[4] ~Die Stoiker nahmen~ in ihrer grobmaterialistischen Physik ~das

alles durchdringende Pneuma als Urstoff und als zweckmäßig,

jedoch mit Naturnotwendigkeit wirkende Urkraft (Weltseele) an~;

auch leugneten sie die Möglichkeit der Existenz eines leeren

Raumes.

~In letzter Linie denkt sich Erasistratos den aus Atomen

zusammengesetzten Körper durch die von außen herbeigezogene (nicht

eingepflanzte!) Wärme belebt.~ Als Grundlagen des organischen Getriebes

betrachtet er, mit Außerachtlassung der Vierelementenlehre, einerseits

das ~Blut~, welches ausschließlich in den Venen fortbewegt wird,

anderseits das ~Pneuma~, das den Träger der Energie bildet und alle

Lebenserscheinungen beherrscht.

Die Erneuerung des Pneumas kommt durch die Atmung zu stande, wobei die

Luft auf dem Wege der Lungenvene in die linke Herzkammer eindringt.

In dieser entstehen sodann zwei Arten des Pneumas, von denen die

eine, π. ζωτικόν (Lebenspneuma), in die Arterien getrieben wird, mit

der Bestimmung, die vegetativen Vorgänge im ganzen Körper zu regeln,

während das andere, π. ψυχικόν (Seelenpneuma), in das Gehirn gelangt,

von wo aus es auf den Bahnen des Nervensystems Bewegung und Empfindung

vermittelt.

Das Blut ist das Umwandlungsprodukt der aufgenommenen Nahrung und dient

zum Aufbau des Körpers; aus seiner Ergießung geht die eigentliche

Substanz -- das ~Parenchym~ (von παρεγχέω) -- gewisser Organe (die

Leber, Lunge, Milz, die Nieren, das Gehirn -- nicht aber der Magen,

der Darm, die Blase, der Uterus, d. h. die Eingeweide mit faseriger

Struktur) hervor. Von der Leber, wo das Blut zuerst auftritt, wird es

zu den Hohlvenen entsendet und verbreitet sich durch das Venensystem.

Die Lungen empfangen ihr Blut vom rechten Herzventrikel durch die

Arteria pulmonalis, wobei die Mechanik des Stroms in der alternierenden

Aktion der Klappen ihren Regulator findet: zur Zeit der Systole öffnen

sich die Semilunarklappen, während die sich schließenden Tricuspidales

das Zurückfließen hindern. -- Arterien und Venen stehen anatomisch

miteinander in Verbindung, indem die Verästelung der Blutadern in die

feinsten Ausläufer der Schlagadern einmünden. Unter physiologischen

Verhältnissen bleiben diese „~Synanastomosen~“ verschlossen, in

pathologischen Zuständen jedoch, oder wenn eine Arterie angeschnitten

wird, finde ein Eindringen des Blutes (παρέμπτωσις) in die Pneumawege

statt. Blutung aus verletzten Arterien erfolge in der Weise, daß zuerst

das Pneuma entweiche, worauf gemäß dem ~Gesetz des horror vacui~ sofort

aus den Venen das Blut in die Arterien nachströme, damit kein leerer

Raum entstehe. (Das herausströmende Blut stamme also nicht ~aus~ der

Arterie selbst, sondern ergieße sich nur auf dem Verbindungswege der

Synanastomosen ~durch~ die Arterie.)

Die Bewegung erfolgt, indem die Hohlräume der Muskeln mit Pneuma

ausgefüllt werden bezw. dasselbe entleeren, die Respiration, indem

die Luft, welche eine gewisse Dichtigkeit besitzen müsse, in den

willkürlich erweiterten Thorax passiv einströmt; ~die Verdauung ist

eine mechanische Zerreibung der Speisen~ infolge des abwechselnden

Druckes der Magenwände unter dem Einfluß des Pneumas. ~Nach dem Gesetz

des horror vacui~ (durch Apposition neuer Teilchen aus dem Blute)

~wird die Ernährung und das Wachstum, ebenso auch die Absonderung

bewerkstelligt~; bei der Absonderung der Galle aus dem Blute kommt der

Durchmesser der Gefäße in Betracht, indem die engen Gallengefäße in

der Leber bloß die dünnflüssige Galle, nicht aber das klebrige Blut

passieren lassen. Die unsichtbare Ausscheidung suchte Erasistratos

~experimentell~ zu beweisen, indem er Tiere (z. B. einen Vogel) eine

Zeitlang hungern ließ und eine Gewichtseinbuße konstatierte, welche

durch das Gewicht der sichtbaren Ausscheidungen nicht gedeckt wurde.

