Treue an. Der Körper ist aus den vier Elementen, bezw. den
entsprechenden vier Qualitäten zusammengesetzt, seine Gesundheit
beruht auf dem richtigen Atmen und Luftwechsel durch die Hautporen.
Zweck der Atmung ist die Abkühlung der dem Herzen eingepflanzten
Wärme. Die Ursache der Krankheiten liegt in äußeren Einflüssen
(Trauma, Temperatureinwirkung etc.), im Uebermaß oder Mangel
einer Elementarqualität oder in Störungen der Atmung. Im Geiste
der sizilischen Schule führte Philistion wahrscheinlich ~die
kontinuierlichen Fieber auf das Feuer, die Quotidiana auf die Luft,
die Tertiana auf das Wasser, die Quartana auf das Wasser zurück~ und
legte in der Therapie den Hauptwert auf die Diät, über welche er,
ebenso wie über Chirurgie eigene Schriften verfaßte.
~Philistion~ war die Rolle beschieden, den Forschungsergebnissen und
Theoremen seiner Schule durch den Verkehr mit tonangebenden Vertretern
anderer Richtung größere Verbreitung zu sichern und hierdurch indirekt
durch mancherlei Umgestaltungen die Verschmelzung der sizilischen mit
koischen und knidischen Doktrinen anzubahnen.
Was die Knidier anlangt, so wissen wir, daß ~Eudoxos~ aus Knidos (der
Jüngere), ein noch mehr als Astronom und Geograph berühmter Arzt, auf
seinen Reisen nicht allein Hellas und Aegypten, sondern auch Italien
und Sizilien besuchte, woselbst er mit ~Philistion~ in Berührung kam.
Die vielerlei Einflüsse, die sein medizinisches Denken hierbei im
Umgang mit ägyptischen Priestern, Pythagoreern und italischen Aerzten
erfuhr, treten namentlich bei seinem Schüler und Reisebegleiter
~Chrysippos~ von Knidos hervor, der seine Kenntnisse nicht am wenigsten
gerade unter Leitung des Philistion besonders erweiterte. ~Chrysippos~
dankte ihm wahrscheinlich den Sinn für anatomische Zergliederung, und
mag sowohl unter dem Eindrucke der sizilischen als auch ägyptischen
Lehren ein entschiedener Anhänger der pneumatischen Richtung in der
Pathologie, ein Vorkämpfer für diätetisches Verfahren in der Therapie
geworden sein. Die Vorliebe des Chrysippos für Drogen, welche er in
Aegypten schätzen lernte, seine ~Verwerfung des Aderlasses~ (Blut:
Sitz der Seele) ~und der Abführmittel~, an deren Stelle er Brechmittel,
Klistiere und „~das Binden der Glieder~“ (Umwicklung der Arme und Beine
bei Plethora oder Blutungen, um die Blutüberfüllung herabzusetzen)
empfahl, das Verbot des Trinkens in fieberhaften Zuständen, sowie
manche andere seiner Methoden oder Anschauungen gewannen Anhängerschaft
und beeinflußten viele der späteren Aerzte.
Chrysippos nahm Gehirn und Herz als mit Pneuma erfüllt an,
betrachtete das Herz als Ursprung aller Gefäße und Nerven und
bezeichnete abnorme Pulssteigerung als Hauptsymptom des Fiebers. Bei
Wassersucht wendete er Schwitzkästen an. Ueber die Gemüse und über
die Diätetik schrieb er eigene Abhandlungen. Unter seinen Schülern
ragen besonders ~Aristogenes~, Leibarzt des Antigonos Gonatas, berühmt
als Anatom und Therapeut, ~Medios und Metrodoros~, der Lehrer des
Erasistratos, hervor.
