auf dem Boden Alexandreias noch eine dritte Schule -- ~die empirische~
--, welche, überdrüssig der hochfliegenden und widerspruchsvollen
Spekulation, auf dem Wege der nüchternen ~Beobachtung~ und ~Erfahrung~
ausschließlich die praktischen Ziele der Heilkunst in Angriff nahm. Den
Anlaß zur Entstehung dieser Schule, die sich bezeichnenderweise nach
keinem Stifter, sondern nach ihrer Forschungsrichtung benannte, gab
einerseits das Schulgezänke der Dogmatiker, welche in unfruchtbaren
Hypothesen oder subtilen Definitionen, in einer chimärischen
Physiologie und Pathologie ihre besten Kräfte zersplitterten,
anderseits aber auch die Enttäuschung darüber, daß die junge
anatomische Wissenschaft durchaus noch nicht jene Ergebnisse brachte,
die man unmittelbar für die ärztliche Tätigkeit erhofft hatte. Daraus
erklärt es sich, daß die „~Empiriker~“, die so manchen ehemaligen
Anhänger des Herophilos oder Erasistratos in ihrer Mitte aufnahmen,
nicht bloß die Dialektik und jede Art von physiologischen und
pathologischen Hypothesen verwarfen, sondern sogar die ~Möglichkeit
einer wissenschaftlichen Begründung der Medizin überhaupt, durch
Heranziehung der Hilfsfächer~ (namentlich der Anatomie) ~in Abrede
stellten~ und sich unter Ausschluß der theoretischen Probleme und
deduktiven Forschungsmethode lediglich auf die Krankenbeobachtung und
die Aufgaben der Krankenheilung beschränkten, umsomehr, als die Fülle
der neuen Heilmittel dazu anlockte.
Der Ideengang der Empiriker wird am besten durch einzelne ihrer
Aussprüche illustriert, die uns besonders Celsus überliefert hat, z.
B.: „Auch der Landwirt und der Steuermann bilden sich nicht durch
Disputationen, sondern durch die Praxis aus.“ -- „Es kommt nicht
auf das an, was die Krankheiten verursacht, sondern auf das, was
sie vertreibt.“ -- „Die Krankheiten werden nicht durch Beredsamkeit,
sondern durch Arzneien geheilt.“
Von allgemeinen medizinischen Sätzen hielten sie schon deshalb
nichts, weil nach ihrer Ansicht dieselbe Affektion einer anderen
Behandlung, z. B. in Rom als in Aegypten oder in Gallien bedürfe.
Ein Empiriker der späteren Zeit bestritt überzeugungsvoll, mit
Argumenten der philosophischen Skepsis, daß die Medizin jemals
auf den Namen einer Wissenschaft werde Anspruch machen können.
Der Verzicht auf tiefere kausale Begründung in der Medizin wurde
überhaupt durch den Skeptizismus sehr begünstigt, welcher aus der
Sophistik hervorgegangen, durch Pyrrhon und Timon von Phlius (einem
Arzte) weiter entwickelt, immer mehr von den philosophischen Schulen
Besitz nahm (Arkesilaos, Karneades). Durch erkenntnis-theoretische
Untersuchungen war diese Richtung besonders geeignet, den Empirismus
durch logische Argumente zu rechtfertigen -- ~schien es doch vom
Standpunkt der Skepsis ganz aussichtslos, den wahren, aber verborgenen
Ursachen des Erkrankens nachzugehen, vielmehr ratsam, schon bei der
Ermittlung der offen zu Tage liegenden unmittelbaren Bedingungen der
Krankheitsvorgänge stehen zu bleiben~. Eine eigentliche Verschmelzung
der philosophischen Sekte der Skeptiker mit den Empirikern kam aber
erst in sehr später Zeit zu stande (Aenesidemos, Agrippa, Menodotos,
Sextus Empiricus). -- Die Anatomie schätzten sie gering, mit der
Motivierung, daß sich die Teile im toten Körper ganz anders als im
lebenden verhalten und, daß selbst bei den verabscheuungswürdigen
Vivisektionen der Schmerz und Blutverlust die schwersten Veränderungen
setzen -- man lerne durch solche Eingriffe nur am Toten oder
Sterbenden, nicht aber am Lebenden die Organe kennen; höchstens die
zufälligen Beobachtungen an chirurgischen Fällen wären verwendbar.
