Durch die Abkunft von knidischen Asklepiaden prädestiniert,

durch den Studiengang der ersten Lehrjahre im Sinne einer

kritisch-realistischen Geistesrichtung beeinflußt, fiel Aristoteles

die Rolle zu, die Ideenlehre Platons mit der Erfahrungswissenschaft

in innigen Zusammenhang zu bringen. Der Einfluß ärztlicher

Jugendeindrücke und der Lektüre ärztlicher (besonders auch

hippokratischer) Schriften tritt stellenweise noch in den reifsten

Meisterwerken des Stagiriten zu Tage, wenn er beispielsweise in der

Metaphysik den Unterschied zwischen Empirie und Kunst im Hinblick

auf die Medizin erörtert oder wenn er die ästhetische Wirkung des

Dramas mit der Katharsis (Säftereinigung) in Analogie bringt. Der

Realismus führte Aristoteles dazu, sich zur Grundlegung seiner

Weltanschauung auf ein Tatsachenmaterial zu stützen, wie es in solcher

Reichhaltigkeit wohl nie durch einen einzigen zusammengetragen wurde,

und welches nicht nur aus fleißiger kritischer Benützung fremder

Erfahrungen, sondern zum größten Teile aus den eigenen Beobachtungen

des Philosophen und seiner Schule herstammt. Gefördert durch die

Munifizenz des Königs Philipp und späterhin des großen Alexander,

wodurch die reichhaltigste Sammlung von Naturkörpern aller Art

ermöglicht wurde, mit seltenem echt naturwissenschaftlichen Blick

begnadet, arbeitete sich Aristoteles durch das gesamte Reich der

Schöpfung hindurch, organisierte zweckbewußt die Forschertätigkeit

seiner Jünger nach dem Prinzip der Arbeitsteilung und verfaßte auf

breiter und allseitig gestützter Basis neben den philosophischen,

staatsrechtlichen, rhetorischen, ethischen, ästhetischen eine

Reihe von naturwissenschaftlichen Meisterwerken -- medizinische

sind nicht erhalten -- die für Jahrtausende eine unerschöpfliche

Fundgrube bildeten. Zu diesen zählen 8 Bücher φυσικαὶ ἀκροάσεις =

naturwissenschaftliche Vorlesungen, 10 Bücher περὶ τὰ ζῷα ἱστορίαι =

Tiergeschichte = De historia animalium (beste Ausgabe von Aubert und

Wimmer, Leipz. 1868), 4 Bücher περὶ ζῷων μορίων = von den Teilen der

Tiere = De partibus animalium, 5 Bücher περὶ ζῷων γενέσεως = von der

Entstehung der Tiere = De generatione animalium (Ausgabe von Aubert

und Wimmer, Leipz. 1860), περὶ αὶσθήσεως καἱ περὶ αἱσθητῶν = über

Wahrnehmung und Wahrnehmbares = De sensatione, 2 Bücher περὶ γενέσεως

= über Entstehung = De generatione, 3 Bücher περὶ ψυχῆς = über die

Seele = De anima, 4 Bücher Μετεωρολογικά. So gewaltig der vorliegende

Stoff ist, die erhaltenen Werke geben gleichsam nur Stichproben

von dem ungeheuren Erfahrungsstoff, welchen Aristoteles bei seiner

Durchforschung der physikalischen Vorgänge, des Baues und Lebens

der Organismen angehäuft hat. Die größte Zahl der Werke ist verloren

gegangen. Der Zweck dieser kolossalen mit durchdringendem Verstand

durchgeistigten Materialanhäufungen war es, die Gesetze und Ursachen

des gesamten Seins und Werdens, das Gemeinsame, das Typische im Chaos

der Erscheinungen zu erfassen. Beobachtungen, Versuche, Abstraktion

aus der Empirie, unter der berühmt gewordenen Voraussetzung, daß alle

Ideen aus der Sinnestätigkeit hervorgehen (nihil est in intellectu

quod non prius fuerit in sensu), bilden somit einen Hauptteil der

Forschung des Aristoteles, ohne aber in dem Maße bestimmend zu werden,

daß sie durchgehends zur wahren induktiven Methode führen würden.

