Solche Zustände mußten sich auch in der Literatur deutlich

widerspiegeln, in den überhand nehmenden ~Rezeptsammlungen~, die,

bar jeder wissenschaftlichen Kritik, nur der Mode huldigten, der

Routine dienten, aber durch den Schein der praktischen Nützlichkeit

zum mindesten bei der denkfaulen Menge Ansehen erwarben; manche dieser

Opera strebten sogar nach Dichterruhm, indem sie den banalen Inhalt, im

Sinne eines bizarren Zeitgeschmacks, in metrische Formen brachten[14].

Eine Minderzahl von Aerzten unterzog sich allerdings der Mühe, die

Arzneimittel naturwissenschaftlich zu untersuchen, die einfachen

Stoffe auf ihren wahren Wert zu prüfen, in das Chaos einer regellosen

Terminologie Ordnung zu bringen, für die Bereitungsweise und Dosierung

feste Normen aufzustellen, also tatsächlich die Heilmittellehre zu

verbessern; die meisten Autoren dagegen vermehrten, von Gewinnsucht

oder falschem Ehrgeiz angestachelt, nur die Zahl der Komposita,

der Antidota, der seltsamen Panaceen, die sie mit poetischen Namen

ausstatteten; sie verdienen kaum mit Recht Pharmakologen genannt zu

werden, doch wurden ihre Rezepte durch den Strom der Literatur über

Jahrhunderte hinausgetragen und zum großen Teil in das Arsenal der

Medizin für die Dauer einverleibt, wie z. B. das schmerzstillende

Antidot des ~Philon~ von Tarsos, das Opium enthaltende „~Philonium~“

oder der „~Theriak~“ des neronischen Leibarztes ~Andromachos~, ein

aus mehr als 60 Stoffen zusammengesetztes Universalgegengift, welches

in mannigfachen Modifikationen bis an die Schwelle der Neuzeit seinen

Platz behauptete.

[14] Freilich hatte die metrische Form auch den Zweck, das Gedächtnis

zu unterstützen.

Abgesehen von der im Auftrage des Pompejus vorgenommenen

Uebersetzung der „Gedenkblätter“ des Mithradates durch ~Lenaeus~ und

den Schriften der römischen Dilettanten: ~Publius Nigidius Figulus~

(Operum reliquiae ed. Swoboda, Wien 1889), ~Aemilius Macer~ (Gedichte

über Gifte und Heilkräuter, Theriaka nach dem Muster des Nikandros),

~C. Valgius Rufus~ (eine unvollendete Heilmittellehre, welche mit

einer Vorrede an Augustus begann, worin derselbe um seinen Schutz

gegen alle Leiden der Menschheit angegangen wurde) wären aus der

pharmakologischen Literatur namentlich folgende Autoren hervorzuheben:

~Antonius Musa~, der Leibarzt des Augustus. Von ihm finden sich

Rezepte bei Späteren; (hingegen rühren die beiden unter seinem Namen

laufenden Schriften De herba betonica und De bona valetudine --

zusammen herausgegeben von Florian Caldani, Bassano 1800 -- nicht

von ihm her), ~Maenius Rufus~ (zur Zeit des Celsus, komponierte

ein beliebtes Purgans), ~Philon von Tarsos~ (bei Celsus ist sein

Kollyrium erwähnt), die beiden Römer ~Julius (oder Tullius) Bassus~

und ~Sextius Niger~ (dessen vorzügliches Werk über Materia medica,

περὶ ὓλης, von Plinius hauptsächlich benützt wurde), ~Petronios

Diodotos~, ~Nikeratos~ (seine Schriften handelten unter anderem auch

über die im Wasser lebenden, als Heilmittel dienenden Geschöpfe),

Tiberius Claudius Quirina ~Menekrates~ aus ~Zeophleta~ (verfaßte

neben sehr vielen anderen Schriften ein dem Claudius gewidmetes

Buch über Heilmittel, worin die Gewichtsbestimmungen in Worten

angegeben waren, um Verwechslungen vorzubeugen -- betitelt αὐτοκράτωρ

ὁλογράμματος ἀξιολόγων φαρμάκων); sein ~Emplastrum diachylon~,

Bleiglättenpflaster mit Kräuterauszügen, hat sich, wenigstens dem

Namen nach, bis heute erhalten; ~Xenokrates von Aphrodisias~ (schrieb

über die Materia medica und über animalische Nahrung περὶ τῆς ἀπὸ

τῶν ζώων τροφῆς, wovon der Abschnitt über eßbare Wassertiere [π. τ.

