die Methodiker die von ~Asklepiades~ wieder inaugurierte
~diätetisch-physikalische~ Therapie und bereicherten die Formen der
Stoffwechselkuren, der Bäderbehandlung, Hydrotherapie, Massage,
Kinesiotherapie (Spaziergänge, Läufe, passive Bewegungen etc.),
Klimatotherapie (Seefahrten) u. s. w. Wie weit sie darin gingen
erhellt schon aus der Tatsache, daß sogar die den Hippokratikern
bekannten ~Stimmübungen~ (ἀναφώνησις, clara lectio) wieder in
Aufnahme kamen und sogar eigene Abhandlungen darüber erschienen.
Wenn die Schule auch in der Aetiologie auf äußere Einflüsse gar kein
Gewicht legte, so richtete sie dafür in der Behandlung ihr besonderes
Augenmerk auf die Beschaffenheit der Kleidung und Lagerstätte,
auf die Verhältnisse der ~Belichtung, Temperatur und Luft[12] des
Krankenraumes~.
[12] Der Luft schrieben sie noch eine höhere Bedeutung als der
Nahrung zu, weil ihre feinen Atome leichter in die Poren
eindringen.
Im allgemeinen reichte man (im Anschluß an Asklepiades) bei
Fieber erst ~nach drei Tagen~ kräftige Nahrung (Typus der Malaria?).
Diese Behandlungsweise wurde geradezu zum Paradigma für die gesamte
Therapie, indem man sich gerne an Dreitagsfristen „Diatritos“ hielt,
wenn stärkere Eingriffe oder Modifikationen der Kur unternommen
wurden. Die Bedeutung der Dreizahl spielt sogar in die Theorie
hinüber, da z. B. behauptet wurde: Narben nach Hämorrhagien
bilden sich binnen 3 Diatritoi = 7 Tagen, wie auch in anderen
Naturerscheinungen die Dreizahl herrsche.
So war es auch nichts anderes als ein direkter Anschluß an die (den
Gymnasten entlehnte) von den Hippokratikern geübte und ~Metasynkrise~
genannte Methode, wenn ~Thessalos~ die Therapie der dyskrasischen
Krankheiten durch ~zyklische Stoffwechselkuren~ bereicherte, die
eine Erschütterung und Umwandlung (recorporatio) des ganzen Körpers
herbeiführen sollten. Eine solche Kur bestand einerseits in dem
~Cyclus metasyncriticus oder recorporativus~ (Entziehungskur durch
Fasten in verschiedenen Graden, Genuß scharfer Substanzen, Pfeffer,
Senf, Meerzwiebel, „zehrender“ Weine, dabei Bäder, aktive und passive
Bewegung, Massage, Sinapismen, reizende Pflaster u. a.), anderseits in
dem ~Cyclus resumptivus~, welcher die Kräfte durch roborierende Diät
und geeignete Maßnahmen wiederherzustellen hatte. In Dreitagsfristen
oder auch auf längere Frist hinaus (z. B. 11 Tage), je nach den
Umständen mit dem ersten oder zweiten Zyklus beginnend, aber höchstens
nur dreimal nacheinander, wurde diese Behandlungsweise absolviert.
Der Methodismus an sich, war keiner fortschreitenden Entwicklung
fähig, sondern höchstens die Therapie konnte erweitert, verbessert
werden. Daraus erklärt es sich, daß ein großer Teil der Anhänger in
der Folge einer gedankenlosen Routine oder wüster Empirie verfiel,
während die befähigten Vertreter auf dem Wege kluger, kritischer
Beobachtung zahlreiche und wertvolle praktische Erfahrungen sammelten,
die sie der Schule zuliebe unter der Etikette des Systems subsumierten.
