ausführlichsten in der Schrift περὶ ἀποδείξεως, welche leider verloren
gegangen ist. Er erklärte das ~Euklidische~ Beweisverfahren für
das beste. Aus diesem Grunde fordert er vom Arzt und Philosophen
eine ~mathematische~ Vorkenntnis; wie oben erwähnt, besaß er selbst
eine solche Vorbildung in besonderem Maße dank dem Unterrichte
seines Vaters. Analog dem geometrischen Verfahren wollte er eine
allgemeine ~wissenschaftliche Methode~ begründen, ~welche ihre
Prinzipien aus der sinnlichen Wahrnehmung und aus der unmittelbaren
Gewißheit des Verstandes entnimmt und daraus ihre Schlüsse zieht~.
Grundlagen sind also ~πεῖρα~ und ~λόγος~, von ihnen sagt er, daß sie
~δύο άπάσης εύρέσεως ὄργανα~ seien. Scheinbar stimmt dies mit der
hippokratischen Vorschrift zusammen; der wichtige Unterschied liegt
aber darin, daß der koische Arzt nur den auf breiter Erfahrungsbasis
(induktiv) erworbenen Verstandesschluß zuläßt, jedoch die nicht von
Sinneswahrnehmungen, sondern nur von einer plausiblen Vorstellung
ausgehende Ueberlegung verwirft (vergl. S. 194). Galen hingegen
kennt neben der Sinneserfahrung auch eine unmittelbare Gewißheit
des Verstandes, wozu Axiome des common sense und Ueberzeugungen
gehören, welche sich der wissenschaftliche Forscher gebildet hat.
Freilich bilden Versuche und Erprobungen ein Kriterium, dennoch aber
wird dem λόγος und damit der deduktiven Methode eine überragende
Stellung eingeräumt, wie sie dem echten Hippokratismus widersprach.
~Galen verkennt völlig den gewaltigen Unterschied, der zwischen
den mathematischen und den empirischen Wissenschaften besteht~,
er hypostasiert auch in den letzteren Axiome a priori, und daraus
erklären sich alle die gewaltigen Fehlschlüsse, zu denen er mit seiner
„geometrischen“ Methode in der Medizin gelangen mußte. Auf manchen
umschriebenen Gebieten allerdings, wo die Anatomie genügende Basis
lieferte oder physikalische Gesetze den Ausgangspunkt bildeten, konnte
er mit der Deduktion Erfolge haben. Die wissenschaftliche Methode
der Medizin hat nach Galen ihren ~Ausgangspunkt von den sinnlich
wahrnehmbaren Phänomen, den Symptomen~, zu nehmen (~Autopsie~).
Jedoch handelt es sich darum, nicht wahllos die Symptome zu
beobachten, sondern bloß jene, die auf die ~Krankheitsursache~, ~den
Krankheitssitz~ und ~den allgemeinen Kräftezustand~ hindeuten; ~aus
der Kenntnis der Krankheitsursache ergibt sich das Heilverfahren;
aus der Kenntnis des Krankheitssitzes die Art der Applikation;
aus der Berücksichtigung des allgemeinen Kräftezustandes der Grad
der anzuwendenden Mittel~. Weiterhin hat man auch die ~ἱστορία~,
d. h. die früheren und fremden Erfahrungen heranzuziehen und zu
therapeutischen ~Analogie~schlüssen zu verwerten, jedoch ist auch
hier das Wesentliche vom Unwesentlichen zu sondern, da nur bei
gleichen Hauptsymptomen das gleiche Heilverfahren einzuschlagen ist.