ἀπὸ ὲνύδρων τροφῆς] noch vorhanden, vergl. Ideler, Physici et medici

graeci minores, Lips. 1841, I, 121 ff.); neben manchen rationellen

Rezepten hat er ganz besonders dazu beigetragen, den Glauben an die

Wahrsagekunst, an ~Geheimmittel~ und an die wunderbare ~Heilkraft

tierischer Stoffe~ zu verbreiten; so kamen in seinem Arzneischatz vor:

Teile des Nilpferdes und Elefanten, Fledermausblut, ferner ~Teile

des menschlichen Körpers~, wie Fleisch, Gehirn, Leber, Knochen,

Blut, Schweiß, Ohrenschmalz, Sperma, Harn und Fäces (zum Einreiben

von Mund und Hals), ~Heras~ aus Kappadokien (schrieb ein Werk über

Heilmittel νάρθηξ = Arzneikasten). ~Andromachos der Aeltere~ aus

Kreta, berühmt durch seine Modifikation des Mithridations (Zusatz von

Vipernfleisch), ~den Theriak~, θηριακὴ δἰ ὲχιδνῶν ἡ καλουμένη γαλήνη

= Windstille, in 174 elegischen Distichen beschrieben (Bussemaker,

Poetarum de re physica et medica reliquiae, Paris 1851). ~Der Theriak~

genoß im späteren Altertum und Mittelalter nicht nur als Antidot im

engeren Sinne, sondern auch als Mittel gegen Infektionskrankheiten

das höchste Ansehen. Noch im 18. Jahrhundert wurde er unter allerhand

Zeremonien bereitet. Sein Sohn ~Andromachos der Jüngere~ (von dem

noch viele Rezepte überliefert sind, veröffentlichte Schriften

über Heilmittel gegen innere, äußere und Augenkrankheiten); der

Zeitgenosse des älteren Andromachos, ~Servilius Damokrates~, ein zu

seiner Zeit hoch berühmter, aber für komplizierte Rezepte allzu sehr

eingenommener Arzt, von dessen, in Versen abgefaßten pharmakologischen

Werken Fragmente auf uns gekommen sind (Damocratis Servilii carmina

medicinalia ed. Harless, Bonn 1833). ~Asklepiades Pharmakion~ (wandte

menschliche und tierische Exkremente mit Vorliebe an), ~Aglaias~ aus

Byzantion (Mittel gegen den grauen Star in 13 Distichen); der Arzt

und Botaniker ~Pamphilos~ (Verfasser eines ~alphabetisch~ angeordneten

Kräuterbuches mit Synonymenliste), verschieden von dem früher lebenden

gleichnamigen Salbenhändler Pamphilos, der sich durch den Verkauf

eines Mittels gegen Mentagra in Rom große Reichtümer erworben hatte.

~Ailios Promotos~ (hinterließ mehrere zum Teil handschriftlich

erhaltene Werke über Heilmittel und Gifte).

Zu den besseren Produkten zählen die Compositiones medicamentorum

des ~Scribonius Largus~, ein ärztliches Taschenbuch, welches 271

Rezepte, nach den Körperteilen vom Kopf bis zu den Füßen angeordnet,

enthält und um das Jahr 47 n. Chr. mit einer Widmung an den Kaiser

Claudius veröffentlicht wurde. Nebst der eigenen Erfahrung benützte

der Verfasser sorgfältig die Vorarbeiten und entnahm diesen manches

Gute, doch scheute er sich auch nicht abenteuerliche, abergläubische

~Volksmittel~ in den Rahmen seiner fleißigen Zusammenstellung

aufzunehmen. Von Interesse ist es, daß Scribonius Largus als erster die

~Gewinnung des Opiums~ richtig beschrieb und ~bei heftigem Kopfschmerz~

die Applikation des ~Zitterrochens~ (elektrische Schläge!) empfiehlt.