~In seiner konsequent mechanischen Denkweise mußte Erasistratos

dahin kommen -- besonders auch im Gegensatze zu den Peripatetikern --

jedwede spezifische Kraft~ (namentlich die aktive Attraktionskraft

der Organe bei ihrer Funktion und Ernährung) ~zu leugnen~; ebenso

anerkannte er wohl im allgemeinen -- wie die Hippokratiker und von

den Philosophen besonders die Stoiker -- das zweckbewußte Schaffen

der Natur (φύσις τεχνική), meinte aber, daß es im einzelnen manches

Unnütze im Körper gäbe, wie die Milz, die Galle (vergl. Philolaos,

Petron) u. a. ~Nachteilige Folgen für die spätere wissenschaftliche

Entwicklung hatte es gewiß, daß er~ -- den Arzt vom Forscher trennend

-- ~es für die Medizin für wertlos erklärte, ob man die feineren

physiologischen Verhältnisse kenne oder nicht~, z. B. ob man wisse,

wie die Speisen verdaut würden, wie die Säfte daraus entständen etc.

Durch die Verweisung solcher Fragen in die reine Naturwissenschaft

wurden die weniger wissensdurstigen Nachfolger der Empirie in die

Arme geführt.

Unter dem Einflusse des anatomischen Schauens und der mechanistischen

Naturauffassung versuchte Erasistratos auch die ~Pathologie~ aus den

Banden der traditionellen Humoraltheorie zu befreien und auf wenige

einfache Prinzipien aufzubauen.

Wie in der Physiologie handelte es sich auch hier zumeist

um Wiedererweckung von solchen Vorstellungen, wie sie schon in

vorhippokratischer Zeit und bei den knidischen Aerzten, namentlich

aber in „hippokratischen“ Schriften aufstoßen. Dahin gehört zunächst

die uralte Idee, daß ~Krankheit durch Uebermaß der Nahrung~ oder

durch ungenügende Verarbeitung derselben (mit konsekutiven Störungen

der Funktionen) entsteht (vergl. Herodikos von Knidos, Alkamenes,

Timotheos, Ninyas, Herodikos von Selymbria, Euryphon, Dexippos,

ferner die hippokratischen Schriften, wo als ~eine Hauptursache von

Krankheiten~ unverhältnismäßige Anfüllung des Körpers, besonders mit

Nahrungsstoffen, ~Plethora~ angeführt wird, z. B. De prisca med. cap.

IX, und insbesondere De diaeta lib. III). Ferner die Vorstellung,

daß ~Error loci~, d. h. abnorme Verlagerung von Grundstoffen an

ungeeignete Körperstellen, bestimmte scharf lokalisierte Krankheiten

erzeugt (vergl. Philolaos, Demokritos, Anaxagoras, Herodikos von

Knidos, Timotheos, Phaeitas, die Lehre von den Katarrhen in den

[knidischen] hippokratischen Schriften etc.). Endlich die Tendenz,

die Krankheiten, bezw. die Symptome ~lokaldiagnostisch~ zu bestimmen

(knidische Schule). Die Abstammung aus der knidischen Schule

(Chrysippos) und die Beschäftigung mit der Anatomie wurden für

Erasistratos die treibenden Momente zur Entwicklung dieser Prinzipien

auf der Basis des wissenschaftlichen Fortschritts.

