Das glückliche Zusammentreffen der ~realistischen~, durch

~Aristoteles~ zum Höhepunkt erhobenen (auch in der Kunst eines

Lysippos und Apelles hervortretenden) Geistesrichtung mit den

Waffenerfolgen des großen ~Alexandros~ legte den Grund zur

hellenistischen Kultur und wies ihr von vornherein feste Bahnen

an. Dankte sie dem Heldenkönig die ~Erschließung einer ungeahnten

Natur und fremdartigen uralten Geisteswelt~, so war es die Methode

des Stagiriten, welche die Bearbeitung des gewaltig anschwellenden

Erkenntnisstoffes in ersprießlicher Weise ermöglichte. Angesichts

des neu eröffneten Horizonts erwuchs dem Hellenismus ~der Drang

nach Expansion~ des eigenen Wesens -- was die Sammlung und Kritik

der bisherigen Leistungen zur Voraussetzung hatte -- ferner ~die

Aufgabe, das neue Material zu verarbeiten~ -- wodurch die Technik der

wissenschaftlichen Forschung neue Impulse empfing -- endlich die aus

der Völkermischung in den Diadochenstaaten entspringende ~Bestrebung~,

mittels Anpassung, Assimilation und Verschmelzung ~eine homogene

Kultur hervorzubringen~. Ein Abbild dieses Wogens und Werdens war

die Sprache des hellenistischen Zeitalters, welche unter zunehmenden

Einflüssen halbgriechischer oder ungriechischer Herkunft aus dem

Attischen herausgebildet, sich zu diesem, wie der Kosmopolitismus zum

Nationalismus verhielt.

~Ueberwuchernde Gelehrsamkeit, Realismus, virtuose Technik wurden

zur Signatur der Epoche!~ Begünstigt durch den Schutz und das

kulturfreundliche Interesse der Fürsten -- nicht auf dem Boden eines

freien Volkstums -- blühten alle diejenigen Kulturzweige mächtig

empor, welche ~praktischen Zwecken~ zustreben oder deren Ziele auch

durch Talente minderen Ranges auf dem Wege der ~Sammeltätigkeit~ und

~Arbeitsteilung~, durch ~Zufuhr von Wissensmaterial~ und ~Verbesserung

der Forschungsmittel~ erreichbar sind, wenn nur einmal ein großer

Gedanke als Leitmotiv durch einen Denker gegeben ist, wie die

Mathematik, Astronomie, Physik, die beschreibenden Naturwissenschaften,

die Technik und Architektur, die Geographie und Periegese, die

Kunsttheorie und Literaturgeschichte und namentlich die Philologie. Wo

hingegen bloß unabhängiges Denken, hohe Ideale, fesselfreie Phantasie

oder die Gedankentiefe eines Genius, dessen Kräfte nicht durch

zersplitterndes Spezialstudium ermattet sind, wahrhaft ursprüngliche

Schöpfungen hervorzubringen im stande sind, wie in der Poesie, in

der bildenden Kunst, in der Philosophie, da zeigten (außer einzelnen

hervorstechenden Ausnahmen) die Leistungen dieser Epoche ein ödes

Mittelmaß, ein hinsiechendes Epigonentum, welches gerade durch die

raffinierte Künstelei seiner eklektischen Philosophie und gelehrten

Poetasterei, durch seine manieriert-naturalistische Plastik und

Malerei nur umsomehr daran erinnert, daß die klassische Epoche des

ästhetisch-deduktiven Griechentums mit seiner tiefen Originalität

schon entschwunden war!