~Platon~ hatte den sokratischen Allgemeinbegriffen eine von der

materiellen Wirklichkeit gesonderte reale Existenz zugesprochen und

zwei verschiedenartige Welten statuiert: die sinnlich wahrnehmbare,

unvollkommene, stetem Wandel unterworfene Erscheinungswelt und das

Reich der unvergänglichen, nur der Vernunft erkennbaren „Ideen“.

(Die einzelnen Dinge sind bloß der Abglanz der Ideen, nehmen an

diesen nur teil je nach dem Grade ihrer Vollkommenheit.) -- Diesen

schroffen Dualismus suchte Aristoteles dadurch zu überbrücken, daß

er den Ideen (Typen, Normen) zwar Realität zuerkannte, aber keine

solche, welche transzendent über der Erfahrungswelt steht, sondern

vielmehr ~immanent~ den Einzelerscheinungen als innerste Wesensform,

als bewegende Kraft innewohnt. Jedes bestimmte Ding ist Produkt aus

der Materie (ὓλη), welche das Substrat bildet, und der treibenden

Idee (Gattungstypus), welche als ~Form~ (εἰδος, μορφή) den Stoff

gestaltet; um die im Stoffe als Anlage zur Gestaltung ruhende

Potentialität (δύναμις) in Aktualität (ἐνέργεια) umzusetzen, ist

Bewegung (κίνησις), ein Werdeprozeß nötig, welcher zwar den nötigen

Anstoß durch eine mechanische Ursache empfängt, im letzten Grunde

aber in seiner Richtung durch die einem bestimmten Zwecke zustrebende

Idee (ἐντελέχεια) bedingt wird. ~Stoff und Form, äußere Ursache

und Zweck~ bilden die vier Prinzipien jedes Seins; die wirkenden,

mechanischen Kräfte (causae efficientes) stehen nur im Dienste

der Zweckursachen (causae finales), welche in der vollendeten Form

zur äußeren Erscheinung gelangen. ~Die Idee, welche im Einzelding

verborgen liegt, den Zweck, der seine Form bedingt, zu erkennen, das

allein macht, nach Aristoteles, das wahre Wissen aus~, und deshalb

versuchte er, im Streben nach Totalität, auf den verschiedensten

Gebieten die grundlegenden Gesetze bloßzulegen, indem er an der Hand

eines reichen Sammelmaterials das Allgemeine im Besonderen nachwies.

