Gegenmittel aufzufinden, stellte er Versuche an Verbrechern an; die
erworbenen Erfahrungen mit giftigen und Heilkräutern hinterließ er in
Schriften, aus denen so manche seiner Arzneimischungen überliefert
wurde. Gleicher Liebhaberei huldigten ~Nikomedes von Bithynien~
und ~Antiochos~ (wahrscheinlich Epiphanes) ~von Syrien~; von diesem
stammte auch ein angebliches Universalmittel gegen Vergiftung jeder
Art. Die größte Berühmtheit erlangte aber der kenntnisreiche König
von Pontos, ~Mithradates~ VI. ~Eupator~ (120-63 v. Chr.). Nach ihm
wurden im Altertum drei Pflanzen (Mithridatia, Eupatoria, Scordion)
benannt, um seine botanischen Leistungen in ehrendem Gedächtnis zu
erhalten. Mithradates experimentierte an Untertanen und Verwandten
-- die er aus Liebhaberei auch chirurgisch behandelte -- mit den
verschiedensten Giften und Gegengiften. Das berühmteste der letzteren,
ein Universalantidot -- ~Mithridation~ -- war aus 54 Bestandteilen
zusammengesetzt und erhielt sich in zahlreichen Modifikationen viele
Jahrhunderte lang im Heilschatz der wissenschaftlichen Medizin. Um
sich vor Vergiftung zu schützen, nahm der König täglich erst das
von ihm entdeckte Antidot, dann Gift. Im Lichte der Gegenwart ist es
höchst interessant, daß er hierbei bezweckte, sich durch steigenden
Gebrauch gegen Gifte zu ~immunisieren~, wie er auch mit merkwürdiger
Intuition seinen Gegengiften das Blut von pontischen Enten deshalb
beimengte, weil es von Tieren stamme, die sich von Gift nähren
und deshalb giftunempfindlich seien. Nach der Niederlage und dem
Selbstmord des Mithradates fand man seine wertvollen Aufzeichnungen
toxikologischen Inhalts vor, welche sodann auf Befehl des ~Pompejus~
von dem Grammatiker ~Lenäus~ ins Lateinische übertragen wurden. -- Auch
unter dem Namen der ~Kleopatra~ gingen nicht wenige Rezeptformeln, die
von den ärztlichen Autoren überliefert worden sind und zwei Schriften,
von denen die eine, über Kosmetik, in Verlust geriet, während die
andere über Frauenkrankheiten (γενέσια) noch erhalten ist.
Mit Kleopatras tragischem Schicksal († 30 v. Chr.) war die schon längst
vorher bestehende Oberherrschaft Roms über Aegypten auch äußerlich
besiegelt. ~Die medizinische Schule Alexandreias behielt aber~ -- wenn
auch die lebendige Forschung immer mehr durch spitzfindige unfruchtbare
Gelehrsamkeit verdrängt wurde -- ~auch im römischen Weltreich ihren
hervorragenden Rang, allerdings im Wettstreit mit neuen Zentren der
ärztlichen Wissenschaft~.
Bei dem Angriff Cäsars auf Alexandreia (47 v. Chr.) ging die
Bibliothek des Museions in Flammen auf und wurde durch die von
Antonius geschenkte pergamenische ersetzt.
Die Verpflanzung der griechischen Heilkunde nach Rom.
Dem Eroberer mit seinen rauhen soldatischen Tugenden folgt
zumeist der Machthaber mit seinem Verlangen nach Lebensgenuß, mit
seinem Streben nach Verfeinerung der Sitten, auf dem Fuße. Dieses
geschichtliche Gesetz zwang endlich auch die Herrin des Erdkreises, das
unwiderstehliche Rom, zur Waffenstreckung vor der noch gewaltigeren
Herrscherin, vor der griechischen Kultur, welche früher als der
Legionsadler die zivilisierte Welt unterworfen hatte.
In seiner gebietenden Stellung bedurfte Rom mehr des Glanzes, mehr
des geistigen Lichts, als Latium aus Eigenem auszustrahlen vermochte;
sollte sich die Macht mit der Bildung und Schönheit vereinigen, so
mußten die Römer, da beide ihnen überall nur im griechischen Gewande
entgegentraten, dem Geist, der Sprache, der Sitte, der Kunst der
Hellenen Eingang gewähren, wenn schon die freie, selbständige Leistung
durch die allzu nüchterne Naturanlage des Volkes verwehrt war.
