wie die Vorgänger; als Ursachen der erschwerten Geburt gelten
das Allgemeinverhalten der Mutter (vorgerücktes Alter, besonders
Erstgebärender), Abnormitäten der Geschlechtsteile (z. B. Verlegung der
Scheide durch Geschwülste, schmale Hüften = Verengerung des Beckens),
Absterben des Kindes, endlich abnorme Lagen desselben, von denen er
eine beträchtliche Zahl kennt; normal ist, nach Ansicht des Soranos,
eigentlich nur die Kopflage, demnächst die Fußlage; bedenklich sind
die Doppellagen. Die Untersuchung erfolgt mittels des ~Spekulums~
(δίοπτρα). Zur Vorbereitung für die Geburt eignen sich Einreibungen
von Fett, häufiges Einführen des beölten Fingers der Hebamme in den
Muttermund. Bei der normalen Geburt kommt der (mit halbmondförmigem
Ausschnitt, Rücken- und Armlehne versehene) ~Geburtsstuhl~ zur
Anwendung, wobei die Hebamme gegenüber sitzt, während zwei Frauen, zu
beiden Seiten stehend und eine dritte, von rückwärts, die Gebärende
unterstützen, bezw. das Beugen nach vorn verhindern. Der Damm wird
mit einem linnenen Tuche unterstützt, die Geburt durch Druck auf den
Unterleib oder Zug an dem Kinde befördert; die Lösung der Placenta
ist durch die in den Uterus eingeführte Hand auszuführen. In den
abnormen Fällen wird die Frau auf das Geburtsbett gelagert; eines der
wichtigsten Hilfsmittel, insbesondere bei buckligen und fetten Frauen
ist die Knieellenbogenlage; wo es nötig, muß die Blase durch den
Katheter entleert und die Sprengung der Eihäute vorgenommen werden. Zur
Beseitigung der abnormen Lagen, d. h. um sie in die gerade Richtung
zu bringen, in die Kopf- oder Fußlage zu verwandeln, hat man die
~Wendung~ auszuführen. Vorliegende Gliedmaßen sind zurückzubringen,
ein vorliegender Arm im Notfall zu exartikulieren; die Embryotomie und
Embryulkie, bei welcher der ἐμβρυοσφάκτης (Instrument, welches aus
Dilatatorium, einem scharfen Ring und einem stumpfen Haken bestand)
in Funktion trat, sollte nur unter den ~zwingendsten~ Umständen zur
Anwendung kommen. Es ist aber hierbei zu beachten, daß Soranos die
Eingriffe, wenn es das Leben der Mutter erheischte, auch am lebenden
Kinde vornahm. Die Frauenkrankheiten (Amenorrhöe, Metrorrhagie,
Hysterie, Fluor albus, Dislokation, Pneumatose, Oedem des Uterus,
Metritis, Scirrhus, „Sklerom“ des Uterus, Nymphomanie, Atresie der
Scheide u. a.) beschreibt Soranos sehr eingehend und zumeist mit Angabe
einer ganz rationellen Therapie (lokal kommen dabei auch Injektionen
mit dem ~Mutterrohr~ -- μητρεγγὑτης in Betracht). -- Die Ausführungen
über die Diät der Schwangern, über Säuglingspflege und erste Erziehung
der Kinder bieten eine Fülle von vortrefflichen Ratschlägen, lassen
tief in die römischen Kulturverhältnisse blicken und muten oft ganz
modern an.
Die Anatomie des weiblichen Genitalsystems, welche Soranos in
einem der ersten Kapitel bringt, ist mangelhaft und oft unklar.