Man sieht deutlich, daß Galen den „Dreifuß“ der Empiriker für den
dogmatischen Standpunkt ummodelt (vergl. das Kapitel Die Schule der
Empiriker). Die wissenschaftliche Methode legt ferner auch auf die
~Indikationen~ besonderes Gewicht, aber nicht in dem Sinne wie die
Methodiker, welche ihre Heilanzeigen bloß dem Grade des strictum oder
laxum entnahmen. ~Der Mannigfaltigkeit der Krankheiten entspricht eine
ebensolche Mannigfaltigkeit der Mittel; die Anwendung hat nach dem
Grundsatz Contraria contrariis zu geschehen.~ Im Prinzip bildet diese
streng logische Methode gewiß das Ideal der Medizin aller Zeiten, ein
Ideal, dem sie sich nur sehr langsam nähert. ~Galen und alle späteren
Systemschöpfer bis an die Schwelle der Gegenwart verkannten, daß eine
rein kausale Therapie entsprechend dem Stand der Hilfswissenschaften
nur auf einem sehr umschriebenen Felde durchzuführen ist, und daß
sich die Medizin, solange die exakte Wissenschaft nicht zureicht,
einstweilen mit einem provisorischen, kritischen Empirismus begnügen
muß, wie ihn Hippokrates empfahl.~
Galen nahm wohl die Prinzipien der Dogmatiker an, aber er wahrte seine
Selbständigkeit als Kritiker und Forscher, indem er einerseits der
rationalistischen Medizin eine unvergleichlich breitere Grundlage
durch Ausbau der Hilfswissenschaften gab, anderseits auch die
Errungenschaften und Ideen der übrigen Schulen nicht außer acht ließ.
In seinem Systeme können daher Elemente verschiedenster Herkunft
nachgewiesen werden.
Wie es öfters im Laufe der Geschichte unserer Wissenschaft geschah,
knüpfte der Reformator von Pergamos an ~Hippokrates~ an, oder richtiger
gesagt an das Corpus Hippocraticum. Diese Schriftensammlung machte er
zum Gegenstand geistvoller Kommentare, wobei er auf das Theoretische
unverhältnismäßig das Schwergewicht legte. Wiewohl er dem Hippokrates
die größte Verehrung zollte und die Gegner desselben geradezu für
unwissende Menschen oder für spitzfindige Dialektiker ohne gesunden
Menschenverstand erklärte, wiewohl er dem großen Arzte von Kos in
der Praxis, namentlich in der ~Prognostik~ nachzueifern bemüht war,
so zeigt doch gerade die Art, wie Galen den Hippokratismus auffaßte,
so recht, daß die naive naturwahre Beobachtung inzwischen einer
gekünstelten, pedantisch subtilen Gelehrsamkeit das Feld geräumt hatte,
und daß man in der überfeinerten Epoche der Cäsaren längst nicht
mehr so zu schauen und zu sehen im stande war, wie im Zeitalter des
Perikles. Das Wissen und das Können war beträchtlich gewachsen, aber
die Weisheit, das unabhängige, von jedem äußeren Zwange freie Denken
hatte bereits beträchtliche Einbuße erlitten.
Das galenische System gründet sich auf ~naturphilosophische
Spekulationen~, ~anatomische Untersuchungen~, ~physiologische
Experimente~ und ~klinische Beobachtungen~, wobei jedoch zu beachten
ist, daß diese Methoden nur in sehr ~ungleichem Ausmaße~ zur Geltung
gelangen.
Im schärfsten Gegensatz zum Atomismus räumt Galen sowohl den ~Kräften~
als den ~Grundstoffen~ und ~Qualitäten~ die gleiche Bedeutung ein;
die axiomatische Voraussetzung seiner Lebenstheorie bildet die
~Zweckmäßigkeit~ aller Naturvorgänge, deren Nachweis im einzelnen eine
Hauptaufgabe der Forschung ausmacht.