-- Mit großem Stolze rühmten sich die Empiriker, daß ihre Methode
weit älter sei, als diejenige der Dogmatiker -- was natürlich nur
dann richtig ist, wenn man den mit logischen Argumenten und allen
Hilfsmitteln einer vorgerückten Zeit ausgerüsteten Empirismus der
hochstehenden alexandrinischen Sekte mit dem naiven Empirismus
zusammenwirft, aus dem ursprünglich die Heilkunde hervorging. Deshalb
führte man später die Sekte auf ~Akron von Akragas~, der gegenüber
den Naturphilosophen in seiner diätetischen Therapie erfahrungsgemäß
verfuhr, ganz willkürlich zurück.
Anklänge an den Empirismus finden sich schon bei Herophilos (keine
Systembildung in der Pathologie, Erweiterung der Therapie durch
Beobachtung und Versuch, Polypragmasie), aber auch bei Erasistratos
(Beschränkung auf die ursächliche Erforschung der Symptome; Physiologie
sei Sache der Naturforscher, nicht der Aerzte). Als eigentliche
Begründer der Richtung sind ~Philinos~ von Kos (um 250 v. Chr.), ein
Schüler des Herophilos, ~Serapion~ aus Alexandreia (um 220 v. Chr.)
und ~Glaukias~ aus Taras (etwa 50 Jahre später) anzusehen.
Wie die Hippokratiker, pflegten auch die Empiriker die ~klinische
Beobachtung~ mit rühmenswerter Sorgfalt und ließen sich, ebenso wie
die ersteren, in der Therapie ausschließlich von der „Erfahrung“
am Krankenbette leiten. Dennoch waren die Empiriker vom echten
Hippokratismus, zu dem sie anscheinend zurückkehrten, durch eine Kluft
getrennt, da sie von den Einzelwahrnehmungen nicht zu allgemeinen
Gesetzen fortzuschreiten versuchten, statt auf die Aetiologie und die
individuellen Verhältnisse gebührend Rücksicht zu nehmen, Ontologien
von Symptomenkomplexen (συνδρομή) aufstellten, und deshalb unter
Vernachlässigung der Indikationen eine Behandlung einleiteten, die
nicht den einzelnen Kranken angepaßt war, sondern sich schablonenhaft
gegen ersonnene Krankheitschemen richtete.
Notgedrungen mußten die Empiriker in ihrer Literatur zu Hippokrates
Stellung nehmen, schon um ihrer Lehre das erforderliche Ansehen
zu sichern. In ebenso einseitiger Weise wie die Vertreter der
dogmatischen Sekten, nur vom entgegengesetzten Standpunkte aus, taten
sie dies derart, daß sie die empirischen Elemente des Hippokratismus
allein in den Vordergrund rückten, ja am liebsten den großen Koer zu
einem Vorläufer ihrer Richtung erhoben, hingegen alles, was sich im
Corpus Hippocraticum an ätiologisch-pathogenetischen Anschauungen
oder allgemeinen Folgerungen vorfand, teils bekämpften, teils
abschwächten oder als unecht erklärten. So schrieb ~Philinos~,
der die Humoraltheorie heftig angriff, sechs Bücher gegen den
Hippokrateskommentar des Bakcheios; ~Serapion~ wagte es sogar, den
Hippokrates selbst in den Staub zu ziehen; ~Glaukias~ hingegen, der
ein Wörterbuch und einen Kommentar zu allen hippokratischen Schriften
verfaßte, suchte den Empirismus mit der dogmatischen Lehre zu
versöhnen, bezeichnete aber beispielsweise die Schrift de humoribus
für eine unterschobene.