Mag der griechische Einfluß mit voller Deutlichkeit erst im Zeitalter
der punischen Kriege hervortreten, Spuren desselben führen schon
in die Königszeit (Tarquinier) zurück, wo sie die von den Etruskern
gegebenen Grundelemente der Kultur ergänzten; von Großgriechenland
vordringend, fand der griechische Schönheitssinn bereits in der
älteren Epoche der Republik seinen Weg zur ewigen Stadt in Form von
Religionsvorstellungen, in Form von Denkmälern der Baukunst.
Die Etrusker waren die ersten Lehrmeister der altitalischen Völker
im Religionswesen, im Rechtswesen und in der Kunst[8]. Die erhaltenen
Reste ihrer Kultur weisen auf einen düsteren Kult, auf ein gelehrtes
schriftkundiges Priestertum (Prophezie aus dem Blitz, Vogelflug und
Eingeweideschau), auf eine ausgebildete staatliche Organisation,
auf künstlerische und technische Fertigkeit (Städte- und Tempelbau,
Grabkammern, Straßen, Torbogen, Abzugskanäle, Wasserleitungen;
Metallurgie, Tonbildnerei, Gemmen, Statuen). Nicht wenig, was
späterhin als spezifisch römisch galt, rührt von den Etruskern
her, z. B. die religiösen Grundvorstellungen mit ihrer ausgeprägten
Nüchternheit, das formale Zeremonialwesen, verschiedene Institutionen
(z. B. Auguren, Haruspices, Liktoren, sella curulis, Purpurgewänder,
Gebrauch von Kriegstrompeten u. a.), manche hygienische Gebräuche und
Maßnahmen (Bau von Kanälen, Wasserleitungen, Straßen), verschiedene
das Rechtsleben ordnende sehr alte Gesetze, ~der Gewölbebau~, die
Idee der Gladiatorenkämpfe (ursprünglich Totenopfer) u. s. w.
[8] Die Frage, ob zwischen der etruskischen und der orientalischen
Kultur ein Zusammenhang besteht, ist noch ungelöst. Nach der
Sage entsendete der lydische Stamm der Tyrrhener wegen einer
Hungersnot eine Kolonie über das Meer, welche bis nach Italien
anlangte und den Adel Etruriens bildete; dieser beherrschte
die italische Urbevölkerung und verbreitete asiatische Sitten
und Religionsanschauungen.
Seit die Scipionen den Beweis geliefert, wie sich römischer Heldenmut
mit hellenischer Feinheit vermählen kann, sickerte allmählich der
Hellenismus in alle Poren des römischen Daseins; er verschönerte
und vergeistigte die Religion, er wirkte auf Sitte und Familienleben
umgestaltend, er brachte die Erziehung und den Unterricht auf eine
vorher ungeahnte Stufe, und kaum anders, als eine mehr oder minder
gelungene Kopie nach griechischen Vorbildern nimmt sich das aus, was
Rom in der Dichtkunst, in der Philosophie und Rhetorik, in der Technik
und im Gewerbe hervorbrachte. ~Das Griechische wurde zum Repräsentanten
alles Geschmacks, aller Eleganz, der Wissenschaft und Kunst.~ Nur die
Architektur, die Kriegs-, Staats- und Rechtswissenschaft bewahrten
ihre Originalität.
