~Wunden und Geschwüre~ wurden von den Hippokratikern nicht scharf

voneinander geschieden. Ruhe und richtige Lagerung des verletzten

Teiles galten als Grundprinzipien jeder Wundbehandlung. Frische

Wunden, die man zur Verhütung von Entzündung erst ausbluten ließ,

sollten möglichst trocken gehalten und mit Umschlägen (aus Pflanzen,

im Notfall aus kaltem Mehlbrei) behandelt werden; übrigens war auch

die Naht bekannt. Zur Blutstillung dienten Hochlagerung, Kompression,

Styptika, seltener das Glüheisen. Gequetschte oder gerissene Wunden

brachte man dagegen zur Beförderung der Ausstoßung möglichst bald

zur Eiterung. Abgesehen von individuellen und zufälligen Momenten,

welche die Prognose bestimmen, betrachteten die Hippokratiker als

gefährlichste Verletzungen die des Halses und der Weichen, dann

die des Gehirns, Rückenmarks, Herzens, des Zwerchfells, der Leber,

des Magens, Querwunden des Darms, Wunden der Harnblase, einer zu

Blutfluß neigenden Ader; penetrierende Brustwunden galten als tödlich,

Entzündungen der Sehnen und Muskeln sah man von unheilbarer Lähmung

gefolgt, die verhängnisvollen Komplikationen des Wundverlaufs, wie

Erysipel, Tetanus wurden nicht außer acht gelassen. -- Meisterhafte

Darstellung finden namentlich die ~Kopfverletzungen~, von denen man

fünf Arten unterschied, nämlich die Fissur (verbunden mit Kontusion),

die Kontusion (ohne Fraktur und Depression), die Fraktur verbunden

mit Depression, die Knochenwunde und die Fraktur durch Contre-coup.

In zweifelhaften Fällen soll die Wunde erweitert werden (jedoch

niemals an den Schläfen wegen Gefahr des Tetanus) oder man hat

die Abschabung des Knochens mit dem Radiereisen vorzunehmen. Das

wichtigste Heilmittel ist die Trepanation (gewöhnlich am 3. Tage

ausgeführt), wobei die Hippokratiker bereits über vollendete Technik

verfügten und den Perforativ- sowie den Kronentrepan benützten; aus

Scheu vor Verletzung der Dura mater durchbohrte man den Knochen nur

bis zur untersten Lamelle. Unter den Folgen von Schädelverletzungen

wird der ~Lähmungen der entgegengesetzten Körperhälfte~ gedacht.

-- Einen Glanzpunkt der hippokratischen Schriften bildet die Lehre

von den ~Frakturen und Luxationen~. Was die Knochenbrüche anlangt,

so unterschied man aus prognostischen Gründen einfache und offene,

beobachtete die verschiedene Heilungsdauer (die Entstehung des

Callus wurde in das Knochenmark verlegt) und gab für die Behandlung

Vorschriften, welche für alle spätere Zeit mustergültig wurden.

In bewundernswerter, wahrhaft rationeller Weise wird bis auf alle

Einzelheiten dargelegt, wie man bei der Einrichtung (spätestens

am 2. Tage), beim Verband, bei der Anlegung der Schienen (auch

Hohlschienen) u. s. w. zu verfahren hat und welche Komplikationen

zu verhüten bezw. zu beseitigen sind. Der typische Verband setzte

sich folgendermaßen zusammen. Zunächst wurde die frakturierte Stelle

mit einer kurzen und lockeren Binde bedeckt, auf die man eine lange

Binde folgen ließ, die zur Fixierung der Fraktur diente. Auf diese

unteren Binden kamen mit Wachssalbe bestrichene Kompressen, rund um

die Bruchstelle herum und zum Ausgleich der dünneren Partien, sodann

zur Deckung des Ganzen zwei lange Oberbinden, von denen eine von

rechts nach links, die andere in entgegengesetzter Richtung lief.

