Die allgemeine ~Aetiologie, Semiotik und Prognostik~ stellt den

Inhalt der ersten acht Kapitel des II. Buches dar und ist vorwiegend

aus Hippokrates geschöpft, wie Celsus selbst einleitend bemerkt: „non

dubitabo auctoritate antiquorum virorum uti, maximeque Hippocratis;

quum recentiores medici, quamvis quaedam in curationibus mutarint,

tamen haec illum optime praesagisse fateantur.“ Wie dieser schildert

er den Einfluß der Jahreszeiten, der Witterung, des Alters, der

Konstitution auf die Entstehung von Krankheiten und bringt eine

Fülle von unvergänglich wahren Bemerkungen über die prognostischen

Kennzeichen. Von höchstem Interesse ist das 2. Kapitel, welches die

Zeichen bevorstehenden Erkrankens und das 6. Kapitel, welches die

Zeichen des bevorstehenden Todes (darunter die Facies Hippocratica)

angibt, ferner die (im 7. u. 8. Kapitel) angeführten prognostisch

wichtigen Symptome bestimmter Affektionen, z. B. der Schwindsucht,

der Wassersucht, eines Unterleibsabszesses, des Leberabszesses, der

Nieren- und Blasenaffektionen. Besonders fesseln die Schilderung der

Abnormitäten des Harns, der Symptome des Blasensteins, der Vorboten

der Raserei, der letzten Stadien des Phthisikers u. a. -- alles

von Meisterhand entworfen und noch heute lesenswert! Die folgenden

Kapitel dieses Buches enthalten die ~allgemeine Therapie~, wobei

Celsus mit feiner Kritik sowohl die Hippokratiker wie die Schule

des Asklepiades zur Geltung kommen läßt. Demgemäß weist er bei der

Indikationsstellung zum Aderlaß eine ganze Reihe von Bedenken der

älteren Aerzte (z. B. Alter, Schwangerschaft) zurück und findet

nur in zu großer Körperschwäche eine Gegenanzeige; vortrefflich

sind die Anweisungen über die Ausführung der Venäsektion und

die Warnungen vor Kunstfehlern, die hierbei vorkommen. Weiterhin

bespricht er das Schröpfen (blutiges und trockenes, mit Schröpfköpfen

aus Horn oder Kupfer), die Abführmittel (event. zu ersetzen durch

laxierend wirkende Speisen, Wasser-, Schleim-, Salz-, Oelklistiere)

und Brechmittel (bezüglich welcher er mit Asklepiades nicht ganz

übereinstimmt), endlich die Lieblingsmethoden der damaligen Medizin:

die Massage (frictio), die aktive und passive Bewegung (gestatio),

das Fasten und Schwitzen (durch Wasserbäder, Sandbäder, Dampfbäder,

warme Luftbäder, letztere z. B. in Bajä, Sonnenbäder). Mit größter

Sorgfalt werden in diesen Abschnitten sowohl die Indikationen als

die Technik der genannten Prozeduren besprochen. -- Die ~spezielle

Pathologie und Therapie~ ist im III. und IV. Buche niedergelegt.

Celsus wendet sich gegen die damals übliche Einteilung in akute und

chronische Affektionen, er unterscheidet prinzipiell allgemeine und

lokale Krankheiten, welch letztere a capite ad calcem vorgeführt

werden. Unter den allgemeinen schildert er zunächst, frei von

jedem dogmatischen Standpunkt, die verschiedenen Fieberarten und

ihre vorzugsweise diätetische Behandlung; wichtig ist es, daß er

die Theorie von den kritischen Tagen verwirft und, ungleich den

Methodikern, streng individualisiert; namentlich das Verhalten

des Pulses gibt ihm einen Maßstab für den Kräftezustand und die

Richtschnur für das therapeutische Eingreifen, jedoch weist er auf

die Fehler hin, die bei der Pulsuntersuchung unterlaufen können.