~Scribonius Largus~ dankte seine sehr ausgebreitete Praxis

vornehmlich dem Umstande, daß er auch die medikamentöse Behandlung,

die er anknüpfend an Herophilos, gegen die orthodoxen Anhänger einer

ausschließlich diätetischen Therapie verteidigte, mit hingebungsvollem

Eifer pflegte. Durch den Einfluß eines mächtigen Gönners (des

freigelassenen Julius Callistus) an den Hof gezogen, behandelte

er auch Mitglieder der kaiserlichen Familie (z. B. Messalina) und

begleitete den Claudius auf seinem Zuge nach Britannien. Diese Reise,

sowie jede sonstige Gelegenheit benützte er, um seine Kenntnis der

Arzneistoffe und seine Sammlung von Rezepten zu ergänzen; einzig auf

dem Boden einer wenig kritischen Empirie stehend, raffte er nicht

bloß aus der griechischen Literatur zahlreiche bewährt befundene

Heilformeln zusammen, sondern erwarb noch außerdem von Aerzten,

Dilettanten und Kurpfuschern manches berühmte Geheimmittel um schweres

Geld, die uns überkommenen Compositiones (ed. G. Helmreich, Leipzig

1887, Teubner; deutsche Uebersetzung bis Kap. 79 mit Kommentar von

Felix Rinne, Halle 1896, in Koberts Histor. Studien) enthalten daher

neben rationellen Rezepten viele ~Volks- und Wundermittel~ (z. B.

gegen Epilepsie, auch ein von einer römischen Dame gebrauchtes, gegen

Kolik ein Mittel, das von einer afrikanischen Kurpfuscherin stammte,

abergläubische tierische Heilmittel, sogar die Leber eines getöteten

Gladiators!). Manchmal regt sich in ihm wohl die bessere Einsicht und

ärztliche Kritik, aber nur selten; Erklärungen für die Wirkung der

Arzneimittel finden sich nirgends und für den ausbleibenden Erfolg

seiner erprobten Kompositionen hat er die Entschuldigung bei der

Hand, daß die Verschiedenheit der Körperbeschaffenheit, des Alters,

der Zeit oder des Ortes einen nicht vorher zu bestimmenden Einfluß

äußern könne. Immerhin weht besonders durch die Vorrede des Werkchens

ein sympathisch berührender Zug von Gewissenhaftigkeit, womit sich

die beredte Klage über den geistigen und sittlichen Verfall der

zeitgenössischen Kollegen verbindet. Schön sind namentlich die Worte,

die er dem ärztlichen Beruf widmet: „~Idcirco ne hostibus quidem malum

medicamentum dabit, qui sacramento medicinae legitime est obligatus;

