Nach den Berichten des Celsus sollen die Ptolemäer sogar die

Erlaubnis erteilt haben, an Verbrechern die Vivisektion zu vollziehen,

„um die Lage, Farbe, Gestalt, Größe, Anordnung, Härte, Weichheit,

Glätte, äußere Fläche, sowie die Vorsprünge und Einbiegungen der

einzelnen Organe während des Lebens zu studieren“. Von Gegnern sei

gegen diese Grausamkeit eingewendet worden, „daß sie nicht bloß

die Heilkunst entwürdige, sondern auch überflüssig sei, da die

Leute, nachdem ihnen die Bauchhöhle aufgeschnitten, das Zwerchfell

durchtrennt und die Brusthöhle eröffnet worden, sterben, bevor noch

wissenschaftliche Untersuchungen am Lebenden möglich waren“. Diese

Angaben, aus denen zu ersehen ist, in welcher Reihenfolge man bei der

Sektion vorzugehen pflegte, finden durch keine Stelle Galens (der als

wichtigster Gewährsmann für die alexandrinische Anatomie heranzuziehen

ist) Bestätigung, sondern nur durch den Kirchenvater Tertullian, und

sind vielleicht mit der Erzählung auf eine Stufe zu stellen, nach

welcher der Maler Parrhasios einen gemarterten Sklaven als Modell

benützt haben soll, um seinen Prometheus naturwahr mit dem Ausdruck

des höchsten körperlichen Schmerzes darstellen zu können. -- Plinius

erzählt, daß die ägyptischen Könige in ihrem Wissenseifer zuweilen

sogar persönlich bei der Sektion von Leichen mit Hand angelegt

haben. Wie sehr auch die Kunst im alexandrinischen Zeitalter von

den anatomischen Fortschritten Nutzen zog, beweist die überraschende

Naturalistik der Ausgrabungsgegenstände von Pergamos.