Auch für die einzelnen Symptome des Fiebers, wie Kopfschmerz und

Entzündung (falsch sei die Meinung des Erasistratos, daß jedes

Fieber auf Entzündung beruhe), werden hygienisch-diätetische

Behandlungsweisen angeraten. (Lib. III cap. 10 steht die berühmte

symptomatologische Definition der Entzündung: „~Notae vero

inflammationis sunt quatuor, rubor et tumor, cum calore et dolore~.“)

Glänzend und von aktuellster Bedeutung ist das 18. Kapitel des III.

Buches, in welchem die Therapie der Geistesstörungen abgehandelt wird

und Celsus nicht nur für die üblichen Methoden (Diät, Aderlässe,

Abführmittel, kühlende Umschläge, Uebergüsse, Massage, Einfluß

des Lichts und der Dunkelheit, Zwangsmittel etc.), je nach den

individuellen Verhältnissen, Indikationen angibt, sondern auf die

~psychische Behandlung~ das Schwergewicht legt. Hierher zählen

freundliches Zureden, fromme List, Scheltworte oder Drohungen,

Erregung der Aufmerksamkeit durch Gespräche, Vorlesen, Musik;

eventuell muß der Patient selbst zu geistiger Tätigkeit z. B. zum

Rezitieren angehalten werden: Cogendus est et attendere et ediscere

aliquid et meminisse. In den folgenden Kapiteln des III. Buches

bespricht Celsus die Pathologie und Therapie des „Morbus cardiacus“,

wobei die Ernährung durch Klysmen erwähnt wird, des Lethargus, des

„Hydrops“ (der Auftreibung des Abdomens, drei Arten: Tympanitis,

Leukophlegmasia und Ascites), der Tabes (Auszehrung), von welcher

die Spezies Atrophie, Kachexie und Lungenphthise unterschieden

werden, ferner Epilepsie (Morbus comitialis), Icterus (Morb.

arquatus sive regius), Lepra (Elephantiasis), Bewußtlosigkeit (durch

Blitzschlag oder Schlaganfall), Lähmung (Resolutio nervorum), Tremor.

Erwähnenswert ist die Behandlung der Neuralgien durch Auflegen

von Schläuchen mit heißem Wasser, der Epilepsie auch durch Diät

(Vermeidung von Wein und Coitus; hier wird auch das Volksmittel,

Trinken von Menschenblut, angeführt: miserum auxilium tolerabile

miserius malum fecit). In der Therapie der Phthise, die gleich ~im

Beginne~ behandelt werden müßte, sind hervorgehoben: Milchgenuß,

Diät, Enthaltung von Berufstätigkeit, warme Bäder, Saft des Wegerichs,

Terpentin und Honig, Stillung der Diarrhöen und Hämoptoë, vorsichtige

Massage und Bewegung, Seereisen, Klimaveränderung (Aegypten), in

schweren Fällen Anwendung des Glüheisens. Das IV. Buch ist eine

Abhandlung über die einzelnen Organleiden. Darunter sind ganz

besonders eingehend die mannigfachen Formen des Kopfschmerzes und

die Magendarmkrankheiten besprochen; unter den Kopfkrankheiten

wird Hydrocephalus, unter den Nackenaffektionen Tetanus erwähnt,

unter den Leberleiden schildert Celsus den Leberabszeß und die

Cirrhose mit konsekutivem Hydrops, bei Milzleiden wird neben sauren

und scharfen Speisen, Diureticis (Petersilie, Thymian), auch der

Genuß von Rindermilz (Organtherapie!) empfohlen; für Nierenleiden

sind warme Bäder, Klistiere und Diät vorgeschrieben, bei Ileus

werden Oelklistiere gerühmt, gegen Bandwürmer werden nach einer

Vorkur mit Knoblauch Granatwurzelrinde, gegen Ascariden und Oxyuren

Oelklistiere und Pfefferminzwasser ordiniert, Gichtischen wird auch

der Genuß von Eselsmilch geraten etc. Das letzte Kapitel beschäftigt

sich mit der Pflege der Rekonvaleszenten. Nur allmählich dürfen

dieselben zu einer ungeregelten Lebensweise zurückkehren. -- Die

meisterhafte Darstellung der ~Chirurgie~ nimmt das VII. und VIII.