~Bemerkenswert ist es immerhin, daß er die Wanderungen des Uterus und
seine animalische Natur, die Lageveränderungen durch Kontraktion der
Bänder und die Existenz der Kotyledonen bestreitet~, ferner, daß er
weiß, daß sich der Muttermund beim Coitus und bei der Menstruation
öffnet. Hingegen kennt er keinen Hymen, was ein merkwürdiges Licht
auf die Verhältnisse in Rom wirft. -- ~Was die Embryologie anlangt,
so läßt Soranos die Ernährung des Fötus nur durch die Nabelgefäße zu
stande kommen. Die Möglichkeit, das Geschlecht des Kindes durch die
Beobachtung der Lage vorauszuerkennen leugnet er.~ -- Zur Verhinderung
der Konzeption empfiehlt er (unter Verwerfung der vielen damals
gebräuchlichen Mittel) Verschließung des Muttermundes durch Baumwolle,
Salben, fettes Oel, Genuß des Uterus von Mauleselinnen (Antipathie);
fruchttötende Mittel dürfen nur bei kräftigen Frauen und auch bei
diesen nur während des 3. Monats angewendet werden; die Einleitung
des Abortus durch den Eistich verbietet er wegen der Gefahr. -- In
den pädiatrischen Abschnitten kommen folgende Fragen zur eingehenden
Verhandlung: Kennzeichen der Reife des Kindes; Nabeldurchtrennung
(mit dem ~Messer~, ohne Kauterisation; bei noch ungelöster Placenta
doppelte Unterbindung); Beseitigung der Vernix caseosa (durch
Bestreuen mit Salz oder Natron), Waschung, ~Reinigung der Augen~
(mit Oel) und des Mundes, Entfernung des Meconiums (Einführung des
kleinen Fingers in den After); Verfahren beim Wickeln der Kinder
(Einwicklung des ganzen Kindes mit wollenen Binden); Nahrung (in den
ersten zwei Tagen gar keine, höchstens gekochten Honig, Stillen soll
am dritten Tage beginnen, aber in den ersten 20 Tagen ~nicht~ durch
die Mutter, sondern durch eine Amme; in Ermangelung dieser, Ernährung
mit Honig und Ziegenmilch), Auswahl der Amme, Prüfung der Brustwarzen
und der Ammenmilch (günstigstes Alter zwischen 20 und 40 Jahren,
Multipara; gute Milch mischt sich mit Wasser allmählich, gleichmäßig,
ohne Gerinnsel), Diätetik der Amme (Abstinenz von Wein, regelmäßige
Leibesöffnung, mäßige körperliche Bewegung), Vorschriften über das
Anlegen an die Brust (verschiedene Bedeutung des Kindergeschreies),
Baden, Massieren, Salben, die Gehübungen (in mit Rädern versehenen
Körben), die Entwöhnung (erst nach 1½-2 Jahren), Nahrung in den
ersten Kinderjahren. -- Im weiteren werden die Kinderkrankheiten
(schweres Zahnen, wobei das Einschneiden des Zahnfleisches verworfen
wird, Mandelentzündung, Soor, Geschwüre, Hautausschläge, Katarrh,
fieberhafte Affektionen mit cerebralen Symptomen, Durchfall) und ihre
Behandlung sorgfältig besprochen.
Auch als ~Chirurg~ zeichnete sich Soranos in hervorragender Weise
aus; namentlich verbesserte er die ~Verbandkunst~ und baute die Lehre
von den ~Knochenbrüchen~ und ~Schädelverletzungen~, von denen er mit
feiner Diagnostik acht Arten unterschied, beträchtlich aus.