Die Beeinflussung Roms durch das Hellenentum tritt schon äußerlich
in der überraschend großen Menge von griechischen Wörtern im
Sprachschatz hervor. Seit den Zeiten der Tarquinier fanden griechische
Götter und griechischer Kult Eingang, im 2. Jahrhundert v. Chr. formte
sich die einheimische Religion ganz nach der griechischen um; um
die Mitte des 3. Jahrhunderts beginnt die römische Literatur mit dem
tarentinischen Freigelassenen Livius Andronicus, welcher ein aus dem
Griechischen übertragenes Schauspiel in Rom zur Aufführung brachte
und mit seiner lateinischen Uebersetzung der Odyssee ein Schulbuch
lieferte; seine Nachfolger Nävius, Plautus, Ennius, Pacuvius,
Statius, Terentius leiteten die Tragödie, Komödie, das Epos mehr oder
minder sklavisch in griechische Bahnen, die auch im augusteischen
Zeitalter nicht mehr verlassen wurden; die Lyrik hielt sich später
an alexandrinische Muster. Die ältesten Geschichtschreiber der Römer
bedienten sich der griechischen Sprache, die altrömische Beredsamkeit
wich mehr und mehr von der, mit Phrasen überladenen alexandrinischen
Rhetorik zurück. Die Philosophie der Römer, an deren Fortbildung sie
keinen selbsttätigen Anteil nahmen, war nur eine Popularisierung und
praktische Umformung der stoisch-epikureischen Vorlagen. Was auf dem
Gebiete der Mathematik, Astronomie, Naturwissenschaften und Geographie
geleistet wurde, stützt sich zum größten Teile auf alexandrinische
Grundlagen; selbst die römisch-originale Architektur erlitt viele
griechische Einwirkungen, die Plastik und Malerei blieb ganz in den
Händen der Griechen.
~Die Nobilität ließ die Jugend von griechischen Ammen und
Hofmeistern erziehen und schickte die Söhne zur höheren Ausbildung
nach Griechenland; die vornehmen Römer gebrauchten seit Sulla die
griechische Sprache in der Konversation, wie die eigene, viele
römische Schriftsteller schrieben griechisch u. s. w.~
Leider verstand nur eine Minderzahl aus der hellenischen
Bildung die intellektuellen und moralischen Werte organisch in
sich aufzunehmen und selbsttätig zu gestalten, die meisten blieben
an den Formen haften und begnügten sich mit dem äußeren Firnis,
statt wahrhaft in den Geist einzudringen. ~Zudem wirkte nicht das
Zeitalter des Perikles, sondern mehr das manierierte, skeptische,
auch sittlich nicht ganz einwandsfreie Alexandrinertum auf Rom, und
was die~ (besonders nach der Einverleibung Achäas unter die römischen
Provinzen) ~scharenweise nach der Hauptstadt strömenden „Graeculi“
oder gar die als Hofmeister dienenden Sklaven als Hellenisch ausgaben,
war manchmal wohl weit entfernt von dem echten hellenischen Wesen.
Für äußere Eleganz wurde gewiß oft die römische Virtus, für gelehrt
schillernden Dilettantismus die naturwüchsige Originalität zum Opfer
gebracht.~ Doch vergeblich bemühten sich national gesinnte Römer,
das Wissen der Zeit in der Schale des Lateinischen enzyklopädisch
darzubieten, um die Aufpfropfung eines fremden Volkstums entbehrlich
zu machen, umsonst erschöpften sich Cato und in der Kaiserzeit
Juvenal, in Polterreden oder spitzigen Satiren, um das Nationalgefühl
aufzustacheln -- ~die suggestive Werbekraft des Griechentums
einerseits und die zu Schöpfungen auf idealen Gebieten wenig befähigte
Anlage des römischen Volkes anderseits, bildeten ganz ungleichwertige
Gegner~; die erstere mußte siegen. Graeci capta ferum victorem cepit
et artes Intulit agresti Latio (Horaz).
Nicht als direkte Folge des eindringenden Hellenismus, wie die
Vertreter altrömischer Zucht und Sitte unter Führung des Cato Censorius
behaupteten, aber als auffallende Begleiterscheinung machte sich
bald der Verfall der nationalen Virtus geltend, trat an Stelle des
nationalen Patriotismus ein farbloser Kosmopolitismus, zersetzte
philosophische Skepsis den ehrwürdigen Götterglauben, ohne Besseres
an dessen Stelle zu setzen.
Die Epoche des Lucullus mit ihrem verfeinerten Lebenssinn hatte
andere Bedürfnisse und eine andere Weltanschauung als das einfache,
grobkörnige Rom des Cincinnatus! Der steigende Luxus mit seiner
Gefolgschaft von Weichlichkeit und bisher kaum beachteten oder
ungekannten Krankheiten, der Skeptizismus einer neuropathischen
Nobilität, erheischte auch eine andere Heilkunst, als die von der
Einfalt einer schlichten Landbevölkerung erworbene Empirie, als die
auf Gläubigkeit beruhende Theurgie römischer Priester. Gerade hier war
alles von dem gefeierten Hellas zu erwarten, dessen Heilkunst schon
zu einer Zeit weithin leuchtete, da man in Latium noch nicht einmal
auf den Gedanken gekommen war, daß es außer ~Opfern~, ~Gebeten~,
~Sühnungen~, ~magischen Gebräuchen~, primitiven Handgriffen, eine
auf rationeller Erfahrung, auf kritischer Beobachtung aufgebaute
medizinische Wissenschaft geben könne.