Buch zur vollen Gänze ein, außerdem sind aber auch in den übrigen

Büchern chirurgische Bemerkungen eingestreut, die Kapitel 26, 27,

28 des V. Buches enthalten die allgemeine Chirurgie der Wunden,

Verbrennungen, Geschwüre und Geschwülste. Im wesentlichen folgt

Celsus dem Hippokrates, doch bildet sein Werk, da es die eminenten

Fortschritte des folgenden mehr als vierhundertjährigen Zeitraums

überall heranzieht, eine unschätzbare Quelle für ~die chirurgischen

Leistungen besonders der alexandrinischen Schule~; leider sind einige

Abschnitte weniger ausführlich gehalten, als es zu wünschen wäre,

und manches, wie z. B. die angeborenen Luxationen, die Verkrümmung

der Wirbelsäule, die Verletzungen des Halses, die Operation des

Hydrothorax, ist ganz unerwähnt geblieben. Es würde zu weit führen,

an dieser Stelle die spezielle Chirurgie bis in die technischen

Einzelheiten zu verfolgen, nur einige besonders markante Momente

seien hier angedeutet. Celsus bespricht die Verletzungen und

deren charakteristischen Symptome (z. B. bei Gehirnverletzungen:

blutiger Ausfluß aus Nase oder Ohr, Erbrechen, Nystagmus, Delirien,

Zuckungen), die Lagerung des verletzten Gliedes, die verschiedene

Beschaffenheit des Wundsekretes, die Blutstillung und Wundbehandlung,

die Therapie der Frakturen, Luxationen, Caries und Nekrose der

Knochen, die Fisteln, Fissuren, Geschwüre und Geschwülste, die

Hernien, Hodenaffektionen, Varicen, Mißbildungen u. s. w. Mehr oder

minder genaue Darstellung finden die Trepanation, die Resektionen,

die Amputation, die Punctio abdominis (Einschnitt, sodann Einführung

einer kupfernen oder bleiernen Röhre), die Radikaloperation des

Nabelbruches, die Phimosenoperation, Infibulation, Urethrotomie,

Kastration, der Katheterismus u. s. w. ~Blutstillung~ erfolgt

durch Tamponade und Kompression (bei parenchymatöser Blutung),

~Gefäßligatur~ (bei Verletzung größerer Gefäße) oder ~Massenligatur~,

selten durch Kauterisation. Die (in den hippokratischen Schriften

nicht erwähnte) ~Ligatur~ wird folgendermaßen vorgeschrieben: ~venae

quae sanguinem fundunt, apprehendendae, circaque id quod ictum est,

duobus locis deligandae~ (Lib. V cap. 26 § 21). Als Wundverband

diente ein in Essig, Wein oder Wasser ausgedrückter Schwamm, über

welchen eine Leinwandbinde befestigt wurde. Die Wundvereinigung

wurde auch durch die ~Naht~ erzielt (l. c. § 23). Bei penetrierenden

Bauchwunden und Darmverletzungen legt Celsus die ~Darmnaht~ an, und

empfiehlt bei der ~Bauchnaht~ stets das Peritoneum mitzufassen.

Einer besonderen Betrachtung werden die durch Geschosse (Pfeile,

Schleuderblei, Stein) entstandenen Wunden gewürdigt, namentlich mit

Rücksicht auf die Extraktion -- Kapitel, die in den hippokratischen

Schriften nicht vertreten sind. Ein weiterer Fortschritt gegenüber der

Vergangenheit ist in der Beschreibung der Fisteln und deren operativer

Behandlung zu erblicken. Hinsichtlich der Geschwürsbehandlung ist

das Abtragen der kallösen Ränder und die Anwendung des Glüheisens

bemerkenswert. Was die Neubildungen anlangt, so beschreibt Celsus

die sehr zweckmäßige Methode der Entfernung der Atherome und

kennt die, selbst nach Entfernung mit dem Messer, vorkommenden

~Rezidiven des Karzinoms~. -- Ebensowenig wie bei Hippokrates ist

die Brucheinklemmung deutlich geschildert, die Radikaloperation der

Brüche ist undeutlich beschrieben, hingegen erwähnt der römische

Autor bereits ~Bruchbandagen~ und das ~Durchscheinen des Lichtes als

Symptom der Hydrokele. Die Amputation wird nur bei Gangrän und zwar

an der Demarkationslinie des Brandigen vorgenommen.~ -- Glanzstellen

des Werkes bilden die Abhandlung über den Seiten-~Steinschnitt~ (Lib.

