und Schleimigen, mit der Aufgabe betraut, das überflüssige Wasser
des Körpers und den Schleim an sich heranzuziehen. (Treten in diesen
Funktionen Störungen ein, so entstehen abnorme Schleimanhäufungen
in anderen Organen = Katarrhe.) Nebstdem dient es als Sammelstätte
des (vom ganzen Körper abgesonderten) Samens, von wo aus derselbe
zu den Hoden geführt wird. -- Was die ~Sinnesempfindungen~ anlangt,
so erklärte man das Sehen durch Perzeption des Bildes, welches
sich in der Pupille abspiegelt, das Hören durch den Widerhall der
harten Schädelknochen und die Fortleitung zum Gehirn, der Geruch
sollte dadurch zu stande kommen, daß die Riechstoffe auf dem Wege
der Siebplatte in das Gehirn eindringen. -- Die ~Embryologie~ des
Corpus Hippocraticum beruft sich auf Beobachtungen an Frühgeburten
oder an bebrüteten Hühnereiern. Längstens am 30. oder 42. Tage sollen
alle Teile des Kindes deutlich entwickelt sein, die menschliche Form
wird schon am 7. Tage deutlich erkennbar. Die Frucht wird durch die
Nabelgefäße ernährt, saugt aber auch an den becherförmigen Erhöhungen
der Innenwand des Uterus (Kotyledonen), welche Luft zuführen. --
Was die ~Zeugungslehre~ anbetrifft, so glaubten die Hippokratiker,
daß der Same nicht in den Hoden bereitet, sondern als Produkt des
ganzen Körpers aufgestapelt werde. Der Uterus ist zweihörnig (nach
Tierbeobachtungen), vor dem Eintritt der Menses Hochstand, vor der
Geburt Tiefstand des Orificium uteri, bei Erstgebärenden weichen die
Hüftbeine intra partum auseinander, zwischen Uterus und Brustdrüsen
besteht eine Wechselbeziehung, die Ursache der Menstruation
(normalerweise 3tägig) und der Milchsekretion ist physikalischer
Natur (die Milch wird durch den aufgetriebenen Uterus aus dem Netze
nach den Brustdrüsen gedrückt). Auch die Frauen haben Samen, nach de
sem. besitzen beide Geschlechter beide Arten von Samen (männlichen
und weiblichen), das Geschlecht des Kindes hängt vom Ueberwiegen des
männlichen (stärkeren) oder weiblichen (schwächeren) ab, im ersteren
Falle entsteht ein Knabe, im letzteren ein Mädchen. Bei wässeriger
Diät der Schwangeren entwickelt sich ein Mädchen, bei feuriger ein
Knabe. In der rechten (kräftigeren) Seite des Uterus werden Knaben,
in der linken Seite werden Mädchen geboren. Siebenmonatliche Früchte
sind lebensfähiger als achtmonatliche.
Ueber die ~Arzneimittellehre~ der Hippokratiker erfährt man das
meiste aus den knidischen Schriften, namentlich den gynäkologischen.
Im ganzen hat man gegen 300 Heilstoffe gezählt. Bemerkenswert für
den Zusammenhang der griechischen mit der fremdländischen Heilkunde
ist es, daß so manche Mittel ägyptischen oder indischen Ursprungs
sind. An Aegypten erinnert außer manchen Heilstoffen schon die
Form der knidischen Rezepte, auch finden sich sogar wörtliche
Uebereinstimmungen mit Papyrus Brugsch oder Ebers vor[71]. Durch den
ägyptisch-phönizischen Handelsverkehr mit Indien kamen z. B. Sesamum
orientale, Cardamomum, Andropogon, Laurus Cinnamoraum, Amomum u. a.
in die griechische Medizin.
[71] Aus Aegypten stammen wahrscheinlich auch manche der
abergläubischen Mittel, besonders tierischer Art.