~Mancherlei Ursachen haben es bewirkt, daß das römische Volk aus
sich heraus keine Kulturmedizin zu schaffen im stande war~, die
einfache Lebensweise des kerngesunden, von Jugend auf abgehärteten
Stammes verhinderte die Entstehung vieler Krankheiten, die zeitweilig
hereinbrechenden Seuchen nährten nur den ohnedies krassen Aberglauben,
ohne den Erkenntnistrieb anzufachen, die fortwährenden Kriege ließen
wissenschaftliches Interesse nicht aufkommen, die ganze Tatkraft,
der ganze Scharfsinn des Strebenden war in den Dienst ~einer~ Idee,
des Staatswohls, der Machtvergrößerung, gestellt; das Forum oder das
Schlachtfeld galt dem Nationalrömer als einzig würdige Bühne, alles
übrige war Sklavenhänden übergeben und konnte sich nicht aus dem Staube
der Knechtschaft erheben.
~Sechs Jahrhunderte hindurch verblieb die autochthone römische Medizin
auf einer Stufe, die andere Kulturvölker Jahrtausende vorher überwunden
hatten; an religiösen Mystizismus und rohe Volksgebräuche geknüpft,
ragte sie wie ein Anachronismus in eine Epoche hinein, welche den
Hippokratismus schon wieder unter der pedantischen, spekulativen
Gelehrsamkeit Alexandriens erdrückt sah!~
Altehrwürdige Hausmittel, einfache chirurgische Handgriffe, magische
Prozeduren (Zaubersprüche), wie sie zum größten Teile von Etruskern,
Marsern und anderen altitalischen Völkerschaften herstammten, bildeten
das ganze Um und Auf der altrömischen Medizin -- ein Zustand, der am
besten durch Senecas Ausspruch gekennzeichnet wird: Medicina quondam
paucarum fuit scientia herbarum, quibus sisteretur fluens sanguis,
vulnera coirent. Vertreter dieser Volksmedizin -- bei Epidemien oder
langdauernden Uebeln konnten nur die Götter und deren Priester helfen
-- waren vor allem der Pater Familias, welcher seinen Angehörigen
und auch der Familia rustica hilfreich beistand, Frauen, Freunde,
Sklaven. ~Mit größter Wahrscheinlichkeit läßt sich aber annehmen,
daß es in Rom schon in sehr alten Zeiten Leute gegeben hat, welche
gewerbsmäßig als Haupt- oder Nebenbeschäftigung den Heilberuf ausübten~
(anfangs Etrusker, Haruspices?). Im Kriege verbanden sich die Soldaten
gegenseitig, doch wie unvollkommen die Hilfe war, geht z. B. aus der
Nachricht hervor, daß nach der Schlacht bei Sutrium mehr Krieger den
Verletzungen erlagen, als vom Feinde getötet worden waren.
~Die medizinische Mythologie der Römer~ ging ursprünglich aus
dem Volksglauben der Etrusker und der alten italischen Stämme
hervor, bereicherte sich aber zunehmend durch Entlehnungen aus
dem Götterkreise fremder Nationen. Religion und Menschenleben
waren bis in die kleinsten Einzelheiten verknüpft; physiologische
Vorgänge, Krankheitsursachen und Krankheiten wurden personifiziert.
