was die Idee anlangt, die Ansprüche vieler späterer Aerzte auf
Priorität hinsichtlich der physikalisch-diätetischen Richtung, und
es kann ihnen in vielen Momenten nur der zeitgemäße Aufbau oder
die technische Verbesserung als Verdienst zugesprochen werden. Aber
auch schon der Bithynier, der selbstgefällig und streitsüchtig auf
seine Originalität pochte -- οἰνοδότης wegen seiner vielfachen
~medizinischen Verordnung des Weines~, ψυχρολούτης wegen seiner
Vorliebe für ~Wasserprozeduren~ genannt --, griff tatsächlich auf
Heilmethoden zurück, die, abgesehen von einer näher liegenden
Vergangenheit, namentlich in den hippokratischen Schriften
Ausdruck gefunden haben und in letzter Linie den griechischen
Ringschulen entstammen. ~Neu war eigentlich nur seine theoretische
Begründung, seine planmäßige, ausgebreitete, sorgfältig geregelte
Anwendungsweise, seine den Fortschritten angepaßte Methodik;
reformatorisch verdienstvoll wurde es, daß er (mit verzeihlicher
Einseitigkeit) den Wert derselben betonte, zu ihrer allgemeinen
Verbreitung Anlaß gab und den Schlendrian der herkömmlichen Therapie
erfolgreich bekämpfte!~
Asklepiades ist sowohl hinsichtlich der Praxis wie der Theorie
nicht der Anfang, sondern der Höhepunkt eines Wellenzugs, der
sich weit zurückverfolgen läßt und nur durch die herrschende
Schule verdeckt wurde. ~Den innigsten Zusammenhang zeigt er mit
Erasistratos.~ Wie die Alten uns berichten, gehörte Asklepiades
ursprünglich zu den Anhängern des Kleophantos, der die ~Diätetik~
ausbaute und den ~Wein~ gerne als Heilmittel verwendete. Seine
Schule stand derjenigen des Erasistratos nahe, welch letzterer
die Therapie wesentlich vereinfachte, milde Abführmittel,
Klistiere, Wein, Fasten, diätetische Vorschriften, Gymnastik,
Bäder, kalte Waschungen, Abreibungen, individualisierend geregelte
Spaziergänge etc. im Heilplan in den Vordergrund stellte --
nur nicht mit solchem Nachdruck und solcher Einseitigkeit
wie Asklepiades. Erasistratos und Kleophantos schließen sich
wieder stark an Chrysippos und hierdurch an die knidische
Richtung der Hippokratiker, bezw. die italische Schule an, welch
letztere namentlich ~die den Gymnasten und Athleten entlehnte
diätetisch-physikalische Therapie~ pflegte. Es ist interessant,
daß diese Heilart somit wieder auf italischem Boden durch
Asklepiades einen Höhepunkt erreichte. Auch für die theoretischen
Ansichten liegt eine Wurzel im Lehrsystem des Erasistratos und
tiefer in der knidisch-italischen Richtung. Erasistratos verwarf
die Vierelementenlehre, ließ den Körper aus Atomen bestehen,
anerkannte nicht überall die Zweckmäßigkeit der Natur, suchte
die physiologischen Erscheinungen rein physikalisch zu erklären,
huldigte bereits in beschränktem Ausmaß der ~Solidarpathologie~,
führte die meisten Affektionen im Grunde auf mechanische Störungen
(Verlegung der Pneumawege) zurück und bekämpfte zuerst sehr
energisch die Autorität des Hippokrates. Manche dieser Hauptpunkte
(mechanistische, solidarpathologische Auffassungen) finden sich
schon bei der knidischen oder italischen Schule vor, letzterer
war namentlich in gewissem Sinne die ~Porenlehre~ eigentümlich.