Der hellenistischen Kultur mit ihrer expansiv-assimilatorischen

Tendenz wurde durch Alexander den Großen nicht nur die Bahn eröffnet,

sondern zum Teile sogar Ziel und Richtung vorgezeichnet. Er errichtete

auf den Trümmern des Perserreichs nicht bloß eine weltgebietende

mazedonisch-hellenische Herrschaft, sondern begünstigte auch,

erfüllt von staatsmännischer Weisheit, die kulturelle Annäherung

zwischen Hellenen und „Barbaren“, indem er einerseits das Panier der

griechischen Bildung in Asien und Nordafrika aufpflanzte, anderseits

durch einen Stab von Gelehrten alles Wissenswerte aufzeichnen ließ

und mit Duldung den Sitten der besiegten Völkerschaften entgegenkam

-- darin im Widerspruch mit dem streng nationalen Hellenen. Und wie

Alexander selbst gegen Ende seiner Siegerlaufbahn allmählich den

Lockungen des orientalischen Gepränges und der Phantastik asiatischen

Aberglaubens nicht zu widerstehen vermochte, so gewannen ebenso auch

in der durch Völkerverschmelzung hervorgebrachten hellenistischen

Kultur nur allzu früh neben den griechischen die fremdartigen Elemente

bestimmenden Einfluß, der sich in orientalischer Dialektik und Mystik

zunehmend äußerte.

Mag auch, so rasch wie sie entstanden, die politische Einheit der

ungeheuren Länderkomplexe mit dem Tode des Stifters zerfallen sein,

der gewaltige Kulturgedanke, griechisches Wesen zum Gemeingut zu

machen, wirkte in den Teilreichen der ehrgeizigen Generale Alexanders

fortzeugend weiter und knüpfte in der fortwährenden Völkervermischung

neben wirtschaftlichen immer mehr geistige Verbindungen zwischen

Hellenismus und Orient. Wie weit die hellenische Sprache, allerdings

auf Kosten ihrer Reinheit, vordrang, beweisen z. B. die nubischen

Inschriften, welche Verbreitung die hellenische Kunst auf dem

Boden des Orients fand, zeigen die Schöpfungen der pergamenischen

Kunst mit ihrem eigenartigen Mischcharakter, noch eklatanter die

griechischen Theater, die man in Babylon aufgrub u. a.; wie sehr das

Griechentum umgekehrt mit Natur und Geisteswelt des Ostens in nahe

Beziehung trat, bezeugt der erstaunliche Aufschwung der Zoologie,

Botanik, Mineralogie, Pharmako-Toxikologie und deutet das Interesse

an, welches abgesehen von historisch-geographischen Arbeiten oder

Reisebeschreibungen Werke über ägyptische oder babylonische Geschichte

(Manetho, Berosos) anregte.

Als Folge der Verbreitung des griechischen Geisteslebens in neue

Gebiete und gemäß den geänderten politischen Verhältnissen tauchten

neue Kulturzentren auf, welche zumeist mit den Residenzen der

Diadochen zusammenfielen und sehr bald die bisherigen Pflegestätten in

den Schatten stellten, nur in der Philosophie bewahrte Athen seinen

Ruf unangetastet weiter. Die Diadochen setzten schon in der Absicht,

die Fremdherrschaft zu verschleiern, alles daran, durch Begünstigung

des Handels und der Gewerbe, durch Förderung der Wissenschaft und

Kunst den Wohlstand und die Heimatsliebe ihrer Untertanen, den Ruf

und den Glanz ihrer Residenzen zu steigern; manche derselben waren

auch selbst von mehr als dilettantischem Eifer für Wissenschaft

oder Kunst erfüllt, zogen Gelehrte heran und erleichterten deren

Forschungen durch Anlage von Büchersammlungen und wissenschaftlichen

Instituten. Rühmend ist in dieser Hinsicht einiger Seleukiden in

Syrien und besonders der Beherrscher von Pergamos zu gedenken, welche

der Kunst eine neue Entwicklungsphase eröffneten, Elementarschulen,

Gelehrtenanstalten und eine großartige Bibliothek errichteten, die im

ganzen Altertum verdienten Ruf genoß. (Bekanntlich verbot Aegypten

später aus kleinlichem Neid die Ausfuhr der Papyrospflanze, was zur

Erfindung des Pergaments Anlaß gab.)