Von 3 zu 3 Tagen wurde der Verband unter Vermehrung der Bindenzahl

gewechselt, am 7. Tage wurden die Schienen angelegt, welche man

anfangs nur lose, später immer fester befestigte. Hierzu kamen noch

für den Arm Tragbinden, für die Ruhigstellung der unteren Extremität

die Hohlschiene etc. Auch Apparate für die permanente Extension

waren bekannt. Hinsichtlich der komplizierten Frakturen ist es

bemerkenswert, daß die Hippokratiker ebenso wie die moderne Chirurgie

drei Stadien (primäres, intermediäres, sekundäres) im Verlaufe

unterschieden und im intermediären Stadium (3.-7. Tag) die Vornahme

operativer Eingriffe als zu gefährlich verwarfen. Zur Reposition

bediente man sich verschiedener mechanischer Vorrichtungen; unter

bestimmt angegebenen Indikationen schritt man auch zur Resektion

hervorstehender Knochenenden. -- Die Symptomatologie und Behandlung

der Luxationen ist in den hippokratischen Schriften in einer Weise

geschildert, welche in manchen Kapiteln kaum übertroffen werden kann.

Dies gilt hauptsächlich hinsichtlich der Verrenkung des Schulter-,

Hüft- und Kiefergelenkes. Manuelle und maschinelle Hilfsmittel werden

sorgfältig beschrieben. Die Einrichtung des Humerus wird, während

die Gehilfen Zug und Gegenzug ausüben, bewirkt mit der Hand, der

Ferse, der entgegengestemmten Schulter des Arztes, dem Stabe, der

Leiter; bei veralteten Luxationen kam die „Ambe“ zur Anwendung (ein

Einrichtebrett, an welchem das Glied befestigt wurde, wodurch man

mannigfaltige und kräftige Hebelwirkungen ausüben konnte) oder die

Lehne eines hohen thessalischen Stuhles. Zur Einrichtung des Femurs

diente eine komplizierte Vorrichtung (später als „Bank“ bezeichnet,

Ἱπποκράτειον βάθρον), welche die Fixierung ermöglichte, während

auf die luxierte Extremität durch windenartige Apparate ein sehr

kräftiger Zug und Gegenzug ausgeübt wurde. Es beweist die scharfe

klinische Beobachtung der Hippokratiker, daß sie die verschiedenen

Arten der Verrenkungen je nach den anatomischen Verhältnissen

klar erkannten, vollständige und unvollständige, erworbene und

angeborene (Hüftluxation) unterschieden. Sie wußten, daß komplizierte

Verrenkungen äußerst gefährlich sind, daß veraltete Luxationen

wegen Ausfüllung der Gelenkflächen mit „Fleisch“ oder Bildung von

Pseudarthrosen der Reposition schwere Hindernisse bereiten, daß

infolge anhaltender Unbeweglichkeit Muskelatrophie eintritt, infolge

habitueller Humerusluxation der Arm im Längenwachstum zurückbleibt,

Gelenkserkrankungen (Coxitis) spontane Luxationen bewirken u. a.

-- ~Verkrümmungen~ der Wirbelsäule, sei es, daß sie traumatisch

oder spontan durch φύματα (Tuberkel) zu stande kommen, werden

ganz sachgemäß auch mit den Folgeerscheinungen (z. B. kongestiven

Abszessen) geschildert; besonders interessant ist es, daß sogar

der Befund von Tuberkeln in den Lungen Kyphotischer angeführt wird.

Von ~Klumpfüßen~, die als kongenitale Luxationen betrachtet wurden,

unterschied man mehrere Arten und verwendete bei der Behandlung nach

rationellen Grundsätzen geeignete Verbände, Bleisohlen, Halbschuhe

oder kretisches Schuhwerk (Orthopädie!).