Auf die medizinische Theorie im Sinne einer realen Begründung nahm

die Anatomie leider noch keinen Einfluß -- höchstens mehren sich

die anatomischen Lokalisationen mancher Symptomenkomplexe, womit die

knidische Schule begonnen hatte -- Physiologie und Pathologie blieb

der Tummelplatz der Spekulation, und der Dogmatismus erstarkte gerade

durch die erweiterten anatomischen Kenntnisse, indem diese zuweilen

schon im Verein mit physikalischen Begriffen zur Restaurierung der

überkommenen Doktrinen mit einem Aufwand von Spitzfindigkeit verwendet

wurden und dadurch zum Schaden der Therapie den Schein der Exaktheit

vorübergehend vortäuschten. Wieder trug prunkende Zungenfertigkeit

und gelehrt schillernder Aberwitz den Sieg davon über die schlichte

Wahrheit redlicher Hände und ehrlicher Augen! Die großen Pfadfinder

auf dem Felde der Anatomie, die scharfen Beobachter am Krankenbette

hatten zumeist Schüler, welche die realen Leistungen ihrer Meister

weniger zum Richtzeiger weiterer erfahrungsmäßiger Forschung als zum

Ausgangspunkt subtiler Spekulation über das gesunde und kranke Leben

erkoren. Mit jener Büchergelehrsamkeit und Polymathie, welche dem

Beispiel der alexandrinischen Bibliothekare und Grammatiker nachfolgend

in hyperkritischen Kommentaren oder Exegesen statt des Mittels

schon den Endzweck erblickte, mit jener vorgreifenden, anmaßlichen

Systemsucht, welche unter Verkennung des grundverschiedenen Objekts die

abstrakte Deduktion der Mathematiker, die begriffszerspaltende subtile

Dialektik der Philosophen in die Medizin einschmuggelte, entfremdeten

sich die ärztlichen Gelehrten zunehmend der lebendigen Erfahrung

und entzogen, in eitlen Schulzänkereien aufgehend, der Theorie den

eigentlichen Nährboden -- die praktische Heilkunst mit ihren stets aufs

neue wechselnden, korrigierenden Bildern. Allzulange ein Spielball

scholastischer Disputationen oder als quantité neglegéable von

hochfahrender Wissenschaftlichkeit beiseite geschoben und aufs Ungefähr

verwiesen, verlor die Therapie den wahren inneren Zusammenhang mit der

dogmatischen Schule und wurde als eigener Wissenszweig von einer neuen

ärztlichen Sekte, den „~Empirikern~“, wieder dem Stamme unbefangener,

nüchterner Beobachtung aufgepfropft. So berechtigt aber die Reaktion

dieser Sekte gegen das hohle Scheinwissen der Dogmatiker war, so

bleibend auch ihre Verdienste um die Erweiterung des Heilschatzes

sind -- die „Empiriker“ verkannten doch den echten Geist des von

ihnen angerufenen Hippokratismus, indem sie mit absoluter Skepsis die

kommende Möglichkeit einer versöhnenden Annäherung zwischen Theorie und

Praxis, die Existenzberechtigung rationeller Versuche zur Begründung

einer wissenschaftlichen Theorie von vornherein endgültig verwarfen

und mit dem Unkraut der Spekulation zugleich auch die hoffnungsvoll

aufstrebende Saat der anatomisch-physiologischen Forschung auszurotten

suchten. Hingegeben einer unkritischen „Erfahrung“, die auch dem

aus dem Orient herdringenden Wunderglauben die Tore der Medizin weit

öffnete, bereiteten wenigstens die späteren Anhänger der empirischen

Sekte naturgemäß den Rückfall der Heilkunde in rohe Entwicklungsphasen

vor. Auch diese Seite der alexandrinischen Medizin ist nur ein

Ausschnitt der allgemeinen Kultur des bewegten Zeitalters, welches

beim diosmotischen Austausch zwischen West und Ost, an exaktes Denken

ziemlich jäh den tollsten ~Aberglauben~, an die rücksichtsloseste

Skepsis wie eine Konsequenz die phantastische ~Mystik~ anschloß.

Herophilos, Erasistratos und ihre Anhänger.

Was die Alexandrinerzeit für den Fortschritt der wissenschaftlichen

Heilkunde bedeutet, läßt sich, bei dem nahezu totalen Verluste der

medizinischen Literatur dieser Epoche bloß indirekt erschließen --

aus der Kritik späterer Autoren, aus den Nachwirkungen, welche in der

kommenden Entwicklung immer von neuem hervortreten. Ueber die einzelnen

Errungenschaften, über die Forschernamen, an welche sie geknüpft

waren, besitzen wir nur lückenhafte Nachrichten, immerhin erkennt

man doch hinter den wallenden Nebeln der Jahrtausende wenigstens

die Hauptrichtung, die Ziele und Hilfsmittel der alexandrinischen

Medizin, mit einiger Deutlichkeit auch jene Führergestalten, die mit

kräftigem Impuls neue Wege gangbar machten. Zwei Forscher, welche die

überkommenen Traditionen von Kos und Knidos unter Anpassung an die

neuen Verhältnisse in einem Grade ausgestalteten, daß neue Schulen

erstanden, ragen unter allen übrigen wie Könige unter Kärrnern hervor

-- ~Herophilos und Erasistratos~. Zu diesen beiden leiten alle Fäden

zurück.

~Herophilos~ aus Chalkedon (um 300 v. Chr.), ein Schüler des Praxagoras

und Chrysippos, einer der gefeiertsten Aerzte der Antike, ein Forscher

und Praktiker von dauerndem Nachruhm, wirkte unter den beiden ersten

Ptolemäern in Alexandreia, dessen medizinischer Ruf vornehmlich durch

ihn begründet wurde. Von seinen zahlreichen Werken haben sich leider

nur spärliche Bruchstücke erhalten. Den Sinn für Einzeltatsachen, wie

er der knidischen Schule eigen war, mit den großzügigen Heilprinzipien

der Koer harmonisch verbindend, dem Neuen zugewandt, ohne die Vorarbeit

der Vorgänger zu mißachten, verstand es ~Herophilos~ ebensowohl die

medizinischen Hilfswissenschaften mächtig fortzubilden, als auch die

praktische Heilkunst in allen Zweigen erfahrungsgemäß, unbefangen von

vorschneller Systemsucht, fruchtbringend auszugestalten. Voll Verehrung

für seinen Beruf, dessen kulturfördernde Bedeutung er damit begründete,

daß ohne Gesundheit auf keinem Gebiete Leistungen zu erzielen seien[2]

-- strebte er einerseits dahin, ~die klinische Erfahrung durch

exakte Methodik zu ergänzen, zu befestigen~, und hielt anderseits mit

bedächtiger Abwehr ephemerer Spekulationen an den ~Grundsätzen des

Hippokrates~ in treuer Anhänglichkeit fest.