Allen voran aber glänzte das Fürstengeschlecht der ~Ptolemäer~,

welche Aegypten zum Brennpunkt des gesamten Handelsverkehrs machten,

ihre Schiffe bis nach Persien und Indien im Osten, bis Madera im

Westen entsendeten, Gewerbe und Technik (besonders Schiffbau)

begünstigten und das wirtschaftliche Aufblühen des Nillandes

während einer langen Zeit des Friedens dazu nützten, um seinen

Ruhm als Heimstätte der Kultur aufzufrischen: solcher Art den Zoll

der Dankbarkeit entrichtend, den Hellas noch aus grauer Vorzeit

für übermittelte Keime der Gesittung dem Reiche der Pharaonen

schuldete. Unter ihrem Zepter wurde ~Alexandria~ das, was der große

Alexander mit divinatorischem Blicke aus der geographischen Lage

vorausgesehen hatte: ~die Metropole des Kulturlebens der antiken

Welt~, ein Vorbild, von dem die ganze Epoche ihren Namen empfing.

Mit hellenischem Feinsinn ausgestattet, ließen die Ptolemäer

prächtige Paläste, Theater, Gemäldehallen, Gymnasien und Rennbahnen

aufführen, ihre Residenz mit den erlesensten Sehenswürdigkeiten

schmücken, zoologische und botanische Gärten anlegen; mit regster

eigener Teilnahme an dem Aufblühen der Kunst und Wissenschaft

beriefen sie Künstler und Gelehrte an ihren Hof und sammelten

in bibliomanischem Eifer unter schweren Geldopfern die bis dahin

allerorten zerstreuten Handschriften von hervorragenden Werken der

schönen und der wissenschaftlichen Literatur, welche Kaufleute aus

der ganzen Welt zusammenbrachten. Die beiden ersten Fürsten aus

diesem Hause, Ptolemaios Soter (304-285 v. Chr.), der in vertrautem

Umgang mit Philosophen lebte, sich auch selbst als Geschichtschreiber

auszeichnete, und Ptolemaios Philadelphos (285-247 v. Chr.),

welcher als Freund der Naturforschung (namentlich der Zoologie) die

Interessen derselben durch große Unternehmungen förderte, errichteten

mit wahrhaft fürstlicher Freigebigkeit jene beiden Institute,

welche den Ruhm Alexandrias auf wissenschaftlichem Gebiete für

Jahrhunderte sicherten und für die ganze weitere Geistesentwicklung

so bedeutsam wurden: ~die alexandrinische Bibliothek~ und das mit ihr

verbundene Gelehrtenpensionat, das ~Museion~ -- Anstalten, welche

in großartigster Weise die namentlich von ~Aristoteles~ vertretene

Idee verwirklichten, ~durch reiche Büchersammlungen die Mittel zur

kritisch-vergleichenden, historisch-literarischen Arbeit für jedes

Fach herbeizuschaffen und die wissenschaftlichen Spezialarbeiter in

Form einer Gelehrtengemeinde einheitlich zu organisieren~. Es ist

kein Zufall, daß der Peripatetiker Demetrios von Phaleron mit seinen

Anregungen, die aus dem Vorbilde des Peripatos geschöpft waren, an

der Wiege dieser Institute stand. Die Bibliothek des Museions bestand

aus vielen Tausenden von Papyrosrollen, welche sorgsam katalogisiert,

die Schätze des hellenischen Geistes und in Uebersetzungen auch

Literaturdenkmäler fremder Nationen bargen; das Museion selbst war

eine im Bereich der königlichen Paläste (im Stadtteil Brucheion)

liegende Anstalt, die mit allen zu einem angenehmen Aufenthalt und

bequemen wissenschaftlichen Verkehr dienenden Einrichtungen versehen

war, und in welcher Gelehrte Wohnung sowie Unterhalt fanden, damit sie

sich, frei von jeder Sorge, außerdem noch durch hohe Jahresgehälter

ermuntert, ausschließlich den wissenschaftlichen Forschungen und

dem Unterrichte der von allen Gegenden zusammenströmenden Schüler

widmen konnten -- Akademie und Hochschule zugleich. Von geringerer

Bedeutung war eine zweite kleinere, ebenfalls von Ptolemaios

Philadelphos errichtete, im Serapeion (im Stadtviertel Rhakotis)

befindliche Bibliothek, welche Doubletten der ersteren zumeist besaß

und vorwiegend zu praktischen Unterrichtszwecken verwendet worden zu

sein scheint.

