Stimme und Sinnestätigkeit erklären sich aus der Funktion des

Pneuma; jedes der Sinnesorgane besitzt ein besonders geartetes Pneuma,

z. B. das Auge ein sehr feines, das Ohr ein trockenes, die Nase ein

feuchtes und dampfartiges. Die Zeugung setzt ein tätiges und ein

leidendes Prinzip voraus, d. h. den männlichen Samen (mit seiner

bewegenden und bildenden Kraft) und den weiblichen Zeugungsstoff

(Material für den Aufbau des Embryos). Die Eierstöcke liefern keinen

wirklichen Samen und sind, ebenso wie die Brustdrüsen des Mannes, nur

der Analogie wegen vorhanden, aber ohne ἐνέργεια. Die Knaben stammen

aus der rechten (wärmeren) Seite des Uterus, die Mädchen aus der

linken. Die Bildung des Embryos erfolgt nach 40 Tagen, am 9. Tage

zeigen sich einige blutige Streifen, am 18. fleischige Klümpchen

und Fasern, nach 27 Tagen erscheinen schwache Spuren des Rückgrats

und Kopfes. -- Wie ein Rückblick ergibt, stützt sich die Physiologie

der Pneumatiker auf den Stoizismus und teils indirekt, teils direkt

auf Empedokles, die sizilische Schule, die Hippokratiker, Diokles,

Aristoteles u. a.

Ganz, wie bei den älteren Dogmatikern wurde die Verschiedenheit

der Geschlechter, Lebensalter, Jahreszeiten auf die verschiedenen

Qualitätenverbindungen zurückgeführt und ein Korrespondenzsystem

aufgestellt, gemäß welchem der Qualität nach, das Knabenalter dem

Frühling, das Jünglingsalter dem Sommer, das Mannesalter dem Herbste,

das Greisenalter dem Winter entsprach (doch herrschte bei den

einzelnen Autoren keine volle Uebereinstimmung).

~Gesundheit beruht auf der normalen Beschaffenheit des Pneuma~ und

namentlich wird sie durch die Spannung (τὀνος) desselben gefördert.

(~Der Tonos ist durch den Puls zu erkennen.~) ~Krankheit ist Verderbnis

des Pneuma~, hervorgerufen durch Dyskrasien der Elementarqualitäten,

deren es im ganzen acht gibt, je nachdem nur je eine oder je zwei

~Elementarqualitäten~ abnorm vorwalten (z. B. Kälte und Feuchtigkeit).

Vom Grade der Verderbnis des Pneuma, also der Dyskrasien, hängt die

Schwere der Krankheit, ihre Sonderart ab. In der speziellen Pathologie

der Pneumatiker wird von den Dyskrasien ausgiebig Gebrauch gemacht,

zudem aber noch auf den entsprechenden ~Krankheitsstoff~, d. h. einen

der vier Kardinalsäfte (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle), das

Hauptgewicht gelegt.

Am deutlichsten ist dies in der pneumatischen Fieberlehre zu

verfolgen: das ~Quotidianfieber~ beruht auf ~Kälte und Feuchtigkeit~,

wird demnach durch die kaltfeuchte Körperflüssigkeit, d. h. durch

den übermäßigen ~Schleim~ gebildet; das ~Tertianfieber~ beruht auf

~Wärme und Trockenheit~, sein Krankheitsstoff ist die ~gelbe Galle~;

das ~Quartanfieber~ hat entsprechend der ~Kälte und Trockenheit~

die ~schwarze Galle~ zum Krankheitsstoff. (~Trotz der praktischen

Konformität mit den Humoralpathologen ist zu beachten, daß die

Pneumatiker den Schleim, die gelbe und schwarze Galle nicht als

letzte Krankheitsursache, sondern nur sekundär als Krankheitsstoff

ansahen.~) Unter den einzelnen Autoren herrschte übrigens betreffs

der Krankheitsklassifikation nach Qualitäten keine volle Harmonie.