~Abführmittel.~ a) Leichtere: reichliche Mengen von frischer
Milch (besonders Eselsmilch) und Molken, der ausgepreßte Saft oder
Absud von Kohl, Runkelrübe, Melone etc. für sich oder gemischt
mit Essighonig, Rettichsaft; b) drastische: schwarze Nieswurz, der
Saft von verschiedenen Wolfsmilcharten, Eselsgurkensaft (Elaterium,
bezeichnet im weiteren Sinne jedes Purgativum), Seidelbastbeeren
(κόκκοι κνιδιοι -- knidische Kerne), Samen von Ricinus, Koloquinthen
etc. -- Klistiere aus Nitron (kohlensaurem Natron), Honig, süßem
Wein und Oel. -- ~Brechmittel~: Abkochung von Honig und Essig,
warmes Wasser, Kitzeln des Schlundes, ekelerregende Mischungen mit
Wein, weißer Nieswurz, Ysop, in Wasser gerieben, mit Essig und
Salz, Saft der Thapsiawurzel etc. -- ~Schwitzmittel~ wurden von
den Hippokratikern verworfen; um Schwitzen zu erregen, empfahl
man warmes Verhalten und reichlichen Gebrauch von Getränken. --
~Diuretika~: Zwiebel-, Sellerie-, Petersilien-, Meerzwiebelsaft,
„Kantharidenauszug“, Rettich, Spargel etc. -- ~Roborantia~:
Färberröte, ägyptische Saubohnen. -- ~Narkotika~: Mohnsaft (nur einmal
erwähnt), Lactuca, Atropa, Mandragora (innerlich und äußerlich zu
Pessarien), Hyoscyamusarten (innerlich und zu Pessarien), Schierling
(zu Pessarien) u. a. -- ~Aromatische Mittel~: Zimt, Cassienrinde,
Cardamomum, Lorbeer, Minze, Baldrian, Origanum, Salbei, Anis, Wermut,
Kamillen, Kalmus, Koriander. -- ~Harzige Mittel~ (vorzugsweise lokal
angewendet): Silphion, das die Stelle von Asa foetida vertrat,
Sagapenum, Galbanum, Opoponax, Myrrhe, Opobalsamum, Terpentin,
Wacholderarten, Cypresse etc. ~Adstringierende Mittel~: Galläpfel,
Eichenrinde, Sanguis Draconis (von Sumatra), Granatbaumwurzel,
Weidenarten etc. -- ~Mineralische Stoffe~ (fast ausschließlich nur
äußerlich angewendet): verschiedene Erdarten (Töpfererde, samische
Erde etc.), Soda, Alaun, Sole, Schwefel, Asphalt (zu Räucherungen
der weiblichen Genitalien), verschiedene Bleipräparate, geröstetes
Kupfer, Kupferblüte, Kupferschuppen (z. B. bei Augenleiden),
„Arsenik“ (Auripigment) und Sandarach (roter Arsenik), Eisenrost
etc. Die wichtigsten äußerlich angewendeten Mittel waren ~Wasser~,
~Essig~, ~Wein~ und ~Oel~. Wasser zu Umschlägen, Güssen, Bähungen,
Einspritzungen in die Nase, Harnblase, Wundbehandlung, Seewasser bei
juckenden Hautausschlägen; Essig zu Güssen, Bähungen, zur Behandlung
von Wunden, Genitalleiden, gegen Brennen in den Ohren und Zähnen;
Wein (für sich oder mit Adstringentien) zur Wundbehandlung, Bädern,
Injektionen u. s. w.; Oel und Fette bei Augenleiden, zu Einreibungen
etc. ~Dampfbäder~, ~Sonnenbäder~, ~Sandbäder~ wurden von ähnlichen
Gesichtspunkten wie heute verordnet.
Eine systematische ~Pathologie~ mit vollständiger oder geordneter
Klassifikation der Krankheitsformen läßt die hippokratische
Schriftensammlung vermissen. Nach der Verbreitung wurden epidemische,
endemische und sporadische, nach dem Verlaufe wurden akute und
chronische Krankheiten unterschieden. Im Buche de victu in acut. heißt
es: „... akute Krankheiten sind diejenigen, welche die Alten Pleuritis,
Peripneumonie, Phrenitis, Lethargus, Kausos nennen, und die übrigen
Krankheiten, welche in diesen enthalten sind, bei denen das Fieber
meist ein anhaltendes ist.“ Aus dieser Stelle geht hervor, daß die
zur Zeit des Hippokrates gebräuchliche Terminologie, von welcher so
vieles in die technische Sprache der modernen Medizin, wenn auch in
veränderter Bedeutung, übergegangen ist, schon damals auf ein hohes
Alter zurückblickt. In der knidischen Schrift de locis in hom. werden
sieben Arten von „Katarrhen“ unterschieden: der Nase, der Ohren, der
Augen, der Lungen, des Rückenmarks, der Wirbel und der Hüften.
