Typisch wurde das Schicksal des ~Archagathos~, welcher 219 v. Chr. aus

dem Peloponnes eingewandert war, und der von Plinius gewiß irrtümlich

als erster griechischer Arzt in Rom genannt wird. ~Archagathos~ erwarb

anfangs durch hervorragende Geschicklichkeit in der Behandlung von

Wunden und Geschwüren größtes Vertrauen und so hohe Anerkennung, daß

ihm der Senat das Bürgerrecht erteilte und eine Offizin (Taberna) an

einem sehr belebten Platze (am acilischen Kreuzweg, in der Nähe des

Forum Marcelli) einrichtete. Ermutigt und in seinem Selbstbewußtsein

allzusehr gehoben, wagte es der „Vulnerarius“ (Wundarzt), wie ihn das

Volk ehrend nannte, jetzt auch größere Operationen vorzunehmen. Nicht

lange währte es, so erregte seine Rücksichtslosigkeit im Schneiden und

Brennen solchen Unwillen, daß das Volk den „Carnifex“, wie es ihn jetzt

schmähte, nicht mehr dulden wollte und mit ihm alle Aerzte vertrieb.

Diese Angaben rühren von dem national gesinnten Plinius her, und sind

daher cum grano salis zu nehmen. Gerade auf die Aerzte konzentrierte

sich der Griechenhaß ganz besonders, weil man wegen ihrer intimen

Beziehungen zum Volke fürchtete, daß sie die alte Mannhaftigkeit und

damit das altrömische Wesen mit der Wurzel auszurotten vermöchten.

Wahrscheinlich lagen auch einzelne, tendenziös aufgebauschte, Anlässe

vor, tatsächlich ließen sich, wie wir aus späterer Zeit wissen, freie

und Sklavenärzte pochend auf ihre Straflosigkeit oder unter dem Zwange

der Knechtschaft zu schimpflichen Diensten (sogar zu Giftmorden?)

hie und da verwenden, fest steht es aber anderseits, daß trotzdem

selbst die schärfsten Angriffe der Griechenfeinde das Vertrauen zur

griechischen Medizin, die doch die römische Volksmedizin weitaus

überragte, nicht gänzlich zu erschüttern vermochten. Wie erbittert

namentlich der Pfleger altrömischer Zucht und Sitte, der ehrliche, aber

harte Marcus Porcius Cato (234-149 v. Chr.) den Kampf führte, geht

unter anderem aus den „Praecepta ad filium“ hervor, in denen er die

griechischen Aerzte geradezu beschuldigte, daß sie sich gegen das Leben

der Römer verschworen hätten. ~Cato~ wehrte ihnen sein Haus, er widmete

sich als altrömischer Hausvater selbst der Behandlung seiner Familie

und seiner Sklaven, indem er vorzugsweise eine alte volksmedizinische

Schrift „Commentarium“ benützte. Mag ihm aber der Sohn gefolgt haben,

die Römer taten es nicht; trotz der Verbannungsbeschlüsse, die wohl

kaum ausgeführt wurden, behaupteten die griechischen Aerzte ihre

Position, und täglich schwoll ihre Zahl mehr an.

~Cato~ suchte den griechischen Einflüssen nicht nur durch

seine Reden, sondern auch durch positive literarische Arbeit

entgegenzutreten. Von dieser Absicht geleitet, schrieb er, ohne

ausländische Quellen zu benützen, Werke über Staatswissenschaft, das

Kriegswesen und den Landbau, sowie eine Geschichte Roms (Origines),

damit der gebildete Römer es nicht nötig habe, auswärts Belehrung

zu suchen. Was er von der Medizin für wichtig hielt, stellte er

in der Schrift de agricultura (neueste Ausgabe von Keil, Leipzig

1884, Kommentar hiezu als Band II) zusammen. Der Inhalt ist deshalb

wertvoll, weil er uns ein anschauliches Bild von der altrömischen,

halb empirischen, halb mystischen Volksmedizin gibt. Cato besaß

~achtbare chirurgische Kenntnisse~ (über Luxationen und Frakturen,

Geschwüre, Polypen, Strangurie und Mastdarmfisteln) und kannte eine

Menge von Rezepten (Hausmittel). Mit besonderer Vorliebe und größtem

Zutrauen wandte er diätetische Behandlungsweisen, namentlich aber

den ~Kohl~ (Universalmittel der Etrusker und Lieblingsmittel der

Pythagoreer) und den ~Wein~ bei allen möglichen Affektionen an;