Aus dem Korrespondenzsystem der Qualitäten leitete man die besonderen

Eigentümlichkeiten der einzelnen Krankheitsformen in Bezug auf ihr

Vorkommen ab. So kommt z. B. das kaltfeuchte Quotidianfieber (seiner

Qualität entsprechend) am häufigsten im Winter, bei kalter und

feuchter Luftbeschaffenheit, in kalten und feuchten Gegenden und im

Greisenalter vor; die Tertiana (Wärme -- Trockenheit) bei jugendlichen

Personen, zur Sommerszeit, in heißen und trockenen Gegenden; die

Quartana (Kälte -- Trockenheit) im Herbste etc.

~Fieber entsteht durch Fäulnis der Kardinalsäfte~ (σῆψις τῶν χυμῶν)

-- eine schon von den älteren Dogmatikern vertretene Lehre, die

von nun an lange in der Medizin herrschend blieb. (Asklepiades und

die Methodiker hatten die Annahme einer Fäulnis, ebenso wie einen

eigentlichen Verdauungsprozeß verworfen, für sie gab es nur Verstopfung

der Porengänge, bezw. Zerlegung in Atome.) ~In der Krankheitslehre

sind nicht nur die offenbaren Ursachen (φαινόμενα), sondern auch die

verborgenen, unsichtbaren (ἄδηλα) zu erforschen~. Nach dem Muster

der stoischen Doktrin unterschieden die Pneumatiker mit subtilster

Haarspalterei in der Aetiologie eine ganze Reihe von Ursachen

verschiedenen Grades, von denen die wichtigsten Arten folgende waren.

~Αἴτια προκαταρκτικά~, das sind die äußeren Gelegenheitsursachen (z.

B. übermäßige Nahrungsaufnahme). Von diesen erst werden die ~αἴτια

προηγούμενα~ hervorgerufen (z. B. die durch übermäßigen Genuß von

Speisen entstandene Ueberfüllung der Gefäße mit Blut -- Plethora).

Unter den ~αἴτια συνεκτικα~ verstand man die eigentlichen fortwirkenden

Ursachen, von deren Vorhandensein, Zunahme, Abnahme, Verschwinden

die entsprechenden Stadien der Krankheit abhängen (z. B. Stein in der

Harnblase). Man sonderte ferner im Krankheitsprozeß begrifflich: αἴτία

(die wirkende Ursache), διάθεσις (alles das, was zum Krankheitszustand

gehört), νόσος (die Dyskrasie), πάθος (Funktionsstörung) und σύμπτωμα

(Folgen der verletzten Funktion).

Hinsichtlich der Aetiologie ist nachzutragen, daß auch die

Methodiker bereits die Krankheitsursachen in ähnlicher Weise

einteilten, jedoch die αἴτια προηγούμενα nicht kannten. Die Stoa

scheint die Fülle ihrer αἴτια der älteren dogmatischen Schule entlehnt

zu haben.

Die Diagnostik wurde von der pneumatischen Schule ganz besonders

dadurch verfeinert, daß sie die von Herophilos begründete, im Lichte

des Systems besonders wichtige ~Pulslehre~ allerdings mit dialektischer

Spitzfindigkeit weiter ausbaute. Ihre ~Therapie~ war, entsprechend

den pathologischen Prämissen, auf die ~Bekämpfung der Dyskrasien~

gerichtet, sie bestand demnach darin, übermäßige Wärme durch kühlende

Mittel, übermäßige Kälte durch wärmende, übermäßige Feuchtigkeit

durch trocknende und übermäßige Trockenheit durch anfeuchtende

Mittel zu bekämpfen. Charakteristischerweise wichen die Anhänger der

pneumatischen Schule von den Humoralpathologen aber darin ab, daß sie

die abnormen Qualitätenverbindungen weit weniger durch Arzneimittel,

als durch die ~diätetisch-physikalischen~ Behandlungsarten zu beheben

bemüht waren (Einfluß des Methodismus). Gerade hierin leisteten sie ihr

Bestes, indem sie in rationellster Weise und mit großer Selbständigkeit

die Erfahrungen über Diätetik, Leibesübungen, Bäder, ~Mineralquellen~

etc. verwerteten, welche im Corpus Hippocraticum vorlagen, bezw. von

den älteren Dogmatikern (vergl. z. B. Philistion, Mnesitheos, Dieuches,

Diokles), sowie den Alexandrinern überliefert wurden und seit dem

Auftreten des Asklepiades und der Methodiker das Lieblingsgebiet der

Therapeuten bildeten.