Sein Hauptwerk über innere Medizin (akute und chronische Krankheiten)
ist leider im Original verloren gegangen, doch schließt sich ein
kompilatorischer Autor späterer Zeit ~Caelius Aurelianus~, so eng an
dasselbe an, daß wir berechtigt sind, den Hauptinhalt seines Werkes
von ~Soranos~ herzuleiten. Aus der Analyse desselben geht hervor,
das Soranos nicht auf formale Krankheitsdefinitionen, sondern auf
die ~scharfe Differentialdiagnose~ das Hauptgewicht legte und mittels
feinster Symptomatologie, sogar nicht wenig auch durch Berücksichtigung
der vernachlässigten physikalischen Methode (Palpation und Perkussion)
zu ihrer Ausbildung beitrug. Streng an den Grundsätzen des Methodismus
im allgemeinen festhaltend, mußte er doch, da er in erster Linie
Kliniker war, in Einzelheiten von dem trockenen Schematismus der Sekte
abweichen, so z. B. wenn er eine große Zahl von Krankheiten auf das
gleichzeitige Vorkommen des Striktum und Laxum (Komplex) zurückführt,
bei der Lungenentzündung, trotz des Ergriffenseins des ganzen Körpers,
die Lunge als Hauptsitz der Affektion erklärte oder, wenn er von dem
Aderlaß sehr häufig Gebrauch machte, ohne sich auf die Indikation
des Schmerzes oder den Ort (wie Asklepiades) zu beschränken. Gerade
aber durch diese Abweichungen von der Schultradition hauchte er
der methodischen Sekte selbst neues Leben ein und sicherte ihr die
Fortdauer auf lange hinaus.
Die kulturgeschichtlich interessante Tatsache, daß der auf dem
Epikureismus fußende Methodismus von allen Systemen am meisten den
medizinischen Mystizismus bekämpfte, tritt natürlich bei Soranos
ganz besonders hervor, wie schon oben gezeigt wurde. In einem Werke
über Aetiologie eiferte er auch in eingehender Darlegung gegen den
Glauben, der Alpdruck (Incubus) werde durch eine überirdische Macht
(einem Gott oder Halbgott, Kupido) erzeugt. Sogar von den Hebammen
verlangt er, daß sie nicht abergläubisch sein sollen, damit sie nicht
um eines Traumes oder des gewohnten Mysteriums und Gottesdienstes
willen eine heilbringende Handlung unterlassen. Aber leider war zu
dieser Zeit der Aberglaube schon im Steigen begriffen und schwoll
unaufhaltsam zum Strome an.
Anhang.
Anatomie und Physiologie.
Das Bild, welches man sich gewöhnlich von der medizinischen
Forschungsweise der ersten nachchristlichen Jahrhunderte macht,
bedarf der Ergänzung. Wohl herrschte die ärztliche Empirie und die
pathologische Spekulation überwiegend vor, dennoch aber fehlte es
auch nicht an Versuchen, durch nüchterne exakte Beobachtung, durch
Zergliederung toter und lebender Tiere eine genügende Kenntnis des
Körperbaues und der Funktionen zu erwerben. Und namentlich Alexandreia
frischte seinen Ruhm als Pflegestätte der Anatomie in der römischen
Kaiserzeit wieder auf, freilich ohne den Errungenschaften eines
~Herophilos~, ~Erasistratos~ und ~Eudemos~ Gleichartiges an die Seite
stellen zu können. ~Rhuphos~ und ~Soranos~ dankten dem Studium in
der einstigen Ptolemäerstadt ihre anatomische Bildung; dort war zu
anatomischen Studien jedenfalls noch immer mehr Gelegenheit gegeben,
als an irgend einem anderen Orte.
~Die Sektion von Tieren~ bildete das Hauptmittel des Unterrichts,
daneben kamen aber auch noch ~die Demonstration von menschlichen
Skeletten oder Knochenpräparaten~, vielleicht auch von Nachbildungen
und Zeichnungen in Betracht, vieles ließ sich übrigens durch die
Betrachtung der Oberfläche des menschlichen Körpers (an Sklaven)
erlernen; menschliche Kadaver wurden nur ganz ausnahmsweise seziert,
höchstens die Leichen von hingerichteten Verbrechern oder feindlichen
Kriegern.