[2] Ἡρόφιλος δὲ ἐν τῷ Διαιτητικῷ καὶ σοφίαν φησίν ἀνεπίδεικτον καὶ

τέχνην ἄδηλον καὶ ἰσχὺν ὰναγώνιστον καὶ πλοῦτον ἄχρειον καὶ

λόγον ἀδύνατον ὑγεἰας ἀπούσης.

Die ~Anatomie~, deren Technik (darsis) er zu verbessern suchte, deren

Terminologie er ausbildete, bereicherte Herophilos durch wertvolle bei

der ~Sektion menschlicher Leichen~ gemachte Entdeckungen, besonders

die Nerven-, Gefäß- und Eingeweidelehre, aber auch die Kenntnis

des ~Auges~, und erst mit seinen Arbeiten beginnt überhaupt die

systematische anatomische Forschung.

Vom Gehirn, in dessen Höhlen (namentlich in den 4. ~Ventrikel~)

Herophilos die Seele verlegte, beschrieb er die Häute, die Ventrikel,

Blutsinus und Plexus choroidei; der ~Calamus scriptorius~ (κάλαμος

Ἡροφίλου) und ~Torcular~ H. erinnern noch jetzt durch ihre Namen an

den verdienstvollen alexandrinischen Gehirnanatomen. Er unterschied

von den Sehnen die ~Nerven~ (als verschiedene Art derselben

Gewebsgattung), verfolgte ihren Verlauf von der Ursprungsstelle im

Gehirn und Rückenmark und erkannte sie als Werkzeuge der Willenskraft

sowie der Empfindung. Den vortrefflich beschriebenen Sehnerven

bezeichnete er noch als πόρος = Hohlgang (für das Pneuma), jedoch

kannte er den Glaskörper und drei Augenhäute, die hornartige, die

zottige (Ader-Regenbogenhaut) und die netzartige, welch letztere

wahrscheinlich der Tunica humoris vitrei entspricht. Mit großer

Sorgfalt schilderte er die gröberen Verhältnisse des Gefäßsystems

und sonderte die Blut führenden ~Venen~ von den, mit Blut und Pneuma

gefüllten ~Arterien, welche aus dem Herzen hervorgehen und sechsmal

stärkere Häute besitzen~; die im Bau von allen übrigen abweichende

~Lungenpulsader~ nannte er φλεψ ὰρτηριώδης; von den Gekrösvenen,

die in die Leberpforte übergehen, unterschied er bereits diejenigen

Gefäße, „welche vom Darm entspringen und in gewisse drüsenartige

Körper eintreten“, d. h. er sah die ~Chylusgefäße~. Herophilos gab dem

~Duodenum~ (δωδεκαδάκτυλος) den Namen, schilderte sorgfältig die Leber,

stellte vergleichende Untersuchungen (Leber verschiedener Säugetiere,

Abweichungen nach Gestalt und Lage) an, beschrieb die Speicheldrüsen,

das Pankreas und sehr treffend das Genitalsystem beider Geschlechter

(Nebenhoden, Samenblasen, Samenstrang, Samenbildung in den Hoden aus

dem zugeführten Blute, Ursprung der l. Vena sperm. „zuweilen“ aus

der V. renal.; Gestalt des Uterus, Geschlossensein des Muttermunds in

der Gravidität, Ovarien, Tuben, später nach Fallopio genannt). Seine

Forschungsergebnisse legte er in einem, mindestens aus 3 Büchern

bestehenden Werke (ἀνατομικά) nieder, das Auge speziell behandelte

die Schrift περὶ ὸφδαλμῶν.

Die ~Physiologie~ des Herophilos ist (unter dem Einflusse der

Peripatetiker) von ~dynamischen~ Vorstellungen beherrscht, doch zeigt

sich bereits eine gewisse Tendenz zu ~physikalischen Erklärungen~.