Mit Anerkennung ist dagegen hervorzuheben, daß die Väter der
empirischen Schule insofern über die Hippokratiker hinausschritten,
als sie die ~Technik der medizinischen Erfahrung~ in festere Regeln
bannten und das klinische Denkverfahren dem Subjektivismus des
einzelnen Beobachters zu entziehen suchten. Als Grundlagen der
Erfahrung galten zunächst die wiederholt gemachte eigene Beobachtung,
~Autopsie~ (τήρησις, zufällig oder durch Versuche oder Nachahmung
des Zufalles oder der Versuche erworben), respektive die Erinnerung
daran (Theorem), sodann, da der einzelne immer nur ein relativ
kleines Gebiet zu überschauen vermag, ~die Ueberlieferung fremder
Beobachtungen~ (ἱστορία) -- nach diesen beiden Erkenntnisquellen
nannten sich die frühesten Anhänger der Sekte τηρητικοὶ oder
μνημονευτικοὶ. Als dritte Stütze wurde von Serapion (der Uebergang
von dem einen Aehnlichen zu dem anderen Aehnlichen, μετάβασις ἀπὸ τοῦ
ὁμοίου), d. h. ~der Analogieschluß~ hinzugefügt, mittels dessen man
sich in neuen Fällen, für welche weder die eigene noch die fremde
Erfahrung direkten Aufschluß gewährte, in der Behandlungsweise
zurechtfinden konnte, sei es, daß man aus der Aehnlichkeit der
Krankheitssymptome oder der Aehnlichkeit der Körperregion auf das
erforderliche Heilmittel, sei es, daß man aus der Aehnlichkeit
der Wirkungsweise gewisser Heilsubstanzen auf die Aehnlichkeit der
Krankheitserscheinungen schloß. Ein unerläßliches Postulat für jede
dieser Erfahrungsquellen, welche ~Glaukias~ unter der Bezeichnung
„~Dreifuß~“ in einem erkenntnis-theoretischen Schema zusammenstellte
und im einzelnen sorgfältig analysierte, bildete es, daß sie auf
dem Wege der ~Induktion~ erworben sein mußten und ausschließlich für
~therapeutische Zwecke~ benutzt werden durften. Der Analogieschluß
der Dogmatiker, der sich auf die Erforschung der Krankheitsursache
richtete, wurde gänzlich verworfen.
Bei diesem strengen Festhalten an der klinischen Beobachtung,
welche zwar zu einer Sonderung der wesentlichen von den
unwesentlichen Symptomen führte, aber höchstens die offenkundigen
Gelegenheitsursachen berücksichtigte, bei der ängstlichen Vermeidung
jeder, selbst auf anatomisches Wissen gegründeten Theorie konnte
natürlich von einer ursächlichen Erfassung des pathologischen
Tatbestandes keine Rede sein, und demgemäß stellten die
Krankheitsdefinitionen der Empiriker, die sie Hypotyposen nannten,
bloße Nominaldefinitionen dar, die weder die tieferen Ursachen, noch
das Wesen des Krankheitsprozesses in sich schlossen. Schlimmer aber
als dies war es, daß, abgesehen von den Lücken im Erkenntnisgang,
~in vielen Fällen eine richtige Therapie eben nur auf Grund der
Erforschung pathogenetischer Momente eingeschlagen werden kann~ --
eine Tatsache, welche auf die Dauer den Einsichtigen nicht entging.
So ist es denn nicht zu verwundern, daß die empirische Schule
einerseits mehr und mehr ins Fahrwasser der rohen Empirie gelenkt
wurde, welche unter sanguinischer Anwendung des post hoc ergo propter
hoc einen Schatz angeblicher Heilmittel aufstapelte, anderseits
aber einem gemäßigten Rationalismus zusteuerte. Letztere Richtung
erhielt späterhin eine methodische Grundlage durch ~Menodotos aus
Nikomedeia~, welcher, um den Einwürfen der Unwissenschaftlichkeit
wegen Nichtberücksichtigung der Krankheitsursachen zu begegnen, zum
Denkverfahren der Empiriker den sogenannten ~Epilogismos~ hinzufügte,
der wenigstens auf die Ermittlung verborgener Gelegenheitsursachen
abzielte. Letzteres Verfahren wird durch folgendes Beispiel klar:
Findet z. B. ein Arzt bei der Untersuchung eines Geisteskranken Spuren
einer früheren Kopfverletzung, so darf er (nach Analogie anderer
Fälle, wo erfahrungsgemäß ein solches Trauma zu einer Psychose geführt
hatte) die vorausgegangene (aber direkter Beobachtung unzugängliche)
Läsion als Ursache des Wahnsinns annehmen.
Entsprechend der Forschungsrichtung und Methode liegen die Verdienste
der Empiriker vorzugsweise auf dem Gebiete der ~Symptomatologie~, der
~Pharmakologie und Chirurgie~. So manche ihrer Leistungen in diesen
Fächern überdauerten die Jahrhunderte und sicherten der Schule eine
zahlreiche Anhängerschaft bis in die letzten Zeiten des Altertums.
Die Materia medica wuchs durch Aufnahme einer Menge von neuen
Heilsubstanzen beträchtlich an, die Kenntnis der Gifte und Gegengifte
nahm einen, durch die Zeitverhältnisse begünstigten Aufschwung, die
Präparation und Untersuchung der Arzneikörper wurde ein Gegenstand
sorgfältigen Studiums, und die Chirurgie erfuhr hinsichtlich der
Verbandstechnik, Apparatenlehre und Operationsmethoden bedeutende
Verbesserungen.