Die exklusiv wissenschaftliche Richtung nötigte ihn im Hinblick auf

den noch geringen Umfang anatomisch-physiologischer Erkenntnisse

manches beiseite zu schieben oder gar zu bekämpfen, was zwar klinisch

festgestellt schien, aber damals keiner kausalen Erklärung fähig

war -- wie die Lehre von den entfernteren Krankheitsursachen und die

herkömmliche Deutung der prognostischen (kritischen) Zeichen, also

Aetiologie und Semiotik, auf welche Hippokrates so großes Gewicht

gelegt hatte. (Von seiner Ueberzeugung durchdrungen, scheute er

den Gegensatz zum Altmeister der klinischen Beobachtung keineswegs

und gab demselben oft in einer Weise Ausdruck, die von Galenos

als φιλονεικία oder κακοηθεία charakterisiert worden ist.) Mit der

traditionellen Humoraltheorie brach er vollkommen, umsomehr als ihn

die Leichenzergliederung anatomisch denken gelehrt hatte und ihn auf

die festen Körperteile, als Krankheitssitze (Solidarpathologie), mehr

und mehr hinwies[5].

[5] Vergl. S. 268. Uebrigens findet die Solidarpathologie auch schon

in den hippokratischen Schriften ihre Vertretung, namentlich

in der (knidischen) Schrift de locis in homine.

Da Erasistratos die ~Krankheit~ im Wesen als ~Störung der normalen

physiologischen Funktionen~ betrachtete, ~so richtete er seine

Aufmerksamkeit~ vorwiegend ~auf die sorgfältige Untersuchung

der Symptome~, d. h. der Funktionsstörungen, ~und suchte deren

Entstehungsursache, sowie den Sitz des Leidens zu ermitteln~ (οὐ μόνον

τὸ πάθος ὁποῖόν ἐστιν, ἀλλὰ καὶ τὸν πασχοντα τόπον). Diese zielbewußte,

von der Hauptsache nicht abschweifende Methode führte auch zur Analyse

des einzelnen Falles nach seinen ~individuellen Verhältnissen~ unter

Berücksichtigung der Krankheitsanlage.

In Erwägung, daß der normale Ablauf der physiologischen Funktionen

an die regelrechte Füllung der Gefäße (der Venen mit Blut, der

Arterien mit Pneuma) gebunden ist und von der ungehemmten Bewegung des

Pneumas abhängt, erklärte Erasistratos als ~häufigste Grundursache

der krankhaften Erscheinungen~: die Ueberfüllung der Gefäße mit

Nahrungsstoff, die ~Plethora~, welche in steigendem Grade zu einer

Ausdehnung der Venenwände, weiterhin zu einer Zerreißung derselben, zum

gewaltsamen Eindringen des Blutes auf dem Wege der Synanastomosen in

die Arterien (mit konsekutiver Hemmung der Aktion des Pneumas) führe.

Verdauungsstörung z. B. beruht auf der plethorischen Behinderung des

Magens, sein Volumen zu verändern; Arthritis auf Gelenksplethora;

Entzündung auf dem ~Error loci~, dem Eindringen des Blutes in die

Arterienendigungen. ~Fieber ist keine selbständige Krankheit, sondern

stets nur das Symptom irgend einer Entzündung~ und kommt bei deren

Vorhandensein dadurch zu stande, daß das Blut in die großen Arterien

gelangt, die Bewegung des Pneumas stört und das Herz in Mitleidenschaft

zieht. Entzündung und Fieber entstehen demnach durch denselben (bloß

in der Intensität verschiedenen) Mechanismus und lassen die abnorme

Pneumabewegung durch den stürmischen Puls (σφυγμός) erkennen.

Erasistratos legte auf die Erforschung der Krankheitsursachen

wenig Wert, da schädliche äußere Einflüsse und die Lebensweise

nicht immer Krankheiten hervorrufen, sein Standpunkt gegenüber

der Humoralpathologie war schroff ablehnend, während Herophilos

nur kühle Neutralität bewahrte. Die meisten Krankheiten führte er

in letzter Linie auf Uebermaß der Nahrung, das Unverdautbleiben

derselben zurück, wodurch die Basis für die Plethora gegeben wird.