sed persequetur eos, cum res postulaverit, ut miles et civis bonus

omni modo, quia medicina non fortuna neque personis homines aestimat,

verum aequaliter omnibus implorantibus auxilia sua succursuram se

pollicetur nullique umquam nocituram profitetur.~“

Wissenschaftlicher Geist ist nur bei ~einem~ der zahlreichen

Pharmakologen dieses Zeitalters zu erkennen, bei ~Pedanios

Dioskurides~, welcher von der ersten reiferen Jugendzeit an, dem

Gegenstand unablässiges Interesse entgegenbrachte und nicht allein

aus guten Vorarbeiten, sondern auch aus der eigenen Anschauung

schöpfte. ~Dioskurides~ aus Anazarba in Kilikien diente zur Zeit

Neros im römischen Heere als Arzt und benützte die beim Besuche der

verschiedensten Gegenden erworbenen botanisch-pharmakologischen

Kenntnisse für seine kurz vor 77 oder 78 n. Chr. in fünf Büchern

verfaßte Arzneimittellehre (ὑλικά) -- ein Werk, das durch

Vollständigkeit, Kritik und Sorgfalt der Beschreibung unter allen

übrigen einschlägigen Arbeiten unvergleichlich hervorragt und lange

Zeit unübertroffen blieb. Dioskurides, frei vom Dilettantismus

oder Dogmatismus der meisten Vorgänger, nur der exakten Tatsache

vertrauend, erreichte in bewundernswerter Weise das vorgesteckte Ziel,

durch ~genaue Schilderung der Arzneikörper~ aller drei Reiche, durch

~scharfe Fixierung der Terminologie~, durch ~verläßliche Angaben über

Zubereitung, Aufbewahrung, Echtheitsprüfung, Anwendung, Dosierung und

Wirkung~, die Heilmittellehre zu vereinfachen, die Polypharmazie in

die richtigen Grenzen zu bannen. Der Nachdruck ist begreiflicherweise

auf die vegetabilischen Heilkörper gelegt; in einem besonderen Kapitel

wird jede einzelne Pflanze in toto beschrieben. Name, Synonyma,

Standort gehen den pharmakologischen und pharmakodynamischen Angaben

voran, und wie vortrefflich die Botanik von Dioskurides dargestellt

ist, geht daraus hervor, daß trotz der großen Schwierigkeit die

Mehrzahl der beschriebenen Pflanzen in neuerer Zeit identifiziert

werden konnte. Hervorzuheben ist es auch, daß er alle in Arabien

einheimischen Heilpflanzen kennt, und daß man in seinem Werke zuerst

auf ~die chemische Zubereitung~ der (nur äußerlich angewendeten)

metallischen Mittel stößt. Bei solchen Vorzügen -- im ganzen hat er

sich in Anbetracht des Zeitgeistes auch vom Aberglauben möglichst fern

gehalten -- ist es nicht zu verwundern, daß Dioskurides bis in die

Neuzeit die Führerrolle einnahm und noch heute im Orient die Bedeutung

eines Orakels besitzt.

Statt ~Dioskurides~ findet sich in der Literatur auch die

Lesart Dioskorides, statt Pedanios auch Pedakios; als Beiname kommt

Anazarbeus, aber auch Tarseus vor, letzterer weil Anazarba in der

Nähe von Tarsos gelegen war. Dort, wo eine höhere Lehranstalt für

Philosophie bestand, machte er wohl seine ersten Studien, die sodann

wahrscheinlich in Alexandreia fortgesetzt wurden. Einer bestimmten

Aerzteschule schloß sich D. nicht an, wie er denn in seiner

Arzneimittellehre die Wirkung zwar von den vier Elementarqualitäten

abhängig macht, aber ohne auf die Spitzfindigkeiten der Dogmatiker

einzugehen und die Krankheiten nur in der Minderzahl mit bestimmten

Namen bezeichnet. Dioskurides veröffentlichte sein Werk vor dem

Erscheinen der Naturgeschichte des ~Plinius~; zwischen beiden findet

sich manche Uebereinstimmung, weil Plinius sich auf ~Sextius Niger~

stützte und dieser aus der, von ~Dioskurides~ als Hauptquelle

herangezogenen, Schrift des Rhizotomen ~Krateuas~ schöpfte.