Träger des Lebens und der vitalen Kräfte, welche den Stoff beherrschen,
ist das ~Pneuma~. Entsprechend den drei Grundformen des Lebens, dem
psychischen, animalischen und vegetativen, bezw. den drei Grundkräften
~δύναμις ψυχικὴ~, ~δ. ζωτικὴ~ und ~δ. φυσικὴ~ entfaltet sich das
Pneuma in dreifacher Weise, nämlich als psychisches, animalisches und
natürliches. Das ~πνεῦμα ψυχικὸν~ sitzt im Gehirn und verbreitet sich
auf dem Wege des Nervensystems; das ~πνεῦμα ζωτικὸν~ wird vom Herzen
und den Arterien vermittelt, es manifestiert sich im Pulse, weshalb
die zugehörige vitale Grundkraft (δύναμις ζωτική) auch als ~δύναμις
σφυγμικὴ~ bezeichnet wird; das πνεῦμα φυσικὸν hat zum Organ die Leber
und die Venen. Die Tatsache, daß sich das psychische, animalische
und vegetative Leben wieder in verschiedene Funktionen sondern läßt,
findet darin ihren Ausdruck, daß den Grundkräften noch Unterkräfte,
mit schärfer umschriebener Wirkungssphäre, subordiniert sind; so
kommt z. B. die Verdauung, die Ernährung, das Wachstum der einzelnen
Organe, die Absonderung, durch Partialkräfte zu stande, wovon die
~anziehende~ (δύναμις ἑλκτική), die ~anhaltende~ (δ. καθεστική), die
~umwandelnde~ (δ. ἀλλοιωτική), die ~austreibende~ (δ. πρωστική), die
~absondernde~ (δ. ἀποκριτική) Kraft zu unterscheiden sind. Jedes Organ
besitzt sein Eigenleben und seine ~besondere~, nur ihm ~eigentümliche~
Kraft, welche die spezifischen Wirkungen hervorbringt; sie ist nicht
weiter erklärbar und wohnt der ~ganzen Substanz~ inne. Der Ablauf der
Lebenserscheinungen und die Funktion der vitalen Kräfte ist bedingt
durch unausgesetzte Erneuerung des Lebenspneuma. Die Erneuerung erfolgt
durch Aufnahme desselben aus der Luft auf dem Wege der Lungen sowie
auf dem Wege der Hautporen und Arterien, d. h. durch die Atmung.
Der teils auf platonisch-aristotelische, teils auf stoische Prinzipien
zurückgehenden ~dynamischen~ Anschauung tritt die ~stoffliche~ Analyse
zur Seite, welche einerseits auf naturphilosophischen, anderseits auf
anatomischen Vorstellungen beruht.
•Ebenso wie in den übrigen Systemen der Antike wird auch in dem
galenischen die Idee der Korrespondenz zwischen Makrokosmus und
Mikrokosmus durchgeführt.• ~Den vier Elementen, Feuer, Wasser, Luft
und Erde, bezw. den vier ersten Qualitäten, dem Warmen, Kalten,
Feuchten und Trocknen, entsprechen die vier Kardinalsäfte, das Blut,
der Schleim, die gelbe und die schwarze Galle.~ Im Blute sind die
Grundstoffe gleichmäßig gemengt, es wird durch die ersten Qualitäten
hervorgebracht, in den drei übrigen Säften überwiegt ein Element,
und zwar im Schleim das Wasser, in der gelben Galle das Feuer, in
der schwarzen Galle die Erde. Die sinnlich wahrnehmbaren, sogenannten
zweiten Qualitäten, d. h. die verschiedenen Arten des Geschmacks, des
Geruchs, der Härte und Weichheit, der Nässe und Kälte, der Wärme und
Trockenheit sind die Folge der verschiedenen Mischung der Elemente
(bezw. der ersten Qualitäten). Mischung ist Bewegung; das Produkt der
Mischung, der endliche Gleichgewichtszustand heißt das ~Temperament~.
Vom anatomischen Gesichtspunkte lassen sich die Gebilde des Körpers
sondern: in gleichartige und ungleichartige (ὁμοιομερῆ καἰ ἀνομοιομερῆ)
Teile. Zu den ersteren gehören die Bänder, Sehnen, Knochen, Nerven
und Blutgefäße, zu den letzteren die Organe. Jedes Körpergebilde hat
sein Temperament; die roten, warmen, mehr weichen und feuchten Teile
entstammen dem Blute, die weißen, kalten, soliden und trockenen dagegen
dem Samen.
Hinsichtlich der Frage, ob die vom Pneuma getragenen, an die
Grundstoffe gebundenen, vitalen Kräfte etwas Primäres sind oder
bloß das Resultat der Mischung darstellen, schwankt Galen. Ebenso
hält er auch das Problem der Seele unlösbar, doch ist er wegen der
großen Abhängigkeit des Psychischen von physischen Verhältnissen eher
zur Annahme geneigt, daß die seelischen Funktionen das Produkt der
elementaren Mischung ausmachen. Hiermit hängt auch die Dreiteilung
der Seele zusammen. Das Vermögen, zu schließen (ψυχὴ λογιστική),
sitzt im Gehirn, das Gemütsleben (ψ. θυμοείδης) im Herzen, das
Begehrungsvermögen (ψ. έπιθυμητική) in der Leber.