In die anatomische Unterrichtsmethodik gewinnen wir insbesondere
durch die Lektüre des Onomastikon des ~Rhuphos~ Einblick. Die
Einzelheiten des Aeußeren werden an einem modellstehenden lebenden
jungen Manne erklärt, die inneren Organe erörtert der Verfasser an
der Leiche des menschenähnlichsten Tieres, eines Affen. Nach v. Töplys
Uebersetzung ist der Wortlaut folgender: „Was hast du beim Kitharspiel
zuerst gelernt? Eine jede Saite anzuschlagen und zu benennen. Was hast
du in der Sprachlehre zuerst gelernt? Jeden Buchstaben zu erkennen
und zu benennen. Beginnt nicht ebenso in den anderen Künsten der
Metallarbeiter, der Schuster, der Zimmermann den Unterricht auf eben
diese Weise mit den Benennungen, und zwar zuerst mit dem Namen des
Eisens, der Geräte und der anderen derartigen Dinge, welche sich
auf die Kunst beziehen? Und die vornehmeren Künste, fangen die beim
Unterricht nicht ebenso an? Was hast du denn in der Geometrie zuerst
gelernt? Zu wissen, was ein Punkt ist, ein Strich, eine Fläche,
eine Oberfläche, eine Dreiecksgestalt, ein Kreis und ähnliches,
und es richtig zu benennen. Willst du also auch die Medizin von den
Benennungen ausgehend lernen, und zwar zuerst, wie man einen jeden
Körperteil benennen soll, dann das andere, soweit der mündliche
Ausdruck zu folgen vermag? Oder dünkt es dir etwa hinlänglich, wenn
ich dich auf das, was du erlernen sollst, wie ein Taubstummer deutend
verweise? Mir scheint so etwas keineswegs besser, denn sowohl ein
Selbstunterricht als das Lehren eines anderen in dieser Weise ist
weder leicht faßlich noch leicht durchführbar. Ich denke mir das so.
~Indem du zuhörst und diesen Knaben betrachtest, wirst du zuerst die
sichtbaren Dinge wahrnehmen, dann werden wir versuchen, dich darin
zu unterrichten, wie man die inneren Teile benennen soll, indem wir
ein Tier zerlegen, das dem Menschen am meisten ähnelt. Denn wenn auch
dessen Gebilde denen des Menschen nicht durchaus ähneln, so hindert
dies doch keineswegs, wenigstens das Hauptsächlichste eines jeden zu
lehren. In alten Zeiten allerdings hat man dergleichen erfolgreicher
an Menschen gelehrt.~“
Der Mangel an Leichensektionen und die praktischen Tendenzen des
Zeitalters verschuldeten es, daß der Durchschnittsarzt mit der
Kenntnis der anatomischen Terminologie zufrieden war, und daher
entstanden häufig Schriften über die Benennung der Körperteile. Dem
Beispiele des ~Aristoteles~, des ~Xenophon aus Kos~, der Nachfolger
des Erasistratos (namentlich ~Apollonios von Memphis~) folgend, gaben
~Rhuphos~ und ~Soranos~ eine anatomische Nomenklatur heraus (die
Arbeit des letzteren ist verloren gegangen).
Anatomische Abbildungen aus der älteren Zeit haben sich nicht
erhalten, der Text mancher Autoren, z. B. des Aristoteles, verweist
aber direkt auf Zeichnungen, welche die Abschreiber wegließen. Aus
byzantinischer Zeit hingegen sind Abbildungen noch vorhanden.
Die angedeutete Forschungs- und Unterrichtsweise brachte es mit
sich, daß die Osteologie am besten bearbeitet wurde. Die fälschlich
dem Rhuphos zugeschriebene Schrift περὶ ὀστῶν (vergl. S. 341)
enthält eine schon recht anerkennenswerte Knochenlehre (genauere
Berücksichtigung der außen sichtbaren Schädelnähte, Angabe der Zahl
der Carpusknochen, Talus, Calcaneus u. a.).