Die verschiedenen Krankheitstypen, welche in der hippokratischen
Pathologie vorkommen, sind mit den modernen anatomisch-ätiologischen
Krankheitstypen nicht immer einwandsfrei zu identifizieren, weil die
Alten sich bei ihrer Klassifikation begreiflicherweise zumeist nur
von den Hauptsymptomen leiten lassen mußten und daher Heterogenes
zusammenwarfen.
Dies gilt vor allem für die ~Fieberformen~, welche wohl am
häufigsten subtropischen Malariatypen, bisweilen aber auch
typhösen Erkrankungen oder der Influenza entsprechen. Man
unterscheidet: ὰμφημερινὸς πυρετός = Eintagsfieber = Quotidiana;
τριταῖος π. = Tertiana; τεταρταῖος π. = Quartana; ἡμιτριταῖος π.
= Halbdreitagsfieber. Tertiana und Quartana sind durch Schleim und
Galle verursacht. Der καῦσος = Brennfieber wird definiert als „Fieber
mit innerlicher Hitze bei äußerlicher Kälte“; der λἡθαργος ist ein
Fieber mit Somnolenz; die λειπυρία ist Fieber mit Brechreiz und Ekel.
Phrenitis kann jede fieberhafte Krankheit bedeuten, bei welcher
Störung des Denkvermögens (Delirien) als Hauptsymptom imponiert.
Bemerkenswert ist die Erwähnung von epidemischer Parotitis mit Neigung
zu Metastasen auf die Hoden.
Von ~Erkrankungen der Mundhöhle~ kommen in der hippokratischen
Schriftensammlung vor: Noma, Skorbut, Aphthen, Tonsillitis;
von ~Erkrankungen des Intestinaltrakts~: Diarrhöe (mit Anurie),
Lienterie, Tenesmus (als eigene Krankheit beschrieben), Dysenterie
(durch „Abschaben“ des Darms entstehen Geschwüre, Therapie: Brech-,
Niesmittel, Diät, warme Begießungen des Abdomens), Ileus (Ursache:
verhärtete Kotmassen, Therapie: Lufteinblasung in den Anus). Als
Symptome werden sehr oft genannt: Milz- und Leberschwellungen
mit konsekutivem Icterus, Hydrops, Marasmus, Nasenbluten.
Eiteransammlungen in der Unterleibshöhle werden durch Auflegen
von nassem Ton erkannt, welcher an den betreffenden Stellen rasch
trocknet.
Krankheiten des ~Respirationstrakts~, namentlich der Lunge, finden
besonders eingehende Darstellung. Schnupfen, Geschwüre und Polypen der
Nase, Laryngitis, κυνάγχη (Angina) ist jede Verengerung des Larynx.
Die Lungenentzündung (περὶπλευμονία, πλευμονία) und die πλευρίτις
werden oft zusammengeworfen, nach de locis in hom. 14 bedeutet sogar
die auf eine Seite beschränkte Erkrankung Pleuritis, die beider Seiten
Pleumonie. Als Entstehungsursachen gelten (vom Gehirn) herabfließender
Schleim, welcher reizend wirkt und in Eiter verwandelt, auch zu Empyem
Anlaß geben kann, oder Anhäufung von Blut oder salzigem Schleim,
aus deren Gerinnung Geschwülste (φύματα) sich bilden können. Das
schaumige Sputum bei Lungenödem wird mit Spinngeweben verglichen.