In solchem Milieu, welches das ~Gelehrtentum~ mit all seinen

Licht- und Schattenseiten zuerst in scharfen Gegensatz zum Volke

stellte, mußte das ~wissenschaftlich-kritische~ Element gegenüber

dem künstlerisch-intuitiven weitaus die Oberhand erhalten. Hohe

Blüte erreichten insbesondere die Philologie, die Mathematik und die

Naturwissenschaft, welche letztere nach fast völliger Abtrennung von

metaphysischen Spekulationen, gefördert durch verbesserte technische

Hilfsmittel, zielbewußt die Wege der ~Spezialforschung~ beschritt.

Auf diesen Gebieten wurde die größtmöglichste Höhe erreicht, welche

überhaupt dem Altertum beschieden war, und viele Jahrhunderte zehrten

lediglich an den Erfolgen, welche die alexandrinische Epoche gezeitigt

hat. Den alexandrinischen Philologen ist die Sammlung und Redaktion

der hervorragendsten griechischen Literaturdenkmäler zu danken,

und bis auf die moderne humanistische Gelehrsamkeit wirkt fort,

was Männer wie Eratosthenes, Aristophanes von Byzanz (der Erfinder

der Akzentuation) und Aristarchos von Samothrake -- von den vielen

anderen nicht zu reden -- für Grammatik, Textkritik, Lexikographie,

Bio- und Bibliographie geschaffen haben -- Leistungen, die durch

die mehr historisch-antiquarische Philologenschule von Pergamos

glücklich ergänzt wurden. Noch erstaunlicher ist das gleichzeitige

Aufblühen der exakten Wissenschaften. So bleibt für immer mit der

Geschichte der Mathematik der Name eines Eukleides, eines Apollonios

(Kegelschnitte), eines Hipparchos (Trigonometrie) unzertrennlich

verknüpft; eine Geistestat ersten Ranges bedeutet die früheste

Erdmessung des Polyhistors Eratosthenes, und was die alexandrinische

Astronomie anlangt, so verbleichen selbst die bewunderungswürdigsten

Errungenschaften (Topographie des Fixsternhimmels, Berechnung

der Größe, Entfernung, des Umlaufs der Himmelskörper, Präzession

der Nachtgleichen, astronomische Ortsbestimmung etc.) gegenüber

der heliozentrischen Theorie, welche, anderthalb Jahrtausende vor

Kopernikus, Aristarchos von Samos in kühner Antizipation aufstellte.

Auch Optik und Akustik fanden wissenschaftliche Begründung und

systematische Bearbeitung (Eukleides). Als höchster Repräsentant der

Epoche ist aber der Riesengeist Archimedes anzusehen, der zwar auf dem

Felde der reinen Mathematik und theoretischen Mechanik (Hydrostatik)

kaum Nachfolger hatte, dafür aber auf die Entwicklung der praktischen

Mechanik durch zahlreiche technische Erfindungen (an 40 Maschinen,

darunter Flaschenzug, archimedische Schraube, Kriegsmaschinen) höchst

anregend wirkte. Es genüge der Hinweis auf Ktesibios, welcher die

Wasserorgel baute, die Wasseruhr verbesserte, die Feuerspritze mit

dem Windkessel erfand, namentlich aber die Erinnerung an den genialen

Heron, der -- ein Mann von seltenem Erfindungsgeist -- eine große

Zahl von Automaten ersann, bereits Apparate konstruierte, die durch

erwärmte Luft oder Dämpfe in Bewegung gesetzt wurden und sogar der

Lehre vom Luftdruck sehr nahe kam; seine „Pneumatik“ enthält die

Beschreibung einer Dampfturbine, des Aeolsballs, des Heronsballs,

der Pipette, des Saughebers, sowie der intermittierenden Brunnen --

für die Medizin war es bemerkenswert, daß Heron die Lehre von den

Schröpfköpfen zurechtlegte.