-- ~Daß die Ideen des Erasistratos so großen Einfluß auf
Asklepiades hatten, nimmt nicht wunder, wenn man bedenkt, daß die
erasistrateische Schule um 100 v. Chr. in Kleinasien zu neuer Blüte
gekommen war.~
Bezüglich mancher Einzelheiten wäre z. B. darauf zu verweisen,
daß Asklepiades fieberhafte Krankheiten in den ersten Tagen nach
dem Grundsatze behandelte, es müßten die Kräfte des Kranken durch
helles Licht, anhaltendes Wachen und Versagen des Getränkes (nicht
einmal Ausspülen war gestattet) niedergerungen werden. Im weiteren
Verlauf aber kam er den Wünschen der Patienten durch Verordnung
von üppigen Mahlzeiten und Wein sehr entgegen, und gerade dieser
Umstand machte seine Behandlungsweise besonders beliebt. Vom Wein,
den er als Hauptmittel und geradezu als Panacee ansah, sagte er:
seine Nützlichkeit komme beinahe der Macht der Götter gleich.
Bald ließ er ihn unvermischt, bald mit Wasser verdünnt, bald mit
Salz versetzt oder warm darreichen, namentlich im Zustand der
Fieberremissionen oder bei Schwäche. Den Aderlaß wandte er mit
Vorsicht an und erklärte, daß sein Wert auch davon abhänge, in
welchem Klima der Kranke zur Behandlung kommt, Pleuritische z. B.
vertrügen ihn sehr gut in Parion und am Hellespont, nicht aber
in Athen und Rom. Das Binden der Glieder, wie es die Vorgänger
vikariierend geübt hatten, verwarf er. An Stelle der Abführmittel
setzte er Enthaltung vom Essen oder verordnete nur, um ~mechanisch~
die Stauung zu beseitigen, Klysmen, deren übermäßiger Gebrauch
ihm jedoch ebenfalls schädlich erschien. Bei jeder Krankheit
schrieb er eine genaue Diät vor, sogar bei Alopecia legte er neben
äußeren Mitteln auf ein bestimmtes Regime (Enthaltung von Fleisch,
Wein etc.) großes Gewicht. Interessant ist es, daß er sogar die
Trockendiät bereits kannte (nach vorausgegangenem Laufen ließ er
getrocknete Fische und gut durchgebackenes Brot genießen). Massage
benützte er auch als Schlafmittel, z. B. bei Geistesstörungen, für
welche er in verdienstvoller Weise eine ~psychische Behandlung~
namentlich durch Musik und Gesang einführte; „Phrenitische“ ließ
er an einen lichten Ort bringen, weil im dunklen die eingebildeten
Bilder durch keine wirklichen Eindrücke korrigiert würden.
Besonders eigentümlich waren: die Behandlung mit Schaukelbewegung
in hängenden (mit Stricken befestigten) Betten und die ~Balinea
pensilia~ (Schaukelbäder). Waschungen kamen auch bei Durchfällen
(aber erst nach der Kräftigung des Patienten) zur Anwendung,
desgleichen das Trinken von kaltem Wasser. -- Bezüglich der
Chirurgie wissen wir, daß Asklepiades die spontane Luxation des
Femurs aus einer Entzündung erklärte und den Kehlkopf- oder
Luftröhrenschnitt(?), den er wahrscheinlich von Vorgängern
übernahm, in geeigneten Fällen anriet.
