Nach vollendetem 14. Jahre lernte Galen bei verschiedenen Lehrern

seiner Vaterstadt die Ideengänge der Stoa und Platonik, der

peripatetischen und epikureischen Philosophie kennen. Er empfand

für die philosophischen Studien die größte Neigung und wollte

sie ausschließlich fortsetzen; doch ein Traum seines Vaters,

der als Inspiration des Asklepios angesehen wurde, veranlaßte

den 17jährigen Jüngling, den eingeschlagenen Weg zu ändern und

sich fortan vorzugsweise der Medizin zu widmen - ein Entschluß,

welcher für diese selbst wohl am bedeutsamsten werden sollte!

Mathematisch-naturwissenschaftlich vorgebildet, in der Logik und

Dialektik trefflich geübt, wurde er Schüler von ärztlichen Meistern

ganz verschiedener Richtung, des Anatomen Satyros, des Hippokratikers

Stratonikos, des Empirikers Aischrion u. a. - so wie er früher, ohne

einem einzigen Systeme zu folgen, die widersprechenden Lehrmeinungen

der führenden philosophischen Denker zur selbständigen Verarbeitung

in sich aufgenommen hatte. Der junge Mediziner benützte in Pergamos

jede Gelegenheit, um interessante Krankheitsfälle zu beobachten, er

hielt mit seinem kritischen Urteil sogar gegenüber den Autoritäten

nicht zurück und bereicherte seine praktischen Kenntnisse zuweilen

auch durch volksmedizinische Heilarten.

Galen hat in seinen Schriften so viel biographisches Detail

hinterlassen, daß man sich über seinen Studiengang und seine späteren

Erlebnisse in der Praxis daraus ziemlich genau unterrichten kann.

- Pergamos gewährte durch sein Asklepieion, zu dem zahllose Kranke

pilgerten, die günstigste Gelegenheit zu medizinischen Beobachtungen.

Unter anderem sah Galen viele Fälle während einer Karbunkelepidemie

(die Bloßlegung der tieferen Teile durch die Geschwüre war sehr

instruktiv für das anatomisch-chirurgische Studium), und er berichtet,

daß sein Lehrer Stratonikos veraltete Ulcera glücklich zu behandeln

verstand. Charakteristisch bleibt es, daß er die Wunderkuren des

Asklepios - auf dessen Weisungen zu achten er stets vorgab -

naiv-gläubig hinnahm und mehrere der göttlichen Heilungen (z. B. eines

Falles von chronischem Seitenstechen) unter seinen Jugenderinnerungen

später anführte. Auch sonst berichtet er aus dieser Zeit manche

Wundergeschichten und rühmt es seiner Heimat fälschlich nach, daß man

dort, angeregt durch zufällige Erfahrungen, zuerst auf das Viperngift

als Heilmittel gegen Lepra u. a. aufmerksam wurde.

Nach dem Tode des Vaters verließ ~Galen~ die Heimat, um an den

vornehmsten Pflegestätten der Medizin und auf Reisen eine höhere

ärztliche Ausbildung und allgemeine Kenntnisse (z. B. philosophische

und linguistische) zu erlangen. In Smyrna hörte er ~Pelops~, der sich

insbesonders durch Untersuchungen über Muskelanatomie auszeichnete,

dort erweiterte er auch in Gesellschaft der tüchtigsten Aerzte seine

Erfahrungen, z. B. über Nervenleiden und chirurgische Affektionen,

und setzte seine philosophischen Studien fort. Der Aufenthalt in

Korinth wurde wegen des Verkehrs mit dem Anatomen ~Numisianos~

belehrend. Auf der Reise durch Kleinasien und Palästina vermehrte er

seine naturhistorisch-pharmakologischen Kenntnisse durch Autopsie.