Die angeführten theoretischen und praktischen Grundzüge -- von den

Anhängern mit größter Hartnäckigkeit als allein richtig verfochten

-- wurden schon von dem Stifter der Schule ~Athenaios~ vertreten

und verraten, daß das System der Pneumatiker schon in seinem

Ursprung eklektischen Charakter besitzt, auf die Vergangenheit stark

zurückgreift und sich als eine Verschmelzung des verjüngten Dogmatismus

mit dem Methodismus erweist. In diesem Sinne wurde auch durch die

Schüler des Athenaios: ~Theodoros~, ~Magnos~, namentlich aber durch

~Agathinos~ die Richtung weiter verfolgt.

~Athenaios~ wirkte in der Zeit des Claudius -- Celsus kennt die

neue Sekte noch nicht -- er scharte in Rom eine bedeutende Zahl

von Anhängern um sich und erwarb bei der Mit- und Nachwelt hohes

Ansehen. Ausgerüstet mit scharfem Blick für die Schwächen seiner

Zeit, suchte er auf Grund einer überaus reichen philosophischen

und medizinischen Literaturkenntnis und praktischen Befähigung die

herrschenden medizinischen Mißzustände zu beseitigen. Von der Ansicht

geleitet, ~daß die Unterweisung in der Heilkunde einen Bestandteil

des Jugendunterrichts bilden solle, daß jeder Mensch Arzt sein müsse,

da man in jedem Berufe auch der Heilkunde bedürfe~, verfaßte er

neben „Definitionen“ (ὁροι) ein das Gesamtgebiet behandelndes Werk

in mindestens 30 Büchern (περὶ βοηθημάτων), das sich durch Klarheit

der Darstellung auszeichnete. Leider sind davon bei späteren Autoren

nur Bruchstücke vorhanden, welche Diätetik, Physiologie, Embryologie,

Pathologie und Hygiene (Luft, Wohnort) behandeln. Von Interesse ist

es namentlich, daß er vom wissenschaftlichen Standpunkt seiner Zeit,

d. h. nach den Prinzipien der Qualitätenlehre ~die Nahrungsmittel~

(Getreidearten, Brote), ~das Trinkwasser~ (das Filtrieren durch

die Erde), ~die Wirkung der Luft~ (in der Sonne, im Schatten; am

Tage, bei Nacht; in der Stadt, auf dem Lande; in hohen, bewaldeten

Gegenden, in der Nähe von Flüssen, am Meere, im Binnenlande, in der

Nähe von Sümpfen) sorgfältig analysierte und ~für jedes Alter, für die

beiden Geschlechter, in den verschiedenen Jahreszeiten detaillierte

Lebensregeln angab~. Bei der ~Jugenderziehung~ legte er, anklingend

an Platon, größten Wert auf gleichmäßige Ausbildung des Geistes

und Körpers, empfahl den ersten Unterricht gewissermaßen spielend,

ohne zu große Strenge zu erteilen und auch nach dem 12. Jahre,

zu welcher Zeit erst der strengere, wissenschaftliche Unterricht

beginnen soll, auf Leibesübungen (schon behufs Unterdrückung der

erwachenden Geschlechtslust) das Hauptaugenmerk zu richten. Die

geistige Ausbildung des weiblichen Geschlechtes soll vornehmlich

darauf gerichtet sein, die zur Führung des Hauswesens erforderlichen

Kenntnisse zu erwerben. ~Im Interesse ihrer Gesundheit rät Athenaios

den Frauen wirtschaftliche Tätigkeit an~ und schreibt ihnen vor,

das Backen selbst zu beaufsichtigen, selbst in der Wirtschaft Hand

anzulegen, das für den Haushalt Erforderliche selbst zuzumessen

und nachzusehen, ob alles an seinem Platze ist, selbst den Teig

anzufeuchten und zu kneten, selbst die Betten zu machen, da

körperliche Bewegung den Appetit vermehre und einen gesunden Teint

verleihe. -- In der Therapie schloß sich Athenaios ziemlich an

Asklepiades an (auch hinsichtlich des Weins), trotz vielfacher

Abweichung im einzelnen. -- ~Magnos aus Ephesos~ schrieb medizinische

Briefe und eine Geschichte der Entdeckungen seit Themison, worin viel

vom Pulse gesprochen wurde.