Der Fortschritt gegenüber der zumeist rohen oder abergläubischen
Medizin, wie sie in Rom vorher herrschte, war so einleuchtend,
daß Asklepiades inmitten seines Zeitalters wie ein Wundertäter
erscheinen mußte, zumal er gewiß über große suggestive Kraft
verfügte. Das „~tuto, cito et jucunde~“ und die Maxime, daß ein
guter Arzt für jedes Uebel doppelte und dreifache Arzneien sofort
bereit haben müßte -- dies waren seine Devisen -- suchte er, soweit
als möglich, zu verwirklichen. Günstig wirkten überdies für die
Aufnahme der ~zumeist angenehmen Kurart~ zwei Momente. Einerseits,
daß sie, ihres philosophischen Mantels entkleidet, auch populär
begründet werden konnte (z. B. durch den Hinweis auf die nachteilige
Einwirkung der Arzneien auf Geschmack und Magen), anderseits, daß
sie so recht der Sehnsucht des entnervten Zeitalters nach der alten
Mannhaftigkeit durch ihre roborierende Tendenz entsprach. Darum
erlosch mit Asklepiades zwar der Zauber, der von seiner imponierenden
Persönlichkeit allein, ausging; die feine ~Individualisierung~,
wie sie der Bithynier trotz seines Gegensatzes im Geiste des
Hippokratismus ausübte, ging verloren; die auf den ~Gesamtzustand
gerichtete, mit wenigen Mitteln hantierende Behandlungsweise~
machte leider allzubald einer schematischen Richtung und später
einer schablonenhaften Polypragmasie Platz -- aber selbst noch in
der Hülle, welche von der therapeutischen Reform des Bithyniers
zurückblieb, läßt sich erkennen, daß sie einst einen Feuergeist
umschlossen hielt.
Von der gewiß sehr zahlreichen Anhängerschaft des Asklepiades
haben sich, abgesehen von seinem größten Schüler ~Themison von
Laodikeia~, fast nur Namen und spärliche Angaben über ihre
literarische Tätigkeit erhalten. So werden erwähnt: ~Titus
Aufidius~ (chronische Krankheiten), ~Nikon von Agrigent~ (über
Heilmittel), ~Chrysippos~ (über Würmer), ~Miltiades von Elaiussa~
(chronische Krankheiten), ~Philonides von Dyrrhachion~ (über
Heilkunde, Arzneimittel, Hippokrateskommentar), ~Clodius~
(über Askariden), ~Marcus Artorius~ (rettete dem Octavianus
in der Schlacht von Philippi das Leben; schrieb über Lyssa und
Makrobiotik), ~Gallus Marcus~, ~Antonius Musa~, der berühmteste
Leibarzt des Augustus (sein Vorgänger in dieser Stellung war ~Cajus
Aemilius~ = ~Camelius~); Musa heilte den Kaiser, welcher an der
Leber, sowie an rheumatisch-gichtischen Beschwerden litt und vorher
erfolglos mit erhitzenden Mitteln behandelt wurde, durch eine
systematische ~Hydrotherapie~ (Wassertrinken und kalte Bäder); zum
Lohne erhielt er nebst reichen Geschenken den Ritterstand und eine
Statue im Tempel des Aeskulap.
Die Methodiker.
Die Therapie unter den Gesichtspunkt einer subtilen Theorie zu
bringen und dabei doch selbständig, mit künstlerischer Freiheit, zu
verfahren, war der Begabung des Asklepiades gegönnt; der Troß von
Aerzten aber, der seiner Spur folgte, bedurfte schärfer umschriebener,
leichtfaßlicher Leitsätze, welche der Mittelmäßigkeit eine breite
Heeresstraße eröffnen, indem sie auf Kosten der individuellen Leistung
dem Schwanken zwischen Empirie und Spekulation kategorisch ein Ende
setzen und die Tätigkeit am Krankenbette in eine bequeme Technik
verwandeln.
Diesem Bedürfnis nach straffer Regelung, nach Vereinfachung des
medizinischen Denkens und Handelns entsprang, wie schon der Name
besagt, ~die Schule der Methodiker~, welche von einem Anhänger des
Bithyniers, ~Themison von Laodikeia~ (um 50 v. Chr.), gestiftet, sehr
rasch zur ebenbürtigen Rivalin des humoralen Dogmatismus heranwuchs, an
Zahl der Vertreter, an Bedeutung für die Folgezeit, dem Hippokratismus
wenig nachstehend. Der alles nivellierende Geist des Zeitalters stand
an der Wiege dieser Schule, läßt sie doch in ihrem innersten Wesen
das, auch auf den übrigen Kulturgebieten hervortretende Bestreben
erkennen, ~griechischen Geist in die starre römische Form zu gießen~.