Bemerkenswert ist es, daß mehrere derselben sich in gründlicher Weise
mit der ~Chirurgie~ beschäftigten und insbesondere die ~Geburtshilfe~
förderten. ~In der Blütezeit des römischen Cäsarentums erfreute sich
das methodische System des größten Beifalls, Methodiker wurden von
den vornehmen Kreisen am meisten zugezogen und trugen nicht wenig
zur Hebung der sozialen Stellung bei, welche der gesamte Aerztestand
fürderhin in der Weltmonarchie einnahm.~
Die Massenbehandlung, wie sie den römischen Sklaven in den
Valetudinarien zu teil werden mußte, bildete eine der Hauptursachen
der raschen und weitreichenden Aufnahme des methodischen Systems,
denn hierzu eignete es sich ganz besonders.
Von Methodikern, welche sich einen Namen machten, wären folgende
anzuführen: der Chirurg ~Meges von Sidon~, ~Proklos~, ~Dionysios~
(nahm auch eine physiologische Straffheit und Lockerheit an,
zeichnete sich auch als Chirurg aus, Hämorrhoidenbehandlung),
~Mnaseas~ (führte manche Leiden, wie Lethargus, Paralyse, Katarrh auf
beide Kommunitäten zurück), ~Antipatros~ (verfaßte mehrere Bücher
medizinischer Briefe), ~Menemachos von Aphrodisias~ (hinterließ
verschiedene Arzneikompositionen), ~Olympikos aus Miletos~, ~Eudemos,
der Themisonianer~ (vergiftete auf Anstiften der Livia den Drusus),
~Vettius Valens~ (hingerichtet wegen seiner ehebrecherischen Beziehung
zur Messalina), ~Asiaticus~, ~Apollonides von Kypros~, ~Julianos~
(medizinischer Vielschreiber, der Schriften über Propädeutik und 48
Bände gegen die hippokrat. Aphor. verfaßt haben soll) u. a. Neben
anderen Schulmeinungen wurde auch diejenige der Methodiker benützt
von: dem ausgezeichneten Chirurgen ~Leonides aus Alexandreia~, von
dem um die Therapie, besonders aber um die Gynäkologie verdienten
~Philumenos~ (die von ihm noch erhaltenen Abschnitte über
Unterleibsleiden ed. von Puschmann, Nachträge zu Alexander Trallianus
etc. Berliner Studien V. 2. 1886) u. a.
Den Höhepunkt erreichte die methodische Schule in dem berühmtesten
Frauenarzt des Altertums, ~Soranos~ aus Ephesos; ihre Nachwirkungen
lassen sich durch das Mittelalter hindurch bis in die Neuzeit
verfolgen.
Die Medizin bei den römischen Enzyklopädisten.
(~Celsus~, ~Plinius~.)
Auch nach den Triumphen der griechischen Medizin verwehrte es die
nationale Tradition den vornehmen Römern, den ärztlichen Beruf zu
ergreifen und mit fremden Abenteurern, Freigelassenen oder Sklaven in
den Wettkampf zu treten; den wenigen, welche das Vorurteil überwanden,
haftete der Makel des Volksverrats an.
~Die Geringschätzung des Heilgewerbes war aber keineswegs identisch mit
einer Mißachtung der Heilkunde an sich.~ Im Gegenteil, das Interesse
für diese stieg stetig an, wegen der (für die römische Denkweise
ausschlaggebenden) praktischen Nützlichkeit, und wie sehr sich die
Wißbegierde gerade der erleuchtetsten Geister auch auf medizinische
Fragen erstreckte, beweisen zahlreiche Stellen in den Werken ~Ciceros~
und ~Senecas~, die überraschenden hygienischen Bemerkungen des
genialen Architekten der augusteischen Epoche, ~Vitruvius~ Pollio,
die interessante Notizensammlung des ~Aulus Gellius~.
Von römischen Familien, aus denen Aerzte hervorgingen, werden
namentlich die Quintier, Cassier, Calpetaner, Rubrier, Arruntier
erwähnt. -- Bei ~Cicero~ kommen der Briefwechsel mit Atticus und die
Schriften De natura deorum (cap. 54-57), de senectute in Betracht.