Pleuritis entsteht nach knidischer Lehre auch infolge von Pneumonie,
indem nämlich die geschwollene Lunge auf die Costalpleura fällt und
diese zur Entzündung bringt; als besondere Art der Pleuritis wird die
„trockene“ angeführt, verursacht durch übermäßiges Dürsten. Empyem
ist im weitesten Sinne jede Eiteransammlung, im engeren die der Lunge
oder Pleura. Die Therapie der Pneumonie und Pleuritis bestand in
warmen Waschungen, Umschlägen, Oeleinreibungen, warmen Bädern, Diät;
in der Schrift de victu in acutis wird auf den Gebrauch der Ptisane
und deren richtiger Dosierung der Schwerpunkt gelegt. Eingreifende
Prozeduren wurden nicht vor dem siebenten Tage vorgenommen; zu diesen
zählten behufs Schleimentleerung Niesmittel, Expektorantia (fette,
gesalzene Speisen, herber Wein), Einspritzungen in die Luftröhre (um
Husten zu erregen), bei Empyem Brennen am Rücken oder Thorakocentese
(allmähliche Entleerung des Eiters, Leinwanddrainage). -- Außer den
genannten Affektionen werden noch Hämoptoë, Hydrothorax, Erysipel der
Lungen (ähnlich dem Alpenstich) und Phthisis erwähnt. Die Symptome der
letzteren werden meisterhaft beschrieben und unter ihnen besonders die
Veränderung der Stimme, Schmerzen in Brust und Rücken, das Fieber, die
übelriechende Beschaffenheit des Auswurfs, Durchfälle, Haarausfall u.
a. hervorgehoben; jedenfalls auf Grund von Tiersektionen kannte man
auch die φύματα, d. h. umschriebene entzündliche Herde, welche eitrig
erweichen und zur Bildung von Kavernen führen. Schleimanhäufung oder
Blutspeien wurde als Ursache betrachtet. Hauptmittel waren reichliche
Nahrung (insbesondere Milch), gewässerter Wein, Linsenwasser,
Helleborus, Kauterisation auf der Brust.
~Erkrankungen des Herzens.~ Wegen der zweideutigen Benennung καρδίη,
welche sowohl Herz als Magenmund bedeuten kann, ist es schwierig
im einzelnen Falle zu entscheiden, was in einer hippokratischen
Krankengeschichte gemeint ist. In de morbis IV wird gesagt, daß das
Herz nicht von Schmerz befallen werden kann und durch Säfteandrang
wegen seiner festen, dichten Substanz keinen Schaden nehme. An
einzelnen Stellen, wo ausdrücklich vom παλμός Palpitation die Rede
ist (z. B. de morbo sacro), darf man jedenfalls an das Herz denken.
Die wichtigsten ~Nervenkrankheiten~ waren den Hippokratikern
soweit bekannt, als die charakteristischen ~Symptomkomplexe~ in
Betracht kommen, von der richtigen pathologischen Auffassung konnte
aber nur zum allergeringsten Teile die Rede sein, da nicht einmal
der anatomische Begriff des Nervensystems fixiert war. Immer ist
es der vom Kopfe herabfließende Schleim, der je nach der Lokalität,
wo er sich anhäuft, die verschiedenen Affektionen erzeugt. (In der
Schrift de locis in homine heißt es, daß die „Nerven“ trockener
sind als die „Adern“ und daher Feuchtigkeit nicht ertragen können,
deshalb zeichnen sich ihre Krankheiten durch Hartnäckigkeit aus.)
Dadurch, daß der Schleim die Gefäße verstopft und für Blut oder
Pneuma unzugänglich macht, entstehen Apoplexie (Bewußtseinsverlust
und Lähmung) und Paraplegie, Rückenmarksschwindsucht, Ischias,
Gicht, Rheumatismen. Wichtig ist es, daß man die im Gefolge von
Lähmungen erscheinende Atrophie kannte und wußte, daß im Verlauf von
Rückenmarkserkrankungen Lähmung, Anästhesien, Incontinentia urinae
et alvi auftritt. Treffend sind die Beschreibungen des Opisthotonus
und Tetanus, der Facialisparalyse, der Hysterie und Epilepsie. Der
Verfasser der Schrift de morbo sacro kennt die Bedeutung der Heredität
und beschreibt die Symptome der Epilepsie vollkommen naturwahr. Das
Wesen der Krankheit wird auf übermäßige Schleimerzeugung im Kopfe
zurückgeführt, die Bewußtlosigkeit kommt dadurch zu stande, daß der
sich plötzlich in die Gefäße ergießende Schleim den Zutritt der Luft
zu den Gehirnvenen verhindert, die Konvulsionen werden damit erklärt,
daß die durch den Schleim abgesperrte Luft nach oben und unten durch
das Blut drängt.