Mit dem anatomischen Unterricht verband man die Erklärung der Funktion
der Körperteile -- ~Physiologie~. Höchstwahrscheinlich haben übrigens
einzelne hervorragende Forscher die Vivisektion von Tieren dazu
benützt, um auf dem Wege des Experiments Klarheit in physiologischen
Streitfragen zu erlangen.
Der glänzendste Vertreter war wohl ~Marinos~, der in einem
zwanzigbändigen Werke das Gesamtgebiet der Anatomie behandelte und
wichtige physiologische Probleme (z. B. ob in den Arterien Blut
enthalten ist, ob in die Lunge Flüssigkeit gelangt, ob das Gehirn
pulsierende Bewegung besitzt u. a.) mehr erfahrungsgemäß und gewiß
zum Teile auch experimentell zu lösen suchte. Von seinen Büchern ist
nichts anderes auf uns gekommen als die Inhaltsangabe. Welche Bedeutung
denselben beizumessen ist, geht daraus hervor, daß Galenos einen
(nicht erhaltenen) vierbändigen Auszug aus der Anatomie des Marinos
veranstaltete und insbesondere in seinen Leistungen auf dem Gebiete
der Muskel- und Nervenanatomie daran anknüpfte. ~Marinos~ stand in
Beziehung zu ~Kointos~ (Quintus), welcher ~Lykos~ aus Makedonien,
~Numisianos~ (in Korinth) und ~Satyros~ (in Pergamon) zu Schülern
hatte; Schüler des Numisianos war wieder ~Pelops~ in Smyrna. Von
diesen Anatomen haben sich Lykos und Pelops um ~die Muskellehre~
verdient gemacht; diesem Zweige widmete sich auch ~Ailianos~ d. J.
ganz besonders.
Von den Alexandrinern des 2. Jahrhunderts wären die Anatomen
~Herakleianos~ und ~Julianos~ zu erwähnen.
Ueber alle diese Forscher erhalten wir nur Andeutungen aus den Werken
jenes großen Arztes, der das Wissen und Können seiner Zeitgenossen
und Vorgänger aufsog, um die Medizin auf eine dauernde Grundlage zu
stellen, aus den Werken ~Galens~.
Galenos.
~Motto~:
Die Schriften des Hippokrates gaben das Muster,
wie der Mensch die Welt anschauen und das
Gesehene, ohne sich selbst hineinzumischen,
überliefern sollte.
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Der Verstand mischte sich indessen auch in die
Sache, alles sollte auf klare Begriffe gebracht
und in logischer Form dargelegt werden, damit
jedes Vorurteil beseitigt und aller Aberglaube
zerstört werde.
~Goethe.~
Ermattet durch jahrhundertelanges Streben, das oft im Kreise verlief,
ersehnte die griechische Medizin endlich ein •abschließendes System•,
welches den gleich Steinblöcken zerstreut umherliegenden Erfahrungs-
und Denkstoff zu einem ~einheitlichen~ Baue vereinigen und den Aerzten
jene apodiktische ~Sicherheit~ gewähren sollte, die der Heilkunst des
Orients schon in grauer Vorzeit eigen war.
Einheit der Krankheitsauffassung und Sicherheit in der ärztlichen
Praxis war freilich schon einmal erzielt worden im - Hippokratismus,
welcher die Versöhnung aller vorausgegangenen Richtungen bedeutete:
der naiven Empirie und der rationell-spekulativen Naturphilosophie,
der koischen Prognostik und der knidischen Lokaldiagnostik. Aber das
hippokratische Durchschauen des Einzelfalls, die individualisierende
Behandlung mittels Beobachtung aller reaktiven Vorgänge des
Organismus, war nur die Gabe weniger auserlesener Aerzte, die sich
an genialem Künstlerblick, an gewissenhafter, gänzlich unbefangener
Naturauffassung dem unvergleichlichen Koer näherten - die überwiegende
Mehrzahl verlangte nach einem ~kürzeren Wege, der die Kunst zur
erlernbaren Technik gestaltete, die Therapie des Einzelfalles als
logische Konsequenz aus gegebenen allgemeinen Prämissen ableitete.
