe, den

Ductus Arantii und Ductus Botalli treffend schildert -- Tatsachen, die

später neu entdeckt werden mußten. Die ausschließliche Beschäftigung

mit Untersuchungen an Tieren führte zur Annahme zweier Nabelvenen

und der Kotyledonen beim Menschen. Die Allantois enthält den Harn

des Fötus, der Liquor Amnii ist seine Hautausdünstung. -- Die

Geburt erfolgt durch Uteruskontraktionen, die Bauchpresse und aktive

Erweiterung des Muttermundes, die Milchsekretion entsteht durch Druck

des vergrößerten Uterus auf die mit den Brustadern zusammenhängenden

Unterleibsgefäße.

Trotz der Unklarheiten, die immer halbwahren oder irrigen

Ideen anhaften, schließen sich im großen und ganzen die

anatomisch-physiologischen Einzelfakten, wie sie der Pergamener ansah,

zu einem abgerundeten Bilde.

Zweckmäßigkeit, die sich im Bau und in den Lebenserscheinungen

kundgibt, beherrscht als gestaltende Seele das Getriebe des Organismus;

die ihr untergebenen Kräfte bestimmen die Richtung und das Maß der

stofflichen Wandlungen; die Struktur ist schon im vornhinein den

physiologischen Funktionen angepaßt, der Atmungsprozeß, welcher das

Pneuma zuführt und die Körperwärme temperiert, setzt das Leben in

Gang. Das von außen zugeführte Pneuma, die eingepflanzte Wärme und

die vier Kardinalsäfte konstituieren den menschlichen Körper; Leber,

Herz und Gehirn sind die Bildungsstätten der Spiritus naturales,

vitales und animales, die Quellen des Blutes, der Wärme, des

Bewegungs- und Empfindungsvermögens; die Venen als Wege des Blutes,

die Arterien als Leiter des Pneuma, die Nerven als Werkzeuge der

Mobilität und Sensibilität verknüpfen die Zentren mit der Peripherie;

jeder Körperteil ist in seiner Aktion an die Harmonie des Ganzen

gebunden, entzieht selbsttätig mit spezifischer Attraktionskraft dem

vorüberströmenden Nährmaterial jene Substanzen, die ihm zum Aufbau

nötig sind[23]; bei jeder der drei Digestionen im Darm (Chylosis),

in der Leber (Hämatosis), im Blute und in den Organen (Homoiosis)

werden besondere zur Ausscheidung bestimmte Auswurfstoffe (wozu

die Exkremente, die schwarze Galle, der Urin, der Schweiß gehören)

gebildet.

[23] Die Wahlanziehung, die spezifische Ernährung der einzelnen

Körpergebilde kommt durch die spezifische Attraktion zu stande,

vermöge welcher jeder Teil aus dem vorbeiströmenden Nahrungssaft

das Passende anzieht. Die Verteilung der resorbierten Stoffe

im ganzen Körper erfolgt aber mechanisch durch den Horror vacui

(Erasistratos) und die vis a tergo (Druck und Druckdifferenz).

Der ganze Organismus, sagt Galen, ist von Spalten durchzogen,

welche, gleich Kanälen, den Nahrungssaft verteilen; die

anliegenden Teile ziehen das Nährmaterial an sich und geben

den Ueberschuß wieder ab.