VII cap. 26 § 2) -- eine Abhandlung, die zu vielen Kontroversen Anlaß

gegeben hat -- und die Beschreibung der ~plastischen Operationen~

(zum ersten Male systematisch erörtert, Chirurgia „curtorum“;

Deckung des Defektes mittels Verziehung der benachbarten Haut,

Entspannungsschnitte), empfohlen für Defekte des Ohres (Lib. VII

cap. 9), der Nase und Lippen, ferner für den Ersatz eines fehlenden

Praeputiums. -- ~Auch die Mund-, Nasen-, Ohrleiden~ werden gemäß dem

Standpunkt des damaligen Wissens sorgfältig beschrieben. Auf diesem

Gebiete ist namentlich die Schilderung der aphthösen Geschwüre und

kruppartigen Zustände, der operativen Behandlung des Lippenkrebses,

der hypertrophischen Tonsillen und der Nasenpolypen anzuerkennen

und der Tatsache zu gedenken, daß Celsus die Ozaena treffend

charakterisiert, eine vorsichtige Therapie der Affektionen des äußeren

Ohres empfiehlt und das Uebergreifen entzündlicher Ohraffektionen auf

das Gehirn genügend betont. In der Technik der Ohrbehandlung spielten

Einträufelungen, Einspritzungen mit dem „Clyster oricularis“ eine

große Rolle; Fremdkörper wurden durch eine mit Wolle umwickelte und

mit Terpentin getränkte Sonde, Ausspritzen und Niesemittel entfernt.

Aus der ~Zahnheilkunde~ interessiert uns, daß man zur Erleichterung

der Extraktion das Zahnfleisch um den ganzen Zahn löste, bei sehr

hohlem Zahn zur Verhütung des Abbrechens die Kavität vorher mit

gezupfter Leinwand und Blei ausfüllte, wackelige Zähne mit Golddraht

an die Nachbarn band und sogar unter Umständen die Erhaltung des

Zahnes durch eine Art von Plomben (ein in Wolle gewickeltes Stück

Schiefer wurde in die Höhle gestopft) versuchte.

Bezüglich der ~Gynäkologie und Geburtshilfe~ wäre folgendes

hervorzuheben. Celsus kennt den Unterschied des männlichen und

weiblichen Schambogens, den Hymen, die vikariirende Menstruation,

bespricht die Untersuchung per rectum, den Katheterismus mit dem

(weiblichen) Blasenkatheter, er verlangt die Untersuchung sub

partum und benutzt für geburtshilfliche Operationen das Querbett.

Steiß- und Fußlage gelten ihm als physiologisch, die Wendung auf

den Fuß wird empfohlen, bei Extraktionen und Zerstücklungen der

Frucht kommt der scharfe Haken zur Anwendung. Bei all dem unterläßt

es Celsus nicht, die Gefahren des Wochenbetts und der Ausübung

geburtshilflicher Operationen eindringlichst zu betonen. -- In

der ~Augenheilkunde~ unterschied man eine ansehnliche Zahl von

Affektionen, wobei neben allgemeiner Therapie, und den uralten

ableitenden Methoden des Hypospathismus und Periscythismus eine Menge

von äußeren Heilmitteln[13] und ungefähr 20 Operationsverfahren (z.