Ueber ~Hernien~, die am Nabel und in der Weichengegend vorkommen,

findet sich in den hippokratischen Schriften wenig. Zur Beseitigung

von ~Hämorrhoiden~, welche aus einer Versetzung des Schleims oder der

Galle auf die Adern des Mastdarmes erklärt wurden, bediente man sich

der Kauterisation, direkt oder indirekt (wobei in eine im Mastdarm

liegende Hülse ein glühendes Eisen eingeführt wurde), der Aetzung,

Exzision, Durchnähung, adstringierender Suppositorien. Hier wie bei

den ~Mastdarmfisteln~ kam bei der Untersuchung bezw. Behandlung der

Mastdarmspiegel (κατοπτὴρ) zur Anwendung. Die Fistel, deren Tiefe mit

einem frischen Knoblauchstengel gemessen wurde, brachte man durch

Adstringentien (Kupferblumen) oder durch die Ligatur zur Heilung.

Die hierfür nötige, verhältnismäßig schwierige Technik bezeugt die

Geschicklichkeit der hippokratischen Aerzte. Der ~Mastdarmvorfall~

wurde reponiert und durch Schwamm und T-Binde zurückgehalten. -- Als

Ursache der sehr häufigen Lithiasis nahm man den Genuß von lehmigem

und sandigem Wasser an. Der ~Steinschnitt~ scheint ebenso wie die

Kastration den Empirikern überlassen worden zu sein. Abszesse in

der Niere oder deren Umgebung, die auch Folge des Steinleidens sein

können (mit Durchbruch nach Blase, Bauchhöhle oder Darm), wurden,

sobald sich eine Anschwellung und Emporwölbung sichtbar machte, durch

~Nephrotomie~ entleert.

~Geburtshilfe und Gynäkologie~ beruhten zum Teil auf bedeutenden

Kenntnissen, welche allerdings mit naturphilosophischen Spekulationen

oder voreiligen Schlüssen aus Beobachtungen an Tieren vermischt

sind. Die Geburtshilfe lag fast gänzlich in den Händen der Hebammen,

ärztliche Hilfe wurde nur in schwierigen Fällen herangezogen; aber

auch bei den Frauenkrankheiten scheint die Untersuchung vorzugsweise

von Hebammen oder kunstverständigen Frauen vorgenommen worden zu sein,

der Arzt ordnete die Behandlung zumeist nur auf Grund des mitgeteilten

Befundes an.

Die Hippokratiker betrachteten als normal nur die Schädellage, die

sie aus der Gravitation des schweren Kopfes erklärten und kannten

außer dieser die einfache und gemischte Steißlage, Schieflagen,

vollkommene und unvollständige Fußlage. Bei Geburten in vollkommener

Fußlage verhielten sie sich passiv, sonst kamen Schüttelung der

Kreißenden, Wendung durch äußerliche, innerliche oder gemischte

Handgriffe in Betracht. Armvorfall bei Schieflage galt als Zeichen

des Fruchttodes und indizierte die Embryotomie, welche mit einem

Zermalmer und Haken ausgeführt wurde. Nicht erwähnt sind Gebährstuhl,

Zange, Kaiserschnitt, Nabelunterbindung. Zur Entfernung der zögernden

Nachgeburt hatte man folgendes Verfahren. Die Frau mußte auf

einem durchlöcherten Stuhle (λάσανον oder δίφρος), der sonst auch

zu Scheidenräucherungen diente, sitzen, während das Kind, dessen

Nabelschnur ungetrennt blieb, auf Schläuche gelegt wurde, die sich

mit Wasser gefüllt, auf dem Boden befanden; sodann stach man die

Schläuche an, so daß ihr Inhalt allmählich abfloß, wodurch das Kind

sich senkte und durch langsamen Zug seines Eigengewichtes die Placenta

zur Lösung brachte. Eine Reihe von Krankheitsgeschichten bezieht sich

auf Puerperalfieber, das man von Zurückhaltung der Lochien ableitete.