Im Sinne Galens ist ~Leben~ nichts anderes als die ~Summe der durch

die Einflüsse der Außenwelt erzeugten und unterhaltenen organischen

Bewegungen, der Inbegriff der Funktionen~. Das harmonische Spiel der

Organfunktionen kann aber nur dann stattfinden, wenn die stoffliche

Zusammensetzung normal ist. ~Die Symmetrie der Konstitution, die

normale Mischung der Grundbestandteile und ihrer Qualitäten bildet

daher die Voraussetzung der Gesundheit.~ Eine vollkommen gleichmäßige

Mischung wäre das Ideal. Aeußere Einflüsse, Lebensweise, Alter,

Geschlecht und Individualität erzeugen aber ein stetes Schwanken

um die Gleichgewichtslage, bedingen eine vorübergehende mehr oder

minder starke Präponderanz eines oder des anderen der vier Humores

(vier Temperamente, sanguinisches, cholerisches, phlegmatisches,

melancholisches), so daß der Mensch, streng genommen, immer in einer

Intemperies gewissen Grades (Idiosynkrasie) lebt. Solange sich dieselbe

nicht durch Funktionsstörung oder Schmerz bemerkbar macht, solange

Wohlbefinden, ~Euexie~, besteht, darf im konkreten Falle von Gesundheit

gesprochen werden; dieser Zustand beruht auf dem normalen Verhältnis

der festen zu den flüssigen Teilen. Veränderung in der Zusammensetzung

der flüssigen oder in dem Verhalten der festen Teile, d. h. die daraus

resultierende ~Funktionsstörung macht das Wesen der Krankheit aus~.

Formell spitzfindig, doch gewiß unter Eindrücken aus der ärztlichen

Erfahrung unterscheidet Galen zwischen Gesundheit und Krankheit einen

labilen Zustand und definiert daher die Medizin folgendermaßen:

ἰατρικη ἐστιν ἐπιστήμη ὑγιεινῶν καἰ νοσωδῶν καἰ οὐδετέρων. Ein

sehr wichtiger Fortschritt im medizinischen Denken war es jedenfalls,

daß Galen die Bedeutung der die Krankheitsentstehung vorbereitenden

Uebergangszustände erkannte, den Wert der (durch die Konstitution,

das Temperament, resp. Intemperies gegebenen) •Krankheitsdisposition•

voll erfaßte und zuerst deutlich aussprach.

In der ~Pathologie~ Galens sind nach Abschleifung der Gegensätze

alle jene Anschauungen vereinigt, die vorher extrem und einseitig

verteidigt worden waren. An die Spitze ist freilich die ~Humoral- und

Qualitätentheorie~ gestellt, neben welcher die ~Pneumalehre~ und die

Theorie der ~Plethora~ (Erasistrateer) zur Geltung gelangten, aber

nichtsdestoweniger wird auch der lokalpathologische, ~anatomische~

Standpunkt, ja selbst das ~Striktum oder Laxum~ der verhaßten

Methodiker gebührend berücksichtigt. ~Die Krankheiten zerfallen 1.

in Krankheiten der vier Humores~ (Schleim, Blut, gelbe und schwarze

Galle), ~2. in solche der gleichartigen Teile~ (Gewebe), ~3. in

Organkrankheiten~ (Lokalpathologie). Die Krankheiten der gleichartigen

Teile können entweder in einem Mißverhältnis der ~Qualitäten~

(Vorwalten des Warmen, Kalten, Feuchten, Trockenen) oder in abnormen

mechanischen Verhältnissen, d. h. Erschlaffung (~Laxum~) bezw. erhöhter

Spannung (~Striktum~) bestehen. Die Organkrankheiten beruhen auf

Veränderungen des Baues, der Zahl, des Umfangs, der Lage oder auf

Trennung des Zusammenhangs der Organe.

Galen modifizierte, in Gefolgschaft der Pneumatiker, die hippokratische

Krasenlehre insoferne, als er, je nachdem bloß eine oder aber zwei

Qualitäten (Elemente) in Form der korrespondierenden Kardinalsäfte

vorherrschen, ~acht Dyskrasien~ unterschied, nämlich die warme, die

kalte, die feuchte, die trockene, die warm-feuchte, die warm-trockene,

die kalt-feuchte und die kalt-trockene Dyskrasie (vergl. S. 330).

Bedeutsam war es ferner, daß er der ~qualitativen~ (Verderbnis,

Fäulnis) ~und quantitativen~ (Plethora) ~Anomalie des Blutes~ eine weit

höhere Rolle als den Abnormitäten der übrigen Kardinalsäfte einräumte,

~wodurch der Uebergang der Humoralpathologie in die Hämatopathologie

angebahnt wurde~. Die ~Pneumatheorie~ ist z. B. in der Lehre vom Fieber

und von der Entzündung verwertet.