~Themison von Laodikeia~ wandte sich erst in vorgeschrittenen
Jahren von der reinen Lehre seines Meisters Asklepiades ab und
scheint sich in seinen zahlreichen Schriften, nur allmählich zu
seinem Systeme durchgerungen zu haben. Nach einem Spottvers des
Juvenal war er kein glücklicher Arzt. Wie wir aus Zitaten ersehen,
machte er sich besonders verdient um die Darstellung der Therapie der
~chronischen~ Affektionen (ein Gebiet, auf dem er überhaupt der erste
Autor gewesen ist), um die Schilderung der Kachexie, der Satyriasis
etc., um die Bereicherung des Arzneischatzes (dem er ~die Blutegel~
und manche zusammengesetzte Mittel, z. B. das Mohnmittel ~Diacodion~,
das Bittermittel πικρὰ, bestehend aus Aloe, Mastix, Safran, indischem
Baldrian, Haselwurz, Zimt und Balsam, hinzufügte), endlich um die
Bearbeitung der Gynäkologie. Er verfaßte medizinische Briefe und
Schriften über periodische, akute und chronische Krankheiten, über
Diät, den Wegerich und über Lepra (die erst zur Zeit des Asklepiades
in Rom bekannt wurde, vergl. auch Lucretius Carus, de rer. nat. VI,
1114). Angeblich soll er über die Therapie der Lyssa deshalb nichts
veröffentlicht haben, weil er jedesmal, wenn er den Griffel zur
Hand nahm, einen Rückfall der selbst überstandenen Wutkrankheit (?)
befürchtete. Der Anonymus Parisinus -- eine sehr wichtige Quelle
für die methodische Schule -- wirft vielleicht ein Schlaglicht auf
Themison.
Wie ein Abglanz der nüchternen, zweckstrebenden römischen Denkweise,
mit ihrem Hang zum Formalismus, mit ihrer oft auf Kosten der
Tiefe errungenen selbstsicheren Klarheit, erscheint das System des
Methodismus von vornherein für die Praxis zugeschnitten und bewegt
sich unter Mißachtung weiterer Naturbetrachtung in dem engen Zirkel von
einigen wenigen, zur dogmatischen Allgemeingültigkeit emporgeschraubten
Ideen.
Neben der atomistischen Pathologie des Asklepiades bildete für Themison
die ~Vergleichung der Krankheiten~ untereinander, die Aufsuchung
gemeinsamer Merkmale den Ausgangspunkt seiner Lehre, und auf diesem
Wege gelangte er schließlich zu der einseitigen scharf formulierten
Anschauung, daß es in dem Reiche der vielgestaltigen Krankheitsvorgänge
im Wesen nur zwei gemeinsame Grundformen (κοινότητες, ~communitates~)
gäbe, nämlich den Zustand der Straffheit, Spannung -- στεγνωσις,
~status strictus~ -- oder den Zustand der Erschlaffung -- ρύσις,
~status laxus~. Beide, das strictum (τὸ στεγνόν) und das laxum (τὸ
ῥοῶδες) beruhen auf ~abnormer Beschaffenheit der Poren~, die im ersten
Falle zu sehr zusammengezogen, verengert, im letzteren Falle dagegen
zu sehr gelockert und schlaff erweitert seien (~Solidarpathologie~).
Welcher Zustand vorliegt, ob krankhafte Steigerung oder Abnahme des
normalen Tonus besteht, wäre aus dem ~allgemeinen Verhalten~ des
Körpers, namentlich aber aus dem Uebermaß oder der Verminderung des
Exkrete und Sekrete oder aus Blutflüssen etc. leicht zu erschließen;
~die Behandlung laufe im wesentlichen darauf hinaus, das strictum oder
laxum durch entgegengesetzt wirkende, den ganzen Körper angreifende
therapeutische Maßnahmen zu beheben, also durch Entspannung oder
Zusammenziehung, Tonisierung~, wobei außer der „Kommunität“ als
„~Indikationen~“ nur noch in Betracht käme, ob es sich um eine ~akute
oder chronische Krankheit~ handle, und ob sich dieselbe im ~Stadium
der Zunahme, des Stillstands oder der Abnahme~ befinde.