Die Anwendung dieser allgemeinen Ideen auf die Theorie des gesunden
und kranken Lebens erheischte als Ergänzung direkte Untersuchungen
über den Bau und die Funktionen des menschlichen Körpers.
Galen, der Schüler der Alexandriner, der Nachfolger trefflicher Meister
der Zergliederungskunst, namentlich des ~Marinos~, hat sich zeitlebens
mit der Anatomie beschäftigt, die schon vor ihm bekannten Tatsachen
zusammengefaßt, manches verbessert und nicht wenig Neues gefunden.
Seine ~Anatomie~ blieb maßgebend für viele Jahrhunderte, leider war
sie aber vielfach unrichtig und zwar, abgesehen von der technischen
Unvollkommenheit und Ungenauigkeit, aus zwei Gründen. Erstens stützte
sie sich lediglich auf die Zergliederung von Tieren, deren Ergebnisse
Galen kurzweg auf den Menschen übertrug, zweitens wurde sie nicht
unbefangen betrieben; sie bildete nicht den Ausgangspunkt für die
Physiologie, sondern mußte sich mehr oder minder gewaltsam der
physiologischen Spekulation fügen. Darum finden sich in der galenischen
Anatomie neben vortrefflichen Beschreibungen z. B. der Knochen und
ihrer Verbindungen, der Bänder, zahlreicher Muskeln (auch Kaumuskeln,
Muskeln der Wirbelsäule, Platysma myoides, Interossei, M. popliteus,
Ursprung der Achillessehne etc.), des Herzens und der Gefäße, des
Nervensystems (Teile des Gehirns, Gehirnnerven, Verlauf des Facialis,
Verbindung desselben mit dem Trigeminus, Vagus, Rami recurrentes) -
sehr viele Fehler, z. B. Os incisivum, Rete mirabile, Poren in der
Herzscheidewand, vier Leberlappen, doppelter Gallengang, Zweihörnigkeit
des Uterus etc.
Zur Untersuchung menschlicher Körper fand sich für die Forscher
nur höchst selten Gelegenheit. Galen selbst war nur zweimal durch
Zufall in den Besitz menschlicher Skelette gelangt, einmal handelte
es sich um einen Leichnam, der durch einen Fluß aus seinem Grabe
herausgeschwemmt worden war, das andere Mal um die Leiche eines
erschlagenen Räubers. Die Erlaubnis, getötete feindliche Krieger
sezieren zu dürfen, kam der Wissenschaft kaum zu gute, da die
technisch ungenügend vorgebildeten Aerzte, welche das römische Heer
begleiteten, aus den Sektionen keinen Gewinn zu ziehen vermochten.
Galen sezierte vorzugsweise solche Affenarten, die dem Menschen
ähnlich sind, sodann Bären, Schweine, Einhufer, Wiederkäuer, einmal
einen Elefanten, außerdem Vögel, Fische und Schlangen. Er benützte den
Befund von menschenähnlichen Tieren skrupellos für die menschliche
Anatomie; bei der Beschreibung des menschlichen Darmkanals erlaubte
er sich einen Kompromiß zwischen dem Verhalten desselben bei
Fleisch- und Pflanzenfressern, das Rückenmark ließ er bis an das
Ende des Wirbelkanals ziehen u. s. w. Galen empfahl ausdrücklich
ein fleißiges, planmäßiges Studium der Anatomie, „die man nicht
allein aus Büchern oder durch flüchtiges Anschauen erlernen könne“;
er erklärte das anatomische Wissen für eine wichtige Grundlage der
Medizin und namentlich der Chirurgie, meinte aber, daß nicht das
mechanische Präparieren als solches, sondern die topographische und
physiologische Betrachtung die Hauptsache ausmache. Er blieb nie bei
den reinen Tatsachen stehen, sondern trug mit Vorliebe Spekulationen,
vergleichende Gesichtspunkte, Analogieschlüsse in die Anatomie,
wobei er allerdings manchmal treffende Gedanken hatte; dahin gehört
z. B. die Behauptung, daß die Netzhaut und der Olfactorius Teile des
Gehirns darstellen, daß die männlichen und weiblichen Genitalorgane
einander entsprechen (auch den Nebenhoden sollte ein fiktives Organ
entsprechen).