Altitalischen Ursprungs sind ~Carna~ (die Beschützerin der Eingeweide;
an ihren Festen „Carnalia“ betete man „ut jecinora et corda, quaeque
sunt intrinsecus viscera, salva conservet“), ~Bona Dea~ (eine
geheimnisvolle Heilgöttin, deren Tempel kein Mann betreten durfte),
~Minerva~ memor oder medica (Göttin der Weisheit, speziell der
Heilwissenschaft), ~Diana~ (Mond- und Geburtsgöttin, als D. Thermia
Göttin der heißen Quellen), ~Mars~ (als Beschützer vor Seuchen),
~Dea Febris~, ~Mefitis~ (Göttin der Miasmen, Personifikation der
gefährlichen Schwefeldämpfe), ~Meditrina~ (oskische Göttin der
Heilkunst, Feste Meditrinalia), ~Dea Salus~ (sabinische Göttin der
Gesundheit), ~Angitia~ (ursprünglich von den Marsern verehrte Göttin
der Gegengifte), ~Silvanus~ u. a.
~Unter dem Schutz einer ganzen Reihe von Gottheiten stand das
Geschlechtsleben und die Kindesentwicklung.~ ~Geburtsgöttinnen~ waren
~Diana~ und ~Juno~, unter dem Namen ~Lucina~ (Dea Natio, Sospita,
Conservatrix), ferner ~Carmenta~ (Feste „Carmentalia“, je nach der
Kindeslage als Porrima [Anteverta] oder Postverta angefleht); die
geschlechtlichen Vorgänge des Weibes bis zur Empfängnis leiteten die
Götter Pilumnus, Fascinus, die Göttinnen Rumina, Deverra, Cunina,
Mena, Uterina; ~Fruchtbarkeit~ spendete (entsprechend dem ~Priapus~)
der Gott ~Mutunus Tutunus~, welchem die Frauen verhüllt zu opfern
pflegten; bei zweifelhafter Potenz erwarteten die jungen Ehemänner
Hilfe von den Gottheiten Deus Subigus, Dea Prema, Dea Pertunda,
Dea Perfica etc., deren Namen deutlich genug ihre Wirksamkeit
kennzeichnen; beim Neugeborenen behütete Intercidona den Nabel,
Ossifraga das Knochenwachstum des Kindes. -- An den Luperkalien,
welche zu Ehren des Wald- und Feldgottes Faunus gefeiert wurden,
nahmen auch Frauen teil, um Fruchtbarkeit zu erlangen.
Von den Griechen wurden übernommen: ~Apollo~ (salutaris), sodann
~Asklepios~ als ~Aesculapius~ (291 v. Chr. wurde sein Kult nach
einer schweren Pest nach Rom verpflanzt), ~Hygiea~, ~Herakles~
(als Gott der warmen Quellen) u. a. In der Kaiserzeit gewann der
Kult der ägyptischen Heilgottheiten ~Isis~, ~Osiris~, ~Serapis~
große Bedeutung; auf Votivtafeln, die man in Spanien fand, wird der
rätselhafte Gott Endovellicus genannt.
Die Heilquellen, welche bei den Römern von alters her ein sehr
großes Ansehen genossen, beherrschten Nymphae salutiferae, und viele
Inschriften beweisen die Verehrung, welche man ihnen erwies. Bei
einzelnen, namentlich heißen Quellen, befanden sich Heilstätten und
~Traumorakel~.
Die Genesenen dankten für die überirdische Hilfe durch Weihgaben,
~Donaria~. Zahlreiche Funde gewähren uns Einblick in die verschiedenen
Arten derselben. In die heiligen Quellen warf man Schmuckgegenstände,
Münzen, kleine Götterbilder etc.; in den Heiligtümern hing man
Votivgaben aus Marmor, Metall oder gebrannter Erde auf, welche
in körperlicher Nachbildung oder in Reliefbildern teils ~krank
gewesene Körperteile~ (Augen, Ohren, Brüste, Unterleibsorgane,
Geschlechtsteile, Arme, Hände, Beine, Füße, das Haupthaar etc.), teils
~kranke Personen~ (z. B. mit Schwindsucht oder Brustwunden behaftete)
darstellen.
Die Darstellungen von Eingeweiden, welche man auffand, beruhen
nicht auf der Kenntnis des menschlichen Körpers, sondern auf der
Uebertragung tierischer Formen. Sie sondern sich in Darstellungen der
geöffneten Leibeshöhle, in Darstellungen einer Gruppe von Eingeweiden
(auf Tafeln) oder einzelner Eingeweide (Herz, Trachea, Lunge,
Zwerchfell, Nieren, Milz, Magen, Darmkanal, Harnblase, männliche,
weibliche Geschlechtsorgane).