Die Lichtseiten des wissenschaftlichen Lebens fanden leider

dadurch eine starke Trübung, daß die führenden Geister mehr oder

minder vereinzelt blieben, trotz der Masse von „Schülern“, weil diese

es zumeist vorzogen, mit einer dialektischen Scheingelehrsamkeit

täuschend zu prunken, statt den mühsamen, dornigen Weg der

Tatsachenforschung ihrer Meister zu beschreiten; nicht wenig mag

hierzu das in der Hofluft der Ptolemäer gezüchtete Strebertum und

der im Museion großgezogene Kastengeist der Gelehrten beigetragen

haben, denn besonders in den programmäßigen (zuweilen in Anwesenheit

der fürstlichen Gönner abgehaltenen) Sitzungen dürfte nicht selten

schönrednerische Rhetorik und dialektische Spitzfindigkeit den

Augenblickserfolg über bedächtigen wissenschaftlichen Ernst mit seinen

langsam heranreifenden Arbeiten errungen haben. Von einer wirklichen

Durchsetzung mit jenem Geiste, der sich der reinen Wissenschaft

an sich widmet, war bei der Mehrzahl der Autoren keine Rede, sie

suchten, was ~effektvoll~ war oder für den niederen Kreis des Lebens

~sofortigen Nutzen~ bringt -- beides im Widerspruch mit dem Gange

wahrhaft wissenschaftlichen, namentlich naturwissenschaftlichen

Fortschritts.

Sehr deutlich spiegelt sich dieser Zug von Virtuosentum,

Naturalismus und Individualismus, der allerdings mehr der späteren

alexandrinischen Epoche eigentümlich ist, auch in der Philosophie,

in der Dichtkunst, in der Plastik und Malerei wider. Ohne wahrhaft

neue Gedanken von ursprünglicher Tiefe, verfiel die Philosophie in

Schulzänkereien, welche in willkürlicher Deutung der einstigen großen

Meister, in Schönrednerei aufgingen, starren ~Dogmatismus~ oder aber

zersetzende ~Skepsis~ hervorbrachten; auch die bedeutendsten Systeme,

das der ~Stoa~ und dasjenige, welches ~Epikur~ zum Stifter hatte --

in theoretischer Hinsicht nur Fortbildungen der Lehre Heraklits bezw.