Auch die hippokratische Schule konnte sich dem Ideenkreise Philistions
nicht entziehen, wie dies bei ihrem vornehmsten Vertreter in der
ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts, ~Diokles von Karystos~, bedeutsam
hervortritt. Die Trümmer, welche von seinen vielseitigen Schriften auf
uns gekommen sind, lassen manche Uebereinstimmung mit Platon erkennen
und weisen auf den gemeinsamen Ursprung der Parallelstellen -- auf den
sizilischen Denker. Freilich wurde der erfahrene und nüchtern prüfende
Arzt von Karystos, der sich wegen seiner Menschenfreundlichkeit und
wissenschaftlichen Durchbildung bei den Mitbürgern den Namen des ἄλλος
Ἱπποκράτης erwarb, kein blinder Anhänger, sondern entnahm in kritischer
Auslese nur jene Elemente der fremden Lehre, welche ihm als nützliche
Ergänzung oder Berichtigung der koischen Auffassung erschienen und mit
der eigenen Forschung, an der er es nicht fehlen ließ, vereinbar waren.
Diokles aus Karystos, der Sohn des Arztes ~Archidamos~, gründete sein
Wissen auf das Studium der hippokratischen Schriften, unternahm aber
auch Reisen, um seine Kenntnisse in der Fremde und an verschiedenen
Pflegestätten der ärztlichen Kunst zu erweitern und wirkte, wie es
scheint, durch längere Zeit am Zentralsitze der hellenischen Bildung,
in Athen. Im attischen Dialekt verfaßte er eine ansehnliche Reihe
von vortrefflichen Werken, welche zum Teil ähnliche Titel trugen
wie die hippokratischen, sich wie diese auf die verschiedensten
Gebiete bezogen und Jahrhunderte hindurch als belehrende Quelle
dienten. Der größte Arzt nach Hippokrates -- secundus aetate famaque,
wie Plinius ihn rühmte -- wandte Diokles neben der Klinik bereits
den Hilfswissenschaften, der Anatomie, Entwicklungsgeschichte,
Arzneimittel- und Giftlehre besondere Aufmerksamkeit zu und gab, zwar
nicht frei von Systemsucht, der Spekulation ein Gegengewicht in Form
tatsächlicher Beobachtungen oder praktisch erworbener Erfahrungen.
Seine fleißigen Tierzergliederungen, deren Ergebnisse Diokles
in einem Spezialwerke über Anatomie niederlegte, bereicherten diese
Wissenschaft in einer Weise, wie dies seit Alkmaion nicht geschehen
war. Namentlich befaßte er sich mit dem Gefäßsystem, betrachtete
das Herz als Quelle des Blutes, und unterschied zwei Grundstöcke,
die παχεία ᾲρτηρία (Aorta), welche sich bis zu den Nieren und der
Blase erstreckt, und die κοίλη φλὲφ (Hohlader); aus beiden gehen die
„Adern“ hervor. Von Venen beschreibt er mehrere als seine Vorgänger,
die Nerven wußte er ebensowenig wie diese von den Gefäßen zu trennen.
Er erwähnt „Gänge“, die von der Leber zur Gallenblase führen, den
„Magenmund“, „Blinddarm“, die Blindarmklappe, die Ureteren, die
Eierstöcke und Eileiter. An dem Irrtum der Kotyledonen der Gebärmutter
hält er noch fest. In großem Ansehen standen lange Zeit seine
embryologischen Angaben, wonach am 9. Tage Blutpunkte, am 18. Bewegung
des Herzens, am 27. schwache Spuren von Rückenmark und Kopf in einer
schleimigen Membran erkennbar seien. Die Physiologie ist stark von
der sizilischen Schule beeinflußt. Das Herz (linke Kammer) ist der
Sitz der Seele vermöge des eingepflanzten Pneumas, welches Bewegung
und Sinneswahrnehmung bewirkt. Vermittels der Atmung, welche auch zur
Kühlung des Herzens dient, wird das Pneuma erneuert und verbreitet
sich in den Adern mit dem Blute zum Gehirn und zu allen übrigen Teilen
des Körpers. Die Ernährung erfolgt durch das Blut, das in der Leber
bereitet wird, die Verdauung im Magen ist eine Art von Fäulnisprozeß,
unterhalten durch die eingepflanzte Wärme, der Ueberschuß der Nahrung
gelangt in Darm und Blase, wird aber auch als Schweiß und Ausdünstung
ausgeschieden.