Mit den höchsten Erwartungen aber zog er nach Alexandreia, wo die

Osteologie und Zergliederungskunst am besten zu studieren war, und

der Zusammenfluß von Kranken aller Länder dem Wißbegierigen eine

Fülle von klinischen Erscheinungen darbot, wo es unter der Menge von

Aerzten Vertreter der verschiedensten Richtungen gab. Tatsächlich

dankte Galen der alexandrinischen Schule und der eigenen Beobachtung

außerordentlich viel; er nennt ~Herakleianos~ und den Methodiker

~Julianos~ als Lehrer, spricht sich aber über die Vorlesungen des

letzteren höchst ungünstig aus. Zu diesem Urteil mag nicht wenig

der Umstand beigetragen haben, daß der Erwähnte polemisch gegen

die Aphorismen des Hippokrates aufzutreten wagte und hierdurch die

Empfindungen, welche Galen für den großen Koer schon früh hegte und

bei verschiedenen Hippokrates-Kommentatoren (~Satyros~, ~Pelops~,

~Numisianos~) kennen gelernt hatte, tief verletzte.

Nach 9jähriger Wanderschaft finden wir den Pergamener wieder in der

Heimat. Es scheint ihm ein bedeutender Ruf vorangegangen zu sein,

denn schon war er durch einige anatomisch-physiologische Abhandlungen

bekannt geworden, und mehrmals hatte der junge Arzt seine besondere

Geschicklichkeit bewiesen; zudem kamen ihm jetzt die guten Beziehungen

zur Priesterschaft zu gute. Und so wurde er denn nach Vollendung

des 28. Lebensjahres von dem Oberpriester, dem die Abhaltung der

sommerlichen Festspiele oblag, zum ~Gladiatorenarzt~ ernannt - eine

Stellung, die er vier Jahre mit Erfolg bekleidete.

Galen verfaßte schon vor 151 n. Chr. eine für Hebammen bestimmte

Anatomie des Uterus, eine Diagnostik der Augenkrankheiten, drei

Bücher über die Bewegung der Lunge und die Schrift über die ärztliche

Erfahrung (Polemik zwischen Pelops und dem Empiriker Philippos).

Noch im reifen Mannesalter legt er großen Wert auf die Erfahrungen,

welche er in seiner Jugend an sich und anderen gemacht hatte.

Wiederholt war er zur Herbstzeit infolge unmäßigen Obstgenusses

bedenklich erkrankt, in seinem 28. Jahre drohte ihm angeblich aus

gleicher Ursache die Gefahr eines inneren Abszesses, so daß er dem

Obst ganz zu entsagen beschloß. Die damalige Heilung schrieb er

nur der Gnade des ~Asklepios~ zu, als dessen Diener er sich fortan

erklärte. Einige Male machte er verschiedene Fieber durch - dies

wurde mit einem Schlage anders, seitdem er sich einer rationellen

Lebensweise nach seinem eigenen diätetischen Systeme befleißigte.

In Alexandreia erwarb er reiche Erfahrung über die Wirkung der

Nahrungsmittel, des Klimas u. a., auch heilte er einen Studienfreund,

der infolge des Genusses unreifer Datteln erkrankt war, in Pergamos

kurierte er mehrere Patienten nach eigener Methode, ein Halsleiden

durch ein aus grünen Nußschalen bereitetes Mittel, einen Leberschmerz

durch Venäsektion zwischen Daumen und Zeigefinger etc., auch sammelte

er Material, um über die Lehre von den kritischen Tagen klar zu

werden.

Als Gladiatorenarzt hatte er zwar vorwiegend mit Chirurgie zu tun,

wobei er angeblich neue Methoden ersann (z. B. bei Schwerverwundeten

Befeuchtung der Verbände mit Rotwein, um Entzündung zu vermeiden,

Behandlungsweise von Sehnenverletzungen), aber mit offenem

Blick verwertete er auch geeignete Fälle zur Vertiefung seines

anatomisch-physiologischen Wissens und sorgfältig nützte er die an

Athleten gemachten Beobachtungen für die Diätetik und die Lehre von

der Heilgymnastik aus.