Wie bei Orientalen und Griechen spielte auch im Kultus der Römer
die von ~den Etruskern~[9] entlehnte ~Opferschau~ (consultatoria
sacrificia) eine bedeutende Rolle; sie lag in den Händen der
~Haruspices~, welche aus den Eingeweiden (exta) ebenso weissagten,
wie die höher angesehenen Auguren aus der Beobachtung des Vogelflugs
prophezeiten. Da der Opferpriester zum Zwecke der Wahrsagung die
Körperteile des Opfertieres genau betrachten mußte (hinsichtlich
der Lage, des Aussehens, des Verhaltens beim Durchschneiden), so
entwickelte sich natürlich auf diesem Wege ein gewisses Maß von
anatomischem und selbst pathologischem Wissen. Die überlieferten
Kunstausdrücke der (griechischen und) römischen Opferschauer zeigen,
daß man eine topographische Kenntnis der Organe[10], insbesondere
der Leber, besaß. Man beobachtete bei derselben das allgemeine
Aussehen der Lappen (fibrae), das Ausfließen des Blutes, das Aussehen
des Processus pyramidalis (caput jecoris) und der Gallenblase, den
Durchschnitt der Gefäße („cellae“). Nachbildungen von Schafs- oder
Rindslebern aus Bronze oder Alabaster -- es sind bereits zwei (~die
Bronzeleber von Piacenza~ und ~die Alabasterleber von Volterra~)
aufgefunden worden -- dienten den Haruspices zum Modell (vergl. die
analogen Verhältnisse bei den Babyloniern, S. 24). Neben der Leber
und Gallenblase kamen bei der Opferschau auch die Lunge (Oberfläche,
Einziehungen), das Herz (Lage, Größe, Fettbelag u. a.), das Netz in
Betracht. Um die Götter zu versöhnen, bezw. Epidemien abzuwehren,
veranstaltete man Göttermahlzeiten, ~Lectisternia~, von Flötenspiel
begleitete Tänze (woraus das Schauspiel entstand) etc. und mit ganz
besonderer Feierlichkeit war die Sitte umgeben, gemäß welcher der
eigens hierzu ernannte Diktator in Pestzeiten im Tempel des Jupiter
Capitolinus einen Nagel einschlug (der Gebrauch war etruskisch und
hing ursprünglich mit der Zeitmessung zusammen).
[9] Hinsichtlich der Etrusker wissen wir (abgesehen von
dem Mystizismus), daß ihr Land durch seinen Reichtum an
Heilpflanzen berühmt war (in ihrem Heilschatze spielten
Asarum, Anagallis, Weißdorn, Parthenia und Lappa minor eine
Rolle), und daß sie die Technik des Zahnersatzes (Befestigung
der Ersatzkronen durch Goldspangen und Goldnieten an den
Nachbarzähnen) auf eine gewisse Höhe gebracht haben.
[10] In der anatomischen Terminologie haben sich viele, aus alten
Zeiten stammende echt-lateinische Ausdrücke erhalten, z. B.
humerus, radius, scapula, clavis, femur, tibis, calcaneus,
costa, coxa, ilia, vertebra, coronalis, parietalis, temporalis,
articulatio ... pupilla, supercilium, intestinum, duodenum,
jejunum, ileum, coecum, rectum, virga, vagina, vulva, testis,
testiculi, inguina, matrix, scrotum, renes, vena. Daraus ist zu
ersehen, daß sich das anatomische Wissen bis zu einer gewissen
Höhe unabhängig von griechischen Einflüssen auf italischem
Boden entwickelt hat. Dagegen ist das Lateinische arm an
Bezeichnungen für pathologische Zustände -- hier macht sich
der Mangel an einer medizinischen Eigenentwicklung in hohem
Grade geltend; die lateinischen Worte beziehen sich vorwiegend
auf äußere Affektionen, z. B. fractura, luxatio, verruca,
varix, fistula, furunculus, pustula, struma, hernia oder grob
sinnliche Symptome, wie convulsio, tussis u. a. Schon bei
Ennius, Plautus, ja selbst bei Cato finden sich griechische
Krankheitsnamen, z. B. carcinoma, dyspepsia, glaucoma, morb.
hepatarius, ischiacus, pituita, podager, stranguria.