Wie über Anatomie und Physiologie schrieb Diokles auch über
tödliche Gifte und Pharmakologie besondere Bücher. Sein ῥιζοτομικόν
= Wurzelschneidebuch, das älteste Kräuterbuch der Griechen, enthielt
wichtige Angaben über Vorkommen, Kennzeichen, Nährwert, medizinische
Wirkungen der Pflanzen und wurde von allen späteren Autoren eifrig
benützt.
Von erkenntnistheoretischer Bedeutung ist es, daß Diokles insofern
über Hippokrates hinauszudringen suchte, indem er auf Grund
anatomisch-physiologischer Betrachtungen die Fragen nach dem ~kausalen
Zusammenhang der Symptome~, nach dem ~Krankheitssitz~ aufzurollen
begann. Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht seine Behauptung, ~Fieber~
sei nur ein ~Folgesymptom anderer Krankheitsvorgänge~ (z. B. von
Wunden, Entzündungen, Verstopfung der Pneumawege etc.), ferner die
Unterscheidung einer Leber- und Milzform des Ascites, die Trennung
der Pleuritis von der Pneumonie, welch letztere in den Gefäßen der
Lunge lokalisiert sein sollte, die Trennung des Dünndarmverschlusses
vom Dickdarmverschluß. Es ist begreiflich, daß derartige Versuche,
die Bahn der exakten Naturwissenschaft zu beschreiben, von Irrtümern
gekreuzt wurden, wie dies namentlich zum Ausdruck kommt, wenn
Diokles in Gefolgschaft der bestechenden sizilischen Pneumalehre
die Geisteskrankheiten im Herzen lokalisiert (weil das Pneuma seinen
Zentralsitz an der Vereinigungsstelle der luftführenden Gefäße, d. h.
im Herzen, besitze). Solche theoretische Abirrungen hatten aber bei
Diokles keinen Einfluß auf die praktische ärztliche Tätigkeit, denn
hierin verknüpfte ihn ein untrennbares Band mit Hippokrates. Wie dieser
pflegte er ganz besonders die Semiotik, die Prognostik (wobei auf
Jahreszeit, Klima, individuelle Lebensweise u. s. w. geachtet wurde)
und vertrat den therapeutischen Grundsatz, ~daß ein örtliches Leiden
ohne Berücksichtigung des Gesamtzustandes nicht geheilt werden könne~.
Die Pathologie des Diokles erweist sich als eine Art von Kompromiß
zwischen koischen und sizilischen Theorien. Sie basiert auf der
~Annahme von der Bedeutsamkeit zweier Faktoren für das organische
Getriebe, des Pneumas und der vier Elemente oder Qualitäten~. Unter
der Einwirkung der Elementarqualitäten gehen aus der Nahrung Blut,
Schleim, gelbe und schwarze Galle hervor, welche Diokles zwar als
Kardinalsäfte, nicht aber als letzte Grundelemente des Körpers
auffaßt. Krankheiten entstehen, abgesehen von äußeren Schädlichkeiten,
durch Anomalien der Elementarqualitäten oder Störungen in der
Bewegung des Pneumas. Die kontinuierlichen Fieber leitete Diokles
von Verderbnis der gelben Galle, die Quotidiana vom Schleim, die
Tertiana vom Blut, die Quartana von der schwarzen Galle her (vergl.