Claudius ~Agathinos~ aus Lakedaimon (zur Zeit der Flavier) gab der

Schule mit Recht den Namen der ~eklektischen~, da er sie mit den

Empirikern und Methodikern in noch innigeren Zusammenhang bringen

wollte. Er behandelte mit ungewöhnlichem Fleiße die Lieblingsthemen

seines Lehrers, namentlich die Pulslehre (περὶ σφυγμῶν),

experimentierte an Hunden über die Wirkung der Nieswurz und verwarf

zwar nicht ganz den Gebrauch der warmen Bäder, aber wandte mit Vorliebe

die kalten an, für deren Anwendung er genaue Regeln festsetzte.

~Der Gebrauch der kalten Bäder war nach Asklepiades und Antonius

Musa, besonders durch den Arzt der neronischen Epoche, Charmis aus

Massilia, in Aufnahme gekommen und wurde mit fanatischem Eifer von

vielen Aerzten und von Laien verteidigt. Agathinos empfahl sie auch

bei Kindern und in jeder Jahreszeit.~

Zu den hervorragendsten Anhängern des Agathinos gehörten ~Herodotos~

und ~Archigenes aus Apameia~ (in Syrien).

~Herodotos~ (gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr.) näherte

sich noch mehr, als alle übrigen, dem ~Methodismus~, indem er zwar

die Qualitätenmischung zum Ausgangspunkt wählte, auf die Einflüsse

des Alters, Geschlechtes und der Jahreszeiten Bedacht nahm, aber

auch die Kommunitäten, die Theorie des Diatritos, die Metasynkrise

berücksichtigte, ja sogar in der Terminologie Konzessionen machte.

~Er war ein großer Freund der „methodischen“ Heilmethoden, gab

Vorschriften über Wasser-, Sand-, Sonnen-, Oel- und Schwitzbäder, über

Massage, Gymnastik, Schröpfen, Venäsektion, Weingenuß u. a. m. Bei der

Krankheit unterschied er vier Stadien~: ἀρχή, ἐπίδοσις, ακμή, παρακμή.

Herodotos scheint, nach einem erhaltenen Fragment zu urteilen, die

Blattern beschrieben und die kontagiöse Verbreitungsweise derselben

hervorgehoben zu haben.

~Archigenes~ lebte zur Zeit des Kaisers Trajan in Rom und vereinigte

nach übereinstimmendem Urteil der Zeitgenossen, wie der nachfolgenden

Kritiker, alle Vorzüge in sich, die den Ruf der Gelehrsamkeit und

zugleich der praktischen Tüchtigkeit bedingen. Seiner Person dankte

die Schule vielleicht am meisten die Anerkennung, welche ihr in

steigendem Maße zu teil ward und, abgesehen von dem Lobe der späteren

Autoren, spricht für die Bedeutung dieses ärztlichen Forschers die

Tatsache, daß späterhin der große ~Galenos~ vieles aus seinen Schriften

entnahm und durch dieselben zu ähnlichen wissenschaftlichen Arbeiten

angeregt worden ist. Aeußerst beliebt beim Publikum, namentlich

bei der vornehmen Welt, fand Archigenes doch die Muße, eine reiche

literarische Tätigkeit zu entfalten, um in populärer Darstellung, aber

auch mit allen Finessen der logischen Distinktion, die Grundlehren der

Pneumatiker mit den guten Leistungen der empirischen und methodischen

Medizin in Einklang zu bringen. Außer Briefen mit ärztlichen

Ratschlägen verfaßte er Werke über den Puls, über fieberhafte

Krankheiten und Fiebertypen, über lokale Affektionen, Diagnostik und

Behandlung akuter und chronischer Leiden, über den rechten Augenblick

zur Vornahme ärztlicher Eingriffe, über Chirurgie, Arzneimittel

(namentlich Nieswurz und Bibergeil) und therapeutische Hilfsmittel

im allgemeinen. Nach den erhaltenen Fragmenten zu schließen, war er

ein ausgezeichneter, auch chirurgisch hochbegabter Therapeut, der

alle zu Gebote stehenden Methoden mit Umsicht verwendete, freilich

aber aus suggestiven Gründen auch abergläubische Mittel (z. B.