Im Bewußtsein seines reichen Könnens, von brennendem Ehrgeiz erfüllt

und sehnsüchtig nach einem größeren Wirkungskreise Verlangen tragend,

verließ ~Galen~ neuerdings die Vaterstadt, wo gerade ein Aufstand

ausgebrochen war, um in Rom sein Glück zu wagen; von der Uebersiedelung

nach Rom versprach er sich mit Recht eine beträchtliche Erweiterung

seiner ärztlichen Erfahrungen. (Er stellte in dieser Beziehung einen

Vergleich an zwischen der Riesenstadt und den kleinen Städten, in

denen Hippokrates forschte.) Schon gleich beim Eintritt durch einige

Landsleute gefördert, gelang es ihm sehr rasch, nicht nur festen Fuß

zu fassen, sondern durch überraschende Diagnosen, durch unerwartete

Heilerfolge, welche mit der bisherigen Behandlungsweise oft im

grellsten Widerspruch standen, Aufsehen zu erregen und sich einen Namen

zu machen. Wie einst bei Asklepiades, so währte es auch bei ~Galen~

nicht lange, da erfreute er sich der Gunst geistvoller und vornehmer

Persönlichkeiten, und noch höher wuchs sein Ruhm, als er vor der Elite

der römischen Gesellschaft ~Vorträge~ über Bau und Leistung des Körpers

in ansprechender Form zu halten begann. Zu seinen Freunden zählten

die Philosophen Eudemos und Alexander von Damaskus, und bewundernd

hingen an dem Gefeierten der Konsular Boethus, der spätere Stadtpräfekt

Sergius, M. Civica Barbarus, der Oheim des Kaisers Lucius Verus,

und der Schwiegersohn Marc Aurels, Cn. Claudius Severus -- Männer

von größtem Ansehen und Einfluß. Doch der Pergamener ging weder in

seiner oft einträglichen Praxis noch in dilettantischer Rhetorik auf,

sondern arbeitete wissenschaftlich ernst und unaufhaltsam weiter, und

gerade während dieser Epoche entstanden mehrere der bedeutendsten,

umfangreichsten anatomisch-physiologischen Werke. Die großen Erfolge,

welche Galen in Rom als Praktiker, Forscher und Lehrer erzielte,

fanden aber bald in manchen betrübenden Eindrücken und Erlebnissen

ihr Gegengewicht. Das sittliche Niveau der bunt zusammengewürfelten,

ungleich ausgebildeten, in Sekten zerfallenen römischen Aerzteschaft

war gewiß, wie aus der zeitgenössischen Literatur ersichtlich ist, ein

sehr niederes; entsprechend dem ganzen Zeitcharakter bekämpfte man

sich teils in wenig maßvollem Ton, teils mit den vergifteten Waffen

der Intrige; schonungslos deckte einer die Schwächen des anderen

vor dem Forum des Publikums auf, einzig allein bemüht, selbst mit

den unlautersten Mitteln das eigene Renommee zu heben. Man kann sich

ausmalen, mit welch scheelen Blicken das wachsende Ansehen des neuen

Ankömmlings verfolgt wurde, der allzurasch seine Konkurrenten durch

überragende Leistungen überholte. Aber der Neid mußte geradezu zur

Mißgunst, zum offenen Hasse ausarten, als der Pergamener, unleugbar von

großer Eitelkeit und Selbstbewunderung erfüllt, in Wort und Schrift,

in Vorträgen wie am Krankenbette seine Ueberlegenheit in hochfahrendem

Ton zur Schau trug, mit verletzendem Spotte die Blößen der Gegner aller

Welt offenbarte, die herrschenden Schulen (Erasistrateer, Methodiker)

lächerlich machte und nicht selten auch selbst mit nichts weniger als

einwandsfreien Mitteln um die Gunst des Publikums buhlte, ja dieses

zum Richter aufrief.