-- Als wesentliche Ursache des Abortus, von dem man wußte, daß er

sich sehr häufig zu der gleichen Zeit der Schwangerschaft wiederholt,

galt das Mißverhältnis zwischen der Entwicklung der Frucht und dem

Wachstum des Uterus; verschiedene, mittels Sonden lokal applizierte

Arzneien, Pessarien oder die Erzeugung von Fettleibigkeit, sollten

vorbeugend wirken. Sehr häufig suchte man den Abortus künstlich

durch Abtreibungsmittel, deren es (ebenso wie Mittel zur Verhütung

der Konzeption) eine ganze Menge gab, herbeizuführen oder durch

mechanische Erschütterung. So riet z. B. der Verfasser von de natura

pueri in einem bestimmten Falle, wiederholt in die Höhe zu springen

und hierbei mit den Fersen an die Hinterbacken anzuschlagen. -- Das

Kapitel der Frauenkrankheiten ist von den knidischen Autoren sehr

eingehend behandelt. Erwähnung finden Geschwüre und Verwachsung

der Schamlippen, Amennorrhöe (Einlage von mit Harz, Kupferblüte und

Honig imprägnierte Pessarien), verschiedenartige Flüsse (diätetische

Behandlung, adstringierende Suppositorien, Schröpfen, Brechmittel

etc.), Verengerung des Orificium uteri (medikamentöse Pessarien),

Blutungen, Entzündung, Prolaps, Lageveränderung, Senkung, Hydrops,

Karzinom des Uterus; die Behandlungsarten, namentlich soweit sie

gegen die als Folgeerscheinung auftretende Sterilität gerichtet

sind, zeichnen sich durch große Reichhaltigkeit aus (Pessarien,

Injektionen, Räucherungen etc.). Die ~hysterischen Beschwerden~

sollten durch Wanderungen des Uterus (nur so schien die proteusartige

Symptomatologie, z. B. das Gefühl des Globus, erklärlich) zu stande

kommen. Um den Uterus an seinen normalen Platz zurückzubringen

(wobei die Empirie ganz richtig vorging, nur die Theorie verfehlt

war), verwendete man mechanische Mittel (z. B. Druck, Bandagen)

oder Räucherungen mit übelriechenden Substanzen, die man auf die

Nase, oder wohlriechenden Stoffen, die man auf die Scheide einwirken

ließ. Durch erstere sollte der Uterus abgeschreckt, durch letztere

angelockt werden. Die Räucherungstherapie (auch angewendet, um

die Konzeptionsfähigkeit zu bestimmen, je nachdem der Geruch von

der Scheide zum Kopf dringt oder nicht) sowie viele der Mittel zur

Erkennung der Fruchtbarkeit und Schwangerschaft, zur Verhütung der

Konzeption, erinnern lebhaft an ägyptisch-orientalische Vorbilder.

Auch der ~Kinderheilkunde~ ist im Corpus Hippocraticum ein Plätzchen

eingeräumt. Mißbildungen, kongenitale Luxationen, verschiedene

Mundkrankheiten (Aphthen, Soor), Krämpfe, Ausschläge des Kopfes,

Ohren- und Nasenkatarrh, Husten, Verstopfung u. a. werden beschrieben,

Hydrocephalus acutus und Diphtherie wenigstens angedeutet.

Die ~Augenheilkunde~ der Hippokratiker war, soweit die Erkrankungen

der äußeren Teile des Sehorgans in Betracht kommen, ziemlich hoch

entwickelt: dem Verständnis der Pathologie des inneren Auges stand

dagegen der Mangel anatomischer Kenntnisse entgegen.

Aeußere Augenkrankheiten beschrieben die Hippokratiker sorgfältig.