~Osteologie.~ Unterscheidung markhaltiger und markloser Knochen,
Kenntnis der Apophysen, Epiphysen, Diaphysen, des Periosts. Zwei
Arten von Gelenksverbindung: Diarthrose und Synarthrose (mit
Unterabteilungen), Knorpel, Bänder. Schädel als Ganzes betrachtet
(Beschreibung nach dem Tierskelett). Kenntnis der Bestandteile und
Nähte (Gesichtsteil ungenauer, Annahme eines Zwischenkieferknochens).
Trotz mancher Mängel im ganzen gute Schilderung des Knochensystems
und der Gelenke. ~Myologie~: Fortschritte gegenüber den Vorgängern,
Einführung einiger neuer Benennungen (Platysma myoides [von Galen
entdeckt], Deltoideus, Diaphragma, Interkostalmuskeln, Bauchmuskeln);
Beschreibung der Muskeln des Kopfes, Halses, Brustkorbs, des
Psoas, der Kremasteren, des Sphincter ani, eines Blasenmuskels;
flüchtige Schilderung der Rücken- und Gliedermuskeln (doch werden M.
interossei, M. popliteus, Insertion der Achillessehne angegeben).
~Angiologie~: Die Verzweigung der Venen (auch das Pfortadersystem)
wird eingehend und richtig geschildert, oberflächlicher ist dagegen
die Beschreibung der Arterien. Das Herz (Ursprungsstätte der Arterien)
gilt als muskelähnliches, nervenloses Gebilde; Perikard, Klappen,
Sehnenfäden und Kranzadern, das Foramen ovale des fötalen Herzens
sind Galen bekannt. Hingegen kennt er die Venenklappen nicht und
legt auch der Carotis des Menschen ein Rete mirabile bei. Die Venen
sollen nur aus einer Haut bestehen (den Arterien werden bereits
drei Häute zugeschrieben). ~Neurologie~: Beim Gehirn (das mit der
Dura und Pia mater bekleidet ist) sind als Teile zu erkennen: der
Balken, die beiden Vorderkammern, der 3. und 4. Ventrikel mit Aquaed.
S. Fornix, Vierhügel, Zirbeldrüse, Proc. cerebelli, Wurmfortsatz,
Calam. scriptor., Trichter, Hypophysis und Infundibulum. Die
Nerven zerfallen in weiche, harte und in solche von mittlerer
Beschaffenheit; die weichen (~Empfindungsnerven~) entspringen aus
dem Gehirn, die harten (~Bewegungsnerven~) aus dem Rückenmark, die
übrigen (gemischten) aus dem verlängerten Mark[18]. Von Gehirnnerven
werden sieben Paare beschrieben: I. der Sehnerv (Chiasma bekannt),
II. Augenmuskelnerv, III. der „weiche“ Nerv, 1. Ast (von Galen
entdeckt) für Kaumuskeln und Zahnfleisch, 2. Ast „Geschmacksnerv“,
IV. „Gaumennerv“. V. zerfällt in den Acusticus und in einen Nerv für
das Platysma myoides, VI. zerfällt in den Vagus (mit dem von Galen
entdeckten ~Recurrens~), in den Accessorius und in einen Ast für die
Schulterblattmuskeln, VII. Zungenmuskelnerv. Der Olfactorius gilt
nicht als Nerv, sondern als Fortsetzung des Gehirns: Abducens und
Patheticus sind unbekannt. Verlauf des Vagus und Sympathicus verworren
geschildert, dagegen Verlauf der Recurrentes, der Ansa Galeni und
die Ganglia cervical. sup. et infer. coeliac. gut beschrieben. Von
den Spinalnerven (50 oder 60) sind nur die 8 Halsnerven genauer, die
übrigen flüchtig angeführt; die Hals- und Lendenanschwellung, die
Spinalganglien sind nicht erwähnt. ~Sinneslehre~: Am Auge werden
5 Häute (Bindehaut mit Tenonscher Kapsel, Leder- und Hornhaut,
Ader- und Regenbogenhaut, Netzhaut, vordere Linsenkapsel) und
4 Flüssigkeiten (Kammerwasser, Sehsubstanz, Linse, Glaskörper)
unterschieden. Die obere Tränendrüse (Glandula innominata Galeni) war
jedenfalls bekannt, der untere Tränenpunkt galt als Austrittsstelle
der Tränen. Höchst anerkennenswert bleibt es, wie Galen die
Bewegung der Augenmuskeln erörtert und nach optischen Gesetzen den
Sehakt analysiert. Das Chiasma, dessen Nutzen in der Verhütung des
Doppeltsehens bestehe, hielt er nicht für eine Durchkreuzung, sondern
nur für eine Nebeneinanderlagerung der Sehnerven. Die Angaben über
den Bau des Gehörorgans sind noch verworren. ~Splanchnologie~: Im
wesentlichen richtig, aber unvollständig ist die Beschreibung des
Kehlkopfes (Schildknorpel, Bingknorpel, Gießbeckenknorpel, Stimm-
und Taschenbänder). Die Schilderung der Eingeweide ist innig mit
der teleologischen Physiologie verknüpft, und da die Verhältnisse an
Tieren der Beschreibung zu Grunde liegen, vielfach fehlerhaft.