Die ~psychischen Krankheiten~ im engeren Sinne wurden von
psychischen Begleiterscheinungen, z. B. fieberhaften Affektionen,
nicht getrennt und gemeinhin von Fehlern der Kardinalsäfte abgeleitet,
wie schon der Name Melancholie verrät. Außer dieser gedenken die
Hippokratiker des puerperalen Irreseins, des Deliriums der Phthisiker,
der Schwermut bei Chlorotischen etc. Die Behandlung war gegen die
humoralen Störungen gerichtet, direkt (Helleborus gegen Melancholie)
oder indirekt durch Diät, Gymnastik. Von der ätiologischen Bedeutung
der Erblichkeit ist nichts gesagt.
Der Begriff konstitutioneller Krankheiten fehlt in der
hippokratischen Medizin, so wurden z. B. Skrofelgeschwülste
beschrieben, aber zur Erkenntnis derselben als Teilerscheinung
eines Allgemeinleidens drang man nicht vor. Eine dunkle Ahnung vom
Krankheitsprozeß findet sich in der Auffassung der ~Wassersucht~, die
auf vielerlei Ursachen, z. B. auf Leber- und Milzleiden zurückgeführt
wird. Als Arten der Wassersucht werden „Hydrops“ schlechthin
(Ascites), Oedem und Anasarka unterschieden. Die Paracentese wird
durch einen Einschnitt neben dem Nabel oder in der Seite ausgeführt.
Ueber die Deutung der von den Hippokratikern beschriebenen
Hautkrankheiten, Geschwüre und Geschwülste, bezw. der reichhaltigen
Terminologie, die sich bis heute erhalten hat, herrscht bei den
Forschern noch größter Zwiespalt. Von Parasiten waren Bandwürmer,
Spulwürmer und Askariden bekannt.
Besonders hervorzuheben sind manche Beschreibungen der Affektionen
des ~uropoetischen Systems~, der Cystitis, Lithiasis, Pyelitis,
Nierenentzündung, akuter und chronischer Nierenabszesse. Auf
die Untersuchung des Harns auf Geruch, Farbe, Niederschläge etc.
wurde viel Gewicht gelegt. Unter den Krankheiten der ~männlichen
Geschlechtsorgane~ beschrieb man metastatische Hodengeschwülste,
Hydrocele, Geschwüre und Feigwarzen am Präputium, möglicherweise an
einer Stelle (Aph. VII, 57) den Tripper.
Nicht minder als die innere Medizin steht auch die ~Chirurgie~ der
Hippokratiker auf einem überraschend hohen Standpunkt, der nur als
Endergebnis einer langen Entwicklung verständlich wird. Nirgends
mehr als auf diesem Gebiete konnte die Sorgfalt der Naturbetrachtung
im Verein mit nüchterner Auffassung Triumphe feiern, soweit nicht
die Mängel der Anatomie der wagemutigen Aktionslust Halt geboten.
Für alle Zeiten mustergültig wurde namentlich die Diagnostik und
Therapie der Erkrankungen oder Verletzungen des Knochensystems, die
rationelle Wundbehandlung, bei der sich bereits Ahnungen der Antiseptik
entdecken lassen, und die Verbandkunst (mitra Hippocratis!), welche
Zweckmäßigkeit mit Schönheitssinn zu vereinigen verstand.