Die größten Erfolge erzielte er auf dem Felde der beschreibenden

Naturwissenschaften, wo er nicht allein einen immensen Erfahrungsstoff

aufstapelte, sondern die ~entwicklungsgeschichtliche Betrachtung~ aufs

glänzende durchführte, die allgemeine Anatomie (der gleichartigen

Teile) begründete und durch glückliche Anwendung des Prinzips der

Vergleichung zum Schöpfer der Zoologie und Botanik wurde. ~Ewig

bleibt es eine großartige Leistung, zuerst die Analoga der Organe

des Menschen durch das ganze Tierreich abgehandelt~, den Stufengang

im Reich des Lebendigen nachgewiesen, die natürliche Einteilung der

Tiere in solche, welche Blut und solche, welche nur ein Analogon

desselben besitzen, vorgenommen zu haben. Der denkenden Betrachtung

des Organischen, wo die Teile zum Zwecke des Ganzen angelegt sind

und harmonisch zusammenwirken, wo der Kausalnexus sich mit der

Zweckmäßigkeit deckt, indem der vererbte Typus die Richtung und

das Maß der physikalisch-chemischen Kräfte anscheinend zielstrebend

beherrscht, ist auch im wesentlichen die metaphysische Grundlehre

des Aristoteles, welche die ~Formbestimmtheit~ in den Vordergrund

rückt, ~dynamisch-teleologisch~ aufgebaut ist, entlehnt. Weit

weniger bedeuten die Leistungen des Stagiriten in den „erklärenden“

Naturwissenschaften, wo die Enthüllung des mechanischen Kausalnexus

allein maßgebend ist und nur nüchterne Betrachtung, durch

quantitatives Denken geleitete Versuche, zum Ziele führen können,

jedes Hineintragen von ästhetisch-teleologischen Begriffen aber den

Gang der Untersuchung verwirrt. Dieselben Mängel haften natürlich auch

seiner Biologie an, insofern die einseitig teleologisch-dynamische

Anschauungsweise zwar vermöge ihres heuristischen Wertes viele

bleibende Ergebnisse zeitigte, aber nicht, ohne der nüchternen Analyse

den Weg zu verlegen. Bei dem Mangel an exakten Forschungsmitteln zur

schärferen sinnlichen Beobachtung erschien das „Besondere“ einfacher,

als es wirklich ist, wodurch die aristotelische Ableitung aus wenigen

Prinzipien häufig einer gewaltsamen Ausdeutung vieler Tatsachen durch

eine leichtfertige Annahme gleichkommt. Das Quantitative der Vorgänge

fand gar keine Berücksichtigung, und der mechanische Kausalnexus

trat so sehr hinter die Teleologie zurück, daß Aristoteles sogar die

Struktur der Organe aus ihrer Funktion erklärte, statt umgekehrt. ~Die

Probleme der Naturtechnik wurden vor Enträtselung der Naturmechanik

studiert.~ Wiewohl der Enkelschüler des Sokrates die Induktion

theoretisch als wichtige Forschungsmethode erkannte, um allgemeine

Gesichtspunkte zu gewinnen, so machte er dieselbe doch in der

naturwissenschaftlichen Praxis vielfach unfruchtbar, indem er sich die

Tatsachen von ~vornherein~ vermittels teleologischer oder ästhetischer

Gesichtspunkte zurechtlegte. ~Die Induktion, wie sie der Begründer

der Syllogistik und des wissenschaftlichen Beweises anwendete, war nur

ein untergeordnetes Verfahren, das von wenigen Tatsachen ausging und

auf voreiligen Analogien beruhte, keineswegs aber die quantitative

Bestimmung, um theoretische Ergebnisse zu erhalten. Der Schwerpunkt

der aristotelischen Methode lag bei dem Streben nach Zusammenfassung

und Totalität in der Deduktion, die er nach dem Vorbilde der

Mathematik ausbildete, wobei metaphysisch-teleologische Prinzipien

die Stelle von Axiomen einnahmen und die Kongruenz der logischen

Verbindungsfähigkeit von Begriffen mit der realen Verknüpfung der

entsprechenden Objekte apodiktisch vorausgesetzt wurde.~

Die innige Durchdringung von Spekulation und Empirie offenbart

sich nicht am wenigsten in der aristotelischen Anatomie und

Physiologie, welche, unter ~teleologischem~ Gesichtswinkel gemeinsam

abgehandelt, viele Jahrhunderte hindurch als Vorbild vollkommenster

Wissenschaftlichkeit dienten. Die Anatomie des Stagiriten ließ die

Arbeiten der Vorgänger und von den Zeitgenossen die Leistungen des

Diokles nicht unbeachtet, entbehrt auch keineswegs der Verbesserungen,

besonders in der Gefäßlehre, enthält aber noch zahlreiche schwere

Irrtümer teils infolge der willkürlichen Uebertragung von Ergebnissen

der Tiersektion auf den Menschen, teils infolge vorgefaßter Meinungen.

Wertvoll ist die Begründung der allgemeinen Anatomie, der zufolge

die vier Elemente[73] zunächst die gleichartigen Stoffe des Körpers

(Homoiomerien = entsprechend den Geweben) bilden, nämlich Adern,

Sehnen, Fasern, Knochen, Knorpeln, Horn, Haut, Haare, Membranen,

Fleisch, Fett, Blut, Mark, Milch, Samen, aus deren Zusammensetzung

erst die Organe hervorgehen. Die Embryologie ist gegenüber den

Kenntnissen der Vorgänger wesentlich vorgeschritten durch das Studium

der Entwicklung des Hühnchens im Ei, der Bildung des Herzens, Gehirns,

der Augen, der Allantois und der Dottergefäße etc. In der Physiologie

ließ sich Aristoteles einseitig von einer oft naiven ~Teleologie~

leiten und setzte dem Wirkungsbereich des kausalen Mechanismus allzu

enge Schranken, indem er die Funktionen ~dynamistisch~ in letzter Linie

auf Tätigkeiten der ernährenden (und fortpflanzenden), empfindenden

oder bewegenden Psyche, d. h. auf ~organische Kräfte~ (Entelechien)

zurückführte -- eine Methodik, welche späterhin zur Ursache

jahrtausendelangen Stillstandes in der Erforschung der Lebensvorgänge

ward.