~Themison~ ließ somit die von ~Asklepiades~ zur Krankheitserklärung
herangezogene Atomtheorie fallen und benützte lediglich jenen Teil
seines System, der von dem Mißverhältnis der „Poren“ sprach. Es
ist jedoch festzuhalten, daß ~Asklepiades~ sich bis zu einer so
einseitigen Krankheitsklassifikation und Therapie nicht verstieg,
sondern auf dem klinischen Standpunkt verblieb. Für Themison mag
vielleicht das Vorbild der spastischen und der schlaffen Lähmungen,
welche schon ~Erasistratos~ als auf ~Zusammenziehung oder Ausdehnung~
beruhende Formen unterschieden hatte, maßgebend gewesen sein. Zu
einer Aufstellung des Strictum und Laxum mit allen therapeutischen
Konsequenzen dürfte übrigens auch er erst am Ende seiner Laufbahn
gelangt sein.
In der Einteilung der Krankheiten nach dem Prinzip der Kommunitäten
herrschte freilich eine gewisse Willkür; die Mehrzahl der akuten
Affektionen wurde dem Status strictus, die Mehrzahl der chronischen
dem Status laxus zugerechnet. Als erschlaffende Mittel galten:
Blutentziehung (Blutegel, Schröpfen und Skarifikation, Aderlässe
auf der, der kranken gegenüberliegenden Stelle, eventuell bis zur
Erschöpfung), warme Bäder, Umschläge, Einreibungen mit warmem Oel,
Dämpfe, Fasten und entziehende Diät, die nur unter bestimmten Kautelen
und selten angewendeten Diuretika, Emetika, Diaphoretika und Laxantia,
mäßiger Geschlechtsgenuß u. a. Zu den verengernden, adstringierenden,
tonisierenden Mitteln gehörten z. B. kalte Waschungen, Umschläge und
Bäder, Aufenthalt in kalter Luft, roborierende Diät, Wein, Essig,
Alaun, Narkotika u. s. w. Das Grundprinzip des Themison mit seiner
blendenden Einfachheit mußte begreiflicherweise in dem Maße modifiziert
werden, als die praktische Anwendung die enorme Lückenhaftigkeit
der Lehre aufdeckte. Zunächst konnte es nicht entgehen, daß das
„Strictum“ und „Laxum“ bei derselben Krankheit vorkommen kann (z. B.
bei der Epilepsie, Paralyse) und somit der Zustand einer zweifachen
Behandlung bedürfe. Aus solcher Erwägung entsprang schon frühzeitig
der Hilfsbegriff des ~Status mixtus~, τὸ μεμιγμένον, welche dritte
Kommunität je nach der Präponderanz der einen oder anderen Qualität
bekämpft werden sollte. Aber auf die Dauer reichten auch diese drei
Kommunitäten nicht aus, wenn es galt, für Fälle chirurgischer Art oder
Vergiftungen die gemeinsamen Eigentümlichkeiten, die therapeutischen
Indikationen aufzustellen. So wurden denn unter dem Zwange der
Erfahrung immer weitere ~neue Gemeinbegriffe~ ersonnen, wie z. B. ~die
„prophylaktische“ Kommunität~ bei Verwundungen, Vergiftungen etc.
In der Chirurgie wurden vier Kategorien (Kommunitäten) von
Krankheiten unterschieden. 1. Fremdkörper, die von außen eindringen;
sie sind auszuziehen. 2. Lageveränderungen (Brüche, Verrenkung);
sie sind zu reponieren. 3. Fremdartige Strukturen (Geschwülste,
Abszesse); sie sind zu entfernen oder zu inzidieren. 4. Fremdartige
Beschaffenheit der Teile (Hemmungsbildungen, Geschwüre u. s. w.)
durch Fehlen von Substanz; diese ist zu ersetzen.