Aus dieser resultieren dann je nach ihrer Ausdehnung oder nach

ihrem Sitze Ermattung, Geschwüre, Hämorrhoiden, Blutspeien etc. und

in Konsequenz des Blutübertritts in die Arterien die mannigfachen

Entzündungen, z. B. Angina, Lungenentzündung (Arterien der Lunge),

Rippenfellentzündung (Arterien der Pleura) etc. Fieber tritt bei

verschiedenen Grundkrankheiten (z. B. Kardialgie, Gallenleiden,

Lähmung, Dysmennorrhoe etc.) auf und kennzeichnet sich durch

Temperatursteigerung, Pulsfrequenz, „eitrigen“ Bodensatz des Harns.

~Auf die Beobachtung des Pulses legte E. im Gegensatz zu Herophilos

wenig Gewicht~ (σφυγμός ist der stürmische Puls bei Fieber und

Entzündung), was sich aus seiner Annahme erklärt, daß die Arterien

nur Pneuma führen. Lähmungen entstehen durch Error loci, indem

der Schleim (infolge der Stauung im Gehirn) in die Nervenarterien

eindringt und die Pneumabewegung stört. Hydrops ist die Folge von

Leberaffektionen, weil durch dieselben der Blutlauf gehemmt wird und

sich das ungereinigte Blut als wässeriges Exsudat in die Bauchhöhle

ergießt. Als Probe der Krankheitsschilderung des Erasistratos kann die

Geschichte der Regelverhaltung bei dem „Mädchen von Chios“ dienen,

wo er Husten, Schleimauswurf und (für die Menses) vikariierende

Hämoptoë beschrieb. -- Sowohl topische Diagnosen als die Herleitung

der Krankheitsbeschaffenheit aus der Eigentümlichkeit des befallenen

Organs finden sich spurenweise schon in hippokratischen Schriften

(z. B. de prisca med. cap. XXII). Die Lokaldiagnostik ermutigte

Erasistratos zuweilen sogar zu einer kühnen ~Lokaltherapie~, indem

er unter anderem bei Leberkranken die Bauchhöhle öffnete, um die

Medikamente unmittelbar zu applizieren.

Als konsequenter Denker strebte er dahin, die ~Therapie~ möglichst

~kausal~ zu gestalten und zu vereinfachen und dabei stets zu

~individualisieren~ -- Grundsätze, welche von der schablonenhaften, mit

möglichst hoch zusammengesetzten Mixturen hantierenden Polypharmazie

des Zeitalters grell abstechen.

Wie sehr Erasistratos vom kausalen Denken durchdrungen war, bezeugt

nichts stärker als die Tatsache, daß er in der Paracentese kein wahres

Heilmittel des Ascites sah, sondern zur Behebung der Grundursache

diätetische Vorschriften, milde Abführmittel, Klistiere, harntreibende

Mittel, Baden, Salbungen, Reibung, event. Bewegung oder Dampfbäder

verordnete.

Auffallend, aber einerseits aus den Traditionen seines Lehrers

Chrysippos, anderseits aus der oben skizzierten Krankheitstheorie

verständlich ist die ~Abneigung~, welche Erasistratos ~gegen den

Aderlaß~ hatte. Er begründete die sehr bedeutende Einschränkung

desselben, außer mit der Erfahrung, damit, daß die Venäsektion z.