[73] Aristoteles kennt außer den vier Elementen noch ein fünftes,

den Aether, die quinta essentia, welches der siderischen Welt

zukommt.

Einige Hauptmängel der aristotelischen Anatomie sind es, wenn der

Philosoph eine Verschiedenheit der Schädelnähte bei Männern und Frauen

statuiert, die Rippenzahl mit acht angibt, im Herzen drei Kammern

(Uebersehen der Vorhofscheidewand) beschreibt, die Nieren gelappt sein

läßt, die Milz des Menschen konform mit der des Schweines schildert

u. a. ~Das Herz gilt ihm als Mittelpunkt des Gefäßsystems~, er kennt

die Aorta und Hohlvene sowie deren Aeste und verfolgt allerdings

fehlerhaft den weiteren Verlauf, ohne Arterien und Venen zu trennen.

Die Arter. spermat. führen kein Blut, sondern Pneuma und Wasser.

Das menschliche Gehirn ist größer und feuchter als das tierische,

aber blutlos und kalt, das Rückenmark hingegen, das dem Knochenmark

gleichgestellt wird, ist warm. Der Ausdruck πόροι bedeutet nicht nur

Nerven, die noch nicht differenziert werden, sondern auch Sehnen,

Bänder, Ureteren. Die Gebärmutter gilt noch als zweihörnig, jedoch

wird bereits die irrtümliche ~Annahme der Kotyledonen zurückgewiesen~.

Die Physiologie des Aristoteles, wiewohl von metaphysischen

Voraussetzungen allzu sehr durchweht, bringt das Wesen des

~Organischen~ zum ersten Male zu scharfer Formulierung und erblickt

in der ~spontanen Bewegungsfähigkeit~ dessen hervorstechendes

Kriterium. In der Mitte stehend zwischen primitivem Materialismus

und Spiritualismus, ~dynamistischen~ Erklärungsprinzipien huldigend,

betrachtet der Philosoph in letztem Grunde den Leib wie sämtliche

organische Vorgänge als Aeußerungen ~zweckmäßig wirkender Kräfte~,

deren Inbegriff die als ~Lebenskraft~ gedachte, dem Organismus

immanente „~Seele~“ bildet. Diese wirkt im Organismus überall als

eine bestimmte Art der Funktion, nicht als Seele (εἶδος, ἐντελέχεια)

im allgemeinen, sondern immer entweder als ~ernährende~ (und

fortpflanzende) oder ~empfindende~ oder ~bewegende~ oder ~denkende~,

bezw. als eine Mehrheit von diesen zusammen. Mit Ausnahme des

Geistes (νοῦς), des dem Menschen als solchem eigentümlichen „Teils“

der Seele, der an kein leibliches Organ gebunden ist, besitzen die

Seelenfunktionen, also die Bewegung, aber auch das ~Begehren~ und

~Empfinden~, ihre ~Zentralstätte im Herzen~. Dort ist der Urquell des,

durch die eingepflanzte Wärme und das Pneuma belebten Blutes, welches

das Bindeglied zwischen den Körperteilen und dem Seelensitze darstellt

-- schon die Lage des Organs noch mehr die Tatsache, daß es beim

Embryo zuerst entstehe und beim Tode zuletzt sterbe, weise auf die

Bedeutung des Herzens als Hauptsitz des Lebens. Das kalte, blutlose,

empfindungslose Gehirn ist das Gegenstück des Herzens -- jeder

physiologische Prozeß besitze einen ihm entgegengesetzten Schwerpunkt

--, es dient nur dazu, die (aus dem Herzen) aufsteigende Wärme zu

kompensieren. Mittels „Kochung“ bereitet die Wärme des Herzens aus

dem Nährmateriale Blut und bringt es zur Wallung, welche sich in

der Pulsation manifestiert. Gleichzeitig veranlaßt die Wärme aber

auch eine Ausdehnung der Lungen, die hierdurch wie Blasebälge Luft

aufnehmen und durch die Venen dem Herzen behufs Abkühlung zuführen

können, wodurch einer zu großen Anhäufung von Wärme vorgebeugt wird;