Mit starker Anlehnung an die feine Begriffsdistinktion der

Stoiker-Pneumatiker (vergl. S. 331) brachte der systematische Denker

von Pergamos Ordnung in die Lehre vom ~Krankheitsprozeß~ und in die

~Aetiologie~, was sehr nötig war, weil man häufig in ganz verwirrender

Weise entferntere und nähere Krankheitsursachen zusammenwarf

oder Krankheitssymptome mit den eigentlichen Krankheitsvorgängen

verwechselte. Zum Zustandekommen von Krankheiten gehört die Einwirkung

äußerer Schädlichkeiten, Gelegenheitsursachen (αἰτίαι προκαταρκτικαὶ)

auf die schon vorhandene Disposition (prädisponierende Ursachen);

der Inbegriff aller krankhaften Vorgänge heißt διάθεσις. ~Bei der

Krankheit, welche im Grunde immer eine abnorme Bewegung darstellt, ist

viererlei zu sondern~: 1. ~die unmittelbaren Ursachen der abnormen

Bewegung~ (z. B. absolute und relative Plethora, Säftemangel,

Säfteverderbnis, αἰτίαι προηγουμέναι), 2. die abnormen Bewegungen

selbst, d. h. ~die Störung der vitalen Vorgänge~ (πάθος), 3. die

hiervon ausgehenden (nutritiven) Wirkungen in den kranken Teilen, ~die

Krankheit im engeren Sinne~ (νόσημα), 4. ~die Symptome~. Letztere sind

teils unmittelbare Funktionsstörungen, teils Folgeerscheinungen (z. B.

Fieber), teils Veränderungen in den Sekretionen und Exkretionen; nach

einem anderen Prinzip scheiden sie sich in wesentliche (παθογνωμονικά)

und nebensächliche, erstere sind der Ausdruck des krankhaften

Grundzustandes, letztere werden durch die Art, die Heftigkeit etc.

der Krankheit hervorgebracht.

Es gibt ganz akute, akute und chronische (κατόξεα, οξεα, χρόνια)

Affektionen, diese entspringen zumeist aus Fehlern des Schleims und

der schwarzen Galle, jene aus Anomalien des Blutes und der gelben

Galle. Die Krankheitsstadien sind der Anfang (ἀρχή), die Zunahme

(ἐπίδοσις), der Höhepunkt (ἀκμή) und die Abnahme (παρακμή), jedoch

werden dieselben nicht unter allen Verhältnissen beobachtet (vergl.

S. 333). Galen hat also -- in Berücksichtigung der chronischen Leiden

-- die alte hippokratische Einteilung der Krankheit in die Stadien

der Roheit, Kochung und Krise aufgegeben; dazu steht es jedoch nicht

im Gegensatz, daß er die Kochung der Säfte, die Krisis und Lysis

verteidigte. Insbesondere bildete er ~die Lehre von den kritischen

Tagen~ zu einem ganzen System aus, welches von nun an für lange Zeit

herrschend blieb. ~Als wichtigster unter den kritischen Tagen galt

ihm der siebente.~

Die Lehre von den kritischen Tagen war im Corpus Hippocraticum

(vergl. S. 209) noch zu keinem Abschluß gekommen, wenn auch in den

Aphorismen die ~ungeraden~ Tage schon bevorzugt werden. Dort finden

sich bereits Angaben über die Erkennungstage, die späteren „dies

indicativi“, namentlich über den 4., der die Krisis am 7. Tage

anzeigt, weiter über den 11., der den 14., über den 17., der den 20.

als den kritischen vorherverkündigt. Für akute Krankheiten wird bald

der 14. bald der 40. Tag als äußerster Endtermin der Entscheidung

angegeben. In der nachfolgenden Literatur treten teils Verteidiger,

teils Bekämpfer der kritischen Tage auf, insbesondere Asklepiades und

die Methodiker verwarfen die ganze Lehre, da an jedem Tage die Krise

eintreten könne. Celsus spottet über die zahlenmäßigen Aufstellungen

und weist manche Widersprüche nach, den 20. Tag läßt er in seinem

Bericht über die Angaben der „antiqui“ ganz weg, er spricht nur vom

21. als überlieferten kritischen Tag. Galenos erklärt den 7. Tag als

jenen, an welchem die gewaltigsten und günstigsten Entscheidungen

zu stande kommen, der 4. kündigt ihn vorher an, durch das Verhalten

des Urins, des Sputums, der Stuhlentleerung u. s. w. Am 6. Tage sind

Krisen selten und meist verhängnisvoll, was Verschlimmerungen des

Krankheitszustandes am 4. Tage andeuten. Die Eigentümlichkeiten des

7. Tages habe auch der 14. Tag, am nächsten stehen ihnen der 9., 11.,

20., weiter der 17. und 5. Tag, endlich der 4., 3. und 18. Tag. Mit

dem 6. steht kein anderer Tag im Vergleich, doch sind noch der 8.