[18] Da einzelne Nerven in ihrem Verlauf ihre Konsistenz ändern,
so sind manche Gehirnnerven motorisch (weil sie hart werden),
manche Rückenmarksnerven sensibel (weil sie gegen die Peripherie
zu weich werden).
Als Konsequenz der platonisch-aristotelischen Weltanschauung mit ihrer
stark ausgeprägten Teleologie bedeutet die galenische ~Physiologie~
im Grunde nichts anderes, als eine mit allen damals möglichen
Hilfsmitteln unternommene Beweisführung größten Stils zu Gunsten des
~Zweckmäßigkeitsgedankens~. ~Der Körper ist nach dem Vernunftplane
des höchsten Wesens geschaffen; die Struktur der Organe richtet sich
nach den präexistierenden Zwecken.~
Galen hat auf einzelnen Gebieten der Physiologie Treffliches
geleistet, sowohl was den Reichtum der Beobachtungen, den Scharfsinn
der Auffassung und selbst die Technik der Untersuchung anlangt
-- der große Arzt aus Pergamos kann geradezu als ~Schöpfer der
Experimentalphysiologie~ bezeichnet werden --, da er aber äußerst
selten unbefangen an die Tatsachen herantrat und mit den exakten
Ergebnissen gewöhnlich aprioristische Spekulationen verknüpfte,
beraubte er sich meistens selbst der schönsten Resultate und verfehlte
sogar in Fundamentalfragen das Ziel.
Der Titel des anatomisch-physiologischen Hauptwerkes de usu
partium bezeichnet schon im vorhinein den Geist der Forschung. Der
Kardinalfehler lag darin, daß Galen, bevor der Naturmechanismus vor
Augen lag, schon die Naturtechnik ergründen wollte; in der Mehrzahl
der Fälle, und wenn er in die feineren Einzelheiten herabstieg, verlor
er sich hierbei in ganz willkürliche Annahmen.
Gegen die Teleologie wurde schon von Anaxagoras der Einwand erhoben,
daß eine Anpassung entsprechend der Funktion stattfinde; später
bestritten namentlich die Philosophen und Aerzte der atomistischen
Richtung die Zweckmäßigkeit des Baues und der Verrichtungen des
menschlichen Körpers. Die Autorität des Aristoteles war aber stärker,
und durch die Stoa kam die Teleologie, noch dazu in recht naiver und
populärer Weise, zur Anerkennung. Galen wiederholte die Argumente
des Aristoteles und führte unter anderem auch die auffallende
Einförmigkeit des Baues bei verschiedenem Gebrauch der Teile als einen
Beweis der beabsichtigten Zweckmäßigkeit an. Seine teleologischen
Betrachtungen, welche manchmal dadurch komisch wirken, daß sie
den Vorzug des menschlichen Körperbaues (z. B. der Hand oder des
Fußes) auf Grund von Untersuchungsergebnissen an Tieren (Affen) zu
erweisen versuchen, reißen den Pergamener an einzelnen Stellen zur
flammendsten Begeisterung über die Güte und Weisheit der Vorsehung
hin. „Die wahre Frömmigkeit,“ sagt er, „besteht nicht in dem Opfer
der Hekatomben, nicht in Räucherungen mit Spezereien, sondern in der
Kenntnis und Verkündigung der Weisheit, der Allmacht, der unendlichen
Liebe und Güte des Vaters der Wesen. Seine Güte hat er durch die
weise Sorgfalt für alle seine Geschöpfe bewiesen, indem er jedem
das ihm wahrhaft Nützliche verlieh. Laßt uns mit Hymnen die Güte des
Schöpfers preisen.“ ... Anderseits wendet sich Galen gegen diejenigen,
welche die Macht des höchsten Wesens für unbeschränkt halten, wie
Moses, und er verwirft die Mosaische Kosmogonie, weil dieselbe in
dem unbedingten Willen Gottes den einzigen Grund des Daseins und