~Solche Ergänzungen der Kommunitätenlehre durchlöcherten freilich im
Grunde die Einheitlichkeit des Prinzips, und waren tatsächlich nur der
Ausdruck von Verlegenheiten, die naturgemäß einer Krankheitstheorie
erwachsen mußten, welche von tieferer ursächlicher Erklärung, von
der Erforschung des Krankheitssitzes Abstand nahm und sich vermaß,
bei einseitiger Berücksichtigung bloß sekundärer Zustände, sowohl die
Polymorphie der Krankheiten, als auch die Individualität der Kranken
gänzlich außer acht lassen zu können.~
Der Methodismus wollte den Klippen des Empirismus und Dogmatismus
gleicherweise entgehen. Seine Anhänger schlugen den Mittelweg
ein; sie blieben nicht, wie die Empiriker, bloß bei der rein
praktischen Handhabung der Heilmittel stehen, sondern suchten die
pathologischen Vorgänge auch theoretisch zu erklären, sie gingen über
das Grobsinnliche hinaus, aber sie verschmähten es, im Gegensatz zu
den Dogmatikern, bis zu den ersten Krankheitsursachen und bis zur
Krankheitslokalisation vorzudringen oder den Kausalnexus der Symptome
zu ergründen und blieben bei gewissen ~Krankheitszuständen~, die
willkürlich aus der großen Menge herausgezogen wurden, haften. Nicht
allein die Physiologie, sondern auch die Anatomie, besonders die
pathologische, deren Anfänge in Alexandrien bereits aufgetaucht waren,
galt der Schule der Methodiker ebenso überflüssig, wie Aetiologie
und Symptomatologie. Die Anatomie wollten die Methodiker in der
ärztlichen Ausbildung allerdings nicht gänzlich vermissen, manche von
ihnen beschäftigten sich sogar intensiver mit ihr, hielten es jedoch
im allgemeinen für genügend, die Namen der Körperteile zu wissen.
Im Lichte der neuen Lehre verloren die wissenschaftlichen Bestrebungen
der Vorgänger nahezu ihren Wert, und insbesondere fielen die großen
Ansprüche, welche der Hippokratismus an die ärztliche Ausbildung
und Individualität stellte, hinweg. Der Satz des Altmeisters der
Heilkunst „das Leben ist kurz, die Kunst ist lang“ wurde geradezu in
das Gegenteil verkehrt. Begreiflicherweise schwoll, wo so geringfügige
Vorkenntnisse für die medizinische Laufbahn gefordert wurden, die Schar
der Anhänger schon unter ~Themison~ gewaltig an, noch mehr aber nahm
bei der Ebbe des damaligen Geisteslebens die Zahl der unberufenen und
unlauteren Elemente zu, als dessen Schüler, der Weberssohn ~Thessalos~
aus Tralleis in Lydien im Zeitraum von 6 Monaten die ganze Medizin,
d. h. sein noch mehr vereinfachtes und für unfehlbar erklärtes System,
zu lehren vorgab.
~Thessalos~, unter dessen Schülern sich angeblich ehemalige
Schuster, Färber und Schmiede befanden, warf sich zum Reformator
der Heilkunde auf und ließ sich von seiner ungebildeten oder
halbgebildeten Gefolgschaft als unvergleichlichen Arzt huldigen. Ueber
unleugbar großes Talent verfügend, aber mit noch größerer Anmaßung
begabt und zum Scharlatan geboren, erinnert er in seinem ganzen
Auftreten und in der Tonart, mit der er zeitgenössische und frühere
Autoritäten befehdete, an so manche unerfreuliche Erscheinungen
der Gegenwart. Seine Aussprüche, daß vor ihm selbst kein Arzt etwas
Nützliches geleistet habe, daß die Aphorismen des Hippokrates Lügen
seien, charakterisieren den Mann hinlänglich, und den Gipfelpunkt
seiner Eitelkeit bezeichnet die Inschrift, auf einem Denkmal an der
Appischen Straße, worin das Epitheton ἰατρονίκης „Besieger der Aerzte“
glänzte. Die Blütezeit des ~Thessalos~ fällt in die Epoche Neros, dem
er seine Schriften widmete. Diese bezogen sich unter anderem auf Diät,
chronische Krankheiten und auf Chirurgie, auch richteten sie eine
scharfe Polemik gegen die berühmten Vorgänger, z. B. ~Erasistratos~.