Amulette) benützte; theoretisch bemerkenswert ist es insbesondere,

~daß Archigenes die Pulslehre auf jene Höhe brachte, die sie überhaupt

in der antiken Medizin erreichen konnte, daß er eine ganze Reihe von

verschiedenen Schmerzempfindungen unterschied, aus deren Qualität er

den Sitz der Krankheit bestimmen wollte und daß er die primären von den

bloß sympathischen, sekundären Krankheitszuständen scharf zu trennen

suchte~.

~Archigenes~, Sohn eines als Pharmakologen bewährten Arztes,

~Philippos~, gehörte zu den besten Autoren des Altertums, wenn er

auch gewiß in sehr bedeutendem Maße von den Vorgängern abhängig

ist. Obwohl er zu den galanten Modeärzten zählte und den Wünschen

der vornehmen Damen (βασιλικαὶ γυναῖκες) sogar durch Angabe von

Haarfärbemittel sehr entgegenkam -- der Leibarzt des Trajan, ~Kriton~,

schrieb ein eigenes Handbuch der Toilettenkunst[15] -- haftet ihm

doch kaum ein Zug von Scharlatanerie an. Wo der bissige Juvenal

von Aerzten spricht, nennt er ihn, sein Name ist bei dem Dichter

geradezu der Gattungsname für „Aerzte“. -- In seinen Lehren weicht

Archigenes nicht selten von den früheren Meistern der pneumatischen

Schule, wenigstens in Einzelheiten ab. Die Fieber leitete er von

abnormer Steigerung der Wärme und Trockenheit ab (bei ~Athenaios~

ist es Wärme und Feuchtigkeit), auch folgte er in der Angabe über

die vorherrschenden Qualitäten bei den intermittierenden nicht ganz

den Vorgängern und unterschied (gegenüber ~Herodotos~) als Stadien:

die ἀρχή, ακμή, παρακμή und ᾰνεσῖς. Die Fieber zerfallen in drei

diagnostisch (nach der Aetiologie, Pulsbeschaffenheit, Wärme, Harn,

Allgemeinzustand) erkennbare Arten, nämlich Eintagsfieber, septische

und hektische, je nachdem die Fäulnis im Pneuma, in den flüssigen oder

festen Teilen ihren Sitz hat; nach dem Verlauf in intermittierende und

kontinuierliche, nach der Dauer in κατόξεις (bis zu 7 Tagen), οξεις

(bis zu 14 Tagen), χρόνιοι (bis zu 40 Tagen), βραχυχρόνιοι (über 40

Tage anhaltend). Von Hippokrates nahm Archigenes wieder die lange

verworfene Lehre von den ~kritischen Tagen~ auf, sprach jedoch dem

21. Tage größere Bedeutung zu als dem 20., dem 27. eine geringere als

dem 28. Tage. Den Glanzpunkt bildete die ~Pulslehre~. Unter σφύγμος

verstand er die normale Bewegung der Arterien und des Herzens (zum

Unterschied von τρόμος, σπάσμος, πάλμος vergl. Praxagoras) und führte

die Systole wie die Diastole auf eigene Kraftäußerung zurück (vergl.