Sie kannten akute und chronische Konjunktivitis, bösartige

Blennorrhöen, Trachom, Pterygium, Lidrandentzündung, Gerstenkorn,

En- und Ektropium, Trichiasis, Hornhautgeschwüre, Strabismus. Sie

erwähnen das Schwarzwerden und Flimmern vor den Augen, Nystagmus,

Nyktalopie, das Halbsehen bei Gehirnaffektionen, hingegen besaßen

sie über die Erkrankungen der brechenden Medien ganz unklare und

falsche Vorstellungen. Bläuliche Färbung der Pupille deutet auf

Altersstar, „Amblyopie“ ist durch Schleimfluß vom Gehirn bedingt,

„Amaurose“ entsteht bei Fieber, Blutverlusten und nach Verwundung

der Augenbrauengegend. Abgesehen von den operativen Eingriffen

bei Geschwülsten, Anomalien des Tarsus und Hypopion und der

mechanisch-chemischen Reizung der Schleimhaut (Schaben, Aetzen,

Brennen) wurde die Therapie besonders der schweren entzündlichen

Formen und der Amblyopie von der Idee getragen, daß die Sehstörungen

von dem krankhaften Herabfließen des Schleimes aus dem Gehirn

zu stande kommen. Außer Abführmitteln verwendete man deshalb

chirurgische Verfahren, welche den Schleimfluß heilen, den Zufluß

krankhafter Stoffe zum Auge (durch Verschluß der Gefäße) verhindern,

die Wasseransammlung im Gehirn entleeren sollten; solche Verfahren

waren die wiederholte Applikation zahlreicher, bis auf den Knochen

dringender Einschnitte in die Kopfhaut, die Kauterisation der vor

dem Ohre liegenden, „fortwährend pulsierenden“ Adern, die Trepanation.

Die ~Otologie~ konnte wegen mangelnder anatomischer Einsicht nur auf

niederer Stufe verharren, überrascht aber durch die Kenntnis mancher

Wechselbeziehungen zwischen Ohrerkrankungen und dem Gesamtorganismus;

die Behandlung des Hämatoms der Ohrmuschel, der Knorpelfraktur, der

Ohrenflüsse und Ohreneiterungen (z. B. nach Gehirnerkrankungen) findet

eingehende Darstellung.

Die Dogmatiker.

Der Hippokratismus in seiner reinsten Auffassung dauert, wenn auch

von wenigen wahrhaft verkörpert, unabhängig von Doktrinen, über alle

Zeiten hinweg; im historischen Verlauf der griechischen Heilkunde

bedeutete er nur einen allzu rasch entschwindenden Traum, dem alsbald

wieder eine Wirklichkeit von schrillen Dissonanzen folgte. Aus der

hippokratischen Medizin, welche eine Fülle keimfähiger Gedanken in

sich barg und die früher widerstrebenden Richtungen zu dem gemeinsamen

praktischen Endzweck glücklich verschmolz, lösten sich nach und nach

einzelne Ideen und Methoden los, um in selbständiger Eigenentwicklung

vorübergehend die Oberherrschaft im medizinischen Denken oder

ärztlichen Handeln zu erlangen. Neue Einflüsse traten hinzu, die

Einheit machte einer Vielheit von Systemen Platz, von denen die meisten

wohl den traditionellen Zusammenhang mit dem „Vater der Heilkunst“

aufrecht zu halten suchten, während tatsächlich, mit zunehmender

Entfernung, Hippokrates zu einem bloßen Begriffe herabsank, welcher

willkürlich mit fremden Gedanken erfüllt wurde.