Außer Krateuas ist auch der Herophileer ~Andreas~ als wichtigster

Vorläufer zu betrachten, die ausgezeichnete Pflanzengeschichte des

~Theophrastos~ scheint der Anazarbeer dagegen sehr zum Nachteil

des botanischen Teiles seiner Arzneimittellehre nicht gekannt zu

haben. Die Reisen als Militärarzt hat Dioskurides nach eigener

Versicherung zur Beobachtung lebender Pflanzen und anderer Heilmittel

fleißig benützt, jedoch spricht er nur an einer Stelle von einer

eigenen Beobachtung in den vestinischen Bergen (Abruzzen). Die

Schrift περὶ ὕλης ῖατρικης hat folgenden Inhalt: Vorrede, worin

er über die bisherige Bearbeitung des Gegenstands spricht, deren

Fehler auseinandersetzt und seinen Plan skizziert; 1. Buch: von den

Gewürzen, Oelen, Salben, Bäumen, sowie von den davon herstammenden

Säften, Harzen und Früchten; 2. Buch: über die Tiere, Honig, Milch,

Fett, von den Getreidearten, Gemüsen und scharfen Kräutern; 3. und

4. Buch: von den Wurzeln, Pflanzensäften, Kräutern und Samen; 5.

Buch: vom Weinstock, den Weinen und Mineralien. -- Im ganzen sind

etwa 600 Pflanzen behandelt. Dioskurides ordnete den Stoff nicht,

wie die Vorgänger, alphabetisch, sondern er stellte die Pflanzen

nach den äußeren Merkmalen oder nach der Wirkungsart zusammen. Um

die Identifizierung der Gewächse hat sich die Forschung schon im

Altertum, dann namentlich seit der Renaissance bemüht, in neuerer Zeit

ist die Bestimmung der von D. beschriebenen Pflanzen unter anderem

von Tournefort, Sibthorp, Koch, K. Sprengel, C. Fraas unternommen

worden. -- Von reicher praktischer Erfahrung zeugen die Anweisungen

zur Prüfung der Drogen (auf Echtheit und Güte), zur Bereitung

der zusammengesetzten Mittel (Beschreibung des Verfahrens und der

anzuwendenden Apparate), und sorgfältig werden die Gewichte und

Mengen, besonders der stark wirkenden Arzneisubstanzen angegeben. Die

Synonyma der Pflanzennamen, welche entweder von Völkern (z. B. den

Aegyptern) oder von einzelnen Personen herstammen, sind wenigstens

zum Teil eine spätere Hinzufügung. -- Die beiden wertvollsten

Handschriften des Dioskurides sind der Cod. Constantinopolitanus

und Neapolitanus, sie befinden sich in der Wiener Hofbibliothek.

Der erstere ist eine kostbar ausgestattete, für Julia Anicia,

die Tochter des Kaisers Flavius Anicius Olybrius, angefertigte

Pergamenthandschrift aus dem Ende des 5. Jahrhunderts, enthält

die Beschreibung der Pflanzen in alphabetischer Reihenfolge (was

Dioskurides selbst verpönt hatte!). Neben dem vielfach gekürzten

und umgearbeiteten Text besitzt sie Pflanzenabbildungen, die dem

illustrierten Krateuas entnommen sind. Von dem Werke des Dioskurides

wurden bereits im frühen Mittelalter lateinische Uebersetzungen,

bezw. Ueberarbeitungen veranstaltet; unter den Kommentaren (mit

lateinischer Uebersetzung) ragt derjenige von Matthiolus, Venet. 1554,

hervor; die letzte Ausgabe (griechisch-lateinisch) ist die von C.

Sprengel (Leipzig 1829-30). Die deutsche Uebersetzung „Des Pedanios

Dioskurides Arzneimittellehre“ von J. Berendes (Stuttgart 1902)

ist mit vortrefflichen Erklärungen versehen. -- Unter dem Namen des

Dioskurides gehen noch mehrere Schriften, von denen die beiden als

6. und 7. Buch dem Hauptwerk hinzugefügten περὶ δηλητηρίων φαρμάκων

und περὶ ἰοβόλων καὶ περὶ λυσσῶντος κυνός (beide übersetzt von

Berendes, Apothekerzeitung 1905) sicher unterschoben, die zwei Bücher

περὶ εὐποριστῶν ἁπλῶν τε καὶ συνθέτων φαρμάκων (von den leicht zu

beschaffenden einfachen und zusammengesetzten Arzneien) möglicherweise

echt sind.

Die Pneumatiker und Eklektiker.

Die dogmatischen Sekten, welche aus der alexandrinischen Medizin

hervorgegangen waren, bestanden auch in Rom weiter fort, doch fristeten

sie nur ein Schattendasein neben dem sieggekrönten Methodismus und

der alten, doch stets neu verjüngbaren Empirie. Unter dem Wuste der

schablonenhaften Polypragmasie drohte nicht allein die Spekulation über

die Krankheitsvorgänge, sondern das medizinische Denken überhaupt, zu

versiegen, und weder von der einseitigen Humoral- noch von der extremen

widerspruchsvollen Solidarpathologie war, bei dem Mangel exakter

Forschungsmethoden, eine befriedigende Weiterbildung der Theorie zu

erhoffen.

In ganz ähnlicher Lage hatte sich nach Erlahmung der Platonik und

Peripatetik die Philosophie befunden, bis sich das hellenistische

Epigonentum durch Skeptizismus und Atomismus hindurch zum

synkretistischen Stoizismus emporschwang, der, auf der breiten

Grundlage der Vergangenheit ruhend, zwar vorwiegend der praktischen

Lebenskunst zugewandt blieb, aber auch die stagnierende

Erkenntnistheorie und Metaphysik wieder in Fluß brachte.