Die höchste Blüte erreichte die empirische Schule in ~Herakleides
von Taras~ (Anfang des 1. Jahrhunderts v. Chr.), einem Schüler des
Herophileers ~Mantias~, welcher auf Grund umfassender praktischer
Kenntnisse und mit gewissenhafter Benützung der vorausgegangenen
Literatur außer einem Kommentar zu Hippokrates und einer
Verteidigungsschrift der Sekte, ausgezeichnete Schriften über
Diätetik, Therapie der internen und chirurgischen Krankheiten, über die
Pulslehre, Bereitung und Prüfung der Arzneimittel, über giftige Tiere,
Kosmetik, Militärmedizin u. a. verfaßte. Auch bei den Gegnern der
empirischen Schule wegen der Schärfe der Beobachtungen und Genauigkeit
in der Wiedergabe derselben außerordentlich geschätzt, wurden diese
Werke vielfach benützt und zitiert. Die erhaltenen Fragmente werfen
nur spärliche Streiflichter auf die Anschauungen und Leistungen
des Herakleides, so daß wir die Bedeutung des Forschers nur ahnen
können. Von großer Tragweite war es namentlich, daß er zahlreiche
~Versuche mit Arzneimitteln~ anstellte, seine Behandlungsweise auf
gewissenhafte Prüfung basierte und im Gegensatz zu anderen Empirikern
mehr auf die Bereitungsweise und auf die Indikationen als auf die
Zahl, Neuheit oder Seltenheit der Heilmittel achtete; eine Anzahl der
überlieferten Rezeptformeln ist durch Zweckmäßigkeit ausgezeichnet.
Zu seinen Lieblingsmitteln gehörten Zimt, Pfeffer, Opobalsam etc.,
ganz besonders aber das ~Opium~; die Gebrauchsweise des letzteren
als Sedativum und Hypnotikum regelte er mit großer Umsicht. Neben
der Arzneibehandlung wendete er auch auf die Chirurgie (Lehre von den
Luxationen, Maschinen zum Einrichten des Oberschenkels, Operation des
Ankyloblepharon, Ohrpolypen) und Diätetik viel Aufmerksamkeit. Unter
den erhaltenen Krankheitsschilderungen sind diejenigen bemerkenswert,
welche den Ileus, den Starrkrampf, die Phrenitis (die er in
entzündliche, gastrische und von Entartung des Gehirns herrührende
Arten unterschied), die Synanche betreffen.
Die Vorzüge des Herakleides treten deutlich hervor, wenn man ihn mit
anderen Empirikern, insbesondere mit seinem vielschreibenden Vorgänger
~Serapion~ vergleicht. Dieser erblickte in der Anzahl der Arzneimittel
das Wesen der Medizin. Bei den wahllos aufgenommenen Heilmitteln
des Serapion lief zwar manches Gute mit unter, z. B. Schwefel gegen
Hautkrankheiten, dafür aber schadete er durch rohe Behandlung des
Ileus und bereicherte die (schon bei den Knidiern beliebten und auf
ägyptischem Boden ganz besonders gedeihenden) seltsamen Mittel.
So empfahl er gegen Epilepsie Kamelhirn, Robbenlab, Hasenherz,
Schildkrötenblut, Eberhoden. Unter solchen Einflüssen wurde
unter anderem der Krokodilskot ein so begehrter Arzneistoff, daß
Verfälschungen vorkamen. Es dürften wohl bei Empfehlung derartiger
Wundermittel auch die oft unverstandenen, falsch gedeuteten Rezepte
der ägyptischen (hermetischen) Medizin eine Rolle gespielt haben.
In der Literatur werden von der großen Zahl der Empiriker (unter
Angabe von Rezepten und Titeln von zumeist pharmakologischen
Schriften) nachfolgende erwähnt: ~Zeuxis~ (der Aeltere, Kommentator
des Hippokrates, um 250 v. Chr.), ~Apollonios der „Empiriker“~ und
~Apollonios Biblas~ („der Bücherwurm“ um 180/160 v. Chr.), ~Zopyros~
(klassifizierte die Arzneimittel nach ihrer Wirkung und erfand ein
allgemeines Gegengift „~Ambrosia~“ um 100/80 v. Chr.), dessen Schüler
~Apollonios von Kition~ (um 60 v. Chr., Verfasser eines Kommentars zu
Hippokrates' Schrift über die Gelenke und einer Schrift über Epilepsie)
und ~Poseidonios~ (Schrift über die Pest); aus der nachchristlichen
Zeit: ~Heras aus Kappadokien~, ~Menodotos aus Nikomedeia~, ~der
Anatom Theodas von Laodikeia~ (um 100 n. Chr.), ~Ailios Promotos~,
~Agrippa~ und der als skeptischer Philosoph berühmte ~Sextus Empiricus~
(Blütezeit um 190-200 n. Chr.).