~Vier Kräfte beherrschen das gesamte Getriebe des Organismus: die

ernährende, erwärmende, empfindende und denkende, mit dem Sitz in der

Leber, im Herzen, in den Nerven, im Gehirn.~

Die Arterien ziehen das Pneuma nicht bloß aus dem Herzen (resp.

Lungen) an, sondern von der gesamten Körperoberfläche (Hautatmung).

Den Puls, welchen Herophilos im Gegensatz zu Praxagoras, scharf vom

Zittern und Krampf abtrennte, leitete er von einer Kraft ab, die

nicht den Arterien selbst innewohne, sondern diesen erst vom Herzen

übertragen werde. Die Systole allein erfolgt durch aktive Tätigkeit

der Arterienhäute, die Diastole ist nur passive Ausdehnung -- wie sie

auch nach dem Tode in Erscheinung tritt. Die Lungen besitzen eine

selbsttätige systolisch-diastolische Bewegung, vermöge welcher die

Respiration rein ~physikalisch~ erfolge.

Als Pathologe legte ~Herophilos~ das Hauptgewicht auf die

Sinneswahrnehmung, auf die denkende Beobachtung und ~räumte der

Erfahrung den Vorrang vor der theoretischen Spekulation~ (λογικὴ

μέθοδος) ~ein~. Demgemäß bemühte er sich weniger, den Grundursachen

der Krankheiten nachzugehen, sondern hielt nur im allgemeinen an

der traditionellen Humoralpathologie fest, weil an deren Stelle

noch nichts Besseres zu setzen war und verschmähte es, über die

humorale Entstehung der einzelnen Affektionen bestimmte Theoreme

aufzustellen. Die ~Symptome~ dagegen bildeten den steten Gegenstand

seiner Aufmerksamkeit, aus ihnen suchte er Krankheitsbilder zu

gewinnen, Diagnose und Prognose abzuleiten. Unter den Symptomen

fesselte ihn am meisten das ~Pulsphänomen~, da er die Bedeutung

desselben als Gradmesser des allgemeinen Kräftezustands vollbewußt

erfaßte. Mit bewundernswerter Sorgfalt verfolgte er die wechselnde

Beschaffenheit des Pulses -- ~die Wasseruhr diente als Zeitmesser~

-- unter differenten Bedingungen (Lebensalter, verschiedene

Krankheiten), je nach Größe, Stärke, Schnelligkeit, Rhythmus und je

nach Regelmäßigkeit, Gleichmäßigkeit oder deren Gegensätzen unterschied

er verschiedene charakteristische Arten (z. B. den hüpfenden Puls,

σφυγμὸς δορκαὀδίζων). In Anlehnung an die hochentwickelte Musiktheorie

seines Zeitalters (Aristoxenos von Tarent) zog Herophilos mit gewiß

zu weit gehender Subtilität die Rhythmenlehre heran, berücksichtigte

dabei neben der Systole und Diastole auch noch die dazwischenliegenden

Ruhepausen (Intervalle), also im ganzen vier Phasen und errichtete

auf solchem Fundament eine Pulslehre (in der Schrift περὶ σφυγμῶν

πραγματεία), die wegen allzu feiner theoretischer Voraussetzung mehr

Bewunderer als ausübende Anhänger finden konnte. Ueber Semiotik

und Prognostik handelten namentlich Kommentare, welche Herophilos

zu hippokratischen Schriften (Aphorismen, Prognostikum) verfaßte;

die allgemeine Pathologie, worin vielleicht auch Sektionsbefunde

berücksichtigt wurden, betraf das Buch περὶ αἰτιῶν.

Aus Zitaten ersehen wir, daß er ebenso wie seinen Lehrer Praxagoras

(in der Pulslehre) auch den göttlichen Greis von Kos auf Grund eigener

Erfahrungen bisweilen schonungsvoll zu korrigieren wagte und mit

scharfem klinischen Blick manche bedeutungsvolle Tatsache entdeckte.