B. bei Entzündungen nicht bloß die eigentliche krankmachende Ursache

(Uebermaß und Verderbnis der Nahrung) unbehoben lasse, sondern auch das

pathologische Eindringen des Blutes in die Arterien und die Störung

der Pneumabewegung nicht beseitige; außerdem könne man die nötige

Menge des Blutes, welche zu entziehen notwendig wäre, vorher nicht

bestimmen. Ebenso wie den Aderlaß, beschränkte er auch wesentlich den

Gebrauch der Purganzen, weil diese die Säfte verderben. Von beiden

Methoden nur äußerst selten Gebrauch machend, regelte er vor allem die

~Ernährung~, wobei sich seine Vorschriften bis auf die geringfügigsten

Einzelheiten erstreckten, und empfahl vorsichtig individualisierend

~Ruhe oder Bewegung~, ~Leibesübungen~, ~Fasten~, ~Bäder~, ~Reibungen~,

~Waschungen~, ~in geeigneten Fällen leichte Abführmittel~, ~Klistiere~,

~Brechmittel~, ~harntreibende oder Schwitzmittel~ etc., statt des

Aderlasses verwendete er das Umwickeln der Glieder (der Schultern,

Arme, Schenkel, Weichen, z. B. bei Blutungen oder Hämoptoë, in

der Annahme, daß auf solche Weise die Synanastomosen verschlossen

würden) oder ~lokale Applikationen~ (Schröpfköpfe, Brennen,

Umschläge etc.). In der Fieberbehandlung kehrte er zu den einfachen

~diätetisch-hygienischen Maßnahmen~ (auch zur Ptisane) des Hippokrates

zurück und suchte dem Kräfteverfall durch reichliche Nahrung, später

auch durch ~Wein~ vorzubeugen. -- Ueber die Chirurgie und über die

Geburtshilfe des Erasistratos ist nur wenig überliefert (~Erfindung

des S-förmigen Katheters~; Embryulcie mittels des Ringmessers).

Erasistratos gab wohl hie und da auch zusammengesetzte Mittel,

wie wir aus erhaltenen Rezepten wissen, huldigte aber im ganzen

dem Grundsatz, daß man mit Diät und wenigen einfachen Stoffen mehr

ausrichten könne als mit dem Wust von abenteuerlichen Kompositionen

-- im Gegensatz zu Herophilos. Ganz besonders verwarf er die damals

in die Mode gekommenen (oft ~animalischen~) Wundermittel, wie z.

B. Galle, Blut, Exkremente oder Körperteile verschiedener Tiere.

Bemerkenswerterweise lehrte er, daß nicht jedes Nahrungsmittel oder

Medikament bei jedem Menschen gleiche Wirkungen hervorbringt, so daß

in jedem einzelnen Falle wieder an die Erfahrung zu appellieren ist.

„~Wer richtig heilen will, muß sich in dem, was zur ärztlichen Kunst

gehört, üben und darf keines der das Leiden begleitenden Symptome

ununtersucht lassen, sondern er muß sich danach umschauen und

erforschen, bei welcher Disposition jedes einzelne Leiden auftritt~“ --

mit diesen Worten hat der Meister sein ärztliches Glaubensbekenntnis

ausgesprochen! In die Entwicklung der Heilwissenschaft hat er kräftig

und in verschiedener Hinsicht bestimmend eingegriffen, noch in späten

Zeiten knüpften sich wiederholt die Fäden des medizinischen Denkens

an seine hellen Ideen.

Neben den beiden Stiftern der alexandrinischen Medizin wirkte ~Eudemos~

als ~ausgezeichneter Anatom~; er bearbeitete mit großem Erfolg

die Nerven-, Gefäß-, Drüsenlehre (Pankreas) und ergänzte auch die

Osteologie durch naturgemäße Beschreibungen.

Die Schüler und späteren Anhänger des Herophilos und Erasistratos

bildeten eigene Sekten, welche Jahrhunderte hindurch an den Grundsätzen

der Meister festhielten und im Geiste derselben die Heilkunst

auszubauen bestrebt waren. Die Leistungen entsprachen aber nur zum

Teile den schönen Ansätzen. Wohl erfahren die praktischen Kenntnisse,

namentlich in der ~Chirurgie~, ~Geburtshilfe~ und ~Arzneimittellehre~

bedeutende Bereicherung, die wissenschaftliche Forschung aber und

die denkende Beobachtung der Krankheitserscheinungen wurde wenig

weitergebracht, ja sie verfiel nach und nach der Stagnation, da man

über dem ~starren Festhalten an den Schuldogmen~, über der ~subtilen

sophistischen Verteidigung~ derselben, über nutzlosen Definitionen,

allmählich den unbefangenen, kritischen und stets vorwärtsdrängenden

Geist echter Wissenschaftlichkeit gänzlich aus dem Auge verlor; von

dem, was Herophilos und Erasistratos angeregt und gelehrt, blieb später

nur die leere Schale zurück.