Gestützt wahrscheinlich auf Tagebuchaufzeichnungen schildert Galen

später in weitschweifiger und von Eigenlob triefender Darstellung die

Kurerfolge und diagnostischen Kunststücke während der ersten römischen

Jahre. Man ersieht daraus, daß er sich oft, wo die reine Wissenschaft

ihn im Stiche ließ, durch schlaue Berücksichtigung zufälliger Umstände

zu helfen wußte, daß er mit tiefer Menschenkenntnis dort suggestiv

zu wirken verstand, wo der Arzneischatz versagte. „Oftmals,“ so

spricht er zu seinen Schülern, „bietet uns der Zufall die Hand zur

Berühmtheit, aber die meisten wissen aus Unkenntnis daraus keinen

Nutzen zu ziehen.“ Wer den ärztlichen Beruf ausübt und erfahren hat,

wie oft zufällige Umstände zur Diagnose führen, wie vorteilhaft und

zum Wohle des Patienten namentlich eine verdeckte Suggestion wirkt,

wird nicht vorschnell das Vorgehen Galens als Scharlatanerie verdammen

-- einen abstoßenden Eindruck macht es aber für unser heutiges

Empfinden, daß der große Arzt sich gar zu viel auf diese Seite seines

Könnens zu gute tut, alles pomphaft aufbauscht und mit ätzendem

Spott seine weniger klugen und weniger glücklichen Kollegen oft in

unwürdigster Weise übergießt, ja seine wissenschaftlichen Abhandlungen

unter fortwährendem Selbstlob geradezu pro domo schreibt. Freilich ist

hierbei in Anschlag zu bringen, daß die scharfen Aeußerungen Galens

mindestens teilweise sehr begründet waren und im Rahmen der Zeit auch

milder zu beurteilen sind, ferner, daß ihm keiner der damaligen Aerzte

an medizinischem Wissen und vielseitiger Ausbildung gleichkam. Typisch

ist schon die erste Krankengeschichte, welche den berühmten Landsmann

des Pergameners, den Peripatetiker Eudemos betrifft, bei welchem Galen

das Aufhören einer Quartana genau auf den Tag voraussagte; hier wird

den römischen Aerzten nicht nur Neid wegen der richtig gestellten

Prognose, sondern Gewinnsucht, Schurkerei und Bosheit vorgeworfen. In

der Darstellung eines anderen Falles, wo eine anfallsweise auftretende

Melancholie beseitigt wurde, werden die angesehensten Kollegen als

töricht, unwissend und frech gescholten u. s. w. Ein Beispiel für die

kluge Benützung von zufälligen Umständen für die Diagnosenstellung

bildet die Untersuchung eines leberkranken sizilischen Arztes, wobei

Galen auf alles achtete, was im Krankenzimmer einen Schluß auf die

Art des Leidens zuließ, sich aber den Anschein gab, als habe er alles

aus dem Pulse erkannt. Mit dem gewissen savoir-faire wußte er unter

anderem auch an einem der Söhne und an der Frau des Boethos eine

„Wunderkur“ zu vollziehen -- die ihm nicht weniger als 400 Goldstücke

(10000 Kronen) eintrug, und selbstgefällig erzählt er mehrere

Fälle, wo er scharfsinnig die psychische Ursache scheinbar schwerer

Erkrankungen erriet; sehr günstig für sein Renommee war in dieser

Hinsicht insbesondere die Behandlung einer vornehmen Römerin, der

Frau des Justus, bei welcher er die Schlaflosigkeit auf unglückliche

Liebe (zu dem Tänzer Pylades) zurückführen konnte. Das Verhältnis zu

den Kollegen war unter solchen Umständen -- die Schuld lag gewiß an

beiden Teilen -- bald getrübt. Und charakteristischerweise hält sich

Galen in seiner Isolierung an die Laien. „Sie hätten doch wenigstens

gesunden Menschenverstand, der jenen ‚Sophistenʻ abgeht, während ihm

die Aerzte, ‚jene Menschenklasseʻ, wegen seiner glänzenden Erfolge

nur Haß und Unverstand entgegenbrächten.“ Man kann sich vorstellen,

welchen Neid der Glückliche erregte, als zu seinen öffentlichen

Vorträgen über Physiologie, bei welchen auch Vivisektionen an Böcken

und Schweinen vorgenommen wurden, die Leute von Rang und Bildung

förmlich hinströmten. Schon im ersten Jahre seines Aufenthalts in

Rom beschloß er bei Krankenbesuchen nur das Nötigste zu sprechen und

öffentlich nicht wieder aufzutreten, ja er wünscht sich, angewidert

von dem Treiben der Großstadt, wieder in die Provinz zurück.