Dazu war vor allem die Zerlegung der hippokratischen „Physis“ in
ihre konstituierenden Elemente nötig~, d. h. die Erforschung der
physiologisch-pathologischen Vorgänge. Versagte diese, so warf man
sich wieder der ~Empirie~ in die Arme.
Von diesem Gesichtspunkte betrachtet, wird die chaotische Zerklüftung
verständlich, wie sie die griechische Medizin nach Hippokrates mit
ihren mannigfachen Doktrinen und Sekten zeigt; in diesem Lichte
gewinnen die vielfach verschlungenen, scheinbar oft abirrenden Wege
ihren Sinn. In höherer Potenz kehren eben alle Richtungen, welche
Hippokrates in seiner Person verknüpft hatte, sofort nach ihm wieder,
um sich in selbständiger Ausgestaltung bis zur krassesten Einseitigkeit
fortzuentwickeln.
Die halb spekulative, halb rationelle ärztliche ~Naturphilosophie~
wird zum ~Dogmatismus~, der sich teils auf ~humorale Hypothesen~
und das ~Korrespondenzsystem der Qualitäten~, teils auf
~anatomisch-physiologische Tatsachen~ stützt. Auf dem Boden
Alexandriens zweigen von ihm zwei Sekten ab: die mehr auf die
~klinische Beobachtung~ Wert legenden ~Herophileer~ und die den
~anatomischen Gedanken~, ~die (knidische) Lokaldiagnose~ pflegenden
~Erasistrateer~. Da beide das rationalistische Ideal, d. h. die
logische Ableitung der Therapie aus der Krankheitslehre nicht
verwirklichen, so erhebt sich in geläuterter Form der ~Empirismus~,
um neuerdings zu imponierender Bedeutung anzuwachsen. Der echte
Hippokratismus ist verschwunden, aber das ~anatomisch-physiologische
Wissen~, ~die Zahl der Krankheitsbilder~, ~der Heilschatz~ hat sich
vermehrt und im Wettstreit der Sekten gewinnt ~die Aetiologie, die
Diagnostik und die medizinische Logik~ nicht unerhebliche Verfeinerung.
In Rom dauerten die alten Sekten teils allmählich erstarrend weiter,
teils erfuhren sie neue Differenzierungen, wobei der von ~Asklepiades~
gegebene Impuls zur gründlichen Reform der Krankheitstheorie und
Therapie wie ein Ferment wirkte. Der Bithynier verflüchtigte die von
~Erasistratos~ erweckte ~Solidarpathologie~ zum ~Atomismus~ und brachte
die schon von den ~Gymnasten~ gepflegte, von den ~Hippokratikern~
mit weiser Beschränkung angewendete ~physikalisch-diätetische
Behandlungsweise~ zum Gipfel einseitigster Entfaltung. Doch verstand
er auch die seltene Kunst, den Dogmatismus der Theorie mit der
Individualisierung in der Praxis zu vereinigen. Seine Nachfolger,
die ~Methodiker~, konnten mit den Anhängern des humoralen Dogmatismus
deshalb rivalisieren und neben den zahlreichen Empirikern siegreich
das Feld behaupten, weil sie einen Mittelweg einschlugen, der
einen ~Kompromiß zwischen der rationellen und der empirischen
Richtung~ darstellte. Ihre ~solidare Krankheitslehre~ verlor sich
nicht in spitzfindige Subtilitäten über die fernsten Ursachen,
sondern blieb bei der ~Beobachtung gemeinsamer Krankheitszustände~
(Strictum, Laxum) stehen, ihre Therapie zog alle Hilfsmittel der
Empirie heran, unterwarf aber die Anwendung derselben festgesetzten
~Indikationen~, sie berücksichtigte zwar in erster Linie den
allgemeinen Zustand, vernachlässigte aber dabei die Topika keineswegs
(~allgemeine und Lokaltherapie~). Wertvoll war es, daß diese Schule
den ~Quantitätsbegriff~ in die Pathologie und Therapie einführte
(Herauf- und Herabstimmen der Körperkräfte durch quantitativ
graduierte Heilverfahren) - ~gegenüber der dogmatischen Lehre von
den Säftequalitäten und von den spezifisch wirkenden Organmitteln~.