daneben spielten ~Besprechungen~ und ~magische Prozeduren~ keine

geringe Rolle. Gegen Quetschungen diente ihm z. B. folgendes: „Luxum

si quod est, hac cautione sanum fiet. Harundinem prende. -- Incipe

cantare in malo: S. F. (Sanitas Fracto) motas vaeta daries dardaries

astata taries, die una paries, usque dum coeant“; gegen Luxationen:

huat hanat huat ista pista sista. Domina damnaustra et luxato. Vel hoc

modo, huat haut ista sis ardannabon dumnaustra. Derartige teilweise

unverständliche und daher kräftig suggestiv wirkende „Carmina“ sind

noch mehrere in der erwähnten auch sprachlich sehr interessanten

Schrift angeführt.

An seinen Sohn schrieb Cato, wie aus Plinius zu ersehen ist: „Dicam

de istis Graecis suo loco, Marce fili. Quid Athenis exquisitum habeam

et quod bonum sit illorum literas inspicere, non perdiscere, vincam.

Nequissimum et indocile genus illorum, et hoc puta vatem dixisse:

Quandoque ista gens suas literas dabit, omnia corrumpet; tum etiam

magis, si medicos suos huc mittet. Jurarunt inter se barbaros necare

omnes medicina. Et hoc ipsum mercede faciunt, ut fides iis sit et

facile disperdant.“

Da die griechischen Philosophen die Volksreligion untergruben

und den römischen Jünglingen das Gift des Skeptizismus einflößten,

verbot der Senat mehrmals einzelnen oder allen Philosophen und

Rhetoren den Aufenthalt in Rom, ein solches Gesetz wurde z. B. 161

v. Chr. gegeben. Sechs Jahre später erschien eine Gesandtschaft aus

Athen, bestehend aus dem Akademiker Karneades, dem Stoiker Diogenes

und dem Peripatetiker Kritolaos, von denen namentlich der erstere

durch seine Beredsamkeit auf die jüngere Generation -- die Kenntnis

der griechischen Sprache war schon damals sehr verbreitet -- den

größten Eindruck machte. Auch diesmal suchte die Nationalpartei

durch baldige Abfertigung der Gesandtschaft die Gefahr einzudämmen.

-- Angeblich soll bald nach dem Tode Catos ein Dekret die Verbannung

aller Griechen anbefohlen haben, wie wenig ernsthaft es durchgeführt

wurde, beweist die Folgezeit, und selbst wenn man die Philosophen

vertrieben hätte, die Aerzte besaßen schon hinreichende Stützen an

den vielen Wohlwollenden, um das Verbot ignorieren zu können.

Unleugbar haftete aber, in den Augen der Römer, den griechischen

Aerzten noch geraume Zeit ein gewisser Makel an, und nachdem längst

die Poesie, Kunst und Philosophie Griechenlands die größte Anerkennung

in Rom gefunden hatte, entbehrte die hellenische Medizin noch immer

einer warmen Anhängerschaft unter den ~Gebildeten~, wie z. B. aus

einem Worte Ciceros deutlich hervorgeht. ~Es genügte nicht allein, daß

viele angebliche Aerzte zuströmten, es mußte ein Mann auftreten, der

seine Kunst mit der Bildung und Weltanschauung des vornehmen Römers

in Beziehung zu setzen verstand. Nur ihm konnte es wahrhaft gelingen,

die griechische Medizin selbst nach Rom zu verpflanzen.~

Asklepiades.

Die Einbürgerung der griechischen Heilkunde in Rom war vorzugsweise

das Werk des Asklepiades aus Prusa, eines rhetorisch gewandten,

philosophisch geschulten und äußerst lebensklugen Arztes, der die

nationalen Vorurteile durch imponierende praktische Leistungen zu

überwinden verstand und die wissenschaftliche Medizin dem Zeitgeschmack

des Römertums geschmeidig anzupassen wußte.