Mag man aber über den Charakter Galens, wie immer, denken, ~das~

versöhnt doch mit allen seinen aus dem wenig bescheidenen Zeitgeist

erklärlichen Schwächen, daß der gesuchte Praktiker inmitten des

geräuschvollen Lebens die Energie besaß, Werke zu schaffen, welche

seinen dauernden Nachruhm begründet haben. So schrieb er damals die

ersten sechs Bücher der „Lehrmeinungen des Hippokrates und Platon“,

das erste Buch „über den Nutzen der Körperteile“, die Abhandlungen

über die Knochen, über die Venen und Arterien, über die Nerven.

Manches andere aus der literarischen Tätigkeit dieser Lebensepoche ist

verloren gegangen: zwei Bücher über anatomisches Präparieren, zwei

Bücher über die Ursachen des Atmens, vier Bücher über die Stimme,

sechs Bücher über die Anatomie des Hippokrates, drei Bücher über die

Anatomie des Erasistratos, zwei Bücher über Vivisektionen, ein Buch

über die Sektion toter Tiere, eine Abhandlung über die Schädlichkeiten

des Aderlasses.

Nach eigener Angabe von den Intrigen der Feinde das Schlimmste

befürchtend -- es soll vorgekommen sein, daß man den glücklichen

Konkurrenten meuchlings beiseite schaffte -- verließ Galen die mit

so großer Erwartung betretene Hauptstadt nach ungefähr 4jährigem

Aufenthalt im Jahre 166 im geheimen, ohne Abschied zu nehmen, wie ein

Flüchtling. Es bleibt immerhin merkwürdig, daß die schleunige Abreise

in einem Augenblick erfolgte, da ihm durch das Eingreifen seiner

mächtigen Gönner der längst ersehnte Zutritt zum kaiserlichen Hofe

unmittelbar bevorstand -- unter solchem Schutze war doch nichts mehr

zu befürchten --, und noch eigentümlicher berührt es, daß Galen von

Rom gerade in jenem Augenblick fortzog, da sich mit Riesenschritten

jene Seuche näherte, welche wie ein Strom des Unheils das Reich

überschwemmte und in seinen Grundfesten zum Wanken brachte -- die

„Pest“. Es kann dem großen Arzte der Vorwurf nicht erspart bleiben,

daß er unter diesen Umständen an seinem Platze hätte ausharren müssen,

mochten auch eingebildete oder wirkliche Gefahren drohen!

Die sogenannte „Pest“ des Antonin oder Galen wurde aus Syrien

durch die römischen Heere verschleppt und dehnte sich allmählich

über ganz Europa aus. In Rom brach sie im Jahre 166 n. Chr. aus.

Die außerordentliche Kontagiosität der Seuche wird von allen

zeitgenössischen Berichten hervorgehoben. Es scheint sich um

verschiedenartige gleichzeitig auftretende Krankheitsprozesse

gehandelt zu haben; die Schilderungen weisen vorwiegend auf blattern-

und ruhrähnliche Affektionen hin, doch mangeln uns zureichende

Anhaltspunkte für die sichere Beurteilung. Die „Pest“ begann 165 n.

Chr., forderte unzählige Opfer und dauerte mindestens 15 Jahre fort.

Galen gedenkt der Seuche in mehreren seiner Schriften.

Die Rückreise in die Heimat zog sich lange hin, da Galen in

verschiedenen Gegenden zu Studienzwecken kürzer oder länger verweilte.