~Plötzlichen Tod ohne erkennbare Ursache erklärte er aus Herzlähmung~,

das Zittern und den Krampf aus Muskel- und Nervenaffektionen, ~Lähmung

aus mangelndem Einfluß der Nervenkraft, endlich beobachtete er, daß

manchmal nur die Empfindung, manchmal nur die willkürliche Bewegung,

in anderen Fällen beide aufgehoben sind~; aus dem Abgang toter Würmer

stellte er (im Gegensatz zu Hippokrates) keine üble Prognose, vom

Opisthotonus sagte er, daß er Biegungen der Wirbelsäule auszugleichen

vermöge, bei Zahnleiden warnte er vor unüberlegten Extraktionen, da

sie bisweilen den Tod nach sich ziehen könnten. -- Außer den oben

angeführten Büchern wären hier noch zu nennen eine Worterläuterung zu

den hippokratischen Werken (γλωσσῶν ἐξήγησις) und die Schrift wider

die gewöhnlichen Vorurteile (πρὸς τὰς κοινὰς δόξας).

~Herophilos~ begnügte sich aber nicht nur mit der Rolle des

wissenschaftlichen Forschers, er strebte nach gleicher Vollendung

auch in der Praxis (τέλειός ἐστιν ὶατρὸς ὁ ἐν θεωρίᾳ καὶ πράξει

ἀπηρτισμένος) und gönnte den Theorien keinen Einfluß auf die

~Therapie~. Ueber „Heilungen“ schrieb er auf Grund von Versuchen und

rein empirischen Erkenntnissen ein eigenes Werk. Wiewohl im allgemeinen

den therapeutischen Prinzipien der Hippokratiker folgend, wich er

doch von der einfachen, mit wenigen Arzneisubstanzen hantierenden

koischen Behandlungsmethode in bedeutendem Maße ab, indem er von

Heilsubstanzen aller Art, besonders pflanzlichen und zusammengesetzten,

bei jeder Affektion Gebrauch machte. Die reiche Menge von Stoffen aus

den drei Naturreichen, welche der Völkerverkehr zusammentrug, weckte

die Lust zur Erprobung, auch beförderte die luxuriöse Lebensweise

des Zeitalters, der in Tagen der Krankheit die einfachen diätetischen

Vorschriften nicht mehr entsprachen, den Aufschwung verschwenderischer

Polypharmazie. Neben ~Arzneimitteln~, die er poetisch als „Götterhände“

bezeichnete, verwendete Herophilos sehr häufig auch den ~Aderlaß~

-- bei Hämorrhagien (in Gefolgschaft des Chrysippos) das Binden der

Glieder (an Kopf, Armen und Schenkeln); bei Hämoptyse gab er etwas

Gesalzenes mit Brot und Wasser. ~Diätetik~ (über die er eine eigene

Schrift verfaßte) und ~Gymnastik~, hinsichtlich welcher er ebenfalls

zu den größten Autoritäten zählte, vervollständigten den Heilplan.

Das reiche anatomische Wissen, über das er verfügte, befähigten

ihn überdies in der ~Chirurgie~ und ~Geburtshilfe~ Hervorragendes

zu leisten; auch das letztgenannte Fach machte er zum Gegenstand

des Unterrichts. Die reiche Erfahrung, welche ~Herophilos~ auf dem

Gesamtgebiete der Heilkunde erworben, die glückliche Geistesanlage,

welche den Drang nach Neuem mit der Anhänglichkeit am Alten würdig zu

paaren verstand, erhoben sein Denken über die Grenzen der Heilkunst

auf den Gipfel geläuterter, gereifter Lebensweisheit. Diese spiegelt

sich in dem lapidaren Satze, den er allen kommenden Aerztegeschlechtern

wie ein Testament hinterlassen hat: „~Der vollkommenste Arzt ist der,

welcher das Mögliche von dem Unmöglichen zu unterscheiden weiß.~“

Ueber die Entbindungskunst schrieb Herophilos das μαιωτικόν =

Hebammenbuch, welches noch nach mehreren Jahrhunderten mit größter

Anerkennung genannt wurde. Als Geburtshindernisse erkannte er

Schieflage, Enge des Mutterhalses oder Muttermundes, Verdickung der

Fruchthülle und Zurückhaltung des Fruchtwassers, Schwäche des Uterus

oder Muttermundes, allgemeine Schwäche, Blutungen, Fruchttod u. a.