Die ~Herophileer~ anerkannten die Notwendigkeit der Anatomie, aber

sie verharrten zumeist nur bei den überkommenen Kenntnissen, ohne

dieselben durch neue Funde zu vermehren; die Pulsuntersuchung diente

wohl als Grundlage der Diagnostik, doch wurde die Pulslehre durch

abstrakte Distinktionen so kompliziert gestaltet, daß die Anwendbarkeit

in der Praxis allmählich darunter leiden mußte; in verdienstvoller

Weise bearbeiteten die Herophileer hingegen die Prognostik sowie

therapeutische Fragen, hier geleitet von der Erfahrung und im

Anschluß an Hippokrates, dessen Werke sie gleich denen ihres Meisters

hochschätzten und fleißig kommentierten. Die Schule der Herophileer

blühte bis zur Vertreibung der Gelehrten unter Ptolemaios Physkon in

Alexandreia, und nahm etwa um die Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr.

einen zweiten Aufschwung an einem neuen Vereinigungsorte, in (Menos

Karu bei) ~Laodikeia~, einer mit Alexandreia in Handelsverbindung

stehenden Stadt an der phrygisch-karischen Grenze. Unter den älteren

Herophileern ragen besonders hervor: ~Bakcheios~ von Tanagra, als

Erklärer hippokratischer Schriften und Bearbeiter der Pulslehre,

~Mantias~, als Pharmakolog, Chirurg und Gynäkologe, ~Demetrios~

von Apameia, als klinischer Beobachter und berühmter Geburtshelfer,

~Herakleides~ von Erythrai, durch Kommentare zu den „epidemischen

Krankheiten“ des Hippokrates und ~Andreas von Karystos~, durch ein

vortreffliches Werk über Arzneimittellehre.

Außer diesen werden erwähnt ~Kallimachos~, ~Kallianax~, ~Hegetor~,

~Kydias~, ~Chrysermos~ (Pulslehre, leitete Puls bloß von Arterien

ab) und ~Zenon~ (Kommentar zu Hippokrates). Ueber die oben genannten

Autoren sind eine Menge von Zitaten in der späteren Literatur

vorhanden, die auf ihre Leistungen in der Pathologie Streiflichter

werfen, Titel ihrer Schriften oder Rezepte überliefern. -- Bakcheios

und Demetrios unterschieden Blutungen infolge von Zerreißung oder

Fäulnis der Gefäße, infolge des Durchschwitzens aus den unverletzten

Gefäßen oder aus „Anastomosen“. ~Demetrios~ gab als Ursachen der

Dystokien an: 1. ~abnormes Verhalten der Mutter~ (psychische oder

physische Abnormitäten: z. B. allgemeine Erkrankungen, Affektionen des

Uterus, schmale Hüften); 2. ~Abnormitäten des Fötus~ (Hypertrophie

im allgemeinen oder an einzelnen Teilen, Absterben); 3. ~abnorme

Kindslagen~ (normal nur die Kopflage!). ~Andreas von Karystos~

erklärte unter anderem auch die Schwäche des Fötus als Ursache der

Dystokie, weil in diesem Falle das geringe Gewicht die Erweiterung

des Muttermunds nicht genügend unterstütze. Dieser Autor brachte die

Fabel auf, Hippokrates habe das Archiv von Knidos eingeäschert.