und 10. Tag in ähnlicher Weise verderblich. Den 20. und 27. (nicht

den 21. und 28.) hält er ebenso wie Hippokrates für kritisch, weiter

den 34. und stärker noch den 40., daneben kommen, wenn auch weniger,

der 24. und 31., endlich der 37. Tag in Betracht; alle anderen Tage

zwischen dem 20. und 40. können nicht als kritische gelten. Nach dem

40. Tage kommen heftige Krisen überhaupt nicht mehr vor und auch

leichtere nur selten, höchstens sind der 60., 80. und 120. Tag zu

berücksichtigen. Die Vorhersage der kritischen Tage stützt sich auf

Konstitution, Alter, Jahreszeit, Kräftezustand, Puls. Galen kam zu

seinen Aufstellungen auf Grund des eigenen und des von Hippokrates

überlieferten Beobachtungsmaterials.

Im 4. hippokratischen Buche „Ueber die Krankheiten“ (Kap. XV)

wird als Ursache der Krankheitsentscheidungen an ungeraden Tagen

der Umstand angeführt, „daß der Körper an den geraden Tagen aus dem

Magen Feuchtigkeit anzieht, an den ungeraden Tagen hingegen an ihn

abgibt“. Galen sucht den Grund der zahlenmäßigen Gesetzmäßigkeit

des Krankheitsverlaufs nicht in den Zahlen an sich (Pythagoreer),

sondern in dem ~Einfluß der Himmelskörper~; der Mond ist für die

akuten, die Sonne für die chronischen Affektionen das Bestimmende.

„Alles Irdische wird nicht durch die Zahlen, sondern durch den Mond

beeinflußt.“ Hierbei haben Neumond und Vollmond den größten, die

anderen Mondesphasen geringeren Einfluß; nebstdem zieht Galen auch die

Stellung des Mondes in den einzelnen Tierkreiszeichen in Betracht. Er

erklärt ausdrücklich, daß er die Ansicht der ägyptischen Astronomen

über den Einfluß des Mondes auf Kranke und Gesunde als wahr erkannt

habe. Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß der Schöpfer

des geozentrischen Systems, Ptolemaios, die Lehre von den kritischen

Tagen zum Nachteil der späteren Medizin in das astrologische Gebiet

hinübergeführt hat. Es heißt bei ihm: „Bei den Kranken betrachte die

kritischen Tage und den Lauf des Mondes in den Winkeln einer Figur

von 16 Seiten; findest du diese Winkel günstig bestellt, wird's

dem Kranken gut gehen, schlecht dagegen, wenn schlimmere Zeichen

herrschen.“

Der koischen Schule nacheifernd, pflegte Galen die ~Prognostik~

in besonderem Maße, und nicht den geringsten Teil seines Rufes als

Praktiker dankte er richtigen Vorhersagungen; die Krankengeschichten,

die er mitteilt, bezwecken vornehmlich sein überragendes Können

auf diesem Gebiete ins volle Licht zu setzen. Dabei stellte er die

prognostischen Aussprüche des Corpus Hippocraticum als unfehlbar hin

und suchte -- entgegen dem Geiste des großen Koers, der auch seine

Irrtümer einbekennt -- alle Widersprüche spitzfindig zu beschönigen.

Seine anatomischen Kenntnisse und seine aufs Exakte hinzielende

Denkrichtung drängten ihn aber dazu, die Prognostik, wo es möglich

schien, wissenschaftlich zu begründen, d. h. auf die ~Diagnostik~ zu

stützen.

Die galenische Semiotik verwertet die meisten Beobachtungs- und

Untersuchungsmethoden, die das Altertum ausgebildet hat; besonderer

Nachdruck wird aber namentlich auf die ~Pulsuntersuchung~ und die

~Harnschau~ gelegt; letztere ist bereits sehr subtil ausgestaltet.

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 49 / 54 段