Der Austritt könne zuweilen, allerdings schwer ohne Sprengung der

Häute erfolgen. Bei Prolaps falle nur der Muttermund vor. Auf den

Unterricht in der Geburtshilfe deutet die Sage von der Agnodike,

welche als Mann verkleidet sich von Herophilos unterweisen ließ,

dann in Athen gegen das Gesetz, das Frauen die Ausübung der Heilkunst

verbot, praktizierte und auf eine Anklage von seiten ihrer männlichen

Kollegen vor den Areopag gestellt wurde, aber freigesprochen wurde. --

Bezüglich der Chirurgie wäre zu erwähnen, daß Herophilos die Luxation

des Oberschenkels wegen Zerreißung des Lig. teres für unheilbar hielt.

~Erasistratos~ aus Julis (auf der Insel Keos) steht dem Herophilos an

positiven Leistungen nicht nur ebenbürtig zur Seite, sondern gewinnt

noch dadurch ein ganz besonderes Interesse, daß er geradezu als

vornehmster Frühvertreter der ~exakten~ Richtung anzusehen ist, welche

von der italischen und knidischen Schule schon angestrebt wurde, aber

im alexandrinischen Zeitalter eine breitere Grundlage erlangte.

Erasistratos dürfte etwa 330 v. Chr. als Sohn des Arztes

~Kleombrotos~ und der (Schwester des Anatomen Medios) Kretoxene

geboren sein und empfing seine medizinische Ausbildung namentlich

durch einen Schüler des Chrysippos von Knidos, durch ~Metrodoros~

(dritten Gatten der Tochter des Aristoteles, Pythias). Auf weiten

Reisen und durch emsiges Studium erwarb er sich eine umfassende

Bildung, wofür seine Belesenheit im Homer, seine Beeinflussung

durch die peripatetische Philosophie (Theophrastos) und seine

gründliche (vielleicht auch in Kommentaren bewiesene) Kenntnis der

hippokratischen Schriften als Zeugnis angeführt werden. Zweifelhaft

bleibt es, wo Erasistratos seine ~anatomischen~ Forschungen anstellte,

wo der eigentliche Schauplatz seiner Tätigkeit als Stifter einer

eigenen Schule gewesen ist. Für den vermutungsweise angenommenen

Aufenthalt in Alexandreia sprechen manche verbürgte Beziehungen

zum Ptolemäerhofe und die allerdings negative Tatsache, daß die

Möglichkeit, menschliche Leichen zu sezieren, für keinen anderen

Ort nachgewiesen ist. Daß er aber mindestens vorher eine Zeitlang

als Leibarzt am Seleukidenhofe in Antiocheia wirkte, darauf deutet

die bekannte, auch in der Malerei verherrlichte, romantische

Erzählung von dem liebeskranken Sohn des Seleukos Nikator, Antiochus.

Erasistratos erkannte nämlich -- so heißt es -- als Ursache der

schweren Erkrankung des Prinzen dessen heimliche Liebe zu seiner

Stiefmutter Stratonike und wußte durch eine feine List den König dazu

zu bewegen, mit Selbstentsagung den Wünschen des Sohnes zu willfahren.

-- Die größten anatomischen Entdeckungen machte Erasistratos erst

in vorgerückten Jahren, als er sich wahrscheinlich ausschließlich

der wissenschaftlichen Forschung widmete. Er starb etwa 250/40:

da er beim Vorgebirg Mykale begraben war, so nahm man an, daß er

sich gegen Ende seines Lebens nach Samos (gegenüber von Mykale)

zurückgezogen habe. Sein Tod war ein freiwilliger, er nahm Gift wegen

eines unheilbaren Geschwüres. Seine letzten Worte: „Wohl mir, daß

ich mich des Vaterlandes erinnere“ werden dadurch verständlich, daß

in Keos der Selbstmord der Greise -- ein Nachklang der barbarischen

Volkssitte der Greisentötung -- nichts Seltenes war.