Der Kommentar des ~Apollonios von Kition~, περὶ ἄρθρων πραγματεία,
auf Befehl eines Königs Ptolemaios (in der Zeit zwischen 81 und 58 v.
Chr.) verfaßt, ist handschriftlich in einer Sammlung des Byzantiners
~Niketas~ auf uns gekommen und zuerst von Reinhard Dietz, sodann
1896 von Schöne (nach einem Florentiner Kodex) herausgegeben worden.
Weniger wegen seines Inhalts als wegen der beigegebenen Abbildungen
von den Repositionsmethoden der Hippokratiker (z. B. der berühmten
Streckbank, βάθρον) ist das Werk von hoher Bedeutung.
Was die Empiriker oder die hervorragendsten Vertreter der übrigen
Sekten für die chirurgischen Fächer und die Arzneimittellehre
geleistet, wurde auch durch andere Praktiker und Forscher, welche,
keiner besonderen Schule angehörig, spezialistisch die eine oder andere
Disziplin kultivierten, bedeutend weitergebracht.
Hinsichtlich der Chirurgie wissen wir, daß die Leistungen des späteren
Altertums die damals erklommene Stufe kaum überstiegen, ja nicht
einmal immer erreichten und jedenfalls durchaus auf der Vorarbeit der
alexandrinischen Epoche beruhten. Von dem chirurgischen Schrifttum ist
zwar nichts erhalten geblieben, doch zeigte uns das Studium späterer
Autoren, wie ~große Fortschritte in der Lehre von den Knochenbrüchen
und Verrenkungen, in der Kenntnis und Behandlung der Hernien, in der
Verbandtechnik, in einzelnen Operationsmethoden (z. B. Steinoperation,
Starstich) erzielt~ worden sind. Von den einzelnen hervorragenden
Praktikern erfahren wir beinahe nichts mehr als die Namen. So reihen
sich an die Chirurgen, welche in der Geschichte der Sekten erwähnt
wurden, noch ~Amyntas~ (Erfinder eines Verbands für den Bruch der
Nasenbeine), ~Gorgias~, ~Heron~ (Nabelhernien, Geburtshilfe), ~Neileus~
(Apparat zur Einrichtung von Luxationen, „Plinthion“ genannt),
~Nymphodoros~ (Streckbank), ~Protarchos~, ~Sostratos~ (Bandagen,
Hernien), ~Philoxenos~ (Verfasser eines Gesamtwerkes über Chirurgie,
auch um die Gynäkologie verdient), ~Ammonios~, der Lithotom (Erfinder
eines Instruments zur Zertrümmerung solcher Blasensteine, welche sich
nach gemachtem Steinschnitt nicht ausziehen lassen).
In Alexandreia erhielten auch die von Celsus erwähnten Chirurgen
~Tryphon~, ~Euelpistos~ und ~Meges~ von Sidon, welche in Rom
praktizierten, ihre Ausbildung. Letzterer beschäftigte sich viel
mit Fisteloperationen, untersuchte die Ursachen des Nabelvorfalls
(Durchbruch der Eingeweide, des Netzes, Flüssigkeit) und zeichnete
sich durch die Methode der Steinoperation (halbmondförmiger
Perinealschnitt) aus.
Als Gynäkologe machte sich ~Kleophantos~ verdient, der übrigens
auch durch seine Fieberlehre (bloß erhöhte Pulsfrequenz), durch
seine Ausbildung der ~Diätetik~, durch seine Vorschriften über die
~medizinische Verwendung des Weins~ auf spätere Aerzte starken Einfluß
ausübte. Als Gewährsmann für Heilmittel, namentlich animalische,
erlangte auch der Hippokrateer ~Lysimachos~ (2. Jahrhundert v. Chr.)
Bedeutung.
Die ~Pharmakologie~ und ~Toxikologie~ erfreute sich nicht allein des
fleißigen Studiums der Aerzte, sondern auch des regsten Interesses
von Dilettanten; nur ein getreuer Ausdruck des Zeitgeistes war es, daß
sich die didaktische Poesie die Lehre von den Heilkräutern und Giften
als Stoff für ihre Dichtungen nicht entgehen ließ.