Der Philosoph L. Annaeus ~Seneca~, welcher zeitlebens kränkelte,
verfaßte eine leider verloren gegangene Schrift de immatura
morte und bespricht in seinen Briefen mit großer Selbständigkeit
die Entstehung von Krankheiten durch Luxus und Schwelgerei, die
Nachteile des übertriebenen Badens, Schwitzens und Medizinierens,
den lebensverlängernden Einfluß der Mäßigkeit und der Landluft.
Wiederholt geißelt er in bitteren Worten das standesunwürdige
Treiben der Scharlatane seiner Zeit, anderseits erhebt er sich in
der schönen Abhandlung de beneficiis (lib. VI) zum höchsten Lob des
treuen, wachsamen Arztes, für dessen unschätzbare Freundesdienste
man auch nach Zahlung des Honorars Schuldner bleibe: pretium operae
solvitur, animi debetur. -- In dem berühmten Werke de architectura des
~Vitruvius~ kommt die Rede auch auf die hygienischen Erfordernisse,
und als günstig wird es bezeichnet, wenn ein Ort hoch liegt, weder den
Winden noch dem Nebel, weder zu großer Kälte noch Hitze ausgesetzt
ist und fern von Sümpfen liegt, deren giftige Dünste auf den
Menschen verderblich wirken. Als ungünstiges Zeichen der sanitären
Beschaffenheit einer Oertlichkeit sei es anzusehen, wenn man bei
den Schlachttieren die Leber häufig grüngelb verfärbt vorfindet.
Der Zutritt des Tageslichtes zu den einzelnen Zimmern des Hauses
ist je nach dem Zwecke derselben zu regeln. Bei Besprechung der
Wasserleitungen hebt Vitruvius den Nachteil der bleiernen Röhren
hervor und gedenkt der Krankheiten der Bleiarbeiter. Die Entstehung
der Kröpfe leitet er vom Trinkwasser mancher Gegenden ab. --
~Gellius~ (geb. um 130 n. Chr.) erklärte ein gewisses Mindestmaß von
medizinischen Kenntnissen auch für den Laien unentbehrlich und brachte
unter seinen Lesefrüchten aus allen Wissensgebieten auch Notizen
über die Lebensfähigkeit von Siebenmonatskindern, über Fünflinge,
Fehlgeburten, über die ominöse Bedeutung des 63. Lebensjahres, über
die Pflicht des Stillens u. a.
Zu nicht geringem Teil wurzelte übrigens die dilettantische
Beschäftigung mit der Medizin auch in der Absicht, von den halb
angestaunten, halb gehaßten Fremdlingen unabhängig zu werden, die
erworbenen Kenntnisse an sich selbst, bei Verwandten und Freunden
oder in den, für die Familia rustica bestimmten Valetudinarien
praktisch anzuwenden. Wie es längst Schriften gab, welche dem
gebildeten Römer in den Lauten der Muttersprache die Geheimnisse der
Rhetorik und Philosophie, der Staatswissenschaft, des Kriegswesens
und der Landwirtschaft vermittelten, so erwuchs auch das Bedürfnis
nach einer gleichwertigen medizinischen Literatur, umsomehr, als
das alte Werk des Cato dem fortgeschrittenen Zeitgeist nicht mehr
standhielt. Die Schwierigkeiten, die es hier zu überwinden galt, waren
allerdings weit größer als sonstwo, da das Bücherstudium allein, ohne
praktische Erfahrung, für die kritische Bearbeitung der Vorlagen nicht
ausreichte und sogar die bloße Kompilation bei der Uebertragung ins
Lateinische wegen der noch mangelnden Kunstausdrücke mit bedeutenden
Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Doch, was der eiserne römische
Wille vermochte, das bewies die bewundernswerte Leistung des streng
nationalgesinnten Polyhistors ~Marcus Terentius Varro~ (117-26 v.