den Unterschied gegenüber Platon bezw. Philistion). Das Schwitzen
betrachtete er als Zeichen beginnender oder schon eingetretener
Erkrankung und als Folge mangelhafter Verdauung. -- ~Entzündung
ist eine Verstopfung der Blutgefäße.~ -- Phrenitis galt ihm als
Zwerchfellentzündung, Melancholie entsteht durch Ansammlung der
schwarzen Galle im Herzen (nach koischer Lehre im Gehirn), Melancholie
durch Kochung des Herzblutes ohne Verstopfung (nach koischer Lehre
durch Anhäufung der gelben Galle im Gehirn), Lethargus rühre vom
Festwerden des Blutes um Herz und Gehirn her, Epilepsie und Apoplexie
würde durch Verstopfung der Aorta mit Schleim verursacht. -- Mit
großer Sorgfalt bearbeitete er die Chirurgie (eigene Schriften
über die ärztliche Werkstätte, über Verbandlehre) und Gynäkologie,
letztere in einem vielleicht 12 Bücher umfassenden Werke. Unter den
Ursachen der Sterilität beschreibt Diokles Schiefstand des Uterus,
wie er aus Sektionen an Mauleselinnen schloß, die Dystokie leitete
er von abnormer Stellung, Verhärtung, Verschluß des Muttermunds, von
abnormer Größe, mangelhafter Ausbildung oder vom Tod der Frucht her.
Zur Behebung des Prolapses trieb er Luft in den Uterus und legte nach
dessen Aufrichtung geschälte und in Essig getauchte Granatäpfel ein.
-- In den diätetischen Schriften stellte er sich gänzlich auf den
echt hippokratischen Standpunkt und gab genaue Vorschriften für jede
Tagesstunde, für den Morgenspaziergang, für das Waschen, Zähneputzen,
für die Lagerung, Wanderungen u. s. w. Im Gegensatz zu seinem Vater
~Archidamos~ bekämpfte er in einer dessen Namen tragenden Schrift die
trockenen Friktionen und empfahl an deren Stelle ölige Einreibungen.
Von Diokles ausgehend, aber mit schärferer Nüancierung der neuen
Richtung wirkte sein Zeitgenosse, Jünger und Nachfolger in der Leitung
der dogmatischen Schule, ~Praxagoras~ von Kos (Blütezeit um 340 bis
320 v. Chr.). Bei ihm sehen wir bereits von manchen vorsichtigen
Andeutungen des Diokles die rücksichtslose, für die Praxis nicht
immer heilvolle Konsequenz gezogen. Die zahlreichen Schriften des
Praxagoras bezogen sich vorzugsweise auf Anatomie und Physiologie,
Arzneimittellehre, ~Diagnostik~, Diät und Gymnastik.
Wie für Diokles war auch für Praxagoras das Herz Sitz der Seele,
durch das Pneuma Zentralstelle der Empfindung. Praxagoras hob aber
bereits die früher nur angedeutete ~Unterscheidung der Venen und
Arterien~ klar hervor, behauptete, daß nur ~die ersteren Blut~
führen, während die ~letzteren ausschließlich mit Luft erfüllt~ sein
sollten, und ließ die (allerdings noch mit Sehnen und Blutgefäßen
zusammengeworfenen) ~Nerven als Träger der Empfindung vom Herzen
entspringen~. Die ~Körperwärme~ faßte er nicht als eingepflanzt,
sondern als ~erworben~ auf, wodurch er nicht allein die damals
herrschende Atmungslehre empfindlich erschütterte, sondern auch zu
den späteren mechanistischen Theorien den Grund legte. Der ~Puls~
beruhe auf der ~aktiven Tätigkeit~, auf der eigentümlichen Schlagkraft
~der Arterien~. -- Das Gehirn bezeichnete er als bloßen Anhang des
Rückenmarks.