Demokrits --, dienten mit ihrem rohen Materialismus und Sensualismus

weit weniger der Erkenntniskritik als der Individualethik, welche die

zerfallende Religion ersetzen sollte. Die Poesie der Alexandrinerzeit

krankte zum großen Teile an gelehrtem Ueberschwang, welcher, in

der Sucht zu glänzen, das möglichst Unbekannte hervorzog, aber

nicht im mindesten jenes echt künstlerische Gefühl und namentlich

jene Empfindungstiefe zu ersetzen vermochte, die der wurzelechten

Dichtkunst des bodenständigen Hellenentums eigen war. Der raffiniert

überfeinerte Zeitgeschmack fand Gefallen an möglichst gekünstelten

Dichtungsformen, die in abgeschmackte Spielereien ausarteten, und die

sittlich degenerierende Kultur, bar jeder höheren Ideale, reflektierte

sich in Komödien, deren Stoffkreis aus den engsten Privatverhältnissen

gewählt war, oder in Literaturerzeugnissen, die (wie die Mimjamben

des Herondas beweisen) den schlüpfrigsten Naturalismus vertraten, --

nur die bukolische Idyllenpoesie des Theokritos verrät gerade durch

ihre Sentimentalität und erfrischende Anmut das Heraussehnen aus der

Gelehrsamkeit und Ueberfeinerung in die Einfachheit und Behaglichkeit,

welche dem Kulturgetöse Alexandreias längst entwichen war. Was die

schönen Künste anbetrifft, so gewann die Architektur sicherlich

am meisten durch die Anregungen, welche der Fürstengunst und dem

Luxus des Zeitalters entsprangen, in der Plastik und Malerei aber

bewirkten die gleichen Einflüsse eine auf glänzende Scheinbarkeit,

auf virtuosenhafte Behandlung hinzielende Richtung. Freilich in den

plastischen Meisterwerken dieser Epoche (z. B. Gruppe des Laokoon,

des farnesischen Stieres, Statue des sterbenden Galliers, Apollo vom

Belvedere u. a.) leidet die Schönheit keineswegs unter der starken

Leidenschaftlichkeit des Ausdrucks oder der Kolossalität der Formen,

unter der naturalistischen Charakteristik der gesuchten theatralischen

Wirkung oder der Subjektivität der Auffassung -- immerhin entfernte

man sich doch zunehmend von der klassischen Einfachheit und

Ruhe; in der Malerei führte bei den Epigonen die von den Meistern

(Zeuxis, Parrhasios und Apelles) begründete naturwahre und fein

individualisierende Richtung mit ihrer scharfen Berücksichtigung

der Proportionen und Lichtwirkung allmählich zu einem übertriebenen

Naturalismus, der sich auch in der Vorliebe für derbes, niedriges

Genre und Karikaturen, für Stilleben und Lichteffekte verband. -- Das

alexandrinische Zeitalter erinnert in manchen Erscheinungen an die

Gegenwart und läßt sich auch gerade von den Modernen richtig werten!

Diese kann es nicht überraschen, daß gerade in einer Epoche der

Ueberkultur bei den Phantasten hart neben den Fortschritten exakter

Naturwissenschaft die Vorliebe für die „Nachtseite“ des Natur- und

Geisteslebens, der Aberglauben zu großer Blüte gedieh -- umsomehr

als die eindringende mystische Weisheit des Orients, mit dem Nimbus

einer tausendjährigen Vergangenheit ausgestattet, auf alle diejenigen

ihren Zauber ausüben mußte, welche nur in okkulten Seltsamkeiten das

Wunder erblickten oder nach einer Verinnerlichung strebten, in deren

Tiefen die erst aufstrebende sonnenklare Wissenschaft noch nicht

dringen konnte. In der Literatur hat der Mystizismus breite Spuren

zurückgelassen, welche später höchst bedeutsam wurden; dahin zählen

zunächst die Ausartungen von naturwissenschaftlichen Werken und

Reisebeschreibungen zu Wunderbüchern, welche in fabulistischer Manier

und mystischer Tendenz alles Monströse und Abenteuerliche in der Natur

oder bei fremden Völkern in den Vordergrund stellten, Steinbücher,

welche den Glauben an die dämonische Macht der Edelsteine über Körper

und Geist verbreiteten, Zauberbücher, die mit den ehrwürdigen Namen

von ägyptischen Göttern oder assyrischen Königen, mit den Namen

eines Zoroaster, Orpheus, Pythagoras oder Demokrit in Zusammenhang

gebracht wurden, endlich -- eine Unmasse von Traumbüchern. Es läßt

sich nicht verkennen, daß neben dem ~Emporwuchern des Aberglaubens

aus den niederen Schichten der Gesellschaft in die höheren~, die

innige Berührung der Griechen mit dem Orient, sowie die Anteilnahme

hellenisierter Orientalen an der Literatur diese trunkene

phantastische Richtung beförderte und ihr später leider zum Triumph

über die nüchterne Wissenschaft verhalf.

~Die Medizin der alexandrinischen Epoche~, unverkennbar ein Produkt der

zumeist förderlichen Zeitverhältnisse, machte nicht allein hinsichtlich

der Summe erfahrungsmäßiger Kenntnisse und Heilmethoden, sondern auch

im Hinblick auf die Höhe der wissenschaftlichen Denkmethodik bedeutende

Fortschritte, welche aber leider nur zu bald wieder durch hochfliegende

Spekulation und spitzfindige Dialektik beeinträchtigt wurden.