Chr.), welcher seine gelehrten Forschungen auf alle Wissensgebiete
ausdehnte und sowohl in seiner großen Enzyklopädie (Disciplinarum libri
IX), als auch in seiner noch erhaltenen Abhandlung über den Landbau
(Rer. rusticar. libri III) die Medizin in den Kreis der Betrachtung
zog.
Außerdem beschäftigten sich höchstwahrscheinlich auch ~Varros~
„Imagines“ (Biographien und Porträts) mit der Geschichte der Aerzte,
die Schrift „Catus sive de liberis educandis“ mit ärztlichen Dingen.
In de re rustica (zugleich mit Catos de agricultura herausgegeben
von H. Keil, Leipzig 1895) gibt ~Varro~ hygienische Vorschriften für
den Bau von Landhäusern, berichtet, wie er bei einer verheerenden
Seuche auf Corcyra (Korfu) durch Ventilation, Isolierung der Kranken,
Erneuerung der Wohnungen Hilfe brachte, und von höchstem Interesse ist
es, daß er (ibidem l. I, 12, 2) die Malaria mit genialer Antizipation
von unsichtbaren Lebewesen herleitet: „Animadvertendum etiam, si qua
erunt loca palustria ...... quod crescunt animalia quaedam minuta,
quae non possunt oculis consequi, et per aëra intus in corpus per os
ac nares perveniunt atque efficiunt difficiles morbos.“
Dem Vorbilde nachstrebend, trug ~A. Cornelius Celsus~ wahrscheinlich
zwischen 25 und 35 n. Chr. das Wissen seiner Zeit in einer groß
angelegten Enzyklopädie zusammen, welche den Titel „Artes“ trug und
außer der Rhetorik, Philosophie und Jurisprudenz auch das Kriegswesen,
die Landwirtschaft und die Medizin behandelte. Mit Ausnahme von
spärlichen Fragmenten der Rhetorik ist davon nur der medizinische
Teil ~De medicina libri octo~ auf uns gekommen, ein Werk, das neben
dem Corpus Hippocraticum und den Schriften Galens das hochragendste
Denkmal der antiken Medizin darstellt (Hippocrates latinus).
Die Medizin des ~Celsus~, durch Frische und Prägnanz der Darstellung,
wie ein modernes Kompendium anmutend, auch hinsichtlich der
sprachlichen Eleganz eine Zierde der römischen Literatur, steht auf
der Höhe ihrer Zeit, ist aber im wesentlichen aus den Werken des
Hippokrates, der Alexandriner und der Schule des Asklepiades geschöpft;
jedoch erhebt die Selbständigkeit, mit welcher ~Celsus~ entscheidende
Urteile fällt, oft aus eigenen Erfahrungen seine Schlüsse zieht, seine
Kompilation zum Rang eines Originals. Ja, sie ersetzt uns die verloren
gegangene Literatur der Alexandriner. Wiewohl ~kein Berufsarzt~, ist
es ~ein geistvoller ärztlicher Denker, ein mustergültiger Praktiker~,
der darin das Wort führt, und geleitet von edelster Auffassung der
Heilkunst die Früchte ~hippokratischen Geistes~ in der edlen Schale
der römischen Mundart darreicht.