Von den Humoralpathologen wurde es ihm zum Vorwurf gemacht, daß er
Organmittel, wie z. B. Leber-, Nierenmittel etc., leugnete und die
galle- und schleimtreibenden Arzneien mit der Begründung verwarf, daß
sie durch ihren Reiz erst die Entstehung dieser, als vermeintliche
Materia peccans betrachteten Sekrete bewirken; übrigens spricht es
für seine Selbständigkeit, daß er in Einzelheiten von ~Themison~
und auch von den Dogmen der methodischen Sekte überhaupt, abwich.
Außer manchen unbestreitbaren Verdiensten auf dem Felde der Therapie
erheischt es die Gerechtigkeit, dem ~Thessalos~ insbesondere das eine
nachzurühmen, daß er den ~Unterricht am Krankenbette~, wohin ihn seine
Schüler begleiteten, erteilte und darin seiner Zeit weit voraneilte.
Bedeuten die theoretischen Prämissen der Methodiker eine Verirrung,
so fällt dagegen das Urteil über die Rolle, die diese Schule in der
antiken Medizin spielt, ganz anders und wesentlich günstiger aus,
wenn man einzig allein ihre Tätigkeit am Krankenbette ins Auge faßt.
Und nichts Besseres läßt sich wohl zu ihrem Lobe sagen, als ~daß
die Therapie, wie sie von den rationell verfahrenden Methodikern
betrieben wurde, so manchen gemeinsamen Zug mit dem scheinbar toto
coelo verschiedenen Hippokratismus aufweist~. Denn bildeten auch
die Ansichten über das Walten der Naturheilkraft, über Krisen und
kritische Tage, über den Einfluß der Individualität des Kranken auf
den Verlauf der pathologischen Vorgänge -- alles Dinge, denen die
Methodiker keine Essentialität zusprachen -- starre Scheidewände
zwischen den beiden Hauptschulen des Altertums, so stimmten sie doch
darin miteinander überein, daß sie die ~Allgemeinbehandlung~ und
die ~hygienisch-diätetische Therapie~ in den Vordergrund stellten,
nach Indikationen handelten und nur solche Mittel verwendeten,
welche einer geläuterten Erfahrung zu danken waren, hingegen alle
rohen und abergläubischen Prozeduren verwarfen, den Gebrauch der
drastischen Arzneien oder Eingriffe (z. B. Narkotika, Venäsektion,
Arteriotomie, ausleerende Mittel) wesentlich beschränkten und von
bestimmten Vorschriften abhängig machten. Obzwar von entgegengesetzten
Vordersätzen ausgehend, befleißigten sich die Methodiker, gleich den
Hippokratikern im Beginne akuter Affektionen einer exspektativen
Behandlung, und trugen auch der Individualität des Patienten,
wenigstens indirekt durch Rücksichtnahme auf die subjektiven
Beschwerden (wobei allerlei Topika zur Anwendung kamen) Rechnung; in
letzterer Hinsicht verfielen sie allerdings oft in Polypharmazie, die
sich aber zumeist nur auf äußere Applikationen erstreckte. Und wiewohl
sie den Glauben an kritische Krankheitsvorgänge in Abrede stellten, so
richteten sie sich doch in ihrem Kurplan nach dem Krankheitsstadium und
banden sich sogar bei der Behandlung ~chronischer Affektionen, deren
systematische Therapie erst durch die methodische Schule geschaffen
wurde~, mit einer geradezu übertriebenen Pedanterie an bestimmte Tage
(Dreitagsfristen, διὰ τρίτον, daher auch Diatritarii genannt) und
Zyklen.