Ungetreu der nüchternen, rein klinischen Denkweise des großen Koers,

zeigt sich ein ansehnlicher Teil der hippokratischen Schriftensammlung

vom Geiste der Spekulation erfüllt und beweist, daß schon die Schüler

und Enkelschüler das Ziel verfolgten, die praktischen Prinzipien des

Hippokratismus mit aprioristischen Ideen naturphilosophischen Ursprungs

wieder in Einklang zu setzen oder die koischen Fundamentalgedanken

durch physiologisch-pathologische Theoreme anderer Schulen zu

erweitern. Im Streben über den Meister hinauszudringen, seinen

empirischen Sätzen ein pseudo-wissenschaftliches Mäntelchen

umzuhängen, nahm man mehr oder minder Unwesentliches, das ihm nur als

Hilfslinie diente, für die Hauptsache und verlor dabei nur zu oft den

Kernpunkt seiner Lehre aus den Augen. Wie früh dies geschah, zeigt

die dogmatische Formulierung der Humoralpathologie durch Polybos und

die Tatsache, daß Söhne und Enkel, sowie die unmittelbaren Jünger

des Hippokrates, ~Apollonios~ und ~Dexippos~, jene Reihe von Aerzten

eröffneten, welche den Nachdruck auf theoretisierende Reflexionen

legten und der Medizin des 4. Jahrhunderts v. Chr. eine spekulative

Färbung verliehen. ~Dogmatiker~ (λογικοί), von Galenos und allen

späteren Geschichtschreibern genannt, ergänzten wohl die führenden

Forscher das überkommene empirische Material nicht unbeträchtlich

oder taten, was besonders anzuerkennen ist, die ersten Spatenstiche

zur Begründung der Hilfswissenschaften -- die Anhänger aber frönten

zumeist allein der unheilvollen Systemsucht, erblickten in dem

geistvollen, aber unfruchtbaren Spiel mit den Begriffen der Säfte-

und Qualitätenlehre die Hauptsache und zwängten vorschnell, nicht ohne

Beeinflussung der Therapie, die überkommenen Erfahrungsergebnisse in

die engen Schablonen ihres Denkens. Von den Werken der dogmatischen

Schule geben uns nur Zitate und Fragmente einige Kunde.

~Thessalos~, der Sohn des Hippokrates, später Leibarzt des

Mazedonierkönigs Archelaos soll medizinische Schriften verfaßt

haben; er nahm den Ueberfluß der Galle und namentlich des Schleims

als Krankheitsursache an. Der Sohn des Thessalos, ~Hippokrates~

III., war ein Anhänger der platonischen Philosophie. -- ~Dexippos~

(Anfang des 4. Jahrhunderts v. Chr.) und ~Apollonios~ waren

schriftstellerisch tätig, ersterer schrieb ein ärztliches Werk in

einem Buche, „Prognosen“ in zwei Büchern und leitete die Krankheiten

von den Anomalien der Galle und des Schleims her. Wenn die Galle und

der Schleim schmelzen und flüssiger werden, entstünden daraus Lymphe

und Schweiß; wenn sie aber faul würden und sich verdickten, brächten

sie Ohrensausen, Schnupfen und Triefaugen; wenn sie durch Eintrocknen

fest geworden, so entstünden Fett und Fleisch u. s. w. (Anonym. Lond.

cap. 15). Apollonios und Dexippos gaben den Fiebernden nur äußerst

geringe Mengen von Nahrung und genau bemessene minimale Quantitäten

von Flüssigkeit zum Trinken. Noch weiter ging ihr Zeitgenosse

~Petronas~ in der „dogmatischen“ Fieberbehandlung; er bedeckte die

Fieberkranken mit vielen Kleidern, um Hitze und Durst zu erzeugen,

beim Nachlaß gab er dann kaltes Wasser zu trinken, um Schweiß

hervorzurufen. Trat dieser nicht ein, so mußte der Kranke noch mehr

kaltes Wasser zu sich nehmen, und es wurde versucht durch Erregung

von Erbrechen oder Abführen (durch Salzlake) das Fieber zu vertreiben.

Hinsichtlich seiner Theorien sei hervorgehoben (nach Anonym. Lond.),

daß er die Krankheiten durch Ueberfüllung oder schlechte Mischung

der Grundstoffe verursacht sein ließ, wobei das Kalte oder Warme mit

den Ergänzungsstoffen des Trockenen und Feuchten abnorm überwiege.

Anklingend an Philolaos betrachtete er die Galle nicht als Ursache

der Krankheiten, sondern als Krankheitsprodukt.

Das Schicksal, welches dem Hippokratismus durch seine Anhänger zu teil

wurde, gleicht vollkommen dem Umwandlungsprozeß, welcher die Lehre

des Sokrates durchsetzte und ihr in Gestalt der Systeme der Kyniker,

Kyrenaiker, Megariker, namentlich aber in Form der Philosophie Platons

eine im tiefsten Grunde verschiedene Prägung verlieh. Auch hier,

im Kreise der Jünger und Enkeljünger des Sokrates, empfand man die

Prinzipien des Meisters ergänzungsbedürftig und beruhigte sich nicht

mehr mit jener Einschränkung des Forschungsgebietes auf die Ethik,

welche weise Selbstbeschränkung vorgezeichnet hatte; die sokratische

Begriffszergliederung wurde jetzt vielmehr das Mittel, um mit kritisch

geschultem Urteil die physischen oder metaphysischen Spekulationen

der naturphilosophischen Vorgänger wieder aufnehmen und fortführen zu

können. Und nicht zum mindesten beruht die überragende Größe des Platon

auf der genialen Kombination und innigen Verschmelzung des Sokratismus

mit den Ideen der Eleaten, des Herakleitos, des Anaxagoras, Empedokles

und Pythagoras!