Die oft aufgeworfene Frage, ob Celsus „Arzt“ im eigentlichen Sinne
des Wortes gewesen, löst sich von selbst in ~negativem~ Sinne bei
Berücksichtigung seiner Abstammung und der nationalen Vorurteile der
Patrizier gegen die gewerbsmäßige Ausübung der Medizin, ferner im
Hinblick auf die umfassenden Schriften, von denen gewiß jede einzelne
den „Fachmann“ eines bestimmten Wissensgebietes widerspiegelte. (Nennt
doch z. B. der spätere landwirtschaftliche Schriftsteller Columella
den Celsus universae naturae prudentem virum.) Ebenso ist es nur
unter dieser Voraussetzung verständlich, daß ~Celsus in der ärztlichen
Literatur des Altertums nirgends zitiert~ wird. (Bloß Plinius gedenkt
seiner, aber nicht als medicus, sondern als auctor.) Aber auch die
Prüfung des Werkes selbst spricht gegen die Annahme, daß Celsus
Berufsarzt war, denn unverhohlen äußert er wiederholt seine skeptische
Grundanschauung über den Wert der Medizin. („Ut alimenta sanis
corporibus agricultura, sic sanitatem aegris medicina ~promittit~.“
-- „Ideoque multiplex ista medicina .... vix aliquos ex nobis ad
senectutis principia perducit“ u. a.) und an mehreren Stellen rühmt er
beinahe die Volksmedizin gegenüber der wissenschaftlichen (z. B. bei
Besprechung der Augen- und Zahnmittel). Damit steht aber keineswegs
im Widerspruch, daß Celsus außer dem Bücherstudium die Heilkunde aus
Liebhaberei auch ~praktisch~ (namentlich im Valetudinarium) betrieb
und aus eigener Anschauung (im Verkehr mit Aerzten) kennen lernte.
Dies geht aus seiner meisterhaften Darstellung im ganzen hervor (worin
er niemals wieder von einem „Laien“ erreicht wurde), namentlich aber
aus den Stellen, wo er chirurgische Eingriffe beschreibt oder von
~eigenen~ Erfahrungen redet.
~Im Mittelalter war die Schrift des Celsus fast verschollen,
jedenfalls ohne Einfluß auf die Entwicklung der Heilkunde.~ Die erste,
jetzt nicht mehr bekannte Handschrift, aus welcher alle folgenden
hervorgegangen sind (denn überall findet sich, neben kleineren,
dieselbe große Lücke im 27. Kap. des IV. Buches), soll von dem
späteren Papste Nikolaus V. (Thomas Perentocelli de Sarzana) im 15.
Jahrhundert entdeckt worden sein. Die außerordentliche Anerkennung,
welche man dem Celsus in der Renaissancezeit mit Recht zollte,
ist daraus zu ersehen, daß sein Werk (noch früher als galenische
oder hippokratische Schriften) als eines der ersten unter den
medizinischen im Druck erschien: ~Editio princeps~, ~Florenz~ 1478.
Seither wurden zahlreiche Ausgaben veranstaltet; die letzte kritische
rührt von Daremberg her; A. Cornelii Celsi de Medicina libri octo,
Leipzig 1859 (Teubner). Der Text derselben ist benützt in der sehr
empfehlenswerten Ausgabe von A. Vedrenes, Paris 1876. Celsus wurde
auch in verschiedene Sprachen übersetzt, unter den neueren deutschen
Uebertragungen ist diejenige von Ed. Scheller (A. Cornelius Celsus,
über die Arzneiwissenschaft, Braunschweig 1846) die beste.
In der formell, wie inhaltlich meisterhaften Einleitung (Prooemium)
schildert Celsus den historischen Werdegang der Heilkunde bis
Asklepiades und Themison, zeigt, wie sich allmählich die Therapie in
die pharmakologische, diätetische, chirurgische scheidet und urteilt
mit Würde ohne Voreingenommenheit und Leidenschaft als unparteiischer
Richter über den Wert der dogmatischen, empirischen und methodischen
Schule. Besonders der Abschnitt, worin er die Denkfehler der Methodiker
nachweist, gehört zu dem Besten, was die wenig gepflegte medizinische
Erkenntnistheorie aufzuweisen hat.