Herophilos). Wie Herophilos nimmt Archigenes vier Zeiten (Systole,

Diastole und die beiden Pausen) an und unterscheidet im wesentlichen

zehn Pulsgattungen mit entsprechenden Unterarten, worüber man sich

aus nachfolgendem Schema orientieren kann:

1. τὸ παρὰ τὸ ποσὸν

τη̄ς διαστολη̄ς·

μέγας, μικρὸς

μέσος

2. τὸ παρὰ τὸ ποῖον

τη̄ς κινήσεως·

ταχύς, βραδύς,

μέσος

3. τὸ παρὰ τὸ τὸνον

τη̄ς δυνάμεως·

σφοδρός, αμυδρός

μέσος

4. τὸ παρὰ τὸ ποσὸν

τη̄ς πληγη̄ς

5. τὸ παρὰ τὸν χρόνον

τη̄ς ἡσυχίας·

πυκνός, ἀραιός

μέσος

6. τὸ παρὰ τὴν σύστασιν

σκληρός, μαλακός,

μέσος

7. τὸ παρὰ τὴν

ὁμαλότητα καὶ

ἀνωμαλίαν

8. τὸ παρὰ τὴν

τάξιν καὶ ἀταξίαν

9. τὸ παρὰ τὸ πλῆθος

καὶ τὸ κενόν

10. τὸ παρὰ τὸν

ῥυθμόν.

[15] Die Kosmetik des ~Kriton~ enthielt unter anderem Mittel zur

Beförderung des Haarwuchses, gegen das Grauwerden, Salben und

Pflaster für den Teint, Augenschminken, Zahnputzmittel, Pillen

gegen den Geruch aus dem Munde, Salben gegen den Schweiß in der

Achselhöhle, Laugen gegen dunkle Flecke am Halse, Glanzseifen

für die Hände, aromatische Tinkturen für Gewänder, Sprengmittel

für Schlafzimmer etc.

Es wird also Größe, Schnelligkeit, Stärke, Völle, Häufigkeit,

Härte, Rhythmus, Gleichmäßigkeit in der Aufeinanderfolge untersucht.

Wichtig waren die Unterarten des doppelschlägigen (δίκροτος),

ameisenartigen (μυρμηκίζων), gazellenartigen (δορκαδὶζων), wurmartigen

(σκωληκίζον) und welligen (κυματώδης) Pulses. -- Von der Therapie

des Archigenes wissen wir, daß er neben der eifrig gepflegten

diätetisch-physikalischen Behandlungsweise auch Abführmittel (z.

B. bei Fieber, bei Melancholie, gab er seine, „~Hiera~“ genannte,

Koloquinthen enthaltende Komposition), Blutentziehungen (mit

Indikationsstellung) und Brechmittel (gewisse Speisen, Rettiche,

Nieswurz) anwendete. Eines seiner Lieblingsmedikamente war das

Bibergeil. -- Archigenes gab eine glänzende Beschreibung der ~Lepra~

und berichtete auch über verschiedene indische Heilmethoden; er kannte

auch die Diphtherie.

Ebenfalls Pneumatiker war ~Apollonios aus Pergamon~, welcher die

häufige Ausführung des Aderlasses widerriet, mit der Begründung, es

werde dadurch zu viel πνεῦma dem Körper entzogen; besser sei es daher

vom Schröpfkopf und Skarifikationen Gebrauch zu machen.

Die Schule der Pneumatiker hat sich auch um die •Chirurgie• große

Verdienste erworben, gehörten ihr doch die ~berühmtesten Wundärzte

der Kaiserzeit an, Archigenes, Leonides und Heliodoros und der spätere

Antyllos~.

~Archigenes~ zeichnete sich dadurch aus, daß er die Indikationsstellung

für die Amputation (gegenüber den Hippokratikern) bedeutend

erweiterte, ~Gefäßligatur oder Umstechung~ anwendete; er operierte

Brust- und Gebärmutterkrebs, verwendete zur Stillung der Blutungen,

sowie bei Coxalgie das Glüheisen und bediente sich des ~Speculum

uteri~. ~Heliodoros~ hinterließ, wie die Fragmente zeigen, wertvolle

Angaben über die Operation von Abszessen, über Schädelverletzungen

(~Untersuchung mit der Sonde~, Trepanation), Exostosen, Empyem,

Hypospadie, Strikturenbehandlung, nahm Resektionen vor, kannte

den ~Lappenschnitt~ und bespricht ausführlich die verschiedenen

Verbände (Rollbinden, gespaltene und zusammengenähte Binden) und

Repositionsmethoden (mit der Hand, mit den Utensilien des gewöhnlichen

Lebens, mit Maschinen, z. B. πλινθίον des ~Neileos~).