Aus ~einer~ Wurzel entsprossen, parallel verlaufend, traten Philosophie

und Heilkunde wieder in nahe Beziehung, indem erstere neuerdings die

Natur zum Objekt ihrer Spekulation wählte, letztere, wenn auch nicht

mehr ohne Befragung der ärztlichen Erfahrung, manche Leitsätze aus

den Systemen der großen Denker herübernahm. Gerade ~Platon~ (427-347

v. Chr.), der den Arzt Hippokrates wegen seiner idealen Ethik und

weitblickenden Naturauffassung außerordentlich hoch bewertete und

dessen Methode (wiewohl nicht ganz im Sinne ihres Urhebers) als

Muster hinstellte (Phaidros), anderseits selbst physiologische und

pathologische Probleme in den Bannkreis seines weltumspannenden Denkens

zog, bringt das Wechselverhältnis beider Wissenszweige an verschiedenen

Stellen, namentlich aber in der Schrift „Timaios“ in besonderem Maße

zum Ausdruck. Darf man auch der platonischen Philosophie keinen starken

Einfluß auf die zeitgenössische Medizin zusprechen -- dieser machte

sich erst viel später geltend, nachdem das System unter den Händen

der Nachfolger seine ursprüngliche Reinheit eingebüßt hatte --, so

gewähren doch die einschlägigen Darlegungen des Philosophen einen

höchst belehrenden Einblick in die damalige Kenntnis des Körperbaues

und die Auffassung von Leben und Krankheit.

Von den physiologisch-pathologischen Spekulationen Platons

seien hier nur einige mitgeteilt, welche den Zusammenhang mit der

älteren Naturphilosophie und mit den Vorstellungen der Aerzte klar

durchblicken lassen. -- Platon betrachtete die Erfahrungswelt unter

dem Gesichtspunkte, daß darin die Urbilder der Ideenwelt in immer

vollkommenerer Weise realisiert werden, und suchte die letzte Ursache

für die Gestaltung der Materie in der Idee des Guten, d. h. der

Gottheit. Der höchste Verstand schafft aus der chaotischen Materie

die vier Elemente, welche ihre Eigentümlichkeiten der besonderen

Zusammensetzung von Elementardreiecken zu bestimmten Grundfiguren

verdanken. Das Feuer besitzt als Grundfigur die Pyramide, die Luft

das Dodekaeder, das Wasser das Ikosaeder, die Erde den Würfel. Der

Körper des Menschen ist nach den Zwecken der unsterblichen Seele

geschaffen, welche eine Emanation der absoluten Intelligenz darstellt.

Bindeglied zwischen Körper und Seele ist das Mark, in dessen feinsten

kugelförmigen (also am vollkommensten gestalteten) Anhang, dem

Gehirn -- das auch als Samenbereitungsstätte dient --, der Verstand

wohnt, während die sterblichen, niederen Bestandteile der Seele, das

Gemüt und die Begierde, ersteres in der Brust, letztere im Bauche

sitzen. Unter den Werkzeugen der Seele werden zuerst die Augen

gebildet; das Sehen erfolgt durch das Zusammentreffen des inneren,

aus den Augen strömenden und des äußeren Feuers, das Hören durch

Erschütterung der Luft, die sich dem Gehirn und Blute bis zur Seele

mitteilt u. s. w. Das Leben ist an das Feuer gebunden, welches dem

Pneuma entstammt und dem Blute innewohnt. Dieses wird mit Heftigkeit

durch alle Glieder herumgetrieben, ernährt den Körper und besitzt

als Quelle das Herz, die Verknüpfungsstelle aller Adern. Abkühlend

auf die Hitze des Herzens wirken die Lungen, welche nicht nur Luft,

sondern auch zum Teil die getrunkenen Flüssigkeiten aufnehmen.