deshalb atmen die warmblütigen Tiere am intensivsten. Das durch

die Wärme des Herzens flüssig erhaltene Blut -- außerhalb der Adern

gerinne es, wenn nicht die „Fasern“ daraus entfernt würden -- ergießt

sich durch die gleichzeitig mit dem Herzen pulsierenden Adern zu

allen Körperteilen, welche es tränkt, wie Wasserbäche, die sich in

immer kleinere Zweige teilend, einen Garten tränken. Das reinste

Blut empfangen das Fleisch und die Sinnesorgane, das gröbere die

Knochen, Haare und was diesen gleichwertig ist. Das zur Ernährung

und dem Organaufbau dienende schwärzere und dickere Blut strömt

vornehmlich in die unteren, das dünnere und kältere, zur Vermittlung

der Empfindung geeignete Blut in die oberen Körpergegenden, wo daher

auch die Sinnesorgane lokalisiert seien. Die Stoffwechselvorgänge

unterstehen der „ernährenden“ Seele (ψυχὴ θρεπτική). Die im Magen

aufgenommene Nahrung wird unter der Wirkung der Wärme und des Pneumas

gekocht und gelangt aus dem Darm, nach Abgang der Ueberschüsse, in

die Mesenterialgefäße, um von diesen als ἰχώρ (Chylus) auf dem Weg der

Hauptgefäßstämme in das Herz übergeführt zu werden, wo die Umwandlung

in Blut erfolgt. Was die Bauchorgane anbetrifft, so besitze der Darm

deshalb eine bedeutende Länge, damit die Nahrung nicht zu schnell

hindurchgehe, Leber und Milz dienen zur Fixation der Gefäße und

unterstützen durch ihre Wärme den Verdauungsprozeß, die Milz zieht

die übermäßige Flüssigkeit aus dem Magen hinweg, an der Leber sei --

aber nicht immer! -- die Gallenblase befestigt, welche einen unnützen

Auswurfsstoff, die Galle enthalte, die Nieren scheiden (vermöge der

in der fettreichen Kapsel angehäuften Wärme) aus dem Blute den Harn

ab, der zunächst in das Nierenbecken, dann durch die Ureteren in die

Blase und endlich durch die Harnröhre nach außen befördert wird. Um

die edleren Organe der Brusthöhle vor den aufsteigenden Dünsten zu

schützen, ist das Zwerchfell ausgespannt. -- Die Bewegung nimmt ihren

Ursprung vom Herzen und kommt durch die νεῦρα zu stande, welcher

Terminus sowohl Sehnen, Faszien, Aponeurosen als auch Nerven umfaßt.

Die νεῦρα stehen mit den Sehnenfäden des Herzens in Verbindung. --

Die Stimme entsteht im Kehlkopfe dadurch, daß die eingeatmete Luft

gegen die Wände desselben anprallt und sie in Schwingung versetzt. --

Die Empfindung ist eine Eigenschaft des Fleisches (σάρξ) überhaupt,

und wird vom Herzen aus vermittelt durch das zuströmende Blut,

welches auch die spezielle Tätigkeit der Sinnesorgane ermöglicht.

Ueber die Sinnesphysiologie macht Aristoteles viele scharfsinnige

und zutreffende Bemerkungen. -- Der Embryo ist das Produkt aus dem

warmen männlichen Samen (= Mischung aus Wasser und Pneuma), welcher

die bildende Seele (ψυχή φυσική) enthält, und den Katamenien der

Weiber, welche den „Stoff“ für die Keimanlage liefern. Die Bildung

des Samens erfolgt in den Vasa deferentia, während die Hoden den

Zweck haben, eine langsamere Vollziehung der Begattung und geringere

Geneigtheit dazu bewirken. Das Geschlecht des Embryos hängt nicht von

der Entwicklung desselben in der einen oder anderen Uterushöhle ab,

die Frucht wird von dem Amnion umschlossen, um welches sich später

eine dem Uterus anhängende Haut, das Chorion, als Hülle schließt. Am

14. Tage ist die männliche, am 9. Tage die weibliche Frucht so groß

wie eine Ameise. Die Differenzierung der Organe verläuft in gehöriger

Folge, zuerst entstehen die inneren, dann die äußeren; die oberhalb

des Zwerchfells gelegenen Teile früher, als die unterhalb situierten.