Asklepiades dürfte um 124 v. Chr. in Prusa (oder in Prusias),

einer Stadt Bithyniens, geboren sein und wandte sich frühzeitig dem

Studium der Rhetorik, Philosophie und Medizin zu. Zur Erweiterung

seiner Kenntnisse scheint er eine Zeitlang in Parion, am

Hellespont, in Athen, wahrscheinlich auch in Alexandreia verweilt

zu haben, bevor er, um sein Glück zu machen, nach Rom ging. Hier

gelang es ihm durch seine Rednergabe und gesellige Gewandtheit mit

vornehmen Männern, wie L. Crassus, Cicero, Atticus, M. Antonius

und Q. Mucius in freundschaftlichen Verkehr zu treten und sehr

bald den Ruhm eines unvergleichlichen Heilkünstlers durch eine

anscheinend ganz neuartige Heilmethode zu erwerben. Wie weit sein

Name drang, beweist besonders die Tatsache, daß ihn Mithradates von

Pontus zu sich berief; Asklepiades lehnte jedoch ab und schickte

dem Könige bloß seine Werke. Von einigen Autoren ist uns eine

Episode überliefert, die bald als Zeugnis der bewunderungswürdigen

Beobachtungskunst, bald als Beweis seiner, auch vor groben

Täuschungen nicht zurückschreckenden Scharlatanerie gedeutet wird.

„Als er sich nämlich einmal,“ so wird erzählt, „von seinem Landgut

in die Stadt begab, erblickte er einen großen Leichenzug; er trat

näher, damit er erfahre, wer es sei, anderseits damit er selbst

etwas bei jenem (Toten) den Regeln der Kunst gemäß entdecken könne.

Obgleich er dessen Gesicht mit Spezereien bestreut und dessen

Antlitz mit wohlriechenden Salben bestrichen sah, war er doch

aus gewissen Anzeichen sehr aufmerksam auf ihn, beobachtete ihn

und betastete immer wieder den Körper: und er fand, daß in jenem

noch Leben sei. Sogleich rief er, der Mann lebt noch, man möge

die Fackeln wegnehmen, die Feuer auslöschen, den Scheiterhaufen

abtragen und den Leichenschmaus vom Grabmal zu Tische bringen.

Es entstand ein Gemurmel; die einen sagten, man müsse dem Arzte

glauben, die anderen spotteten über die Heilkunst. Dann erwirkte

Asklepiades, obwohl sich alle Verwandten sträubten -- entweder

weil sie schon die Erbschaft hatten oder weil sie ihm noch nicht

glaubten --, mit genauer Not einen kurzen Aufschub für den Toten.

Den solcherart den Händen der Leichenträger Entwundenen brachte

er, gleichsam aus der Unterwelt, nach Hause und sogleich stellte

er das Atmen her, sogleich rief er durch gewisse Arzneien das

Leben zurück, das in den Tiefen des Körpers verborgen war. Bei

Tische wurde des weisen Mannes rühmend erwähnt.“ Berauscht vom

Beifall der suggestiblen Menge, ließ sich Asklepiades als einen

„vom Himmel Gekommenen“ feiern und verstieg sich in seinem ungemein

entwickelten Selbstgefühl zu marktschreierischen Aeußerungen

oder gar Handlungen, die sein Bild im Urteil der Nachwelt

verdunkelten, die es verschuldeten, daß der treffliche, wenn auch

etwas einseitige Therapeut und medizinische Philosoph geradezu als

Scharlatan hingestellt wurde. Mit den meisten Reformatoren teilte

er allerdings maßlose Eitelkeit und Verachtung der Vorgänger.