Das interessanteste Moment liegt darin, daß Praxagoras die
diagnostische ~Differenzierung der Krankheiten~, die kausale
Erklärung der Symptome und ihrer Zusammenhänge, die Kenntnis der
~Folgekrankheiten~ durch Heranziehung der exakten Forschung neben
allerdings überwiegender Spekulation auszubilden unternahm --
ein Streben, das ebenso wie bei Diokles in der Verfeinerung der
medizinischen Kunstsprache deutlichen Ausdruck fand. Beispiele seiner
lokalpathologischen Tendenzen war die Lokalisation der Fieber in die
Hohlvene, die Verlegung der Geisteskrankheiten ins Herz, die Erklärung
der Epilepsie aus Arterienverstopfung durch Schleim, die Mitteilung
lokalpathologischer Befunde bei Pleuritis. ~Mit voller Erkenntnis
seiner Bedeutung erhob Praxagoras zuerst den Puls zum wertvollen
diagnostischen Hilfsmittel~ und ließ sich in der Therapie (namentlich
in der Chirurgie) von anatomisch-physiologischen Gesichtspunkten zu
allerdings oft sehr radikalen Maßnahmen leiten.
Die Pathologie des Praxagoras war ihrer Grundlage nach koisch,
knüpft aber an die ältere vorhippokratische Säftelehre (Alkmaions)
von neuem an, indem statt der vier dogmatischen Kardinalflüssigkeiten
freilich nicht minder doktrinär 11 Säfte unterschieden wurden, die
nach Farbe, Geschmack oder Konsistenz die Bezeichnung süß, gleichmäßig
gemischt, glasartig, sauer, laugig, salzig, bitter, lauchgrün,
eigelb, schabend und stockend zugesprochen erhielten. -- Was die
Pulslehre betrifft -- zuerst soll dieselbe ~Aigimios von Elis~ in
einer besonderen Schrift dargestellt haben --, so trennte Praxagoras
den normalen Puls (σφυγμός) vom krankhaften und unterschied hierbei
das Hämmern (παλμός) und Zittern (τρόμος). -- Die Diätetik des
~Diokles~ ergänzte er noch weiter und beschäftigte sich auch mit
Fragen der Gymnastik. Beispiele seiner heroischen Behandlungsweise
sind die Anwendung scharfer Klistiere bei Phrenitis, von Klistieren,
Schwitzmitteln und Aderlaß bei Angina, von kräftigen Diureticis bei
Hämorrhagie und Hydrops, von Brechmitteln (Rettichsaft) bei Ileus.
Noch eingreifender war seine Chirurgie: bei Volvulus Pressen der
Eingeweide mit der Hand und, wenn dies erfolglos, Aufschneiden des
Dickdarms behufs Entleerung vom Kote.
Anhänger und Schüler verfolgten die Bahn, welche Chrysippos, Diokles
und Praxagoras vorgezeichnet hatten. Auf dem Gebiete der Anatomie und
Arzneimittellehre, in der Diätetik wurde manches geleistet, was später
zum wissenschaftlichen Aufbau benützt werden konnte. ~Xenophon von
Kos~, ~Pleistonikos~, ~Philotimos~, ~Mnesitheos~ und ~Dieuches von
Athen~ werden von den späteren Autoren in dieser Hinsicht gerühmt,
Euenor von Argos scheint sich als Therapeut, besonders in der
Geburtshilfe und Augenheilkunde, ausgezeichnet zu haben.
Xenophon von Kos, Schüler des Praxagoras, erwarb sich Verdienste um
die anatomische Nomenklatur, Pleistonikos, Philotimos (Beschreibung
der Tuben; Gehirn = unnützer Anhang des Rückenmarks) und Dieuches
werden von Galen als gute Anatomen erwähnt. Mnesitheos schrieb eine
medizinische Enzyklopädie und versuchte eine ~Klassifikation der
Krankheiten~. ~Numenios~ von Herakleia (Schüler des Dieuches) schrieb
medizinische Lehrgedichte z. B. über giftige Tiere (θηριακά).