~Was wir über die Forschungsweise der Alexandriner und über
die Denkmethodik der einzelnen Schulen wissen, verdanken wir
zum großen Teile der lichtvollen Darlegung des Celsus~; dies
gilt namentlich für die Empiriker. Mit großer Klarheit weist er
auch nach, wie die Methodiker mehr als die übrigen doktrinär,
„dogmatisch“ verfuhren und dabei an Tiefe der Forschung, an Weite
des Blickfeldes zurückstanden. Dabei sei nur ihre Einseitigkeit
neu, denn längst vorher habe Hippokrates empfohlen, das Gemeinsame
der Krankheiten zu beachten, ohne aber dabei stehen zu bleiben. In
der Praxis verwickelten sich die Methodiker in Widersprüche; denn
sie müßten dabei doch z. B. verschiedene Formen der Erschlaffung,
also verschiedene Krankheitstypen berücksichtigen und trotz ihrer
Ablehnung der Aetiologie auf den Einfluß des Klimas, der Jahreszeiten
u. s. w. achten. Die Art von Praxis, die sie pflegen, sei unter den
barbarischen Völkern und in der Tierheilkunde üblich, auch besonders
bei denen beliebt, welche die ~Massenbehandlung in den Valetudinarien~
versehen.
Der Standpunkt, den Celsus selbst einnimmt, ist ein gemäßigter.
~Theorie und Erfahrung einander ergänzend und kontrollierend, bilden
vereint die Grundlage der wahren Heilkunst.~ Es sei zwar nicht die
naturwissenschaftliche Bildung (besonders Anatomie und Physiologie)
allein, welche an sich den Arzt machte, doch bewirke sie, daß er
Besseres in seinem Fache leistet. „Verumque est, ad ipsam curandi
rationem nihil pius conferre, quam experientiam. Quamquam igitur
multa sind ad ipsas artes proprie non pertinentia, tamen eas adjuvant,
excitando artificis ingenium. Verique simile est, et Hippocratem et
Erasistratum et quicumque alii, non contenti febres et ulcera agitare,
rerum quoque naturam ex aliqua parte scrutati sunt, non ideo quidem
medicos fuisse, verum ideo quoque majores medicos extitisse.“ Nur müsse
beherzigt werden, daß die Medizin eine Konjekturalwissenschaft sei,
in welcher scheinbar sicher gestellte Voraussetzungen im Spezialfalle
nicht immer zutreffen, und die Spekulation dürfe zwar im Denken,
nicht aber im ärztlichen Handeln eine leitende Stelle einnehmen:
„est enim haec ars conjecturalis; neque respondet ei plerumque non
solum conjectura, sed etiam experientia“ ..... rationalem quidem puto
medicinam esse debere: instrui vero ab evidentibus causis; obscuris
omnibus, non a cogitatione artificis, sed ab ipsa arte rejectis. Die
Vivisektion am Menschen sei verwerflich, die Leichensektion hingegen
nötig. Incidere autem vivorum corpora, et crudele, et supervacuum est;
mortuorum, discentibus necessarium.... Celsus ist ein Verehrer der
großen Vorgänger, und hütet ihre Verdienste mit Pietät, ohne darum den
Neuern ungerecht zu werden. „Oportet autem neque recentiores viros in
iis fraudare, quae vel reperunt, vel recte secuti sunt; et tamen ea,
quae apud antiquiores aliquos posita sunt, auctoribus suis reddere“
(lib. II, cap. 14). Aber diese Verehrung für die Autoritäten wird nicht
zum blinden Autoritätsglauben, so tritt er wiederholt nicht bloß dem
~Asklepiades~, sondern sogar dem ~Hippokrates~ (z. B. hinsichtlich
des Glaubens an die kritischen Tage) entgegen.
Der gewaltige Stoff ist folgendermaßen über die acht Bücher verteilt.
Buch I: Diätetik für Gesunde; Buch II: Allgemeine Pathologie, Semiotik,
Prognostik, therapeutische Indikationen; Buch III und IV: Spezielle
Pathologie, mit der Einteilung in allgemeine und Lokalaffektionen.
Bücher V-VIII sind chirurgischen Inhalts (besonders wertvoll ist die
•Beschreibung des Steinschnitts• und der •plastischen Operationen•)
mit Einschluß der Augenheilkunde und Geburtshilfe.