~Leonides aus Alexandreia~ (gegen Ende des 1. Jahrhunderts) stützte

sich vornehmlich auf ~Philoxenos~ (vergl. S. 281), verbesserte mehrere

Operationsmethoden, z. B. bei der Amputation (Lappenschnitt), bei den

Hämorrhoiden (unter Benutzung des Mastdarmspiegels) und beschäftigte

sich, wie die erhaltenen Bruchstücke zeigen, besonders mit der

Diagnostik der Schädelbrüche, sowie mit der Therapie der Tumoren,

Hernien und Fisteln; er wußte auch, daß die Filaria Medinensis in

Indien und Aethiopien endemisch vorkommt.

Literarische Bedeutung hat von den späteren „Eklektikern“ ~Kassios,

der Iatrosophist~ (_?_ n. Chr.), dessen „Medizinische Fragen und

Probleme“ (ἰατρικαὶ ἀπορίαι καὶ προβλήματα φὑσικα) in 84 Sätzen

medizinische und naturwissenschaftliche Dinge behandeln. Der

Standpunkt des Verfassers ist vorwiegend pneumatisch aber auch

methodisch. Die Fragen betreffen u. a. auch ~die Tatsache der

gekreuzten Lähmungen, die Lehre von den Sympathien~ (metastatische

Abszesse, sympathische Augenentzündung etc.), ~die Ernährung der

Körperteile durch die spezifische Assimilation, womit auch die

Kallusbildung in Zusammenhang gebracht wird~ (vergl. Ideler, Med. gr.

min. I). Erwähnenswert ist ferner: ~Markellos aus Side~ (Pamphylien)

zur Zeit des Marc Aurel, welcher 42 Bücher ἰατρικά = Aerztliches

schrieb, wovon wir noch ein Fragment über Lykanthropie und 101

Hexameter über die in der Medizin gebräuchlichen Fische besitzen

(Schneider, Marcelli Sidetae medici fragmenta, Leipzig 1888).

Aretaios, Rhuphos, Soranos.

Die Spirallinie der geschichtlichen Entwicklung führte das medizinische

Denken unverkennbar wieder zum Rationalismus, allerdings auf höherer

Stufe, zurück, und die pneumatisch-eklektische Schule bedeutet nichts

anderes, als eine Erneuerung der dogmatischen Fundamentalsätze, deren

humoralpathologischer Inhalt freilich durch die Pneumalehre erweitert,

durch die Qualitätentheorie verschleiert, durch die Heranziehung

aller bisher erzielten theoretischen und praktischen Errungenschaften

wesentlich modifiziert wurde.

Eine logische Geschichtskonstruktion würde als weitere Etappe

schließlich die vollendete Rückkehr zu Hippokrates selbst erfordern,

von dem sich ja einst die dogmatische Richtung auf der Suche

nach rationeller Begründung der Kunstregeln ableitete, sie würde

die Existenz eines Mannes präsumieren, dessen Denken und Wirken

gleichsam die Asymptote zu einem den Zeitansprüchen äquivalenten,

wissenschaftlich gefestigten Hippokratismus darstellt.

Ideal und Wirklichkeit fällt in dieser Epoche tatsächlich zusammen

in einigen -- Meisterwerken, über deren vielumstrittenen Verfasser

wir leider bloß das eine mit Sicherheit wissen, daß er, weder auf

seine, noch auf die nachfolgende Zeit (wenigstens nach den äußerst

spärlichen Zitaten der späteren Autoren zu urteilen) einen tiefer

eingreifenden Einfluß ausgeübt hat. Es sind dies die glücklicherweise

noch erhaltenen Bücher des ~Aretaios~ aus Kappadokien: ~Ueber die

Ursachen und Kennzeichen der akuten und chronischen Krankheiten~ (περὶ

αἰτιῶν καὶ σημείων ὀξέων καὶ χρονίων παθῶν) und ~über die Behandlung

derselben~ (περὶ θεραπείας ὀξέων καὶ χρονίων παθῶν) -- Schriften von

unvergänglichem Werte, Denkmäler echt hippokratischer Geisteshoheit!

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 43 / 54 段