Hochbetagt soll er durch den Sturz von einer Treppe gestorben sein

und seinen Ausspruch bewahrheitet haben: „Er wolle nicht für einen

Arzt angesehen werden, wenn er jemals erkranken würde.“

Noch von größerer Bedeutung aber, als die fruchtbringende Vermittlung,

war die damit verbundene Reformbewegung, welche Asklepiades im

medizinischen Denken und in der Therapie einleitete. ~Mit der ganzen

Wucht seiner impulsiven Persönlichkeit trat er gegen die erstarrte

Humoralpathologie -- als Erster -- in die Schranken und bekämpfte

den traditionellen Unfug, der im Namen des Hippokrates oder gestützt

auf angebliche „Empirie“ mit Purganzen, Brech- und Schwitzmitteln,

mit der Venäsektion oder gar abergläubischen Methoden von Seite der

späteren alexandrinischen Schule getrieben wurde und setzte an deren

Stelle eine planmäßige diätetisch-physikalische Behandlungsweise,

die sich aus einer spekulativen mechanistischen Physiologie und

Solidarpathologie ableitete.~ Hierdurch wurde er ein Faktor von größtem

Werte für die allseitige Entwicklung der griechischen Medizin, welche

im Alexandrinertum bereits zu erstarren begann, eine der markantesten

Gestalten in der Geschichte der Heilkunst, deren Leitgedanken zwar

vielfacher Korrektur bedurften, aber, soweit die Therapie in Betracht

kommt, bis auf unsere Tage fortwirken.

Von den, in bestem Attisch verfaßten Schriften des Asklepiades

(ungefähr 20) finden sich nur Zitate in der späteren Literatur,

welche aber oft parteiisch, je nach dem Standpunkt des Autors

gefärbt sind. Sie bezogen sich auf allgemeine Grundsätze,

Atmung und Puls, akute Krankheiten und periodische Fieber,

Phrenitis, Morbus cardiacus, Geschwüre, Wassersucht, Alopecie,

Gesundheitsvorschriften, Heilmittel und Präparate, Klysmen,

medizinische Verwendung des Weines u. a. Eine Schrift war

an Mithradates gerichtet, andere bekämpften die Ernährungs-

und Zeugungslehre des Erasistratos oder waren der Auslegung

hippokratischer Bücher gewidmet. Sicherlich enthielten sie auch

viel historisch-literarisches Material. Die erhaltenen Reste

sind gesammelt in Ch. G. Gumpert, Asclepiadis Bithyni fragmenta,

Vimar 1794. Die Herrschaft des Galenismus, welcher im schärfsten

Gegensatz zu Asklepiades steht, bewirkte es, daß dieser Autor nach

dem 4. Jahrhundert n. Chr. nur mehr wenig, seit dem 6. Jahrhundert

gar nicht mehr genannt wird. Erst seit dem 16. Jahrhundert

erscheint er wieder an der Oberfläche, und so manches System der

neueren Medizin entlehnte ihm Grundideen. -- Im Jahre 1700 wurde

in Rom nahe der Porta capena eine Büste ausgegraben, welche die

Inschrift Asklepiades trägt und mit dem Bithynier in Verbindung

gebracht worden ist.

Insoferne als ~Asklepiades~ bis auf die letzten Ursachen zurückgeht, um

Anhaltspunkte für sein therapeutisches Handeln zu gewinnen, entfernt

er sich von den „Empirikern“, hinsichtlich seiner Grundanschauungen

über den Organismus tritt er dagegen in den schärfsten Gegensatz zu den

Vertretern der rationalistischen Richtung, welche sich mehr oder minder

auf die platonisch-aristotelische Philosophie stützten. Im Lehrgebäude

des Asklepiades kommt zum ersten Male der ~Atomismus~ zur Herrschaft

und zwar in jener Modifikation, welche den Epikuros oder richtiger

Herakleides den Pontiker, zum Urheber hat. Indem der Bithynier diese

materialistische Metaphysik, die alles Teleologische, Unkörperliche

und Wunderbare ausschließt, zur Basis der medizinischen Theorie wählte,

sicherte er sich von vornherein den Beifall der römischen Geisteselite,

welche dem Epikureismus überzeugungsvoll anhing und in dem jüngeren

Zeitgenossen des Asklepiades, Tit. Lucretius Carus einen poetischen

Stimmführer fand.