Solchem Beispiel folgend und ~im direkten Anschluß an die Stoa~, welche

bei den Römern von allen Systemen am meisten angesehen war, suchte im

Laufe des 1. Jahrhunderts n. Chr. eine Minderzahl wissenschaftlich

strebender Aerzte eine neue Entwicklung der medizinischen Theorie

herbeizuführen, indem man den Grundgedanken der stoischen Philosophie,

~die Pneumalehre~, in die Physiologie und Pathologie hineintrug,

zugleich aber auch die früheren gegensätzlichen Richtungen unter

dem neu gewonnenen Gesichtspunkt vereinigte. Gründer der Schule war

~Athenaios von Attaleia~ (Pamphylien). Verdiente die Schule zur Zeit

ihrer Stiftung den Namen der ~pneumatischen~ (πνευματικοί), weil

sie vornehmlich auf die ~Ableitung aller organischen Erscheinungen

von der Funktion und Beschaffenheit der Lebensluft~ den Nachdruck

legte, so verwandelte sie sich doch schon sehr bald in dem Maße,

als die Therapie bestimmenden Einfluß auf den Ideengang erlangte,

in die Schule der ~Eklektiker~ (ἐπισυνθετικοί), auch hierin ein

Gegenstück zum Stoizismus, welcher schon von Anfang an synkretistischen

Tendenzen huldigte. Mag die antike Medizin oftmals ihr Licht von

der Philosophie erborgt haben, stärker treten doch niemals die

historischen Zusammenhänge zwischen beiden und der Zusammenklang in

der nachfolgenden Entwicklung hervor. Anderseits freilich, wenn man den

Werdegang der medizinischen Theorie, losgelöst von äußeren Einflüssen,

betrachtet, ist es nicht zu übersehen, ~daß die pneumatische Schule

im Wesen jene uralten Ideen von der Bedeutung der „Lebensluft“ zur

Vollreife brachte~, welche, abgesehen von der orientalisch-ägyptischen,

in der Medizin der Naturphilosophen und Hippokratiker (vergl. Diogenes

von Apollonia, Herakleitos, die hipp. Bücher περὶ φυσῶν, περὶ φύσιος

ἀνθρώπου, Anonym. Londin. cap. 5), ja selbst des Erasistratos und

Asklepiades (λεπτομερές) lagen, aber wenig beachtet wurden.

Das stoische Lehrsystem, begründet von Zenon aus Kition (im letzten

Dezennium des 4. Jahrhunderts v. Chr.), literarisch hauptsächlich

vertreten durch Chrysippos aus Soli in Kilikien, stellte als

Kompromiß zwischen den verschiedenen vorausgegangenen Systemen

(besonders Heraklit, Plato, Aristoteles) die typische Philosophie des

Hellenismus dar und erreichte wegen des ~eklektischen~ Grundzuges,

wegen der ~praktischen Tendenzen~ und last not least wegen des

~kosmopolitischen~ Standpunkts im Römerreiche die höchste Entfaltung,

allerdings in Form einer moralisierenden Popularphilosophie.

Die Metaphysik des Stoizismus ist dynamisch-materialistisch mit

stärkster Betonung der ~Teleologie~. Unter Anlehnung besonders an

Herakleitos und an die aristotelische Dualität eines ~tätigen~ und

eines ~leidenden Prinzips~ nehmen die Stoiker eine einheitliche

Weltkraft (= Gott) an, die einerseits als Weltvernunft aufgefaßt

wird, anderseits mit dem Urstoff, dem Feuer = Lebenshauch = ~Pneuma~

identifiziert wird. Das Pneuma ist der Urkörper, aus dem die

Einzeldinge hervorgegangen sind und zugleich die alles durchdringende,

alles beherrschende und erzeugende Weltvernunft (λόγος σπερματικός).

Da das Pneuma, als Körper, mit Naturnotwendigkeit, als Geist aber,

zweckmäßig wirkt, so kann der Naturprozeß nur zu vollkommenen und

~zweckmäßigen~ Bildungen führen. Entsprechend der Identifikation

der Urkraft mit dem Urstoff wird auch bei jedem Einzelding trotz

logischer Unterscheidung eines tätigen und eines leidenden Prinzips

die bewegende Kraft mit dem bewegten Stoff gleichgestellt, ausklingend

in den Satz: ~Nur das Körperliche ist wirklich~. Der aus gröberen

Elementen zweckmäßig zusammengefügte menschliche Leib ist in seiner

ganzen Ausdehnung durchsetzt von dem warmen Lebenshauch, welcher

als Ausfluß der Weltseele die Vernunft ausmacht, die Sprache, das

Vorstellen, das Begehren hervorbringt, als einheitliche Lebenskraft,

die physiologischen Funktionen unterhält und den Hauptsitz in der

Brust hat.