B. bei Trichiasis, Staphylom) zur Anwendung kam. Wertvoll ist die

•Beschreibung der Staroperation• -- die erste in der vorhandenen

Literatur (Lib. VII cap. 7 § 14); das angegebene, auf falschen

anatomischen Vorstellungen beruhende Verfahren (Depression, welcher

eventuell die Zerstücklung folgte) blieb bis zum 18. Jahrhundert die

allgemeine übliche Methode. (Man führte eine Nadel ein und drückte die

in der Pupille befindliche, geronnene Masse nach unten.) Die ~Haut-

und Genitalleiden~ sind sehr ausführlich besprochen, jedoch begegnet

die Identifizierung der ersteren mit den jetzigen Krankheitstypen zum

Teil großen Schwierigkeiten. Besonderes Interesse bietet der Abschnitt

über Haarkrankheiten. Unter den Affektionen ist die Beschreibung der

Gonorrhoe, der Hodenentzündung, der Strikturen, des Ulcus molle, der

Phimose, Paraphimose, der Kondylome und Rhagaden vortrefflich. --

So wie in der Terminologie der Chirurgie (Celsusscher Zirkelschnitt)

hat sich auch in der Dermatologie der Name des Celsus („Area Celsi“,

Ophiasis Celsi) bis heute erhalten.

[13] Unter den Formen derselben sind besonders bemerkenswert die

Collyria (κολλύρια = Brötchen). Es waren dies Gemische von

Heilmitteln, die eine teigartige Masse bildeten, welche für

den Gebrauch verflüssigt wurden.

War auch das Werk des lateinischen Hippokrates eigentlich für Laien (d.

h. Nichtberufsärzte) bestimmt, so hatte er doch solche im Auge, welche

ihre Kenntnisse praktisch verwerten. Darum überrascht es nicht, wenn

wir nicht wenige Aussprüche bei ihm finden, welche sich auf ärztliche

Politik und Deontologie beziehen. Manche derselben gehören zu den

Perlen der medizinischen Ethik, wie der Satz, worin er, aufblickend zu

dem erhabenen Vater der Heilkunst, sagt, ~daß der wahrhaft große Arzt

auch begangene Irrtümer nicht verhehlt~, denn „magno ingenio, multaque

nihilominus habituro, convenit etiam simplex veri erroris confessio;

praecipueque in eo ministerio, quod utilitatis causa posteris traditur;

ne qui decipiantur eadem ratione, qua quis ante deceptus est“.

Recht charakteristisch sind unter anderen folgende Sentenzen:

„Conjecturalem artem esse medicinam, rationemque conjecturae talem

esse, ut quum saepius aliquando responderit, interdum tamen fallat“

(II, 6) ... satius est enim anceps auxilium experiri, quam nullum

(II, 10). ... Magis tamen ignoscendum medico est parum proficienti in

acutis morbis, quam in longis (III, 1). ... Sed quum eadem omnibus

convenire non possint, fere quos ratio non restituit, temeritas

adjuvat (III, 9) ... saepe enim pertinacia juvantis malum corporis

vincit (III, 12). ... dubia spes certa desperatione potior (VII,

16). Ueber den Scharlatan sagt Celsus bezeichnend, daß es seine Art

sei: parvam rem attollere, quo plus praestitisse videatur (V, 26, 1).

Schön sind auch die Ratschläge, die er für den Eintritt des Arztes ins

Krankenzimmer gibt: Ob quam causam periti medici est, non protinus ut

venit, apprehendere manu brachium: sed primum residere hilari vultu,

percontarique, quemadmodum se habeat; et si quis ejus metus est, eum

probabili sermone lenire; tum deinde ejus corpori manum admovere (III,

6). ... Sehr richtig meint Celsus auch: ~ab uno medico multos non

posse curari~: eumque, si artifex est, idoneum esse, qui non multum

ab aegro recedit (III, 4).