Die Diagnostik und Behandlung der Luxationen und Frakturen, ganz
besonders auch die Lehre von den Kopfverletzungen ist in den
hippokratischen Schriften de articulis, de fracturis, de capitis
vulneribus geradezu meisterhaft dargestellt und stützt sich auf
zureichende Kenntnis des menschlichen Skeletts, auf reichhaltigste
Erfahrung, zu welcher die in Gymnasien und Athletenschulen so häufig
vorkommenden Verletzungen die günstigste Gelegenheit boten. Mit
bewundernswerter Kühnheit wagten die Chirurgen die Trepanation,
Thorakocentese, die Paracentese der Bauchhöhle, die Nephrotomie
bei Nierenabszeß und solche Operationen vorzunehmen, welche, wie
die Resektion, die Operation der Polypen, der Hämorrhoiden, der
Mastdarmfistel, entweder keinen erheblichen Blutverlust verursachen
oder sich in unblutiger Weise ausführen lassen. Die Exstirpation
größerer Geschwülste und, was besonders auffällt, die Amputation im
eigentlichen Sinne konnten die Hippokratiker deshalb nicht ausführen,
weil das wichtigste aller blutstillenden Mittel, die Gefäßligatur, noch
unbekannt war (nur bei Gangrän der Extremitäten, und zwar unterhalb der
Demarkationslinie des Brandigen schritt man zur Absetzung der Glieder).
Zur Blutstillung dienten, abgesehen von verschiedenen Stypticis,
Hochlagerung und Kompression, Kälte, Tamponade und Verband, seltener
das Glüheisen.
In der Behandlung der chirurgischen Affektionen kamen außer der
Purgation, Venäsektion und Diät eine Menge von Arzneistoffen (in Form
von Salben, Pflastern, Kataplasmen, Aetzmitteln), lokale Kälte (Eis,
Schnee, Uebergießungen) und Wärme bei entsprechender Lagerung des
Körperteils, Verbände (ein- und zweiköpfige Binden), die Kauterisation,
Moxen, das Schröpfen, die Skarifikation und verschiedenartige
Apparate (Hohlschienen, orthopädische Schuhe etc.) zur Anwendung.
Die Schriften de medico und de officina medici, worin eingehendste
Vorschriften über die Lagerung des Patienten, die Stellung des Arztes,
Beschaffenheit der Nägel, über die Obliegenheiten der Gehilfen, die
Regulierung des Lichtes, die kunstgerechte Anlegung von Verbänden,
Kompressen, Schienen u. s. w. mitgeteilt sind, gewähren darüber
Aufklärung, wie reich das Instrumentarium war, das die Hippokratiker
mit Sorgfalt und Umsicht gebrauchten. Dahin gehörten Schwämme,
Schröpfköpfe (aus Horn, Glas, Bronze), Glüheisen (sondenartig, mit
einer am Ende befindlichen Abplattung), Sonden, Spatel verschiedener
Art, Haken, Nadeln, Lanzetten, Bisturis, das Raspatorium, Kronen- und
Perforativtrepan, Kanülen in Verbindung mit Tierblasen (statt der
Spritzen, um Injektionen von Flüssigkeiten oder Luft in eine Höhle
zu machen), gebogene Katheter, Mastdarmspiegel, Geißfuß, Zahnzange,
Zäpfchenzange; statt der metallenen Glüheisen verwendete man auch
ähnlich geformte hölzerne Instrumente oder in heißes Oel getauchte
Schwämme; als Klistierspritze diente die Harnblase eines Tieres, welche
mit einem Federkiel als Ansatz versehen wurde. Bei der Untersuchung
benützte man Sonden (aus Blei, Zinn oder Erz), den Mastdarmspiegel,
die hohlen Stengel des Knoblauchs (um die Tiefe von Fisteln zu messen).
Als Mangel an Geschicklichkeit in chirurgischen Dingen wird es
bezeichnet (de morbis I, 6), „... wenn man nicht merkt, daß Eiter in
einer Wunde oder in einem Abszeß ist; wenn man Brüche und Verrenkungen
nicht erkennt; wenn man beim Sondieren am Kopfe nicht erkennt, ob der
Knochen gebrochen ist; wenn man nicht dahin gelangt, den Katheter in
die Blase zu führen; wenn man das Vorhandensein eines Steines in der
Blase nicht erkennt; wenn man bei der Sukkussion nicht merkt, daß ein
Empyem besteht; wenn man sich beim Schneiden und Brennen in der Tiefe
und Länge versieht oder wenn man da brennt und schneidet, wo es nicht
nötig ist“.