Herakleides (aus Heraklea am Pontos Euxinos um 340 v. Chr.) und

Epikuros (um 300 v. Chr.) erklärten (im Anschluß an Leukippos

und Demokritos) alles Geschehen aus der Bewegung der Atome im

leeren Raum. Ein Unterschied in ihren Systemen liegt darin, daß

die Atome im Sinne des Herakleides zersplitterbar sind, deshalb

gebrauchte derselbe auch, anstatt des Terminus ἄτομος, das Wort

ὄγκος als Bezeichnung für Urkörperchen. -- Der römische Dichter

Lucretius Carus (98-54 v. Chr.) verfaßte ein hexametrisches

Lehrgedicht De rerum natura, worin er in kunstvoller Weise die

Grundlehren der Kosmologie, Physik, Psychologie und Ethik im Geiste

des Epikureismus darstellt. Es ist möglich, daß er bei seiner

Schilderung physiologisch-pathologischer Dinge besonders im 6.

Buche neben Epikuros, der auch über Krankheiten schrieb, vieles dem

Asklepiades verdankt. Eingebürgert hatte sich der Epikureismus bei

den Römern seit der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr.

Der menschliche Körper ist nach der Lehre des Asklepiades aus

unendlich vielen Urkörperchen (ὄγκοι) zusammengesetzt und auf ihrer

Bewegung beruht das Leben (einschließlich der geistigen Tätigkeit).

Verbindungen der Urkörperchen (συγκρίσεις) bilden die unzähligen, mit

Empfindung versehenen röhrenförmigen Räume, „Poren“ des Körpers, in

denen sich mehr oder weniger feine Atome unaufhörlich bewegen, und

durch welche der Säftestrom hindurchgeht. Die feinsten, kugeligen,

glatten Atome (ὄγκοι λεπτομερεῖς) stellen das Substrat der Psyche

dar und entsprechen dem Pneuma. Atmung und Ernährung führen die zur

Erhaltung nötigen Stoffe zu; alle physiologischen Vorgänge vollziehen

sich rein ~mechanisch~, ohne daß besondere (organische) Kräfte

dabei wirksam sind. Der Puls ist eine Bewegung der Arterien, deren

wechselnde Ausdehnung und Zusammenziehung durch das Einströmen des

Pneuma in Erscheinung tritt; die Atmung erfolgt in der Weise, daß die

äußere Luft wegen ihrer Dichte und Schwere in die Lunge eindringt

und, sobald der Thorax die Grenze seiner Ausdehnbarkeit erreicht

hat, unter Zurücklassung der feinsten und zartesten Teilchen wieder

ausströmt; Hunger entsteht durch Erschlaffung der größeren, Durst durch

Erschlaffung der kleineren Porengänge, die Nahrungsstoffe werden nicht

verdaut im Sinne der gewöhnlichen Meinung, sondern zerfallen bloß in

ihre letzten Bestandteilchen, welche also roh, wie sie aufgenommen

worden, in den Körper gelangen und sich daselbst durch die feinsten

Kanälchen verteilen. Der Harn kommt, ohne die Nieren zu berühren, in

Dampfform in die Blase und schlägt sich dort nieder.

~Asklepiades leugnet die Zweckmäßigkeit der vitalen Kräfte und

ist im Altertum der konsequenteste Vertreter der mechanistischen

Anschauungsweise in der Medizin.~ Er folgt in seinen

physiologischen Erklärungen zum Teil dem Empedokles, besonders aber

dem Demokritos (wie bei letzterem ist auch bei ihm der Seelenstoff,

Pneuma, die Summe der feinsten beweglichsten im ganzen Körper

verbreiteten Atome). Die Lunge vergleicht er mit der κλεψύδρα, den

Atmungsmechanismus mit der Anziehung beim Schröpfen. Als Beweis,

daß keine „Verdauung“ = „Kochung“ stattfinde, führt er an, er

habe weder im Erbrochenen, noch bei Magenöffnungen jemals Speisen

in (gekochtem) verdautem Zustande gesehen. Wichtig ist es, daß

Asklepiades die Resorption der feinsten Ernährungsbestandteile

durch unsichtbare Kanälchen und die auf gleichem Wege vor sich

gehende Ausscheidung, also den Stoffwechsel in den Geweben,

vorausahnte. Vergl. darüber als Quelle auch den Anonym. Londinens.