Es liegt die Annahme nahe, daß die ~Haruspices~ ihre anatomischen
Kenntnisse auch als Wundärzte benützt haben. Die Existenz eines
~einheimischen Aerztestandes~ in Latium ist jedenfalls erwiesen:
schon das Wort •„medicus“•, welches italischen Ursprungs ist und
neben mederi, medicina bei den ältesten lateinischen Schriftstellern
vorkommt, deutet darauf hin. Man bringt den Terminus „medicus“ mit dem
oskischen Worte „meddix“ in Zusammenhang, welches (bei den Samniten)
eine Art von Beamten bezeichnete; mederi = imperare, curare (vergl.
oben die Göttin Meditrina). Dionysius von Halikarnass erwähnt Aerzte
bei der Epidemie des Jahres 451 v. Chr.; das Aquilische Gesetz (aus
dem 4. Jahrhundert v. Chr.) „Si medicus, qui servum tuum secuit,
dereliquerit curationem ejus et ob id mortuus fuit servus, culpae
reus erit“ setzt einen freien Arzt voraus, den es für vernachlässigte
Behandlung eines Operierten verantwortlich macht. Keinesfalls aber
wußten sich die altrömischen Heilkünstler eine angesehene Stellung
zu erwerben, sonst wären sie später nicht so rasch durch die
eingewanderten Griechenärzte verdrängt worden.
Ueberraschend früh tauchen bei den Römern trotz des niedrigen
Standes der Medizin ~hygienische Maßnahmen und sanitätspolizeiliche
Gesetze~ auf. Zu den ersteren gehören die Anlage der ~Cloaca
maxima~, der ~Wasserleitungen~ (die erste wurde 312 v. Chr.
durch Appius Claudius erbaut), von Myrten- und Lorbeerhainen am
Meeresstrande (zur Abhaltung der Sumpfausdünstungen), von ~Bädern~
(das altrömische Haus besaß einen eigenen Baderaum, lavatrina). Alte
Gesetze ordneten die ~Leichenbestattung~ (hominem mortuum in urbe
ne sepelito nec urito), befahlen den ~Kaiserschnitt~ an schwanger
Verstorbenen (Lex de inferendo mortuo, l. regia des Numa Pompilius;
Caesi, Caesones, Caesari -- sectio caesarea), setzten juristisch
die ~Schwangerschaftsdauer auf 10 Monate~ fest (in decem mensibus
homines gigni), stellten ~Geisteskranke unter die Vormundschaft von
Verwandten~ (si furiosus sit, agnatorum, gentiliumque in eo pecuniaque
ejus potestas esto), bestraften die ~Behexung~ (qui malum carmen
incantassit, coerceto), ~verboten Frauen den Weingenuß~ (si vinum
domi biberit, ut adulteram puniunto), wachten über den ~Verkauf von
Lebensmitteln~ u. a.
Seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. begannen, angelockt durch den
wachsenden Reichtum Roms, griechische „Aerzte“ und Hebammen
einzuwandern. Unter ihnen dürften anfangs gerade nicht die vornehmen
Repräsentanten der hippokratischen Kunst die Mehrzahl gebildet haben,
sondern eher gewinnsüchtige, von Gewissensskrupeln wenig geplagte
Abenteurer, welche in der Heimat höchstens den Rang von Heilgehilfen
in den Ringschulen eingenommen hatten und jetzt, ausgerüstet mit
gehöriger Schlauheit, reklamehaft auf die Leichtgläubigkeit der
Menge spekulierten -- ein Befähigungsnachweis wurde ja in Rom nicht
gefordert[11]. Solchen Individuen war es zum größten Teile zu danken,
daß die griechische Heilkunst, von der man das Höchste erwartete,
kaum daß sie bekannt geworden, wieder an Ansehen verlor. So sagt
Plinius vom römischen Volke: medicinae etiam avidus, donec expertam
damnavit. Freilich wirkten bei dem Mißerfolg auch die noch vorhandene
Abneigung des Volkes gegen größere chirurgische Eingriffe und der von
den einheimischen Volksärzten und Nationalisten gezüchtete Fremdenhaß
in bedeutendem Maße mit.
[11] Im Gegensatz zu den griechischen Freistaaten.