Die Schriften des Erasistratos, welche schon dem Galen nicht mehr

vollständig vorlagen, behandelten, wie aus Zitaten zu entnehmen ist,

„allgemeine (darunter physiologische) Prinzipien“ (περὶ τῶν καθόλου

λόγων), Anatomie, Aetiologie, Hygiene, Arznei-, Nahrungsmittel und

Giftlehre und wichtige Kapitel der speziellen Pathologie und Therapie,

welche monographisch dargestellt wurden, wie die Fieberarten und ihre

Therapie, Unterleibsaffektionen, Lähmungen, Podagra, Wassersucht u. a.

Wie Herophilos, ja diesen in Einzelheiten noch übertreffend,

bearbeitete ~Erasistratos~ mit Erfolg die ~Anatomie~ und verbesserte

in fortgesetzten Untersuchungen an tierischen und menschlichen

Kadavern fremde, aber auch eigene Irrtümer. Das Größte leistete er

in der ~Nerven- und Gefäßlehre~. Anfangs Nerven mit Gefäßen noch

verwechselnd und dieselben aus der harten Hirnhaut herleitend, erkannte

er später, daß die Nerven mit Mark gefüllt sind, aus der Gehirnsubstanz

selbst entspringen und sich in ~Bewegungs- und Empfindungsnerven~

scheiden lassen; es entging ihm nicht der verschiedene Bau des

Großhirns und des Kleinhirns, sowie der Unterschied zwischen Tier-

und Menschenhirn in Bezug auf den Reichtum an ~Windungen~, was er

mit der größten ~Intelligenz~ in Zusammenhang brachte. Den Sitz der

Seele verlegte er anfangs vielleicht in die Häute, später jedoch ins

Kleinhirn (Tödlichkeit seiner Verletzung aus Beobachtungen an Tieren

erschlossen).

Die Beschreibung des Herzens mit seinen Klappen und Sehnenfäden

brachte er bis zur Vollkommenheit und lehrte, daß die (Pneuma

führenden) ~Arterien und die (Blut führenden) Venen vom Herzen

ihren Ursprung haben~; die ~Chylusgefäße~ bemerkte er (bei Ziegen),

hielt sie aber für Arterien, die bald Luft, bald Milch enthalten.

Der Trachea gab er ihren Namen und wußte, daß die Epiglottis

zum Verschlusse dient. Von den Eingeweiden beschrieb er mit

besonderer Sorgfalt die Leber und unterschied die Gallengänge.

~Sogar für die Pathologie zog Erasistratos bereits Nutzen aus der

Leichenzergliederung.~ Er fand z. B., daß bei Wassersüchtigen die

Leber steinhart werde, daß infolge der Vergiftung durch Schlangenbiß

(einer bestimmten Art) Leber, Dickdarm und Blase erweicht würden

(πεπονθέναι), erschloß auch auf Grund von Leichenöffnungen den

Sitz der Erkrankung bei der Pleuritis und erkannte als Ausgang

des pleuritischen Exsudats den Erguß ins Herz -- gewiß höchst

~anerkennenswerte Anfänge des anatomischen Denkens~! -- Bezüglich

der allgemeinen Anatomie wäre hervorzuheben, daß er die Körperteile

aus der Vereinigung (Dreigeflochtenheit τριπλοκία) der Nerven, Venen

und Arterien bestehen läßt.

Die ~Physiologie~ des Erasistratos kennzeichnet sich dadurch,

daß sie eine Reihe der älteren Leitgedanken, wie namentlich die

~Pneumalehre~[3], bis zu den letzten Konsequenzen verfolgt und im Sinne

der ~mechanistischen~ Auffassung durch Heranziehung des physikalischen

Axioms vom horror vacui (πρὸς τὸ κενουμενον ἀκολουθία) wesentlich

und einheitlich ausgestaltet; hiezu bildeten die Traditionen der

italischen und knidischen Schule (physikalische Vergleiche begegnen

uns wiederholt in den hippokratischen Schriften dieses Ursprungs) und

die zeitgenössische Physik, die Basis, die Theoreme der Peripatetiker

(namentlich Stratons), sowie der Stoiker das lockende Vorbild[4].

[3] Vergl. Hippokratiker; sizil. Schule (Philistion); Chrysippos;

Diokles; Praxagoras.

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 34 / 54 段