So lernte er z. B. in Kampanien den ausgezeichneten Luft- und

Milchkurort Tabiae kennen, besuchte auf Cypern das Kupferbergwerk,

nahm aus den dortigen Minen große Mengen heilkräftiger Erze mit

und sammelte in Palästina Gileadbalsam, am Toten Meere Asphalt, in

Phönizien einheimische und indische Drogen. In Pergamos war ihm nur

ein kurzer Aufenthalt vergönnt, denn inzwischen durch ihre Umgebung

auf den großen Arzt aufmerksam gemacht, beriefen ihn die beiden Kaiser

Lucius Verus und Marcus Aurelius Antoninus brieflich von Aquileia

aus, wo sie während der Vorbereitung zum Markomannenkriege verweilten,

zu sich. Galen kam dem Befehle anscheinend nach einigem Zögern nach,

reiste über Lemnos durch Thrakien und Makedonien und traf im Winter

168/9 in Aquileia ein. Der erneute Ausbruch der „Pest“, welcher das

Heer dezimierte, nötigte die Kaiser, mit geringer Bedeckung nach Rom

zu flüchten, unterwegs erlag Verus der Seuche. Marc Aurel forderte

Galen, der ihm nach Rom gefolgt war, auf, ihn auf dem Feldzug gegen

die Markomannen zu begleiten, doch (angeblich durch einen Traum, in dem

ihm Asklepios erschien, gewarnt) wußte es der Pergamener durchzusetzen,

daß der edle Herrscher auf seine Begleitung verzichtete und ihn statt

dessen mit der ärztlichen Beaufsichtigung des jungen Commodus betraute.

Die Tätigkeit am Hofe nahm jedenfalls so wenig Zeit in Anspruch, daß

sich Galen den wissenschaftlichen Arbeiten ungestört widmen und im

Zeitraum von 169-180 (Todesjahr des Marc Aurel) die meisten seiner

umfangreichen und grundlegenden Schriften abfassen konnte.

Nach dem Tode des Leibarztes Demetrios, welcher während des

Markomannenkrieges starb, ernannte Marc Aurel den Galen noch von

der Donau her zu dessen Nachfolger; hauptsächlich bestand seine

Tätigkeit in der Bereitung des beliebten Theriaks, von dem der Kaiser

aus prophylaktischen Gründen täglich zu nehmen pflegte (in einer

seiner Konstitution entsprechenden Zusammensetzung). Die zahlreichen

Ingredienzien des Wundermittels mußten in vorzüglicher Qualität

aus den verschiedensten Ländern herbeigeschafft werden. Bald nach

Rückkunft des Kaisers (Ende 176) vollzog Galen an Marc Aurel eine

Kur, auf welche er sich viel zu gute tat. Er findet selbst seine

Diagnose „wirklich wunderbar“ und erzählt die Episode in seiner

gewöhnlichen, deklamatorischen und prahlerischen Weise. Der Kaiser

litt seit mehreren Tagen an einer akuten mit Fieber und schmerzhaften

Entleerungen einhergehenden Affektion, welche die Leibärzte für einen

fieberhaften Paroxysmus hielten und mit Abführmitteln behandelt

hatten. „Hierauf,“ berichtet Galen, „berief man mich ebenfalls im

Palaste zu übernachten; es kam jemand mich zu rufen, als eben die

Lampen angezündet waren, auf kaiserlichen Befehl. Drei hatten ihn in

der Frühe und um die 8. Stunde gesehen, zwei ihm den Puls gefühlt,

und allen schien es der Anfang eines Anfalls zu sein. Ich aber stand

schweigend; da blickte mich der Kaiser an und fragte zuerst, warum

ich ihm nicht wie die anderen den Puls gefühlt hätte. Ich entgegnete:

‚Zwei taten dies schon und haben wahrscheinlich schon während der

Reise mit dir die Eigentümlichkeit deines Pulses kennen gelernt;

deshalb, meine ich, erkennen sie besser den gegenwärtigen Zustandʻ.

Als ich dies gesagt, forderte er mich auf, ihn zu fühlen, und da mir

der Puls auch bei Berücksichtigung des Alters und der Konstitution

von dem abzuweichen schien, der einen Fieberanfall bezeichnet,

erklärte ich, es sei keiner zu befürchten, sondern der Magen werde

von der eingenommenen Nahrung bedrückt, die von der Ausscheidung

verschleimt wäre. Diese Diagnose veranlaßte sein Lob, und er sagte

wörtlich dreimal hintereinander: ‚Das ist's, gerade das ist's, was du

sagtest; ich fühle ja, daß mir die kältere Nahrung Beschwerde machtʻ.