Für die Aerzte bildeten wohl hauptsächlich die einschlägigen
Werke des ~Diokles von Karystos~ und des ~Apollodoros~ des
~Jologen~ (um 300 v. Chr.) den Ausgangspunkt. Als Verfasser von
Schriften über Arzneimittel, resp. Gifte oder giftige Tiere oder
von zusammengesetzten Mitteln werden, abgesehen von den schon oben
erwähnten Autoren, unter anderen genannt, ~Aratos~, ~Aristogenes von
Knidos~, ~Ophion~ (kurz vor Erasistratos), ~Diagoras von Kypros~
(von Erasistratos zitiert), ~Andron~ (von Herakleides erwähnt),
~Polyeides~, ~Neileus~ (vor Herakleides von Taras), ~Nymphodoros~,
~Sostratos~.
Der bedeutendste Vertreter der Pharmakologen war der Rhizotom
~Krateuas~ (Cratevas), welcher am Hofe des Mithradates VI.
Eupator lebend, zwei bedeutende Werke verfaßte, nämlich ein mit
Abbildungen versehenes Kräuterbuch (ῥιζοτομικόν) und eine allgemeine
Arzneimittellehre, welch letztere namentlich wegen vortrefflicher
Schilderung der Wirkung der Metalle sehr gerühmt wurde. Krateuas wurde
in der Folgezeit von vielen Autoren kompiliert.
Fragmente sind noch erhalten im Cod. Constantinopolitanus des
Dioskurides der Wiener Hofbibliothek. Die Pflanzenabbildungen dieses
Kodex, sowie des gleichfalls daselbst befindlichen Cod. Neapolitanus
sind dem Originalwerk des Krateuas entlehnt.
Von toxikologischen Werken sind die θηριακὰ und ἀλεξιφάρμακα des
~Nikandros von Kolophon~ auf uns gekommen. Die Theriaka behandeln in
958 Hexametern die Symptome und Behandlung der Vergiftung durch den Biß
giftiger Tiere, die Alexipharmaka in 630 Hexametern die Intoxikationen
durch Pflanzen- (aber auch tierische und mineralische) Gifte und die
entsprechenden Gegenmittel. Trotz vieler abergläubischer Angaben ist
diesen Schriften, welche zwar von ärztlichen Autoren wenig zitiert
wurden, aber sehr große Verbreitung fanden, ein bedeutender Wert
zuzusprechen.
~Nikandros~ wurde im Anfang des 2. Jahrhunderts v. Chr. zu Kolophon
in Lydien geboren und bekleidete in dem bei seiner Vaterstadt
gelegenen Orte Klaros das in seiner Familie erbliche Amt eines
Priesters des Apollon; dort starb er auch zwischen 135 und 130 v.
Chr. Er erfreute sich eines großen Rufs als Dichter, Grammatiker und
Arzt. Vielseitig veranlagt schrieb er über Medizin, Landwirtschaft,
Grammatik, Literatur, Mythologie und Geographie. Die meisten seiner
Werke, wie die von Ovid nachgeahmten Heteroiumena (Verwandlungen)
und die von Vergil benützten Georgika sind verloren gegangen. Der
dichterische Wert der Alexipharmaka und Theriaka wurde von Plutarch
scharf verspottet mit den Worten, daß darin außer dem Metrum nichts
von Poesie enthalten sei. Ausgaben von O. Schneider, Lips. 1856.
Deutsche Uebersetzung von M. Brenning, Allg. Med. Zentral-Zeitg,
1904, Nr. 6/7. Nikandros ist der erste, der von der ~medizinischen
Verwendung der Blutegel~ spricht.
Weniger Wissensdurst als Furcht oder Grausamkeit waren es, welche bei
mehreren Herrschern dieser politisch so bewegten Epoche (ähnlich wie
in der Renaissancezeit) die Liebhaberei für Versuche mit Giften und
Gegengiften erregten. ~Attalos~ III. ~Philometor von Pergamon~ (138 bis
133 v. Chr.), der in beständiger Angst vor den Nachstellungen seiner
Feinde lebte, „baute mit eigener Hand giftige Gewächse, Bilsenkraut,
Nieswurz, Schierling, Sturmhut und Dorknyon in den königlichen Gärten
und sammelte ihre Säfte und Früchte, um ihre Kräfte zu studieren“.