Die Pathologie der „Dogmatiker“ war zum größten Teile auf Spekulation
aufgebaut, welche nicht allein die Therapie in ihren Strudel mit
fortriß, sondern gewiß auch die Nüchternheit der Beobachtung am
Krankenbette zu Gunsten einseitiger Hypothesen trübte. Von den
Vorschriften des großen Koers war man, im frühreifen Drange nach
wissenschaftlichem Abschluß, recht weit abgewichen und namentlich
jener individualisierende Zug, der jeden einzelnen Fall als ein
eigenes Problem aufgriff, war im Verschwinden begriffen. Leicht ist es
freilich, den „Dogmatismus“ von der Warte der Gegenwart als Verirrung
hinzustellen und die Phantasien über Säfte, Elementarqualitäten oder
die Wirkung des Pneumas ad absurdum zu führen, tieferes Versenken in
den Zeitgeist und die Entwicklung des medizinischen Denkens erfordert
es hingegen, diese Verirrungen als das zu begreifen, was sie sind,
als ~psychologisch bedingte, aus den Zeitverhältnissen abzuleitende
Glieder der Entwicklungskette, welche bestimmt war, den hippokratischen
Sammelbegriff der Physis in seine Elemente aufzulösen~.
Die Triumphe, aber auch die Irrwege des hellenischen Geisteslebens
beruhen darauf, daß neben dem reich begabten Anschauungsvermögen
die Neigung zur höchsten Abstraktion schon frühzeitig erwachte. Das
Verallgemeinerungsbedürfnis führte zum wissenschaftlichen Aufbau
und wurzelte in jenem ökonomischen Drange, welcher nach obersten
Prinzipien aus dem Grunde fahndet, um das Bewußtsein zeitweilig von
den zahllosen Einzelfakten entlasten und zugleich die jedesmalige
weitere Einzelwahrnehmung entbehrlich machen zu können. ~Nicht das
deduktive Verfahren an sich ist von schädlichen Folgen begleitet,
sondern die Deduktion aus unzuverlässigen, falschen Prämissen.~
Die Frühepoche brachte es mit sich, daß die Mehrzahl der damaligen
Prinzipien nicht aus zuverlässigen, breiten Induktionsreihen
hervorgegangen war, sondern flüchtig geprüften Prämissen oder nur
blendender Intuition entstammte. Die Medizin als Teilerscheinung
des gesamten Geisteslebens blieb von diesem Wesenszug umso weniger
frei, als ihr das Beispiel der Naturwissenschaft voranleuchtete.
Die Ausnahmsgestalt des ~Hippokrates~, der die Unzulänglichkeit der
Prämissen für die deduktive Methode klar erfaßt, bildet mit ihrer
überragenden Kritik nur eine vorübergehende Erscheinung; ~die von
ihm ausschließlich empfohlene Induktion beschränkte die Medizin
auf praktische Ziele, auf den Aufbau der Symptomenkomplexe in jedem
einzelnen Falle, auf die Prognostik, auf die hiervon abhängig gemachte
Therapie. Diese Einschränkung war keine willkürliche, weil die
Induktion aus bloß klinischen Symptomen wohl über die Folgen, nicht
aber über die Ursachen des klinischen Tatbestandes Aufschluß erteilen
kann.~ Um über die letzteren Gewißheit zu erlangen, bedarf es wieder
anderer Induktionsreihen, welche die moderne Medizin besonders aus
dem Gebiete der pathologischen Anatomie und experimentellen Pathologie
entnimmt -- Induktionsreihen, welche die Grundlage für hypothetische
und disjunktive Schlüsse abgeben. Einerseits reiner Erkenntnisdrang,
welcher der Pathogenie auf die Spur kommen wollte, anderseits jene
~Oekonomie des Denkens, welche an Stelle der in jedem Einzelfalle
mühsam erworbenen Prognose die Diagnose und damit die Schlüssel zur
Prognose und Therapie auf weit kürzerem Wege zu ermitteln trachtet~,
führte immer wieder dazu, nach Grundlagen für die hierzu nötigen
hypothetischen und disjunktiven Schlüsse auszuspähen. Damit machen
nach Hippokrates die Dogmatiker den Anfang, d. h. sie vermeinten in
der spekulativen Physiologie, welche anscheinend die uralte Säfte- und
Pneumalehre ins Recht setzte, sowie in neu erworbenen anatomischen
Tatsachen genügendes Material zu besitzen. Die späteren Schulen
folgten ihnen zumeist auf diesem Wege. ~Die fortwährende Korrektur
durch die praktische Erfahrung und die infolgedessen notwendig stets
neu auftauchenden veränderten, ergänzten oder andersartigen Prämissen
-- dies bildet den Inhalt der Geschichte der Medizin und erklärt die
bunte Phänomenologie ihres wechselvollen Entwicklungsganges.~
Die Tendenz der rationalistischen Aerzte, das Wesen der von Hippokrates
einfach axiomatisch hingestellten „~Physis~“ zu entschleiern,
entspringt dem tieferen Erkenntnisdrang, welcher bis zu den
entferntesten Ursachen der sinnfälligen Erfahrung hinstrebt. Die
Deduktion bot sich aber umsomehr als einwandfreie Methode dar, als
die damaligen Vertreter der Naturwissenschaft das Beispiel gaben und
kein Geringerer als Platon die Berechtigung der sublimsten Spekulation
gewährleistete.