Von weit geringerem inneren Wert als das Werk des Celsus ist

die weltberühmte „~Naturgeschichte~“ des ~C. Plinius Secundus~

(23 bis 79 n. Chr.), die viele Jahrhunderte hindurch das Orakel

für die Naturwissenschaft bildete und, namentlich wegen ihres

erstaunlich umfangreichen ~pharmakologischen~ Inhalts, den Aerzten

der Vergangenheit zur Ausbeute diente, uns aber als unschätzbare

~historische Quelle~ den Verlust zahlloser einschlägiger Schriften

ersetzt. Da ~Plinius~, ähnlich wie Cato, äußerst geringschätzig von den

griechischen Aerzten dachte und daher zwischen wissenschaftlicher und

den verschiedenen Formen der roh empirischen Medizin keine Grenzlinie

zog, ~ohne jede Kritik~ alles aufnahm, wovon er nur irgend Kenntnis

nehmen konnte, so bietet uns seine von erstaunlichem Fleiß zeugende

Arbeit ein getreues Bild von der antiken ~Volksmedizin~, deren

unzählige, oft abenteuerliche, abergläubische Mittel dem Zusammenfluß

gräko-italischer mit orientalischer Kultur entstammten und sich im

Laufe der Zeiten über ganz Europa verbreiteten, wo sie mit mancherlei

lokalen Modifikationen und vermischt mit autochthonen Gebräuchen bis

heute zäh festgehalten werden.

C. Plinius Secundus der Aeltere wurde 23 n. Chr. zu Novum Comum

(Como) geboren und kam frühzeitig nach Rom, wo er eine ehrenvolle

Amtskarriere einschlug. Trotzdem ihn der Militärdienst oft weit (z. B.

nach Deutschland) entführte, trotzdem er mit dem größten Pflichteifer

als Sachwalter tätig war, Hofämter oder Prokurationen (eine Zeitlang

in Spanien) versah und zuletzt die Flotte bei Misenum befehligte,

widmete er doch den Hauptteil seiner unermüdlichen Schaffenskraft

unausgesetzt dem literarischem Studium, als dessen fruchtbares

Ergebnis Werke über Kriegswissenschaft, Geschichte (darunter 20

Bücher über die Kriege mit den Germanen), Rhetorik, Grammatik und

die von unglaublichem Sammeleifer zeugende ~naturalis historia~

erschienen; nur das letztgenannte riesige Sammelwerk, welches 20000

wissenswerte Dinge bespricht und aus Exzerpten von 2000 Bänden der

rund 100 „exquisiti“ auctores zusammengetragen wurde (direkt oder

indirekt sind 146 römische und 327 fremde Autoren herangezogen), ist

uns, redigiert von seinem Neffen, dem jüngeren Plinius, vollständig

erhalten. Mitten in der Arbeit, als Opfer seiner Wißbegierde, fand

Plinius den Tod zu Stabiä bei dem großen Ausbruch des Vesuvs am

22. Aug. 79 n. Chr. Die Katastrophe ist in einem Brief des jüngeren

Plinius an Tacitus in sehr anschaulicher Weise geschildert. Seinem

Neffen danken wir auch interessante Mitteilungen über die Arbeitsweise

des Plinius. Sein ganzes Leben verfloß über anhaltendem Lesen,

während des Essens und beim Bade wurde vorgelesen, auf seinen Reisen

führte er die Bücher mit sich und zugleich einen Schnellschreiber,

der seine Notata sofort fixieren konnte, das Gleiche geschah in

Rom, wenn er sich in einer Sänfte spazieren tragen ließ. Da er kein

Buch las, ohne Exzerpte zu machen und die Zeit peinlich ausnützte,

so konnte Plinius eine ungeheure, allerdings aus vielen sekundären

Quellen oder Zitaten stammende Kollektaneensammlung anhäufen, aus

welcher in der kurzen Spanne von bloß 2 Jahren seine erstaunliche

Enzyklopädie der Naturwissenschaften 77 n. Chr. hervorging. Dieses

Monumentalwerk im Stil der silbernen Latinität geschrieben, ist nach

einem ganz sachgemäßen Plane aufgebaut, bringt zu jedem seiner Bücher

ein Verzeichnis der benutzten Quellen und enthält im Texte zahlreiche

Zitate; besonderer Wert kommt ihm, abgesehen von der Geschichte der

Medizin und der Naturwissenschaften, auch für die Geschichte der

Erdkunde und der Kunst zu (die Entwicklung der künstlerischen Technik

ist gründlich dargestellt). Die Naturgeschichte besteht aus 37 Büchern

mit folgendem Inhalt: 1. Buch Inhalts- und Quellenverzeichnisse;