Unbefriedigt von der bisherigen Entwicklung suchte die ~pneumatische
Schule~ den Dogmatismus zu verfeinern, indem sie, im Anschluß an die
Stoa, die uralte Hypothese von der „Lebensluft“ zu neuem Ansehen erhob
und die ~Lehre von den Krankheitsursachen~ dialektisch zerfaserte. In
der Praxis spielte es allerdings wenig Rolle, ob man die Dyskrasien
oder die Anomalien des Pneuma als primäre Krankheitsursache ansah,
bedeutsam aber wurde es, daß man jetzt wieder mehr im Geiste des
Hippokratismus auf den ~Allgemeinzustand~, auf die ~Krankheitsstadien~,
auf die ~individuellen Verhältnisse~ achten lernte und die
~hygienisch-diätetischen~ Kuren gegenüber den arzneilichen bevorzugte.
Die ~Pulsuntersuchung~, mittels welcher man den Tonus des Pneuma, d.
h. den Kräftezustand, exakt zu beurteilen versuchte, wurde freilich
(ebenso wie die Qualitätenlehre) noch subtiler, als dies einst durch
Herophilos geschah, ausgesponnen, doch gehört sie immerhin zu den
besten Leistungen der griechischen Medizin. Entsprang die pneumatische
Schule dem humoralen Dogmatismus und stützte sie sich schon gleich im
Beginne stark auf die Methodiker (Tonuslehre, diätetisch-physikalische
Therapie u. a.), so schrieb sie, auf ihrem Höhepunkt angelangt, offen
den ~Eklektizismus~ auf ihr Banner.
Die Krankheitstheorie beherrschte zwar vorwiegend das Interesse
der führenden Geister, aber im stillen machten inzwischen doch auch
die medizinischen Hilfswissenschaften: ~Anatomie~, ~Physiologie~,
~Arzneimittellehre~ und die therapeutischen Zweige, namentlich die
~Chirurgie~, nicht unbedeutende Fortschritte.
Alle diese Bestrebungen und Leistungen lagen im Grunde in den
hippokratischen Schriften angedeutet und vorgezeichnet; von Hippokrates
ausgehend divergierten sie nach allen Richtungen. Die einseitige
Entwicklung hatte einzelne Gedanken oft bis zur Hypertrophie entfaltet,
der Umkreis der Realkenntnisse war auf manchen Gebieten beträchtlich
erweitert worden, aber es fehlte das umschlingende Band, es mangelte
der Konzentrationspunkt, der die mächtigen Strahlenbündel des
medizinischen Denkens wieder vereinigte. Nicht von einer Sekte, nicht
von einer Schule, sondern nur von einem tatkräftigen, scharf denkenden,
allseitig ausgebildeten Manne, der das gesamte Wissen und Können
literarisch in sich aufzunehmen und kritisch zu verarbeiten verstand,
durfte man einen befriedigenden Ausweg aus dem Wirrsal der Strömungen
erhoffen. Im 2. Jahrhundert n. Chr. ging ein solcher führender Geist
aus dem Lande hervor, welches die Wiege der griechischen (und damit
der europäischen) Kulturmedizin gewesen und welches der antiken Welt
die meisten bedeutenderen Aerzte geschenkt hatte, aus Kleinasien[16].