der Harmonie der Schöpfung erblicke, ohne auf die undurchbrechbaren
Gesetze Rücksicht zu nehmen. Entsprechend der Teleologie sucht Galen
vorwiegend die ersten Ursachen, die den Zweck der erfolgten Wirkung
enthalten, zu ergründen. „Denn,“ sagt er, „es wäre lächerlich, wenn
jemand auf die Frage, warum er auf den Markt ginge, antworten wollte:
weil ich bewegliche Füße habe, statt zu sagen, weil ich etwas kaufen
will. Mit der ersten Antwort hat er zwar eine Ursache angegeben,
aber nicht die erste und wahre.“ Er kennt vier Arten von Ursachen:
die erste ist die Endursache, ~warum~ etwas geschieht, die zweite
die wirkende, ~von wem~, die dritte die materielle, ~woraus~, die
vierte die Hilfsursache, ~wodurch~ etwas geschieht. Galen ist in der
Bevorzugung der ~causae finales~ gegenüber den ~causae efficientes~
nur ein Schüler des Aristoteles, desgleichen in den Begriffen der
Entelechie, der Aktualität und Potentialität etc. (vergl. S. 248).
~Die drei Hauptorgane sind die Leber, das Herz und das Gehirn.~
~Die Leber ist die Stätte, wo das Blut aus der Nahrung bereitet wird.~
Bei der Verdauung werden drei Digestionen unterschieden, die erste
geht im Magen vor sich, die zweite in der Leber, die dritte in den
Organen, jede derselben liefert überschüssige Stoffe, welche den
Körper verlassen. Die aufgenommene Nahrung wird im Magen verdaut,
wobei die durch die vier Leberlappen vermittelte Wärme unterstützend
wirkt und das Spiel der vier organischen Unterkräfte (der anziehenden,
anhaltenden, verändernden und austreibenden) funktioniert. Der im
Dünndarm entstandene Chylus gelangt auf dem Wege des Pfortadersystems
in die Leber, wo ihn das ~πνεῦμα φυσικὸν~ (spiritus naturales) in
Blut verwandelt (zweite Digestion). Vorher aber ist die Milz -- nur
wegen Raummangel, sagt Galen, liegt sie nicht unmittelbar neben der
Leber - als blutreinigendes Organ in Tätigkeit getreten, indem sie
dem Nahrungsstoff die dicken, erdigen Teile entzieht und daraus die
schwarze Galle bereitet. Die letztere wird durch einen Gang zuerst in
den Magen übergeführt, sodann durch die Gedärme mit den Fäces entleert.
Ein Teil des Blutes fließt von der Leber durch besondere Venenstränge
direkt zum übrigen Körper, ein anderer Teil aber durch die Venae
hepaticae und die Vena cava ascendens in das rechte Herz. Dort findet
vermittels der „eingepflanzten“ Wärme ein weiterer Reinigungsprozeß
statt, wobei die unbrauchbaren Rückstände als Ruß oder Rauch, λιγνύς,
während der Exspiration durch die geöffneten Semilunarklappen nach
außen entweichen. Vom rechten Herzen aus dringt das Blut sodann
einerseits in die Arteria pulmonalis und in die Lungen, anderseits
durch die supponierten Poren der Herzscheidewand in das linke Herz,
woselbst es einer neuerlichen Vervollkommnung entgegengeht. Diese
erfolgt dadurch, daß das bei der Atmung mit der Luft aufgenommene und
auf dem Wege der Lungenvene in das linke Herz während der Diastole
einströmende Pneuma sich dem Blute beimischt (als πνεῦμα ζωτικὸν)
und demselben eine weit reinere, dünnere, dunstartige Beschaffenheit
erteilt. Das vorzugsweise aus dem πνεῦμα ζωτικὸν (spiritus vitales),
zum geringeren Teile aus Blut bestehende Gemenge wird durch die
Arterien dem Körper zugeführt.