Die neue Pflegestätte, Alexandreia, verfügte über alle jene

Hilfsmittel, welche geeignet waren, die Traditionen von Kos und

Knidos in der Richtung der von Aristoteles begründeten systematischen

Forschung weiterzubilden. Hier sorgten umfassende Bibliotheken für die

historisch-literarische Grundlage (deren Mittelpunkt die Redaktion

des Corpus Hippocraticum ausmachte), hier erprobten Meister von

vielseitigem Wissen, inmitten einer internationalen (aus Griechen,

Aegyptern, Juden bestehenden) Schülerschaft ihre Kunst an einer

Menge, von allerorten zusammenströmenden Kranken (zum Teil mit bisher

unbekannten Affektionen)[1], hier brachte der Handelsverkehr eine

Unzahl neuer Heilstoffe auf den Markt, und wenn man daran ging, das

anschwellende Wissensmaterial zu ordnen und zu sichten oder mit der

Fackel der Reflexion zu durchleuchten, so ließen sich nirgends leichter

Vorbilder finden als im regen Geistesleben Alexandreias, wo die mächtig

aufstrebende beschreibende und erklärende Naturwissenschaft eine feste

Stütze bieten konnte. Die Sammlung der medizinischen Handschriften,

verbunden mit dem ~Studium der medizinischen Literatur und Geschichte~,

die Pflege der Zoologie, Botanik und Steinkunde, die Heranziehung

physikalisch-technischer Errungenschaften in den Dienst der Medizin,

die Errichtung einer Art von ambulatorischer Klinik im Museion, trug

reiche Früchte für die Festlegung und Kritik der wissenschaftlichen

Ueberlieferung, für die ~Arzneimittel-~ und ~Giftlehre~, für

die ~Verfeinerung der Symptomatologie und Diagnostik~, für die

chirurgische Apparate- und Verbandlehre, und unleugbar gewann selbst

die medizinische Theorie bereits so manches durch die dem Beispiel der

Physiker entnommene quantitative Denkweise, sowie durch die zuweilen

schon angewendete Experimentalmethode. Was früher nur einzelnen

unter den größten Schwierigkeiten zu schaffen möglich war und bei der

mangelnden Zentralisation des wissenschaftlichen Betriebs verloren

ging, das floß jetzt in breitem Strome in ein großes Sammelbecken.

Den glänzendsten Aufschwung aber nahm ~die Anatomie~, welche in

Alexandreia zuerst und vielleicht ausschließlich jene vorurteilslose

Förderung empfing, die zu ihrem Gedeihen nötig ist. Vorbereitet durch

die Sitte der Einbalsamierung, wodurch die Sektion der Leichen in

Aegypten nicht wie sonst überall mit dem Odium der Pietätslosigkeit

belastet war, begünstigt durch das tatkräftige Interesse der Ptolemäer,

schritt die Anatomie von der Zootomie zur Zergliederung menschlicher

Leichen, von zerstreuten, zufälligen Einzelfunden zur Präparierung,

zur systematischen Forschung weiter und häufte ein Material zusammen,

das zur selbständigen Wissenschaft emporgewachsen, besonders in der

~Chirurgie~ und ~Geburtshilfe~ zu den kühnsten und erfolgreichsten

Eingriffen Veranlassung gab. Dauerte auch die eigentliche Blüte der

Zergliederungskunst mit ihrer Ergänzung durch die ~Vivisektion~ nicht

lange -- schon Ptolemaios Physkon vertrieb viele Aerzte und Gelehrte --

so machten sich doch noch jahrhundertelang die Nachwirkungen insoferne

geltend, als nirgends so sehr wie in Alexandreia die ärztliche

Ausbildung mit anatomischen Kenntnissen verknüpft blieb.

[1] ~Aussatz~, ~Filaria medinensis~, ~Bubonenpest~.

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 33 / 54 段