Darauf fragte er, was zu tun sei. Ich antwortete ihm frei heraus,

wenn ein anderer der Patient wäre, so würde ich ihm nach meiner

Gewohnheit Wein mit Pfeffer gegeben haben. ‚Bei euch Herrschern aber

pflegen die Aerzte die unbedenklichsten Heilmittel zu gebrauchen; so

genügt es Wolle mit warmem Nardenbalsam getränkt auf den Magenmund

zu legen.ʻ Er sagte, auch sonst sei er gewöhnt, wenn er einmal

über den Magen zu klagen habe, warmen Nardenbalsam auf Purpurwolle

gestrichen aufzulegen, und befahl dem Peitholaos dies zu tun und

mich zu entlassen. Als dieser ihn aufgelegt hatte, und seine Füße

erwärmt worden waren durch Massieren mit warmen Händen, forderte er

Sabinerwein, warf Pfeffer hinein und trank, und zu Peitholaos sagte

er nun nach dem Trinken, er hätte nun einen Arzt und zwar einen sehr

freimütigen, worauf er fortwährend über mich äußerte, von den Aerzten

sei ich der erste und von den Philosophen der einzige; er hatte es

ja schon mit vielen versucht, nicht allein geldgierigen, sondern auch

ehr- und ruhmsüchtigen, neidischen und bösartigen. Wie ich nun schon

erwähnte, glaube ich keine andere Untersuchung gemacht zu haben, die

bewundernswerter wäre als diese ...“

Unter den nachfolgenden Herrschern scheinen seine Beziehungen zum Hofe

loser gewesen zu sein, doch rühmt sich Galen in einer unter Septimius

Severus abgefaßten Schrift, daß er bei allen Kaisern der Reihe nach

in hohem Ansehen gestanden habe. Der Wissenschaft völlig hingegeben,

bis ins Alter rastlos schriftstellerisch tätig, schon von der Mitwelt

verehrt und für die Nachwelt schaffend, starb Galen 201 n. Chr. Wo

er die letzten Lebensjahre zubrachte, ob in Rom oder in Pergamos, ist

unbekannt.

~Das Schrifttum Galens ist ein beispiellos umfangreiches und dabei

zugleich vielseitiges~; es bezog sich nicht ausschließlich auf die

Medizin, sondern betraf nebstdem auch Philosophie, Philologie und

Rhetorik. Die Ausarbeitung der Schriften ist eine ungleichmäßige,

indem nur an einen Teil die letzte Feile gelegt ist, während andere

bloß Entwürfe darstellen; manche besitzen einen sehr bedeutenden

Umfang, andere sind bloß fragmentarische Abhandlungen; dem Inhalt nach

sind es teils Kommentare und Kompilationen, teils Streitschriften und

didaktische Werke; der Stil ist zumeist deklamatorisch, weitschweifig

und stellenweise unklar. Da schon bei Lebzeiten Galens Unterschiebungen

vorkamen, so verfaßte er selbst eine Uebersicht und eine Anleitung

zum Studium seiner Werke -- beide sind erhalten und geben uns die

wichtigsten Anhaltspunkte, doch schrieb er nachher noch mehrere Werke.

Die chronologische Reihenfolge konnte neuerdings annähernd bestimmt

werden, jedenfalls ist es deutlich erkennbar, daß Galen in seinen

medizinischen Schriften mit anatomisch-physiologischen Themen begann

und später, in dem Maße als seine Erfahrung wuchs, sukzessive von der

Pathologie zur Therapie aufstieg. Von den nichtmedizinischen sind

nur ganz dürftige Reste vorhanden, von den medizinischen ist eine

sehr beträchtliche Zahl verloren gegangen (hauptsächlich bei einer

Feuersbrunst, welche kurz vor dem Tode des Commodus den Friedenstempel

in Asche legte und auch die ἀποθήκη, wo Galenos seine Handschriften

verwahrt hatte, zerstörte), vieles liegt noch unediert (besonders in

arabischen und hebräischen Uebersetzungen) im Staube der Bibliotheken,

anderseits sind zahlreiche auf den Namen des Pergameners lautende

Abhandlungen unecht oder mindestens zweifelhaft.

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 46 / 54 段