Zuerst bilde sich das Herz, von ihm entspringen die Adern und ernähren

den Körper mittels des mütterlichen Blutes, welches vom Uterus her

durch den Nabelstrang zugeführt wird. Nach dem Herzen entsteht das

Gehirn, als ein Teil desselben sondern sich die Augen ab. Hat der

Embryo seine Ausbildung erreicht, so wird das mütterliche Blut zu den

Brustdrüsen geleitet und dort zu Milch umgewandelt. Dieser Umstand

wird zum Anlaß zur Geburt. Die Gravitation wendet den zuerst im

Fundus des Uterus liegenden, nach den Knien gerichteten Kopf kurz

vor Eintritt der Geburt nach unten.

Von der aristotelischen Pathologie -- περὶ δὲ ὑγείας καὶ νόσου, οὐ

μόνον ἐστὶν ἰατροῦ, ἀλλὰ καὶ φυσικοῦ μέχρι τοῦ τὰς αἰτίας εἰπεῖν --

sind nur Spuren vorhanden, welche zur allgemeinen Heeresstraße der

Säftelehre führen. So erklärte der Philosoph z. B. die Pleuritis aus

der Kochung oder Verdichtung der flüssigen Teile. Die medizinischen

Schriften sind leider verloren gegangen; die pseudoaristotelischen

προβλήματα stammen aus der Alexandrinerzeit und wurden von einem

Anonymus aus zwei Büchern „arztlicher Probleme“ und aus dem Corpus

Hippocraticum zusammengestoppelt.

Die peripatetische Schule folgte der vom Meister eingeschlagenen

Richtung, und manche ihrer Hauptvertreter leisteten Hervorragendes

auf naturwissenschaftlichem Gebiete, wie besonders die unmittelbaren

Nachfolger des Aristoteles: ~Theophrastos~ von Eresos, welcher die

Methode auf Botanik und Mineralogie ausdehnte, sowie über physikalische

Probleme schrieb, der Physiker ~Straton~ von Lampsakos, ferner

~Eudemos~ von Rhodos und ~Phanias~. Für die Medizin waren außer den

musterhaften botanischen und pharmakologischen Werken viele leider

verlorene Schriften des Theophrastos und Straton, die Osteologie des

~Klearchos~ von Soloi, die Anatomie des ~Kallisthenes~ von Olynthos

und das historische Sammelwerk des ~Menon~ von großer Bedeutung.

Die Pflanzengeschichte des Theophrastos, ἱστορίαι περὶ φυτῶν (10

Bücher), sowie die Schrift über giftige Tiere dienten den späteren

Autoren als wichtige Quellen für Arzneimittel- und Giftlehre. Engeren

medizinischen Inhalts waren seine Schriften über Sinnesphysiologie,

über den Schweiß, über Epilepsie, Schwindel, Lähmung, Erstickung,

Melancholie, Delirien, Seuchen u. s. w. Der Anregung des Aristoteles

entsprangen auch Werke doxographischen Inhalts, von denen die

φυσικῦν δόξαι des Theophrastos die Lehrmeinungen der Physiker,

die συναγωγὴ ἰατρική (ärztliche Sammlung) des Menon die Lehren

der medizinischen Vorgänger behandeln. Letztere Schrift, die uns

überarbeitet im Anonymus Londinensis (vergl. S. 161) vorliegt, gewährt

einen wertvollen Einblick in die Entwicklung des ärztlichen Denkens

bei den Hellenen. -- Kallisthenes, der Neffe des Aristoteles und

Mitschüler Alexanders des Großen, wurde bekanntlich auf dessen Befehl

hingerichtet. -- ~Straton~ von Lampsakos schrieb unter anderem über

den Schlaf, die Träume, das Sehen, die sinnliche Wahrnehmung, die

Krankheiten und die Mittel. ~Von größter Tragweite dürfte es für die

Naturwissenschaft und medizinische Theorie gewesen sein, daß er die im

Aristotelismus schlummernde mechanische Auffassung der Naturvorgänge

vom metaphysischen Beiwerk möglichst befreite und zur Hauptrichtung

erhob.~ In diesem Sinne wirkte wohl die Schrift über das ~Pneuma~

bahnbrechend, welches er zum Träger des Seelischen (ἡγεμονικόν mit

dem Zentralsitz in der Augenbrauengegend) erhob und neben Wärme und

Kälte zur Erklärung der Naturvorgänge benützte.