Wie wenig selbst der bedeutendste Einschlag von empirischen
Realkenntnissen geeignet war, die Denker im Geleise der streng
induktiven Forschung festzuhalten, zeigt in überzeugendster
Weise das Lehrsystem des ~Aristoteles~ (384-322 v. Chr.), welches
gerade wegen seiner positiven Unterlagen, wegen seiner universalen
Bearbeitung eines überreichen Tatsachenmaterials der Medizin das
Beispiel der ~empirischen Sammelforschung~ darbot, wegen seiner
methodischen Einheitlichkeit noch heute als unerreichtes Ideal eines
wissenschaftlichen Menschenwerkes anzusehen ist und doch am meisten
den Sieg der ~deduktiven Beweisführung~ begründete.
Von den Gedanken des Aristoteles summarisch Kenntnis zu nehmen,
erfordert nicht so sehr der verhältnismäßig geringe Einfluß, den
~Aristoteles~ auf die Heilwissenschaft ~seiner~ Epoche ausgeübt hat,
als die Bedeutung, die dem Philosophen als höchsten Repräsentanten
der wissenschaftlichen Entwicklung der Griechen zukommt, und ihn
späterhin, viele Jahrhunderte hindurch, zum unbeschränkten Herrscher
über das gesamte Geistesleben erhob.
Aristoteles entstammte dem Geschlechte der Asklepiaden und
wurde 384 v. Chr. zu Stageira als Sohn des mazedonischen Leibarztes
Nikomachos geboren. Im 17. Lebensjahre kam er nach Athen, erwarb
unter Leitung Platons seine Ausbildung und gehörte, wiewohl mit
eigenen Forschungen beschäftigt und zu einer, von seinem Meister
weit abweichenden Weltanschauung herangereift, durch zwanzig Jahre
der „Akademie“ an. Nach dem Tode Platons lebte er einige Jahre in
Kleinasien, leitete sodann die Erziehung Alexanders des Großen und
begründete, 335 nach Athen zurückgekehrt, in einem mit dem Tempel
des Apollon Lykeios in Verbindung stehenden Gymnasium (Λυκεῖον)
eine eigene philosophische Schule, welche von der Gewohnheit des
Philosophen, auch im Herumwandeln wissenschaftliche Probleme zu
erörtern, den Namen die „~peripatetische~“ erhielt. Nach dem Tode
Alexanders des Großen, mit dem er in den letzten Lebensjahren
zerfallen war, drohte ihm aus politischen Gründen von Seite der
Athener eine gerichtliche Verfolgung wegen Gottlosigkeit, der er sich
durch die Flucht nach Chalkis auf Euboia entzog, damit sich, wie er im
Hinblick auf das Schicksal des Sokrates sagte, Athen nicht um zweiten
Male an der Philosophie versündige. Dort wurde er im folgenden Jahre
(322) von einem Magenübel dahingerafft.