In Betreff der nutritiven Wahlanziehung leugnete er jede aktive

Attraktion.

Bemerkenswert ist es, daß Asklepiades manche Probleme der

Physiologie auch experimentell untersuchte und z. B. die Annahme

des Sitzes der Seele im Kopf oder im Herzen mit dem Argument

bestritt, daß Tiere eine gewisse Zeit noch weiter leben, wenn man

ihnen diese Teile wegnimmt. Aus einer Stelle bei Tertullian ist zu

ersehen, daß er z. B. an Ziegen und Fliegen Versuche anstellte.

-- Ueber die anatomischen Kenntnisse läßt sich nichts Bestimmtes

aussagen, da einzelne spätere ungünstige Angaben schon von

vornherein den Stempel der Gehässigkeit an sich tragen.

Was die Anhänger des Hippokratismus unter φύσις verstanden, d.

h. den Inbegriff der organischen Vorgänge und deren zweckmäßige

Reaktionsvorgänge, muß bei Asklepiades einer rein physikalischen,

jedwede Teleologie ausschließenden Auffassung Platz machen, die er

in dem Satze formuliert: „~Natur ist nichts anderes als der Körper

und dessen Bewegung.~“ Dieser Gedanke beherrscht seine Pathologie und

Therapie und treibt ihn zum kräftigsten Widerspruch gegen den großen

Arzt von Kos.

~Gesundheit beruht auf dem richtigen Verhältnis der Poren zu den

Atomen~ (συμμετρία), wodurch die Bewegung derselben in freier und

ungestörter Weise ablaufen kann. ~Krankheit ist im letzten Grunde

auf eine Störung in der Bewegung der Atome zurückzuführen~ (ἔνστασις,

στάσις). Abnorme Größe oder Gestalt der Urkörperchen, abnorme Weite,

Enge oder Knickung der Poren bewirken eine zu rasche oder zu träge

Bewegung oder Anhäufung der kleinsten Partikelchen und Verstopfung der

Poren (ἔμφραξις) und damit Krankheiten, deren Verschiedenheit von den

Wegen und der Körperstelle abhängig ist. Veränderungen der Säfte und

des Pneuma treten zwar bei leichteren Affektionen als ätiologisches

Moment hervor, sind jedoch nicht als wesentliche, sondern nur als

Gelegenheitsursachen anzusehen.

Die von A. als Krankheitsursache vorausgesetzte Stockung

der Atombewegung ist eine weitere Ausführung der Idee des

~Erasistratos~, gemäß welcher durch Error loci, d. h. Eindringen

des Blutes in die Pneumawege, eine Stauung der Pneumabewegung und

daher Krankheit entsteht. Wie sehr ursprünglich Asklepiades mit

Erasistratos zusammenhängt, zeigt der Umstand, daß ersterer in

nahem Anschluß an seinen großen Vorgänger, wenn auch sekundär,

die Vermischung der flüssigen Stoffe mit dem Pneuma als

Krankheitsursache bezeichnet.

Das eintägige Wechselfieber läßt er durch Stockung der größeren,

das dreitägige durch solche der kleineren und die Quartana durch

solche der allerkleinsten zu stande kommen.

Die atomistische Solidarpathologie beeinträchtigte glücklicherweise

nicht im mindesten die ärztliche Beobachtungskunst des Bithyniers,

vielmehr widmete er dem ~Pulse~ eingehende Aufmerksamkeit und machte

sich um die ~Krankheitsbeschreibung~ sogar sehr verdient. So trennte

er schärfer als bisher die ~akuten~ von den ~chronischen~ Krankheiten,

schilderte vortrefflich die Malariafieber, unterschied von der

Wassersucht mehrere Arten (eine rasch, eine langsam entstehende,

eine fieberlose, eine mit Fieber einhergehende oder aus der Quartana

hervorgehende Form) und förderte im hohen Grade die Lehre von den

Krämpfen und Geisteskrankheiten. Der rhythmische Ablauf gewisser

Krankheiten entging ihm nicht, er leugnete auch keineswegs die Krisen,

doch ~verwarf er den Glauben an bestimmte kritische Tage~.