~Anatomie und Physiologie~ sind bei Celsus nur soweit
berücksichtigt, als praktisch-medizinische Zwecke in Betracht
kommen. Die Knochenlehre ist verhältnismäßig gut dargestellt
(VIII, 1), insbesondere beruht die Beschreibung des Schädels auf
sorgfältiger Untersuchung. Die einzelnen Muskeln finden dagegen keine
Darstellung, caro bedeutet Weichteile im allgemeinen. Mit venae
bezeichnet er oft Gefäße überhaupt, unterscheidet aber an anderen
Stellen luftführende arteriae und blutführende venae. Der Terminus
nervi bedeutet bald Nerv, bald Muskel und Sehne. Von den übrigen
Eingeweiden viscera trennt Celsus den Darm, dessen wohl unterschiedene
Abschnitte er insgesamt intestina benennt. Ihre grobe Schilderung
(Lageverhältnisse) findet sich lib. IV, cap. 1. Mangelhaft und
unbestimmt ist die Beschreibung der Sinnesorgane, auch des Auges,
obzwar letztere sogar sehr ausführlich gehalten ist (VII, cap. 7 §
13). Die Physiologie steht auf der Höhe des Corpus Hippocraticum.
-- Der ~Diät und Hygiene~ im gesunden und kranken Zustand ist das
I. Buch gewidmet, wobei teils hippokratische, teils methodische
Anschauungen zu grunde liegen, aber auch des Autors Originalität
und die Anpassung an römisches Leben hervortritt. Hier geht Celsus
stark in Einzelheiten und gibt unter Berücksichtigung der einzelnen
Krankheitszustände sorgfältige Vorschriften für die Ernährung und
für die Lebensweise in Bezug auf den Aufenthalt (Stadt, Land, Fuß-
und Seereisen), Temperatureinflüsse, Bäder, Tätigkeit (lautes Lesen,
Fechten, Ballspiel, Laufen, Spazierengehen, Bergsteigen etc.),
Geschlechtsgenuß u. s. w. Auch das Verhalten zur Zeit von Epidemien
wird berücksichtigt. Die zweite Hälfte des II. Buches behandelt den
Nährwert der verschiedensten animalischen sowie vegetabilischen Stoffe
in genauester Uebersicht, und gruppiert dieselben, je nachdem sie
„guten“ oder „schlechten Nahrungssaft“ enthalten, mild oder scharf,
schleimverdünnend oder schleimerzeugend, zuträglich oder unzuträglich
sind, bezw. blähend, erwärmend, kühlend, gärungserregend, abführend,
stopfend, erhärtend, erweichend, harntreibend, narkotisch wirken.
-- Die Lehre von den ~Heilmitteln~ und von der ~Zubereitung der
zusammengesetzten Arzneien~ füllt nebst der ~Toxologie~ den größten
Teil des V. Buches. Hierbei kommen je nach ihrer Wirkung zuerst die
Simplicia, sodann die verschiedenen Formen der Arzneien, Umschläge,
Pflaster, Pastillen, Streupulver, flüssige Einreibungsmittel,
Mutterzäpfchen, Pillen (Catapotia) zur Sprache. Die Kapitel 23 und 27
betreffen die Vergiftung durch den Biß oder Stich von Tieren, durch
Speisen und Getränke. Bemerkenswert ist die Schilderung der Lyssa
und manche zweckmäßige Vorschrift zur Behandlung; so wird angeraten,
das Gift aus der Wunde durch Schröpfköpfe, Ausbrennen, Aussaugen
(letzteres sei ungefährlich, wenn Lippen, Zahnfleisch, Gaumen der
aussaugenden Person unverletzt sind) möglichst rasch zu entfernen, bei
inneren Vergiftungen harntreibende Mittel, bezw. Oel und Brechmittel
oder Milch anzuwenden. Unter den Universalgegengiften wird die
Zusammensetzung der Ambrosia des ~Zopyros~ und des Mithridates (es
werden 37 Bestandteile aufgezählt) mitgeteilt.