Letztere gelangen von den Lungen zu den Nieren und zur Blase. Der

Mechanismus der Respiration erklärt sich aus dem horror vacui, die

spezifische Ernährung der Teile kommt nach dem Gesetze der Anziehung

des Gleichen zu stande. Die Leber -- Sitz des Divinationsvermögens --

spiegelglatt und glänzend, gestaltet das aus dem Kopfe Herabkommende

durch ihre süße und bittere Eigenschaft (Galle) entsprechend um.

In inniger Beziehung zu ihr steht die Milz, welche zur Aufnahme

der Unreinigkeiten dient und daher in Krankheiten anschwillt.

Die Verdauung wird durch das eingeatmete Feuer vermittelt, die

Gedärme verlaufen in Windungen, damit die Speisen nicht zu schnell

hindurchgehen. Knochen und Fleisch entstehen aus dem Marke; beide

schützen dasselbe vor Hitze und Kälte. Ein Mittelding zwischen

Knochen und Muskeln sind die Sehnen, wie schon die Mischfarbe Gelb

aus Rot und Weiß anzeigt; sie bezwecken das Zusammenhalten und die

Bewegung der Gelenke. -- Schimmern schon in diesen Spekulationen

die Theorien der naturphilosophischen Vorgänger deutlich hindurch,

besonders des Pythagoras, Empedokles, Philolaos, Anaxagoras und

Heraklit, erkennt man auch den hippokratischen Einschlag, so wird die

Beeinflussung noch deutlicher in der Platonischen Krankheitslehre.

Als ätiologische Momente kennt der Philosoph von außen kommende oder

selbstverschuldete, wie Unmäßigkeit in der Ernährung, Mißverhältnis

zwischen Bewegung und Nahrungsaufnahme, Exzesse im Geschlechtsgenuß

etc. Die pathogene Grundlage bilden ~Mangel, Ueberfluß oder

Heterotopie von Pneuma, Galle und Schleim~, oder das Mißverhältnis

der vier Elemente. Die Epilepsie entsteht durch die Vermischung

von Schleim und schwarzer Galle. Entzündungen, Durchfälle und Ruhr

beruhen auf Verirrungen des Schleims, die gefährlichsten Krankheiten

rühren von Verderbnis des Markes her. Besonders zu bemerken ist es,

daß Platon viele Affektionen von ~Störungen~ der ~Pneuma~bewegung

(Verstopfung der Kanäle der Luft durch Flüsse) ableitet, namentlich

Schmerzen und Krämpfe von der Ansammlung (um die Gefäße) oder dem

Eindringen der Luft (in das feste Fleisch), und daß er den ~Typus

der vier Fieberarten~ aus dem ~Vorwalten der Elemente~ erklärt, d.

h. die Continua durch Feuer, die Quotidiana durch Luft, die Tertiana

durch Wasser, die Quartana durch Erde entstehen läßt. Die Ursache

der Geisteskrankheiten sind schlechte Erziehung oder körperliche

Anomalien. Arzneien im richtigen Zeitraume angewendet, namentlich

aber Diät und Gymnastik bewirken die Heilung.

Platons Spekulationen gewinnen dadurch noch erhöhtes Interesse, weil

sie neben den koisch-hippokratischen Lehren bereits den wachsenden

Einfluß der sizilischen Schule (vergl. S. 171) erkennen lassen. Aus der

Lebensgeschichte des Philosophen wissen wir, daß Platon den Wortführer

dieser Schule, ~Philistion von Lokroi~, einen auch um die Botanik[72]

verdienten Arzt, in Syrakus zugleich mit dem Staatsmann Timaios am

Hofe des Dionysios kennen gelernt hatte, und mancherlei Anzeichen

sprechen überdies dafür, daß derselbe später vorübergehend in Athen

verweilte -- ein Umstand, der gerade für die fernere Theoriebildung

der Dogmatiker von besonderer Bedeutung wurde.

[72] Der Pflanzenname φιλίστιον (Klebkraut) erinnert daran.

Geschichte der Medizin. I. Band · 第 30 / 54 段