Wiewohl der Einfluß des Aristoteles erst bei den Arabern und in der

Epoche der Scholastik allgewaltig wurde, so treten doch wenigstens

einige der Grundzüge seiner Forschungs- und Denkmethode auch schon

in der späteren Entwicklung der griechischen Medizin, wenigstens

andeutungsweise, hervor, als diese nach dem Verluste der Freiheit

des Stammlandes auf fremden Boden überpflanzt wurde. ~Der Sinn für

kritische reale Naturbeobachtung in Verbindung mit wissenschaftlicher

logisch-dialektischer Konstruktion und historischer Forschung gab den

besten Leistungen der Folgezeit die Signatur.~

Die Medizin des alexandrinischen Zeitalters.

Einleitung.

Die dogmatische Schule, deren Blüte mit dem Untergang der hellenischen

Freiheit und mit der mazedonischen Hegemonie zum Teile zusammenfällt,

fand mit ihrer Tendenz, nach ~wissenschaftlicher Begründung~ der

Heilkunst, in der nachfolgenden Geschichtsepoche, welche das ~Zeitalter

der Diadochen~ umspannt, eine kontinuierliche Fortsetzung, allerdings

mit weit besseren Hilfsmitteln, auf bedeutend breiterer Basis. Neben

dem inneren Werdeprozeß, der wegen der vielfachen Enttäuschungen auf

diesem Wege, naturgemäß auch wieder eine entgegengesetzte, regressive,

~empirische~ Bewegung hervorrufen mußte, machen sich aber gerade in

diesem Zeitraum so mannigfache äußere Einflüsse geltend, welche den

Umfang und Betrieb der Forschung in einem Maße verändern, daß füglich

von einer eigenen Entwicklungsperiode der griechischen Medizin zu

sprechen ist, die nach ihrer vornehmsten Pflegestätte, Alexandreia,

die ~alexandrinische~ genannt wird.

Die Tatsache, daß nunmehr an Stelle von Kos und Knidos das

neugegründete Emporium des Pharaonenlandes die Bedeutung eines

richtunggebenden Vororts für die griechische Heilwissenschaft

erlangt, drückt bezeichnend den gewaltigen Umschwung der Verhältnisse

aus und verkündigt den Anbruch ihrer Mission, welche weit über

die Grenzen des Mutterlandes hinausstreben sollte. Die Verlegung

des Hochsitzes der medizinischen Wissenschaft in die hellenisierte

Fremde, in die kulturvermittelnde Residenz der Ptolemäer war nur ein

Teilergebnis jenes umwälzenden welthistorischen Prozesses, der, von

den mazedonischen Waffen getragen, hellenische Sprache, Sitte und

Bildung nach Ost und Süd verbreitete, die Assimilation Vorderasiens und

Aegyptens im Sinne des Griechentums anbahnte, dieses selbst aber in der

Berührung mit dem Orient einerseits mit einer Fülle von Wissensstoff

bereicherte, anderseits aber zunehmend entnationalisierte.

Abhängig von der allgemeinen gewaltigen Kulturbewegung, zu der sich

das Griechentum nach dem Verluste der politischen Selbständigkeit

von Althellas ausdehnte, trägt die ~Medizin der Alexandrinerzeit~

die gleichen charakteristischen Züge wie die ~hellenistische Kultur~

in ihrer Gänze, und dieselben Momente, welche auf die Entwicklung

des übrigen Geisteslebens dieser Epoche bald hemmend, bald fördernd

einwirkten, kommen auch in der Gestaltung ihrer Medizin zu deutlicher

Geltung.

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 32 / 54 段