Wie die stoische Weltauffassung auf biologischer Betrachtungsweise

beruht (Welt = ein organisiertes, beseeltes, vernünftiges,

schaffendes, zeugendes Lebewesen), wie sich die Stoiker auch gerne mit

physiologisch-medizinischen Fragen beschäftigten und mit ~kleinlicher

Teleologie~ vom anthropomorphen Standpunkt die Naturforschung

betrieben, so war anderseits gerade ihre Lehre, wie geschaffen, auf

die medizinische Theorie bestimmend einzuwirken. Dies erfolgte aber

erst, als der epikureische Atomismus mit Asklepiades hinabgesunken war

und der vergröberte Methodismus theoretisch nicht mehr befriedigte.

~Nicht allein durch die Pneumalehre und Teleologie, sondern auch

in formaler Hinsicht durch die subtile Ausgestaltung der Logik und

Dialektik (namentlich die feine Differenzierung im kausalen Denken)

wurden die Stoiker maßgebend für die pneumatische Schule und damit

für die ganze weitere Entwicklung der Medizin.~

Im Gegensatz zum System der Methodiker erhebt sich das Lehrgebäude

der Pneumatiker auf dem Fundament einer sorgfältig durchdachten

Physiologie, in welcher ~neben dem Pneuma die vier Elementarqualitäten

der älteren Dogmatiker~, sowie die Lehre von der Lungen- und Hautatmung

(vergl. hierzu besonders die sizilische Schule und Diokles) die

Hauptrolle spielen.

Grundbestandteile des Körpers (wie bei den älteren Dogmatikern)

sind das Warme, Kalte, Trockene und Feuchte, welche, als Stoffe

gedacht, die Gewebe und Organe aufbauen, als Kräfte aufgefaßt, die

Lebensvorgänge bedingen; hiervon gelten das Warme und Kalte als

die wirkenden (ποιητικὰ αἴτια), das Trockene und Feuchte als die

leidenden (ὑλικά) Potenzen. Die oberste Regulation der physiologischen

Erscheinungen wird durch das Lebensprinzip (πνεῦμα ζωτικόν) bewirkt,

das dem Menschen von Natur innewohnt (daher π. σύμφυτον), durch seine

mannigfache Bewegung die innere Wärme (ἔμφυτον θερμόν) erzeugt und

in dreifacher Abstufung 1. den Körper zusammenhält (ἒξις), 2. als

Bildungskraft, Wachstum und Zeugung vermittelt (φύσις), endlich (als

ψυχή) Denken, Empfinden, Begehren hervorbringt; der herrschende Teil

der Seele ist das ἡγεμονικὸν, mit dem Sitz im Herzen (vergl. die

sizilische Schule). Der Atmungsprozeß hat den Zweck, das Pneuma durch

die eindringende Luft zu ersetzen und die innere Wärme zu mäßigen.

(Die vom Herzen mit eingepflanzter Wärme versehene Lunge, verlangt

nämlich zur Abkühlung nach kalter Luft und führt diese sodann dem

Herzen wieder zu.) Bei der Zusammenziehung des Thorax wird Luft

aufgenommen, bei der Ausdehnung wird die unrein gewordene nach außen

abgegeben. Ergänzend wirkt die Perspiration (διαπνοή), d. h. die

pulsatorische Tätigkeit der Arterien, durch deren feinste in der

Haut befindlichen Endungen einerseits die Zuführung der Luft für den

Körper (bei der Systole) stattfindet, anderseits die Aussonderung

der unrein gewordenen Luft (bei der Diastole) vor sich geht

(vergl. Empedokles, sizil. Schule, Diokles). Das Blut wird aus den

brauchbaren Nahrungsstoffen (nach Vollendung des Verdauungsprozesses

im Magendarmtrakt) in der Leber vermöge der eingepflanzten Wärme

gebildet und von dieser dem Herzen zugeführt; die Milz dient als

Reinigungsorgan (Aussonderung der unreinen Stoffe des schwarzen

Blutes). Die vom Herzen entspringenden Arterien führen, ebenso wie

die aus der Leber hervorgehenden Venen, sowohl Blut, als auch Pneuma

(vergl. Praxagoras-Herophilos), nur mit dem Unterschied, daß die

ersteren mehr Pneuma, die letzteren mehr Blut enthalten.

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 42 / 54 段