Es war der, nach Hippokrates als größter Arzt des Altertums gefeierte
•Galenos•. ~In ihm erreichte die griechische Medizin nicht nur ihren
zweiten Höhepunkt, sondern ihren erkenntnistheoretischen Abschluß,
und im Grunde bedeutet die ganze vorausgegangene Entwicklung nichts
anderes als den gewaltigen geistigen Prozeß, welcher unter den
mannigfaltigsten Umwandlungen die hippokratische Heilkunst in die
galenische Heilwissenschaft hinüberführte.~
[16] In römischer Zeit erlangten z. B. folgende hellenische
Asiaten Ansehen: Asklepiades (Prusa), Magnos, Rhuphos,
Soranos (Ephesos), Thessalos (Tralleis), Olympikos (Miletos),
Athenaios (Attaleia), Dioskurides (Anazarba), Heras, Aretaios
(Kappadokien), Archigenes (Apameia), Themison (Laodikeia) u. a.
~Galen~ wurde um 130 n. Chr. zu ~Pergamos~ geboren, in der einstigen
Attalidenstadt, welche sich auch in Römerzeiten hohen Ansehens als
Pflegestätte der Kunst und Wissenschaft, als ~Kultort des Asklepios~
erfreute.
Die erste Erziehung empfing er von seinem Vater, dem wohlhabenden
Architekten Nikon, welcher, in mathematisch-naturwissenschaftlichen
Fächern, außerdem auch in der Philosophie sehr bewandert, den
bildsamen Geist des Knaben schon früh in die gleiche Richtung
lenkte. Mit scharfer Logik vereinigte übrigens Nikon gleich anderen
mathematisch begabten Männern einen wundersamen Zug von Mystik, der
sich insbesondere in seiner Traumgläubigkeit aussprach.
Die frühere Ansicht, daß 131 als Geburtsjahr anzunehmen sei, ist
aufgegeben worden, doch schwanken die gegenwärtigen Annahmen zwischen
130, 129 und 128. -- Seit der Regierung des Antoninus Pius begann eine
~neue Glanzepoche der theurgischen Heilkunst in den Asklepiostempeln~.
Die Liebhaberei dieses Kaisers für alle Wahrsagerkünste und namentlich
für die Gesundheitsorakel -- in seiner Vaterstadt Lanuvium befand
sich das Schlangenorakel der Juno Sospita oder Hygiea - gab das
Signal, ~daß überall, wo alte Tempel des Heilgottes vorhanden
waren, der Asklepiosdienst nach langer Erstarrung neu belebt wurde~
(Prozessionen, Inkubation, Gedächtnismünzen), und bald füllten sich
die verlassenen Hallen der Heiligtümer zu Epidauros, Kos, Tralles,
~Pergamos~ etc. mit hilfesuchenden Kranken. In Pergamos, wo während
der Jugendzeit Galens der berühmte Tempel des Zeus-Asklepios erbaut
wurde, scheint zwischen der rationellen ärztlichen Wissenschaft und
der Priestermedizin das beste Einvernehmen bestanden zu haben.
Galen nennt seinen Vater, an dem er mit schwärmerischer Liebe
hing, nie ohne Ehrfurcht. Ganz anders schildert er dagegen die Mutter.
„Ich hatte,“ so sagt er, „das große Glück, einen leidenschaftslosen,
gerechten, braven und menschenfreundlichen Vater zu besitzen, dagegen
eine Mutter von so jähzorniger Art, daß sie mitunter ihre Mägde biß,
fortwährend schrie und mit dem Vater zankte, schlimmer als Xanthippe
mit Sokrates.“ Nikon nannte wahrscheinlich, im Glauben an den Spruch
Nomina sunt omina, den Sprößling Γαληνός, was so viel wie der Ruhige,
Friedliche bezeichnet, doch das cholerische Temperament der Mutter
erbte sich im Sohne fort, wie die Schreibart des großen Arztes
allzuoft deutlich beweist.