2. Buch mathematisch-physikalische Beschreibung des Universums;

3.-6. Buch Geographie und Ethnographie; 7. Buch Anthropologie;

8.-11. Buch Zoologie; 12.-27. Buch Botanik (darunter 20.-27. Buch

~Heilmittel aus dem Pflanzenreich~); 28.-32. Buch ~Heilmittel aus

dem Tierreich~; 33.-37. Buch Mineralogie mit besonderer Rücksicht

auf ~Arzneikunde~, Malerei und Bildhauerkunst. Wie das ganze Werk

nicht auf wirklicher Naturbeobachtung, sondern vielmehr auf bloßem

Bücherstudium beruhte --, bei dem gewaltigen Umfang des Stoffkreises

war es auch nicht anders möglich -- so belehrte sich Plinius über die

heilkräftigen Pflanzen allerdings in dem kleinen botanischen Garten

des römischen Arztes ~Antonius Castor~, stützte aber im großen und

ganzen seine zwar fleißigen, aber bloß kompilatorischen, oft mit

Aberglauben durchsetzten oder widerspruchsvollen Ausführungen über

medizinische Dinge auf die kritiklos hingenommenen Vorarbeiten,

wobei ~Varro~ (für Geschichte der Heilkunde), ~Lenaeus~ (pflanzliche

Heilmittel), ~Nigidius Figulus~ (tierische Heilsubstanzen) und

~Sextius Niger~ besonders berücksichtigt wurden. -- Die Enzyklopädie

des Plinius gehörte zu allen Zeiten zu den beliebtesten Werken der

Weltliteratur und konnte durch Auszüge, z. B. durch die Collectanea

rerum memorabilium des C. Julius Solinus aus dem 3. Jahrhundert

(ed. A. Goez, Lips. 1777) oder durch die Medicina Plininiana aus dem

4. Jahrhundert (ed. Val. Rose, Lips. 1875) nicht verdrängt werden.

Noch sind ungefähr 190 meist unvollständige Handschriften vorhanden;

gedruckt wurde die Naturgeschichte nächst der Bibel als ältestes

Produkt der Buchdruckerkunst bereits 1469 zu Venedig. Neueste Ausgaben

von Sillig (Gotha 1853 ff.) und Detlefsen (Berlin 1866 ff.), deutsche

Uebersetzungen von F. L. Strack (Bremen 1854 ff.) und Wittstein

(Leipzig 1880 ff.).

Welchen Nutzen die Lektüre des Plinius stiften kann, beweist

nicht zum mindesten die Tatsache, daß C. Himly im Jahre 1800 auf die

Pupillen erweiternde Kraft des Hyosciamus und der Belladonna durch

eine Stelle geführt wurde, wo es heißt, daß man den Saft der Pflanze

Anagallis vor der Vornahme der Staroperation in die Augen einrieb

(Lib. XXV, 92).

Rezeptliteratur und Heilmittellehre.

Die mit dem zunehmenden Luxus der sinkenden Republik und noch

mehr der Kaiserzeit einhergehende Weichlichkeit ließ alsbald jene

therapeutische Richtung in den Hintergrund treten, welche eine fast

arzneilose, diätetische Behandlungsweise zum Schlagwort gemacht hatte.

Das Raffinement einer schwelgerischen Kultur, durch beifallslüsterne,

erwerbslustige Medikaster ans Krankenbett verpflanzt, äußerte sich

in geschäftiger Polypragmasie und Polypharmazie, die auf die Torheit

und den Wunderglauben spekulierte, in dem geistlosesten Empirismus

ihre Stütze fand. Wer die meisten, die seltensten Arzneien verordnete,

über geheime und abenteuerliche Mittel, insbesondere aus fernen Landen

stammende, verfügte, der erlangte in jener, zwischen extremer Skepsis

und Köhlerglauben schwankenden Zeit das höchste Ansehen als Arzt,

und täglich wuchs der Reichtum an Drogen, welche der Handelsverkehr

nach dem Mittelpunkt der lateinisch-hellenischen Welt brachte -- ein

schwacher Ersatz für die mangelnden Ideen.

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 41 / 54 段