Asklepiades sonderte die tonischen und klonischen Krämpfe

vom einfachen Zittern, lehrte, daß Epilepsie auch durch eine

Erschütterung oder Zerreißung der Hirnhäute (also traumatisch)

hervorgerufen sein könne und führte die Geistesstörungen auf eine

Affektion der Hirnhäute zurück. Mit feinem Blick differenzierte

er die psychischen Anomalien und hinterließ entsprechende, scharf

umgrenzte Definitionen über Phrenitis, Lethargus und Katalepsie.

Bemerkenswerterweise trennte er die Phrenitis von jenen psychischen

Aufregungszuständen, wie sie im Verlauf der Pneumonie oder

Pleuritis symptomatisch vorkommen.

Wie eine logische Konsequenz seiner Krankheitstheorie nimmt sich

die therapeutische Richtung aus, welche Asklepiades mit ungeheuerem

Selbstvertrauen als die einzig wahre ansah. Dem hippokratischen

Grundsatze: die Natur ist die Heilerin der Krankheit, stellte er

den Ausspruch entgegen: ~Nicht nur, daß die Natur nichts nützt, sie

schadet sogar bisweilen. Heilung ist nichts anderes als Rückkehr zur

normalen Atombewegung~, ein Vorgang, der eben nur auf mechanischem

Wege erfolgen kann. Eine zweckmäßig regulierende Naturheilkraft

existiert bloß in der Phantasie, und ausschließlich von der

energischen Tätigkeit des Arztes ist alles abhängig. Hippokrates,

der sich mit seiner vorsichtig abwartenden, in den Krankheitsprozeß

wenig eingreifenden Therapie nur als Diener der Natur betrachtet,

wird unter solchem Gesichtswinkel freilich zu dem Vertreter

einer todbringenden Kunst (θανάτου μελέτης)! Da die Krankheiten

keineswegs Wirkungen einer Materia peccans darstellen, sondern auf

feinen mechanischen Störungen beruhen, so können nicht die groben

ausleerenden Mittel (namentlich Brech-, Abführmittel), sondern nur

jene Heilpotenzen zum Ziele führen, welche die stockende Atombewegung

wieder in normalen Gang bringen, also ~mechanische, physikalische,

hygienisch-diätetische Einflüsse~. Demgemäß legte Asklepiades

das Hauptgewicht auf entsprechende Maßnahmen: Fasten, Verordnung

eines bestimmten Regimes, Verbot von Fleischgenuß (z. B. bei

Epilepsie), Trockendiät (z. B. bei Hydrops), medizinische Anwendung

des Weines, genau geregelte Spaziergänge, Laufen, Reiten, mäßig

betriebene Gymnastik, Massage (nach Intensität und Dauer bestimmte

mit Oeleinreibungen kombinierte Streichungen), passive Bewegungen

(Getragenwerden im Sessel, in der Sänfte, Fahren, Schaukeln in

hängenden Betten etc.), kalte Waschungen, kalte, warme Schwitzbäder,

Duschen, Schaukelbäder (Balinea pensilia), Wassertrinken, Klistiere

etc. Außerdem berücksichtigte er den Einfluß der Luft, des Lichtes

(bei Geisteskranken auch der Musik). Innerliche Medikamente scheint

er relativ spärlich verwendet zu haben (besonders den Gebrauch von

Brechmitteln und drastischen Abführmitteln bekämpfte er energisch),

wohl aber benützte er äußere Applikationen (Bähungen, Pflaster,

Riech- und Niesmittel) und in indizierten Fällen chirurgische

Eingriffe, wie den Aderlaß (je nach dem Sitze der Krankheit an

genau bestimmtem Orte, aber nur bei schmerzhaften Affektionen),

Skarifikationen, das Schröpfen (z. B. bei Angina, wo er auch

eventuell Einschnitte in den weichen Gaumen machte), die Paracentese

(bei Hydrops). Bei Erstickungsgefahr empfahl er die Ausführung der --

~Laryngotomie~.

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 38 / 54 段