Die zweite herophileische Schule verdankte ihren Ruf ~dem jüngeren

Zeuxis~ und ~Alexandros Philalethes~ (um Chr. Geb.), welch letzterer

sich neben seiner Tätigkeit als Gynäkolog und seinen Pulsdefinitionen

besonders dadurch berühmt machte, daß er ein Werk über die

Lehrmeinungen der Aerzte (Ἀρέσκοντα τοῖς ἰατροῖς) verfaßte, welches

von dem Autor des Anonymus Londinensis[6] als Hauptquelle benützt

wurde. Zu den späteren Herophileern zählen ~Dioskurides Phakas~

(Leibarzt der Kleopatra, Verfasser von 24 bedeutenden Werken, darunter

auch über die Pest; der Name Phakas kommt von φάκοι = linsenartige

Flecke im Gesicht), ~Apollonios Mys~ (berühmter Pharmakolog),

~Demosthenes Philalethes~ aus Massilia (~der angesehenste Augenarzt des

Altertums~[7], vielleicht auch Verfasser einer Kinderheilkunde) und der

Ophthalmolog ~Gaius~ aus Neapolis. Die Geschichte der herophileischen

Schule, welche im Laufe des 1. Jahrhunderts n. Chr. Geb. erlosch, wurde

mehrmals von Anhängern dargestellt, so von Bakcheios, Herakleidos,

Apollonios Mys und Aristoxenos (Schüler des Alexandros Philalethes).

[6] Vergl. S. 161.

[7] Demosthenes schrieb auch eine Pulslehre. Aus seiner

Augenheilkunde haben alle Nachfolger geschöpft, noch im

Mittelalter erfreute sich sein liber ophthalmicus großer

Beliebtheit.

Die ~Erasistrateer~ gewannen als eigentliche Sekte im Vergleich

zu den Herophileern viel später Ansehen, erhielten sich aber bis

ins 2. Jahrhundert n. Chr. Geb. Wiewohl sie den wissenschaftlichen

Aufbau der Heilkunst als Postulat hinstellten, so dünkte es doch der

Mehrzahl unter ihnen zureichend, bei den für unfehlbar erachteten

Leitsätzen des Erasistratos, den sie wie einen Gott verehrten, zu

verharren. Abgesehen von wenigen Ausnahmen, besonders in der älteren

Zeit, machten sie kaum den Versuch, die Anatomie oder gar die

Physiologie zu bearbeiten, letzterer Wissenszweig wurde geradezu bloß

als Angelegenheit der Naturforscher, nicht aber der Aerzte erklärt.

Die Leistungen und Anschauungen aller übrigen, insbesondere der

Anhänger des Hippokrates, verhöhnend, lagen sie stets streitlustig, in

unaufhörlicher Fehde mit den übrigen Sekten, und betrachteten als Um

und Auf der gesamten Pathologie: die Lehre von der Plethora und vom

Error loci. Außer vereinzelten anerkennenswerten Leistungen versank

ihre Therapie allmählich in geistlose Schablone, wiewohl sie dem Schein

der Wissenschaftlichkeit nachjagten; das Verbot des Aderlasses (vor

dem sie ein Grauen, wie vor einem Gifte empfanden) trieben sie auf

die Spitze.

In der Literatur haben sich von Erasistrateern zum Teil bloß die

Namen oder dürftige Notizen erhalten, z. B. ~Chrysippos~, ~Apemantos~,

~Charidemos~, ~Hermogenes~, ~Artemidoros von Side~, ~Athenion~.

Größere Bedeutung kommt ~dem Erasistrateer Straton~ zu, der die

Beschränkung des Aderlasses zum Verbot erhob, über den Aussatz

(Elephantiasis) schrieb und sich als Gynäkologe auszeichnete, ferner

~Apollophanes von Seleukia~, dem Leibarzte Antiochos des Großen,

Verfasser einer Schrift über giftige Tiere, ~Apollonios von Memphis~

(schrieb über Pulslehre, Chirurgie, Augenheilkunde und giftige Tiere),

~Ptolemaios~ (um 150 n. Chr. in Alexandreia, verdient um die Optik),

endlich ~dem Anatomen Martianos (oder Martialis)~. Die höchste Blüte,

die ihr beschieden war, erreichte die Schule der Erasistrateer

unter dem Freundespaar ~Hikesios von Smyrna und Menodoros~, von

ersterem rührte ein lange Zeit sehr geschätztes Werk über Arznei- und

Nahrungsmittel her.

Die Schule der Empiriker.

Chirurgen und Pharmakologen des alexandrinischen Zeitalters.

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 35 / 54 段